Leseprobe
aus Annemarie Schelm: Furchentreter. Roman
(Ausdruck des fünften Kapitels)
Wolfshagen, Chemnitzer Straße, am Abend
Katja Kück saß in ihrem verschlossenen Zimmer und zeichnete. Sie gab sich Mühe. Zuerst entstanden zwei lange Beine, dann ein knielanger, enger Rock. Enger Pullover. Die Arme waren schwierig, sie verschwanden hinter dem Rücken. Der Hals wurde ganz lang. Daneben setzte Katja ein Oval und versah es mit einem Profil, einer zierlichen Nase und aufgeworfenen Lippen. Die Augen verloren sich unter einem dichten Pony. Dann legte sie ein dickes Tau um den Hals. Der Kopf wirkte nun wie abgeknickt. Zum Schluss zeichnete sie ein Zünglein zwischen die vollen Lippen.
Sie hatte eine gehenkt.
Das Seil verlängerte sie nach oben und wickelte es um einen Ast. Dann stockte sie, weil sie den Ast eckiger machen wollte. Doch in diesem Moment rüttelte es heftig an der Tür.
„Mach auf!“
Das war ihr Vater. Sauer wie nichts.
„Erst wenn sie sich entschuldigt!“
„Deine Mutter hat es nicht so gemeint!“
„Das soll sie selber sagen!“
„Katja!“
„Nein!“
Ihr Vater fluchte.
„Weiber!“
„Was soll denn das!“, hörte sie jetzt ihre Mutter schreien.
Ihr Vater fluchte wieder. Angi quäkte. Draußen lief die totale Wahnsinnsshow.
„Mach jetzt endlich auf!“
„Nein!“
Draußen war Ruhe.
„Typisch!“, sagte ihre Mutter schrill. „Deine Tochter! Sie tut, was sie will! Und du machst nichts! Stehst nur vor der Tür und brüllst. Der große Kück.“
„Soll ich denn die Tür einschlagen? Nur weil ihr spinnt? Ach, leckt mich doch!“
Eine Tür knallte.
Katja rauchte und lauschte auf die Geräusche von draußen. Jetzt waren sie in der Küche, und der Alte machte Terz. Irgendwie ging es um Geld und sich nicht länger bieten lassen. Ihre Mutter giftete dazwischen.
In diesem Moment dachte Katja wieder einmal ans Abhauen. Am besten ganz weg aus Vorsleben und nie mehr zurück. Leute kennenlernen, was werden, vielleicht berühmt. Klamotten für Typen entwerfen, total irre Teile, durchsichtig mit Farbschleier oder so. Die Alten würde sie in Schwarz verpacken. Totenschwarz und dann oben zuschnüren, dass die nie wieder rauskamen.
Draußen krachte es, und sie hörte jemanden in den Flur rennen.
„Mehr kannst du nicht!“, schrie ihre Mutter. „Große Sprüche! Und wenn du dahinter guckst, nichts als Wind vor der Hoftür!“
Dann klatschte es. Die totale Ohrfeige. Klatschte noch mal.
„Du Schwein!“
Ihre Mutter klang, als wäre sie kurz vor dem Aus, und mit einem Mal war Katja klar, was da eigentlich ablief: Ihr Vater prügelte ihre Mutter halb tot. Nur wegen ein paar dummer Sprüche.
Sie rannte zur Tür und schloss auf. Ihr Vater stand mit dem Rücken zum Flur und hielt irgendetwas vor sich fest. Es war ihre Mutter, die unter seinen Händen wimmerte. Unten trat sie ihn gegen das Schienbein. Angi stand daneben und hielt ihr Rechenheft immer noch in der Hand. Vor Aufregung hatte sie einen Daumen in den Mund gesteckt und sah zu, wie ihr Vater ihre Mutter haute.
„Seid ihr denn total bekloppt? Ich ruf die Bullen, wenn du Mama nicht loslässt!“
Ihre Mutter sackte gegen die Wand, weil ihr Vater plötzlich losgelassen hatte. Er hatte sich umgedreht und starrte sie an wie einer, dem sie eins über die Rübe gezogen hatten. Total wirr. Der Anblick machte ihr Angst.
„Papi! Papi!“, schrie ihre kleine Schwester und hielt seine Beine fest, während ihre Mutter ganz schnell wieder lebendig wurde und in das große Kinderzimmer rannte.
Katja schloss sich mit ihrer Mutter ein, bevor ihr Vater begriffen hatte, was da eigentlich gelaufen war.
„Das Schwein!“, sagte Ingrid.
Sie hatte sich auf Katjas Liege geworfen und hielt die Hände über beide Augen.
„Und Angi –“
Katja wollte zur Tür.
„Lass das. Der tut er nichts – seinem Herzblatt.“
„Warum macht der das?“
Ingrid gab keine Antwort.
„Durchgedreht? Erst du, dann er?“
Ingrid setzte sich aufrecht und sah ihre älteste Tochter wütend an. „Und was ist mir dir? Was soll dieser Blödsinn mit den Haaren? Es liegt doch immer wieder an dir, dass nichts mehr so ist, wie es sein soll! Welcher Teufel reitet dich eigentlich, Katja?“
„Der Kücksche Familienteufel! Hier stimmt doch nichts mehr!“
„Weil du quertreibst! Undankbar bist und unverschämt. Warum hast du das getan, dich quasi kahlscheren lassen?“
„Mir war so.“
„Ach so, dir war so. Dir ist immer so!“
Ingrid betrachtete angewidert die Wände.
„Erst tapeziert er dir das ganze Zimmer neu – und was das gekostet hat! Und sofort klebst du alles mit diesem scheußlichen Zeugs zu!“
„Geschmack ändert sich eben. Er hat ja auch jedes Jahr ein anderes Auto.“
„Das kannst du gar nicht vergleichen.“
„Natürlich!“
„Musst du immer das letzte Wort haben?“
„Klar.“
Ingrid schwieg erbittert. Sie hatte nie Streit gewollt. Sie war immer für Harmonie und Ausgleich gewesen. Aber die anderen wollten ja nicht.
In der Wohnung war es still geworden. Fernseher und Radio schwiegen. Sie hatten sich voreinander verschanzt. Ingrid und Katja saßen stumm im großen Kinderzimmer. Katja rauchte. Ingrid auch. Was sollte man sonst tun? Die Demarkationslinie verlief durch den Flur. Dahinter lag das Wohnzimmer, dort hockte Hans–Günther, er sah auf seine Hände, als wären es fremde Werkzeuge, die ihm jemand gegen seinen Willen angeschraubt hatte.
Angi hatte sich ins kleine Kinderzimmer am Ende des Flurs verkrochen. Sie war wütend, denn es hatte kein Abendbrot gegeben, und ihr Rechnen bekam sie noch immer nicht zusammen. Nach einer Weile traute sie sich nach draußen in den Flur. Dann linste sie ins Wohnzimmer. Ihr Vater saß auf der Couch und guckte. Aber der guckte nirgendwo hin. Sogar der Fernseher war aus, dabei war es schon halb acht und gleich kam Slapstick im Zweiten. Das guckte sie sonst immer. Oben bei den Dumbinskis konnte sie die Uhr zweimal schlagen hören, so still war es in der Wohnung.
„Papi?“, sagte sie.
Aber der saß da wie weggetreten. Der drehte noch nicht einmal den Kopf.
„Papi?“
Sie kam näher. Jetzt sah er sie an.
„Darf ich Slapstick, Papi?“
„Nein.“
Sie wollte wieder gehen.
„Hol mir Zigaretten“, sagte ihr Vater. „Unten aus dem Automaten.“
„Jetzt noch? Es ist dunkel, Papi!“
Sie durfte nie im Dunklen nach unten.
„Tu, was ich sage.“
Seine Stimme klang müde, nicht eigentlich böse. „Angi, sei ein Schatz. Bring dir auch was mit.“
„Dann muss ich zum Kiosk! Da stehen die Besoffenen.“
„Dann morgen, Angi. Ein Eis.“
„Chips?“
„Meinetwegen Chips. Aber lauf jetzt. Na, mach!“
„Und Slapstick?“,
„Auch.“
Er gab ihr drei Markstücke. Dann rannte sie ohne Jacke und in Hausschuhen durchs Treppenhaus nach unten. Der Lift dauerte viel zu lange. Meistens stank er auch. Der Automat hing gleich neben dem Hauseingang. Doch das verdammte Ding klemmte, schluckte das Geld, gab aber keine Zigaretten heraus. Und Angi dachte an Slapstick und an das Rechnen und daran, dass überhaupt alles so beschissen war – und hieb mit ihren kleinen Fäusten solange auf den Automaten ein, bis er nicht nur drei Markstücke, sondern auch die Zigaretten ausspuckte.
Schnell lief sie zurück, hinauf in die Wohnung. Dort war es immer noch still. Nachdem sie die drei Markstücke in ihrer Anoraktasche hatte verschwinden lassen, ging sie ins Wohnzimmer. Der Fernsehapparat war nur ein totes schwarzes Auge. Das machte sie wütend. Ihr Vater hatte eine Flasche vor sich stehen und ein Glas. Das war der Rum, den ihre Mutter in den Tee kippte, wenn es draußen kalt war.
„Ich hab auch Durst“, sagte sie und legte die Zigarettenschachtel auf den Tisch.
„Dann hol dir Cola aus der Küche. Das hier ist nichts für dich“, sagte ihr Vater und drehte eine Schachtel vor sich hin und her.
Angi sah zu, wie er die Cellophanhülle aufriss. „Darf ich das Silberpapier?“,
„Gleich“, sagte er. „Hol mir einen Aschenbecher aus der Küche.“
Sie ging.
„Und Slapstick?“, fragte sie, als sie zurückkam.
„Das haben wir hier schon genug. Das Ding bleibt aus.“
„Du hast aber versprochen –“
„Gar nichts habe ich versprochen!“, fuhr er sie an; dann sagte er etwas ruhiger: „Du kannst ja nichts dafür.“
Ihr Vater nahm einen großen Schluck aus dem Glas und schenkte sich sofort nach.
„Papi, das ist doch Mamis Rum!“
Er hörte gar nicht zu, sondern redete weiter:
„Du nicht, Angi. Die spielen hier verrückt, und da brauch ich Ruhe. Ich brauch Ruhe!“, schrie er plötzlich. „Verstehst du das?“,
„Ja“, sagte sie schnell und wollte fort.
„Jetzt lauf du nicht auch noch weg! Alles macht einen Bogen um einen! Selbst die eigenen Kinder.“
Er trank wieder aus dem Glas und machte Platz für sie neben sich auf der Couch.
„Komm her“, sagte er.
Sie wollte nicht. Aber ihr Vater sah aus, als würde er heulen, wenn sie nicht kam. Also setzte sie sich neben ihn.
„Eltern und Kinder gehören zusammen – nicht wie die da!“
Er wies zur Tür.
„Die sperren sich aus.“
Sie saß ganz still. Ihr Vater schwitzte. Dabei war die Heizung kaum an. Ihr war kalt, und der Zigarettenqualm brachte sie zum Husten.
„Nicht einatmen, Mäuschen.“
Ihr Vater winkte den Qualm weg.
„Mach das nie wie deine Schwester. Die raucht jetzt schon wie ein Schlot. Die hätte bei Oma in Hammelsloh groß werden sollen. Dresche hätte das gegeben! Dresche! Aber deine Mutter, die drischt auf die Falschen ein. Die dreschen immer auf die Falschen, alle! Und machen solche Arschlöcher wie Steinmann groß. Du musst nämlich ein Arschloch werden, Mäuschen!“, schrie ihr Vater. „Wenn du was werden willst! Hast du mich verstanden?“
„Ja“, flüsterte Angi und rutschte von ihm fort.
„Jetzt bleibst du hier, verdammt noch mal! Da habe ich ein Recht drauf – hast du gehört! Ein Recht habe ich darauf!“
Und er schlug auf den Tisch, dass Flasche und Glas gegeneinander klirrten.
„Ja“, sagte sie und fror.
Hier war es kälter als unten am Automaten. Trotzdem schwitzte sie an den Händen. Sie machte sich klein, zog die Knie unter das Kinn und sah zu, wie sich ihr Vater ein weiteres Mal nachschenkte. Der zitterte, als würde er auch frieren. Vor lauter Zittern konnte der kaum noch reden, dem rutschten die Worte aus dem Mund, eins am anderen, da kriegte man gar nichts mehr mit. So war der noch nie gewesen. Der war unheimlich, mit kleinen Augen und schwitzigen Haaren, und er fuchtelte mit den Armen in der Luft herum wie einer von den Besoffenen am Kiosk – weil der selber besoffen war! Das war der Rum in der Flasche. Ihre Mutter wurde nur müde davon, ihr Vater dagegen drehte durch. Ganz oft schon war das Polizeiauto am Kiosk gewesen, wenn sie da unten anfingen, sich zu prügeln.
„Guck mich nicht an wie die Katze!“, sagte ihr Vater plötzlich. „Scheißbiester! Tun lieb und dann kratzen sie plötzlich!“
Sie wollte raus.
„Du bleibst!“, sagte er und hielt sie fest.
„Ich hab aber Durst“, flüsterte sie.
„Hier!“
Er schob ihr das Glas zu. Es schwankte.
„Hier! Trink!“
„Nein – ich will Cola!“, wimmerte sie.
Seine Hand tat ihr weh.
„Du nimmst, was du kriegst! Keine Sonderwünsche. Du bleibst hier!“
Sie versuchte, seine Hand von ihrem Arm zu drücken.
„Die kratzt! Die kratzt mich!“, schrie er.
Der brach ihr den Arm ab. Da trat sie.
Ihr Vater brüllte auf. Verlor das Gleichgewicht und fiel schwer über sie. Die Flasche stürzte krachend um. Verzweifelt stieß sie mit dem Knie in seinen Bauch und versuchte, sich rückwärts über die Couchlehne zu schieben.
„Du bleibst hier!“
Er zog sie an den Schultern wieder zurück.
Da schrie sie. Direkt neben seinem Ohr. Er fuhr zurück, konnte sich nirgendwo halten, rollte zu Boden, stieß überall an.
Sie sprang von der Couch. Wollte fort. Aber da standen auf einmal ihre Mutter und Katja in der Tür und machten Gesichter wie Doofe und schrieen irgendwas. Und Papi lag auf dem Teppich und war besoffen und der wollte ihr den Arm abknicken.
Sie begann laut zu weinen.
„Was hat der dir getan?“, schrie ihre Mutter und packte sie am Arm, genau da, wo es immer noch wehtat.
„Hat der dir was getan?“
„Ja“, heulte sie auf und warf sich gegen ihre Mutter; das tat alles so weh.
„Ein Stück Dreck“, sagte Ingrid. „Dein Vater.“
Sie schafften das Stück Dreck hinüber ins Schlafzimmer. Katja sagte nichts. Der Alte war schwer. Sie trug seine Füße. Ihre Mutter schleppte oben am Kopf. Der war so besoffen, der konnte nicht mehr gehen.
„Bring gleich einen Eimer.“
Ingrid atmete tief.
„Falls der nachher kotzt. Aber ich schlaf auf der Couch. Bei dem bleib ich nicht.“
„Hau doch ab“, sagte Katja. „Ich pack unsere Koffer – und morgen macht der die Augen auf, und wir sind weg!“
„Und wo sollen wir hin, jetzt mitten in der Nacht?“
„Zu den Bullen. Oder ins Krankenhaus – du siehst doch aus wie ein Zombie mit deinem Auge. Und Angis Arm ist ganz blau.“
„Und dann?“, fragte Ingrid zweifelnd.
„Suchen wir uns ’ne Wohnung und kommen ohne den klar – der ist ja gemeingefährlich! Weiß ja kein Mensch, wann der wieder ausrastet.“
„Suchen uns eine Wohnung, du bist gut – wie denn? Wo denn? So kann ich doch überhaupt nicht unter die Leute!“
„Du spinnst! Das ist doch jetzt so scheißegal, wie du aussiehst. Ich will hier weg. Und wenn du nicht gehst, geh ich!“
Der Betrunkene auf dem Bett bewegte sich.
„Los, hol den Eimer“, sagte Ingrid müde. „Es geht gleich los.“
Sie hielten seinen Kopf, als er sich übergab.
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