Leseprobe
aus Hans-Tönjes Redenius: Anmerkungen eines mittelmäßigen Christen.
Heilende Kräfte
Seit die Menschen sich anmaßen, alles irgendwie und irgendwann in den Griff zu bekommen, gehen sie davon aus, daß Krankheit nur noch eine auf Zeit beschränkte Erscheinung ist. Zumindest so lange sie sich Krankheit vom Leib halten können, glauben sie, daß die Wissenschaft bald auch die letzten Rätsel des Krankwerdens, lösen können wird. In der Tat – der Siegeszug der Medizin scheint unaufhaltsam. Immer mehr Formen bösartiger Tumore und andere Krankheitserreger können heute erfolgreich bekämpft werden.
Aber ist das wirklich die Straße des Sieges? Vermutlich nicht! Das Spektrum, die Komplexität und die Vielzahl von Krankheiten wächst neben den Erfolgen im Quadrat. Zunehmend werden nicht nur die Organe, sondern auch die Seele krank. Immer mehr junge Erwachsene und Kinder leiden an kaum definierbaren Krankheiten sowie an unterschiedlichsten Süchten. Sie scheinen den Herausforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen zu sein. Auf der anderen Seite stehen ihnen Eltern, Lehrer und Verantwortungsträger hilflos gegenüber.
Diese Situation müßte sie eigentlich zwingen, neu darüber nachzudenken, was Krankheit ist und mit welchen Kräften ihr begegnet werden kann und muß.
Die Heilige Schrift, die Bibel, eröffnet solchen Überlegungen eine Dimension, die beinahe in Vergessenheit geraten ist: Krankheit – ob Körper, Seele oder Geist betroffen sind, spielt dabei keine Rolle – sie haben eine religiöse Dimension! Krankheit ist danach sinnfälligster Aus– druck von Vergänglichkeit. Sie ist ein hervorstechendes Merkmal irdischer Begrenztheit.
Die Bibel stellt die Zeit unter die Ewigkeit. Das bedeutet für den Glaubenden die Erkenntnis, daß Krankheit erst in der Ewigkeit besiegt sein wird. Das Leben vollendet sich also in Ewigkeit, nie in einem noch so reichen oder spektakulären Lebenslauf. Wer krank ist, erfährt seine Sterblichkeit, seine Vergänglichkeit in besonderer Dichte.
Je mehr diese Dimension der Krankheit in Vergessenheit gerät oder verdrängt wird, um so schwerer wird es, mit ihr zu leben, sie einzuordnen oder mit ihr fertig zu werden. So stellt sich das Problem Krankheit heute dar.
Hat Krankheit aber eine religiöse Dimension, muß auch die Heilung einen Anteil an ihr haben! Die Bibel weist im Neuen Testament (Jakobus 5) sehr deutlich auf diesen Zusammenhang hin. Sie fordert die Verantwortlichen der Gemeinschaft auf, über den Kranken zu beten. Doch wo geschieht das noch? Wenn überhaupt, versuchen sich Sektierer und andere Lebensverbesserer daran.
Das Gebet über und mit dem Kranken macht das Bemühen um Heilung und das Forschen der Medizin durchaus nicht überflüssig, aber die Wissenschaft kann die heilenden Kräfte der Ewigkeit nicht bewegen. Rationalität und logisches Denken sind gute Gaben Gottes, freilich an die Ewigkeit vermögen sie nicht zu rühren. Das allein ist den Betern vorbehalten.
Mehltau auf der Religion
„Kirche und ihre Gottesdienste geben mir nichts!“ „Kirche?“ – „Schmarotzer!“ „Religion?“ – „Dafür ist mir meine Zeit zu schade!“ „Der Pfarrer hat sowieso nie Zeit!“ „Die Kirchen sind weltfremd, meistens wollen auch die nur mein Geld!“ „Sollen die Herren Pfarrer und Diakone doch erst einmal ihre eigenen Spendennachweise auf den Tisch legen!“ „Kirche – um Himmels willen – ist nur ein überflüssiger Wasserkopf in unserer Gesellschaft!“ „Manches, was die Kirchen sagen, mag richtig sein, aber das gilt hin und wieder sogar für Politiker!“ „Kirche?“ „Die sollte sich auf ihren biblischen Auftrag besinnen und sich aus sozialpolitischer Konkurrenz heraushalten. Da geht es nämlich um Geld und eben deshalb der Kirche schon bald die Puste aus!“
Die Reihe der Klagen und Anklagen gegenüber den Kirchen und der Religion ließe sich beliebig fortsetzen, ohne daß dabei etwas oder anderes herauskäme. Tatsache ist, daß die Mehrheit unserer Zeitgenossen das Institut Kirche für einen überflüssigen Kropf halten und ihr immer häufiger den Rücken kehren. Und das oft sogar ohne den – wie immer auch zu beschreibenden – Glauben an Gott aufzugeben.
Man glaubt auch ohne Kirche an einen Gott. Die unterschiedlichsten christlichen und esoterischen Angebote werden stetig größer, sind nicht selten verlockender und meistens angenehm unverbindlich.
Durchweg sind die Klagen und Anklagen berechtigt. Die großen Kirchen tun sich in der heutigen Gesellschaft schwer, aber sie haben es auch schwerer.
Trotzdem hüten die christlichen Kirchen immer noch einen unvergleichlichen Schatz: den Schatz wahren und erfüllten Lebens!
Die Sehnsucht nach gelingendem und erfülltem Leben ist und bleibt ungebrochen. Sie wird nicht durch Systemkritik erfüllt, auch nicht durch anklagendes Desinteresse, sondern durch verbindliches Suchen und nicht nachlassendes Fragen.
In den Kirchen gibt es durchaus Menschen und Pfarrer, die ihren Auftrag aus einer persönlichen Glaubens– und Gotteserfahrung ableiten. Sie sind keine Übermenschen. Was sie sagen, predigen und antworten ist auch nur richtig, schlicht oder einfach. So einfach wie die frohe Botschaft selbst: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude!“
Hinter dieser einfältigen, aber gewaltigen Wahrheit wird das offensichtliche Unvermögen der Kirche, die Welt samt ihren unbegründeten Eitelkeiten zu verändern, schnell verblassen.
Wer die Frage nach Gott, nach Wahrheit und nach Leben ernst meint, sollte den Mehltau abschütteln und sich aufmachen, den großen Schatz heben zu wollen. Gibt es in der Ortsgemeinde, oder der eigenen Pfarrei keine Spuren, lassen sich solche sicher in der unmittelbaren Nachbarschaft oder Nachbargemeinde finden. Das Suchen könnte sogar Feier– und Sonntage zu Zeiten aufregender, aber erfolgreicher Abenteuer werden lassen!
Wo die Zeit hinläuft
Wer mit offenen Augen durch die Geschäftsstraßen der Städte schlendert, dem wird ein auffallend reiches Angebot an Tannen–, Blumen– und Moosgebinden vor Floristikläden, Gärtnereien und Supermärkten nicht entgangen sein. Der Grund dafür ist entweder Allerheiligen oder der Ewigkeitssonntag. Tage des Ahnenkultes und Totengedenkens.
Mit den grünen Gebinden beginnt auf den Friedhöfen eine eher hektische Zeit. Die Grabstätten werden von Unkraut befreit, mit Tannengrün bedeckt und mit liebevoll gestalteten Mooskissen oder Blumensträußen geschmückt. Die weniger der christlichen Tradition verhafteten Zeitgenossen nennen solche Tage auch gern Totensonntage. Ein Begriff den die Nationalsozialisten einst leider bevorzugten.
Die einen ehren am Grab ihre im Himmel weilenden Angehörigen, die anderen erinnern sich ihrer Toten durch stilles Gedenken. Was sie miteinander verbindet, ist die Trauer über die Trennung von geliebten Menschen durch den in ihr Leben eingebrochenen Tod.
Tod ist der sinnenfälligste Ausdruck von Zeit. Zeit wiederum ist unmißverständlicher Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Seienden. Wer kennt nicht Wilhelm Buschs einleuchtendes und ernüchterndes Fazit über das Leben:
„Eins, zwei, drei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit.“
Einleuchtend ist wohl, daß das Leben nur seine Zeit hat, aber mit dem Hinnehmen dieser Wahrheit tut sich der Mensch schwer. Da ist der Wunsch, der Zeit zu entfliehen, die Angst, sie könnte ihn einholen oder die Furcht, sie zu verpassen und das Leben zu verfehlen.
Das und anderes wohnt auch in der Trauer. In ihr lebt ein tiefes Geheimnis: Der Wunsch nämlich, die Zeit in Ewigkeit überdauern zu können – also Vergänglichkeit und Zeitlichkeit irgendwie ein für alle mal hinter sich lassen zu dürfen.
Wie das berühmte Kaninchen vor der bösen Schlange hocken manche Mitmenschen vor der Zeit. Sie suchen einen Absprung oder wenigstens das Ziel der Zeit zu ergründen.
Wohin die Zeit auch läuft, niemand vermag ihr Ziel zu erforschen. Sie wird sich jedenfalls nicht – wie manche meinen – in Ewigkeit verlieren; denn Ewigkeit ist längst Gegenwart, weil des ewigen Gottes Liebe durch Christus, den Weltenheiland, in der Zeit schon jetzt gegenwärtig ist. Deswegen will Gottes Liebe nicht die Trauer, die Vergänglichkeit beweint, sondern Tränen, in denen lebendige Hoffnung aufleuchtet.
Entsorgte Zukunft
Seit Jahrhunderten bewährte Werte und Normen menschlichen Daseins und Zusammenlebens stehen nicht mehr nur auf dem Prüfstand, sie geraten zunehmend in Vergessenheit. Die Folgen sind Sinnfrustration, fehlende Ideale, mangelnde Verbindlichkeit und Menschen, die bereit sind, sich zu Anwälten lohnenden Lebens zu machen.
Es sind vor allem junge Menschen, die das spüren und ausbaden müssen. In Zeiten ungefährdeten Wohlstands für alle war es noch möglich, der Sinnleere vordergründig zu entgehen, indem man sich in Freizeitaktivitäten, Konsum und je nach Geldbeutel und Bildung in abenteuerliche oder dümmliche Extravaganzen verlor und sich mit ihnen betäubte. Plötzlich ist das anders geworden. Fast über Nacht fehlt einer ständig größer werdenden Bevölkerungsschicht dafür das nötige Geld. Das, was grundrechtlich verbrieft ist – nämlich Arbeit und Lohn – ist in ausreichendem Maß für alle nicht mehr vorhanden. Der Mangel an Geld wird begleitet durch ein Zuviel an Zeit. Nicht einmal das zunehmend stumpfsinniger werdende Fernsehprogramm kann in der Regel die im Übermaß vorhandene Zeit noch totschlagen.
Der Sinnabgrund ist offensichtlich und damit die Klage nach sinnvollem, gelingendem Leben in kaum auszuhaltender Penetranz in fast allen Lebensbereichen gegenwärtig. Werte und Ideale haben sich zu Idolen verflüchtigt und kaum einer merkt, daß so von der Mehrheit der Aktiven wie der Passiven unbemerkt die Zukunft – vor allem junger Menschen – entsorgt wird.
Die Lust auf Leben schwindet! Schon Antoine de Saint Exupèry schrieb in seinem Brief an einen General:
„Ach es gibt nur ein Problem, ein einziges in der Welt. Wie kann man den Menschen eine geistige Bedeutung, eine geistige Unruhe wiedergeben; etwas auf sie herniedertauen lassen, was einem Gregorianischen Gesang gleicht! ... Sehn Sie, man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr!“
Vielleicht hat die neue Unlust auf Leben und die erkennbare Leere aber auch eine positive Seite, nämlich die, den Sinn des Lebens wieder in Werten zu suchen, die zeitlos und nicht manipulierbar sind.
Ein Sonntag im Kirchenjahr heißt Rogate, bittet! Er will Mut machen, das Gespräch mit dem Urgrund allen Lebens, Gott, aufzunehmen. Der Philosoph Kierkegaard war der Meinung, daß aller Verzweiflung und aller Angst ein Zwang zum Gespräch mit Gott innewohnt. Wenn das wahr ist, ließe sich solche Leere nutzen und Gottes Verheißungen auf den Prüfstand stellen. „Bittet!“
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