Leseprobe
aus Gert Zielke: Die Jägerinnen. Roman
(Auszug aus dem ersten Kapitel)
1
„Komm, wir gehen ins Giovanni“, sagte Sylvia und zog Nicole am Arm. Sie kicherten den ganzen Weg. Das Giovanni war eins dieser italienischen Lokale, die einen mit leeren Augen anstarren, wenn man zufällig morgens an ihnen vorbeikommt und noch die letzten kalten Zigarettenschwaden an einem vorbeiziehen, dann, wenn die Bierfahrer mit ihren Lastwagen verzweifelt nach einem Parkplatz suchen und der triste Morgen seine Zähne noch nicht geputzt hat. Das Giovanni: silberfarbene Stahlstühle, silberfarbene Stahltische, kühl bis auf die blasse Haut, mit ein paar Bildern an den Wänden, die jeder schon irgendwo gesehen hat, aber nie weiß, wo. Abends aber füllte sich das Lokal mit Leben, Lachen und Geschrei, oft bis tief in die Nacht, jenseits aller Sperrstunden.
Nicole und Sylvia hatten schon zu Hause mindestens zwei Glas Wein getrunken. Und sie hatten Glück. Sie bekamen noch einen Tisch für drei Personen. Die dritte saß schon da. Es war Chris.
Chris hatte einen leicht südländischen Einschlag, der allerdings nur durch schwarzes, etwas welliges Haar und eine etwas braunere Hautfarbe angedeutet war?
„Hallo“, sagte Sylvia, „Ist hier noch frei?”
„Ja.”
„Danke.”
„Bitte.”
Der Dialog einer Generation, die sich in alle Ewigkeit sympathisch finden würde.
„Ich heiße Sylvia. Sag mir mal, was du isst?”
„Warum?”
„Ich esse immer gern, was andere essen.”
„Ich trink bloß was.”
„Kommst du aus Italien?“
„Nein! Seh ich so aus?“
„´N bisschen. Sei nicht gleich beleidigt. Wenn einer wie du im Giovanni sitzt, kommt man auf die Idee.“
„Ich bin nicht beleidigt!“
„Das ist Nicole.”
„Hallo, ich bin Nicole.”
„Chris.”
Es war der Dialog einer Generation, die sehr wohl das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden konnte, wenn auch vor allem beim Italiener und vor dem nächsten Glas Pinot Grigio. Das Giovanni hieß Giovanni, weil der Besitzer Giovanni hieß. Giovanni kam an den Tisch und drückte und herzte Sylvia und Nicole, dann zeigte er auf Chris, grinste unverschämt und sagte:
„Neue Freund, was?”
„Nix neue Freund.”
„Nix neue Freund? … Also, dann was bestellen?”
Giovanni war ein Italiener, wie man sich einen Italiener vorstellt, klein und drahtig und flink. Er war etwa fünfzig. Dauernd herzte und knutschte er Mädchen und Frauen ab und redete dabei wie ein Wasserfall. Giovanni war von umwerfendem Charme und hatte mit seinem Lokal einen unglaublichen Erfolg. Zu diesem Erfolg trug auch Mama Giovanni bei, die nicht Giovannis Mama war, sondern seine Frau, und die ihre Gäste mindestens ebenso herzte und drückte wie ihr Mann und ein paar Pfunde mehr drauf hatte. Da sie sich aber vorwiegend in der Küche aufhielt, bekam man sie seltener zu Gesicht, was von einem gewissen Vorteil war. Es wäre etwas mühsam gewesen, wenn sie sich beide den Gästen gewidmet hätten. Denn Giovanni und Mama Giovanni redeten beide ununterbrochen in atemberaubendem Tempo, und das vorwiegend zur selben Zeit.
Wenn die Bilder zu verschwimmen beginnen, rücken die Arabesken in den Mittelpunkt der Welt, das pralle Leben nimmt zu und drückt die Bedeutungen an den Rand, die Unterschiede werden kleiner und kleiner und verschwinden schließlich ganz in blauem Dunst oder verdichten sich zu diesen seltsamen Wahrheiten, die angeblich im Wein liegen. Im Wein liegen meistens Komödien. Und hin und wieder, wenn’s hoch kommt, schlürft man mit den letzten Tropfen eines Glases möglicherweise eine Tragödie. Da hat man aber schon das nächste Glas bestellt und ist glücklicherweise noch mal an ihr vorbeigeschlittert.
„Ich arbeite in einem Krankenhaus.”
Sylvia schaute schon ein bisschen schief.
„Wenn du es genau wissen willst, und ums mal populär zu sagen, in einer Samenbank, also in der Gynäkologie, und noch genauer gesagt, in der Abteilung für IvF, In–vitro–Fertilisation, also, zu deutsch, künstliche Befruchtung, wenn du weißt, was ich meine. Und wir machen auch DNA–Tests, nur, falls du mal nicht genau weißt, ob du der Vater bist. Ich kann uns empfehlen.”
Chris’ Interesse war sofort geweckt.
„Vor allem aber stecken wir einen Katheter in Muttis Muschi, wenn Papi seinen Schwanz nicht mehr hoch kriegt, oder sonst irgendwas nicht mehr klappt.“
„Sehr liebevoll erklärt. Das Leben hat dich reif gemacht für deinen Beruf.”
Sylvia knickte etwas ein in ihrem Stuhl.
„War nicht so gemeint. Steckt ja immer irgendwie ein Schicksal dahinter. Oder so ähnlich. Und heute ist Montag, also der Tag der geifernden Depressionen. Mit anderen Worten, heute ist alles erlaubt. … Und merk dir eins, wir haben nur Stars, nur Starspermien. Ein normaler Mensch kommt bei uns nicht in die Pfanne”, Sylvia kicherte albern, „oder ins Glas oder in den Becher, wenn du willst. Eigentlich in den Becher. Wir haben, wie gesagt, nur anspruchsvolle Kundinnen. … Giovanni, noch einen Wein … Und dann gibt’s natürlich nicht nur die Befruchtung von jemandem, den du nicht kennst, sondern auch noch die normale künstliche Befruchtung, also bei Ehepaaren, bei denen es nicht von allein klappt. Also diese Geschichte von gerade, von Mutti und Papi, worüber du dich so aufgeregt hast, falls du dich noch erinnerst. Und da kommt dann das Sperma logischerweise vom eigenen Mann, homologe Insemination heißt das, nur, falls du das wissen willst … obwohl das natürlich für Leute wie dich, die keine feste Beziehung haben und schon gar keine Ehefrau, nehme ich mal an, nicht so interessant ist. Alle Frauen geilen sich übrigens sowieso lieber an dem Gedanken auf, dass ihr Kind von einem Nobelpreisträger kommt. Und die Männer übrigens auch. Liegt vielleicht daran, dass es später mal ihnen zugeschrieben wird, wenn das Kleine ein Genie wird und allen Nachbarskindern überlegen ist. Und erst recht in der Schule einen draufmacht, dass es nur so kracht.“
Sylvia schwankte leicht auf dem Stuhl hin und her.
Chris war weiterhin außerordentlich interessiert. Er wollte von Sylvia alles wissen:
„Kann ich mir das nicht mal anschauen?”
„Also, viel gibt’s da nicht zu sehen, wenn man bedenkt, was da später mal alles draus wird, zum Beispiel jemand wie du. Also, so ein komplexes und kompliziertes Ding wie ein Mensch, so ein richtiger Mensch, wenn du weißt, was ich meine … Also, es ist nicht so einfach.”
Sylvia hatte es ein bisschen schwer, ihre Gedanken zu fassen.
„Komm, zeig’s ihm“, sagte Nicole. „Er hat ja wohl so was noch nie gesehen, Spermien viertausendfach vergrößert. Vielleicht kriegst du’s ja sogar so weit, dass er seine eigenen zu Gesicht bekommt.“
„Zu diesem Zeitpunkt macht das kaum einen Unterschied, obwohl die Unterschiede andererseits natürlich sehr groß sind.“
Sylvia guckte Chris mit großen Augen an:
„Sie sind wirklich sehr groß. Sehr groß.“
Und dabei machte sie eine beschwörende Bewegung mit der rechten Hand, die aber irgendwie misslang. Um sich festzuhalten, griff Sylvia wieder zum Wein.
„Was die Qualität angeht, meine ich, sind die Unterschiede sehr groß. Wie halt bei echten Menschen. … Aber die Qualität, die stellen wir dann schon einigermaßen her, wenn’s nötig ist.“
Sylvia hörte dem letzten Teil ihres Satzes kopfschüttelnd nach. Dann überlegte sie einen Augenblick, wobei sei ihren starren Blick auf das Glas Wein richtete, das Giovanni gerade vor ihr abgestellt hatte.
„Okay, okay, also, es geht schon. Ich kann dir das zeigen. Ich kann dir sogar deine eigenen Spermien in viertausendfacher Vergrößerung zeigen, wenn du willst. Wir können dich schon irgendwie durchschieben. Wir können ja so tun, als wolltest du wirklich dein Sperma abgeben. Privatführungen sind allerdings nicht so gern gesehen. Am besten, du bindest dir eine Krawatte um, dann siehst du viel bedeutender aus und wirkst vertrauensvoller und keiner fragt, was du bei uns willst. Aber es fragt sowieso keiner, weil ständig große Jungs vorbeikommen, um zu ejakulieren, es ist so was wie ein Volkssport geworden, wenn du weißt, was ich meine, vor allem, seit unsere Bevölkerung es so schwer hat, Kinder in die Welt zu setzen. Da stellt man eigentlich keine Fragen mehr. Also, es ist nicht so, dass wir nur Genies haben, die spenden. Ich glaube, bei uns kommen mehr vorbei, als an einem Marathonlauf teilnehmen. Trotzdem, sie werden ziemlich selektiert. Also, binde dir trotzdem eine Krawatte um. Irgendwie wirkst du dann vertrauensvoller. Du kannst dann vielleicht als junges mathematisches Genie durchgehen. Auf Mathematiker sind Frauen im Augenblick unglaublich scharf. Mathematiker sind der Megahit, fast so geil wie Fußballspieler oder Tennisprofis. Fußballspieler vor allem nach der letzten WM. Schachspieler sind der Megahit bei Frauen über dreißig, die schon mal ein Schachbrett gesehen haben und von früher wissen, was ein gleichschenkliges Dreieck ist … Und Vertrauen ist ganz wichtig, Vertrauen ist das Wichtigste überhaupt, nur, damit du das nie vergisst. Darum musst du dir eine Krawatte umbinden, damit du vertrauensvoll wirkst. Das mit den Mathematikern kann sich natürlich ändern, auch wir sind der Mode unterworfen, vielleicht sind es morgen die Physiker, wenn vielleicht einer in der nächsten Zeit eine bahnbrechende Entdeckung an einem Teilchenbeschleuniger macht oder die Entstehung einer Supernova entdeckt. Aber das kann dir im Moment ja egal sein.”
Sylvia begann, sich zu verheddern:
„Wenn schon Intellekt, dann Hauptsache Akademiker … Nicht, dass du jetzt nicht auch vertrauensvoll wirkst, aber mit Krawatte wirkst du noch viel vertrauensvoller, das verstehst du doch, oder? Du bist überhaupt ein Krawattentyp, ohne Krawatte siehst du aus wie ein Italiener, der nur zum Saufen in die Kneipe geht und nicht mal was isst.“
Eine Weile kicherte Sylvia albern in sich hinein. Nicole saß da und schüttelte den Kopf und sagte zu Chris:
„Das mach ich öfter mit.”
Sylvia schaute hoch und sagte:
„Ich nenn das übrigens das Einstein–Syndrom.”
„Was nennst du so?”
Chris grinste zwar, aber man sah, dass er sich irgendwie verschaukelt fühlte.
„Fühlst du dich irgendwie unwohl?“, fragte Sylvia. „Ich meine, als Mann. Du guckst so unbestimmt.“
Sie schaute Chris scharf in die Augen:
„Alle Männer und Frauen sind fasziniert von einer Samenbank und den Spermien anderer Männer, auch, wenn sie ganz anders tun. Sie fragen sich nämlich bei jeder einzelnen Probe, von welchem Genie sie wohl stammen mag. Und die Frauen, die haben so ein heimliches Kribbeln im Bauch. Und die Männer fragen sich, warum kann ich nicht da drin sein, also als Ejakulat in der Samenbank. Was habe ich im Leben falsch gemacht? Warum will mich die Öffentlichkeit nicht als Vater? Warum will die Gesellschaft nicht, dass ich ungehindert und maßlos meinen Samen verbreite. Warum bin ich da nicht drin? Bin ich ein Versager? Samenbank, das ist wie fremdgehen, ohne zu wissen, mit wem. Für beide irgendwie. Das ist fremdgehen ohne schlechtes Gewissen und ohne Eifersucht.”
„Also, es muss nicht sein, dass ich …“
Chris war peinlich berührt.
„Oh doch, es muss sein! Ruf mich einfach morgen mal an. Es muss einfach sein. … Oder bist du anderer Meinung?”
„Nicht im Geringsten“, nuschelte Nicole.
Sylvia schob ihre Visitenkarte über den Tisch.
Das Gespräch glitt ab ins Ungefähre.
Viele Gläser später fragte Chris Nicole:
„Und was machst du?”
„Ich bin abgebrochen … Ich bin eine abgebrochene Karrierefrau, wie die Schwester neben mir, die mal Ärztin werden wollte. Aber ich bin eine andere Fakultät. Ich mach nichts … ich muss mir was einfallen lassen. Das heißt”, sagte sie, nachdem sie eine Zeit lang in das Glas gestarrt und einmal kurz gegluckst hatte, „ich hab mir was einfallen lassen. Und ich glaub, ich weiß sogar schon, wie es in Wirklichkeit passiert.”
„Hat sie”, sagte Sylvia und schlug sich auf die Schenkel. „Sie hat sich tatsächlich was einfallen lassen. Auch wenn ich jetzt nicht weiß, was in Wirklichkeit passiert.”
Dann prusteten beide los.
„Was hast du dir einfallen lassen?”
„Wird nicht verraten.”
„Du musst wissen“, sagte Sylvia zu Chris: „Manchmal ist sie blitzschnell, da schlägt sie zu und keiner kann ihr entkommen. Sie hat so eine Art eingebauten Prankenschlag im Gehirn, wenn du weißt, was ich meine.“
Chris wusste nicht, was sie meinte. Doch irgendwie fühlte er sich wohl. Es waren viele Leute um ihn herum, und alle lachten und tranken Wein.
Nicole schaute einen Moment nach ganz weit weg, dann sagte sie:
„Ich habe diesen unwiderstehlichen Drang, nichts, aber auch gar nichts Vernünftiges zu tun.”
Chris sah sie neugierig an.
„Gar nichts?”
„Gar nichts!”
„Irgendwie ähneln wir uns, denke ich.”
„Wieso? Was machst du?”
„Ich bin gerade ausgestiegen. In einer Woche geht es los. Ein paar Jahre um die Welt.”
„Schade”, sagte Nicole, „endlich mal einer, an den man sich gewöhnen kann. Und dann geht er und vögelt die Geographie. Irgendwie hast du recht, irgendwie ähneln wir uns. Zwei von der gleichen Gattung: furchtbar.”
„Ich werde anschließend ein Buch schreiben.“
„Klar, sagen alle. … Als gäb’s nicht schon genug Reiseberichte.
„Meins wird …“
„ … anders. Auch klar.“
„Und wie kommst du so durchs Leben? Pflastermalerei oder mit der Drehorgel auf der Einkaufsmeile?”
„Meine Tante hat mir ‘n bisschen Geld hinterlassen. Anscheinend gibt’s in jeder Familie jemanden, der was hinterlässt.“
Nicole wirkte weiterhin etwas fahrig.
„Letztes Jahr ist sie gestorben. Es war meine Lieblingstante. Ja, tatsächlich! Aber bald ist das Geld futsch. Es war ja nicht so viel.”
Nicole hatte ihrer Tante viel zu verdanken. Sie war ein verrücktes Huhn gewesen. Ihre Gedanken schweiften ab:
Nicoles Tante war eine zierlich gebaute brünette Innenarchitektin gewesen. Sie hatte in dritter Ehe einen nicht geweihten russisch–orthodoxen Priester geheiratet, der eines Tages aus dem Nichts, angetan mit einem prächtigen Priestergewand, in den Gemeinden Süddeutschlands aufgetaucht war – keiner wusste so richtig, woher – und mit der begnadeten Kraft seines Wortes die Kirchen füllte. Jedenfalls gaben die Kirchenoberen keine größere Erklärung über seine Herkunft ab und irgendwie wollte es auch keiner wirklich wissen. Und irgendwie waren Russen gerade modern geworden in Deutschland.
Er war ein Erleuchteter! Irgendwie war er ein Erleuchteter! Ein erleuchteter Russe, was will man mehr. Viele dachten dabei sofort an Dostojewski oder Tolstoi oder Rasputin oder an die Russen generell, die früher alle irgendwie erleuchtet waren.
Von Anfang an war Nicoles Tante – die ihn durch Zufall auf einer Behörde kennen gelernt hatte – fasziniert gewesen von ihm und vom Gesamtkunstwerk eines russisch–orthodoxen Gottesdienstes, den sie wenig später zum ersten Mal besucht hatte: Vom betäubenden Duft des Weihrauchs, der von da an auch ihr Haus durchzog und der die Liturgien in der Kirche zu einem nahezu ekstatischen Erlebnis verdichtete. Sie gab sich fast willenlos all den sinnlichen Eindrücken der russisch–orthodoxen Kirche hin, den prächtigen Gewändern, der Kraft der Ikonen, den geheimnisvollen liturgischen Gesängen und fremdartigen Bräuchen.
Sie heirateten schnell!
Gregor füllte weiterhin die Kirchen vor allem mit Frauen, die schon ein wenig, wenn auch nur knapp, jenseits ihrer Blüte standen. Er zog weiterhin mit seinen Gewändern, der Gewalt seiner Stimme und der Männlichkeit seiner Erscheinung in viele private Wohnungen ein, um bei Hausbesuchen Priesterdienste im Ehrenamt zu tätigen, wie Hausweihen, Taufen oder Beerdigungen, er moderierte Hauskonzerte liturgischer Gesänge und besonders gern nahm er Beichten ab. Vor allem aber zog er mit seinem stattlichen Aussehen, seinem silbergrauen Haar in die Herzen gläubiger orthodoxer Frauen ein, die sich in der Diaspora Deutschland oft einsam und verlassen fühlten und für jede Zuwendung dankbar waren, auch wenn sie diese Zuwendungen, die er reichlich und uneigennützig zu verschenken wusste, aus erklärlichen Gründen vor ihren Familien, vor allem ihren Ehegatten, verbergen mussten und dies weitgehend auch mit großem Geschick taten. So hat er sich, ein Elmer Gantry des orthodoxen Glaubens, in kurzer Zeit tief in die Herzen seiner süddeutschen Gemeinden und insbesondere ins Herz von Nicoles Tante eingegraben. Jedes Mal, wenn er nach Hause kam, brachte er pfundweise Kaviar mit. Dann saßen sie beide an einem opulent gefüllten Tisch, die zierliche schöne Frau und der gewaltige Priester mit seinem langen grauen Bart, und sahen sich an, während sie aßen und tranken, bis sie es nicht mehr aushielten und ins Schlafzimmer rannten, sich die Kleider vom Leib rissen und sich bis zur Erschöpfung liebten. Er war eine lebende, eine lebendige Ikone, ein Wegbereiter zum Urbild des Glücks, ein unbändiger Verehrer der Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Doch er war ebenso ein Pfahl im Fleische der ehrenwerten Kirche.
Als sich eines Tages herausstellte, dass er während seiner Ehe in einer kleinen, im Osten gelegenen Gemeinde, bei der er des Öfteren zu Besuch war, um geistlichen Trost zu spenden, eine weitere Frau nach russisch–orthodoxem Ritus geheiratet hatte, die ihm genauso verfallen war, ließ sich Nicoles Tante nach langem Zögern und vergeblichen Versuchen, ihn allein für sich zurückzugewinnen, scheiden. Sie starb nach einigen Jahren an gebrochenem Herzen, da es ihr nie gelungen war, sich ganz von ihm zu trennen. Sie hatte noch bis zu ihrem Tod wie ein kleines Mädchen von den Auftritten ihres Mannes in seinen prunkvollen Gewändern geschwärmt und geträumt.
„Es war wohl“, versuchte Nicole zu erklären, als sie das erste Mal mit Sylvia darüber sprach, „eine Art Fetischismus. Aber einer, der aus unbeflecktem Herzen und reiner Seele kam, eine Art inbrünstiger religiöser Fetischismus, wenn du weißt, was ich meine.“
Sylvia versuchte, dies zu verstehen und sagte, dass sie wohl irgendwie ahne, was in Nicoles Tante vorgegangen sein mochte, obwohl sie es nicht wirklich nachvollziehen könne.
„Du hast einfach kein richtiges Verständnis für tiefere seelische Vorgänge. Vor allem kann ich mich natürlich besser in meine Familie einfühlen als du.“
Sylvia beschloss, dies nicht auf sich sitzen zu lassen, wollte aber erst in späterer Zeit wieder darauf zurückkommen.
Sie kamen jedoch nie mehr darauf zu sprechen, zumal Nicoles entzückende, wunderschöne Tante vor der Ehe mit Gregor zwei Männer unter die Erde gebracht hatte, die ihrerseits an gebrochenem Herzen gestorben waren, sodass sie sich nicht wirklich als Opfer oder gar Märtyrerin eignete. Eine Tatsache, die Nicoles Aussage vom unbefleckten Herzen und der reinen Seele etwas relativierte.
„Im Übrigen“, hatte Nicole damals noch gesagt, „ist er nie wegen Bigamie angeklagt worden. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat, der Sauhund.“
„Und dann?”, fragte Chris … Hallo, und dann? … Ich bin noch da.“
Nicole kehrte in die Gegenwart zurück:
„Was und dann?“
„Na, wenn das Geld weg ist?“
„Keine Ahnung.”
Nicole machte eine irgendwie fahrige Handbewegung in den Raum hinein. „Na ja, vielleicht doch ‘ne Ahnung. Oder auch nich.”
„Sag bloß, du weißt jetzt wirklich, was du willst?”, fragte Sylvia.
„Mal sehn, erst mal sehn.”
Als sie aufbrachen, waren alle drei ziemlich abgefüllt.
„Viel Glück”, sagte Nicole und wäre beinahe umgekippt, „viel Glück in der großen weiten Welt … Und schreib mal, schreib mal irgendwoher und irgendwohin.”
„Bis morgen”, sagte Chris zu Sylvia.
„Bis morgen”, sagte Sylvia.
„Habt ihr’s gut”, murmelte Nicole.
Dann gaben sie Chris noch ein Küsschen links und ein Küsschen rechts. Nicole drehte sich noch mal um.
„Und vergiss nicht, ´ne Krawatte mitzunehmen ans Südchinesische Meer. Die Chinesinnen lieben Mathematiker.“
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