Leseprobe

aus Allan Oslo: Als das Abendland im Orient lag.
Eine Kulturgeschichte Europas in der Antike
19. Als der Hellenismus eine neue Welt erschuf

Alexandros regierte das größte Weltreich aller Zeiten, jedoch nicht als Makedone, sondern als Perser; somit erstreckte sich seine Herrschaft über ein Perser–Weltreich und nicht ein Alexanderreich, makedonisches oder gar hellenisches Weltreich. Es gehört zur Tragik dieser genialen Figur, dass diese Tatsache von den antiken Autoren nicht begriffen wurde.
Man stritt sich um seine Nachfolge, wobei man unterscheiden müsste, als was: als Gottkönig von Makedonien samt hellenischer Besitzungen, als Gottkaiser von Ägypten (pharao) samt Westseite der Arabischen Halbinsel und Südsyrien, als Gottkaiser des Perserreichs (kurusch) samt Ostseite der Arabischen Halbinsel am Persischen Golf oder als Weltenherrscher. Dementsprechend entstanden nach den Machtkämpfen unter seinen Nachfolgern (griechisch diadochoi) durch die Reichsordnung von Triparadeisos in Syrien 321 drei markante Teile dieses Weltreichs: das alte Perserreich unter Seleukos (seit 323 als Chiliarchos Inhaber des Veziramtes für das Reich [Kanzler]), das alte Pharaonenreich unter Ptolemaios (Somatophylax „Generaladjutant“ und Freund des Alexandros) und die europäische Hellenenwelt (Makedonien, Thrakien, Thessalien, Epeiros, Hellas und die ionischen Stadtstaaten an der Westküste Kleinasiens) unter Lysimachos. Dabei gab man sich den Anschein, lediglich als Vormund und Statthalter für die Thronfolger des Alexandros zu regieren: seinen Halbbruder Arridaios unter dem Namen Philippos III., seinen nachgeborenen Sohn mit Roxane unter dem Namen Alexandros IV. und seinen Sohn mit Barsine, Herakles. Aber nicht für lange: die schwangere Stateira wurde bereits kurz nach Alexandros’ Tod noch 323 in Babylon, Philinna und ihr Sohn Philippos III. 317, Roxane und ihr Sohn Alexandros IV. 310 in Amphipolis und Barsine und ihr Sohn Herakles 309 in Pergamon ermordet.

Der Hellenismus
Für die Zeit seit dem Tode Alexandros’ bis zur römischen Herrschaft im östlichen Mittelmeer wird allgemein ein Begriff verwendet, von dem niemand genau weiß, was er einschließt – Hellenismus. Gewiss, mit dem berühmten Makedonen griff Europa erstmalig nach dem Orient, dennoch war diese Epoche keine hellenische, denn Hellas blieb bis 146 v.Z. von den Makedonen besetzt. Das Hellenentum bezeichnete zur Zeit des Alexandros die Welt der Hellenen, denn es gab für sie Hellenen und Barbaren (aus Griechisch barbaros „Laller, Stammler, unverständlich redend“ als Bezeichnung für „Nichthellene, Ausländer“, was bereits Thessaler, Epeirer, Thraker und Makedonen einschloss), wobei Hellenismus den Gebrauch der ionischen Gemeinsprache bedeutete, wiederum unterteilt in Attikismus (für die „reine“ ionische Sprache in Attika) und Asianismus (für die ionische Sprache in Ionien an der Westküste Kleinasiens). Die Überstrapazierung dieses Begriffs und dessen Ausweitung, um die Kulturepoche zu bezeichnen, „in der das Hellenentum in die östlichen Länder eindrang und sich eine starke Vermischung hellenischen und orientalischen Wesens vollzog“, geht auf den deutschen Geschichtsforscher Johann Gustav Droysen zurück, der 1836 in seiner Geschichte des Hellenismus den neuen Begriff prägte.
Mit diesem Begriff lag Droysen jedoch völlig daneben: Selbst wenn man im ursprünglichen Sinne von dem Gebrauch der hellenischen Sprache ausgeht, so sprach der Orient nicht Ionisch sondern Koinē (griechisch „die allgemeine“), eine Art „Kolonialgriechisch“. Damit konnte die allgemeine Aussprache samt Mischwortschatz nicht die hellenische Kultur darstellen. Es ist unbestritten, dass seit Alexandros die Welt gräkisiert wurde, dass ein Kultursynkretismus stattfand; doch zum Synkretismus gehört geben und nehmen, nicht einseitige Berieselung etwa wie bei der britischen Herrschaft in Indien. Der Hellenismus bestand aus makedonischer Herrschaft, griechischer Sprache und altorientalischer Hochkultur. Dadurch wurde er unweigerlich zum Schmelztiegel aller Religionen, Philosophien und Weisheiten der alten Welt. Diese Vermischung können wir am Beispiel Ägyptens bestens darstellen:
Durch die Reichsordnung auf dem Konzil zu Babylon, eine Woche nach dem Tode Alexandros’ des Großen, wurde der dreiundvierzigjährige Jugendfreund, Feldherr, persönliche Leibwächter und Admiral (trierarchos) der makedonischen Flotte, Ptolemaios, Satrap von Ägypten, mit den benachbarten libyschen und arabischen Gebieten in Westarabien einschließlich Phoinikien (das eigentliche Pharaonenreich), und zog in die fertig gestellte Neustadt vor der Küste (Neapolis vor Ägypten, das spätere Alexandreia) ein. In den vergangenen acht Jahren hatte der Hellene aus Naukratis Kleomenes als Statthalter des pharao Alexandros das Steuer– und Münzwesen des Landes sowie den Bau der Neustadt vor der Küste geleitet und hatte im Auftrage seines Herrn zwei Tempel – in der Neustadt und auf der Insel Pharos – zu Ehren des im Oktober 324 in Hamadan verstorbenen Hephaistion bauen lassen. Nun wurde er Ptolemaios unterstellt. Ptolemaios’ Heer bestand zunächst aus nur 4.000 Mann. Ptolemaios war zehn Jahre älter als Alexandros und hatte ihn sein Leben lang begleitet. Er war mit ihm Schüler des Aristoteles, ging mit ihm ins Exil nach Illyrien und kannte die Vorstellungen seines Freundes in Bezug auf das Weltreich sehr genau: Er hatte die Heirat mit der „Gottesgemahlin des Amun“ und die Krönung zum pharao miterlebt und deren Bedeutung begriffen. Alexandros’ Halbbruder, als Philippos III. vom makedonischen Heer zum König und Nachfolger ausgerufen, war in Ägypten unbekannt und nicht gekrönt; zwar wurde er später in der Tabelle der Herrscher bei Manethon mit aufgeführt, aber das wurden auch die persischen Herrscher nach der Wiedereroberung Ägyptens im Jahre 343. Auch sie waren nicht zum pharao gekrönt worden. So herrschte Ptolemaios als Besatzer, nicht als Statthalter eines lebenden pharao.

Alexandros, der Sohn Gottes
Es sei denn, er regierte im Namen des Gottes Alexandros! Dafür wusste sein ägyptischer Berater, der Hohepriester des Onuris (Luftgott, von den Hellenen Ares gleichgesetzt) in der bisherigen Hauptstadt Sebennytos, der inzwischen in die neue Hauptstadt übergeführt worden war, guten Rat: Jetzt wurde überliefert, Alexandros sei im Gegensatz zu früheren Gottkaisern der ewige pharao, der im Verborgenen das Land am Nil regiere, da er von Amun–Rê selbst gezeugt worden sei, indem er sich seiner Mutter, Königin Olympias, in der Gestalt ihres Gemahls Philippos II. genähert habe. Diese Vorstellung hatte ein Vorbild: Von der Gottkaiserin Hatschepsut, die als pharao 1478–1458 regierte, wurde überliefert, dass der Gott der Götter Amun–Rê sie gezeugt habe, indem er sich ihrer Mutter, Königin Ahmose, in der Gestalt ihres Gemahls Thutmosis I. genähert habe. Ptolemaios erklärte Alexandros zum Gott, ließ den Leichnam des pharao von Babylon nach Memphis überführen, ließ ihm in der neuen Hauptstadt im Regierungsviertel Brucheion einen Tempel mit Grabmal errichten und taufte die neue Hauptstadt auf den Namen Alexandreia. Ägypten wurde also weiterhin von Alexandros, dem rechtmäßigen Kaiser und Gott, regiert. Diese Vorstellung war Olympias, Alexandros’ Mutter, sehr recht, und sie ließ in Makedonien verbreiten, er sei für dieses Amt von Geburt an bestimmt gewesen, da Zeus selbst ihn gezeugt hatte, indem er sich seiner Mutter Olyrnpias in der Gestalt ihres Gemahls Philippos II. von Makedonien näherte. Der Orient und seine geistige Welt fing an, sich Makedoniens zu bemächtigen. Bereits vor dem Tode Alexandros’ unterlag die bei den Hellenen als pädagogisch wertvoll angesehene Knabenliebe (Päderastie; zum Beispiel in Platons Gastmahl) unter orientalischem Einfluss einem moralischen Verfall.
Alexandreia hatte ein eigenes Stadtrecht, das makedonische Recht herrschte hier als Bundesrecht vor. Man datierte nach dem makedonischen Kalender. Es fanden sich darin Makedonen und Hellenen zum Teil mit Bürgerrecht, daneben „farbige Eingeborene“, sprich Ägypter ohne makedonisches Bürgerrecht. Die hellenisch–makedonische Lebensweise in der Stadt verschmolz mit der ägyptischen zu einem eigenen alexandrinischen Stil. Als Metropole beherbergte die Stadt bald Bevölkerungsgruppen aus allen Teilen des Reiches, ja, des Mittelmeerraums, so auch aus Judaia, Phoinikien, Unteritalien. Nach dem geltenden Verwaltungsrecht der altorientalischen Großreiche wurde jede Volksgruppe bzw. Kultgemeinde von ihrem Vorsteher und nach deren Brauchtum verwaltet; er haftete dem Herrscher für das Wohlverhalten seiner Gemeinde und herrschte autonom, unbehelligt von der Zentralverwaltung. Um dies alles zu erreichen, mussten die Gemeinden einen Freibrief des Herrschers erhalten, der sie als selbständige Gemeinde anerkennt; nur verbriefte Gemeinden und Gruppen genossen diesen Schutz. Jede Gemeinde musste daher den entsprechenden Antrag stellen. Das hatte zur Folge, dass der Kult vereinheitlicht und das Brauchtum offen gelegt werden musste. Um dies überprüfen zu können, musste es in der Amtssprache erfolgen. War das bei den Persern das Aramäische, so führten die Makedonen das Griechische als Amtssprache ein. Und um gutes Griechisch in den Amtsstuben zu sichern, wurde ein Heer von Hellenen aus Athen und Attika beschäftigt. Nach und nach wurden die Unterlagen der Kultgemeinden ins Griechische übersetzt und den Anträgen als Anlage beigefügt.
Nach Ermordung aller Nachkommen Alexandros’ gab es keinen Grund mehr für die Herrschaft von Statthaltern/Satrapen. Seleukos, der während der Machtkämpfe 316 bei Ptolemaios in Alexandreia Zuflucht gefunden hatte – wohin sich der Mittelpunkt der griechischen Wissenschaft verlagert hatte; er brachte seinen Hofastrologen aus Babylon mit –‚ kehrte 312 nach Babylon zurück und übernahm endgültig die Herrschaft im östlichen Teil des Weltreichs. Mit der Einnahme Babylons am 1. Dios (7. Oktober) 312 des makedonischen und 1. Nisan (3. April) 311 des babylonischen Kalenders begann die Seleukidische Ära (Ptolemaios III. ließ nachträglich die Ptolemäische Ära 311 beginnen). 311 gründete Seleukos östlich von Babylon seine neue Hauptstadt (Neapolis am Tigris, später nach ihm Seleukeia genannt), feierte 305/04 die „Heilige Hochzeit“ und wurde zum kurusch, Ptolemaios heiratete 305 die „Gottesgemahlin des Amun“ und wurde zum pharao gekrönt. Beide führten den griechischen Titel basileus als Gottkaiser, nachdem Seleukos 304 von den übrigen Teilstaaten des Alexandrosreichs als solcher anerkannt wurde. 301 gewann er durch den Sieg bei Ipsos Syrien ohne Phoinikien und Philistien. Wegen des Zugangs zum Mittelmeer gründete er 300 Neapolis in Pieria (später Seleukeia genannt) und als neue Hauptstadt und zweite Hochburg des Hellenismus nach Alexandreia Neapolis am Orontes (später Antiocheia nach seinem Vater genannt) sowie eine weitere Neustadt am Orontes (später Apameia nach seiner Gemahlin genannt). Lysimachos verlegte 297 Ephesos – es lag inzwischen landeinwärts, da der Meeresspiegel gesunken war – an die Westküste Kleinasiens, nannte die Neustadt Arsinoeia (nach seiner Frau) und überführte dorthin die Bewohner von Lebedos und Kolophon. So lagen alle drei Hauptstädte der Teilreiche an der Küste des Mittelmeers. Ptolemaios war seit 324 mit Artakama, seit 321 mit Eurydike und seit etwa 317 mit der Witwe Bersenike verheiratet, die ihm 316 Arsinoe und 308 Ptolemaios geboren hatte. 304 erhielt er göttliche Ehren als Soter („Retter“) für die dem belagerten Rhodos gewährte Hilfe (im Herrscherkult aber erst unter Pto1emaios II. Philadelphos um 279). 301 führte er den Alexandroskult in ganz Ägypten ein, mit sich als Hohepriester. 290 machte Ptolemaios seine Gattin Berenike zur Kaiserin von Ägypten.Seleukos war seit 324 mit Apama, der Tochter des Spitamenes, Satrap von Baktrien, verheiratet; 298 heiratete er Stratonike, Tochter des Demetrios (der 307 Athen eroberte, wo er mit seinem Vater Antigonos als Theoi Soteres [„Erlöser, Retter, Heiland“] gefeiert wurde, und 306 nach dem Seesieg bei Salamis auf Zypern über die ägyptische Flotte Mitregent mit dem Königstitel wurde), trat sie jedoch 293 seinem Sohn Antiochos ab, den er 294 zum Statthalter der oberen Satrapien und 293 zum Mitregenten für das Reichsgebiet östlich des Euphrats erhob. Unter dem kurusch/basileus Seleukos, dem „zweiten conditor imperii Macedonici“ nach Alexandros, hatte das Reich den größten Umfang mit ca. 3,5 Millionen qkm (Iran, Zweistromland, Nordsyrien, West– und Südkleinasien). Mit Massen von Makedonen und Hellenen gründete er zahlreiche freie Städte (später erhielten sie makedonische Namen). Diese sowie Feudalherren und Tempelterritorien hatten Privilegien und waren von Steuern und Zollabgaben befreit. Das übrige Gebiet der Einheimischen und „farbigen Eingeborenen“ war in ca. 25 Satrapien mit Hyparchien und Toparchien eingeteilt. Er begann den Neubau des Orakeltempels des Apollon in Didyma südlich von Miletos und wurde für einen Sohn des Apollon ausgegeben. Göttliche Ehren hatte er zu Lebzeiten in hellenischen Städten (im Herrscherkult erst unter Antiochos III. Megas um 204).

Das Museion von Alexandreia
Museion bezeichnete ursprünglich jede Stätte, an der Musen verehrt wurden. Berghöhen, Haine, Grotten, immer mit Altar, selten mit Tempel ausgestattet, waren so sehr typische Museion, dass Plinius künstliche Grotten als Museion bezeichnete. Die Musen waren der göttliche Ursprung des Singens und Sagens, musiké war wesentlicher Bestandteil der Jugendbildung, später allgemein „Bildung“. Daher hießen die Schulfeste ebenso Museion wie die Opfer beim Musenkult und die Feste der Musen, Platon nannte sogar ein Lehrbuch Museion.
Aus der Verbindung von Museion als Musenheiligtum und als Lehre (Lehrstätte) erklärt sich das Museion der 387 in Athen gegründeten platonischen Akademeia, das Kultstätte und wissenschaftliches Forschungsinstitut in einem war. Als Vorbild hierfür hatte Pythagoras mit seiner Einrichtung in Kroton gedient. Dem Staatsmann und Philosophen Demetrios von Phaleron, der bis 323 Aristoteles hörte und von 317 bis 307 prostates von Athen war, war es zu verdanken, dass dem Peripatos das Grundstück am Lykeion zugewiesen wurde, als Theophrastos Schulhaupt war. Hier wurde ein Musenheiligtum das Zentrum und die Schüler der aristotelischen Lehre Peripatetiker genannt. Sowohl bei Platon als auch bei Aristoteles war gemeinsames Leben und Forschen (sumphilosophein) der Lehrer und Schüler Zweck der genossenschaftlichen Organisation.
Durch Impulse aus dem Osten gründete Zeno von Kition in der Athener stoa poikile (Säulenhalle mit Gemälden) die danach genannte stoische Philosophenschule in Anlehnung an die kynische Sokratik: Naturgemäße Lebenskunst mit vier Haupttugenden (moralische Einsicht, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit), Wirken einer notwendigen und zweckvollen Weltvernunft (logos): Feuer und Luft als Kräfte wirken auf Erde und Wasser als Materie. Unter dem Einfluss der naturnahen kynischen Ethik entstanden eine Reihe utopischer Erzählungen von idealen gesellschaftlichen Zuständen bei fernen Naturvölkern (beispielsweise in Form fingierter Reiseberichte). Unter orientalischem Einfluss wurden in der griechischen Literatur erotische Themen immer stärker bevorzugt; Epikur gründete eine Philosophenschule in Athen, in der er eine Philosophie eines dauerhaften Lebensglücks und atomistisch–materialistischer Naturerkenntnis lehrte. Babylonische Astrologie verbreitete sich in Hellas und wurde hier mit der Lehre von den vier Elementen verbunden. Die hellenische Kunst ging von Vasenmalerei auf die Wandmalerei über und wurde stärker realistisch und profan. Das leitete den Verfall der hellenischen Vasenmalerei ein (nachlässige Malereien, Überladung, Herstellung zum Teil in Formen statt auf der Töpferscheibe). Hegesias von Magnesia begründete in der griechischen Rhetorik den überladenen „asianischen“ Stil nach orientalischem Muster.

Nach Einführung des Alexandroskults in Memphis, wo Alexandros bestattet war, entwickelte Ptolemaios die Göttergestalt des Sarapis (aus dem ägyptischen Osiris–Apis gräkisiert) aus dem Gott der Unterwelt Osiris und dem aus Sinope am Schwarzen Meer stammenden Fruchtbarkeitsgott Pluton, der für Ägypter wie Hellenen zum Reichsgott werden sollte. Dabei wurden von hellenischer Seite Züge des Pluton und des Zeus eingefügt. Um 300 gründete der pharao in Sakkara, wo die Begräbnisstätten der heiligen Stiermumien lagen, das Serapeion als Verehrungsstätte des neuen Reichsgotts. In Hermopolis entstand um diese Zeit das Grab des Petosiris: eine Mischung ägyptischer und hellenischer Stilelemente.
In Alexandreia schrieb bereits Kleitarchos im gezierten („asianischen“) Stil einen unterhaltenden und spannenden Roman der Feldzüge Alexandros’, der zahlreiche spätere Alexanderromane beeinflussen sollte. Epikur leitete in Briefen an Anhänger und berühmte Zeitgenossen Auszüge aus seiner Lehre weiter und wurde damit zum Begründer der philosophischen Briefliteratur. Megasthenes ging als Gesandter des Seleukos I. Nikator an den Hof Tschandraguptas und beschrieb in seiner ausführlichen Indika das Gebiet zwischen Indus und Ganges geographisch und ethnographisch.
Demetrios war auch bei der Gründung des Museion in Alexandreia unter Ptolemaios I. als Ratgeber beteiligt. Er war 307 durch Poliorketes von seiner Stellung vertrieben worden, hatte sich erst nach Theben gewandt, dann nach Alexandreia, wo er die aristotelische Philosophie lehrte und das Vertrauen des pharao gewann. So gehörte er der von diesem eingesetzten Gesetzgebungs–Kommission an. Organisatorisch war das Museion eine synodos unter der Leitung eines vom pharao ernannten Priesters. Die Mitglieder des Museions wurden ebenfalls von ihm ernannt. Diese Rolle des basileus betonte den im Gegensatz zur platonischen Akademie und aristotelischen Peripatos stark monarchisch geprägten Charakter der Institution, in dem sich der Wandel der Umweltbedingungen am deutlichsten manifestierte.
Neben Universalgelehrten wie Eratosthenes, dessen Messung des Erdumfangs Epoche machte, haben Mathematiker und Astronomen wie Konon, Apollonios, Hipparchos, später Sosigenes, Mediziner wie Herophilos und Erasistratos den Ruhm des Museion mitbegründet und auf der traditionellen Höhe gehalten.

Endfassung der Bibel
Auch wenn die makedonisch/hellenischen Neugründungen meist in Küstennähe und an günstigen Knotenpunkten des Handels und der Wirtschaft lagen und die Hellenen allmählich beides monopolisierten, so benötigten sie für alle übrigen Dienstleistungen Handwerker, Landarbeiter und Kommunalkräfte aus den Eingeborenen, die in der Verwaltung und dem Alltag die Brücke zwischen den neuen Herren und den Einheimischen bildeten und die Verständigung gewährleisteten. Man hat sich daran gewöhnt, diese integrierten und teilweise assimilierten Einheimische als Hellenisten zu bezeichnen, um sie von den übrigen Eingeborenen zu unterscheiden. Sie waren auch die ersten, welche hellenisches Gedankengut adaptierten sowie Sitten und Gebräuche annahmen. Um ihre besondere Stellung als Vermittler zwischen denen „da unten“ und denen „da oben“ zu unterstreichen, gaben sie sich „preußischer als die Preußen“ sprich hellenischer als die Hellenen selbst.
In Judaia war Neapolis im heutigen Nordisrael (heute Nablus) die wichtigste Neugründung; Ptolemais im Südzipfel Phoinikiens (heute Akko nördlich von Haifa) wurde zum Hauptstützpunkt dieses Landes; Raphia (ägyptisch Rapihu, heute Rafah) südlich von Gaza kurz vor der ägyptischen Grenze löste Gaza als Endstation der Weihrauchstraße ab; Marisa (hebräisch mārē’šā „Ort auf der Kuppe“) im südwestlichen Judaia wurde zum Hauptort des Hellenismus für die Judäer. Hier, wie bei allen hellenistischen Gründungen, stand ein Alexandros–Tempel. Das Judentum hatte bereits den Antrag auf Anerkennung als Kultgemeinde mit Anspruch auf Autonomie vorbereitet und war dabei, nach den Vorschriften die Kultschriften zu vereinheitlichen. Bei dieser Gelegenheit entlehnte es aus dem Alexandroskult eine neue Auslegung der Stammesgeschichte: Hatte man bis dahin unter hellenischem Einfluss Adam zum Stammvater und ersten Patriarchen gemacht, so wurde nun Eva neu interpretiert. In Gen/l Mose 4,1 erklärt sie bei der Geburt Kains „Einen Mann habe ich durch Gott empfangen“; so wie Alexandros von Gott selbst gezeugt wurde, indem dieser sich seiner Mutter in der Gestalt ihres Gatten Philippos genähert hatte, wurde Kain nicht von Adam, sondern von Gott als Adam gezeugt. (Das soll sich später bei Maria und Joseph in Bezug auf Jesus wiederholen.) Erst jetzt und in dieser Version wurde das Gesetz (hebräisch Thora, katholisch Pentateuch, evangelisch die Fünf Bücher Mose) in die Endfassung gebracht.

Die makedonische Herrschaft
Mit Hilfe ägyptischer und hellenischer Berater versuchte Ptolemaios 287, durch ein Regelwerk sakraler Vorschriften die beiden ansonsten kultisch getrennten Bevölkerungsgruppen der Hellenen und Ägypter in Alexandreia an den Staatsfeierlichkeiten zum Osiris– und Neujahrsfest zusammenzuführen. Im Serapeion von Alexandreia stand eine über 10 m hohe Statue des Serapis, die im Äußeren in seiner sitzenden Haltung und seinem bärtigen Kopf Züge des Zeus trug und auf dem Kopf ein Getreidemaß (Modius) trug, das Unterweltgottheiten zukam. Neben der Kultstätte für Sarapis stand auch das für die Feste zentrale Heiligtum von Apis (als selbständiger Gott) und Isis. Später sollte der pharao als Sarapis–Osiris und seine Gemahlin als Isis verehrt werden. Die rasche Verbreitung der Kulte von Sarapis–Osiris und Isis im Mittelmeerraum lag daran, dass der pharao in den ägyptischen Besitzungen in Kyrene/Libyen, Philistien, Phoinikien, Zypern und der Ägäis entsprechende Tempel errichten ließ.
Die Unterschiede zwischen der Stadt Alexandreia und dem Land, der Chora waren enorm. Die dortige soziale Situation der Einheimischen war nicht einfach, die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen nahmen zu. Die Ägypter lernten 287 neben dem traditionellen Tauschhandel den „Segen“ der Geldwirtschaft kennen. Hier war die Amtssprache Griechisch und, für die einfache Bevölkerung, Demotisch. Die verhältnismäßig geringe Zahl an Makedonen/Hellenen im Landesinnern war Landbesitzer oder saß als Verwaltungsbeamte in den Provinzstädten. Daneben lebte die Masse der Ägypter nach den alten Gesetzen und Regeln ihrer Religion weiter. Das Bürgerrecht in diesem makedonischen Reich besaßen ausschließlich Makedonen und ausgewählte Hellenen; die Ägypter selbst fungierten als „Eingeborene“, die man als billige Arbeitskräfte heranziehen konnte, weshalb Sklavenhaltung in Ägypten so gut wie nicht vorkam.Ein rechtlicher Sonderfall war das Faijum: Hier, wo Amenemhet III. noch immer göttliche Verehrung zuteil wurde, erklärte man das fruchtbare Land zu Kaiserland und besiedelte es mit hellenischen/makedonischen Militärkolonisten. Kaiserliche Finanzbeamte wurden dort zu Großgrundbesitzern, das Land wurde weiterhin von Einheimischen bestellt. Eine rechtliche Sonderstellung hatte auch das sogenannte 12– Meilen–Land („Dodekaschoinos“) südlich von Assuan als Kaiserland. In allen Städten wurden unter Ptolemaios die Tempel gefördert und fast durchweg neu ausgebaut. Er vervielfachte im Interesse der Finanzeinnahmen des Staates die Zahl der Aufstellung von Kultstatuen und kleineren Kapellen. Zu ihrem Unterhalt mussten ägyptische Kultgemeinschaften beitragen, indem die Dienste an der Kultstelle in Zehntagesperioden (Dekaden, der ägyptische Monat bestand aus 30 Tagen zu drei Wochen von je zehn Tagen) eingeteilt und die Anteile von der Staatsverwaltung an ägyptische Familien verkauft wurden. Zu jedem Friedhof gehörten Kultstellen für den staatlichen Festkult beider Volksgruppen mit einem Osireion und einem Tierfriedhof, in dem die zu den tiergestaltigen ägyptischen Schutzgöttern gehörigen heiligen Tiere bestattet wurden.
Den Priestern der ägyptischen Tempel wurde die Durchführung der einheimischen Kulte überlassen; ihre Tempelschulen wurden zu Hütern der Tradition. Vom Kultablauf und vom demotischen Schriftgut wurde das Griechische der Verwaltung konsequent ferngehalten: Andererseits kontrollierte und diktierte die hellenische Verwaltung durch kaiserliche Dekrete im Rahmen der Tempelsynode die Entwicklung. Die Verwaltung der materiellen mit dem Kult verbundenen Güter und das Orakelwesen waren zweisprachig organisiert. Politische Orakel in Alexandreia für Ptolemaios und seine Nachfolger wurden in Demotisch erteilt und niedergeschrieben. Der oberste makedonische/hellenische Verwaltungsbeamte der Region – zunächst war dies der Nomarch, dann der Stratege – war gleichzeitig Oberpriester für die einheimischen Tempel. In den demotischen Schriften der kaiserlichen Schreiber war der Einfluss des Griechischen allmählich evident, insbesondere in der romanhaften Literatur.
Anders als in Athen schoben sich in Alexandreia die rein philologischen Wissenschaften stärker in den Vordergrund. Aber der Ruhm der großen Bibliothekare und Dichter oder Philologen wie Kallimachos, Zenodotos von Ephesos, Apollonios, Aristophanes und Aristarchos kann von der Bedeutung des Museions als mathematisch–naturwissenschaftliche Forschungsstätte von im Altertum unübertroffener Leistungshöhe nicht ablenken. So wurde um 286 die Bibliothek von Alexandreia im Museion gegründet und ihre Leitung dem Zenodotos von Ephesos anvertraut. Dieser veranstaltete die erste kritische Ausgabe der Epen Homers mit der noch heute gültigen Einteilung. Epikur lehrte zu der Zeit. Es gibt zwar Götter, aber sie kümmern sich nicht um den Menschen. Patrokles, der Gesandte des Seleukos in Indien, umfuhr das Kaspische Meer (bis 282; weiter nach Norden drang das Altertum in Asien nicht vor). Demodamos aus Miletos sandte Seleukos über den Iaxartes.
In Anlehnung an altägyptische Gepflogenheiten, machte Ptolemaios 285 seinen dreiundzwanzigjährigen Sohn Ptolemaios II. zum Mitregenten und sorgte dadurch für eine reibungslose Thronbesteigung nach seinem Tode im Winter 283/82. Ptolemaios wird dafür gerühmt, dass er die Außenpolitik durch Heiratsbündnisse gefördert, die zentralisierte Verwaltungs– und Heeresordnung sowie die wirtschaftliche Sonderstellung Ägyptens mit eigenem Münzgeld begründet und durch das Museion und die alexandrinische Bibliothek die Wissenschaft gefördert hatte.
Hier in Alexandreia und durch diese massive Ansammlung von Suchern des Wissens entstand das, was wir Hellenismus nennen. Das Griechische als Amtssprache hellenisierte die ägyptische sowie assyrisch–persische Hochkultur. Seitdem meint man mit Hellenismus die Kultur der hellenisierten Völker und benutzt den ursprünglichen Begriff zweckentfremdet. In Alexandreia verfasste um diese Zeit der Gelehrte Kallimachos von Kyrene seine Dichtungen: Götterhymnen, Liebeselegien, Epigramme in höfisch geistreicher Form. Er war Gegner der Erneuerung des hellenischen Heldenepos durch Apollonios und schrieb insgesamt etwa 800 Bücher, darunter einen Katalog der griechischen Klassiker für die alexandrinische Bibliothek (120 Bücher) und „Denkwürdigkeiten“ (kulturgeschichtlicher Inhalt, u.a. Sammlung von Wundern und Seltsamkeiten) sowie „Die Locke der Berenike“ (Lobgedicht auf die Opferung des Haupthaares durch die ägyptische Kaisergemahlin und seit 290 selbst Kaiserin für die glückliche Heimkehr ihres Gatten). Auch der Dichter Philetas aus Kos schrieb hier seine erotischen Elegien.
Um 280 schrieb Manethon aus Sebennytos, Priester in Heliopolis, für die Makedonen/Hellenen auf Wunsch des Ptolemaios II. Philadelphos (Mitregent des Ptolemaios I. Soter seit 285) das dreibändige Werk Aigyptiaka, eine Geschichte Ägyptens bis zum Ende der 30. Dynastie 343 v.Z. Um 279 entstand der Leuchtturm auf der Insel Pahros vor Alexandreia durch Sostratos von Knidos (angeblich über 100 m hoch, eines der „Sieben Weltwunder“), der im Jahre 1326 durch Erdbeben zusammenstürzte.

Der Kult des lebenden Gottkaisers
Nach dem Tode der Mutter Berenike in 279 sorgte der Sohn Ptolemaios II. dafür, dass sie in den Kult der Theoi Soteres mit ihrem Gemahl Ptolemaios I. verehrt wurde. Münzen mit dem Bild der Theoi Berenike und Ptolemaios wurden geschlagen. In Epeiros und am Roten Meer wurden Städte nach ihr benannt. Der pharao/basileus überführte die Leiche Alexandros’ des Großen von Memphis nach Alexandreia in das fertig gestellte Grabmal (Alexandreion), nachdem er seinen Eltern eine Grabstätte (Ptolemaion) in unmittelbarer Nachbarschaft des Alexandrosgrabes errichtet hatte. Er stiftete 279/78 eine alle vier Jahre wiederkehrende Penteteris in Alexandreia zu Ehren des 283/82 verstorbenen Vaters. Bereits vor 279/78 feierte der Nesiotenbund auf Delos, in Eresos und Methymna auf Lesbos, Kos, Nesos, in Erythrai, Miletos und Rhodos die Ptolemaia für Ptolemaios I. Soter (wo er seit 304 göttliche Ehrung genoss). Deshalb wurde später in Ägypten aus der Peneteteris die Ptolemaia, das periodisch wiederkehrende Fest des Herrscherkultes für Ptolemaios I., Berenike als theoi soteres sowie den jeweils regierenden Ptolemaier.
278 heiratete Ptolemaios II. seine acht Jahre ältere leibliche Schwester Arsinoe. Diese Vollgeschwisterehe wurde in Alexandreia als Zeus–Hera– sowie Osiris–Isis–Geschwisterehe gefeiert und das Herrscherpaar als Theoi philadelphoi verehrt. Von nun an wurde die Göttlichkeit nicht mehr durch die Heirat mit der „Gottesgemahlin des Amun“, sondern durch die Heirat mit Isis selbst (verkörpert durch die Gemahlin des pharao) erlangt. Mit diesem Akt wurde der Kult des lebenden Gottkaisers eingeführt. Das Alexandrosgrab wurde für Jahrhunderte zum religiösen Mittelpunkt der Stadt. (217 fasste Ptolemaios IV. das Ptolemaion und das Alexandreion zu einem Mausoleum für die Mumie des Alexandros und die Urnen der Ptolemaier zusammen.) In Athen gab es seit etwa 224 Ptolemaia zu Ehren des Ptolemaios III., letzte Erwähnung 83 v.Z.
Um 275 erkannte der hellenische Arzt in Alexandreia, Erasistratos, den Zusammenhang zwischen Hirnwindungen und Intelligenz sowie das Fieber als eine Begleiterscheinung der Krankheiten. Er versuchte eine physikalische Erklärung für die Lehre vom Lebensatem (Pneumenlehre). Herophilos begründete in Alexandreia in einem umfassenden Werk die Anatomie, gestützt auf Sektionen von Menschen und Tieren. Er unterschied sensorische und motorische Nerven und förderte die Geburtshilfe, unternahm Krankheitsdiagnose mit Hilfe des Pulses.
275 fiel das ägyptische Heer in Unternubien ein, insbesondere um an das Gold des Wadi Allaqi zu gelangen. Östlich davon gründete Ptolemaios II. die Stadt Berenike Panchrysos („die Allesgoldene“). Das 12–Meilen–Land („Dodekaschoines“), das Kaiserland südlich von Assuan, wurde bis Hierasykaminos 120 km südlich von Assuan zu einer Art Freihandelszone. Dennoch kontrollierten die Ägypter weiterhin dieses Gebiet und damit auch den wieder einsetzenden Abbau des Goldes im Wadi Allaqi. 274 wurde die Schiffsroute entlang des Roten Meeres und der Einfluss in Äthiopien und Arabien ausgebaut. Luxusgüter wie Weihrauch, Gewürze, Stoffe und seltene Tiere kamen nach Alexandreia. 273 trat der pharao mit Rom und Indien in Handelsbeziehungen und tauschte mit ihnen Gesandtschaften aus. Die prunkvolle, wohl dritte Penteteris–Feier 271/70 schildert Kallixeinos: Festzug mit über 6.000 Teilnehmern, Tausenden fremden Tieren und 80.800 Soldaten, Opfer von 2.000 Stieren, Agon und Bewirtung. Nach dem Tode Arsinoes (9. Juli 270) erhielt sie als Thea Philadelphos Tempel, Kult und eine eponyme Kanephore.
Seit der Regierung von Ptolemaios II. war in Alexandreia eine wachsende Ägyptisierung der makedonisch/hellenischen Bevölkerung zu bemerken. Der Königspalast von Alexandreia war Schauplatz höfischer, oft blutiger Intrigen, aber auch ein Hort der Sammlung der alten Überlieferung. Als Audienzsaal für den Gottkaiser wurde im Hellenismus ein rechteckiger, fast quadratischer Raum geschaffen, der durch ein Portal betreten wurde. Der Thron des Gottkaisers stand in einer halbrunden Apsis zwischen zwei Eckzellen. Der Raum wurde durch zwei Säulenreihen dreischiffig geteilt: Durch das Mittelschiff schritten die Besucher zur Audienz, warfen sich vor dem Gottkaiser zu Boden, erhoben sich und verließen den Raum rechts bzw. links durch das Seitenschiff. So hatte die Audienz den Effekt einer Einbahnstraße. Da der Gottkaiser griechisch basileus hieß, wurde der Audienzsaal basilika genannt.
In diese Zeit fiel das dreibändige Werk Babyiloniaka (um 269) des Bēlpriesters und Astrologen Berossos (Antiochos I. Soter, Mitregent des Seleukos I. Nikator seit 293, gewidmet). Berossos war auch der Erfinder des Heliotrops: kleine Schatten werfende Kugeln als Sonnenuhr. Ein weiteres Werk in Griechisch aus dieser Zeit (um 250) erlangte Weltruhm: die Übersetzung der jüdischen Thora/Pentateuchs/Fünf Bücher Mose.
Die Septuaginta
Da Juda/Judaia zum ägyptischen Reich gehörte, beherbergte Alexandreia als Metropole eine ansehnliche Gemeinde von Juden. Auch sie hatten nicht das makedonische Bürgerrecht. Sie pflegten ihre Religion und ihren Ritus in der Synagoge in Hebräisch. Die nächste Generation, solche Menschen, die recht jung dorthin gekommen waren, hatten sich so sehr integriert, dass sie das Hebräische ihrer heiligen Schrift nicht mehr lesen konnten. Zwar sprachen sie mit ihren Eltern Aramäisch und Hebräisch, konnten jedoch diese Sprachen nicht schreiben, da sie nur noch die griechische Schrift kannten. Da behalf man sich mit Umschriften des hebräischen Textes in griechische Buchstaben.
Obwohl das griechische Alphabet genauso wie das Hebräische vom Phoinikisch–Kanaanitischen abstammte, hatten die Hellenen auf Knack– und Gutturallaute der „semitischen“ Sprache, die in der griechischen Sprache nicht vorkamen, verzichtet und deren „semitischen“ Konsonantenzeichen ’aleph, he, yod, ‘ayin und waw für die griechischen Vokale alpha, epsilon, iota, omicron und upsilon entlehnt. So hatte man bei der Umsetzung des Hebräischen in griechische Buchstaben in Alexandreia seine Probleme mit der Wiedergabe der „semitischen“ Knack– und Gutturallaute, was unwillkürlich zu abweichender Aussprache führen musste (ähnlich wie die Umsetzung des Türkischen in lateinische Buchstaben nach dem Ersten Weltkrieg). Die dritte Generation, die im Lande Geborenen, konnten das Hebräische weder lesen noch verstehen.
Nicht deshalb, sondern in Erfüllung der Vorschriften für die Anerkennung der Juden als Kultgemeinde mit Autonomie, übersetzte man in Alexandreia von 280 bis etwa 247 die Schriften des Tanak (Die Juden bezeichnen die Sammlung ihrer heiligen Schriften mit diesem Akronym, bestehend aus den Anfangsbuchstaben von tora, nebi’im und ketubim; die Bezeichnung Bibel ist christlich.) ins Griechische. Inzwischen hatte die Gemeinde jedoch keinen Kontakt mehr zu Judaia und wusste nicht mehr, wie das konsonantische Gerippe eigentlich ausgesprochen wurde. Die Aussprache des Hebräischen hatte sich zudem unter griechischem Einfluss geschliffen, so dass man manchmal b als v und f/ph als p aussprach. Das k am Schluss eines Wortes wurde zu ch, wie man im Deutschen statt billig billich spricht und im Schweizerischen statt Bank Bankch. Außerdem fand man häufig für „semitische“ Begriffe keine Entsprechungen im Griechischen. Aus dem ursprünglichen Akronym TaNaK wurde TeNaCH, aus ’uRuK für die sumerische Stadt in Mesopotamien wurde ’eReCH, aus ’uRaRTu in der östlichen Türkei wurde ’aRaRaT. Bei aller Gewissenhaftigkeit schlichen sich Missdeutungen und falsche Schreibweisen von Namen und Ortschaften in den neuen Text ein, den man Septuaginta („die Übersetzung der Siebzig“), abgekürzt LXX nannte. Der Name geht auf die im Ariteasbrief überlieferte Legende zurück, nach der 72 Übersetzer (abgerundet auf 70) in 72 Tagen die ganze heilige Schrift ins Griechische übersetzt haben sollen.

Die Tücken des Übersetzens
Vor nicht allzu langer Zeit wurde den Absolventen der staatlichen Prüfung für Übersetzer der arabischen Sprache durch den Kultusminister in Hessen nach gewissen Erfahrungen mit Studenten der Orientalistik ein Spruch des Propheten Mohammed zur Übersetzungsaufgabe gestellt: utlubul–‘ilma walau fis–sîn. Wie nicht anders zu erwarten, übersetzte der eine Prüfling: „Verlangt das Wissen in China“, ein anderer wiederum: „Sucht nach dem Wissen in China“ und ein dritter: „Bestellt das Wissen, wenn auch in China“.
Die Übersetzung ergab keinen Sinn, da sie wörtlich erfolgte, ohne die seinerzeitige Vorstellung der Araber zu berücksichtigen. Die richtige Übertragung hätte lauten müssen „Strebt nach Gelehrsamkeit selbst am Ende der Welt“. Denn im 7. Jahrhundert, zu Mohammeds Zeiten also, war man mit dem großen Geographen des zweiten Jahrhunderts n.Z. Claudius Ptolemäus aus Alexandria der Meinung, die Erde sei eine Scheibe, die im Weltenmeer schwimmt. Den äußersten Rand im Osten bilde „Indien“, das Land der Seide; China könne daher höchstens eine Insel im Weltenmeer am Ende der Welt sein. Deshalb besagt Mohammeds Spruch, man solle nie aufhören, nach Gelehrsamkeit zu suchen, selbst am (östlichen) Ende der Welt. Der Fehler der Prüflinge bei der Übertragung des Spruches lag darin, dass sie ein Kulturbild übertragen sollten und es nicht erfassten. An diesem Beispiel erkennen wir die Schwierigkeiten, welchen die Übersetzer der Septuaginta sich gegenüber gesehen haben mussten. Es genügte nicht, die hebräische Schrift zu beherrschen, vielmehr mussten die Kulturbilder hinter den Vokabeln getreu übertragen werden. Bei siebzig verschiedenen Übersetzern kann man ebenso viele Interpretationen erwarten.
Das göttliche Tetragramm (YHWH) war, wie bereits ausgeführt, den Juden so heilig, dass kein Jude es wagte, den „Namen“ Gottes im Gebet auszusprechen. So behalfen sie sich mit dem Ersatzwort ’aDoNaY = Adonai, als Bezeichnung für den Besitz imperialer Herrschaft bei den Göttern. Daher griff man nun bei der Übersetzung der heiligen Schriften wie selbstverständlich auf Kyrios als Äquivalent von Adonai zurück und verwendete es anstelle des Tetragramms.
Einen weiteren Begriff entlehnten die Übersetzer aus dem Persischen übers Griechische: das Paradies. Das hebräische Original kannte nur den Garten Eden (GaNN ‘eDeN = gann ‘eden), bei der griechischen Übersetzung erhielt das Kapitel nun die Überschrift Paradeisos. Dieser Begriff kommt aus dem altpersischen Awesta (persisch apaslak „Grundtext“) der Staatsreligion nach Zarathustra in der Schreibweise pairidaeza und bezeichnet eine umzäunte wasser–, baum– und wildreiche Wildnis als Jagdgebiet für den Gottkaiser. Da die Beschreibung des Garten Edens diese Attribute in sich trägt, entlehnte man das persische Fremdwort hierfür.

Wie alt ist die Welt?
Diese griechische Fassung der Heiligen Schrift bewirkte noch eine weitere Entwicklung, die bis heute andauert:
Zu Beginn des Kapitel 5 in der Genesis/1 Mose finden wir ein Geschlechterregister: „Dies ist das Buch von Adams Geschlecht. (…) Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte (…) Seth und lebte danach 800 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward 930 Jahre, und starb. Seth war 105 Jahre alt und zeugte Enosch und lebte danach 807 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward 912 Jahre, und starb.“ Wie bereits ausgeführt, brachte dies den hellenisierten Juden Demetrios in Alexandreia in seinem Werk Peri ton en te Ioudaia basileon auf den Gedanken, die Daten der Israeliten nach dieser griechischen Endfassung der Heiligen Schrift zusammenzustellen. Und da sich die Juden auf Adam als Stammvater beriefen, begann ihre Zählung mit der Erschaffung Adams, die nach Demetrios’ Rechnung etwa um 5.000 v.Z. stattgefunden haben sollte. Demnach wäre die Welt heute etwa 7.000 Jahre alt. Das war der erste Versuch, eine Chronologie nach dem Pentateuch vorzunehmen. Noch heute datieren die Juden ihre Weltära nach der Erschaffung der Welt am 7. Oktober 3.761 v.Z., womit die Welt heute 5.763 Jahre alt wäre.

Alexandreia und die esoterischen Geheimbünde
Mit dem Museion von Alexandreia hatte es jedoch eine besondere Bewandtnis, die in der üblichen Darstellung genau so unterschlagen wird wie die esoterische Rolle Pythagoras’ und Platons: Die meisten Größen am Museion waren Schüler der drei berühmten Hellenen Pythagoras, Platon und Aristoteles; daher verwundert es nicht, dass bald Ableger ihrer Schulen auch in Alexandreia zu finden waren.
Erinnern wir uns, dass der 529 in Kroton/Unteritalien gegründete Geheimbund der Pythagoreer gleichzeitig religiöse Bruderschaft, Philosophenschule und politische Partei war. Ihr äußeres Ziel war die Gründung des Gottesstaats, das innere hingegen war die Erleuchtung durch offenbarte Erkenntnis Gottes (gnosis) bis hin zur Vereinigung mit dem Einen. Dem äußeren Kreis der Pythagoreer gehörten die Exoteriker oder Akusmatiker an, dem inneren Kern die Esoteriker oder Mathematiker. Die Akusmatiker richteten ihr Leben nach den „Akusmata“, den gehörten Sprüchen, während die Mathematiker sich philosophisch und mystisch mit der Zahl als Symbol für alles Geschaffene beschäftigten: Sie pflegten die „Mathemata“ und die Geometrie („Weltordnung“ zu griechisch ge „Erde“ und metron „Maß“).
Der Zulassung zum niedrigsten Weihegrad ging eine Vorbereitung von drei Jahren voraus. Die erste Initiationsstufe erstreckte sich auf einen Zeitabschnitt von fünf Jahren. Erst nach erfolgreichem Abschluss dieses Noviziats gelangte man in den Stand eines wahren Jüngers und wurde für würdig befunden, mit dem Meister persönlich zu verkehren. Darauf folgten die fünf Jahre eisernen Schweigens als Hörer, eine Zeit, in der man Zuhören lernte, mit dem äußeren und dem inneren Ohr. Auf jede Frage, jede Schwierigkeit, jeden Zweifel gab es immer nur eine Antwort: Aútos épha. („Er selbst hat es gesagt.“) Er: der Meister, der Göttliche, der Unsterbliche. Bestimmte Leierakkorde und der Wohlgeruch besonderer Spezereien bewirkten, dass sich die empfänglichen, irrationalen Seelenbereiche wie durch Zauber entspannten und die Nerven beruhigten. Auf diese Weise machten sie bereit für die Aufnahme der Träume. Danach folgte die Zeit der Zönobiten, die in den philosophischen Gesetzen und Wohltaten des Gemeinschaftslebens unterrichtet wurden; schließlich die der Initiierten oder Mysten, die man in den großen Mysterien unterwies.
Platon gründete 387 in Athen die Akademeia zur Pflege der Mathemata, das bedeutet, dass er die Geheimlehre des Pythagoras Eingeweihten zugänglich machte, ohne einen Gottesstaat gründen zu wollen. Die platonische Gemeinschaft war eher eine esoterische Bruderschaft mit Platon als Prophet. Aristoteles gründete 335 in Athen sein Lykeion zur Pflege der Akusmata, sprich: die niederen Grade des pythagoreischen Geheimbundes. Somit gab es in Alexandreia nebeneinander drei Einrichtungen, die auf Pythagoras zurückgingen, der seinerzeit einen Synkretismus aus den Thot–, Mithras– und orphischen Mysterien sowie dem absoluten Monotheismus der Lehre des Zarathustra geschaffen hatte.Pythagoras kannte die sieben Sphären des Seins, deren unterste und niedrigste das „sichtbare“ oder „wahrnehmbare“ Universum darstellte. Im Unterschied zu den Mysterien der Großen Mutter und den orphischen Mysterien war das Ziel aller Bemühungen der Eingeweihten, sich mit dem Urprinzip, dem Einen, dem Guten mystisch zu vereinen; den Begriff Gott mied er ausdrücklich, da das Urprinzip für ihn unbeschreiblich, nicht darstellbar und unvorstellbar war. Seine Lehre, ja, sein Glaube war ein absoluter Monotheismus, wie ihn die bisherige Kulturgeschichte nur in der Lehre des Zarathustra kannte.
Platon drückte das Ziel der mystischen Vereinigung aus mit dem Weg der Erkenntnis (gnosis) des Guten und der Tugend als der Weg zu den „Ideen“. Die Ideen stehen zueinander in einem Teilhabe–Verhältnis. Da alle Sinnesgegenstände die Idee „abbilden“, sind sie ihr „ähnlich“ (analog „entsprechend dem Logos“) geworden: Da auch die Ideen aneinander teilhaben, ist alles Seiende miteinander verwandt und bildet eine große Einheit, die des Guten, das alles umfasst. Die Idee ist dann nicht bloß subjektive Vorstellung, sondern Geiststruktur des Seins. Durch diese Unterscheidung des Sinnlichen, das „bei uns“ ist, vom Übersinnlichen (dem späteren „Transzendenten“) wurde Platon zum Begründer der erst später so genannten Metaphysik. Dieser Weg zur Idee geht über das Wissen (episteme), ein anderer Weg geht über die Liebe (eros). Da das innerste Wesen der Liebe der Wille zur Verewigung ist, kommt sie nur als Liebe zu den ewigen Ideen zu ihrer Erfüllung; jede andere Liebe ist dazu nur eine Vorstufe.
Pythagoras, nach Platon in Timaios, war der erste Philosoph der europäischen Geschichte, der den Schöpfer mit dem „Baumeister der Welt“ gleichsetzte. Der Erbauer heißt in Timaios „tekton“, was „Handwerker“ bedeutet, „architekton“ stand mithin für „Handwerksmeister“ oder „Baumeister“. Nach Platon schuf der „archetekton“ („Baumeister“ zu griechisch archein „anfangen, herrschen“ und tekton „Erbauer“) den Kosmos mit Hilfe der Geometrie. Mit dem „Baumeister der Welt“ spielte er auf Imhotep, den ägyptischen Baumeister des Königs Djoser (2690–2670 v.Z.) und Erbauer des ältesten Steinbaues der Welt (die Stufenpyramide des Djoser) an, der in der Saïtenzeit (664–525 v.Z.), als Pythagoras in Ägypten weilte, vollends zum Gott geworden war. In der Triade von Memphis (Ptah, Semchet und der Sohn der beiden Nefertem) übernahm er den Platz des Nefertem, wurde mit Ptah und Thot in Verbindung gebracht und galt deshalb als Schutzherr der Weisheit, besonders aber der Medizin in Form magischer Geisterbeschwörung. Wunderheilungen wurden ihm zugeschrieben, und man verehrte ihn als Gott der Heilkunst und Beschützer der Mediziner, wofür er einen eigenen Kult bekam. Deshalb wurde er von Pythagoras mit dem hellenischen Gott der Heilkunde Asklepios aus Thessalia gleichgesetzt, wie zuvor Thot mit dem hellenischen Gott Hermes von Arcadia.

Die Essener
In Anlehnung an Pythagoras’ und Platons Geheimbund und Gottesstaat wurde um diese Zeit an den Ufern des Mariutsees nahe der Nilmündung südlich von Alexandreia der jüdische Geheimbund der Essener oder Essäer (aramäisch „die Reinen“) gegründet. In seiner esoterischen Geheimlehre war das Weltbild dualistisch und eschatologisch: Gott und Belial (hebräisch belija’al „Bosheit“‚ griechisch Beliar), die Kinder des Lichts und der Finsternis lagen im Kampf. Der letzte Krieg stand bevor; in dem die Macht Belials gebrochen und die Gottesherrschaft errichtet werde. Das Ziel des Geheimbunds war die Verwirklichung des Gottesstaates, der mit der Ankunft des verheißenen Messias (aus hebräisch maschiach „der Gesalbte“, griechisch christos zu chriein „salben“) vollendet werde. Und darauf wollten sie sich durch physische und psychische Ertüchtigung als Streiter Gottes vorbereiten. Sie waren Fundamentalisten als Antwort auf die im Hellenismus emanzipierten Juden, Hellenisten genannt.
Die gottgeweihten Knaben (Nazoräer, zu hebräisch nazor „Gott weihen“‚ Numeri/4 Mose 6) waren fünf Jahre alt, wenn sie von der Mutter an der Klosterpforte abgegeben wurden, um sie „Gott und den Heiligen darzubringen“, wie es in der Adoptionsurkunde hieß. Man erkannte sie am geschorenen Kopf, deshalb nannte man die Essener im Volksmund Nazoräer, Gottgeweihte. Mit unerbittlicher Disziplin wurden die Klosterknaben erzogen. Sprechen durften sie nur, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Selbst das Sitzen war ihnen verboten. Sie standen bei Tisch, zum Gebet und beim Lernen, achtzehn Stunden am Tag. Für die geringsten Verstöße gab es Schläge und Essensentzug. Schlimmer als Nahrungsmangel war der Schlafmangel. Es gab Zeiten, da beneideten sie die Toten um ihren ewigen Schlaf.
Besonders der Drill mit schweren Waffen zehrte an den Kräften der Knaben. Der Schwertkampf musste mit beiden Händen erlernt werden. Und immer wieder übten sie Bogenschießen, Speerwerfen, Klettern an Stangen und Seilen, Laufen und Springen, Schwimmen und Tauchen, Faustkampf und Ringen. Kein Tag ohne Kampf, ohne Beulen und Schrammen. Um drei Uhr nachts, nach dem ersten Morgengebet, begannen die geistigen Exerzitien: Lesen, Schreiben, Mathematik und Geometrie. Unwürdige, Schwätzer und Schwächlinge wurden gnadenlos ausgesiebt.
Jeder Bruder erhielt zu Beginn seines Noviziats eine einfache Tunika zum Zeichen seines Eintritts in die Gemeinschaft. Sie musste während der Exerzitien getragen werden. Auch ein Schurz und eine Hacke wurden ihm ausgehändigt. Beide galten als Werkzeug und Symbol der Reinheit. Vom Tag der Initiation an verpflichtete er sich unter Eid, Gott zu ehren, dem Nächsten gegenüber Gerechtigkeit walten zu lassen und keine Vorurteile zu hegen. Durch physische Übungen und Waffenausbildung sollte der Körper gestählt und durch geistige Übungen die Seele von störenden Einflüssen befreit werden. Strenge Askese und harte Exerzitien warteten auf jeden Essener, der nach Erklimmen der 42 Stufen (analog der 42 Bände des Thot, die alles Wissen enthielten) der esoterischen Leiter bis zur Katharsis gelangen wollte, der Vereinigung mit Gott. Hier wurde der absolute Monotheismus Pythagoras’ und Platons das Urprinzip – das Eine, das Gute – mit der Vorstellung von Gott verbunden. Nach einer kargen Mahlzeit, die nur aus Brot, Wasser und Salz bestand, nahmen sie einsam und zurückgezogen die Martyrien ihres heiligmäßigen Lebens auf sich.
Erst nach Abschluss der körperlichen sowie geistigen Übungen gelangte man in den dritten Grad, in den inneren Kreis der Chachomim („Weisen, Heiler“, arabisch hakîm, griechisch therapeut), die auf einer höheren Einweihungsstufe standen als die übrigen. Hier wurde eine Geheimlehre gepflegt, in der sich pythagoreische, hellenische, chaldäische und orientalische Einflüsse zu einer esoterischen Heilsbotschäft verbanden. Aufgrund einer noch härteren, täglichen Disziplin gelang es den Therapeuten, Äther– und Astralleib mit Hilfe des Ich völlig unter ihre Herrschaft zu bringen, was ihnen ermöglichte, die hellseherische Stufe des „bewussten Träumens“ zu erreichen. Die oberste Stufe der Erkenntnis war nur dem Stellvertreter des Messias, dem Haupt allen Wissens, vorbehalten. Im Unterschied zu den Essenern der ersten beiden Grade trugen die Therapeuten – wie die Magi der Zarduschti und die Mathematiker bei den Pythagoreern – ein grobes weißes Gewand mit roter Schärpe. Der Volksmund nannte sie die Weisen beziehungsweise Heiler und redete sie mit rabb „Meister“ an (rabbi war die Anrede im Sinne von „mein Meister“). Die Initiationsfeier zum Therapeuten hatte große Ähnlichkeit mit den Einweihungszeremonien der Mysterien. Nach meditativer Vorbereitung in einer dunklen Kammer beim Licht einer Kerze wurde der Neophyt mit dem Glockenschlag zur dritten Stunde abgeholt und über steinerne Stufen durch einen düsteren Gang hinab in die Erde bis tief in die Katakomben unter der Krypta geführt. Es war ein mythischer Weg durch Tod und Geburt. Der Neophyt war ein Schmetterling, der seine Raupennatur abstreifte, um in Lichtgestalt neu zu erstehen.
Er sprach das geheime Glaubensbekenntnis der Therapeuten, das mit den Worten begann: „Außerordentlich schwierig ist die Frage nach dem Wesen Gottes. Wir wissen nicht, wie Gott ist. Wir wissen nur, wie er nicht ist. Er hat keine Gestalt, nicht einmal eine geistige. Er ist unbegreiflich und unaussprechbar, denn alle unsere Vorstellungen und Worte werden aus der Begegnung mit dieser Welt gewonnen. Wir vermögen nicht in Worte zu kleiden, was außerhalb unserer Welt liegt. Versuchen wir es dennoch, so scheitern wir in lächerlichem Aberglauben.“ Dann vernahm er die feierlichen Worte der Verwandlung. Plötzlich blendete ihn der Glanz unzähliger Kerzen. Er wurde angekleidet. Sie legten ihm das weiße Gewand der Therapeuten an. Gemeinsam sangen sie: „Dich lässt kein fremder Glanz erstrahlen, wenn du keinen eigenen besitzt.“ Nun war der Neophyt einer von ihnen, von nun an war er vom Waffendienst befreit.
Die Eingeweihten waren durchaus erfolgreiche Heiler, sowohl in Begriffen der durch ihre eigene Gesellschaft bestimmten Norm als auch zuweilen in Begriffen des durch die moderne Medizin definierten Standards. Die Heilungen, die sie bewirkten, waren außergewöhnlich und überschritten den Rahmen und das Fassungsvermögen des Alltagslebens. Sie waren – höchst eindrucksvoll – imstande, einen Rückgang der Symptome – Lähmungen, Sprachverlust, plötzliches Erblinden, schwere Depressionen, nervöses Herzklopfen, Parästhesien und Besessenheit – zu bewirken, die den Patienten oder seine Familie ursprünglich bewogen hatten, ihren Beistand zu suchen. Die Essener waren in ihrer Art überragende Diagnostiker und vermieden gewöhnlich die Behandlung von Krankheiten, die der westlichen Medizin als organisch verursacht gelten. Epilepsie behandelten sie selten. Sowohl die jüdische Gemeinde als auch die Essener erwarteten die Ankunft des verheißenen Messias und die Errichtung des Gottesstaates.

Die Kabbala
Aus der Begegnung der Juden in Alexandreia mit den Mysterien des Mondgottes Thot, den sie mit Henoch gleichsetzten (Imhotep, der Erbauer der Steintempel zu Memphis, wurde mit Salomon, dem Erbauer des Steintempels zu Jerusalem, gleichgesetzt; auch Salomons Weisheitssprüche waren die des Imhotep; Ptah wurde JHWH als Herr der Bauleiter, denn er lehrte die Menschen auf dem Berge Sinai die heilige Geometrie mit dem Auftrag, sein Haus zu bauen), entstand hier die erste Form der Buchstabenmystik der jüdischen Kabbala (hebräisch qabbala „Überlieferung, Geheimlehre“): die Merkava (der „Thronwagen“ im Buch Ezechiel).
Die Esoteriker wehrten sich gegen die neue Auslegung der Schrift mit der Entmachtung Adams und Erhöhung Evas, denn für sie war Adam nicht nur der erste Mensch, der Urahn der Israeliten, sondern der erste Erleuchtete, da er von Gott alles Wissen erhalten hatte, daher betraf die esoterische Kabbala das geheime Wissen um das ungeschriebene Gesetz (Thora/der Pentateuch/die Fünf Bücher Mose), die Adam und nach ihm Moses von Gott mündlich offenbart worden sein soll. Obwohl das mosaische Gesetz weiterhin die sichtbare, exoterische Grundlage des jüdischen Glaubens darstellte, strebte die Kabbala einen Weg an, sich Gott unmittelbar anzunähern. „Ich habe die Welt mit dem Maß, mit der Zahl und mit dem Gewicht geschaffen“‘ sagt Gott in der Genesis/1 Mose. (In der christlichen Fassung des Kanons nur noch in Weisheit 11,20 erhalten.) Darin sahen die Kabbalisten ein grundlegendes Gesetz, das das gesamte Universum lenkt. Das sei das Geheimnis, das Gott Moses mit den Gesetzestafeln offenbart habe, die – wenn auch selbst aus Stein – in einem Goldkasten eingeschlossen seien: der Bundeslade. Die Kabbala nannte bestimmte Mächte Engel oder Genien, durch deren Anrufung der Natur befohlen werden konnte.
Die Kabbala bot dem Eingeweihten die Möglichkeit, die Geheimnisse des Gesetzes (Thora) zu verstehen und zu erklären. Sie gab ihm den Schlüssel an die Hand, mit dessen Hilfe die Bindeglieder zwischen Mensch und Universum, zwischen dem einfachen Sterblichen und seinem Schöpfer erkannt werden konnten. Diese Bindeglieder wurden als Kräfte aufgefasst, die unter Beachtung des Gesetzes die Schöpfung formten. Sie konnten also, wenn sie bekannt waren, auch im Umkehrschluss verwendet werden. Die Kabbalisten vertraten die Lehre, dass die Thora nicht aus fünf, sondern zehn Büchern Mose bestände: fünf übliche und fünf weitere, wenn man jene rückwärts lese. Deshalb schrieben sie den aus 304.805 Buchstaben bestehenden Text ohne Satzzeichen oder Worttrennungen, damit diese das Rückwärtslesen nicht hinderten. (Ein Beweis für den redaktionellen Abschluss des Pentateuch vor der Übersetzung ins Griechische, sonst könnte das Rückwärtslesen nicht gesichert sein.) Außerdem stellten sie fest, dass der Text doppelt codiert war, nach der Buchstaben–/Zahlen–Mystik und nach der Atbasch–Methode, genannt nach dem ersten (a), letzten (t), zweiten (b) und vorletzten (š) Buchstaben des hebräischen Alphabets: zur Codierung tauschte man die wirklichen Buchstaben in der Reihenfolge von 1 bis 22 gegen ihr Äquivalent in der Reihenfolge von 22 bis 1. (Die Templer verschlüsselten während der Kreuzzüge im Heiligen Land ihre Geheimlehre teilweise durch diese Codierungsmethode: Ihr Ziel, die Erlangung der Weisheit Gottes [Sophia] durch Erleuchtung, verheimlichten sie durch die Anwendung der Atbasch–Methode hinter dem Wort Baphomet: B steht für S, T für A usw.)
Aus der esoterischen Frömmigkeit der Essener und Kabbalisten entstanden in Alexandreia weitere Schriften, die zunächst aramäisch abgefasst und dann ins Griechische übersetzt wurden. So zum Beispiel Das Testament Adams, Das Testament Abrahams, Das Testament Isaaks, Das Testament Hiobs, Das Testament der zwölf Patriarchen, Die Himmelfahrt Mosis, Die (18) Psalmen Salomons, Das Jubiläenbuch, auch Kleine Genesis genannt, und Die (24) Prophetenleben.

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