Leseprobe

aus Annette Fried/Joachim Keller: Die Morgenlandfahrer (Auszug aus dem III. Buch Das Ziel ist der Weg, erstes Kapitel Tor Nummer eins)


Ein Triumphbogen aus gelbem Basalt ist Symbol des Hafens von Bombay als Indiens Tor zur Welt und das Tor der Welt zu Indien. Noch heute wird die Hälfte des Außenhandels über die Flug- und Seehäfen der mit 15 Millionen Einwohner größten Stadt Indiens abgewickelt.
Auch für uns nur Durchgangsstation, mischten wir uns in das Menschengewühl des Apollo Bunder, von dessen Kais die Fähren zur Elefanteninsel verkehren. Der Flug nach Delhi ließ uns Zeit für eine Stipvisite an jenen beliebten Treffpunkt der Inder, der allabendlich zum Flanieren einlädt. Auf rollenden Ständen dampfen Erdnüsse und Dal fry, und in Blätterschälchen werden Stücke frischer Ananas und Papayas angeboten.
„Thumps up“, das Label der Zuversicht als Limonadenmarke – „Daumen hoch“ –, gilt für ganz Bombay, das mit seiner quirligen Geschäftigkeit und wirtschaftlichen Expansion immer mehr Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben anzieht. Auf der Reise zum Traumziel Wohlstand reicht das Geld nicht immer für eine Fahrkarte in die Innenstadt und endet bisweilen in einem der riesigen Elendsviertel am Rande der Metropole.
Und während die Slums von Bombay zu den traurigsten in Asien zählen, kostet das kaum zehn Zentimeter hohe englische Standührchen in der Auslage des Antiquitätengeschäfts eine Viertelmillion Rupien – umgerechnet 10.000 Mark. Zeit ist Geld in Bombay.
In derselben Auslage als feines Porzellan: Der geflügelte jugendliche Amor, Mittler zwischen Himmel und Erde, küßt die verjüngte Psyche wach. Göttliches und menschliches Geschick, Geist und Seele verbinden sich im liebenden Paar zum harmonischen Abbild von Schönheit.
Eine weit vom Ursprung entfernte Gestaltung der Vermählung von Himmel und Erde, Göttlichem und Sterblichem.
Das große Liebesepos endet triumphal:

Denn im Himmel sind die sel’gen Götter,
Doch in sel’gen Menschen ist der Himmel,
Ist der Himmel selbst mit allen Göttern.
In Bombay hat der kulturelle Brückenschlag zwischen Abend- und Morgenland längst stattgefunden.
In der angenehmen abendlichen Wärme durchschritten wir den Stadtteil Colaba, entlang an Mauerfluchten, über unbelebte Gehsteige zum Air India Building. Damen in Hochzeitssarees, begleitet von Herren in Smokings, kreuzten unseren Weg.
An der Bordsteinkante kauerten fünf Inder um ein kleines Feuer, auf dem ein Topf Reis brodelte. Als wir sie im Vorbeigehen grüßten, luden sie uns kurzerhand zum Abendessen ein.
„Mahapuran, thank you.“ – „Danke, wir sind vollständig zufrieden“, erwiderten wir auf die großzügige Geste.
Wenige Schritte weiter rasteten wir bei einem frisch gepreßten Zuckerrohrsaft im flackernden Schein einer Kerosinlampe. In gleichmäßigen Intervallen zuckte die Gasflamme über dem Strumpf gefährlich auf, was den Mann hinter dem hochrädrigen Karren nicht weiter irritierte.
Ein zwölfjähriges Mädchen machte mit seinen Blumenketten bei uns das letzte Geschäft des Tages. Mit der harschen Anweisung, keine Zeit zu vertrödeln, unterbrach die Mutter das sich gerade entwickelnde Gespräch zwischen dem Mädchen und uns. Die Tochter gehorchte sofort.
Kurzes Stehenbleiben hatte genügt, um eine Traube Bettlerkinder zu versammeln, die uns auf dem Weg zum Air India Building begleiteten. Es fiel uns leicht klarzustellen, daß sie unsere Aufmerksamkeit auch ohne beständiges Zupfen an unseren Ärmeln besaßen. Die professionellen Leidensmienen, mit denen sie der Innung alle Ehre machten, wichen nach und nach offenen, lachenden Gesichtern. Wir teilten mit ihnen unsere Bonbons und durchbrachen die vorgeprägten Interaktionsstrukturen, die immer nach dem gleichen Schema ablaufen: Das Bettlerkind hat den Auftrag, durch beharrliches Nachsetzen zum Erfolg zu kommen, während der westliche Reisende des ungebetenen Kontaktes möglichst schnell ledig sein möchte. Dieser klischeehafte Programmablauf macht üblicherweise keine der Seiten glücklich und ist dafür auch nicht gedacht.
Wir hatten Zeit – die beste Medizin gegen solche Verhaltensstereotypien. In einem Kauderwelsch von Englisch und Marathi informierten wir uns über die Geschwisterverhältnisse, und gestenreich wurden Alter und Namen ausgetauscht.
„Room, hä?“ war für ein zehnjähriges Mädchen von zentralem Interesse. Die Frage galt nicht dem Angebot auf Zimmervermittlung, sondern ob wir zu Hause ein Zimmer für uns besaßen. Wer so fragte, für den war eine solche Annehmlichkeit nicht selbstverständlich. Unsere Vermutung bestätigte sich, daß unsere kleinen Begleiter mit den Eltern ohne ein Dach über dem Kopf auf der Straße lebten.
Alle sieben Kinder im Schlepp, erreichten wir unser Ziel an der noblen Ecke von Madame-Cama-Road und Marine-Drive. Am Fuße des Bürogebäudes, wo wir am Schalter Tickets für den Airport-Bus erwarben, war alles zu sauber, die spiegelnden Marmor- und Glasflächen zu westlich und der Watchman zu uniformiert, um herumlungernde Bettler zu dulden. Doch daran verloren wir, bequem am Boden sitzend ins Spiel mit den Kindern vertieft, keinen Gedanken. Das kleinste der Kinder, das bereits auf dem Arm den Kopf kraftlos hatte hängen lassen, wurde vor ein paar Treppenstufen abgelegt, damit seine ältere Schwester die Hände frei hatte für das Klatschspiel und die Nachahmung von Elefanten. Krampfträchtige Verknotungen der Finger mit Lautuntermalung animierten zum Raten eigenwillig dargestellter Tierarten. Auch die drei Jungs der siebenköpfigen Gruppe tauten jetzt allmählich auf.
Der Wachmann tastete im mentalen Niemandsland zwischen Duldung und Pflichterfüllung nach Anhaltspunkten für ein reibungsloses Verhalten. In ihm kollidierten die Interessen eines Arbeitgebers, westlicher Kundschaft mit Respekt zu begegnen und die unmittelbare Umgebung von lästigen Eindrücken freizuhalten. Nachdem er offenbar zu einer Kompromißbildung gelangt war, schlenderte er unverbindlich an uns und den Kindern vorbei und beklopfte dabei dezent mit seinem Stock die Naht seiner Hose – eine Geste, die dem anderen nahelegt, sich zu trollen. Doch die Kinder bewegten sich wie in einem unsichtbaren Schutzrahmen zwischen uns. Nachdem er wenigstens Präsenz geübt hatte, zog sich der Wachmann hinter den Schalter zum Ticketverkäufer zurück, um mit diesem eine Zigarette zu teilen.
Jede kleine Spielpause des Unterhaltungsprogramms nutzten die Kinder, um sich der alten Rollenkonditionierung zu erinnern und nach Rupien zu fragen. Den Spielfaden verlängernd, folgten Sprechgesänge im Frage/Antwort-Stil, wo es die Aufgabe der Gruppe ist, die Verse des Vorsängers möglichst genau zu wiederholen. Besonders, wenn’s nicht gelang, war das Gelächter groß.
Zwei Inder hatten ihren Spaziergang unterbrochen, um das Treiben auf der Freitreppe aus einigem Abstand zu verfolgen und zu dem Schluß zu gelangen, daß ihnen die Szene mißfiel. Einer von ihnen trat heran, um sich, die Hände in den Hosentaschen, breitbeinig vor den Kindern aufzupflanzen. Doch die schienen ihn einfach zu übersehen. Neben seinem klaren Bewußtsein für Kastenunterschiede war nun überdies der Stolz des Mannes gekränkt, so daß er seiner Pose mit „Chello!“ Nachdruck verlieh. Das älteste der Mädchen bot Paroli, und in Kürze entwickelte sich ein verbales Pingpong mit zunehmender Heftigkeit zwischen den beiden ungleichen Kontrahenten. Als Annette auf die erhitzten Gemüter begütigend einzureden versuchte, trat auch schon der Watchman aus dem Hintergrund. Der hatte – zumindest für den Augenblick – sein Identitätsproblem gelöst und war sich sehr sicher, was er im Interesse seines Arbeitgebers für unschön zu halten gewillt war und aus den Augen haben wollte. Von der obersten Treppenstufe wies er die beiden Männer mit einer energischen Bewegung seines Stockes zum Weitergehen an. Deren versuchte Machtdemonstration fiel in Uniform auf sie zurück.
Von einem Straßenhändler, der einen ganzen Korb voll Leckereien auf dem Kopf balancierte, kauften wir Karamel-Nuß-Riegel für uns alle. Unserem Wunsch folgend, teilten die Älteren die Süßigkeiten gerecht auf. Und unversehens kauerten alle Kinder in einem Kreis am Boden. Die Stille verlieh dem Ganzen etwas Andächtiges. Alle schienen achtsam auf den Verzehr der kleinen Speise versammelt, die wertzuschätzen der Hunger sie gelehrt hatte.
Anfänglich eher reaktiv auf uns eingestellt, nahmen sich die Kinder mittlerweile den Mut für eigene Beiträge. Die Jungs versuchten uns mit ihren akrobatischen Kletterübungen zu beeindrucken, bis uns eine Tanzdarbietung angekündigt wurde.
Scheu trat ein sechsjähriges Mädchen in die Mitte. Sie unterschied sich in ihrer Kleidung und der Art, wie sie die Haare trug, von den anderen. Ihre Aufmachung war fraulicher als für ein indisches Kind üblich. Ihr Tanz war die einstudierte Choreografie einer Fiktion:
Zur Sinnenfreude entfacht, öffnet sich im Mondschein der Lotoskelch. Im Ritual der Entblätterung fällt vor dem inneren Auge die letzte Verhüllung, und der weibliche Körper windet sich in Lust entflammt unter den Blicken, die die Hüfte umklammern. Die Schultern erbeben in neckender Liebeswerbung. Das Kokettieren mit Schüchternheit und Laszivität zugleich gibt vor, zu mehr als einem Flirt einzuladen.
So jedenfalls wollte es das Drehbuch, dem das Mädchen gehorchte. Das ausdruckslose, starre Kindergesicht jedoch kontrastierte herbe mit dem süßlichen Erwachsenentraum. Die ganze Zeit über hatte der Blick des Mädchens an den Lippen der Sängerin geklebt, als könne es davon die nächste Tanzfigur ablesen. Mit dem Schluß der in Falsettstimme vorgetragenen Melodie hörte der Körper des Kindes auf, mit Proportionen zu locken, die es noch nicht besaß. Scheu flüchtete es hinter den Rock eines Mädchens in die Unauffälligkeit eines Anhängsels zurück. Mit der Präsentation dessen, was zum Handwerkszeug einer Kindprostituierten gehörte, war jegliches Spiel in der Not, zu gefallen, verlorengegangen.
Der Bus kam weder früh noch spät, denn wir hatten nicht in dem Sinne auf ihn gewartet. Bis der Bus ihren Blicken entschwand, winkten uns die Kinder nach.
Der Conductor kam mit seiner Fahrkartenkontrolle gerade bei einem der drei Schweizer an, die mit uns zugestiegen waren. Vornehmlich in Tourist Coaches unterliegt die Mitnahme von großem Gepäck einer zusätzlichen Gebühr.
„You have any luggage?“ – „Haben Sie irgendwelches Gepäck?“ erkundigte sich der Schaffner und nahm den ihm angebotenen 50-Rupien-Schein von dem Schweizer entgegen.
Ein Ja oder Nein hätte durchaus genügt, doch der Traveller sah sich durch die Frage zu umfangreicheren Ausführungen genötigt: Selbstverständlich habe er Gepäck; er befinde sich ja schließlich auf Reisen.
Darum ging es dem Schaffner nicht: „Ich will wissen, ob Sie irgendwelches Gepäck bei sich haben.“
„Aber ja doch! Warum denn auch nicht? Ich habe es im Schließfach auf dem Flughafen untergebracht.“
„Was interessiert mich Ihr Gepäck am Flughafen – ich will nur wissen, was Sie hier im Bus haben.“
„Na, das hier natürlich.“ Verärgert hielt ihm der Mann seine Umhängetasche entgegen, die ebensowenig Gegenstand der Verhandlungen war, wie das ominöse Schließfach.
„Und außerdem?“ hakte der Schaffner nach.
„Na, die ganzen Sachen im Flughafen! Ich hab doch gesagt, daß sie da eingeschlossen sind.“
Der Schaffner entzog sich vorübergehend dem Disput, indem er seine Kontrolle fortsetzte.
Durch dieses Verhalten fühlte sich der Reisende in seinen düstersten Befürchtungen bestätigt: „Hey, habt Ihr das gesehen?! Der hat tatsächlich meine 50 Rupien eingesackt. So viel kann doch die kleine Umhängetasche nicht kosten.“
Ungeachtet der gebremsten Proteststimmung in seinem Rücken, kassierte der Schaffner vorerst die anderen Fahrgäste ab – fünf Rupien pro Koffer oder Rucksack. Einen größeren Schein zunächst zu behalten, gehört durchaus zu den Gepflogenheiten der Busschaffner, bis genügend Wechselgeld beisammen ist, um herauszugeben.
„Was ist jetzt mit meinem Geld?“ insistierte der Tourist.
„Sie haben kein Gepäck im Bus?“ kam der Schaffner dem Drängen mit einer Suggestivfrage entgegen.
„Wie könnte ich, das ist doch alles am Flughafen! Wie oft soll ich noch…“
„Okay, okay“, wehrte der Conductor jede Fortsetzung der Erörterungen ab und reichte den Schein zurück.
In dem Gefühl, vollständig im Recht zu sein, setzte der Schweizer dem vermeintlichen Verlierer verbal nach: „Das war jetzt wieder einer ihrer Tricks. Sie verwickeln dich so lange in eine Diskussion, bis du das Wechselgeld vergißt und nicht einmal mehr weißt, wofür du überhaupt bezahlt hast.“
Der Schaffner brauchte kein Wort zu verstehen, um die Unterstellung, daß er – wie alle Inder – ein Halunke sei, zu erraten. Mit einem „Okay now?“ – „Reicht’s jetzt?“ baute er eine goldene Brücke zum Schweigen.

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