Leseprobe
aus Michael Sperschneider: Ah!. (Ausschnitt aus dem ersten Teil)
Auf Ios geschrieben,
einer kleinen Insel im Mittelmeer.
Erster Teil
Dem Atem der Zeit
Irgendwo am Mittelmeer lag er da und langweilte sich in der Postkartenidylle. Wusste er doch inzwischen, worauf es ankam. Etwas Geld und eine glitschige Möse. Alles andere zählte nicht. Jeder konnte das feststellen, der ein bisschen ehrlich war. Eine feuchte Pflaume, darum drehte sich letztlich alles auf der Welt. Ob Politiker, Präsidenten oder Millionäre, selbst deren ungeheure Macht fiel sang und klanglos in dem kleinen Schlitz zusammen, den sie begehrten. Es sei denn, man wäre schwul, aber das war Dichter nicht. Er hatte die Männer ausprobiert und für langweilig befunden. Es war etwas anderes, ob man eine Frau in den Hintern vögelte. Dazwischen lagen Welten. Obwohl, Dichter mochte die griechische Art nicht besonders. Der Stoß in die Leere hatte was Nihilistisches, und er war gläubig. Umschlungen und fest, also vorn, war das eine andere Sache. Jede seiner rund zweihundert Frauen hatte ihm Vergnügen bereitet, und er ihnen auch. Merkwürdig, dass so viele dieses Spiel nicht verstanden, diese Mischung aus Leichtigkeit, Flüstern und Sex. Aber das war eine noch ganz andere Sache.
Früher hatte Dichter Schriftsteller werden wollen, doch nach einigen Fehlschlägen hatte er dies zugunsten des Lebens aufgegeben. Seine Bücher, die gekauften, hatte er nach und nach verschenkt, seine unveröffentlichten Manuskripte verbrannt. Er war in ein One–Room–Apartment gezogen, ein Bett, eine Kochnische, eine Musikanlage. Das Ganze ziemlich schallisoliert im letzten Stock eines Hochhauses. Dort konnte man stöhnen und schreien.
Dichter lag ausgestreckt im heißen Sand. Hinter seinen geschlossenen Lidern zuckten die Sonnenblitze, purzelte das Leben der letzten Zeit. Womit hatte eigentlich alles angefangen? Diese Frage interessierte nicht sonderlich. Er war kein Schriftsteller mehr, ihn interessierten keine Gründe. Dichter ließ sich von Gerüchen treiben, von Bildern und Blicken und – von Zufällen.
Überhaupt, das mit dem Zufall verstanden die wenigsten Leute. Sie blätterten in Horoskopen, befragten Wahrsager, aber erfassten nicht die Schlangenlinie des Zufalls, die alles enthielt. Die einen jederzeit in den nächsten Schoß treiben konnte, eine weitere Begegnung mit einer pulsierenden Zunge.
Doch zurück zu den Bildern. Eins seiner ersten war ein braungebranntes, dunkelhaariges Mädchen gewesen, das er fickte, während sein Pariser abglitt und in ihr verschwand. Sie hatte das nicht weiter gestört und es auch so gemocht. Hinterher hatte er lange suchen müssen.
Damals war Dichter noch ungeschickt gewesen. Hätte er gewusst, dass sie später Lektorin werden würde, wäre ihm das Schreiben erspart geblieben. Ihre dunklen Schatten im Zelt, ihre kleinen verstörten Schreie, diese ganze Verheißung einer Siebzehnjährigen, das schweißige Aufeinanderklatschen ihrer Leiber hätte ihn lehren müssen, dass es nichts Wichtigeres, nichts Höheres gab.
Er hatte sie eine Zeitlang völlig vergessen und erst seit seiner Lebenswende hatte er den Geschmack ihrer Möse wieder in allen Nuancen voll auf der Zunge. Auch wenn sie inzwischen längst schon anders riechen würde, nach Karrierestress etwa, gescheiterter Ehe oder ein, zwei, drei Kindern. Ihn interessierte das nicht. Das Bild von damals war wichtig, diese Wirkung auf ihn auch noch heute. Sie hatte alle Chancen gehabt, aber ein paar Mal falsch zugegriffen. Lydia hätte eine Sexgöttin werden können, stattdessen wechselte sie in regelmäßigen Abständen ihre Slipeinlagen.
Dichter griff überhaupt nicht mehr zu. Er ließ die Dinge geschehen und fuhr gut dabei. Sicher, manchmal musste auch er aufpassen. Er hatte gelernt, sich von den Verzweifelten fernzuhalten, die zumeist älter waren. Nur einige Ehefrauen hatten ihm heitere Stunden geschenkt, wohl wissend, dass der Mann ihnen nicht weglief und die Kinder geboren waren. Andrea etwa, die ihren zarten Hintern im Sportstudio stählte und die ihn immer noch jungfräulich griff, eng und fest, ohne die Zicken der Unberührbaren. Sicher, sie nahm Tabletten, sogenannte Aufheller, aber was machte das schon, andere rauchten schließlich, tranken oder sammelten Briefmarken. Dichter hatte keine Antworten mehr, keine Erklärungen und er war beliebt bei den Frauen. Erstaunlicherweise auch bei den kritischen.
Edda zum Beispiel hatte er in einem Schnellrestaurant kennen gelernt. Sie las viel und engagierte sich bei den Grünen. Nachdem sie ins Gespräch gekommen und sie ihm einiges Sehenswerte in der Stadt gezeigt hatte, zeigte sie sich. Weitgespreizt erwiderte sie seine Fragen, gab ihm für einige Minuten eine Vorstellung, wie es die nächsten zehn Jahre hätte sein können mit ihr. Vielleicht.
An die Einzelheiten erinnerte er sich nicht mehr, nur noch an zwei spätere Begebenheiten. Dichter hatte in ihrem kleinen Haus geschlafen, irgendwo in der Nähe vom Rhein. In der Nacht hatte sie ihr Bett verlassen und war rübergekommen, über ihn drüber. Edda hatte in sich hinein geschrien, und ihr Freund nebenan hatte nichts gemerkt.
Später dann war da noch dieses Telefonat gewesen. Er hatte im Bett gelegen. In der Nacht war sie zu ihm gefahren, nachdem er an der Sprechmuschel in freudiger Erwartung seine Stimme abgesenkt hatte. Nach einer Stunde Fahrtzeit war sie gekommen. Kurz und heftig und mehrere Male. Nie wieder hatte er etwas von ihr gehört. Schon damals hatte sie Atembeschwerden, Kette geraucht und immer noch unter ihrem Vater gelitten. Sie war einfach verschwunden, weg aus der Welt.
Dichter räkelte sich. Er angelte nach seiner Uhr. In einer Stunde würde er einen Freund treffen, dort drüben in der großen Stadt. Schon vor Wochen hatten sie sich hier verabredet. Sie hatten dieselbe Freundin gehabt, damals vor seiner Zeit, und sie war bei beiden nicht zum Orgasmus gekommen. Eine einzige Nerverei war das gewesen, wenn er daran zurückdachte. Vor lauter unwissender Verzweiflung hatte er immer mal wieder versucht, seine Faust in ihre Möse zu stecken, auf der Suche nach verborgenem Glück. Dichter hatte es nie geschafft. Von ihrer Schönheit hatten sich beide faszinieren lassen, diese Mischung aus Abgründigkeit und exotischem Versprechen.
Lang war das her. Inzwischen hatte Dichter begriffen, dass man sich von solchen Modellen fernhalten sollte. Ihre Außenhaut reizt dich und reißt dich in ihren inneren Psychostrudel. Zerschlagen wirst du irgendwann mit dem Gefühl an die Oberfläche gespuckt, dass das Leben stehen geblieben sei, schlimmer noch, das ganze Leben verschwunden. Dichter hatte gelernt, solche Frauen zu meiden. Er war kein Psychodoktor, und ficken konnten die einfachen ohnehin besser. Diese Erkenntnis hatte lange gebraucht, zu lange.
Er rollte seine Sachen zusammen, nahm die Metro. Wenig später saß er ihm in einem Straßencafé gegenüber. Smart war fett geworden. Der Alk hatte im Gesicht eine ganze Reihe Äderchen platzen lassen. Er war der Faszination des Kaputten erlegen und konnte nur noch mit Zerstörten schlafen. Darüber war er selbst krank geworden und so stolperte er durch die Welt in einem Nebel von Alkohol, Psychopharmaka und Naturpillen. Darin kannte er sich aus. Natürliche Drogen waren Smarts Spezialgebiet.
Im Laufe der Zeit hatte er sich wissensmäßig eine ganze Menge draufgeschafft. Mit irgendwelchen geheimen Blütenextrakten konnte er Frauen willig machen, ihnen Glücksgefühle verschaffen und kurzzeitig sogar ihre Depressionen lindern. Als Hilfspfleger hatte er sich in Irrenhäusern rumgeprügelt, sich in Krankenhäusern auf Menschen spezialisiert, ein gelähmtes, ehemals schönes Mädchen rundum versorgt und sich schließlich als Medizinguru selbständig gemacht. Seitdem lief er nur noch in schwarzen Designerklamotten rum, ließ sich durch die Gegend chauffieren, was seine Kundschaft beeindruckte. Es hieß, er könne Krebs heilen. Nur selbst konnte er sich nicht helfen.
Eine Weile war er mit einer Magersüchtigen zusammengewesen, später dann mit einer verblichenen Schönheit, die ihr fortgeschrittenes Alter nicht ganz auf die Reihe kriegte. Die eine wollte sich nicht von ihren Hunden trennen, auch nicht beim Beischlaf, die andere machte in den ersten Tagen alles, bis die Macht reichte, um launisch zu werden. Mit ihrer Verweigerung trieb sie ihren faltigen Körper nochmal auf schwindelerregende Höhen. Smart musste den Hund ausführen, sie hatte ebenfalls einen, er musste kochen und auf die Kinder aufpassen.
Bevor er sich vollends zum Pantoffelhelden entwickelte, lernte er jemand anderes kennen, weniger kaputt als die abgehalfterte Schönheitskönigin. Das Mädchen verbreitete mehr Frohsinn beim Sex, überhaupt fand der wieder statt. Smart trank mit mehr Freude. Die Hundeschleckaktionen, das Gejaule der Köter und das Gekeife waren vergessen. Zwar litt Marita unter ihrem früheren Beruf, aber er ließ sich gerne Geschichten erzählen, gern spielte er Verworfenes nach.
Marita war Prostituierte gewesen und lebte jetzt vom Ersparten. Mit einem Wort, Smart war fast glücklich, und in diesem euphorischen Zustand traf ihn Dichter an. Sie bestellten was und lehnten sich entspannt zurück mit dem Blick auf Vergangenes.
Ihr Ritual erforderte es, über die früher gemeinsame Frau zu sprechen. Was sie mache, wie und mit wem sie jetzt liebe und dass sie doch inzwischen so furchtbar gealtert sei. Smart kramte dann manchmal die Bilder hervor, Akte aus besseren Zeiten.
„Wir haben unsere Zeit vertan.“
„Tun wir’s nicht alle?“
Dichter kannte ihn lange und er machte sich Sorgen. Smart hatte dieses Biest noch immer nicht vergessen können. Ihre Abgründe hatten seine Jugend verschlungen, ihm das Gefühl einer besonderen Offenbarung mitgegeben. Uneingestanden suchte er sie auch heute noch. Mit jedem Stoß in die wahnsinnige Hundefreundin, mit jedem stummen Schrei auf der Beauty–Queen, mit seinen wüsten Ausfällen in seiner Hinterhauswohnung, selbst das schlimmste Kettengerassel mit einer verflossenen Masobraut waren nichts weiter als eine stille verlorene Suche nach einer höheren Unschuld, die er damals als Jugendlicher glaubte gefunden zu haben. Irgendwann würde Smart beides nicht mehr können. Erst würde sich das Ficken einstellen, dann notgedrungen das Saufen. Smart schaffte sich in den Abgrund, doch Dichter mochte ihn.
„Die Philosophie musst du hinkriegen, dich von deinen Bildern verabschieden. Dann wird das Leben sich auf dich stürzen!“
Das hatte mal jemand gesagt. Aber Dichter wusste, dass Smart dies nichts nutzen würde. Schließlich war er selbst Guru und trotzdem in sich verstrickt. Auch Dichter hatte lange gebraucht, um loszulassen. Ein paar asiatische Praktiken hatten ihm dabei geholfen. Nein, kein Kamasutra.
Kennen gelernt hatte er sie schon vor Jahren, und irgendwie erinnerte sie ihn an Lydia oder besser an die Verheißung ihrer ersten Begegnung im Zelt. Tatsächlich war es da ziemlich heiß gewesen. Zu fünft hatten sie nackt dagesessen und geschwitzt. Jeweils zwei mal zwei hatten sich geliebt, und einer musste immer warten und zuschauen. Zigarette geraucht, was getrunken. Die Verheißung jedoch war erst später gekommen. Sie hieß Michelle und stammte aus Südfrankreich.
Dichter war kein Tittenfetischist, aber er hatte zuerst in ihren Ausschnitt gestarrt. Er wollte die Spitzen haben, er wollte sie lecken und einfach hineingreifen. Das waren so ungefähr seine ersten Gedanken gewesen, und daraus hatte sich eine gute Freundschaft entwickelt. Dichters Hirn klinkte aus, als die zierliche Michelle ihre fleischige Pflaume offenbarte. Nein, auch das war's letztlich nicht gewesen, eher die Summe der Eindrücke. Die Schatten auf ihrem Bauch in der Dämmerung, ihre sanfte Stimme und das junge Lächeln ihrer Lust, die alles zuließ, gierig und heiter zugleich. Michelle, die Dichter mit all ihren Öffnungen verführte, lachend vor ihm auf und abtanzte zu irgendeiner fernöstlichen Musik. Michelle, die den besten Salat machte und ein geheimes Würzmittel besaß. Nie würde er ihre Rundungen vergessen, niemals ihre zarten, fast geflüsterten Seufzer.
Dichter bestellte ein zweites Getränk. Smart orderte ein weiteres Bier. Beiden war die Kellnerin aufgefallen, die blond um sie rumwuselte und allen zulächelte. Ihnen besonders, doch auch das meinten alle. Nie geschah etwas, niemand traute sich. So war das meistens.
Dichter würde sie zu einem Kaffee einladen, am nächsten Morgen, wenn sie freihatte. Der Vorspann, die Vorrede und ein gewisses desinteressiertes Interesse waren es gewesen. Vielleicht auch nur dieser kurze Blick, der ins Innere zielte, etwas unterhalb ihres Bauchnabels. Symbolisch, versteht sich.
„Wahrscheinlich kriegst du jeden Tag solche Einladungen, aber trotzdem, ablehnen kannst du ja sowieso. Ein Kaffee mit dir, ganz woanders, natürlich nicht hier.“
Sie trafen sich im Café eines Kaufhauses. Auf die Schnelle war ihm nichts Besseres eingefallen. Ohnehin stand er nicht drauf, Eindruck zu schinden. Auf diese Weise kriegte man nur ein paar Bankerinnen, und auch die sehnten sich letztlich nach anderem. Die Glätte des Lebens machte allzu schnell unzufrieden.
Mit flatterndem Rock hatte er sie bereits über den Platz kommen sehen, mit neuem Lächeln begrüßte sie ihn. Es stimmt zwischen uns, dachte Dichter, und die Sätze hätten auch ganz anders heißen können.
Spät in der Nacht besuchte Mariana ihn mehrere Male. Es klingelte. Er stieg aus dem Bett und sie unterhielten sich. Mehr passierte nicht. Nach ein paar Stunden verschwand sie, und Dichter schlief wieder ein. Ein Spiel, das sie beide liebten.
Dann, eines Nachts, berührte er sie, eher ein flüchtiger Hauch und Mariana riss sich die Kleider runter. Sie streckte ihm ihren nervösen Hintern entgegen. Ihre nächtlichen Besuche hatten eine ungeheure Gier angestaut, die sich jetzt entladen musste. Dichter rutschte rein, ihre Zungen schlugen einen wilden Wirbel von Speichel und Lust.
Mariana war unter dem Zeichen des Widders geboren. Am nächsten Morgen wachte sie wundgescheuert und glücklich auf. Sie überwanden den Schmerz und probierten nochmal diesen Moment. Irgendeiner Musik aus dem Radio entgegengestreckt und den hochbrandenden Großstadtgeräuschen, lagen sie später erschöpft auf dem hitzigen Laken, suchten die leichten Töne ihres Atems auf, bis sie erneut in den Schlaf fielen, einen tierhaften Schlaf.
Das Telefon schellte, der Anrufbeantworter sprang an. Soll er doch, dachte Dichter und legte sein Haupt zwischen ihre Beine, ließ sich von ihren Düften betäuben, driftete ab. Er träumte, erinnerte sich.
Wogende Weizenfelder, Sternennacht, der Schlafsack neben dem Auto, Naturgeräusche. Die Stille, und sie an ihm dran. Die Baseballkappe war unter den Auspuff gerollt, seine Shorts hatten sich an den Fußknöcheln verheddert. Ein Wort hatte das andere ergeben, und dann waren sie ihnen plötzlich ausgegangen. Brita hatte ihn mit den Zähnen gepackt und ungeduldig an seinen Hosen gerissen. „Leck mich!“ hatte sie wie wahnsinnig geschrien. Ihm war das so vorgekommen, als jagte ihr gieriges Echo weit über die hügligen Felder.
Es hatte sehr lange gedauert. Die Mischung aus Sand, Mösenschleim und ein paar toten Ameisen würde er niemals vergessen. Britas Brustwarzen waren zartrosa gewesen, und Dichter hatte begriffen, welch irdische Poesie in einem sommerlich–südlichen Sternenhimmel liegen konnte. Später hatte sie ihm gezeigt, wie kaltgepresstes Olivenöl auf natürliche Art zu erhitzen sei. Brita war älter gewesen. Von ihr hatte Dichter eine Menge gelernt. Heute dagegen stand er eher auf jüngere Frauen. Doch auch das kam ihm natürlich vor.
Als er aufwachte, war er allein. Mariana hatte einen Zettel hinterlassen, was mit fettigem Lippenstift draufgedrückt. Dichter schob eine Classic–CD in den Player, onanierte zu Beethoven und erinnerte sich nochmal an alle Einzelheiten.
Er stand auf, verzichtete aufs Duschen, weil er diesen Geruch mochte, trank einige Tassen Kaffee, zog sich an. Der andere Pott stand in der Spüle. Mariana musste sich ebenfalls Nescafé gemacht haben. Er lächelte. Noch einmal dachte er an ihre tiefdunkle Pflaume, ihren wunderbar ausladenden, festen Po, an ihr langes schwarzes Haar, ihre wilden Stöße, die ihm einige blaue Flecken eingetragen hatten. Dichter liebte Mariana, auf seine Weise.
Später fuhr er mit der U–Bahn zu einem Plattenladen. Die Verkäuferin steckte ihm einige neue Scheiben zu. Dichter mochte die internationalen Hitparaden. Er konnte überhaupt nicht verstehen, wie Leute ausschließlich die Bands ihrer Jugendzeit hörten. Diese frühzeitige Vergreisung aus Unsicherheit und tiefer Angst gegenüber dem Leben. Dichter dagegen akzeptierte erst einmal alles, erst dann entschied er darüber, was er wirklich mochte. So ging es ihm auch mit den Frauen, obwohl er zugeben musste, dass er fast immer eine Vorauswahl traf. Dichter hätte es nicht genau in Worte fassen können, aber bestimmte Menschen mied er. Niemals würde er sich darüber genauer äußern, aber Dichter hatte seine Erfahrungen gemacht, und die unterschieden sich etwas von üblichen Lebensweisen.
Er war mit Prostituierten zusammengewesen, hatte eine Ehe hinter sich gebracht, war streckenweise verzweifelt, nichts Besonderes halt. Aber dann hatte es bei ihm „Klick!“ gemacht, und er hatte mehr Frauen kennen gelernt, als dass er sich jetzt noch an alle erinnern könnte.
Zunächst war ihm das chaotisch vorgekommen. Doch dann hatte Dichter aufgehört zu warten, und seitdem war alles ganz einfach. Die Frauen in ihrer ungeheuren Vielfältigkeit kamen und gingen. Ob das nun sein Schicksal bedeutete, sein Leben, diese Frage stellte sich nicht. Jeder Tag begann neu. Zwar als Folge des Vorangegangenen, aber niemand konnte einem das Recht nehmen, sich immer wieder auf das Neue zu konzentrieren, es zu erobern. Was war schon Zeit, was Wochen und Monate, wenn alles nur in einer Erstarrung mündete, in der Steifheit eines übergestülpten Lebens! Dichter war so was wie ein Großstadt–Yogi geworden von der Abteilung Kundalini–Sex. Das ganze abgemischt mit 'ner aufgerissenen Limonadendose und seinem stillen Gelächter. Dichter war ein Fisch und auch für einen Quickie zu haben. Er entzog sich sämtlichen Bewertungen. Keiner hätte so richtig sagen können, ob er je glücklich war. Dichter selbst am allerwenigsten.
Auf jeden Fall war er nicht unglücklich. Er war begeistert vom feuchten Fleisch, das sich ihm unter rosa Seide öffnete und ein kleines bisschen Jana war. So hieß seine Besitzerin, die sich unter Dichters Händen wand und ihm wenig später auf seinem Bett die Vergänglichkeit der Jugend zeigte. Nichts hätte sie nötig gehabt. Wie eine Statue schwebte sie in klassischer Schönheit, um ihn dann mit ein paar harten, gierigen Stößen wieder in den Alltag zu holen. Die Schönheit blieb. So ein Quickie halt.
Manche warfen Dichter vor, dass er Sammler sei oder schlimmer noch, ein wahllos schießender Jäger. Doch das stimmte nicht. Dichter ließ die Dinge geschehen, und die Frauen waren mit ihm. Er mochte ihre Körper, aber er kannte auch ihre Seelen. Die vielen, die an ihren Vätern litten, die vielen mit einer romantischen Erinnerung im Herzen, einer Filmliebe, einer Vergewaltigung, einer verlorenen Jugend. Auch die unbestimmte Hohlheit machte manchen zu schaffen, eine Leere, die später durch Kinder ersetzt wurde. Keine glücklichen Kinder.
Dichter hatte keine. Er war froh darüber, aber er wollte für die Zukunft nicht ausschließen, selbst an welchen beteiligt zu sein. Eine natürliche Angelegenheit, weiter nichts. Die stumpfen Familiendramen allerdings, wovon er gehört hatte, machten ihn froh, nicht in solchen Fallen gefangen zu sein. Es hatte ihn schon immer misstrauisch gemacht, wenn während der Schwangerschaft und nach der Geburt das ganze Kinderkriegen zu Gebärmuttervorfällen ausartete. Er hatte Hochachtung vor den Frauen, die auch noch im neunten Monat ihre Lust rauschrien. Dichter kannte eine Bibliothekarin, die das mit größtem Vergnügen tat, nicht nur bei ihrem Mann. Was das mit Büchern zu tun hatte, wusste er nicht. Aber dieses Kapitel hatte er ohnehin abgehakt. Es gab keine Erklärungen. So einfach war das.
Dichter kaufte sich eine Illustrierte. Er sah sich eher die Bilder an, die Fotografien. Längere Artikel mochte er nicht. Die meisten davon kamen ihm austauschbar und beliebig vor. An der politischen Weltlage hätte er ohnehin nichts ändern können. Doch war Dichter nicht apolitisch. Er kannte viele Menschen, er diskutierte, er redete, er wählte sogar. Vielen fiel es nicht auf, er wählte mehr als der Durchschnitt. Dichter war kritisch, trotzdem eine Art Fatalist. Er war zufällig geboren. Viele hatten das vergessen.
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