Leseprobe

aus Sybille Braun: Paula und die Gespensterjäger.


Drei Tage vor Ostern weiss Paula noch immer nicht, wie und wo sie die Ferien verbringen wird. Sie hat überhaupt keine Lust, mit ihren Eltern nach Wien zu fahren, vor allem weil die beiden dort die meiste Zeit arbeiten werden. Zu Oma und Opa möchte sie auch nicht schon wieder. So ist es kein Wunder, dass sie ziemlich schlecht gelaunt nach Hause kommt. Papa begrüßt sie und drückt ihr einen Brief in die Hand: „Post für dich, die wird dich bestimmt aufmuntern!“ Rotes Briefpapier, schwungvolle Schrift, Paula macht große Augen.

Liebe Paula,
habe ich Dir nicht schon vor zwei Jahren versprochen, Dich einmal zu mir einzuladen?! Leider hatte ich immer so viel um die Ohren, dass ich mein Versprechen bislang nicht einlösen konnte. Inzwischen bist Du ja schon fast elf Jahre alt und so kannst Du trotz Deines langweiligen Onkels, der keine Kinder hat und die meiste Zeit singt, spannende Ferien erleben, wenn Du Lust hast, Dich ein wenig im Theater umzusehen. Rufe mich einfach an, ich hole Dich gerne Sonntagmittag am Bahnhof in Burghausen ab!
Liebe Grüße und bis bald
Dein Henry

Paula jubelt. Natürlich will sie zu ihrem Onkel Henry. Tatsächlich war sie schon ein bisschen verärgert, weil aus ihrem Besuch bisher noch nichts geworden war. Dabei mag sie Henry sehr, er hat immer gute Ideen, ist witzig und überhaupt nicht langweilig, auch wenn er keine Kinder hat. Außerdem gefällt es ihr, einen richtigen Opernsänger zum Onkel zu haben. Sicher wird er sehr viel Zeit haben, etwas mit ihr zu unternehmen.

Und sich im Theater umsehen zu können, klingt ja auch sehr verheissungsvoll! Die Vorstellungen, in denen Henry auftritt, finden abends statt. Tagsüber wird er zuhause ein wenig singen müssen und so seine Stimme trainieren. Das muß er täglich, um sie für die Anstrengungen der großen Opernpartien fit zu halten, weiss Paula. Doch stellt sie es sich schön vor, ihm dabei zuzuhören.
Zwei Stunden später ruft sie Henry an und erwischt ihn glücklicherweise gerade noch, bevor er sich auf den Weg zum Theater macht. Er freut sich auf ihren Besuch und Mama macht mit ihm aus, mit welchem Zug sie Paula nach Burghausen bringt.

Während der Bahnfahrt erzählt Mama Paula von ihrem Bruder Henry und von seiner Lust am Singen, die in seiner Jugend schließlich so groß geworden war, dass er nichts anderes mehr tun wollte. Als Kind sang er im Kinderchor am Theater der Heimatstadt. Nach dem Abitur studierte er an der Musikhochschule Gesang. Anschließend hatte er Glück und bekam ein Engagement in einem Opernchor. Nach drei Jahren durfte er dort erstmals als Solist, das heisst alleine und aus dem Chor herausgelöst, auftreten. Weil er seine Stimme weiterhin unermüdlich trainierte, reifte sie immer weiter und wurde kraftvoller. So konnte er zunehmend schwierigere Rollen singen, ohne die Stimme zu überfordern und ihr zu schaden. Und als er es sich schließlich zutraute, vermittelte seine Agentin ihm mehrere Vorsingen an Opernhäusern und Theatern.
„Sein erstes Engagement hatte er in Augsburg. Das ist jetzt auch schon über zehn Jahre her.“
Dünne Regenstriemen schlagen gegen die Zugfenster. Der Himmel ist vollständig mit schweren grauen Wolken bedeckt. In einer halben Stunde werden sie in Burghausen sein.

Henry hat sich nicht verändert. Er ist ein wenig kleiner als Mama und hat immer noch eine sehr sportliche Figur. Eine gute Stimme braucht einen gesunden Körper, erinnert sich Paula an einen Ausspruch ihres Onkels. Schräg gegenüber vom Bahnhof gibt es ein kleines kuscheliges Café, genau das Richtige bei solch ungemütlichem Wetter. Hoffentlich bleibt es nicht so kalt und widerlich nass, hofft Paula und denkt an Ausflüge bei strahlendem Sonnenschein. Henry spendiert seiner Schwester Kaffee und Kuchen, Paula einen großen Eisbecher und einen Kakao mit Sahne. Er trinkt einen Apfelsaft. Nach einer knappen Stunde müssen sie Mama zum Zug bringen, anschließend fahren Paula und Henry mit der Strassenbahn zur Hedwigstrasse 12. Dort hat Henry eine sehr kleine Wohnung unterm Dach.
„Aber ich habe eine herrliche Aussicht!“ sagt er und Paula bewundert den Blick über die Häuser auf die sanften Hügel, zwischen denen Burghausen liegt.
„Hast du heute abend keine Vorstellung?“ wundert sich Paula um halb sieben, als Henry damit beginnt, den Abendbrottisch zu decken.
„Nein“, antwortet er zögernd, „ich muss dir noch etwas gestehen, Paula.“ Er macht ein Gesicht das gut zum Wetter passt. „ Morgen vormittag muss ich mit dem Einstudieren eines neuen Stückes anfangen.“ Verlegen zuckt er mit den Schultern. „Ein Kollege ist plötzlich ernsthaft krank geworden und ich muss für ihn einspringen. Das habe ich leider erst gestern abend erfahren. Und da wollte ich dir keinesfalls mehr absagen.“
„Warum absagen?“ fragt Paula, sie weiss nicht, was diese Nachricht für ihre Ferien bedeutet. Erst jetzt merkt sie, daß sie sich nie überlegt hat, wann und wie Henry seine Rollen lernt. Ihr wird klar, dass es nicht genügen kann, wenn er zuhause im stillen Kämmerlein alleine vor sich hinsingt.
Henry erklärt ihr, dass er zunächst mit dem Korrepetitor in einem der vielen Musikzimmer im Theater den musikalischen Teil seiner Rolle einübt. Der Korrepetitor begleitet ihn dabei am Klavier.
Dafür sind am Morgen und am Nachmittag jeweils ungefähr drei Stunden vorgesehen.
„Ich habe mit meiner Kollegin Cordelia gesprochen, sie ist die Dramaturgin, die diese Oper betreut und will sich gerne Zeit für dich nehmen, während ich singe. Sie hat einen großen Teil ihrer Arbeit nämlich schon hinter sich, wenn für uns Darsteller die Arbeit am Stück so richtig los geht.“

Am nächsten Morgen geht Paula mit Henry zum Theater der Stadt Burghausen. Obwohl sie die halbe Nacht nicht richtig geschlafen hat, vor Enttäuschung und aus Sorge darüber, wie ihre Ferien nun aussehen werden, ist sie jetzt doch gespannt. Sie stellt sich ein riesiges Theaterhaus vor, mit Säulen neben dem Eingang, die ein prächtiges, verziertes Vordach tragen. Ein Gebäude wie das Naturwissenschaftliche Museum ihrer Heimatstadt, mit einer weiten und riesigen Eingangshalle, die jeden Besucher beim ersten Betreten staunen lässt.
Als sie an einer roten Fußgängerampel warten müssen, fragt Paula ungeduldig: „Wann sind wir da?“
Ihr Onkel zeigt auf einen langweilig wirkenden Flachbau auf der anderen Straßenseite.
„Dort müssen wir hin.“
Na, das kann ja wohl nicht wahr sein! Das soll ein Theater sein? Doch dann erfährt Paula, dass dies der sogenannte Bühneneingang ist.
Der Haupteingang mit dem Foyer, durch das die Zuschauer abends das Theater betreten, liegt in einer Parallelstrasse.
„Und zwischen hier und dort reihen sich noch einige Gebäude, die alle dazu gehören. Cordelia wird dir alles zeigen.“
Das hört sich schon besser an, denkt Paula, jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass diese Dramaturgin nett ist.

Hinter dem Eingang sitzt der Pförtner in seiner Loge. Er begrüßt Henry. Der stellt Herr Kubik und Paula einander vor.
„Sie verbringt ihre Ferien bei mir und wird sich in der nächsten Zeit ein wenig im Theater umsehen.“
„Ja“, sagt Herr Kubik, „sieh dich nur ausführlich um, und wenn du Fragen hast, wende dich einfach an mich!“
Paula nickt. Der scheint ja nett zu sein.
Während sie mit Henry die alte abgetretene und an manchen Stellen quietschende Holztreppe hinaufsteigt, erzählt er ihr, dass es noch einen zweiten Pförtner gibt, Herrn Florenz. Die beiden wechseln sich mit ihren Dienstzeiten ab.
„Hier befinden sich die Zimmer des Intendanten, der Dramaturgen, der Disponentin und das Künstlerische Betriebsbüro.“ sagt Henry und zeigt flüchtig auf verschiedene Türen im ersten Stock. Diese Bezeichnungen wirbeln in Paulas Kopf. Das kann ja heiter werden, denkt sie. Sie hat keine Ahnung, wovon Henry spricht. Aber das wird sich hoffentlich in den nächsten Tagen ändern.

Dann lernt sie Cordelia kennen. Sie sieht gut aus, findet Paula, in ihrem dunkelroten Kleid, dem dazu passenden Halstuch, den hellroten Stoffschuhen und der Uhr mit dem roten Armband.
„An dir ist ja alles rot!“ kann Paula sich nicht verkneifen auszurufen, als sie entdeckt, dass Cordelia sogar einen roten Ring aus Plastik und einen silbernen mit einem roten Edelstein trägt.
Cordelia lacht: „Ja, so ist das bei mir, ich mag es eben, wenn alles in einer Farbe ist.“
Sie streicht mit der Hand über ihre kurzen Haare, die allerdings nicht im gleichen Ton gefärbt sind. Paula und Cordelia mögen sich sofort.
Nachdem Henry sich verabschiedet hat, möchte Paula eigentlich sofort los, um sich überall umzusehen. Sie brennt darauf, ihren Freunden nach den Ferien von all dem berichten zu können, was man als Zuschauer normalerweise nicht sieht. Aber sie will nicht unhöflich sein und fragt Cordelia: „Was machst du den ganzen Tag im Theater?“
Die Dramaturgin überlegt kurz. „Weißt du, meine Arbeit ist gar nicht so einfach zu zeigen, weil man manches nicht direkt oder erst später auf der Bühne sehen kann. Aber dies hier“, sie steht auf und nimmt aus einem der vielen Regale ein kleines rotes Heft, „kannst du dir anschauen und behalten, wenn es dich interessiert. Es ist das Programmheft zu unserer letzten Operninszenierung. Das habe ich gemacht.“

Wolfgang Amadeus Mozart
DIE ZAUBERFLÖTE
Premiere: 28. März 1998

steht auf der ersten Umschlagseite.
Das ist ja noch gar nicht lange her. Paula kennt solche Programmhefte. Als sie sich mit ihren Eltern HÄNSEL UND GRETEL von dem Komponisten Engelbert Humperdinck angesehen und angehört hat – das ist eine Oper für Kinder, die vor fast genau 100 Jahren entstanden ist – schenkte ihr Vater ihr das Programmheft dazu. Darin waren viele Fotos der Inszenierung, einige Notenbeispiele aus den gesungenen Arien und einige interessante Texte über das Märchen und den Komponisten versammelt.
„Jetzt lass uns erst einen Rundgang durchs Theater machen und anschließend in der Kantine etwas trinken, wenn du Lust hast.“ schlägt Cordelia vor. Natürlich hat Paula Lust.

Ihre Begleiterin schaut noch kurz in die Büros der Schauspieldramaturgen, doch die sind leer. Cordelia erzählt Paula, dass ihre Kollegen auf
Proben sind, denn das gehört auch zu ihren Aufgaben.
Der Rundgang beginnt im Hof.
„Die Werkstätten gehören zu dem Bereich des Theaters, der Technik genannt wird“, erklärt Cordelia, als sie durch eine Glastür ein Gebäude mit riesigen Fenstern betreten. Im ersten Stock besuchen sie die Schreinerei. Dort kreischen laut die Sägen und feiner Holzstaub tanzt in der Luft. Cordelia hustet übertrieben laut. Aber nur so werden die Frau und der Mann auf sie aufmerksam, die konzentriert einen großen runden Holzbalken bearbeiten.
„Wir kommen vielleicht später noch einmal vorbei, wir wollen euch jetzt nicht stören!“ ruft Cordelia ihnen zu. Im Weitergehen erklärt sie Paula, dass in der Schreinerei die Teile des Bühnenbildes hergestellt werden, die aus Holz sind.
„Im Moment arbeiten sie wahrscheinlich an der großen Wendeltreppe, die für unsere Oper gebraucht wird.“
Im Malersaal im zweiten Stock ist niemand, um so größer wirkt der riesige Raum. Paula staunt: „Hier ist ja genug Platz zum Fußballspielen!“
Cordelia nickt: „Oft werden hier riesige Prospekte und Wände des Bühnenbildes gemalt, die auf dem Boden liegen müssen und mit diesen Pinseln bearbeitet werden.“
Sie zeigt auf einen solchen riesigen Pinsel, den Paula eher für einen Besen gehalten hätte.
Sie steigen zwei Treppen hinab. Durch einen grauen, fensterlosen Kellergang mit grauen Heizungsrohren an den Wänden gelangen die Beiden nach mehreren Abzweigungen zu einer steinernen Wendeltreppe. Ein kurzer Aufstieg und sie stehen in einem hellen freundlichen Flur mit weissen Holztüren.
„Hier sind die Pausenräume der Bühnentechniker. Durch diese Glastür vorne geht‘s nach draussen auf den Parkplatz, den man von meinem Büro aus sieht.“
Paula versucht, die Richtung auszumachen, in der Cordelias Zimmer sich befindet.
„Dort?“ fragt sie und zeigt nach links.
„Nein, nicht ganz“, lacht die Dramaturgin, „aber ungefähr stimmt‘s. Mach dir nichts daraus. Was denkst du, wie oft ich anfangs woanders herausgekommen bin, als ich eigentlich wollte?“
Bevor es weitergeht, lernt Paula einen Tontechniker kennen, den sie zunächst nicht versteht, da er sehr schnell spricht und noch dazu in einem Dialekt, den sie nicht kennt. Cordelia bemerkt es und übersetzt ihr, was Peter Lüders gesagt hat. Er kommt genau wie Cordelia aus Hamburg, und es macht den beiden Spaß, sich ab und zu in Plattdeutsch zu unterhalten. Peter entschuldigt sich bei Paula für seine Unhöflichkeit und spricht nun Hochdeutsch weiter. Zum Glück für Paula, denn was sie nun erfährt, klingt spannend.
„Heute haben wir uns unsere Pause redlich verdient! Zwei Stunden mussten wir heute schon in aller Frühe nach den Tonbändern für die Schauspielprobe suchen! Glücklicherweise waren Michael und ich so früh im Haus, dass wir das Fehlen der Bänder rechtzeitig bemerken konnten. Frau Backes fand sie zufällig im Kühlschrank im Pausenraum! Wenn die Probe hätte später anfangen müssen, wäre unser Chef ziemlich sauer geworden! Schließlich ging in den letzten zwei Wochen so manches schief. Langsam reicht‘s wirklich!“ Er sieht Cordelia an. „Du hast ja sicher auch schon davon gehört!“
Die nickt und erzählt Paula, dass seit einiger Zeit in verschiedenen Abteilungen des Theaters ziemlich viel Blödsinn passiert. Mit anderen Worten: Dinge verschwinden und tauchen an den unmöglichsten Stellen wieder auf, oder Sachen sind durcheinander und müssen vor Beginn der Arbeit erst wieder mühevoll sortiert und aufgeräumt werden.
„Einige der Theaterleute glauben inzwischen an ein Theatergespenst, denn keiner kann sich erklären wer sich sonst solche dummen Streiche einfallen lässt.“
Paula laufen wohlig–gruselige Schauer den Rücken hinunter. Das hört sich ziemlich gut an. Natürlich nicht der Ärger der Theaterleute, aber so ein Gespenst an sich ist doch etwas ungewöhnlich Aufregendes.
Durch einen weiteren Kellergang erreichen sie ein drittes Gebäude. Paula dreht sich immer wieder unauffällig um. Hier in einem solch grauen düsteren Gang möchte sie dem Gespenst dann doch nicht begegnen. Ob Cordelia ihre heimlichen Blicke bemerkt hat? Jedenfalls sagt sie nebenbei. „Wenn ich nicht wüsste, dass unser Gespenst immer nur nachts zuschlägt, würde ich diese Wege bestimmt nicht mehr freiwillig entlanggehen.“
Sie steigen eine Steintreppe hinauf, überqueren einen kleinen Hof, und schon stehen sie in den Räumen der Herrenschneiderei. Hier werden die Kostüme für die männlichen Darsteller genäht. Silke Eberts, die Chefin dieser Abteilung, begrüßt die beiden freundlich, aber knapp.
„Sie hat nicht viel Zeit, bald haben wir Schauspielpremiere und die dazugehörenden Kostüme sind ziemlich aufwendig. Dazu kommt, dass anstelle des erkrankten Kollegen in der Oper heute abend ein Gast einspringen muss“, sagt Cordelia.
Paula will wissen, was das mit der Kostümabteilung zu tun hat.
„Nun“, erklärt Silke im Vorübergehen, „der Gastsänger ist viel schlanker als unser Herr Wegemann, also muss das Kostüm verändert werden. Für das Publikum muss alles aussehen wie immer.“
Paula versteht, dass Silke wahrscheinlich froh ist, wenn ihr Besuch bald wieder verschwindet.
Cordelia hat den gleichen Eindruck. Als sie gerade den Raum verlassen wollen, hören sie Silke hinter sich losschimpfen: „Und noch dazu diese blöden Streiche in der letzten Zeit!“
Paula und Cordelia sehen sich an, ihnen ist klar, was jetzt kommt. Tatsächlich, in den letzten zwei Wochen sind fast jeden Morgen Sachen durcheinander gewesen.
„Einmal waren zehn Barockkostüme verschwunden!“ erzählt Silke. „Nachdem wir über eine Stunde erfolglos alles abgesucht hatten, kam Paul plötzlich damit an. Er hatte sie in seinem Schrank im Malersaal gefunden!“
Cordelia ist verblüfft: „Da wird er wohl nicht selbst seine Finger im Spiel gehabt haben?“
„Habe ich im ersten Moment auch gedacht, ich war so wütend und habe ihn angeschrien.“ gibt Silke zu. „Aber so was macht er nicht, er weiss doch selber, wie es ist, wenn man alle Hände voll zu tun hat und dann noch genervt wird.“
Paula fragt, was sonst noch so passiert ist.
„Das wäre an sich schon genug gewesen, aber natürlich gab es gerade jetzt, wo wir sowieso so viel zu tun haben, noch andere Ärgernisse! Unsere Garne waren versteckt, unsere Scheren auseinandergeschraubt. Aber kommt mir jetzt ja nicht mit dem Spruch vom Theatergespenst! Ich kann‘s nicht mehr hören!“ warnt Silke. „So, und jetzt muss ich wirklich weitermachen. Dir wünsche ich noch viel Spaß hier, Paula“, verabschiedet sich Silke und verschwindet hinter langen, dicht mit Kostümen behängten Stangen.
„Es ist doch komisch, dass noch niemand das Gespenst gesehen hat, oder?“ fragt Paula. „Nun, es muß nur warten, bis der Hausmeister gegen halb eins als letzter geht. Dann hat es leichtes Spiel und kann sich die ganze Nacht austoben“, sagt Cordelia, während sie ihren Rundgang fortsetzen. Sie stubst Paula sanft in die Seite und fügt hinzu: „Ausserdem kann man Gespenster nicht sehen!“
Paula nickt nachdenklich. „Glaubst du denn wirklich daran, dass es hier ein Gespenst gibt?“ fragt sie vorsichtig.
„Ich finde es einfach merkwürdig, dass es jetzt schon einige Wochen so geht, und keiner will etwas gesehen haben. Das hört sich für mich schon sehr nach Spuk an“, erwidert Cordelia. Im gleichen Haus, im Stockwerk darüber, befindet sich die Damenschneiderei, und schräg über den Hof die Maskenbildnerei. Ein bisschen sieht es dort aus wie in einem Friseurladen, aber nur auf den ersten Blick. Wahrscheinlich wegen der Perückenköpfe, die auf den Fensterbänken stehen und wegen der Haare, die am ersten Tisch zu einer kunstvollen Frisur geknüpft werden.
Paula wundert sich, dass solche Dinge auch hier gemacht werden.
„Ja, die Haare, beziehungsweise die Perücken, die benötigt werden, gehören auch zur Maske, nicht nur das Schminken und Verändern des Gesichts. Die Leute, die hier arbeiten, haben zuvor das Friseurhandwerk gelernt“, sagt Cordelia.
Im hinteren Raum sind ein Mann und eine Frau dabei, den Boden zu fegen und mit einem Wedel die Gegenstände abzustauben, die umherstehen.
„Was macht ihr denn hier!“ fragt Cordelia. „Für Frühjahrsputz ist es jetzt zu spät.“
„Haha! Irgendein Blödmann hat das gesamte Perückenpuder verstreut!“
Der Mann dreht sich zu ihnen um und zeigt mit dem ausgestreckten Arm durchs ganze Zimmer.
„Das ist ja schrecklich!“, bedauert Cordelia die Beiden. „Na, dann werden wir euch mal nicht länger stören.“ Sie schiebt Paula vor sich her nach draußen. Vielleicht befürchtet sie ja, Paula könnte die beiden Maskenbildner mit einer Frage nach dem Theatergespenst völlig aus der Fassung bringen.
„Es ist wohl besonders ärgerlich, dass die Streiche so kurz vor einer Premiere gespielt werden?“ fragt Paula draußen im Hof.

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