Leseprobe

aus Jochen Neuhaus Oppermanns Erzählung. Roman. (Auszug aus den ersten beiden Kapiteln)


1.

Es ist wirklich ganz einfach, dachte ich: eins, zwei, drei, wirklich ganz einfach, vier, fünf, sechs … sieben, acht. Eins, zwei, drei, viereins, zwei, drei, vier fünf, sechs, sieben, acht … Und immer weiter. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs … Und noch mal von vorn: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben
Ich erinnerte mich an meine Penthousewohnung mit zweihundertfünfzig Quadratmetern Grundfläche. Von der obersten Station des Fahrstuhls im vornehmen Frankfurter Hochhaus führten acht Stufen an meine Wohnungstür. Wenn ich die nach einem anstrengenden, langen Tag in der Bank hinaufstieg, zählte ich sie immer mit. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben … Acht. Und dann waren es noch einmal fünf Stufen zur hoch über dem Treiben der Stadt gelegenen einhundertfünfzig Quadratmeter großen Terrasse. – Eins, zwei, drei, vier, fünf. Wenn ich zählte, schlug ich mit der linken Hand auf mein linkes Knie. – Fünf Stufen: eins, zwei, drei, vier, fünf … Mit der rechten Hand schlug ich auf das linke Knie. Eins, zwei, drei, vier, fünf … Ganz mechanisch, verstehen Sie? So mechanisch, wie die pompöse Wohnungstür hinter sich zu schließen und abzuhauen. Weg. Weg von den Zwängen, den Verpflichtungen und dem ewigen Druck, der Beste zu sein. Weg von den Bedrohungen. Einfach gehen. Alles zurücklassen. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Hätte ich nicht kämpfen müssen? War meine Flucht nicht geradezu der Beweis, dass ich nicht der Beste bin? Eins, zwei, drei, vier, fünf. – Quatsch. Natürlich kann ich stolz auf meine Arbeit sein. Aber jetzt habe ich einfach keine Lust mehr in diesem Spiel von Macht, Intrige und Vernichtung. Eins, zwei, drei, vier, fünf. – Plötzlich war etwas anders. Nein, nicht eigentlich anders. Es kam ein neuer Rhythmus hinzu. – Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Eins, zwei, drei, vier , fünf, sechs. – Was war das? Das war doch nicht ich? – Ich hörte eine Mädchenstimme leise sprechen: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. – Ich wollte nicht wissen, wer sich in mein Zählspiel eingemischt hatte, ich schloss die Augen und überließ mich den Zahlen und ihren Rhythmen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.
Ich öffnete die Augen und erkannte ein junges Mädchen, das mich vergnügt anschaute und unentwegt zählend auf seine Schenkel schlug.


2.

In Hannover steige ich um 18.24 Uhr in den ICE 683 nach München und setze mich gemütlich in die roten Polster der 1. Klasse. Ich freue mich auf die Reise. Am Abend, nach einem etwas längeren Aufenthalt, will ich im Schlafwagen nach Venedig fahren. Dort treffe ich mich mit Freunden, um die Serenissima zu erkunden.
Zuerst fällt mein Blick auf die Landschaft hinter dem Fenster. Nach Göttingen beginnt das Hessische Bergland. Die Sonne versinkt wie bestellt rot lodernd hinter den Bergen. Von dem Anblick bin ich ganz gefesselt und bedaure es jedes Mal, wenn der Zug in einen der zahlreichen Tunnel einfährt.
Jetzt ist die Sonne verschwunden und hinterlässt einen zarten rosigen Hauch am dunkelblauen Himmel. Der Wagen ist wegen der Tunnel schon früh beleuchtet.
Ich sitze in einem Großraumabteil an einem Tisch. Hinter Kassel–Wilhelmshöhe nimmt der Zug ordentlich Fahrt auf. Auf dem Anzeiger über der Tür kann ich die jeweilige Geschwindigkeit sehen. Sie liegt deutlich über zweihundertfünfzig Kilometer pro Stunde.
Mir gegenüber sitzt ein Herr in einem sündhaft teuren Anzug, er trägt ein weißes Hemd und einen sorgfältig gebundenen hellblauen Schlips. Er mag Ende vierzig sein, ist etwa so groß wie ich, hat volles schwarzes Haar und blaue Augen. An seinem Finger sitzt ein in Stein gefasster Ring. Genüsslich raucht er aus einer eleganten Meerschaumpfeife. Der würzig feine Tabakduft liegt schwer über unseren Köpfen und ermuntert mich, auch meine Pfeife rauszuholen.
Der Mann schaut auf und lächelt freundlich, als wolle er eine Bruderschaft über die Pfeife mit mir gründen. Ich nicke verbindlich zurück, bin aber etwas verlegen und lenke meinen Blick von ihm fort.
Bisher geht die Fahrt fast ereignislos vorüber. Mein Gegenüber hat sich inzwischen in ein Buch vertieft und scheint sich durch nichts stören lassen zu wollen. Auch ich nehme ein Buch, einen Reiseführer über Venedig, und beginne zu lesen und ein wenig von dem zu träumen, was mich hoffentlich erwartet.
Manchmal schaue ich auf. Hin und wieder dringt das stampfende Rattern der vorbeirasenden Gegenzüge und das leichte Geklapper der Weichenüberfahrten an mein Ohr, ansonsten ist die Fahrt fast geräuschlos, als säßen wir in einem Aquarium, vor dessen Glas monotone Schatten einer abgrundschwarzen Nacht vorüberhuschen.

Der gewaltige Schlag kommt unerwartet. Er lässt den Waggon scheinbar etwas tanzen und ein durchdringendes lautes Kreischen hören. Nur nebenbei sehe ich, dass ein ganzes Feuerwerk sprühender Funken wie stürzendes Wasser an eine Tunnelwand gespritzt wird und wieder zurückprallt.
Alle Reisenden werden hin und her gestoßen, Gegenstände fliegen durch die Gänge und mancher stürzt zu Boden. Ich selbst falle über den Tisch, stoße mit dem Kopf meines Gegenübers zusammen und werde sofort wieder in meinen Sitz geschleudert.
Noch ein kräftiger Ruck und der Wagen steht. Für einen kurzen Augenblick ist es ganz ruhig und dunkel. Die Lichter sind erloschen. Als kurz darauf die Lampen wieder aufleuchten, bricht ein Jammern und Klagen los. Hier ist ein Hemd zerrissen, da eine in Geschenkpapier eingewickelte Vase zersprungen, dort sitzt jemand im Gang und hält sich Kopf und Knie.
Mir selbst ist nichts weiter passiert. Also will ich aufstehen und sehen, ob ich irgendwie helfen kann. Mein Gegenüber ist kreidebleich geworden und ringt nach Luft. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Die Augen sind weit aufgerissen. Ich denke noch bei mir, dass ich die Reaktion für unangemessen halte. Sicher war der kleine Unfall alles andere als angenehm und mag mancherlei Verdruss erzeugt haben. Aber es ist doch nichts passiert und es herrscht wieder weitgehend große Gefasstheit. Aber laut rufe ich:
Wir brauchen dringend einen Arzt. Ist ein Arzt unter den Reisenden? Offensichtlich hat hier jemand einen Herzanfall.
Doch weist der Herr mich zurück und bittet mich, ich möge mich nicht weiter bemühen. Aus einer Tasche holt er eine Flasche Wasser und trinkt daraus. Er wischt sich sein Gesicht ab, rückt die verrutschte Brille wieder zurecht und wird allmählich ruhig. Sein Blick sucht nach der Pfeife. Das Mundstück liegt auf dem Sitz neben ihm, vom Pfeifenkopf erkennt man nur Splitter auf dem Tisch. Er ist offensichtlich zersprungen. Meine Pfeife dagegen ist heil geblieben. Die Asche ist natürlich verschwunden; aber ein kleiner Tabakfunke hat in mein Hemd ein Loch gebrannt.
Um mich herum sieht es furchtbar aus. Immerhin scheint niemand verletzt zu sein. Auf dem Gang sind Koffer umgefallen und Flaschen kullern herum. Von den Gepäckhaltern hängen Mäntel und andere Kleidungsstücke herab, und ein jeder versucht die Fassung wieder zu gewinnen.
Das Ganze ist so schnell vor sich gegangen, dass ich selbst noch nicht bei Besinnung bin. Eine Lautsprecheransage ertönt. Die Zugchefin meldet sich mit festen und beruhigenden Worten:
Meine Damen und Herren, der Lokführer musste wegen eines kleinen Unfalls eine Notbremsung vornehmen. Bitte beunruhigen Sie sich nicht und bleiben Sie auf Ihren Plätzen. Unser Serviceteam wird zu Ihnen kommen und Sie gern mit Getränken und einem kleinen Imbiss bedienen. Haben Sie bis zur Weiterfahrt bitte Geduld. Die Türen des Zuges bleiben verschlossen. Es ist strengstens verboten, die Türen zu öffnen. Das Zugteam wird alles tun, um Ihnen den Umständen entsprechend den unvorhergesehenen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis.
Mein Gegenüber hat sich inzwischen eine andere Pfeife angezündet. Mittlerweile ist wieder die Farbe in sein Gesicht zurückgekehrt.
Jetzt haben wir für eine kleine Ewigkeit Zeit, sagt er. Da ist bestimmt ein lebensmüder Mensch vor den Zug gelaufen. Bis die Ermittlungen abgeschlossen sind und die Lok wieder flott ist, werden schätzungsweise gut und gerne fünf Stunden vergehen.
Er richtet seinen Oberkörper etwas förmlich auf und entschuldigt sich für seinen, wie er meint, etwas hysterischen Auftritt eben.
Er hüstelt.
Gestatten: Professor Doktor Florian Oppermann, ehemaliger Vorstand der Z–Bank für Entwicklung und Innovation.
Zunächst meldet sich bei mir ein deutlicher Widerwillen.
Florian Oppermann steht auf und reicht mir mit einer aufmunternden und gewinnenden Geste die Hand. Auch ich stehe auf und nenne meinen Namen.
Sie sehen, sagt er, mir schmeckt die Pfeife wieder. Aber wenn Sie Lust haben, möchte ich Ihnen beim Rauchen erzählen, was ich vor einiger Zeit erlebt habe und was mich immer noch innerlich sehr beschäftigt. Dann können Sie vielleicht verstehen, warum mich dieser Vorfall so besonders erschreckt hat.
Es ist mir zunächst überhaupt nicht angenehm, dass Florian Oppermann mir dies Angebot macht. Im Allgemeinen werde ich lieber in Ruhe gelassen. Allerdings muss ja auch ich mit der kleinen Ewigkeit fertig werden. Und wer weiß, was mein neuer Bekannter so alles zu berichten hat.

Die Z–Bank, kurz einfach die Z genannt, zu deren Vorstand ich als Stellvertreter des Vorsitzenden gehörte, ist zwar in der allgemeinen Öffentlichkeit wenig bekannt; trotzdem betreibt sie ein umfangreiches Geschäft. Ich will Sie nicht mit Einzelheiten aus dem Bankwesen langweilen, daher lassen Sie mich nur kurz erklären: Die Z arbeitet in Übersee und vermittelt für außergewöhnlich innovative Projekte die notwendigen finanziellen Mittel. Dazu arbeiteten wir mit der Weltbank und anderen internationalen Bankenkonsortien zusammen. Bei unseren Geschäften ging es nicht nur um Millionen, sondern auch und besonders um Milliarden.
Mein Büro lag weit oben in einem der unscheinbaren, aber sehr luxuriösen Frankfurter Bankengebäude. Auf der anderen Seite des langen Gangs sitzt, ich muss besser sagen, saß, Professor Doktor Ernst Hellmer, der Vorsitzende des Vorstandes. Dazwischen hatten unsere Assistenten ihre Büros, meiner hieß Bruno Orlov, Hellmers Urs Uxoll. Sie sollten wissen, dass in unserem Hause üblicherweise Hellmer und ich uns zwar mit Vornamen anredeten, aber beim Sie geblieben sind. Hellmer und ich mochten uns nicht. Wir begegneten uns höflich, aber respektlos. Unsere Kommunikation war gespickt mit kleinen Sarkasmen und feinen Spitzen, die meist nur wir beide verstanden. In der Außendarstellung gaben wir natürlich ein harmonisches Team.
Auf der Vorstandsetage war ich der Einzige, der Hellmer zu widersprechen wagte und sich seinen zum Teil heftigen Einschüchterungsversuchen entziehen konnte. Da aber sonst alle von ihm abhängig waren, hatte er lauter Freunde um sich geschart, weshalb ich ein wenig isoliert war. Dass Hellmer durch die üblichen Intrigen meine Wahl zum Vorsitzenden hintertrieben hatte, obwohl ich Ansehen und Vertrauen des Aufsichtsrates und der Aktionärsversammlung genoss, hat mich allerdings kaum geschmerzt. Ich lasse mir mein Leben durch solche Spielchen nicht verderben.
Mit Bruno Orlov verband mich dagegen eine tiefe Freundschaft. Wir duzten uns. Mein Vertrauen zu Bruno war unbegrenzt. Hellmer gegenüber war ich von Anfang an skeptisch. Er bekam von mir nur die allernotwendigsten Informationen. Umgekehrt war es natürlich nicht anders.
Eines Tages kam Bruno abends sehr spät zu mir und fragte mich, ob ich noch Zeit für ihn hätte. Ich schaute ihn erstaunt an, da ich ihn schon längst zu Hause wähnte. Ja sicher, meinte ich, setz dich doch. Nein, nicht hier, sagte er. Können wir nicht irgendwo essen gehen, wo uns niemand sieht? Jetzt war ich erst recht verblüfft. Es gab immer mal etwas, das man nur im Geheimen besprechen konnte; aber es standen im Augenblick keine weitreichenden Entscheidungen an. Aber ich sagte weiter nichts. Wir vereinbarten eine Fahrt ins Grüne weit außerhalb der Stadt. Wie immer fuhr Bruno. Ich versuchte, ihm von der Seite her ins Gesicht zu sehen, um irgendetwas darin zu lesen. Aber er hatte sich verschlossen und achtete konzentriert auf den Verkehr.
Schließlich hatten wir ein schönes kleines Restaurant mit hessischen Spezialitäten entdeckt, in dem man gut essen konnte und wo wir ungestört waren. Nachdem wir bestellt hatten, lehnte sich Bruno entspannt in seinen Sessel zurück und begann eine Zigarette zu rauchen. Bei einer weiteren Zigarette holte Bruno ein umfangreiches Schriftstück aus seiner Kollegtasche, das rot unterstrichen und an den Rändern in seiner zierlichen Schrift mit Anmerkungen versehen war.
Lies das bitte in aller Ruhe, sagte er zu mir, und versuche bitte, dir möglichst viele Einzelheiten einzuprägen; denn bevor wir zurückfahren, werde ich die Akte vernichten. Übrigens habe ich den Tipp zu diesem Vorgang von Urs bekommen. Er quält sich schon seit geraumer Zeit mit der Sache herum. Heute hat er sich endlich ein Herz gefasst und mir auch die Quellen genannt.
Ich brauchte etwa eine halbe Stunde, dann begann ich, alles noch einmal zu lesen, wobei ich mir diesmal auch Brunos Anmerkungen und die langen Zahlenkolonnen einprägte. Das fiel mir nicht schwer, denn ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Schon oft habe ich die Leute damit verblüffen können. Am meisten Spaß machte es mir natürlich, wenn ich Hellmer damit überrumpeln konnte.
Ich war entsetzt, allerdings auch nicht zu sehr überrascht; natürlich wusste ich, dass in unseren Kreisen geheimnisvolle, undurchschaubare Dinge geschahen, das meiste davon blieb im Dunkeln. Bruno sah mich erwartungsvoll, aber blass vor Sorge an. Ich sagte: Du, Bruno, damit könnten wir uns sehr schnell gehörig die Finger verbrennen. Aber weißt du, ich könnte mir Schutzhandschuhe anziehen. Keine Frage: Da muss ich etwas unternehmen. Hast du schon vorgesorgt? – Statt einer Antwort holte Bruno eine DVD aus seiner Anzugtasche. – Damit du es weißt, die Akte hier vernichte ich, sagte er. Die DVD kannst du behalten, mach damit, was du willst. Ich habe alles entfernt, was auf mich zurückgeführt werden könnte.
Ich sah ihn groß an. Du willst doch wohl nicht abstreiten, dass du schon mittendrin steckst? Auf jeden Fall sind Urs, du und ich schon zu sehr Mitwisser. Die Sache muss unbedingt geklärt werden. So weit es irgend geht, will ich versuchen, dich da rauszuhalten. Jedenfalls werde ich morgen als Erstes ein wahrscheinlich nicht sehr angenehmes Gespräch mit Hellmer führen.
Oppermann redet leise, aber sehr deutlich und langsam. Immer wieder unterbricht er seine Erzählungen, um seine Pfeife in Gang zu halten; oder ist es umgekehrt, dass er das Rauchen benutzt, um sich immer wieder eine kurze Rast zu ermöglichen? Er macht eine längere Pause, schaut an mir vorbei in die Ferne und verliert sich offensichtlich in seinen Gedanken. Als wenn er plötzlich aufgewacht sei, holt er aus seiner Tasche eine kleine Flasche und zwei Becher aus feinem Silber und stellt sie vor uns ab. – Wie wär es mit einem Cognac? fragt er, gießt ein und prostet mir zu. Er nippt an seinem Becher und lehnt sich genüsslich nach hinten. Nach einer geraumen Weile fährt Oppermann fort:
Bruno brachte mich nach Hause. Wir verabschiedeten uns und verabredeten, am folgenden Morgen nicht über unser Geheimnis zu sprechen und dass Bruno den Kontakt mit Urs meiden sollte.
Mit dem Fahrstuhl fuhr ich zum vierzehnten Stock, in dem sich mein Penthouse befand. Ich nahm die acht Stufen bis zu meiner Wohnung, zählte die Schritte mit und musste wie immer über meinen Tic schmunzeln. Vor der Tür blieb ich zunächst ruhig stehen und lauschte. Es war kein Laut zu hören. Trotzdem wusste ich, dass jenseits der Tür geballte Energie kauerte und nur darauf wartete, dass sich die Tür öffnete. Als ich aufschloss, sprang mir Catull, mein Dalmatiner, mit voller Wucht entgegen. Nachdem ich ihn gebührend begrüßt hatte, rannte er wie ein Irrer los, erst ins Wohnzimmer und dann um den Wohnzimmertisch. Einem Fremden wäre vielleicht angst und bange geworden vor Sorge, der Hund könne wertvolle Vasen umwerfen. Ich aber wusste, dass er trotz seines unübersehbaren Übermuts keinen Schaden anrichtete. Die freudige Begrüßung vertrieb alle meine trüben Gedanken, und gleich fühlte ich mich besser.
Ich zog mich schnell um und suchte nach seinem Ball und warf ihn auf den weichen Teppich. Sofort stürzte sich der Hund auf ihn und apportierte ihn, ohne ihn allerdings herauszurücken zu wollen, und schon rangen wir in fröhlichen Scheinkämpfen miteinander.
Ich muss schon sagen, dass mich Brunos Bericht beunruhigt hatte. Jetzt legte ich aber alle störenden Gedanken beiseite. In meiner luxuriösen Wohnung bin ich gern. In den letzten Jahren habe ich großen Wert darauf gelegt, dort ungestört zu sein. Es gab und gibt keine Frauengeschichten. Zu oft habe ich bei anderen gesehen, welche Scherereien sie machen können. Seit der Scheidung von meiner Frau vor gut zehn Jahren lebe ich allein. Mein Butler Claudio ist der zweite Mensch, dem ich volles Vertrauen entgegenbringen kann. Er hat eine kleine Wohnung neben meiner. Auf seine Diskretion und Loyalität kann ich mich absolut verlassen.
In meinem Penthouse konnte ich mich mit zahlreichen Schätzen umgeben, die ich sehr liebe: meine Bücher, meine CD–Sammlung, schöne und kostbare Bilder und Skulpturen, gute Teppiche und Möbel. Mein Stolz und mein Ruhepol waren zwei außerordentliche Schmuckstücke: mein Blüthnerflügel und meine Terrasse. Der Flügel begleitete mich schon seit sehr langer Zeit. Vor fünf Jahren hatte ein japanischer Geschäftspartner mich mit einem japanischen Gartenarchitekten bekannt gemacht, der mir einen zauberhaften japanischen Garten auf meiner Terrasse einrichtete. Vom Wohnzimmer aus konnte ich über eine breite Treppe mit fünf Stufen hinaufgelangen.
Vom Wohnraum aus hatte ich einen freien Blick auf die Anlage, sodass ich auch bei Regen und im Winter zu jeder Zeit Freude an meinem Schatz haben konnte. Besonders liebe ich es, beim Musizieren nach draußen zu schauen und mich von meinen Augen anregen zu lassen. Direkt hinter der breiten Glastür begann ein Weg aus edlem Holz, der die ganze Anlage umgab. Die anderen drei Seiten schränkten die Aussicht durch einen Zaun aus einem raffinierten Bambusgeflecht ein. In der Mitte lag das eigentliche Kunstwerk. Ein Trockenfluss aus weißen Carrarakieseln durchzog das Rechteck diagonal und mündete in ein Meer aus Steinen, in dessen Mitte sich eine Insel mit drei aufrechten Steinen in einem Moosbett befand. Gesäumt wurde der Fluss von Azaleen, einem kleinen Bambushain, weiteren Steinen und einem kleinen fließenden Brunnen. Eine zauberhaft schöne japanische Kiefer, ein jetzt im Spätsommer allerdings schlichter Kirschbaum und ein zierlicher Ahorn mit prächtig gelbem Blattwerk ragten aus dem Arrangement hervor.
Ja, hier hatte ich nicht nur meine Ruhe; hier war meine eigentliche Welt, für die ich lebte, auch wenn ich selten genug dort sein konnte. Ich dachte oft während der Arbeit an meinen Terrassengarten, dachte, hier kann ich alles Widrige ablegen, und das gibt mir Kraft.
An jenem Abend setzte ich mich zunächst an den Flügel und versuchte, mich auf ein paar Bachsche Inventionen zu konzentrieren. Als mir das aber nicht gelang, setzte ich mich in meinen komfortablen Sessel in die Ecke des Gartens und meditierte vor mich hin. Da stand auch schon Claudio neben mir. Er hatte sich wie immer lautlos genähert. Guten Abend, Herr Professor, begrüßte er mich. Wünschen Sie noch etwas zum Nachtessen? – Ich verneinte und bat ihn, ein Bad mit nicht zu heißem Wasser vorzubereiten und auf der Terrasse den Liegestuhl herzurichten. Und nach dem Bad wollte ich gern einen Cognac aus der Petite Champagne trinken. – Ich werde alles so zubereiten, wie Sie es wünschen. Der Cognac wird allerdings nicht lang genug ruhen können, nachdem ich die Flasche geöffnet habe. Das ist schade. – Sicher, Claudio, antwortete ich ihm, aber meinen Sie nicht auch, dass er immer noch besser schmeckt, als würde er überhaupt nicht getrunken?

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