Leseprobe

aus: Vom "Still-Frust" zur Still-Lust
Autorin: Rosemarie von Kannen


"Sieben" ist meine persönliche Glückszahl
Erfahrungen mit Dorothee, geboren am 14.12.1990

Tobias war noch keine vier Wochen abgestillt, als ich mich, wie sollte es anders sein, erneut in guter Hoffnung befand. Meine Menstruation hatte sich zwar nicht eingestellt, jedoch mußte wohl nichtsdestotrotz klammheimlich ein Eisprung in meinem Innenleben stattgefunden haben. Nur damit das klar ist: Kinderzeugen lassen ist nicht mein einziges Hobby, und wir üben auch nicht öfter als andere. Es ist sogar so, daß ich zum Leidewesen meiner Ehehälfte meistens viel zu müde zum ... bin. Verständlich, oder? Ich werde nämlich schon schwanger, wenn der Ostwind etwas stärker bläst oder die Schwalben niedrig fliegen.
Außerdem, in unserer häuslichen Gemeinschaft steht es nun bereits sechs Männer zu vier Frauen. Es liegt doch auf der Hand, daß das nicht taugt. Schließlich sind wir ja nicht der Bundestag, und ich war immer schon für eine vernünftige Quotenregelung.
Aus diesem Grund suchten wir auch nur Mädchennamen aus, und in die engere Wahl kamen die Namen Dorothee und Sarah.
Als das Kind am 14. Dezember 1990, zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin das Licht der Welt erblickte, und ich es zum ersten Mal in Augenschein nahm, wußte ich sofort, es ist Dorothee. Nee, sie sah nicht nach Sarah aus.
Dorle wog 3.400 Gramm und war somit kein leichtes Mädchen. Gleichwohl unterschied sie sich von einem voll ausgetragenen Säugling nur insofern, daß sie auffallend müde und träge wirkte.
Wie gewohnt, stellte sich mein Milchfluß erst am dritten Tag nach der Geburt ein. Zu meinem Verdruß erwies sich die kleine Maus als äußerst trinkfaul. Schon nach wenigen Zügen pflegte sie einzuschlafen. Alle möglichen Versuche, sie zu wecken, brachten, wenn überhaupt, nur mäßigen Erfolg. Da sie zudem noch eine leichte Neugeborenengelbsucht entwickelte, wurde ihr eine Traubenzuckerlösung verordnet, die ich ihr nach jedem Stillen verabreichen sollte. Das Wiegen vor und nach der Fütterung der kleinen Säuger und die diesbezügliche Buchführung finde ich, wie immer, lästig. Dorothees schläfrige Trinkversuche während der ersten Tage an der Brust überstiegen nicht die kaum meßbaren Mengen von zehn bis 20 Gramm.
Viel lieber nuckelte sie an dem Fläschchen mit der Traubenzuckerlösung oder an dem Daumen. Meine Brüste, durch den Milcheinschuß aufs schmerzhafteste geschwollen, gierten nach der elektrischen Milchpumpe. Ohne zusätzliches Pumpen hielt ich es nicht aus, obwohl diese künstliche Nachfrage naturgemäß für weitere Überschußproduktion sorgte und auch die Warzen strapazierte. Trotzdem, anders wußte ich mir nicht zu helfen, und die Erfahrung hatte mich schließlich gelehrt, daß sich der Milchfluß mit der Zeit auf den gewünschten Level einpegelt.
Zwischenzeitlich zog selbst in unsere provinzmäßige Entbindungsklinik der Fortschritt ein, und einigen positiven Veränderungen wurde Einlaß gewährt. So befindet sich mittlerweile im Säuglingszimmer eine gemütlich und zweckmäßig eingerichtete Stillecke, wo sich zu jeder Tages- und Nachtzeit stillwillige Mütter treffen können. Jawohl, als Stillmutter wird man neuerdings nachts sogar geweckt, wenn sich das Baby meldet. Man sitzt dann in dieser Stillecke in geselliger Runde, die Babys oder ersatzweise auch schonmal die Milchpumpe saugen schmatzend an den Brüsten, und es wird reichlich Erfahrung ausgetauscht.
Im großen und ganzen sind die hier versammelten Mütter recht positiv zum Stillen eingestellt. Trotzdem gibt es immer wieder Frauen, die unter teilweise recht erheblichen Anfangsschwierigkeiten leiden.
So erinnere ich mich noch gut an eine junge Mutter - eine sehr zart gebaute Frau mit sogenannten Hohlwarzen, deren Geschichte ich an dieser Stelle erzählen möchte. Diese Frau hatte jedesmal große Schwierigkeiten beim Anlegen ihres kleines Sohnes. Es handelte sich um ihr erstes Kind, das sie mit einem Kaiserschnitt bekommen hatte. Der kleine Junge kriegte die Brustwarze nicht richtig zu fassen, und auch ein aufgesetztes Saughütchen führte nicht zum Erfolg.
Das versetzte den kleinen Mann in eine richtig miese Stimmung, die sich im Verlauf der Sitzung dann so sehr steigerte, daß er schließlich gar keine Lust mehr auf Mamas Milch verspürte. Die Brüste der Ärmsten waren nun schon sehr gestaut und schmerzten schlimm. Also führte kein Weg an der Milchpumpe vorbei.
Da saß sie nun und hatte vor Schmerzen die Tränen in den Augen stehen. Ihre Brustwarzen waren so sehr strapaziert, daß neben der abgepumpten Milch auch reichlich Blut floß. Etwas derartiges hatte ich vorher noch nicht gesehen. Leider besserte sich ihr Zustand trotz kühler Umschläge und Quarkauflagen nicht.
Im Gegenteil, die Brüste stauten immer mehr, weil der kleine Junge diese inzwischen so konsequent ablehnte, daß der jungen Frau nichts übrig blieb, als zu pumpen.
Die junge Mutter entschied sich am siebten Tag, kurz vor ihrer bevorstehenden Entlassung aus dem Krankenhaus, schließlich fürs Abstillen, denn ihre Brustwarzen sahen immer noch derart malträtiert aus als hätten Piranhas daran geknabbert. Obwohl ich aus guten Gründen zu einer vehementen Vertreterin für das Stillen avanciert bin, konnte ich diese Frau sehr gut verstehen. Ganz ehrlich!
Als alte Lästertante belächele ich bekanntermaßen ja gerne die Fertigmilchnahrung. Jedoch ist es nicht von der Hand zu weisen, daß es in der heutigen Zeit zum Teil sehr gute Ersatznahrung für unsere Babys gibt, so daß sich Mutter und Kind solche Quälereien - die bei aller Euphorie nicht wegzuleugnen sind - ersparen können.
Doch nun zurück zu Dorothee und mir.
Nun saß ich also am vierten Tag da, mit prallgefüllten Brüsten, und Dorothee mümmelte noch immer recht unlustig an der ihr dargebotenen Fülle herum. Wie gewohnt, schlief sie während des Stillens ein und war durch nichts wachzukriegen. Auch die gutgemeinte Empfehlung der Kinderschwester, das Kind zwischendurch am Kinn oder an den Bäckchen zu knuffen oder frisch zu wickeln und es dann erneut anzulegen, brachte bei Dorothee keinen Erfolg. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die nun im Überfluß vorhandene Milch weiterhin abzupumpen und in Fläschchen zu füllen - für alle Fälle.
Dort ruhten sie dann solange im stationseigenen Kühlschrank, bis ich sie wegschütten mußte, weil es am Bedarfsfall ebenso sehr mangelte wie an Stellplatz.
Dorothee trank vom vierten Tag an pro Mahlzeit nie mehr als 30, höchstens jedoch 40 ml. Versuche, ihr zusätzlich noch etwas Muttermilch aus der Flasche zu füttern, scheiterten regelmäßig, so daß ich auf weitere Experimente verzichtete. Sie verlor bis zum fünften Tag nach ihrer Geburt noch regelmäßig an Gewicht (insgesamt 280 Gramm).
"Nur keine Panik", sprach ich mir Mut zu, "wenn ich mit dem Kind erst zu Hause bin, wird sich alles zum besten regeln." Hatten nicht die Erfahrungen in der Vergangenheit den Beweis erbracht? Dorothee würde genau so prächtig gedeihen, wie ihre Geschwister.
Am 20. Dezember konnten wir nach Hause entlassen werden, wo die Vorbereitungen zum bevorstehenden Weihnachtsfest meiner harrten. Das Fest würde unseretwegen nicht verschoben werden, und der Streß nahm seinen Lauf. Tim und Tobias empfingen uns beide mit fieberglänzenden Augen und einem fürchterlich bellenden Husten, der nichts Gutes verhieß. Wie, um alles in der Welt, sollte ich Dorothee vor einer Ansteckung bewahren, fragte ich mich, denn die Viren oder Bakterien mußten zwangsläufig in Massen durch die Luft segeln. Zwar bot die Muttermilch einen gewissen Nestschutz vor einigen schlimmen Kinderkrankheiten, ob dies jedoch auch bei grippalen Infekten zutraf, wußte ich nicht.
Einen Tag vor Heiligabend war es dann offensichtlich - Dorothee hatte sich angesteckt. Sie hustete, und wie jeder weiß, ist eine Bronchitis für ein Neugeborenes nicht nur äußerst quälend, sondern auch gefährlich, weil daraus nicht selten eine Lungenentzündung entsteht. Am schlimmsten fand ich, daß sie, bedingt durch die Hustenanfälle, nach dem Stillen stets große Milchmengen erbrach.
Damit nicht genug, denn am frühen Morgen des ersten Weihnachtstages bemerkte ich beim Wickeln, daß sich an Dorothees Steißbein eine erbsengroße blaurote Geschwulst zeigte, die ihr offenbar auch Schmerzen bereitete.
Bereits in der Entbindungsklinik hatte ich die Schwestern und den Kinderarzt auf eine kleine, kaum spürbare Erhebung an Dorothees Steißbein aufmerksam gemacht. Dort meinte man jedoch, es liege nichts Behandlungsbedürftiges vor, es handele sich vielmehr um einen kleinen Knorpel, der mit der Zeit, wenn das Kind erst mehr Fettansatz habe, nicht mehr zu bemerken wäre.
Jedenfalls war innerhalb von wenigen Tagen aus dem kleinen Knorpel dieses blaurote Geschwür entstanden, das mich nun in Angst und Schrecken versetzte. Während in anderen, normalen Familien der Gänsebraten zwischendurch mit Fett begossen wurde, suchten wir umgehend den notdiensthabenden Kinderarzt auf, während die Großeltern die noch immer erkältete Kinderschar einhüteten.
Der Arzt besah sich das Geschwür "Es handelt sich hier um einen Steißbeinabzeß, der operativ entfernt werden muß, falls dieser nicht innerhalb von 24 Stunden auf eine Abszeßsalbe anspricht. Der Husten von Ihrer Kleinen gefällt mir aber auch nicht. Da müssen wir einen Penicillinsaft verordnen," sagte er und wiegte besorgt seinen Kopf. "Morgen früh kommen Sie mit dem Kind in die Praxis. Dann sehen wir weiter."
"Es wäre ja auch zu schön, wenn zur Abwechslung mal alles glatt liefe ", dachte ich mir, "genau so habe ich mir Weihnachten vorgestellt."
Also hoffte und betete ich darum, daß der Abszeß durch die Salbenbehandlung aufbrechen würde.
Dorothee zeigte indessen wenig Appetit, wirkte im ganzen kränklich, und wurde immer wieder von Hustenanfällen gebeutelt. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, fühlte mich selbst durch die Geburt nicht gerade in Hochform und merkte, daß die in der Familie grassierende Influenzawelle auch an mir nicht spurlos vorüberziehen würde. Negative Gedanken durchzogen mein Gemüt - mußte Dorothee womöglich stationär ins Krankenhaus? Was wäre dann? Ich würde das Kind schon wegen des Stillens nicht alleine lassen können, und was wäre dann mit dem Rest der Familie? Sie alle brauchten mich doch.
Dorothees Abszeß war über Nacht nicht aufgebrochen. Im Gegenteil - er hatte sich noch vergrößert.
Beim Kinderarzt erhielten wir die Einweisung in die Uni-Klinik.
Wir sollten uns unverzüglich mit dem Kind dorthin begeben, hieß es. Das Geschwür würde ambulant entfernt werden.
Dorothee litt, obwohl der Abszeß örtlich betäubt wurde, während des Ausschneidens ganz fürchterlich unter Schmerzen. Sie schrie wie am Spieß. Ich versuchte unterdessen, sie durch Streicheln und Zureden zu beruhigen. Mehr konnte ich nicht tun. Ich fühlte mich hilflos. Man sagte uns, Dorothees Wunde müßte während des Heilungsprozesses nun täglich im Klinikum versorgt werden. Dies könne ohne weiteres ambulant geschehen. Noch während dieser Absprache hatte Dorothee einen schlimmen Hustenanfall, der den Ärzten dann plötzlich wesentlich größere Sorge zu bereiten schien. Man legte mir nahe, das Kind doch besser stationär behandeln zu lassen.
Mir graute vor einem erneuten Krankenhausaufenthalt, und ich wollte meinem Kind eine zehn Tage dauernde intravenöse Behandlung mit Antibiotika ersparen. Nach einigem Hin und Her einigten wir uns dahingehend, daß Dorothee zunächst weiterhin oral mit Penicillin behandelt werden sollte.
Bis einschließlich Neujahr suchten wir dann täglich die 40 Kilometer entfernt gelegene Universitätsklinik auf, um Dorothees Steißbeinwunde verbinden zu lassen. Die Vormittagsstunden waren somit durch die Fahr-, Warte- und Behandlungszeit voll verplant. Glücklicherweise mußte ich keine vorbereiteten Fläschchen mitnehmen - die Brust war immer parat und enthielt automatisch wohltemperierte Nahrung.
Dorothee reagierte auf das Penicillin mit sehr wässerigen Stühlen. Außerdem nahm sie innerhalb ihrer ersten vier Lebenswochen nur 100 Gramm an Gewicht zu. Zum Glück besserte sich ihre Bronchitis verhältnismäßig rasch, und an den Abszeß erinnerte bald nur noch eine kleine Narbe.
Dorothee erwies sich, nachdem sie sich gesundheitlich auf dem Weg der Besserung befand, als ein genügsames kleines Mädchen.
Es stellte für mich eine völlig neue Erfahrung dar, daß meine Tochter die Brust als Trostspender ablehnte und nur dann zugriff, wenn die nächste Mahlzeit fällig war. Sie trank im zeitlichen Abstand von drei bis vier Stunden rund um die Uhr. Dazwischen lutschte sie verliebt an ihrem Daumen.
Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, daß sie die Brust eher gnädig hinnahm, so nach dem Motto: "Schmeckt zwar nicht besonders, aber immer noch besser als gar nichts!" Ich stillte Dorothee vier Monate voll, und weil ihr Interesse an dem, was ihre Geschwister zu sich nahmen, so groß war, ließ ich sie zwischendurch immer mal kosten. Es stellte sich heraus, daß ihr kleiner Magen schon allerhand Abwechslung vertrug.
So kam es, daß Dorothee die Brust immer häufiger ablehnte und handfestere Speisen bevorzugte. Ich kochte die Mittagsmahlzeiten nun wieder babygerechter, d. h. viel Gemüse und Kartoffeln und wenig Salz. Mit einem halben Jahr frühstückte Dorothee bereits eine Scheibe Weißbrot mit Butter, mittags aß sie dasselbe wie ihre älteren Geschwister, zwischendurch einen Keks und vielleicht auch mal die Brust, und am Abend bevorzugte sie einen Milchbrei.
Nachts wollte sie manchmal noch gestillt werden, wenn sie es nicht gerade vorzog, an ihrem Daumen zu lutschen. Mit exakt sieben Monaten jedoch rührte Dorothee meine Brust nicht mehr an. Wenn ich sie anlegen wollte, drehte sie den Kopf zur Seite und schob sich mit ihren kleinen Patschehändchen energisch von mir weg. Sie hatte sich selbst abgestillt mit einer Konsequenz, die mich zwar anfänglich überraschte, mich aber dennoch weder verletzte oder kränkte. Es war ihre Entscheidung, und ich mußte dies akzeptieren. Dorothee entwickelte eben schon recht früh Persönlichkeit, und das konnte ihr schließlich nicht zum Nachteil gereichen. Meine Brust verkraftete das Abstillen problemlos. Dorothee hatte schon mehrere Wochen vor ihrer letzten Brustmahlzeit kontinuierlich weniger getrunken, so daß sich auch meine Menstruation erstmals wieder einstellte, als sie noch nicht ganz fünf Monate zählte. Die Milch bildete sich auf so sanfte Weise zurück, daß ein Nachpumpen nicht erforderlich wurde. Den üblichen leichten Spannungsschmerzen, die während der folgenden Tage hin und wieder auftraten, rückte ich gewohnheitsgemäß mit kühlen Umschlägen zu Leibe.
Trotzdem schien mir Dorle mit ihren sieben Monaten noch zu jung, um schon gänzlich auf Milchnahrung zu verzichten.
Auch der Kinderarzt vertrat die Ansicht, daß sie wenigstens eine Flasche à 250 ml täglich zu sich nehmen müßte. Sämtliche Versuche, ihr den Nuckel eines Fläschchens schmackhaft zu machen, verliefen jedoch fruchtlos.
Sie hatte auch nie Tee aus der Flasche genommen, sondern bereits im zarten Alter von viereinhalb Monaten Tee und Saft aus einer Lerntasse getrunken. Also gab ich ihr über den Tag verteilt ihre Ration Milch aus der Tasse - dafür befriedigte sie ihr Lutschbedürfnis weiterhin an ihrem Däumchen.
Ihr erstes Zähnchen brach übrigens zwei Wochen nach dem letzten Stillen durch.

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