Leseprobe

aus Mike Scholz: Rotmeer-Tagebücher. (Ausschnitt aus den ersten beiden Kapiteln)


Was also war der Anfang aller Dinge?

Dasein,
Das sich aus reiner Freude
Am Sein vervielfältigte

Und in Millionen und
Abermals Millionen
Von Formen stürzte

Um sich selbst unzählbare
Male wiederzufinden.

(Aurobindo)

M E E R

meer
wogen wiegen
wallendes wasser
warm und weich
wirft wuchernde wellen
mann im warmen wasser
wohlwollend mildes
mannigfach wildes
meer

SY MARY ANNE
1989


Regentage

Das Fensterkreuz teilt mein Blickfeld. Bleiches Grau am Himmel streut schattenloses Licht auf Häuser, Bäume, Wiese und die Straße. Der Nieselregen lässt die Ziegel im matten Licht glänzen. Er tropft von den schlaff herabhängenden Zweigen der Birke vor dem Haus. Noch sind die meisten ihrer Blätter grün. Einige der Blätter jedoch künden mit sattem Ocker das Nahen der kalten Tage. Der magere, bläuliche Rauch aus dem Kamin des Nachbarn müht sich in den Abendhimmel aufzusteigen. In dünnen Schwaden kriecht er über das nasse Dach unter die Traufe, als ob er sich lieber unterstellen wollte. Orange–gelbes Laub ist über die gemähte Wiese verstreut, liegt schon ganz dicht und leuchtet in eigenartiger, unwirklich fahler Wärme. Träge wanken die Zweige der Birke. Kein Vogel ist zu sehen.

Die alte Frau geht die Straße hinauf nach Hause. Ihre Schritte sind kurz und vorsichtig, aber noch sicher. Am Stock geht sie nicht, obwohl sie ihn mitführt. Nur ein wenig schiefgezogen ist ihre Gestalt. Die braune abgeschabte Kunstledertasche in der linken Hand ist prall gefüllt. Irgend etwas Grünes, in eine Zeitung eingewickelt quillt daraus hervor. Der dünne, graue Mantel ist ihr etwas zu weit und im Ärmel zu kurz. Es wirkt, als ob die schwere Tasche den mageren Arm aus dem Ärmel des Mantels ziehen würde. Die Frau mag den Nieselregen nicht, nicht im Gesicht. Sie trägt den Kopf gesenkt. Mit dem roten Kopftuch trotzt sie der Nässe, schützt ihre Frisur.

Es ist still im Haus. Das fahle Licht hat mich ein wenig schläfrig gemacht. Die Tasse Kaffee steht in Reichweite vor mir auf dem Fenstersims. Ich hatte sie ganz vergessen. Nun ist der Kaffee kalt. Trotzdem trinke ich sie aus. Dann knipse ich die Schreibtischlampe an, rolle die Seekarte vor mir aus und rücke sie auf dem Schreibtisch zurecht. Das steife Papier bedeckt die ganze Platte und will sich immer wieder einrollen. Einige gewichtige Utensilien zähmen die widerspenstigen Ecken. Links unten lese ich die Aufschrift: „Red sea, Gulf of Suez“, und in großen Lettern: „STRAIGHT OF GUBAL AND APPROACHES“.

Darunter noch die Bemerkung: „Dephts in Meters“

Fein – die Tiefenangaben sind in Metern angegeben. Das lästige Umrechnen von „Faden und Füßen“ (fathoms und feet) ist somit überflüssig. Auf der linken Seite, im Westen, erstreckt sich die ägyptische Küste. Das ockergelb gedruckte Dreieck der Sinai–Halbinsel ragt von oben, aus dem Norden, in das Kartenblatt hinein. Zwischen diesen Landmassen finden sich die blau und grün eingefärbten Kleckse der eingetragenen Riffe. Als ockerfarbene Flecken sind die Inseln dargestellt. Tiefenlinien schlängeln sich um Inseln und Riffe.

Die Straße von Gubal ist flach. Im Karbon ist dieser Meeresarm entstanden. Einst war es eine tiefe Depression. Doch eine zehntausend Meter dicke Sedimentverfüllung haben es seit damals zu einem einem seichten Schelfmeer werden lassen, welches den Sinai vom afrikanischen Festland trennt. Dieser Kartenausschnitt ist übersät mit Tiefenangaben. Maximale Tiefen von 80–90 Metern kann ich aus diesem Gebiet herauslesen. Ein gewundenes Bündel von Tiefenlinien markiert den Abbruch zum eigentlichen Graben des Roten Meeres. Die Abbruchkante verläuft genau von Nord nach Süd. In einem schmalen, nur wenige hundert Meter breiten Saum, fällt der Grund auf achthundert Meter hinunter. Weiter östlich ist noch eine Tiefenlinie eingetragen, ebenfalls von Nord nach Süd. Sie markiert den Abbruch auf über tausend Meter Tiefe. Die Inseln sind der ägyptischen Küste vorgelagert. Allesamt liegen sie auf dem flachen Schelf der Straße von Gubal. Ich lese Namen, wie: TAWILA, QUEISUM, GIFTUN, ASHRAFI … Die meisten von ihnen sind flach, gerade mal 30 Meter hoch. Mit SHADWAN entdecke ich jedoch die Ausnahme. Sie ist die größte Insel der Gruppe und mit 301 Meter auch die höchste. An den Höhenlinien kann ich ablesen, dass sie ein sehr steiles Relief haben muss. Auffällig ist auch die Position Shadwans. Auf der Schelfkante gelegen, ragt sie von NW nach SO mit ihrer halben Länge in den Graben des Roten Meeres hinein. Ganz dicht schmiegen sich die Tiefenlinien um das Südende der Insel. In unmittelbarer Nähe der Küste fällt der Seeboden auf 350 Meter hinunter. Das könnte ein „Drop off“ sein, eine senkrechte Riffwand. An der Ostküste ist ein Wrack eingetragen. Ob man da tauchen kann?

Nördlich von Shadwan, dicht an der Schiffahrtstrasse, ist ein kleineres Riff eingezeichnet. Es heißt: SHAB ABU NUHAS. Da gibt es ein Leuchtfeuer und laut Karte weitere Wracks. Einmal neugierig gemacht entdecke ich noch mehr Symbole für untergegangene Schiffe. Allein bei den Ashrafi–Inseln sind drei Eintragungen. Aber wie weit liegt das auseinander? Ist das mit dem Boot noch erreichbar? Einiges Kramen in der Schublade fördert das Lineal und den Stechzirkel zutage. Also, wie war das noch mal? Entfernungsmasse muss man an den Seiten der Karte abnehmen. Ein Breitengrad sind sechzig Breitenminuten. Das entspricht sechzig Seemeilen, oder eine Breitenminute gleich eine Seemeile. Schön! – Nur, was ist das in Kilometer? Das Lexikon gibt Antwort: Eine nautische Meile ist 1,85 Kilometer. Ich schlage gleich noch unter dem Stichwort „Knoten“ nach. Ein Knoten sind 1,85 Km/h, also eine Meile pro Stunde. Die Kilometer kann ich gleich wieder vergessen, die brauche ich nicht. Unter Motor macht das Schiff acht Knoten. Mit dem Stechzirkel greife ich die Entfernung zwischen SHAB ABU NUHAS und BLUFF POINT ab und lege die Zirkelspitzen am Rand an. Neun Seemeilen. In etwas mehr als einer Stunde kann man die Strecke mit dem Boot schaffen, wenn das Wetter mitspielt.

Am unteren Kartenrand liegt die Hafenstadt HURGHADA.

Von da aus werden wir losfahren.


Nach Süden

Das Schiff tuckert im Schrittempo aus der Lagune.
Ich stehe auf dem Bugspriet, halte mich am Vorstag fest und suche einen Weg zwischen den Ergs hindurch aus der Lagune, hinaus ins freie Wasser. Die wuchtigen Korallentürme, von den Australiern Bommie und von den Arabern Erg genannt, reichen sehr oft gefährlich dicht unter die Wasseroberfläche. Im Flachwasser zwischen den Inseln und in der Nähe der Fleckriffe, wenn das Echolot weniger als dreißig Meter anzeigt, müssen wir immer mit ihnen rechnen. Bei günstigem Lichteinfall und glattem Wasser kann man sie rechtzeitig sehen. Bei Seegang sind sie anhand der unregelmäßigen Brechung der Wellen und an den Schaumkronen gut zu orten.

Mit dem freien Arm zeige ich Peter die Richtung, in die er ausweichen muss. Unsere Seekarte stimmt zwar im Großen und Ganzen, jedoch solche Kleinigkeiten mit nur wenigen Metern Durchmesser sind nicht detailliert eingezeichnet und so manches Mal finden wir die Riffe in gänzlich anderer Gestalt als in der Karte verzeichnet.

Der Rumpf der MARY ANNE ist mit Lärchenplanken auf Eichenspanten gezimmert und hat einen Tiefgang von 1,8 Meter. Eine Kollision mit solch einem betonharten Erg würde sie nicht ohne ernste Schäden überstehen. Also betreiben wir dieses Spiel jeden Abend und jeden Morgen, wenn wir den Ankerplatz anlaufen oder verlassen.

Die Wasserfarbe verläuft zusehends von Hell–Türkis nach Blau. Der sandige Lagunengrund fällt tiefer. Die grünblauen Flecken, als die sich die Ergs bei glatter oder leicht gekräuselter See darstellen, nehmen ab. Wir nähern uns dem freien, ungefährlichen Wasser. Jetzt kann ich meinen Beobachtungsposten aufgeben, zu Peter ins Ruderhaus steigen und ein wenig in die Seekarte gucken. Auf dem anliegenden Kurs gibt es nach der Karte keine Riffe mehr.

Glückliche Fügung und eine briefmarkengroße, unscheinbare Anzeige in einer einschlägigen Tauch–Zeitschrift führte uns zusammen. In den vergangenen zwei Tagen konnten wir uns gut an die ungewohnte Enge auf dem Schiff und an uns untereinander gewöhnen. Mit Paul Heinrich als Partner konnte ich schon einige abenteuerliche Tauchgänge auf den Malediven erleben. Wir teilen uns die Achterkabine. Die Bugkabine wird von Claudia und Jürgen bewohnt. Peter, ein gebürtiger Tiroler, ist unser Skipper, Olivia seine Partnerin.

Gestern Abend erzählte uns Peter einige Geschichten über sein Schiff. Den Rumpf hat er als Überrest eines Fischerbootes in Italien erstanden und die Aufbauten mitsamt der Inneneinrichtung selbst entworfen und gebaut. Die Takelung ist aus zweiter Hand und stammt von einer havarierten Segelyacht. Daher hat das Boot ein etwas eigenwilliges Aussehen und eine yachtuntypische, aber gemütliche Inneneinrichtung. Für zwei Jahre war die Ägäis sein bevorzugtes Revier. Erst seit diesem Jahr schippert er im nördlichen Roten Meer, nachdem er im Winter die Riffe des Sudan erkundete.

Der Wind springt so unvermittelt an, als hätte jemand den Schalter für ein gigantisches Gebläse umgelegt. Nach der ruhigen Nacht und der leichten Morgenbrise sind wir überrascht. Kein Anzeichen eines Wetterumschwunges war zu ahnen. Nicht ein Wölkchen bekleckert den blitzblauen, klaren Himmel. In kürzester Zeit färbt sich die See strahlend tintenblau, bekommen die langen Wogen leichte Schaumkrönchen und das Schiff rollt mit lang ausholenden Schwüngen. „Na sauber, dann werden wir a bisserl segeln“, sagt Peter gelassen und schiebt sein Navigationsbesteck auf die Seekarte, schaut sich um, vergleicht mit dem Kompass und stellt die Windrichtung fest: Nord–Nord–West. Dann legt er das Lineal auf die Karte und verbindet unsere gegenwärtige Position mit einem Riff zwischen den beiden Giftun–Inseln. Die Windrichtung und das Lineal zeigen in die gleiche Richtung. „Ja ideal“, ergänzt er „Das können wir alles mit dem Spinnaker segeln“. Keinerlei Hindernisse liegen auf unserem Kurs, aber wir werden eine Reihe von Inseln und Riffen passieren.“

Es ist der erste Schlag, den wir in diesem Revier segeln können, denn bisher fuhren wir nordwärts, immer fleißig gegen den Wind, die ganze Strecke mit Motor. Eifrig klettere ich auf Deck und öffne den Segelsack, der vor dem Ankerspill festgezurrt ist. Olivia weist uns ein. Sie klariert den Spinnakerbaum, während ich den Schäkel des Fockfalles in die Öse des großen Segels einschraube. Claudia zieht unterdessen das Tuch aus dem Segelsack, hakt den Baum in die Klüse, führt das Schot aufs Heck und legt es um die Steuerbordwinsch. „Alles klar!“, melde ich. Peter zeigt den Daumen nach oben und nickt.

Gemeinsam mit Olivia hänge ich mich an das Fockfall und ziehe das Tuch in die Höhe. Claudia lässt den dünnen Nylonstoff über ihre Arme gleiten und schaut, dass es sich nicht an der Ankerwinde oder am Bugspriet verhängt und aufreißt. Paul–Heinrich kurbelt an der Winsch und strafft das Schot. Zwei Minuten später schweigt der Diesel und das 120 m2; große, knallrote Ballonsegel zieht die MARY ANNE prall aufgebläht mit beachtlichem Tempo nach Süden.

Lässig reitet das Schiff auf den Wellen, begleitet vom Rauschen der Bugwelle, dem Knarzen der Takelage und dem leisen Rollen der kraftlos mitlaufenden Schraubenwelle. Die stille Fahrt lockt auch Jürgen aus dem Salon. Peter erscheint mit der Whiskeyflasche und den Gläsern an Deck. Die Schiffsführung hat er dem Autopiloten überlassen.

Die Zahl 400 in meinem Logbuch wird mit einer Runde Whiskey begossen. So als hätten sie von dieser runden Zahl gehört, eilen fünf Tümmler steuerbords heran und reiten gut gelaunt auf der Bugwelle ein gutes Stück unseres Weges mit, ein kräftiges Männchen, zwei zierlichere weibliche Delphine und ein deutlich kleinerer Jungdelphin. Whiskey nippend beobachten wir das fröhliche Spiel der Familie. Wir hören ihr lautes Schnauben, wenn sie zum Atmen den glänzenden Rücken aus dem Wasser heben und deutlich auch ihr helles Quieken und Pfeifen. Ich schaue in ihre freundlichen Gesichter und fühle mich wohl.

Ein alter Traum geht in Erfüllung. Ein Traum, den ich schon als Junge beim Jollensegeln und Schnorcheln im heimischen Baggersee träumte: Tauchen verbunden mit Segeln. Für mich ist es die schönste und abenteuerlichste Weise, ein tropisches Meer zu erkunden. Alle Sinne sind beteiligt und liefern eindrückliche Wahrnehmungen der anderen Welt.

Schon der erste Tag auf See trug mich fort.


Magie des Meeres

Wind und Wetter
Wasser und Wellen
Wärme und Licht
Land und Leute
Inseln und Küsten
Korallen und Riffe
Tiere und Pflanzen
Schiff und Segel

Des Meeres Magie
Verwandelt

Bin
Sindbad der Seefahrer
Jäger und Sammler
Abenteurer und Forscher
Zur Suche bereit

Will
Finden das Fremde
Betrachten, bestaunen
Mich daran erfreuen
Mit allen Sinnen,

In kindlicher Freude

Foto: Schiffsbild mit Spinnaker + PH, Der Schiefe Turm
Dumpfes Rumpeln.
Die Ankerkette schruppt über die Lukenkante, rattert über die Umlenkrolle und reißt mich aus dem Schlaf. Für eine knappe Stunde war ich eingenickt. Noch benommen raffe ich mich auf und klettere an Deck. Das Meer protzt mit einer unwirklichen Palette von Smaragdgrün, Türkis und Azurblau. Die Sonne steht schon etwas im Westen. Der kräftige Wind fegt die Wasserfläche glatt und der nördliche Riffsaum schützt uns vor der Brandung. Kein Glitzern überstrahlt die türkisfarbenen Wasser der Lagune.

„Wie tief?“ frage ich.

Peter knipst das Echolot an. „Zwölf Meter!“, schallt es aus dem Ruderhaus. Mühelos können wir den Sandgrund sehen. Einzelne Korallenblöcke liegen lose verstreut auf dem Lagunenboden. Wenige Meter vor dem Bug, in weitem Bogen von Ost nach West, liegt der Riffsaum, steil und dick, wie eine Festungsmauer. Einige Blöcke ragen zinnengleich aus dem Wasser, von der Brandung umspült, davor die kobaltblaue Fläche des tiefen Wassers. Links drüben, nur einen Steinwurf weit, ist eine Bresche im Korallenwall. „Da müßt ihr durch“, informiert uns Peter, „Da stehen einzelne Türme!“ Wir stehen an Deck, genießen das Licht und die Farben. Niemand spricht.

„He, wolltet ihr nicht tauchen?“ Grinsend reißt uns Peter aus unseren wortlosen Betrachtungen. Aber ja! Rasch und systematisch wird die Ausrüstung zurechtgelegt und übergestreift. Kurze Zeit später hüpfen wir nacheinander von der Plattform auf dem Achterdeck ins Wasser. Claudia hat nur wenige Tauchgänge. Sie wird mich begleiten. Jürgen und Paul sind beides erfahrene Taucher. Sie bilden das zweite Team. Auf dem Rücken schwimmend, das Boot als Richtungsweiser im Blick, bewegen wir uns auf den Durchlass zu. Diese Bresche wollen wir unter Wasser passieren. Nach dem Austausch der OK–Zeichen gebe ich das Signal zum Abtauchen.

Der Sandboden ist auf zwölf Meter Tiefe angestiegen. Entlang des Riffwalles fädeln wir uns im Durchlass ein. Die Rückseite des Riffes ist senkrecht und öde. Korallenbruch hat sich am Fuß der Wand zu einer Schutthalde aufgehäuft. Wenig Fische sind hier zu Hause. Auch die wenige Schritte breite Bresche bietet kaum etwas Sehenswertes.

Na ja, vielleicht ist es draußen besser. Der Durchlass öffnet sich. Wir verlassen die Lagune. Der sachte abfallende Grund ist immer noch sandig. Das harte Licht der Sonne im klaren Wasser färbt den Sand gelblich. Dünn verästelte Korallenstöcke, zu Grüppchen zusammengeschlossen, stehen wie dürre, winterkahle Büsche in der Wüste. Etwas weiter draußen auf dem Plateau erhebt sich ein einzelner, mannshoher Block. Ich wende mich um zu Claudia. Brav paddelt sie neben mir. Gemeinsam gleiten wir hinüber. Die Korallen sind hübsch, aber dieser Block ist nichts Besonderes. Vorsichtshalber schaue ich durchs Okular der Kamera und nehme eine Belichtungsmessung vor. Wir umrunden die Korallenformation und noch während ich überlege, ob sich ein Foto lohnt, gewahre ich eine Veränderung im Blau des offenen Wassers. Die dunklere Schattierung ist eher zu ahnen denn zu sehen. Der Schatten ist groß. Meine Neugier erwacht. Ich drehe mich um zu Claudia und deute hinüber. Ja – nickt sie mit dem Kopf. Sie hat es auch bemerkt. Also los! Der Schatten wird deutlich, bekommt Umrisse, Konturen, wird ein „Hinkelstein“, ein Turm, eine Korallensäule, auf arabisch „Erg“ geheißen. An seinem Fuß angekommen lassen wir uns erst einmal nieder und betrachten seine Gestalt, versuchen zu erfassen was da alles ist. Doch halt, keine Schlamperei jetzt! Erst atmen und Instrumente kontrollieren! Mein Computer zeigt 16 Meter Tiefe. Das ist ideal, denn die Nullzeit ist üppig. Noch nicht einmal ein Zehntel der Tauchzeit für diese Tiefe ist abgelaufen. Dekompressionspausen werden also nicht nötig sein. Mein Luftvorrat im 12 Liter–Gerät reicht dicke darüber hinaus. Claudia zeigt mir ihren Finimeter. Auch sie wird gut mit ihrer Luft auskommen. Jetzt können wir schauen und uns einen ersten Überblick verschaffen.

Der Gipfel des Ergs erreicht nicht ganz die Wasseroberfläche. Weichkorallen der Art Dendronephtya haben ihn regelrecht bewaldet. Fahnenbarsche umschwärmen den Gipfel. Schief, wie der Turm zu Pisa hängt der Korallenturm nach Süden über.

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