Leseprobe

aus Simon Gryn: Gottes Kinder werden erwachsen. Sachbuch
(Ausschnitt aus dem 8. Kapitel „Philosophie der Gotteserkenntnis“)


Wer Gott sucht, hat ihn bereits gefunden.
Graham Greene

Im Sinne des vorangestellten Mottos wollen wir in diesem Kapitel Klarheit darüber erlangen, wie jeder Mensch seinen Gott erkennen kann. Die einfache Aussage dieses Mottos macht schon deutlich, daß die Suche nach Gott immer erfolgreich ist. Dennoch wollen wir auf philosophische Weise – d.h. mit dem Bestreben, „das Ganze zu denken“ – dieses Thema tiefergehend beleuchten.
Philosophie ist das Forschen nach dem „wahren“ Wissen, nach der Erkenntnis des Wesens und Zusammenhangs aller Dinge. Philosophie richtet sich auf das Ganze der Wirklichkeit; sie ist im Prinzip theoretische Erkenntnis. Ein solcher Weg des „Suchens nach wahrem Wissen“ ist für alle Bereiche des Lebens anwendbar und auch für unser Lebensverständnis notwendig. Deshalb nähern wir uns auch unter Zuhilfenahme bestimmter Fragestellungen dem Ziel, unseren Gott zu entdecken. Gleichzeitig möchten wir uns dabei eine Vorstellung verschaffen von einem gemeinsamen Leben mit Gott.

Erste Frage: Wer oder was ist Gott?
Es ist wahrscheinlich die in dieser Form am schwersten zu beantwortende Frage. Wir können Gott nicht direkt erkennen, wir können uns seiner nur an dem bewußt werden, was er bewirkt hat, immer noch bewirkt und ewig bewirken wird. Es ist ein Effekt, wie er z.B. beim Werfen eines Steines ins tiefe Wasser auftritt: Den Stein bekommen wir nicht wieder zu Gesicht, erkennen aber noch lange die Auswirkungen dieses Steinwurfs auf seine Umgebung, die konzentrischen Wasserringe. Der Stein hat etwas bewegt.
Dieses „Bewegen“ erinnert an die aristotelische Metaphysik. Sie handelt von Gott als dem „Ersten Beweger“, der alle anderen Bewegungen in dieser Welt bewirkt.
Wenn wir Gott auf philosophischer Basis wahrnehmen und deuten wollen, müssen wir uns das vor Augen führen, was wir über ihn wissen. Natürlich wissen wir auch dieses nur deshalb, weil es die „Erfahrungen“ vieler Gottessucher widerspiegelt. Zählen wir einmal auf, was uns bei dem Nachdenken über Gott in den Sinn kommt:

1. Gott ist allmächtig (omnipotent): er kann alles bewirken.
2. Gott ist allgegenwärtig (omnipräsent): er ist zu jeder Zeit überall.
3. Gott ist allwissend (omniszient): er weiß und kennt alles.

Das zusammen genommen bedeutet, daß Gott außerdem

4. omnikompetent, d.h. für alles fachkundig und zuständig ist.

Sein Geist – er ist „Der Geist“ – ist auch in uns verkörpert als das erste Prinzip unseres Seins. Durch seinen Geist schafft er unser Leben. Er schuf jeden von uns, und zwar nicht nach seinem Ebenbilde – wie so oft fehlinterpretiert wird –, sondern nach seiner Vorstellung, seiner Idee. Sein Gesetz schuf auch bei uns anteilig drei Prinzipien unseres Seins:

1. das erste Prinzip: unseren geistigen Anteil,
2. das zweite Prinzip: unsere unsterbliche Seele,
3. das dritte Prinzip: unseren materiellen Körper mit der zur Funktion fähigen Struktur.

Damit verwirklicht sich Gott auf Erden – und zwar einzig in der Form unserer irdischen Existenz. Diese Art des Seins bietet uns ein perfektes Spektrum von Möglichkeiten und gibt gleichzeitig Gott daran einen Anteil. Gott selbst kann nämlich ohne uns, ohne seine Menschenkinder, den Zustand dieses irdisch–körperlichen Lebens nicht direkt erfahren.
In der Verbindung Gottes mit uns Menschen ergeben sich also für Gott besondere Möglichkeiten, die er ohne seine Geschöpfe nicht hätte:

1. Gott kann mit uns ein geistig verarbeitetes Leben in materieller Form miterleben, wie es in der rein geistigen Welt der Eins (im Bereich Gottes) nicht möglich ist,
2. Gott kann ein beseeltes Leben seiner Geschöpfe durch ständige Verbindung mit den von ihm geschaffenen Wesen erfahren,
3. Gott kann dabei sein, ob und wie seine Kinder den Weg der Bindung an ihn erkennen und leben,
4. Gott kann körperliches Leben in einem Organismus kennen lernen, in welchem der geistig–seelische Komplex dem dreidimensionalen funktionalen Bereich des Lebendigen seinen Ausdruck verleiht.

Der beseelte menschliche Geist erlaubt die Erkennung und Ausgestaltung des nur implizit im Menschen vorhandenen Lernauftrages. Diese Ausprägung ist individuell und gebunden an die – möglicherweise verschiedenen Inkarnationen – erworbenen Reifegrade.
Hinzu kommt die Fortentwicklung des göttlichen Systems „Menschheit“ zu allgemeiner Reife und zum Erwachsenwerden: Gottes Kinder werden erwachsen.
In diesem Sinne können wir auch verstehen, daß Religion im Grunde verstanden werden kann als die

Rückbesinnung auf Gott, auf die Eins, auf das erste Prinzip (Geist).

Durch bewußte Religiosität können wir erleben, wie wir unsere Aufgaben erkennen, die wir in dieser materiellen Welt haben, und daß wir in Erfüllung unseres „Weges als Ziel“ immer als einzig Zuständige an unserer eigenen Vervollkommnung arbeiten.
Wenn wir erst einmal begriffen haben, daß Gott die Eins ist, und daß er uns in den Zustand der Zwei eigenverantwortlich entlassen hat, dann kann der Rückruf zu ihm (zur Eins) nicht in der Hölle enden. Es gibt keine Hölle, sie kann höchstens in uns entstehen im Rahmen einer fehlgeleiteten Zwei–Existenz; dann tragen wir sie durch unser eigenes Versagen in uns.
Aber, was hat es ansonsten mit dem Glauben an Teufel und Hölle auf sich?

Seit den Zeiten der Finsternis in Denken und Bewußtsein der Menschen existiert in den Köpfen der Völker der Begriff „Hölle“ als Heimstatt des Teufels. Ebenfalls seit diesen Zeiten ist das Bedrohliche der Hölle als Ort der Finsternis und ewigen Verdammnis ein vorzügliches Druckmittel der Priester der jeweiligen Religion.
Und was hat es mit dem Teufel auf sich? Er und seine Absichten werden als widergöttlich bezeichnet. Er soll also angeblich der Gegenspieler Gottes sein, der nach der Überlieferung gemäß apokryphen Quellen als der von Gott abgefallene oberste Engel mit Namen Luzifer gilt. In der christlichen Auffassung gilt er als Fürst der Hölle, als Widersacher Gottes, der mit Gott um jede Seele kämpft. Was will der Teufel eigentlich mit diesen Seelen? Im Grunde ist nur „bekannt“, daß er sie in seinen Machtbereich ziehen will – und dann?
Die Vorstellung vom Teufel ist zum Bereich des Aberglaubens an Geister und Dämonen zu rechnen. Dieser Komplex stammt aus archaischen Zeiten und gehört zu den frühen mystischen Glaubenslehren. In unsere Zeit paßt der Teufel samt Hölle Gott sei Dank nicht mehr hinein.
Interessant ist, daß nach heutigen offiziellen Äußerungen der katholischen Kirche diese den Teufel als dualistische Einrichtung zu Gott nicht akzeptiert. Sie geht davon aus, daß selbst der Teufel als Geschöpf Gottes gut ist und die Sünde eine Tat des freien Willens der Menschen ist. Das ähnelt im Grunde den vorstehenden Betrachtungen über Gott als die Eins, die per Definition ohne zweiten Pol ist. Dadurch kann der Teufel nicht als Widerpart zu Gott – sozusagen als Kehrseite der Medaille – existieren.
Dennoch wurden Vorstellungen von der Hölle mit ihren unerträglich bestialischen Dauerqualen seit jeher in düstersten Farben geschildert und mit extrem realistischen bildlichen Darstellungen zur anschaulichen Drohung ausgestaltet. Die Idee war es, daß jeder „Fehler“ im diesseitigen Leben registriert und am Tage der Abrechnung, am Tag des Jüngsten Gerichtes, unbarmherzig geahndet würde.
So mußte es das Ziel des gläubigen Menschen sein, in diesem Leben nur ja keine Fehler zu machen oder gar Sünden zu begehen, um nicht in der Hölle zu landen. Was Sünde war, wurde von den Machttheoretikern der Kirchen akribisch dargestellt und als für alle verbindlich festgelegt. Auch Art und Stärke der jeweiligen Strafe wurden katalogisiert.
Die durch die jeweilige Priesterschaft aus den geschilderten Zweckmäßigkeitsgründen geschürte Angst vor Teufel und Hölle hätte niemals bei den einfachen Menschen solch große Wirkung gehabt, wenn die Kirchen und ihre Glaubensanhänger sich an die Gebote des Alten Testamentes gehalten hätten.
Bekanntlich besagt das Abbildungsverbot im 2. Buch Mose 20:

(2) Ich bin der Herr, dein Gott …
(3) Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
(4)
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:
(5)
Bete sie nicht an und diene ihnen nicht …

Dieses Gebot ist – oft verkannt – eine der wichtigsten und weisesten gottbezogenen Forderungen. Die Einhaltung dieser Vorschrift hätte den Menschen vielleicht schon frühzeitig den Zugang zur geistigen Dimension Gottes ermöglichen können und Konstruktionen mit einem „vermenschlichtem“ Himmel, mit Bildern eines menschenähnlichen Gottes und seines himmlischen Herrschaftsbereiches wären unterblieben.
Gleichzeitig wären auch Darstellungen von Hölle und Teufel gar nicht erst entstanden, da sie ja der gleichen Vorschrift des Abbildungsverbotes unterliegen. Aber, die Unterdrückung von Wahrheit und die Behinderung der Glaubenden im Zugang zur Wahrheit verhinderte leider bisher ein Erwachen der Menschen zu mehr Klarheit.
Denken wir hinsichtlich des Verbotes der Abbildung (nicht abbildbarer Zusammenhänge) einmal an das übliche Szenarium:

Gott als freundlicher älterer Herr mit weißem, wallenden Gewand,
langem weißen Haar und Bart, und gleichzeitig (nicht abgebildet):
Gott als zürnender, eifersüchtiger, eifernder und strafender Gott.
Engel und sonstige himmlische Heerscharen als Mitarbeiter Gottes,
ebenfalls in langen weißen Gewändern, ausgestattet mit Flügeln.
Petrus an der Himmelspforte mit großem Schlüssel und dickem Buch
als Verwalter der Menschenakten, in denen alles vermerkt ist, und der
über den jeweiligen Zutritt entscheidet: Himmel oder Hölle.
Der Thron, auf dem Gott (und zu allem unmöglichen Überfluß im Bereich der Eins!) Jesus und der Heilige Geist und offenbar in der Nähe dazu auch noch Maria als
Gottesmutter bzw. Himmelskönigin sitzen und regieren.

Ist der Begriff „regieren“ eigentlich göttlich? Verträgt sich der Bedarf an Heerscharen mit dem geistigen Prinzip der Eins? Oder zeigt auch das nur wieder deutlich, wie vermenschlicht die Vorstellung von Gott und seiner „Regierungszentrale“ durch diese nur menschenüblichen Zutaten wurde?
Die Angst vor Fehlverhalten bedrückte viele Menschen in den letzten zweitausend Jahren in den Armen der christlichen Kirche – und das trotz der angeblichen generellen Sündenvergebung für die gesamte Menschheit durch Jesus den Christus. Gerade die Kirche hat für das dumpfe Angstempfinden der damaligen Menschen das Höllenbild zum Machtmittel ausgebaut und zur Begründung und später zur Festigung ihres Machteinflusses benutzt.
Außerdem schuf sich die Kirche durch die Angst ihrer Anhänger eine ansehnliche Finanzierungsquelle, z.B. durch das Versprechen, man könne durch kirchliche – nicht durch göttliche – Gnade bisherige Sünden auslöschen.
Dieses Anrecht konnte man kaufen. Sogar bereits Verstorbene konnten durch einen solchen käuflichen Akt der Befreiung von den Höllenqualen erlöst werden. Es war das Instrument des Ablasses. Das Motto des prominentesten Ablaßverkünders Tetzel lautete:

Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt.

Ein solches Vorgehen vor dem Hintergrund der christlichen Religionslehre kann man nur als Chuzpe, als infame Unverschämtheit bezeichnen. Durch diese Methode bekam die Kirche immer noch mehr Einfluß, und vor allem sehr viel Geld, und wurde damit noch reicher und mächtiger. Die „sündigen“ Menschen empfanden eine Erleichterung ihrer ständigen Angst vor dem Göttlichen Gericht durch diese Versprechungen der Kirche. So war durch Zahlung des Ablasses scheinbar allen geholfen.

Die Hölle und ihr Höllenfürst, der Teufel, wurden zur Motivationshilfe für die Menschen, ihr Heil in der christlichen – der allein selig machenden – Kirche zu suchen. Das hat lange Zeit – eigentlich bis ins vorige Jahrhundert – gut funktioniert. Die Drohungen mit den Qualen der Hölle wurden angewendet, um das Wohlverhalten auf Erden zu erzwingen. Im Falle der Widersetzung mußte Gewalt angewendet werden, die sozusagen als irdisches Straforgan Gottes wirken sollte. Dafür wurde das Instrument der Inquisition geschaffen. Durch diese Einrichtung wurden Menschen zu Tausenden gequält, mißbraucht und grausam getötet, um die Führerschaft der Kirche zu stärken und ihre Machtposition unangreifbar zu machen.
Und das alles geschah, weil diese Menschen angeblich Ketzer waren, die mit den Maximen der Kirche nicht übereinstimmten, sondern mit dem Teufel im Bunde waren, Hexerei und die Verbreitung von Ketzerei betrieben und damit strafwürdige Glaubensabtrünnige waren.
Alles das, was diese unglücklichen Menschen für oder durch ihre Religion erlitten haben, war unnötig und überflüssig, denn es gibt die Hölle als Widerpart zu Gott nicht und es kann sie auch nicht geben. Hölle und Teufel sind von Menschen zum Zwecke der Unterjochung erdachte Einrichtungen.
Wenn wir den Verkündigungen des christlichen Glaubens folgen, so hat doch Jesus, der Christus, durch seinen Opfertod die Menschheit von ihrer Sünde erlöst und Gott dadurch gnädig gestimmt. Eine solche Erlösung müßte doch eigentlich dazu geführt haben, daß diese Christusgläubigen ein angstfreies Leben führen und im Sinne der göttlichen Schöpfung frei sein können für ein selbst verantwortetes Dasein, das sie unbehelligt von den Gefahren der Finsternis im Bewußtsein ihrer alleinigen Verantwortung vor Gott leben läßt.
Im Neuen Testament stehen aber Drohungen – im Widerspruch zur christlichen Rettungstat für die Menschheit. Wir erfahren dort, auf welche Art dieser Christus an der Göttlichen Gerichtsbarkeit beteiligt ist und wie er im Jüngsten Gericht verurteilen und strafen wird. Wie paßt das zur Aussage, daß Christus für die fehlgeleitete Menschheit den Tod am Kreuze auf sich genommen hat, um die Schuld dieser Welt zu sühnen?
Wir lesen darüber bei Matthäus 25:

(31) Wenn aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird, und alle Engel mit ihm, dann wird er auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen,
(32) und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, so wie ein Hirt die
(33) Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken.
(34) Da wird dann der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, erbt das Reich, das euch vom Anfang der Welt an bereitet ist!

Und weiter lesen wir (ebenfalls bei Matthäus 25):

(41) Dann wird er zu denen zur Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.

Und ohne Trost endet dieses Kapitel vom Weltgericht mit den Worten:

(46) Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Aber, wer sind die Gerechten und was macht sie dazu? Kann es Gerechte im gotterfüllten menschlichen Leben überhaupt geben? Ist es denn Aufgabe der menschlichen Entwicklungsphase auf dieser Erde, „Gerechte“ heranzubilden? Ein solcher Anspruch ist nicht nachzuvollziehen.
Kehren wir wieder zurück zu den Konstruktionen des „Dunklen“.
Auch in der Offenbarung des Johannes wird der Teufel häufig genannt und große Anstrengung des Guten sind nötig, um den Teufel – und sei es auch nur für tausend Jahre – zu bannen und ihn damit vorübergehend unwirksam werden zu lassen.

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