Leseprobe
aus Werner Hoch: Biblische Geschichten
Aus dem Nachwort des Autors
Die strengen Gesetze, die das Leben einengten, mochten viele Juden nicht. Sie mögen bei der Wanderung durch die Wüste ihre Berechtigung gehabt haben, doch in einer seßhaften Gemeinschaft bestimmen andere Regeln das Zusammenleben. Und das, so meinen wir, ist nicht beachtet worden. Noch heute gelten für die orthodoxen Juden als Gesetz nur die fünf Bücher Mose. Mittlerweile sind jedoch rund 3000 Jahre vergangen, in denen die Geschichte weiterlief. Es wäre deshalb schon damals erforderlich gewesen, sie der weiteren Entwicklung anzupassen. Mit den jahrtausendealten Gesetzen ist es nicht möglich, all die Errungenschaften zu regeln, von denen unser Leben beeinflußt wird, denn die existierten damals noch nicht. Zwar würden die Zehn Gebote durchaus für ein friedliches Zusammenleben ausreichen, aber alles andere, was heute unser Leben bestimmt, müßte von den religiösen Gesetzen berücksichtigt werden. Das war bereits so, als David und Salomo herrschten. Sie schufen ja auch Gesetze, damit zum Beispiel der Handel reibungslos, und zwar international, verlaufen konnte. Nur im religiösen Bereich hielt man am Althergebrachten fest, obwohl nach den großen Königen David und Salomo mehrmals die priesterlichen Vorschriften geändert worden sind.
Daß aber auch die jüdischen Könige von den Gesetzen nicht begeistert waren, ist daraus zu ersehen, daß sie häufig von ihnen übertreten wurden. Sie paßten eben nicht mehr in die Zeit. Und das schien auch Jesus von Nazaret und nach ihm Paulus erkannt zu haben. Für sie war zwar das Geschriebene noch immer gültig, aber ihre Auslegung der Texte war eine andere. Das war ja auch der Grund, warum der Nazarener am Kreuz sterben mußte.
Neben den naturgemäß religiösen Passagen bleibt die Heilige Schrift ein grandioses Geschichtsbuch. Schon des öfteren haben Wissenschaftler einige Stellen bestätigen können. Und das wird künftig sicher noch häufiger geschehen. Also nehmen wir die Bibel so hin, wie es unserer Überzeugung entspricht.
Für den einen mag sie ein Nachschlagewerk sein, um Ereignisse der Geschichte zu überprüfen, für den anderen die Basis seines Glaubens.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel 1: Vor der Sintflut
Die Schöpfung
Der Sündenfall
Die Zeit nach dem Garten Eden
Kapitel 2: Die Welt nach der Sintflut
Neue Gesetze des HERRN
Abraham kam aus Mesopotamien
Isaak, der unbekannte Patriarch
Jakob, Vater der zwölf Stämme
Kapitel 3: Ein Sandbewohner wird Vizekönig
Josef wird verkauft
Der Träumer wird Kanzler
Kapitel 4: Vierzig Jahre unter freiem Himmel
Ouvertüre
Der Auszug aus Ägypten
Das Leben in der Wüste
Die Stiftshütte
An der Schwelle des Gelobten Landes
Kapitel 5: Der Kampf um das Gelobte Land
Die Landnahme beginnt
Die lange Eroberung
Die Zeit der Richter
Simson, der Einzelgänger
Dan sucht einen festen Wohnsitz
Kapitel 6: Vom Stämmeverband zum Volk
Saul, der erste König Israels
Spannungen zwischen Saul und Samuel
David und Saul
David gründet das jüdische Reich
Salomo, König der Großmacht Israel
Kapitel 7: Die Könige nach David und Salomo
Das Reich zerfällt
Omri und Ahab festigen ihre Reiche
Elischa, der Königsmacher
Juda und Israel werden tributpflichtig
Beide Reiche erstarken wieder
Der Untergang Israels
Das Südreich hört auf zu existieren
Kapitel 8: Judas letzter Weg
Rückkehr in die Heimat
Alexander der Große
Der Streit um das Erbe
Der Aufstand der Makkabäer
Kapitel 9: Geburt und Tod des Jesus von Nazaret
Der Aufstieg von Herodes dem Großen
Die Evangelien
Jesus Geburt und Kindheit in den Apokryphen
Johannes der Täufer
Der Tod des Nazareners
Hat Jesus die Kreuzigung überlebt?
Kapitel 10: Die Kinder der Lehre Jesu
Der Apostel Petrus
Paulus, ein Reisender in Sachen Christus
Kapitel 11: Die jüdischen Kriege
Ein Volk geht unter
Nachwort
Anhang
Regierungszeiten der jüdischen Könige
Die Nachfolger Alexander des Großen
Die Dynastie der Hasmonäer
Register
Leseprobe
(Aus Kapitel 2: Die Welt nach der Sintflut. Jakob, Vater der zwölf Stämme)
Auch Rebekka blieb lange Zeit kinderlos. Erst nach zwanzig Ehejahren gebar sie Zwillinge - Jakob und Esau. Dabei ist bemerkenswert, daß sie Melchisedek und nicht den HERRN bat, ihr bei der Geburt Beistand zu leisten. Der Text lautet: "In ihren Geburtsnöten ging sie zu Melchisedek; da betete er über sie und sprach zu ihr: 'Zwei Völker sind in deinem Leib'..." (Schatzhöhle, Kapitel 31; 6). Dieser Satz wird in der Bibel von Gott gesprochen.
Es fällt auf, daß Rebekka und Sara erst nach langen Ehejahren Kinder bekamen. Nahmen sie Verhütungsmittel (die waren schon bekannt), um bei den wiederholten "Einladungen" der Herrscher nicht schwanger zu werden?
Der Name Jakob lautet hebräisch Jaakob und geht zurück auf den Wortstamm 'khb. Davon abgeleitet sind akheb = "Ferse" und akhab = "betrügen". Beide Worte spielen in Jakobs Leben eine Rolle. Er kam nach seinem Zwillingsbruder Esau auf die Welt. Bei der Geburt soll Jakob die Ferse seines Bruders festgehalten haben. Später konnte er diesem das Erstgeburtsrecht ablisten. Und mit Hilfe seiner Mutter erschwindelte er sich auch noch vom Vater, der mittlerweile nahezu blind geworden war, den Segen für den Erstgeborenen. Als Esau von diesem Betrug erfuhr, "schrie er laut und ward über die Maßen sehr betrübt" (1. Mose 27; 34). Jakob hatte sich den Hauptteil des Besitzes gesichert. Daß Esau sehr erbost war und auf Rache sann, dürfte verständlich sein.
Jakob hatte schreiben gelernt, Esau dagegen nicht. Er war ein Jäger geworden und häufig den ganzen Tag unterwegs. Ihn mochte sein Vater sehr. Dagegen war Jakob der Lieblingssohn seiner Mutter. Er war seinem Bruder geistig überlegen, mußte jedoch vor ihm fliehen, da er schwächer war. Er ging daraufhin zu Rebekkas Bruder Laban nach Haran. So jedenfalls wird es von der älteren Überlieferung geschildert. (1. Mose 27; 42-45). Nach der jüngeren Darstellung wurde er von seinem Vater nach Haran geschickt, weil er sich von dort, aus der Heimat der Vorfahren, eine Frau holen sollte (1. Mose 28; 1, 2). Jakob ging also nach Haran zu seinem Onkel Laban. Dort lernte er die Töchter von Laban, Lea und Rahel, kennen. Er verliebte sich in Rahel. Um sie aber als Frau heimführen zu können, mußte er sieben Jahre ohne Lohn bei Laban arbeiten. Nach Ablauf dieser Zeit wurde aber Lea seine Frau - durch einen Betrug Labans, den Jakob jedoch zu spät bemerkte. Er war darüber natürlich enttäuscht, denn "Lea hatte ein blödes Gesicht, Rahel aber war hübsch und schön" (1. Mose 29; 17). Im Jubiläenbuch heißt es: "Jakob liebte Rahel mehr als Lea, weil die Augen der Lea blöde waren; nur ihre Gestalt war sehr schön, während Rahel schöne Augen hatte und eine sehr schöne hübsche Gestalt" (Jakobs Verheiratung mit Lea und Rahel, Vers 5). Jakob beschwerte sich bei seinem Onkel, worauf dieser antwortete: "Es ist nicht Sitte in unserem Lande, daß man die Jüngere ausgebe vor der Älteren" (1. Mose 29; 26). Da Jakob aber unbedingt Rahel zur Frau haben wollte, mußte er nochmals sieben Jahre ohne Lohn arbeiten, um sie sich zu verdienen.
Jakob rächte sich jedoch für das Verhalten seines Onkels. Er konnte sich im Laufe der Zeit von den zahlreichen Tieren Labans eine ansehnliche Herde aneignen, und zwar gleichfalls durch Betrug. Das führte zu Spannungen zwischen den beiden, weshalb Jakob schließlich beschloß, seinen Onkel zu verlassen. Heimlich floh er mit seinen beiden Frauen, ohne zu ahnen, daß Rahel die Götzenbilder ihres Vaters mitgenommen hatte. Der aber entdeckte den Diebstahl und jagte sofort hinter Jakob her. Als Rahel ihren Vater sah, wußte sie genau, warum er ihnen gefolgt war, denn er wollte seine Götter wiederhaben. Schnell versteckte sie die Götter unter einem Sattel und setzte sich darauf. Laban durchsuchte alles, fand sie jedoch nicht. Als er dann zu Rahel kam, blieb sie sitzen und sagte: "Zürne nicht, denn ich kann nicht aufstehen vor dir, denn es geht mir nach der Frauen Weise" (1. Mose 31; 35). Laban fand die Götter nicht und mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Diese Geschichte blieb lange Zeit unverständlich, denn wozu brauchte Rahel die Götzenfiguren ihres Vaters? Doch gelang es, das merkwürdige Verhalten aufzuklären. Als Jakob seinen Onkel verließ, fragte er seine beiden Frauen, ob sie mit ihm kämen. Diese antworteten: "Wir haben doch kein Teil noch Erbe mehr in unseres Vaters Hause" (1. Mose 31; 14). Wer aber im Besitz der Hausgötter war, hatte Anspruch auf einen Teil des väterlichen Erbes. Rahel war nicht nur schön, sondern ebenso klug! Mit dem Diebstahl der Hausgötter hatte sie ihren Kindern einen Anteil aus dem Erbe ihres Vaters gesichert.
Die Hausgötter des Laban, die Bibel nennt sie Götzen, zeigen uns, daß der Glaube an den Gott Abrahams noch nicht besonders stark war. So sagte Jakob zu seinem Gesinde: "Tut von euch die fremden Götter, die unter euch sind..." (1. Mose 35; 2). Jakobs Verhalten war allerdings auch nicht immer gottesfürchtig wie die folgende Erzählung beweist.
Nach der Versöhnung mit seinem Bruder Esau zog Jakob nach Sichem. Wahrscheinlich deshalb, weil sein Großvater hier einen Altar gebaut hatte. Sichem gehörte schon zu Abrahams Zeiten zu den bedeutendsten Städten in der Region. Etwa 50 Kilometer nördlich von Jerusalem gelegen, war der Ort ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Über ihn verlief der Handelsweg nach Phönizien. Dort kaufte Jakob ein Stück Land. Die Kontakte mit den Bewohnern waren friedlich.
Eines Tages machte sich Dina, eine Tochter der Lea, auf den Weg, um sich die Stadt anzusehen. Als der Sohn des Königs von Sichem Dina erblickte, verliebte er sich sofort in sie "und lag bei ihr und schwächte sie..." (1. Mose 34; 2). Der König begab sich darauf zu Jakob und bat für seinen Sohn um Dinas Hand. Jakob und seine Söhne waren jedoch außer sich, denn in ihren Augen war Dina geschändet worden. Dennoch versprachen sie dem König, daß Dina die Frau seines Sohnes werden könne, wenn sich die Männer von Sichem beschneiden ließen. Das geschah dann auch tatsächlich, nachdem der Herrscher seinen Untertanen versichert hatte, daß Jakob und sein Gefolge friedliche Menschen seien. Daß Jakob nach einem Plan handelte, wußten die Städter nicht. "Und am dritten Tag, da sie Schmerzen hatten, nahmen die zwei Söhne Jakobs, Simeon und Levi, der Dina Brüder, ein jeglicher sein Schwert und gingen kühn in die Stadt und töteten alles, was männlich war" (1. Mose 34; 25). Mit Sicherheit waren es nicht allein die beiden Söhne Jakobs, sondern dessen ganzes Gefolge. Denn die Stadt wurde von ihnen geplündert und alle Frauen und Kinder des Ortes als Gefangene weggeführt. Die Apokryphen berichten etwas eingehender über diesen Vorfall. In der Bibel heißt es zwar auch, daß Jakob und dessen Söhne "betrüglich" mit dem König redeten, doch im Buch der Jubiläen heißt es: "Und sie (Jakob und dessen Söhne) redeten mit ihnen (König und Sohn) in verräterischer Absicht und überlisteten und betrogen sie" (Kapitel: Das Blutbad zu Sichem, Vers 3). Zweifellos war Dina vom Königssohn geschändet worden, doch Jakob nahm das nicht hin, und so wurden für die Tat eines Einzelnen alle männlichen Bewohner der Stadt umgebracht und der Ort geplündert. Daß Jakob Rache wollte, ist verständlich, denn seine Tochter war, folgen wir den Apokryphen, erst zwölf Jahre alt. Doch auch für einen vorurteilslosen Leser bleibt es unbegreiflich, wenn er liest: "Und an dem Tage, da die Söhne Jakobs die Sichimiten töteten, kam eine Inschrift in den Himmel, daß sie Gerechtigkeit und Recht und Rache an den Sünden geübt, und es wurde zum Segen aufgeschrieben" (Buch der Jubiläen, Kapitel: Gesetze über die Ehe zwischen Israeliten und Heiden, Vers 23).
Was Jakob und Esau betrifft, so gibt es noch eine Unklarheit. Die Bibel schildert die Versöhnung der beiden Brüder im 1. Buch Mose (33; 4-17). Danach hat Esau seinem Bruder Jakob die Betrügereien verziehen. Im "Buch der Jubiläen" wird aber das Zusammentreffen der beiden Brüder anders dargestellt. Danach hat sich Esau mit Kämpfern aus Moab, Ammon, Aram und dem Philisterland verbündet, um Jakob anzugreifen. Er mußte aber eine Niederlage hinnehmen und kam dabei ums Leben. Und es war sein Bruder, der ihn tötete. Wir lesen: "Alsbald spannte Jakob seinen Bogen und entsandte seinen Pfeil und durchbohrte seinen Bruder Esau an der rechten Brustwarze und streckte ihn nieder" (Kapitel: Der Kampf zwischen Esau und Jakob am Turme zu Hebron, Vers 2). Demzufolge haben sich Esau und Jakob also nicht versöhnt. Allerdings gibt es auch hier, wie schon bei Abraham und den Chaldäern, eine Unkorrektheit. Es wurde schon erwähnt, daß die Philister frühestens um 1400 v. Chr. in Kanaan auftauchten, Esau und Jakob lebten jedoch lange vor dieser Zeit. Somit bleibt es ungewiß, welche Geschichte über die beiden Brüder der Wahrheit am nächsten kommt, zumal die apokryphen Berichte lange Zeit gleichberechtigt neben den heute kanonischen Schriften standen.
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