Leseprobe
aus Walter Braun: Das Saturn-Prinzip. Mental-Ratgeber (Auszüge aus dem Vorwort und der Einleitung)
VORWORT
Im seelischen Dauertief
„Manche glauben, ein normaler Mensch sei einer, der immer glücklich ist. Leben hat wenig mit Glück zu tun – schon das Zahnen macht das Kleinkind nicht eben glücklich.“
(Moshé Feldenkrais)
Niemand mag gerne Beschränkungen. Wir alle wollen beständig mehr – mehr Geld, mehr Spaß, mehr Schönheit, mehr Sex, mehr Sicherheit. Warten, Verzögerungen, Niederlagen empfinden wir heutzutage als schier unzumutbar. Lassen wir in dieser Frage einmal jegliche Moral und ökologischen Bedenken beiseite und konzentrieren uns auf den Hausverstand, der da sagt: Ständiges Wachstum ist unmöglich. Nicht von ungefähr folgten im Alten Testament unweigerlich auf sieben fette sieben magere Jahre. Seit wir dank wissenschaftlicher Erkenntnisse unsere materielle Umwelt immer besser kontrollieren können, sind wir zwar gegen biblische Plagen wie Dürre, Heuschrecken und Überschwemmungen einigermaßen gewappnet. Aber bloß weil unsere Nahrungsmittelproduktion teilweise wetterresistent geworden ist, bedeutet dies nicht, dass unser individueller Lebensweg frei von Niederschlägen ist. Der rhythmische Zyklus von Ausdehnung und Kontraktion trifft jeden lebenden Organismus, auch ganze Gesellschaften. Doch wir platzen vor Ungeduld, wenn wir nur wenige Minuten auf einen Zug warten müssen.
Solange wir in unsere Wachstumsfantasien verbissen sind und den fälligen Preis leugnen, ist keine innere Ruhe erreichbar. Ein fortwährendes Ich–will–mehr schafft Begehrensstress, Erreichensstress, Übersättigungsstress. Da wir keinen angeborenen Maßstab haben, tendieren wir dazu, unser Guthaben mit jenem der Mitmenschen zu vergleichen – ein Garant für lebenslanges seelisches Dauertief. Selbst auf zellulärer Ebene sind wir mit ungehemmten Wachstum nicht gut bedient (Krebswucherungen). Sobald es um den Geist bzw. unser Innenleben geht, ist uns das Schranken setzende Gleichgewichtsprinzip recht lästig.
Mit einem Mal ist unser konkretes Dasein nicht mehr gut genug. Wenn sich die Zahl und Qualität der Sinneseindrücke und Erlebnisse nicht mehr steigern lässt, muss Alkohol oder Kokain her … damit wir in selbst geschaffener Grandiosität schwelgen können. Ein Tag der Stille, an dem absolut nichts geschieht – und wir rasten aus, drehen uns im Kreis wie ein Köter, der sich in seinen Schwanz verbissen hat. Abgesehen vom Preis, den dabei Körper und Seele zahlen, rückt die wahre Lösung auf diese Weise immer weiter in die Ferne. Das lebensgefährdende Maß an Stress, das wir uns freiwillig aufgebürdet haben, verlangt nicht nach Wohlfühlkursen im Luxushotel oder Yoga zur Leistungssteigerung, sondern nach einer entscheidenden Antwort: Wie kann ich haltbaren inneren Frieden gewinnen?
Der hedonistische Zeitgeist hält Bequemlichkeit und Genuss für die einzig wahren Ziele im Leben. Das macht uns aber umso anfälliger gegenüber den unvermeidlichen „Begleiterscheinungen“ wie Leid, Alter, Schmerzen. Es braucht eine gewisse Stärke und Härte, diese Wechselfälle des Lebens gelassen hinzunehmen und die innere Freiheit zu bewahren. Die Pseudo–Spiritualität, die am New Age–Marktplatz feilgeboten wird, hilft da wenig – sie ist bloß Teil der gigantischen Fühl–dich–gut–Branche. Nicht Erkenntnis und seelische Befreiung ist deren Ziel, sondern bessere Anpassung an den Konsum–Hype.
Im Falle des Körpers leuchtet uns ein, dass nährende und aufbauende sowie zersetzende und abbauende Kräfte fein ausbalanciert sein müssen. Was macht es so schwer, dasselbe Prinzip im Geistig–Seelischen zu akzeptieren? Leiden ist nicht weniger real als Freude, nicht weniger Bestandteil des Lebens als Erfüllung. In der Welt der Mythologie erhielten die ungeliebten Hindernisse im Leben die Bezeichnung Chronos/Kronos (Griechenland), Saturn (im alten Rom) oder Shani (Indien). In den uralten Mythen liegt Wissen und heilende Kraft gespeichert (zur Veranschaulichung wird der bekannteste Saturn–Mythos Indiens im 13. Kapitel nacherzählt). Symbole und Erzählungen finden kaum noch Platz in unserer profanen Welt … aber tief drinnen haben wir Sehnsucht nach Erklärungen für „letzte Fragen“, auf die die Wissenschaft niemals Antworten finden kann.
Im Folgenden soll jene Kraft, die uns zwingt, im Leben Maß zu halten, Kräfte zu konzentrieren, Unnötiges und Überkommenes auszuscheiden, als SATURN–PRINZIP bezeichnet werden. Ohne Grenzen setzende Kräfte gäbe es letztlich keine echte Erneuerung. Keine Weisheit. Ohne Tod wäre unser Leben belanglos, jeder schöpferische Akt unnötig, jedes Abenteuer irrelevant.
Auch wenn jede Generation so tut, als wäre gerade sie am Höhepunkt der Geschichte, als wäre nur gültig, was zurzeit geglaubt und gedacht wird: Nichts bleibt bestehen, schon gar nicht der Zeitgeist. Historisch betrachtet ist eine friedliche Zeit voller Wohlstand und Vollbeschäftigung die ganz, ganz seltene Ausnahme; wir haben sie erlebt und genossen, und vielleicht geht sie jetzt zu Ende. Im Wechselspiel der geschichtsbildenden Kräfte wäre das durchaus nicht ungewöhnlich, eher die Regel. „Denn es liegt in unserem zeitlichen Dasein überhaupt“, schrieb der Philologe Friedrich Klingner noch vor dem Zweiten Weltkrieg, „dass die Macht des unberechenbaren Wandels, Fortuna, den Menschen stürzt, mit dem äußeren Halt auch den inneren wegreißt, Überzeugungen vergessen lässt …“.
Ob wir den Wandel segensreich oder furchterregend erleben, ändert nichts an dem Umstand, dass wir ihn nicht kontrollieren können – nur unsere ureigenste Reaktion darauf. Ob und wie sehr uns Glück oder Pech im Leben widerfahren, liegt jenseits unserer Kontrolle. Aber vielleicht ist gar nicht der ewige, unaufhaltsame äußere Wandel wirklich schlimm; vielleicht empfinden wir vielmehr den Wandel im Inneren als verhängnisvoll. Wie viele Menschen leugnen verzweifelt ihr Altern („aber innerlich bin ich noch jung!“), während die Welt weiterzieht. Manchmal schmerzt der Verlust des Unerreichten, ein anderes Mal wieder das Vergehen des Vertrauten. Einer Schönheitskönigin, die alle Annehmlichkeiten ihres Lebens ihrem Aussehen verdankt, wird das Verblassen ihrer physischen Reize härter zusetzen als dem Mauerblümchen, das sich nicht auf gottgegebenen Umständen ausruhen konnte und das Leben vielleicht tatkräftiger angehen musste.
So viel Stress und Unglück wird heute durch eine völlig aberwitzige Annahme verursacht, nämlich, dass jeder sein Schicksal selbst wähle. Wie arrogant, zu behaupten, all die Schönen, Reichen, Berühmten hätten ihr Glück einer bewussten Wahlentscheidung bzw. ihrer „Leistung“ zu verdanken (was im Gegenschluss bedeutete, wir weniger Glücklichen wären einfach zu doof gewesen, in der Schicksalslotterie das Kästchen „Reichtum“ anzukreuzen). In Wirklichkeit sind wir hilf– und schutzlos angesichts der Wechselfälle des Lebens, und jeder, der etwas anderes behauptet, ist entweder einfältig oder gewissenlos (weil er uns irgendeinen faulen Zauber andrehen will).
Allzu oft sind Menschen unglücklich, weil sie nicht erhalten, was sie sich wünschen. Aber selten fragen sie in dieser Situation: Liegt es denn in meiner Macht, diesen und jenen Wunsch erfüllt zu bekommen? Weder Liebe noch Reichtum können wir erzwingen. Jeder Versuch, das, was außen ist – und daher von uns unabhängig – zu kontrollieren, mündet letztlich in Verzweiflung. Nur das, was in uns und uns eigen ist, gewährt Freiheit; die Bereitschaft, einsichtsgemäß zu handeln, ist unter unserer Kontrolle. Aber nie das Ergebnis unseres Wollens.
Wie die weisen alten Stoiker herausgefunden haben, liegt unsere wahre (und einzige!) Freiheit darin, wie wir damit umgehen, was uns das Leben gewährt. Vielleicht verkraftet ein von Misserfolgen Gebeutelter eine Niederlage besser als ein Dauersieger, der sich im Sonnenschein des Erfolgs bräunt. Wer im Glück bescheiden und im Unglück großmütig bleibt, beweist wahre Einsicht. Vermutlich ist eine Geisteshaltung dieser Art zu allen Zeiten schwierig einzunehmen und zu bewahren gewesen; in unserem gedankenlosen Zeitalter der hedonistischen Selbstaufblähung aber mutiert eine wohlfundierte philosophische Haltung beinahe zum heroischen Widerstand. Wie sich die Zeiten ändern …
Dieses Buch ist allen Zweiten und denen, die dahinter kommen, gewidmet.
EINLEITUNG
Die Schicksalsbringer
Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.
(Max Planck)
Instinktiv weiß jeder, dass Glück nie von Dauer ist. Aber wer mag schon dieser Einsicht gemäß leben? Die allgegenwärtige Werbung tut so, als gäbe es kein Morgen: Du hast kein Geld? Kauf trotzdem … Dass Kredit ein Pfand auf die Zukunft ist, wird in den verlockenden TV–Spots nicht gerade herausgestrichen. Schulden, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit kommen in der bunten Werbewelt nicht vor – im wirklichen Leben allerdings tagtäglich.
Das spirituelle Problem wird in einer Zeit, die so viele Flucht– und Ablenkungsmöglichkeiten bietet, immer drängender: Wie kann man die unvermeidlichen Schicksalsschläge besser bewältigen? Wie finde ich ein ausgeglichenes, mit Sinn erfülltes Leben in einer Zeit, wo die herrschenden Kräfte mich auf „Brot & Spiele“ reduzieren wollen? Der Spaßgesellschaft geht allmählich der Saft aus …
Wir werden indoktriniert, Unglück nach dem jeweils herrschenden Zeitgeist zu beurteilen. Wenn junge Amerikaner aus dem Irakkrieg mit den Füßen voran heimkehren, erhalten sie ein militärisches Begräbnis mit allem Pomp. Wozu? Um den nutzlosen Tod auf fremder Erde in eine patriotisch sinnvolle Tat umzumünzen. Doch Schicksal ist’s in beiden Fällen – ob heldenhaft als Soldat im Krieg oder schmählich als Autofahrer im Unfall umgekommen. Nur die kulturell auferlegte Deutung fällt unterschiedlich aus.
Die Sozialwissenschaften wiederum sind in breiter Front angetreten, die Existenz eines „Schicksals“ zu leugnen. In ihren Augen gibt es prinzipiell einen Schuldigen – die Eltern, Institutionen, Unternehmen, fehlende Vorschriften, lückenhafte Gesetze oder den Staat. Auf diese Weise lässt sich immer ein „Täter“ konstruieren, was wiederum dazu beiträgt, Verantwortung für das eigene Leben abzuschieben.
Liegt ein Grund für diese Entwicklung vielleicht darin, dass die zeitgenössische Politik Meritokratie (= jeder Mensch wird ausschließlich nach seiner Leistung beurteilt) als oberstes Leitbild verordnet hat!? In einer Gesellschaft, in der ökonomisch messbare Leistung so ziemlich der einzige Maßstab für den Wert eines Menschen ist, kassiert der Gewinner alles (selbst das Prädikat „moralisch gut“), während der Verlierer im Wettrennen zu den Honigtöpfen für jedes Stolpern verantwortlich gemacht wird.
Früher standen Götter zur Verfügung: Wenn uns Unglück in Form einer verhagelten Ernte oder eines gebrochenen Fußes heimsuchte, waren „die da oben“ schuld. Allerdings nahm man im Umkehrschluss Schönheit, Erfolg, Geld, Ruhm und Macht ebenfalls als Geschenk der Götter an. Heute tut dagegen selbst der unverschämteste Glücksritter so, als wäre sein Erfolg das Ergebnis „harter“ Arbeit. Sind deshalb die Wechselfälle des Lebens für uns so unerträglich geworden? Wächst daher die Lust, sich als Opfer zu fühlen?
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