Leseprobe
aus Florian Pfeffel: Einer fehlte. Roman
(Ausdruck der ersten beiden Kapitel)
11 Jahre früher
Ela stand hinter dem Tresen. Das Bistro war gut gefüllt, aber ihr Blick hing nur an einem Tisch. Sie hatte ihn schon am frühen Abend mit einem Heer von Teelichtern übersät, die nun flackernd ihre Schatten an die holzvertäfelte Wand und in die Gesichter von Christian, Leon und Gerry warfen. Ein gelber Spot schräg über ihnen zeichnete einen schmalen Kegel in die verrauchte Kneipenluft.
Es war ein besonderer Abend. Nicht, weil Christian heute 27 wurde. Und auch nicht, weil Gerry sein Diplom mit Auszeichnung bestanden hatte. Sondern, weil es ihr letzter gemeinsamer Abend hier sein würde. Ela spürte Traurigkeit in sich aufsteigen. Nach vier Jahren, in denen die Drei hier regelmäßig dienstags ihren Absacker getrunken hatten, würde ihr in Zukunft etwas fehlen.
Während sie Gläser spülte, beobachtete sie das angeregte Gespräch der Drei. Nur vereinzelt drangen Wortfetzen bis zu ihr herüber. Sicher würde Tim Gerbauer, den alle Gerry nannten, wieder knapp, aber stolz von seinem neuen Job erzählen, den er ab nächsten Montag in Straßburg bei einem großen Pharmakonzern beginnen würde. Einen gewissen Sinn für Humor konnte man dem lieben Gott nicht absprechen: Hatte er doch einen Surfertyp mit einem spießigen Geschäftsmann gekreuzt, als er sich Gerry ausdachte. Die blonden, schulterlangen Haare und die blauen Augen passten nun so gar nicht zu Stoffhose, Businesshemd und wortkarger Schüchternheit. Aber vielleicht lag’s auch an Gerrys Kindheit. Nach den Erzählungen, die Ela in den letzten Jahren mitbekommen hatte, war das wohl keine leichte gewesen. Außenseiter, Streber, Glasbausteinbrille. Aus einfachsten Verhältnissen. Respekt hatte er sich immer nur durch Leistung erarbeitet. Hausaufgaben abschreiben lassen in der Schule. Motor der Lerngruppe an der Uni. Das prägte vielleicht. Wahrscheinlich durfte er ganz zu recht stolz sein auf das, was er aus eigener Kraft erreicht hatte.
Leon war da ein leichter zu durchschauender Charakter, fast schon ein Klischee der Werbebranche. Schwarze Gelfrisur, Dreitage–Bart, muskulös. Longsleeve unter dem Leinenjackett. Weiße Turnschuhe unter schwarzer Glanzhose. Da wusste man einfach, wo man dran war. Und er arbeitete tatsächlich in der Werbung. Mit 26 Jahren das Nesthäkchen der Drei und dennoch der Einzige, der bereits richtig Geld verdiente – nach seiner Ausbildung schon seit drei Jahren bei einer ortsansässigen Werbeagentur.
Noch in das Gespräch vertieft, erhob sich Christian. Er steuerte auf die Theke zu:
„Hi, Süße“, hörte sie ihn sagen, „bin mal kurz für kleine Jungs, und dann würden wir gern noch was bestellen. Tja, du vernachlässigst uns heut’ irgendwie!“
Er schien schon einiges getrunken zu haben. Seine Augen waren leicht glasig und sein Weg zum Klo wirkte nur bedingt zielsicher. Allerdings war Christians Gang auch in nüchternem Zustand ulkig. Der große Schlaks bewegte sich dann zügig und leicht nach vorne gebeugt durch die Kneipe – als gäbe es noch viel zu tun und gelte es, möglichst windschnittig und schnell die Wegstrecke zu überwinden. Die H&M–Jeans wirkte dabei manchmal etwas zu kurz geraten.
Wenige Minuten später ging Ela zum Tisch der Drei.
„Was darf’ s denn noch sein, ihr Lieben?“
Gerrys Parfumwolke, nach Elas Geschmack etwas zu schwer mit der Note von Moschus, Sandelholz und Mandel überfrachtet, aber vor allem zu stark aufgetragen, schaffte es mal wieder, der verrauchten Kneipenluft den Schneid abzukaufen.
„Also“, legte Christian los, „unser großer Pharmachef Gerbauer hätte gerne ‘nen Prosecco Aperol, unser Mr. Miami Vice auch, und ich nehm mal ‘nen Radler.“
„Mach dich nur lustig“, entgegnete Leon, „bist ja nur neidisch auf mein Jackett. Mit deinem grünen MoMA–T–Shirt hol’ste keinen hinterm Ofen vor. Schmerz im Auge. Where are my sunglasses? Obwohl? Passt ja! Wolltest du nicht früher immer Gärtner werden?“
Als Ela mit den Getränken zurückkam, waren die Drei schon wieder in ein intensives Gespräch vertieft.
„Die richtige Gemahlin an meiner Seite“, meinte Gerry, „und dann werde ich angekommen sein.“
Erwartungsvoll strich er seine Stoffhose glatt.
„Mit der gut dotierten Position in Straßburg wird das gelingen!“
„Hast du’s aber eilig. Cool down, Gerry, erst mal leben!“, meinte Leon.
„Ela, setz dich doch ein bisschen zu uns, und hilf uns bei der Frage, ob’s die passende Frau gibt, und wie man sie findet“, ergänzte Christian und schob Ela einen Stuhl hin.
„Erstens dachte ich, du hättest schon die Passende. Und zweitens wisst ihr doch, Jungs, solange hier noch ein paar andere Gäste sind, muss ich mich auch um die kümmern.“
„Today’s the day!“, hielt ihr Leon entgegen, kraulte seinen Dreitage–Bart und fuhr fort: „Was heute unerledigt bleibt, können wir nicht mehr nachholen!“
„Echt schade. Ihr werdet mir fehlen.“
Waren schon immer nette Gespräche mit den Dreien, nachdem die Bar sich geleert hatte. Wie angeregt sie über Weltbewegendes und Belangloses diskutiert hatten! Wie oft sie sich an deren Bild der Dinge erfrischend gerieben hatte! Einem naiv–idealistischen Weltbild, dem sie, wie sie meinte, ihre pragmatische, realistische Sicht entgegenstellen musste. Weil sie ein paar Jahre älter war? Weil es die weibliche Sicht der Dinge war? Oder vielleicht auch, weil sie in der Arbeitswelt schon angekommen war, wohingegen Christian und Gerry gerade erst ihr Studium abgeschlossen hatten und Leon in einer Parallelwelt schwebte?
„Tja, find ich auch schade, Ela. Wir lassen dir ja immerhin unseren Leon hier. Aber die Welt draußen wartet auf uns. Auf Gerry in Straßburg, auf mich in München. Mmh. Die Zukunft muss gestaltet werden.“
„Eine attraktive, sichere Zukunft. Ganz deutlich sehe ich sie vor mir!“, hörte sie Gerry sagen.
„Du Glückspilz, hoffentlich behältst du Recht“, entgegnete Christian, während er an seinem Glas nippte und innehielt.
Ela beobachtete seine Mimik. Die Sprache seiner grünen Augen. Mehr als deutlich. Jetzt musste es kommen …
„Dass dein Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde ist, das sei mir euer Wort von Tugend …“, hob Christian an.
Wohl zum letzten Mal konnte sie hören, wie Christian sein Lieblingszitat in die Runde warf. Nicht dass sie früher so was hätte einordnen können, aber nach vier Jahren wusste sie Bescheid. Auch wenn Christian immer erst ein paar Radler und Proseccos brauchte, bevor er lyrisch und philosophisch wurde: Die glänzenden Augen, die er dabei bekam, verliehen seinen Worten eine Überzeugungskraft, der sich auch die frotzelnden Freunde kaum entziehen konnten. Und mit dem Hauch einer Träne im Auge war er so süß! Seine Freundin Lina – eher selten in der Männerrunde mit dabei – konnte man wirklich beneiden. Eigentlich hatte so ‘ne Schickimicki–Tussi mit ihrem Repertoire an Halstüchern so jemanden gar nicht verdient.
„Na ja, Verwirklichung, darum geht’s, wenn wir die Welt gestalten“, fügte Christian seinem Zitat hinzu.
„Meinst du. Bei mir nicht, du Esotheriker!“, entrüstete sich Gerry.
„Ich hab’s ja gesagt: Du bist ein Glückspilz, Gerry! Weil, also, mmhhh, so klar bekomme ich mein Zukunftsbild nicht scharf gestellt. Ist schon ein großer Wendepunkt heute, oder? Da kann einem flau werden.“
„Sehe ich nicht so. Diplom–Biologe Tim Gerbauer. Top–Abschluss. Feine Herrschaften. Jetzt fängt das Leben richtig an!“
„Ich glaube, um die Bedeutung …“
„Karriere!“
„… des heutigen Tages richtig zu verstehen …“
„Wohlstand, Sicherheit, Ansehen!“
„… werde ich erst noch ein paar Jahre brauchen“, versuchte Christian, Gerrys Worthülsen Kontra zu bieten.
„Ja, ja! Das glaub ich allerdings auch!“, unterbrach Leon, „schön, dass ihr überhaupt mal anfangt zu arbeiten und ich euch nicht … mit … Steuergeldern … durchfüttern …“, konnte Ela noch Leons Wortfetzen vernehmen, bevor sie sich den Bestellungen und Bitte–zahlen–Wünschen der Nachbartische widmen musste.
Viele Radler und Prosecco Aperols später näherte sich der kleine Zeiger auf Elas Armbanduhr unbeirrbar der Drei.
„Zeit zum Abschiednehmen, ihr Lieben“, verkündete sie, „irgendwann muss ich hier mal zumachen. Sorry.“
Die Stühle der anderen Tische ragten bereits umgedreht in den Kneipenhimmel, die anderen Gäste waren schon lange verschwunden.
„Dann wird jetzt bezahlt“, erwiderte Gerry, „gönnen wir dir den Feierabend.“
Leon war verstummt. Hatte sich bei ihm nun doch Melancholie breitgemacht? Ela wunderte sich schon die ganze Zeit, dass alle nur von Aufbruchstimmung erfüllt zu sein schienen. Bedeuteten ihnen denn die vergangenen Jahre so wenig?
„Wann sehen wir uns wieder, chicos?“, sagte Leon plötzlich. Als ob er befürchtete, dass man sich trotz allen guten Willens in der Entfernung und Unterschiedlichkeit der Arbeitswelten verlieren würde.
„Keine Sorge, Herr Don Johnson, wir sind nicht aus der Welt!“, meinte Gerry.
„Lass uns was ausmachen!“
So richtig ernst schien Christian Leons Aufforderung nicht zu nehmen.
„In genau einem Jahr wieder hier!“
„Und in genau zehn Jahren wieder“, ulkte Gerry.
„Selbe Zeit, selber Ort?“
„Klar doch!“
Jeder der Drei leerte sein Glas, gab Ela noch einen Abschiedskuss und verschwand im Dunkel. Der vorerst letzte Dienstag im Himmelreich, ihrem Stammbistro in Darmstadt.
Teil 1 München, Morgengrau
1
Die Morgendämmerung nahte. Gebannt blickte er gegen Osten. Er stand auf einer kleinen Anhöhe. Vor ihm die weite Ebene. Und dahinter der hügelige Horizont. Andeutungen eines ersten Blauschimmers verkündeten das Anbrechen des Tages. Langsam, dann immer schneller erhob sich der Feuerball. Mit einem Mal durchflutete orangefarbenes Licht die Landschaft. Er sah sich. Sah sich selbst mit heroisch erhobenen Händen. Sah sich, wie er zusammen mit Lina hinab zum See, der Spiegelung der aufgehenden Sonne entgegenging. Die Szene ruhte. Friedlich. Geborgen. Erfüllt. Ein Schwarm weißer Vögel erhob sich aus dem Wasser, um in der Freiheit und Weite des Horizonts zu verschwinden …
„… macht den Unterschied! Porentief sauber mit verbesserten Rezepturen. So rein war Wäsche noch nie. Berlin. Der Bundestag hat in einer erneuten Lesung die vier Gesetzesanträge zur Verpackungsverordnung behandelt. Bei der Frage des Bonbonpapierpfands kam es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Koalition und Opposition …“„Christian. Schatz, der Radiowecker. Bitte!“
„Mmmh. Ist schon sechs? Ich hab so schön geträumt.“
Als Christian die Augen aufschlug, sah er gerade noch Linas Kopf unter das mit den roten Monogrammen der Großeltern bestickte Kissen flüchten. Nur eine Nasenspitze und die blonden Haare lugten hervor. Gedämpft artikulierte das Kissen ein Ich–will–schlafen!
Christian nahm die abgestandene Luft ungeöffneter Schlafzimmerfenster wahr und quälte sich aus dem Bett. Kurz trat der Mond zwischen den Wolken hervor und tauchte den Raum in unwirkliches Licht. Christian musterte die schwarzen Silhouetten der beiden Schlafzimmerschränke links und rechts der Tür. Schatten benachbarter Schornsteine zeichneten wirre Diagramme auf den Teppichboden. Dann war es wieder dunkel.
Er strich zärtlich über das Kissen, unter dem sich Lina verzogen hatte, freute sich über ihr Schnurren und nahm den Weg Richtung Bad in Angriff. Christian tastete sich im Flur vor. Er wich dem Schuhschrank aus. Dann der Kommode. An der Garderobe vorbei. Und schließlich und endlich: Angekommen. Ziel erreicht. Endstation.
Benommen, die Augen noch zu Schlitzen verengt, ertastete Christian die Duscharmatur. Hart traf das heiße Wasser seinen Körper, plätschernd und teilnahmslos (oder doch vergnügt?) nahm es seinen Weg hinunter in die Wanne. Der synthetische Duft des Duschöls (so riecht also Lemon Energy) begann den Raum zu füllen, während der Schlaf sich ein hartes Gefecht lieferte. Gegen den heißen Dunst gab er nur zäh Zentimeter um Zentimeter verloren. Zunehmend nahm die Umgebung tropisches Klima an.
Handtuch. Zahnbürste. Rasierzeug. Die immer wieder gleichen und immer wieder gleichen Handgriffe waren tief in Christians Motorik verankert – und dennoch allmorgendlich eine Last.
War doch gestern gar nicht so spät? Nackt schlurfte er zurück ins Schlafzimmer. Ihn fröstelte.
Die Temperatur nahm weiter ab, als er die Flügeltüren des Kleiderschranks öffnete.
„Hier muss ein Geschäftsmann wohnen.“
Ungläubig beäugte Christian die säuberlich aufgereihten Anzüge und Hemden. Willkommen im Zeitalter des Schwarz–Weiß–Fernsehens.
„Mausgrau, fahlgrau, aschgrau oder zur Abwechslung mal steingrau heute?“, murmelte Christian vor sich hin, als er nach einem Bügel griff.
Waren seine Augen schon offen? Dunkel und verzerrt nahm er sich war.
Zum aschgrauen Anzug eine weinrote Krawatte (mit völlig aus dem Rahmen fallenden dunkelblauen Diagonalstreifen) und die schwarzen Socken. Er legte alles über den Sessel. Musste sich setzen. Starrte angewurzelt in die Wohnung und in die erste Dämmerung des Fensters. Mittlerweile hatte der Regen eingesetzt. Der Sekundenzeiger der Wanduhr ließ sich dadurch nicht stören. Er marschierte. Viertel. Halb. Dreiviertel. Voll. Viertel. Halb. … Majestätisch, wie er so unbeirrt voranschritt. Wie viel Zeit war vergangen? Sekunden? Minuten? Christian raffte sich auf. Ihm war immer noch kalt.
Wenig später blickte er teilnahmslos in sein Spiegelbild, rückte die Krawatte zurecht, fuhr durch sein kurzes Promenadenmischungshaar und streckte den Rücken durch – um gleich wieder in seine gebeugte Haltung zurückzusacken. Er trat ins Arbeitszimmer. Ein letzter Blick auf die Akten, bevor sie den Weg in seine Tasche fanden.
Christian gab Lina, die noch immer im Bett lag, einen liebevollen Kuss auf die freigelegte Stirn, nahm Mantel und Aktenmappe und verließ das Haus.
Eng gedrängt und stickig vergingen fünfzehn nicht enden wollende Minuten in der Straßenbahn. Die Fenster waren beschlagen. Ans Hinsetzen nicht zu denken. Aussteigende Mitfahrer (endlich Luft!) wurden an jeder Station durch neue ersetzt. Raus. Rein. Raus. Rein.
„Welch ein Morgen!“, grummelte Christian.
Anfahren. Stoppen.
Regenmäntel. Achselschweiß. Sardinen in Öl und immer wieder: Raus. Rein.
Am Ostbahnhof kam eine halbe Schulklasse hinzu. Rein. Rein. Rein.
Kondenswassertropfen bahnten sich auf den Scheiben ihren Weg. Unaufhaltsam nach unten strebend durchschnitten sie den gleichförmigen Film des Beschlagenen.
Der Geruchsbrei aus Regen, Plastik und Parfum schwängerte die Luft. Um ihn herum lauter Fische, die unter Erstickungsangst nach Sauerstoff schnappten.
Sollte er demnächst besser das Auto nehmen? Schneller wäre er nicht. Aber wenigstens wäre die Luft klimatisiert. Christian versuchte, sich die Ruhe vorzustellen, die dort herrschte – während Stimmengesäusel, Walkmanmusik, Handyklingeln und Schienengeräusche an sein Ohr drangen. Nicht laut, aber penetrant wie ein Tinnitus.
Raus. Rein. Raus. Rein.
Christian überragte seine Nachbarn um einen guten Kopf. Er blickte um sich, starrte auf eine junge Mitfahrerin, die sich in seinen Blick schob. Aktentasche, Kostüm, Mantel. Viel Schminke, aber fratzenhaft leeres Gesicht. Wie bei seinem Nebenmann. Und dessen Nebenmann. Und wiederum dessen Nebenfrau. Christians Blick senkte sich, als könnte er dadurch dem anstarrenden Vorbeischauen seiner Mitfahrer entgehen. Zwischen unendlich vielen Schuhpaaren blinzelte die Musterführung eines grauen PVC–Bodens hervor: Raute neben Raute neben Raute. Wohin nur? Verloren schaute Christian um sich. Bis sein Blick Halt fand. Seine Suche hatte ein Ende. Dort, wo alle Blicke endeten. Er tat interessiert, als er den Nahverkehrsplan oberhalb der Fensterreihen fixierte.
Irgendetwas stimmte mit dieser Zivilisation nicht, dachte Christian. 24 Stunden gibt’s pro Tag. Telefon. Internetzeitalter. Und trotzdem quälte sich der Menschenbrei auf Straße und Schiene morgens rein und spät nachmittags raus. Ist das die letzte Antwort unserer Gesellschaft? Als die Bahn ruckartig hielt, schreckte Christian hoch. Rote Ampel.
Wie gut, dachte er, dass ich nächste Woche Urlaub habe. Darauf hatten er und Lina sich seit Monaten gefreut. Endlich mal wieder ungestört und ohne Hektik zusammen zwei Wochen verbringen. Ihre Hochzeitsreise vor drei Jahren war der letzte größere Urlaub für die beiden. Zwischendrin ein paar Wochenendtrips, aber auch die wurden seltener. Früher hatten sie noch mehr Energie für so was.
Zu gut konnte er sich daran erinnern. Als er an einem Freitag vorzeitig das Büro verließ und die überraschte Lina von der Uni abholte, ohne Umwege den Flughafen ansteuerte und voller Stolz mit den beiden – vom ersten selbst verdienten Geld erstandenen – Billigtickets wedelte. Sie waren die Größten. Schnell war die Tasche eingecheckt, die Christian mit dem Notwendigsten – Jeans, T–Shirts, Badehose, Linas Bikinis und Halstücher, Wasch– und Kosmetikbeutel – vollgestopft hatte. Hand in Hand rannten sie durch die Terminalhalle, passierten die Sicherheitskontrolle, liefen zum Gate und saßen wenig später in dem Flieger, der sie für zwei Tage nach Ibiza bringen würde. War das ein erhebendes Gefühl! Eben noch München, Regen, 18 Grad. Nun: Ibiza, Sonne, 27 Grad. Sie waren in einer anderen Welt, die sie begeistert entdecken wollten. Kurz vor Mitternacht betraten sie schließlich das km5. Orientalische Decken und Leuchter, Lounge–Atmosphäre, In–Restaurant der Insel.
„Ohne Reservierung schwierig. Zu jemandem dazusetzen?“, fragte die gebräunte und knapp bekleidete Kellnerin.
Lina schaute skeptisch. Warum nicht? Wo sie nun schon mal hier waren. Als die Kellnerin auf einen Tisch wies, an dem noch zwei Plätze frei waren, konnte Christian die Erstarrung in Linas Mundwinkeln wahrnehmen. Uups.
„Haaaaii, ihr süßen Partyvögel, kommt ran!“, schallte es ihnen in fließendem Deutsch entgegen.
Christian gab sich einen Ruck.
„Wo wir offenbar problemlos als langweilige Deutsche erkennbar sind, sollten wir jetzt nicht noch mehr abspießern“, flüsterte er in Linas Ohr.
Sie schluckte nur.
„Nicht so ängstlich. Seid wohl neu hier. Noch ganz käääsig!“
Christian und Lina nahmen an dem zugewiesenen Tisch Platz. Schminktopf. Federschmuck. Netzstoffe. Glitter. In Gesellschaft zweier Drag Queens. Na dann guten Abend. Willkommen in Ibiza! Das Klischee log nicht.
Die Straßenbahn ruckte, fuhr wieder an. Leute suchten Gleichgewicht. Reflexe in Richtung Haltegriff. Der formschöne, graue, glatte Kunststoffspritzguss, der der Zivilisation Halt und Sicherheit gab. Dazu schwere, feuchte Luft, die sich wie ein Mantel über Christian legte. Nur nicht bewegen. Nur dastehen. Funktionieren. Graue Scheiben. Graue Schirme.
Das Blatt wendete sich schnell.
„Wo kommt ihr her?“
„München.“
„Wir aus Holland, nahe der Grenze. Sind jeden Sommer hier unten!“
„Gefällt’s euch hier?“
„Klar. Die Insel schlechthin. Respekt. Toleranz. Aus der Reihe tanzen! Party.“
„Klingt gut! Tja, wir sind zum ersten Mal hier.“
„Nur für ‘n Wochenende? Wow, wie cool!“
„Mmmhh, war eine spontane Aktion.“
Nach einigen Drinks und dem leckeren Rucola–Salat mit gebratenen Zwiebeln, Speck und gerösteten Pinienkernen in Balsamico als Vorspeise war man angeregt ins Gespräch vertieft. Lina taute auf. Christian fiel ein Stein vom Herzen.
Die Zeit verrann wie im Flug. Dessert und Kaffee. Mittlerweile war Christian der Ansicht, dass ihnen nichts Besseres hätte passieren können, als zu Frank und Sven an den Tisch gesetzt worden zu sein. Freakig, frei, entspannt! Mal was anderes.
„Und was steht bei euch heute Nacht auf dem Programm, ihr Süßen?“, näselte Sven, als Christian gegen zwei Uhr den Kellner nach der Rechnung fragte.
„Keine Ahnung.“
Lina hob ratlos die Schultern.
„Könnt noch mit zu ‘ner Privatparty, wenn ihr wollt. Werden so 20 bis 30 Leute da sein. Draußen auf ‘ner Finca.“
Christian suchte Blickkontakt. Überrascht nahm er Linas bestätigendes Nicken wahr.
„Wir sind dabei!“, verkündete Christian.
Seine Neugier wuchs. Der Zufall trug immer sein Scherflein bei. Man musste ihm nur eine Chance geben. Lina und Christian nahmen die beiden in ihrem Mietwagen mit. Irgendwie hatten Frank und Sven noch mehr Wortvolumen als eine Frau.
„Unser Stylist wohnt hier an der Ecke. – Dort ist der Club, der wegen Drogen geschlossen wurde. – Da geht’s zu ‘nem Superstrand. Alle nackt! – Hier kaufst du das beste Kräutersonnenöl. – Da drüben gibt’s morgens ab 5.00 Uhr die besten Baguettes.“
Schade nur, dass es dunkel war, dachte Christian. Aber war ja gut gemeint.
Dunkel? Waren hinter ihnen nicht Scheinwerfer? Dieselben wie seit 10 Minuten? Wahrscheinlich Zufall. Quatsch! Wollen bestimmt auch zur Party.
Christian fuhr langsamer.
Stoppte, um dem Fingerzeig der Queen ins Dunkel zu folgen. Einen Kreisel nahm er mehrfach.
Der Wagen blieb hinter Ihnen.
Sie kamen aus der Stadt heraus. Die Straße wurde schmaler und holpriger. Selten noch Abzweigungen.
„Hier soll jemand wohnen?“, unterbrach Christian ungläubig das Gespräch von Lina und Frank.
„Du verspannst doch nicht etwa? Wir sind hier in Ibiza. Partyyyy!“, rief Lina.
Upps, dachte Christian. Das war dann wohl etwas zu viel des Guten. Wie viel sie wohl getrunken hatte? Musste er denn auf alles achten?
„Genau, dein Mädel hat Recht! Hier ist nicht München. Hier geht’s aaaab!“
Neumond. Das schwache Licht ihres Wagens schnitt einen schmalen wandernden Ausschnitt aus dem, was vor ihnen lag. Wie der Blick durch eine Pappröhre. Straße, Busch, Zaun, Gabelung, Busch, Straße … Nach jeder Kurve des Holperweges kamen die Scheinwerfer des Hintermanns wieder dazu. Ansonsten war es duster.
Christian berührte sein Handy. LCD–Leuchten. Es hatte noch Empfang. Wenigstens das. Die Tunten merkten nichts und quasselten sich weiter mit Lina um Kopf und Kragen. An Christians geistigem Auge schossen Krimis vorbei. Scheinwerfer, Lichter, Fremde. Dunkelheit. Mit welchen Assoziationen ließ sich Sinn in die skurrile Situation bringen? Der Faden, der alles verband, entglitt ihm.
Da! Ein Schimmern! Ein Licht? Nein. Nur Reflexion des eigenen Scheinwerfers an einer entfernten Tonne. Oder doch? Doch! Das Schimmern wird stärker. Ein Licht!
„Da hinten steigt die geilste Party, die ihr je gesehen habt. Gleich sind wir da.“
„Ich habe Durst“, meinte Lina.
Sie legte ihr dünnes Seidenhalstuch ab.
„Und wir erst! Und was zu rauchen könnten wir auch gebrauchen. Da sind wir!“
Christian stellte seinen Wagen auf dem sandigen Vorplatz ab. Sollte er nun erleichtert sein? Christian war unschlüssig. Die Scheinwerfer des Verfolgers wurden gerade in der Entfernung abgedimmt.Aber zumindest war hier ein Haus. Und ein paar Autos standen auch davor. Technorhythmen drangen an sein Ohr. No risk, no fun! Er nahm Lina an die Hand und folgte den Drag Queens zum Eingang.
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