Leseprobe

aus Jörg von Liebenfelß: Das gestohlene Gesicht. Roman (Auszug aus den Seiten 73 – 79)


„Kinder, seid friedlich“, beschwor uns Daniel, „und vermiest uns nicht das Essen, sonst lade ich euch wieder aus!“
Es klang durchaus ernsthaft. Der Einkaräter an seinem rechten kleinen Finger schoss farbige Blitze auf uns.
Er bestellte eine Karaffe Chianti Classico und eine Karaffe Frascatti Superiore. Wir studierten die Karte und wählten ohne die nervenden Debatten über Was–ißt–du–und–was–soll–ich–nehmen? Jeder wusste, worauf er Lust hatte.
Trotz der sommerlichen Temperatur hatte sich Daniel seinen blauen Trenchcoat über die Schultern gehängt.
„Ich schwitze nie“, erklärte er, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte, und begründete diese Eigenschaft mit einer psychosomatischen Protesthaltung seines Körpers gegen die Hitze der Verbrennungsöfen, in denen seine Eltern und Verwandten umgekommen sind.
Sein weißer Leinenanzug sah wie immer so zerknittert aus, als habe er ihn nach einer ausgiebigen Dusche nass zum Trocknen aufgehängt.
Renée sah in ihrem maisgelben Sommerkleid, das ihre Schultern nackt ließ und ihren schlanken Hals betonte, zum Anbeißen aus.
Insgeheim bekam Mia de Grooth wahrscheinlich schon Vampir–Gelüste, dachte ich, verbannte die Verdächtigung aber in die hinterste Schublade meines Gehirns.
Der Duft nach Oregano, Pilzen, eingelegtem Knoblauch und einem Hauch Zitrone ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Die Antipasta und das Röstbrot mit Oliven und Tomaten mundeten köstlich. Den Rotwein spritzte ich mit Mineralwasser, um gelassen jeder Verkehrskontrolle begegnen zu können.
Als die Spaghetti mit Zitronen–Zucchinis für Daniel, das Lachs–Carpaccio für Renée und mein Coniglio marineto, das im Ofen geschmorte Kaninchen, auf den Tisch kamen, hätte jeder am liebsten von dem Gericht des anderen gekostet.
Während des Essens unterhielt uns Daniel mit Anekdoten und Histörchen aus der Eitelkeitsbranche und gab jüdische Witze zum Besten, die mit so viel Selbstironie gewürzt waren, dass Renée und ich über unserer Ricotta–Creme mit kandierten Früchten regelrecht Lachtränen vergossen.
Als der Espresso serviert wurde, warf ich einen Blick auf die Außenalster, auf der unzählige Segelboote unter dem stahlblauen Himmel kreuzten. Dazwischen steuerten die vollbesetzten Fahrgast– und Sight–Seeing–Schiffe unbeirrt ihren Kurs. Am gegenüberliegenden Ufer leuchtete das weiße Schloss an der Alster, die Fassade des Atlantic Hotels mit den drei Fahnen auf dem grünen Dach. Und hinter einem der zahlreichen Fenster mochten sich Daniela Lerdon und Mia de Grooth gerade in den Armen liegen.
Als habe Daniel das Thema erschnuppert, begann er von seiner großen Liebe zu einer schönen Frau zu erzählen:
„Schöne Frauen umgeben sich gerne mit hässlichen Männern, weil sie an deren Seite in der Öffentlichkeit noch strahlender erscheinen.“
Daniel Eisenstein machte sich nichts vor. Seine schweren Augenlider, Tränensäcke, die fleischige Nase und seine genusssüchtigen Lippen, machten ihn nicht gerade zu einem Modell für Helmut Newton.
„Und wie ging die Geschichte aus?“, erkundigte sich Renée vorsichtig.
Mit der Würde eines tragischen Clowns zog er das Resümée.
„An ihr war alles echt, außer ihre Gefühle. Das war mir aber letztendlich zu wenig.“
Er betupfte sich mit Old Spice, das er in einer Handriementasche immer bei sich trug. Wahrscheinlich hatte ihm die schöne Dame vor dreißig Jahren das Rasierwasser geschenkt, das damals in Mode war, und dem er die Treue hielt. Das Weib hatte ihn verlassen. Den Duft konnte er sich kaufen.
Nachdem wir uns herzlich für die Einladung bedankt hatten, erkundigte sich Renée beim Abschied kokett, ob sie denn Mia de Grooth ein bisschen gefallen habe.
„Hoffentlich nicht zu gut“, bremste ich sie.
Mein Agent ließ die Hand mit dem Brillantring vage durch die Luft flattern und drückte sich damit um eine klare Antwort. Ich kannte diese stereotype Geste, von der ich nicht behaupten kann, dass sie mir sympathisch war.
Da die Notsitze im Porsche höchstens Zwergen Platz boten, konnte ich Daniel nicht in sein Hotel fahren. Es handelte sich um das feinste und kleinste Hotel in der Hansestadt, zu dessen Entrée acht Marmorstufen emporführen. (Rätselfrage)

RENÉE
zog sich eine Strickjacke über und setzte sich auf der Terrasse neben mich in die Hollywoodschaukel. Um den Abend ausklingen zu lassen, genehmigte ich mir einen doppelten zwölf Jahre alten Black Bush Whiskey, bei dem es sich, wie die Schreibweise verrät, um ein Product of Ireland handelte. Irischen Whiskey trank ich neuerdings am liebsten. Ich weckte sein Aroma mit einem Spritzer kaltem Wasser und ließ das Eis weg.
„Whiskey wird auch mit der Nase genossen“, klärte ich Renée auf.
Doch sie hatte genügend Frascati getrunken und wollte nicht kosten.
Unwillkürlich drängte sich Georgs neue Latexkreatur in meine Gedanken. Die Erinnerung an den Erstickungsanfall spülte ich mit einem kräftigen Schluck weg. Es reizte mich, Renées mögliche Reaktion auf die neue Schreckensmaske zu testen.
„Stell dir vor, ich würde eines Nachts plötzlich als Monster mit einer ekligen Krötenhaut vor deinem Bett erscheinen. Was würdest du tun?“
Ihre Antwort kam ohne jedes Zögern:
„Ich würde dich erschießen, Liebling. Du weißt doch, dass ich sehr schreckhaft und ein Angsthase bin. Deshalb hast du mir doch den hübschen Revolver geschenkt.“
„Aber doch nicht, um mich damit zu erschießen“, protestierte ich. „Du hast am Sonntag zwar angekündigt, insgeheim etwas ganz Verrücktes tun zu wollen, aber das wäre Mord und kein Befreiungsschlag, wie du es genannt hast.“
„Das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun“, stoppte sie mich.
„Kein Gericht würde dir die Notwehrsituation abnehmen, weil du mit einem Monsterdarsteller verheiratet bist und drei Jahre lang meine Schreckensfratze im TV gesehen hast“, gab ich ihr zu bedenken.
„Falsch! Du hast von einer neuen Maske gesprochen, einem Krötenmonster, das ich nicht kenne“, argumentierte sie und lächelte gläsern. „Sei unbesorgt, Stefan, meine Angstneurose würde selbst den ausgebufftesten Gutachter überzeugen. Vergiss nicht, dass ich auch ohne Engagement eine gute Schauspielerin bin!“
„Es gibt auch jenseits dieser Scheinwelt ein erfülltes Leben. Die Hauptsache ist doch, dass du gesund bleibst“, sagte ich möglichst sanft.
Renée malte ihr Thema weiter aus:
„Stell dir vor, wie viel Geld ich mit Interviews oder einem Exklusivbericht verdienen könnte: Mein Leben mit dem Monster oder Die Geliebte des Drachenmanns. Obwohl da wahrscheinlich mehrere in Frage kämen, weil du ein attraktiver Mistkerl bist. Ich traue dir nämlich nicht.“
Ich nahm einen Schluck aus dem Glas, der mir leicht torfig und nussig durch die Kehle rann und sagte:
„Um Interviews zu geben, brauchst du mich nicht gleich zu erschießen. Außerdem bist du finanziell gut abgesichert. Es genügt, wenn du dich scheiden ließest.“
Zu spät bemerkte ich, dass ich in ein Wespennest stach.
Die Erregung ließ Renées Stimme eine Terz höher klingen.
„Ach, daher weht der Wind!“
„Mein Argument war rein hypothetisch!“, versicherte ich ihr treuherzig.
„Ich werde mich nie von dir scheiden lassen, Stefan. Hörst du? Nie, nie, nie!“
Um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen, antwortete ich mit meinem charmantesten Lächeln:
„Genau das wollte ich von dir hören, Liebling.“
Sie ließ nicht locker. „Eher würde ich dich
Für eine Kunstpause dauerte ihr Zögern zu lange.
„Sprich weiter.“
„Kastrieren!“
Es hörte sich nicht nach einem Witz an. Ich leerte das Glas und zog es vor zu schweigen.
„Oder bildest du dir etwa ein“, ergriff sie erneut das Wort, „dass du, wenn mich eines Tages mein armes Herz im Stich lässt, einfach hemmungslos weiterbumsen kannst?“
Ihr Mund verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln.
„Diese Vorstellung ist mir leider unerträglich. Kürzlich habe ich geträumt, dass du mit einer Supererektion an meinem Grab stehst, eine rote Rose aus dem Hosenschlitz ziehst und auf meinen Sarg wirfst. Und zwischen den Trauergästen lauern schon in schicken schwarzen Minis die rothaarigen Zwillingsschwestern auf dich, mit denen du in der letzten Drachenmann–Folge gespielt hast. Damals waren sie noch minderjährig. Doch jetzt sind sie zu allen Schandtaten bereit. Ich sah sie kürzlich in einem Hochglanzmagazin abgebildet. Aus ihren Pupillen schauten lauter kleine, geile Schwänze heraus.“
Sie illustrierte ihre Schilderung mit einer obszöne Gesten.
„Nein, mein Lieber, da du mein Ehemann und Geliebter bist, wirst du immer an mich denken müssen.“
Sie näherte sich meinem Gesicht und sah mir prüfend in die Augen, als ob sie einen Treueschwur darin zu finden hoffte. Ich hielt ihrem Blick ohne Blinzeln stand.
Plötzlich strahlte sie mich honigsüß an; Honig mit Zyankali.
Überfallartig küsste ich ihr das Gift von den Lippen.
„Na endlich“, rief sie erleichtert, „endlich hast du kapiert, dass die ganze Szene nur geschauspielert war! War ich gut?“
„Erschreckend gut“, gab ich zu und drohte ihr mit dem leeren Glas.
Sie schaute auf die Uhr.
„In zehn Minuten fängt Alias, meine Lieblingsserie, an. So eine Rolle wie die Jennifer Garner sie spielt, wäre mein Traum.“
Sie stand auf, reichte mir die Hand und zog mich hoch. Ich überschlug in Gedanken, was sie vorhin ernst gemeint und ab wann sie mir etwas vorgespielt hatte. Im Bungalow brannte kein Licht. Arm in Arm gingen wir auf das dunkle Viereck der offenen Terrassentür zu.

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