Leseprobe
aus Basilis Sevdalis: Der Kreuzweg. Roman. Auszug aus dem ersten Kapitel KAROLA (die beiden sich anschließenden Kapitel des in 3 Kapiteln geschilderten Kreuzweges sind GERD und ARISTIDIS)
KAROLA
1
Völlig unverhofft kehrte ich in das Haus neben dem Fluß zurück. Ich hatte es Hals über Kopf verlassen, um von all dem Schrecklichen, das geschehen war, Abstand zu gewinnen. Ich hatte gehofft, daß es hier, fernab von Westerland, von der göttlichen Vergessenheit zugedeckt werden würde, um meine lang ersehnte Ruhe wiederzufinden.
Bis zu einem gewissen Punkt hatte ich es auch bereits geschafft. Ich hatte an meinem Geburtsort alte Freunde besucht, vertraute Orte aufgesucht und mich in den ledernen Sesseln der Psychologen herumgedrückt. Sobald ich mich wieder etwas wohler zu fühlen begann, ließ ich mich von der Neugier verführen und packte meinen Reisekoffer, um zahlreichen Kulturtempeln europäischer Hauptstädte meine Referenz zu erweisen und das gepflegte Ambiente luxuriöser Hotels und erlesener Clubs zu genießen. Ich suchte neue Bekanntschaften und konnte sogar schon wieder mit halbem Herzen flirten, wobei ich mich allerdings im Verdacht hatte, mich selbst zum Besten zu halten und vor mir selbst zu fliehen.
Schließlich machte ich einen Abstecher zu unserem Ferienhaus in Westerland. Mutterseelenallein wanderte ich im eisigen Wind zum Strand, aber ich fühlte mich wohler. Du mußt bestraft werden, dachte ich, du kannst der Gerechtigkeit nicht entgehen, es gibt das Auge, das alles sieht. Und schließlich gibt es dich, die alles weiß. Erstaunlicherweise genoß ich die Selbstkasteiung. Und nach geraumer Zeit war mein Ich endlich vergraben. Doch die Selbstvorwürfe ermüdeten mich allmählich. Auch sie führen zu nichts, dachte ich, und mich ergriff neue Lebenslust.
Eines Tages lief ich barfuß durch den Sand und ging bis zu den Knien ins Wasser. Plötzlich fror ich. Als ich aus dem Wasser rannte, riß mich unvermittelt die Sehnsucht nach der warmen Ägäis und der blauen Bucht von Strymonas fort, und ich wußte, ich mußte unbedingt den malerischen Berg des Orpheus sehen.
So verließ ich den Norden und kam hierher. Die Nordsee ist wie der Menschenschlag kühl und distanziert, die Ägäis dagegen verlockend warm und erotisch. Sie umarmt dich, du tauchst darin unter und gibst dich einem endlosen erotischen Spiel hin.
Die Erinnerungen an meine Liebschaften sind schmerzhaft. Aber oft genieße ich auch den Schmerz.
Ich schwamm weit ins Meer hinaus, dorthin, wo ich zum ersten Mal Aristidis traf. Wie weit ich rausgeschwommen war! Ich bezweifle, daß ich vom Land aus zu sehen war.
Ganz in der Nähe kreuzte ein Schnellboot auf. Ich erkannte die Umrisse eines kräftigen Mannes, eines echten Seebären. Nicht übel, dachte ich. Er läßt den Motor rückwärts laufen, kommt fast zum Stehen. Der Mann ergreift mich, hebt mich ins Boot und fährt an Land, wo er mir in seinem Haus frisches Wasser zu trinken gibt.
Es war jenes schicksalhafte Haus, in dem wir, als später der Sturm ausbrach, alle durcheinander gewirbelt werden sollten. Ich erinnere mich noch an den Augenblick, als wir vom Berg zurückkommend sein Haus betraten. Ich war trunken vor Liebe. Er packte mich, warf mich aufs Sofa und zerriß mich im wahrsten Sinn des Wortes, aber auch im übertragenen Sinn, denn ich war hin und her gerissen zwischen Abscheu und Erregung. Was Gerds Sperma mit Hilfe der Ärzte und der Röhrchen fünf Jahre lang nicht gelang, geschah in jenem Moment: Ich wurde schwanger. Freilich vom falschen Mann.
Ich vergöttere nicht nur dieses Meer, sondern auch diesen uralten Berg. Ein weicher Berg. Du kannst ihn in aller Ruhe ohne viel Mühe erklettern, indem du frei vom Lärm der Fahrzeuge unter den breitblättrigen Bäumen wanderst. Nur die Axtschläge der Holzfäller sind gelegentlich zu hören und der endlose Gesang der Vögel. Es ist kein Zufall, daß Orpheus sich entschloß, hier zu wohnen. Immer wieder zog es mich hinauf zum Tal des Orpheus, eine grüne Zunge, die ihren Anfang am glatzköpfigen Gipfel nimmt und bis zum Flußbett des Strymonas reicht. Oft saß ich hier bis in die späte Nacht und lauschte der Flöte des Hirten, der mit seiner Herde von einem Gipfel zum anderen zog. Es war Balsam für meine Seele.
Manchmal legte ich nur den halben Weg zurück und besuchte das Frauenkloster mit dem bewegenden riesigen Eingangsbild der Mutter Gottes und ihrem Jesuskind.
Mit der Zeit hatte ich einen engen geistigen Kontakt zur Äbtissin entwickelt. Zwar war sie nicht meine Beichtmutter war, aber ich öffnete ihr mein Herz. Auch sie schien unsere Unterhaltung zu genießen, denn zum Abschied forderte sie mich immer auf, bald wiederzukommen.
Ich saß mit der Äbtissin draußen im Gartenhaus vor dem Kloster und schaute zur Ägäis hinaus. Ich berichtete ihr von meinem nutzlosen Herumirren der letzten Zeit und war wütend auf mich, weil ich daraus noch keine Konsequenzen gezogen hatte.
Sie hörte mir stumm zu.
„Warum erlegst du dir keine Pflicht auf, Schwester? Muß ich nicht auch fasten und mich Bußen unterwerfen? Wie soll ich mich sonst läutern?“
„Weißt du“, sagte sie lächelnd, „wenn es allein nach den Gebeten und Kniebeugen ginge, die ich bis heute absolviert habe, müßte ich bereits mit schneeweißem Mantel und weißen Flügeln über dem Kloster schweben.“
Vielleicht flog ihr Geist ja tatsächlich über dem Kloster und sie sagt es mir nicht, schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, daß auch mein Geist flog. Aber ich klebe fest am Irdischen und an meinen Sünden.
Ich berührte leicht ihr Gewand und sagte: „Schwester, meine Sünden sind groß und unsagbar.“
„Groß ist auch Gott, meine Tochter.“
„Und weil er groß ist, weil er liebt und verzeiht, leide ich um so mehr darunter.“
„Hör auf, dir Gewissensbisse zu machen, Karola. Sie sind zwar zur Zähmung des Egoismus gut, aber schließlich sind sie nicht dazu da, uns das Leben zu verkürzen.“
Ihre Worte waren entwaffnend, und ich hätte sie gern umarmt und geküßt und ihr gesagt, was ich dafür gäbe, wenn ich wie sie fühlen könnte! Aber es ging nicht. Etwas in mir sagte, es dürfe kein Erbarmen geben.
„Mutter, vergiß nicht: Aristidis, Gerd, das Kind. Meine Sünden türmen sich haushoch.“
„Irgendwo übertreibst du!“ hob sie ihre Stimme. „Was Aristidis angeht, Gott möge ihn beschützen, bist du nicht verantwortlich. Ich kenne ihn sehr gut. Und ich liebe ihn. Er ist übrigens ein Wohltäter unseres Klosters. Den Grund seiner Schenkung will ich dir lieber nicht nennen. Er interessierte sich sowieso nicht allzusehr für Religionen und Kirchen. Ab und zu betet er zum Heiligen Nikolaos, wenn sein Schiff fast unter Wasser steht. Aber Karola, Aristidis ist für sich selbst verantwortlich. Ihn quälte, daß er seinen Freund verraten hat, deshalb hat er sich auf und davon gemacht.“
Wie gut mir ihre Worte taten!
„Mein Gott, wenn er bloß nicht so gefühlvoll wäre!“
„Aber was ist schon der Mensch ohne Gefühle?“
Warum wusch sie mich immer rein?
„Aristidis habe ich nicht besonders gut gekannt, aber Gerd. Ihm habe ich den Sinn des Lebens genommen. Mit einem gemeinsamen Kind hätten wir unsere Konflikte überwinden und zu einer Familie zusammenwachsen können.“
Sie legte ihre Hand auf meine Schulter.
„Mein Kind“, sagte sie, „Gott hat uns geschaffen, um ihn und seine Schöpfung zu ehren. Und das tut jeder für sich allein. Dies zu leugnen, hieße, Gott zu leugnen und die Rolle, die er dir zuerkannt hat. Gott wäre ungerecht, wenn er uns als hilflose Einzelwesen geschaffen hätte, die nicht in der Lage wären, in der Schöpfung einen Sinn zu erkennen. Und hast du einen Grund, Karola, Gott als ungerecht zu betrachten?“
„Ich will nicht sagen, daß er ungerecht ist“, erwiderte ich mit einem gewissen Unwillen. „Aber auf der anderen Seite ist der Mensch sicher nicht so vollkommen, daß er immer auf eigenen Füßen stehen kann.“
„Doch genau jetzt, mein Kind, hat Gott dir etwas offenbart. Der Sinn des Lebens ist die Vollkommenheit und nicht die Suche nach einem Lasttier. Denn welche andere Rolle als die eines Lasttieres hätte das Kind in eurer Ehe gespielt? Und ist es nicht ungerecht dem jungen Wesen und Gott gegenüber, das Kind in eurer Schwäche als Krücke zu betrachten und nicht als Einzelwesen, das seiner Vollkommenheit zustrebt? Die einzige Beziehung, die du zu ihm haben kannst, ist die Förderung seiner Vollendung.“
Ich hob die Hände. Ich ergab mich.
„Schwester, dann lassen Sie mich wenigstens für mein Kind leiden“, sagte ich etwas trotzig, weil ich mich trotz anders lautender ärztlicher Gutachten für den Verlust meines Kindes verantwortlich fühlte.
„Wenn du darauf bestehst, will ich es annehmen, Karola. Selbstverständlich können Schuldgefühle ein Leben zerstören. Wenn du leiden willst, dann leide. Aber setz dem Berg deiner Verantwortung einen Berg von Argumenten entgegen, die für dich sprechen. Denn in welcher Welt leben wir eigentlich? Kann man in einer solchen Welt nicht leicht den Verstand verlieren? Alles ist über den Haufen geworfen, und die Worte haben ihren Sinn verloren. Wir taufen das Unheil in Freiheit und die Katastrophe in Gerechtigkeit um und machen das Kalkül zur Tugend. Warum erwartest du dann, inmitten einer Irrenanstalt die einzige Gesunde zu sein?“
Sie hatte mir die Argumente genommen, und ich fühlte mich auf seltsame Weise von meinen Selbstvorwürfen befreit.
Sie erhob sich.
„Ich muß mich beeilen, Karola. In meiner Zelle erwartet mich eine schmerzerfüllte Seele. Komm wieder, so rasch du kannst. Bis dahin möge dich Gott beschützen.“
2
Wieder hatte es die Äbtissin geschafft, mich freizusprechen. Ich lag auf dem Grunde des Brunnens, umgeben von Schlangen, da warf sie mir ein Seil zu und zog mich hinauf.
Ich nahm mir vor, den Berggipfel zu besteigen und mich auf den großen Stein im Tal des Orpheus zu setzen und an die mir nahestehenden Menschen zu denken, wenn der Hirte auf seiner Flöte spielte. Aber zuerst wollte ich versuchen, die Dinge zu ordnen.
Ich bin ein echtes Kind des Nordens, das vierte Kind eines protestantischen Bischofs. Bei uns in Deutschland dürfen die Bischöfe heiraten. Zum Glück, denn mein Vater quoll über vor Lebenskraft, unmöglich, ihn sich Rosenkranz betend vorzustellen. Auf der anderen Seite war er ein Liebhaber von Büchern. Seine Bibliothek war beneidenswert. In jedem Regal fand er ein Buch, aus dem er uns die wundervollsten Geschichten vorlas. Als ich älter war und ein klassisches Gymnasium besuchte, begann ich die Texte von selbst zu begreifen. Alle freuten sich darüber. Ich war die letzte Hoffnung, daß aus unserer Familie ein Theologe der vierten Generation hervorging. Meine Brüder hatten es vorgezogen, Physiker und Mathematiker zu werden. Ich habe sie freilich ein wenig enttäuscht, denn schließlich habe ich klassische Philologie studiert. Wir waren ein Haus, in dem freie Geister herangezogen wurden. Jeder mußte sein Leben in die eigene Hand nehmen und den Studienzweig seiner Wahl einschlagen.
Am Tag, als ich mein Studium abgeschlossen hatte, fuhr ich direkt nach Westerland. Ich wollte das Leben genießen. Und Westerland war genau das Richtige, um sich auszutoben und von Liebesabenteuern überraschen zu lassen.
Vom Bahnhof lief ich gleich zum Strand und wanderte stundenlang über die endlosen Dünen. Ich weiß nicht, wie weit ich parallel zum Meer gelaufen war. Es war Juli, und dann vergißt die Sonne hier, unterzugehen. Ich hatte mich sehr weit entfernt, als ich eine kleine Bucht entdeckte, die von Sandhügeln geschützt war. Ich warf meine Kleider ab und sprang ins Wasser. Ich war noch nicht allzuweit hinausgeschwommen, da sah ich, daß aus einem riedgedeckten Haus ein durchtrainierter Mann mit bronzefarbenem Körper und blauer Turnhose direkt auf mich zu rannte. Ich merkte nicht, daß das Meer stärker war als ich und mich in nördliche Richtung hinauszog.
„Wohin wollen Sie bei diesem Wetter?“ schrie er mir zu. „Sehen Sie nicht die roten Ballons? Der ganze Strand ist voll davon!“
Ich bestaunte die Kraft, mit der diese Arme das Wasser teilten, während er auf mich zu schwamm, wobei mir seine anziehenden grauen Schläfen auffielen, und ich dachte, er ist sympathisch.
„Drehen Sie sich auf den Rücken!“ befahl er. Und dann schlangen sich seine Arme um meine Brust und er schwamm, zugegebenerweise mit Mühe, mit mir im Schlepptau auf das Festland zu. Ich hatte etwas Wasser geschluckt, aber ich fürchtete mich nicht. Und während er mit großer Mühe die Wellen zu besiegen versuchte, genoß ich, daß meine Brustwarzen sich an seinen Oberarmen rieben.
Endlich zog er mich, meine Taille umfassend, aus dem Wasser und brachte mich zu meinen Sachen zurück.
„Das, mein Fräulein, tun Sie nicht ein zweites Mal …“
Ich torkelte noch ein wenig. Vorsichtig setzte er mich in den Sand und streckte sich neben mir aus. Ich staunte, daß ich, nackt wie mich meine Mutter geboren hatte, unbekümmert neben diesem fremden Mann saß und keinerlei Scham empfand.
Und anstatt daß er meinen Körper wie bisher noch jeder Mann staunend bewunderte, behandelte er mich mit der natürlichsten Selbstverständlichkeit der Welt.
„Ich danke für die Rettung“, sagte ich, nachdem ich ein wenig zu Atem gekommen war.
„Sie haben Glück, daß ich als junger Mann der Polonationalmannschaft angehört habe. Sonst hätten wir Sie erst nach Tagen irgendwo gefunden. Und natürlich nicht so schön.“
Er versuchte mir zuzulächeln.
„Etwas Wasser bitte“, flüsterte ich und spürte zum ersten Mal, daß ich reichlich Salzwasser geschluckt hatte.
„Ziehen Sie sich an“, sagte er und erhob sich, „wir gehen zu mir nach Hause. Bei mir gibt’s noch Kaffee und Apfelkuchen.“
Ich muß gestehen, daß ich nicht nur Gerds Fürsorge, sondern auch seine Gesellschaft außerordentlich genoß und die reifen Männer bewundern lernte. Er las mir jeden Wunsch von den Augen, und erfüllte ihn mir in kürzester Zeit.
Zuerst glaubte ich, einen Traum zu erleben, auch wenn ich mich innerlich nach dem schier endlosen Studium auf eine lange Arbeitslosigkeit einstellte. Wer wollte heute noch Geld für Lehrer ausgeben, die Philologie studiert haben! Ich tröstete mich damit, daß im Haus meines Vaters ein Bett und eine warme Mahlzeit auf mich warteten, so daß ich nicht die staatlichen oder kirchlichen Garküchen aufsuchen mußte. Und jetzt genoß ich mit diesem Mann in den besten Lokalen die feinsten Speisen und tanzte in den teuersten Bars auf der Insel! Und Abend für Abend kehrte ich mit Rosensträußen, die mir Gerd verehrt hatte, nach Hause zurück, um im Dämmerlicht des Salons noch einen Cognac zu trinken und klassische Musik zu hören.
Oft, wenn ich in seinen Armen lag, dachte ich, dieser Mann besitzt alles: Schönheit, Geist und Reichtum. Warum nur lebt er allein?
Eines Abends konnte ich nicht an mich halten und fragte: „Warum hast du eigentlich nicht geheiratet?“
„Ich will keine Kinder. Aber ich will auch grundsätzlich nicht heiraten, weil ich es gegenüber meinem Partner für unfair hielte zu heiraten und keine Kinder zu zeugen. Die Frau verwirklicht sich erst mit der Geburt eines Kindes. Das gehört einfach zu ihrer Natur. Ich fände es verantwortungslos von mir zu heiraten, nur um ihre Gesellschaft und Liebe zu genießen und trotzdem ihr die größte Erfüllung zu versagen.“
„Du würdest jedenfalls sehr schöne Kinder zeugen“, witzelte ich.
„Ich glaub, schon.“
„Aber wahrscheinlich hast du auch sehr schöne Eltern gehabt.“
„Meine Mutter war tatsächlich eine sehr schöne Frau, das stimmt. Meinen Vater habe ich allerdings nie kennengelernt.“
„Ist er im Krieg gefallen?“
„Ich weiß es nicht. Auch meine Mutter hat ihn nur für eine Nacht gekannt.“
Vorsicht Minenfeld, sagte ich mir. Wahrscheinlich ist er eins der arischen Hitlerkinder. Sofort wechselte ich das Thema.
„Wir sind vier Geschwister, und ich gebe zu, ich habe meine Familie genossen. Ich glaube, das liegt in der Natur des Menschen. Mein Vater las mir immerzu aus der Bibel vor. Liebet und vermehret euch und beherrscht die Erde.“
„Mit dem Liebet und vermehret euch bin ich einverstanden. Aber nicht mit dem Beherrscht die Erde. Besonders wenn das die arische Rasse besorgen soll. Auf jeden Fall lasse ich mich nicht zum Werkzeug eines Wahnsinnigen machen.“
Seine Worte hatten mich damals sehr beeindruckt, obwohl ich spürte, daß zwischen uns etwas war, das uns trennte, vielleicht lag es auch an seiner Haltung, die ein längeres, eheähnliches Verhältnis ausschloß, wahrscheinlich genoß ich gerade deshalb mit jedem Augenblick seine Liebe.
Meine erste Liebeserfahrung machte ich mit vierzehn in Frankreich, wo wir von der Schule aus hingefahren waren, um die Gräber gefallener deutscher Soldaten zu pflegen. Es war nicht gerade das, was ich mir unter Liebe vorgestellt hatte. Später an der Uni tat ich es öfters, aber mehr aus biologischer Notwendigkeit. Es war eine Art sexuelle Gymnastik. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war ich sogar davon überzeugt, frigide zu sein. Angeblich ein weit verbreitetes Phänomen, wie uns die Presse in jenen Jahren weismachen wollte.
Ich muß zugeben, daß mir in dieser Hinsicht meine Familie nicht besonders geholfen hat. Obwohl wir ein liberales Haus waren und über alles sprachen, berührten wir dieses Thema nicht. Unsere Eltern umgingen es systematisch. Es war eben ein unumstößliches Naturgesetz, daß der Mensch geboren wird, heranwächst, heiratet und eine Familie gründet, Kinder zeugt und sie aufzieht. Punkt und Schluß. Aber über die Schönheit und den Genuß der Liebe kein Wort. Selbst antike Texte, die die Liebe besangen, vermied mein Vater, uns vorzulesen. Und wenn wir ihn provozierten und ihn im scheinbaren Ernst fragten, „Vater, was ist eigentlich Missionarsliebe?“ wechselte er sofort das Thema.
Als ich das erste Mal mit Gerd nackt im Bett lag, erstarrte ich zur Salzsäule, aber als ich dann plötzlich seine Handfläche über meiner Haut spürte, ergriff mich eine wohlige Entspannung.
„Ich bin ein hoffnungsloser Fall“, flüsterte ich voller Gewissensbisse, weil ich glaubte, auch ihn zu enttäuschen.
Doch er sah mich zärtlich an.
„Das soll dich nicht beschäftigen“, flüsterte er. „Sei ganz locker und genieße …“
Erregt verfolgte ich mit geschlossenen Augen die heiße Spur seiner Lippen, die es immer tiefer zog, bis ich glaubte, mich aufzulösen. Und dann ließ er mich in seinen Armen einschlafen, und ich drückte mich wie ein kleines Kind an seinen Hals. Ich wunderte mich, daß er in jener ersten Nacht nicht den Beischlaf gesucht hatte, doch als er mich nach einigen Tagen mit seinen muskulösen Armen fast erdrückte, wollte mein Körper schier verbrennen. Ich zerfloß vor Wonne, während er in mir blieb und kein Ende fand …
Eigentlich haben wir unseren Hochzeitsmonat in seinem Ferienhaus verbracht. Ein Monat in meiner Nähe hatte gereicht, um seine Ansichten über Ehe und Familie über den Haufen zu werfen. Das wurde mir zuerst an dem Abend bewußt, als ich ihn nach seinem Beruf fragte und er mir sagte, daß er Ausgrabungen mache.
„Bist du Archäologe?“
„Nein, aber ich werde von einer internationalen Firma dafür bezahlt, daß ich im Berg Pangäo nach Gold grabe. Dort wird schon seit der Antike Gold gefördert.“
„Und seit der Antike schon spielt Orpheus dort seine Flöte“, antwortete ich lächelnd.
„Jawohl, meine Philologin.“
„Ich hoffe, du hast ihm wenigstens noch einen Stein gelassen, auf dem er sitzen und musizieren kann.“
„Es gibt jedenfalls noch Steine genug für die Hirten, um einen kompletten Flötensaal zu bauen.“
„Wie gern würde ich da mal mitkommen.“
„Du kannst es“, sagte Gerd, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. „In Pentakto erwartet dich ein zauberhaftes Haus.“
„Pentakto? Gibt es dort tatsächlich fünf Küsten?“
Gerd überlegte.
„Tatsächlich. Darauf bin ich noch gar nicht gekommen.“
Ich war überrascht über den Widerhall meines Wunsches. Einen Augenblick lang fühlte ich mich schuldig, weil ich in sein Leben eingedrungen war und seine Lebensweise und sein Zutrauen ausgenutzt hatte, doch meine Freude war so groß, daß ich rasch alle Bedenken überwand.
„Aber, Karola, wir müssen irgendwie den Schein bewahren. Die Firma, die das Gold fördert und deren Technischer Direktor und Vorstand ich bin, ist Tochter einer internationalen Aktiengesellschaft, deshalb bekommen wir auch oft Besuch von leitenden Angestellten der Muttergesellschaft. Jedenfalls ist man dort in Familienfragen konservativer als bei uns in Europa. Vielleicht sollten wir uns besser zwei Verlobungsringe besorgen, damit ich dich da unten als meine Verlobte vorstellen kann. In Griechenland bist du sowieso das, was du angibst.“
„Von mir aus können wir sogar unsere Namen und das Verlobungsdatum eintragen“, erwiderte ich lachend.
„Sehr verständnisvoll!“
Erstaunlicherweise hatte mein Vater keine Einwände, als ich ihm mitteilte, daß ich in die Nordägäis eingeladen worden sei.
Wir machten es uns im „Haus an den fünf Küsten“, in dieser zauberhaften Bucht am Strymonischen Golf, wunderbar bequem.
Als die Einheimischen mich zum erstenmal sahen, schienen sie wie geblendet zu sein und tauften mich spontan „Miß Europa.“ Am Anfang stieß mir das sauer auf, schließlich trug ich den historischen Namen Karola. Aber dann sagte ich mir, daß der Name Europa ja immerhin auch seine Geschichte hat, schließlich wollte es schon was heißen, wenn einen Zeus in Gestalt eines Stieres höchstpersönlich entführte …
Unsere Verlobungszeit dauerte knapp drei Monate. Gerd wollte gegenüber allen ein sauberes Gewissen haben. Als wir nach Deutschland zurückkehrten, heirateten wir nach dem protestantischen Ritus. Die Freude meiner Eltern war groß, auch wenn ich nicht richtig verstand, aus welchem Grund. Waren es Gerds Reife, sein Charakter oder sein Reichtum?
Auf der Hochzeitsfeier flüsterte mir mein Vater zu: „Du bist in guten Händen, jetzt brauche ich mir um dich keine Sorgen mehr zu machen.“
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