Leseprobe
aus Hans Tönjes Redenius: Und weiße Hände berühren schwarze Haut. Roman
ERSTES KAPITEL
Sonnenaufgang am Pilan – Ein Missionar, seine Frau und die Frage nach der Menschenwürde
Marcus Fehrensen saß eingesunken auf einem zu niedrig geratenen Lehnstuhl an einem klobig wirkenden und für den kleinen Raum viel zu großen Schreibtisch. Der Sitz– und Lehnbereich des Stuhles war nach Häuptlingsmanier in ein schon arg zerschlissenes Zebrafell gehüllt. Vor dem Schreibtisch, eingezwängt von der Stirnwand des Raumes, stand ein messingbeschlagener Stuhl aus Mahagoniholz für die Besucher, der nicht in das rustikale Ambiente des Raumes zu passen schien, weil er eher an den verlorenen Glanz des Empires und angelsächsisches Sendungsbewusstsein, denn an christliche Demut erinnerte. Die linke Wand des kleinen, rechteckigen Office des Morutis war von roh zusammengenagelten Regalen verstellt. Sie trugen verstaubte Ordner, Bücher und Akten. Wo die umbra getünchten Wände es zuließen, hingen Farbfotos, Momentaufnahmen eines Reiseabenteuers in die Swamps des Okavangos vom vergangenen Jahr. Die vier Wände, samt ihren Fenstern und Türen, überspannte ein kunstvoll gelegtes Grasdach, das vom Ruß des Petroleumlichtes tiefbraun gefärbt war. Zwischen den zerbrechlich wirkenden, unbearbeiteten Sparren waren rote Plastikschnüre geknotet, an denen mit blanken Spangen Diapositive aufgereiht waren. Marcus Fehrensen war leidenschaftlicher Fotograf. So lagen zwischen abgegriffenen Büchern auf den klapprigen Regalen auch Objektive mit unterschiedlichen Brennweiten.
Marcus hob die Füße an und schob sie über den Spann nach hinten weit unter den Sitz. Ihn fröstelte, obwohl die Raumtemperatur bereits siebzehn Grad Celsius betrug, wie das Thermometer, das am Beschlag des eisernen Fensterkreuzes zu seiner Rechten hing, signalisierte. Das war in der sommerlichen Jahreszeit, Mitte Januar, immer so. Marcus’ Armbanduhr, die neben der grünen Schreibunterlage lag, zeigte kurz nach sechs UTC an. Er richtete seinen Oberkörper auf und streckte sich. Seine sanften, grünblauen Augen orientierten sich einen Moment lang, konzentrierten sich auf das in Blickrichtung liegende Fensterviereck nach Westen und warteten auf das Wunder, das sich gleich machtvoll und erschütternd als Farb– und Lichtzauber an der fernen Gebirgskette ereignen würde.
Das Gelände vor der alten Missionsstation Bethanie stieg nur unmerklich an und streckte sich zu den drohend zackigen Gipfeln hin. Für ungeübte Augen kaum wahrnehmbar. Das Erdreich war weithin aufgebrochen und von trockenen Gräben durchzogen. Alles schrie nach kühlem, sanftem Regen.
Marcus’ Blick folgte den gelben Sandwolken, die vom morgendlichen Ostwind flach über den Boden in Richtung auf das tiefblaue Gebirgsmassiv getragen wurden. Hin und wieder mussten sie sich teilen, weil sie an den knorrigen Stämmen der wenigen Akazien und den ungeschützten Hütten des Pulatswanastammes im Dorf Tihagito hängen blieben. Dann schien es, als würden sie ein bewegendes Gittermuster über die Ebene spannen. Er fühlte eine leichte Erregung in sich. Noch immer war dieses morgendlich kosmische Schauspiel aufregend. Ihm war jedes Mal, als sitze er in einer Ehrenloge; als ob der Schöpfergott ihn bevorzugt am Gestaltwerden des neuen Tages teilnehmen ließe. In früheren Jahren hatte er sich während seiner Bergwanderungen in den italienischen Westalpen vom rotschimmernden Alpenglühen hinreißen lassen, aber das, was ihn in diesen Minuten des anbrechenden Tages gefangen hielt, war atemberaubend.
Er drehte den Docht der Petroleumlampe zurück. Das gelbe Licht, das die vor ihn liegenden Zahlenlisten in der Dämmerung lesbar gemacht hatte, verlöschte.
Da begann es schon. Der schwarzblaue Kamm des Pilanmassivs verfärbte sich smaragdgrün, gleich dem Rücken eines Chamäleons. Aber ehe die phosphorne Verwandlung den mächtigen Bauch des Massivs erreicht hatte, ergoss sich überfallartig ineinander laufendes, weißgelbes und rotpurpurnes Licht von unten hinauf bis zu den scharfkantigen Gipfeln. Violette Flammen brachen sich an schrägen Graten. Augenblicke lang tanzten glutrote Gestalten, bis sie, auf ihrem ekstatischen Höhepunkt angelangt, in sich zusammenfielen. Sie mussten einem Schleier von goldglitzerndem Brokat Platz machen, der von tausend unsichtbaren Händen über das mächtige Massiv gezogen wurde.
Zu Füßen des in eine gigantische Aureole gehüllten granitenen Ungeheuers zogen geheimnisvoll silberne Schwaden von Dampf auf; doch sie verflüchtigten sich, ehe sie die rotgoldenen Stümpfe der lichter werdenden Kronen erreichen konnten. Dann grüßten sekundenlang die gefalteten Ränder des Massivs, die sich schräg von Süden nach Norden übereinander gelegt hatten, brillant funkelnd aus der Tiefe des bunten Lichtzaubers. Der noch vor Momenten dämmernde Himmel begann sich blau dunstend und heller werdend aufzuwölben, um voll Lust das bunte Gold in sich hineinzusaugen.
Ein neuer Tag war geboren. Der Pilan fügte sich willig in seine Aufgabe, aus der Ferne nichts anderes mehr zu sein als unverzichtbare Dekoration der von seinen Füßen wegfließenden, weiten Ebene. Und endlich dunstete seine dunkle Silhouette machtvoll unter lichtblauendem Himmel.
Marcus erhob sich und verließ durch die rückwärtige Tür das Office. Auf der großen überdachten Terrasse kam ihm seine Frau Hannah entgegen.
„Hallo, Marcus, der Tee ist fertig. Wollen wir hier sitzen?“
Eine Antwort erwartete sie nicht, sondern eilte zurück in die Küche. Die beiden mit Fliegendraht bespannten Türhälften schlugen klappernd hinter ihr zu, während sich Marcus auf einen drahtbespannten, weißen Stahlrohrstuhl an einen dazupassenden runden Tisch niedersetzte.
Die frühen Schatten des Morgens waren noch lang, als Hannah das Tablett mit der Teekanne, zwei Bechern und einem irdenen Stövchen auf die Tischplatte schob. Marcus sah seiner Frau gerne zu, wenn sie mit ihren geschickten Händen im Hause tätig war oder den Frauen des Dorfes praktische Anweisungen, etwa zum Nähen, gab. Er streichelte ihren Arm und sah sie zärtlich an, als sie die Servietten auflegte.
„Es ist gut, dass es dich gibt, Hannah!“
Ihre graublauen, großen Augen strahlten, wobei eine leichte Röte die jugendlichen Wangen durchflutete. Als sie sich niedergesetzt hatte, berührten warme Strahlen der noch jungfräulichen Morgensonne ihr Gesicht und ließen die Wangen Hannahs besonders hervortreten. Unter den kurz gehaltenen rotblonden Locken wurde das stolze Selbstbewusstsein des bäuerlichen Geschlechts, dem sie entstammte, sichtbar. Hinter ihrer hohen Stirn verbarg sich die Standhaftigkeit knorriger Eichen, wie sie nur in den weiten Heidelandschaften des deutschen Nordens zu finden waren und die fromme Zuversicht einer seit Jahrhunderten sich gegen die herbe Natur behauptenden Tradition. Nur die wenigen, spielerisch verteilten Sommersprossen unter dem strengen Schnitt ihrer Augen erzählten von der Spitzbübigkeit, zu der Hannah fähig war. Dazu schlummerte in ihr der Charakter hehrer Frauengestalten, die sich nicht verbiegen ließen und unendlich leidensfähig waren. Auch ihr breiter, nicht unschöner Leib war stark und voller Kraft, bereit, es mit den Unbilden des Lebens aufzunehmen, wenn es sein musste auch kämpfend. Wohl wissend, dass das unter den schwarzen Gemeindegliedern des Dorfes unschicklich ist, trug Hannah eng sitzende Jeans. Doch die Menschen hier hatten sie gern und nahmen Mmamoruti Fehrensen die unziemliche Art sich zu kleiden, nicht übel. Dafür trug sie bei gottesdienstlichen und anderen feierlichen Anlässen das erwartete ziemliche Sonntagskleid, wobei sie peinlichst darauf Acht gab, dass der Saum des Rockes auch die Knie bedeckte.
Während Marcus den aromatischen Hibiskustee genießerisch über seine Zunge rinnen ließ, schweiften seine Gedanken zurück in die Vergangenheit: es mussten wohl annähernd elf Jahre her sein, seit Hannah ihm zum ersten Mal aufgefallen war. Sie hatte damals, wie er selbst auch, dem engeren Doktorandenkader um den Göttinger Professor Hallenstein angehört, der angesehener Wissenschaftler der biologischen Fakultät war. Das rotblonde, kräftige Mädchen hatte seine Aufmerksamkeit bald auf sich gelenkt, weil ihre selbstbewusste, fast freche Art, mit der sie dem Kreis junger Wissenschaftler Ergebnisse und Probleme ihrer fast fertig gestellten Dissertation darbrachte und zur Diskussion stellte, überhaupt nicht zu ihrem sonst eher zurückhaltenden Wesen passte. Wenig später begegneten sie einander in der Speckstraße, einem mehr als renovierungsbedürftigen Fachwerkhaus, indem eine bewusst christliche Gemeinschaft von Studenten verschiedener Fakultäten lebte, die regelmäßig zu weltanschaulichen Gesprächen über Glauben und Naturwissenschaften einlud. Hierbei fühlte er sich innerlich gezwungen, den jeweils freien Stuhl an Hannahs Seite zu besetzen. Von Woche zu Woche, von Veranstaltung zu Veranstaltung geriet er zunehmend in den Bann ihres natürlichen und entwaffnenden Charmes. Häufig ertappte er sich dabei, dass er träumend dem Spiel ihrer kräftigen, aber schönen Hände folgte, oder dass seine Augen gar auf ihren scharf geschnittenen, roten Lippen ruhten. So wurde seine Aufmerksamkeit, in dem meist nur durch wachsgelbe Kerzen erleuchteten Raum, häufig von den ernst gemeinten Argumenten seiner Studienfreunde abgelenkt.
Wenn Hannah sprach, trank er ihre Worte geradezu in sich hinein. Was sie sagte und mit Nachdruck in die lebhaften Auseinandersetzungen einbrachte, nahm er ohne kritische Distanz auf.
Marcus lächelte milde, als er sich erinnerte, wie eifersüchtig er manchmal geworden war, wenn er sah, dass sich auch andere Kommilitonen von der Persönlichkeit dieses Mädchens gefangen nehmen ließen. Hannah war eine junge Frau, die in einer irgendwohin hastenden Menschenmenge nicht auffiel und kaum auszumachen war, deren Persönlichkeit jedoch in einem kleineren Kreis unaufdringlich eine merkliche Rolle übernahm. Ein sensibler Mensch, wie Marcus es war, fühlte sich gezwungen, ihr zuzuhören, sie hübsch zu finden und alles Schöne an ihrem Äußeren zu entdecken.
Noch jetzt spürte er den Schmerz in seiner Brust, als ein Mitstudent nach langer Diskussion über Hans Jonas’ Arbeit Biologie und Freiheit dazu einlud, trotz anbrechender Nacht in Hannahs Geburtstag hineinzufeiern. In der Jüdenstraße gebe es eine nette Hinterhofpinte, die hervorragenden elsässischen Riesling ausschenke.
Was hatte das zu bedeuten, dass Hannahs Geburtsdatum bekannt war? Beruhigen hatte er sich erst können, als Hannah nach einer auf sie sich konzentrierenden Stille sagte:
„Gut, aber nur, wenn du auch mitgehst, Marcus.“
Ihr Blick traf ihn so heftig, dass er das Gefühl hatte, nicht mehr er selbst zu sein. Ja, es gibt solche Momente, Zäsuren, die lebensbestimmende Wirkung haben. Er fühlte sich erleichtert. Alle Eifersucht, auch die in solchen Augenblicken aufkeimenden Ängste und anerzogenen Komplexe verdunsteten sekundenschnell in einem alles überwältigenden Empfinden seligen Glücks. Marcus wusste sich als Sieger, war aber auch besiegt. Besiegt von jener unerwarteten, jede geistige Distanz ignorierenden Wirklichkeit, die schlummerndes Erwarten jäh freilässt und dem unverhofft Liebenden bisher unerkannte Dimensionen seiner Persönlichkeit bewusst macht. – Obwohl noch Wochen verstrichen, bis sie sich zum ersten Mal einander in die Arme fielen, wussten sie, dass sie sich von dieser lauen, sternenüberfluteten Nacht an für immer gefunden hatten.
Marcus ließ sich so sehr von der Erinnerung gefangen nehmen, dass ihn trotz der wohltuenden Temperatur eine Gänsehaut beschlich, als er nacherlebte, wie sie sich beide im bergenden Schatten des großen Ahorns unter dem alten Aussichtsturm im Stadtpark ohne Hemmung küssten.
Mein Gott, wie aufgeregt er damals war! Nie würde er Hannahs feuchte Nase vergessen, als sich ihre Wangen berührten. Jener kalte Nasentropfen kennzeichnete für ihn noch heute den Beginn ihres bis jetzt unbeschwerten Weges, den sie als vorbestimmt angenommen und auch eingeschlagen hatten. Das war von jenem Augenblick an die entscheidende und treibende Kraft gewesen, die sie beide zur Theologie und seit einigen Jahren bis nach Südafrika geführt hatte.
Hannah gab Marcus einen kleinen Stups mit dem Finger:
„Marcus, wo bist du? Ist dir nicht gut?“
„Oh je, doch,“ beeilte er sich, erschrocken zu versichern.
Hannah schenkte Tee nach und reichte Marcus die Schale mit den Plätzchen.
„Gestern Abend, als du noch in Moshane warst, kam der alte Siloane vorbei. Er hat Ebenholzwurzeln für Mokoma gebracht, die du mitnehmen möchtest, wenn du nach Khoriko rauffährst. Siloane sagte, er bete jeden Tag zu Gott, dass Mokoma, trotz seiner Verstümmelungen, wieder Lebensmut bekomme, und er sehe es als erwiesen an, dass Gott es gut mit seinem Neffen meine, weil der doch von den weißen Farmern noch nie erwischt worden sei, wenn er jenseits des Pulanoka am unteren Pilan Holz habe schlagen lassen. Nur die alte Maditsego sei neulich ertappt worden. Man habe sie aber nicht bestraft, auch nicht gezüchtigt, weil sie nach dem letzten großen Regen die kleine Tochter van der Merves aus dem Pulanoka gezogen und vor dem Ertrinken gerettet hätte.“
Marcus unterbrach Hannah hastig:
„Erinnerst du dich noch an das Gespräch am Neujahrsmorgen hier auf der Lapa mit den Kirchenältesten? Es ging um die Frage, was Sünde sei. Ladimo erzählte voller Stolz, dass er wieder Wasser ausfahren könne. Sein Sohn habe ihm zwei Reifen aus Zeerust mitgebracht. Die hatte er freilich nicht gekauft, sondern einfach von einem parkenden Wagen abmontiert. ,Das ist Diebstahl, Sünde, Ladimo!’ versuchte ich zu entgegnen. Er wollte das nicht wahrhaben. Nicht, weil er seinen Sohn in Schutz nehmen wollte, auch nicht, weil er jetzt wieder Wasser verkaufen konnte. Ladimo ist ein redlicher, ein frommer Mann …“
Markus atmete tief durch.
„Nein, Hannah, das war das immer noch nicht überwundene Weltbild des Ahnenkultes. Geschehene Sünde ist erst dann wirklich, wenn sie öffentlich geworden ist. Im Klartext: wenn man erwischt wird. So verhält es sich auch mit dem alten Siloane, wenn er die Holzklauerei nicht lassen kann. Hannah, da müssen noch Welten überwunden werden, bevor wir die Tswanas verstehen und sie uns.“
„Du magst Recht haben, aber muss man alles so tiefsinnig sehen?“
„Tiefsinnig sehen?“; wiederholte Marcus mit zurückgenommener Stimme und sprach erregt wie zu sich selbst weiter: „Nein, das ist es nicht, aber wie soll ich mit Erfolg meiner Berufung gerecht werden, wenn ich nicht mal begreife, was in der Seele der schwarzen Menschen vor sich geht?“
Hannah konnte nicht sofort nachvollziehen, was Marcus meinte. Sie sah eher die soziale und existentielle Seite im Tun der ausgebeuteten Menschen dieses reichen, aber unglücklichen Landes und seiner perversen Politik.
Marcus bemerkte Hannahs Erregung. Er verstand ihr Engagement für die Leute im Dorf.
„Natürlich müssen sie Holz stehlen und in verbotenen Gebieten jagen, wenn sie überleben wollen. Das ist selbstverständlich, aber es belastet mich, Hannah. Ich predige, dass wir alle Gottes Kinder sind. Aber manchmal denke ich, Gott macht Unterschiede. Unterschiede zwischen Kindern des Lichtes und Kindern des Schattens.“
Marcus wurde heftiger: „Die Weißen, auch wir, Hannah, scheinen Kinder des Lichtes zu sein, die Farbigen aber die Brut der Dunkelheit. … Ja, ja. Ich weiß. Ich klage Gott wieder an, aber sind wir, obwohl wir uns mit den getretenen Menschen dieses Landes durch unser Hiersein solidarisieren wollen, nicht doch privilegiert? Wir träumen, glauben und bekennen die Gemeinschaft aller Menschen dieser Erde im leidenden Christus und doch bleiben wir diesseits der unbegreiflichen Grenze zwischen Schwarz und Weiß. Belügen wir uns nicht selbst? Könnten wir – du und ich – so leben, wie all die Setiloanes, Mothlanas, Nothatos oder Mutupis? Jeden Tag kilometerweit laufen, um einen verbeulten Zinkeimer brakigen Wassers aus den Lachen des ausgetrockneten Pulanokas heran zu schleppen, jeden Tag den wenigen Mais auf einem Feuer, das mit Ochsenmist und gestohlenem Holz geschürt werden muss, weichkochen und darauf hoffen, dass die Söhne und Männer doch wieder ein paar Rand ihres, in den weit entfernten Minen verdienten Lohnes herschicken? Statt dessen erhalten sie immer häufiger böse Nachrichten, dass wieder einer ihrer Söhne in den unseligen Ghettos der Townships verschollen, getötet, gefangen oder wie im Falle Mokomas verstümmelt wurde.“
Marcus atmete schwer.
„Nein, nein, ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalten werde. Unser Leben als Missionare in diesem Land ist schizophren! Wie bewältigen die anderen das nur? Die, die schon zehn Jahre oder länger hier arbeiten. Machen die etwa nur gute Miene zum bösen Spiel? Ist das eine besondere Art der Verdrängung, die man hier erst lernen muss, Naivität? Oder kann man für Südafrika unpassende Wahrheiten ausblenden?“
Hannah wollte ihren Mann beruhigen und legte den Arm um seine Schultern. Doch er fuhr fort in Klage und Selbstanklage:
„Seit drei Jahren leben und arbeiten wir auf Bethanie. Drei Jahre, Hannah! Was haben wir erreicht? Ich predige Versöhnung und Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit und nichts, gar nichts, verändert sich. Pflaster, nur Pflaster kleben wir auf die Wunden blutender Seelen, nicht mehr! Aber es hört nicht auf zu bluten. Sicher, die Menschen sind dankbar, auch für die praktischen Hilfen, die wir hier und da leisten können. Aber näher sind wir ihnen nicht gekommen. Klar, sie achten uns. Bringen uns freundliche Ehrfurcht entgegen. Aber sie sind uns letztlich doch fremd geblieben und wir ihnen Fremde.“
„Nein, Marcus, das stimmt so nicht. Es ist sehr wohl manches anders geworden. Die Veranstaltungen und Gottesdienste werden zunehmend besser besucht. Du selbst meintest kürzlich, wenn die Entwicklung so weiterginge, müssten wir bald eine größere Kirche bauen. Außerdem vertrauen dir die Leute.“
Marcus empfand den warmen Druck von Hannahs Arm wohltuend und erwiderte mit leiserer Stimme:
„Hannah, ja! Ich will meiner Berufung treu bleiben, aber manchmal ist die Herausforderung dieser menschenverachtenden Apartheid übermächtig und unerträglich. – Warum kann ich nicht schwarz werden? Dann könnte ich wenigstens in ihren Seelen lesen, und es gebe ein Verstehen im Leiden. Mein einziger Trost ist, dass Gott uns in dieser Situation zu Mitwissern und Lügnern macht. Das steht zwar unserer Ethik entgegen, aber ein Gewissensnotstand bewirkt immerhin noch das Gefühl, den Entrechteten näher zu sein. – Hätte ich doch auch eine schwarze Haut!“
Hannah kraulte in seinen vollen Haaren.
„Marcus, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass du die Wirklichkeit träumend verändern möchtest. … Sieh mal, da! Dort auf der Protea sitzt ein Nektarvogel.“
Sie sprach fast stimmlos. Ihre Augen begannen aufgeregt zu leuchten. Marcus ließ seinen Blick ihrem ausgestreckten Finger folgen und sah ihn jetzt auch. Der kleine langschnabelige Geselle wollte sich auf einer faustgroßen, kräftig rosafarbenen Protheenblüten niederlassen. Die Stauden hatte Hannah gleich nach ihrem Einzug zwischen die braunen Granitbrocken längs der Lapa gepflanzt. Das tiefgrüne Gefieder des Nektarvogels mit den blauseidenen Flügelenden leuchtete paradiesisch schön in der heißer werdenden Morgensonne. Genüsslich sog der dunkle, säbelförmige Schnabel den Honigtau aus der Tiefe der Blütenblätter. Ein Bild des Glücks und einer Zufriedenheit, von der der Vogel jedoch nichts wusste.
Marcus empfand das Bild mit Schmerzen, denn die Prothea war schließlich auch eines der nationalen Symbole Südafrikas, Sinnbild dieses großen, reichen Landes.
Doch nur die Weißen und die Nektarvögel durften es sich darin uneingeschränkt gut gehen lassen.
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