Leseprobe
aus Claudia Schäckel: Schattentage. VampirRoman
(Auszug aus dem ersten Kapitel)
Kim ging in der Dunkelheit die Straßen entlang. Straßen in einem einsam gelegenen Industriegebiet, weit nach Mitternacht. Ein naher Club schluckte um diese Zeit noch immer mehr Menschen, als er ausspuckte, und mit jedem Öffnen der Eingangstür wälzte sich ein Schwall lauter Musik in die Nacht.
Ihre Kleidung war schwarz, verwaschene Jeans, schwere Stiefel, ein ärmelloses T–Shirt und ein langer, weiter Ledermantel. An der Innenseite ihres linken Unterarms trug sie ein kurzes, zweischneidiges Messer, völlig durch den Ärmel des Mantels verborgen. Konzentriert hörte sie auf jedes noch so leise Geräusch. Unbewusst strich sie sich eine Haarsträhne aus dem markanten Gesicht. Ihre dunkelroten Haare waren kurz geschnitten, bis auf einige längere Strähnen über der Stirn. Neben einer Einfahrt, zwischen zwei schwach beleuchteten Lagerhallen, blieb sie stehen und lauschte angestrengt, mit leicht schräg gehaltenem Kopf, in die Nacht. Nachdem sie sicher war, etwas gehört zu haben, konnte sie ein kurzes Seufzen nicht unterdrücken. Sie hasste Klischees, vor allem wenn sie so offensichtlich zutrafen. Ohne Zögern ging sie mit leisen Schritten die Einfahrt entlang, auf die Stimmen, hinter einer der beiden Hallen zu. Je näher sie kam, umso deutlicher wurden die Stimmen. Die erste, flehend und weinend, von einer verängstigten Frau, die zweite von einem Mann, der sie offensichtlich bedrohte. Als sie die Stimme des Mannes zum ersten Mal deutlich hören konnte, zuckte Kim kaum merklich zusammen. John hatte gut recherchiert. Er war heute Nacht hier, und sie hatte ihn in flagranti erwischt. Seine Stimme würde sie nie vergessen. Ihre intensiv grünen Augen verdunkelten sich und um ihre Lippen entstand ein verächtlicher Zug. Heute war sie in der besseren Position.
Kim hatte die Hausecke erreicht. Die Stimmen waren nah und deutlich, beide mussten sich direkt hinter dem Gebäude befinden. Sie trat einen Schritt vor. Er stand mit dem Rücken zu ihr. Vor ihm auf dem Boden lag ein Mädchen mit Spuren von Schlägen und Tränen im Gesicht.
„Versuch es mal mit einem Gegner, nicht immer nur mit Opfern!“
Ihre Stimme war gerade so laut wie nötig und der drohende Unterton mehr als deutlich.
Erschrocken fuhr er herum und ließ dabei das Hemd des Mädchens los, das er, halbzerrissen, in der Faust gehalten hatte.
Er starrte die Frau an, von der er in der Dunkelheit nur Umrisse erkennen konnte. Kim nahm die Angst des Mädchens wahr, sie lag fast greifbar und verlockend in der Nachtluft. Dann trat sie, ihren Auftritt genießend, einen weiteren Schritt vor, in den schwachen, gelblichen Schein der Nachtbeleuchtung. Er atmete tief durch, als er zu erkennen glaubte, was ihm gegenüber stand. Wie immer, wenn er einem von ihnen begegnete, empfand er diese Mischung aus Angst und Bewunderung, gegen die sich seine Vernunft nicht zur Wehr setzen konnte. Er nahm die Hände leicht zur Seite und trat, mit einer einladenden Geste, etwas von dem zitternden Mädchen zurück. Amüsiert darüber, dass er sie nicht erkannte, machte sie einen halben Schritt auf das Mädchen zu, ohne ihn dabei aus ihrem bohrenden Blick zu entlassen. Es hatte die gewünschte Wirkung, verunsichert flogen seine Augen zwischen den beiden Frauen hin und her.
„Du enttäuscht mich.“
Der nette Plauderton passte weder zu ihrer drohenden Körperhaltung noch zu ihrem verächtlichen Gesichtsausdruck.
„Nach, allem was wir zusammen durchgemacht haben, hätte ich wenigstens erwartet, dass du mich erkennst.“
Eine Vorahnung von der Gefahr, in der er schwebte, schlich sich in seinen Kopf.
Das Mädchen hatte sich leise wimmernd, so weit es ging, an die Wand in ihrem Rücken gepresst.
In Kims schlecht beleuchtetes Gesicht starrend, suchte er mit steigender Unsicherheit nach einer Erinnerung, bis er etwas längst Verblasstes, Unwichtiges fand, das schon lange her war und an das er nie wieder einen Gedanken verschwendet hatte.
Ungläubig weiteten sich seine Augen.
Man hatte den Eindruck sehen zu können, wie sein Gehirn die Informationen zusammenfügte, nur um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das, was er zu sehen glaubte, unmöglich war.
Kim beobachtete mit kalter Überlegenheit sein Gesicht und ließ ihm Zeit, darüber nach zu denken. Sie ahnte seine verschiedenfarbigen Augen mehr, als diese zu erkennen waren. Noch zu genau wusste sie, wie hart und mitleidlos diese Augen auf sie herabgeblickt hatten. Sie beobachtete die Panik, die sich allmählich auf seine Züge legte und hielt die Situation bewusst noch etwas länger aufrecht.
Jetzt ging auch von ihm ein immer stärker werdender Angstgeruch aus.
Das Mädchen war still geworden und hielt verkrampft die Fetzen ihres Hemdes zusammen.
Kim begann die sich steigernde Angst des Mannes zu genießen. Seine unruhigen Augen und sein überforderter Verstand suchten verzweifelt eine Erklärung. Einen Ausweg.
„Du bist tot!?“, hauchte er.
„Richtig.“
Unruhe stieg in ihr hoch, sie begann ihre Hände zu Fäusten zu ballen, ihr Mund wurde trocken, und in ihren Augen erschien ein kurzes Flackern.
Schneller, als er wahrnehmen konnte, stand sie direkt vor ihm, hatte ihn mit der Rechten am Kragen seiner Jacke gepackt und mit Wucht rückwärts gegen die Wand geschlagen. Nur ihr Griff an seiner Jacke verhinderte, dass er in sich zusammensackte. Die Kraft, mit der er gegen die Wand prallte, ließ ihn nach Luft schnappen, und sein Kopf schlug so heftig auf, dass grelle Lichtpunkte vor seinen Augen tanzten.
Aus den Augenwinkeln sah Kim auf das verängstigte Mädchen hinunter.
„Verschwinde!“
Das Mädchen kam unsicher auf die Beine und beeilte sich, der Anweisung zu folgen.
Kim wendete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu, den sie immer noch mit der rechten Hand gegen die Wand drückte. Er roch wie damals nach kaltem Rauch. Sie beobachtete ihn und wartete. Sein Kopf hing leicht zur Seite, die Augen rutschten unkontrolliert hin und her. Als erstes konnte er wieder von alleine stehen, sie musste ihn nicht mehr aufrecht halten. Dann wurde sein Blick wieder klarer, und als dieser an ihrem Gesicht hängen blieb, schrieb sich Wissen auf das seine. Ihr Lächeln wurde boshaft und seine Panik größer. Kim fühlte seine Angst und konnte seinen immer schneller werdenden Herzschlag spüren.
Er versuchte, etwas zu sagen, brachte aber nur sinnloses Gestammel hervor.
„Du … Ich … Das kannst du nicht machen …“
Wieder flackerten ihre Augen. Sie dachte an ihre erste Begegnung.
„Ich kann! Heute Nacht ist es mein Spiel, und wir spielen nach meinen Regeln.“
Er zitterte, kalter Schweiß auf der Stirn und Todesangst in den Augen.
„Bitte!“, flehte er verzweifelt und vergeblich.
Das Flackern hörte auf und das Grün ihrer Augen ging in leuchtendes Bernstein über. Kim griff mit der Linken seine Haare und drehte ihm grob den Kopf zur Seite, wobei dieser ein zweites Mal mit einem dumpfen Geräusch gegen die Mauer schlug. Er stöhnte gequält. Sie beugte sich vor. Ihr Blick glitt langsam von seinen Wangenknochen über Kinn und Hals. Eigentlich war er recht hübsch. Angstgeruch hüllte ihn ein, sie konnte seinen rasenden Herzschlag deutlich hören. Ihre Lippen berührten seinen Hals, sie öffnete den Mund und trieb ihre langen Eckzähne durch seine Haut.
Sie musste ihn wieder halten, als seine Beine nachgaben.
Sein Stöhnen ließ nach und das gleichmäßige Pulsieren wurde leiser. Nachdem beides ganz verklungen war, ließ sie ihn vorsichtig an der Wand entlang zu Boden gleiten. Ihre Schläfen pochten so laut wie vorher sein Herz, und ihr Atem ging schnell und stoßweise. Sie konnte fühlen, wie sich seine Wärme in ihrem Körper ausbreitete und ihr wie im Rausch zu Kopf stieg. Mit leichter Verwunderung lauschte sie in sich hinein und überließ sich dieser Flut.
Nachdenklich sah sie wenig später in seine leeren, aufgerissenen Augen, schloss diese sanft, sorgte dafür, dass die Verletzungen an seinem Hals nicht mehr als Bisswunden erkennbar waren, und ließ ihn zurück.
Unbemerkt kam Kim bei ihrem Wagen an, den sie nicht weit entfernt in einer Seitenstraße geparkt hatte. Sie hatte sich beeilt, wegzukommen, und das war gut so, denn das Mädchen war panisch zu dem Club gerannt, vor dessen Tür sich eine aufgebrachte Menschenmenge versammelt hatte. Es wurde Zeit zu verschwinden. Kim startete den Motor und starrte noch einen Moment unkonzentriert auf die Straße, dann drehte sie die Musik lauter, umschloss verkrampft mit leicht zitternden Händen das Lenkrad und fuhr los. Von Weitem waren schon Polizeisirenen zu hören.
Kim parkte den Wagen hinter dem Gebäude und betrat die ehemalige Schule durch den Keller. Sie ging an ihrer Wohnung vorbei, durch das stille, leere Treppenhaus, hinauf zu einer der beiden Wohnungen unter dem Dach. Mit einem Ruck öffnete sie Johns Tür, ohne auch nur anzuklopfen, wissend, dass er auf sie gewartet hatte.
In ihrem Inneren tobte noch immer der Rausch. Ihre Hände zitterten kaum merklich vor mühsam beherrschter Erregung. Sie hatte die Angst ihres Opfers nicht nur gerochen, sondern auch geschmeckt. Wie eine Flutwelle waren seine Gefühle über ihr zusammengeschlagen. Sie hatte seine sterbende Seele wahrgenommen und mit ihr eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlte zu leben.
Als sie das Wohnzimmer betrat, saß John in seinem großen Sessel und sah ihr entgegen. Er hatte unruhig auf ihre Rückkehr gewartet.
„War er da?“
John richtete sich, sichtlich gespannt, aus seiner bequemen Position auf. Den Fernsehapparat hatte er ausgeschaltet, als sie hereinkam.
„Ja.“
Ihre Antwort war knapp, ihr Ton hart.
John zuckte zusammen, als er die Aggression hörte, die in diesem einen Wort lag. Nervös rutschte er in seinem Sessel herum.
„Und …?“
Seine Frage kam zögernd und vorsichtig.
Kim sah ihn nicht an, sondern starrte an ihm vorbei auf ein Bild hinter ihm an der Wand. Die Hände zu Fäusten geballt, trat sie fast unmerklich von einem Fuß auf den anderen.
„Und …?“, wiederholte er seine Frage leise und abwesend.
Sie machte eine Pause, zwang ihren Blick das Bild loszulassen und John an zu sehen.
„Und … Ich habe ihm Zeit gelassen mich zu erkennen.“
In ihrer Stimme lag ein kaum wahrnehmbares Beben. Der Mann in seinem Sessel sah die Erregung in ihrem Gesicht und in ihren angespannten Bewegungen. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber seine Handflächen begannen zu schwitzen unter ihrem durchdringenden Blick.
„Und ich habe ihm Zeit gelassen, richtig Angst zu bekommen.“
Kim sprach langsam und sehr deutlich und ließ ihr Gegenüber nicht aus den Augen. Sie nahm seine aufsteigende Furcht mit einer gewissen Genugtuung wahr. Er hatte sich ihre Gesellschaft eingebrockt, sollte er sehen wie er damit zurechtkam.
Der ansonsten behagliche Sessel vermittelte John mit einem Mal das Gefühl einer Falle, als Kim noch einen Schritt auf ihn zu kam. Er sah ein kurzes Flackern in ihren Augen.
„Und ich habe ihn umgebracht!“
Sie ließ ihre Worte einen endlosen Moment in der Luft hängen.
Dann drehte sie sich abrupt um und ging.
Die Tür schlug hart hinter ihr ins Schloss.
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