Leseprobe

aus Anika Limbach: In seltenen Fällen. Roman
(Auszug aus dem Prolog)

Prolog

Dass sie langsam die Kontrolle über sich selbst verlor, zeigte sich zuerst beim Einkaufen. Nicola verschmähte zwar nicht grundsätzlich teure und stilvolle Kleider. Doch sie zählte nicht zu den Frauen, die allzu leicht in einen Kaufrausch geraten. Die Umstände an jenem Samstag schienen auch nicht außergewöhnlich zu sein, als sich Nicola plötzlich von einem eleganten Hosenkostüm, das im Schaufenster einer exklusiven Boutique ausgestellt war, magisch angezogen fühlte. Zusammen mit Thelma, einer Krankenschwester aus ihrem Kollegium, betrat sie das Geschäft, ließ sich die Kleidungsstücke in ihrer Größe heraussuchen und verkündete, kaum, dass sie den teuren Zweiteiler anprobiert hatte, er würde sich ihrem Körper so gut anpassen, als sei er eigens für sie geschneidert worden. Sie zahlte mit ihrer Bankkarte, ohne auf den Preis zu achten. Das allein wäre noch nicht besorgniserregend gewesen. Doch als Thelma sie im nächsten Geschäft davon abzubringen versuchte, ein pompöses Ballkleid zu kaufen, brach sie auf einmal in Tränen aus und jammerte wie ein Kind, für das die Welt zusammenbricht, weil es nicht bekommt, was es sich wünscht. Dabei war es nicht mal das Kleid, das sie so sehr begehrte. In dem Augenblick war es ihr, als müsse sie beinahe gewaltsam all das betrauern, was man ihr jemals im Leben versagt hatte. Die erwachsene Frau in ihr hätte so ein kindisches Verhalten niemals zugelassen. Doch sie konnte nicht mehr als nur beobachten, denn das kleine Mädchen agierte ganz eigenständig, losgelöst von ihrem Willen und dem Versuch, es zu zähmen.
Irgendwie gelang es Thelma, die Frau, in der sie ihre nette deutsche Kollegin nicht wiedererkannte, bis zum Bahnhof zu lotsen. Während der Rückfahrt wirkte Nicola in sich gekehrt, was immerhin bedeutete, dass ihr Benehmen den anderen Fahrgästen nicht auffiel. Als der Zug jedoch in den Bahnhof der walisischen Universitätsstadt einfuhr, die Nicola über zehn Monaten hinweg zur zweiten Heimat geworden war, blieb sie stur auf ihrem Platz sitzen.
„Ich werde noch eine Station weiterfahren. Steig du bitte aus, ich möchte alleine sein.“
„Mein Gott, was willst du denn dort am Hafen?“
„Das ist meine Sache. Ich bin ein freier Mensch.“
Als T,helma versuchte, sie am Arm packend Richtung Ausgang zu bewegen, schrie Nicola laut und unbeherrscht auf.
„Du bist echt verrückt. Aber was soll’s? Wenn ich dich morgen im Krankenhaus nicht antreffe, weiß ich, dass du nach Irland geschwommen bist.“

Das Meer hatte Nicola von Beginn an in Bann gezogen. Doch was sie seit knapp einem Jahr täglich davon sah, jenes gezähmte Wasser, ähnlich dem eines Fjordes, reichte ihr plötzlich nicht mehr aus. Es verlangte ihr nach der offenen See. Auch an der Endhaltestelle des Zuges wurde das Meer durch den Hafen– und Fischereibetrieb in Beschlag genommen, durch die Einbuchtungen, Anlegestellen und die Vielzahl der Schiffe, vom kleinen Fischerboot bis hin zum Hochseedampfer. Nicola musste eine halbe Stunde Weges zurücklegen, um an eine ihr bekannte Stelle jenseits des langen Wellenbrechers zu gelangen. Dort wurde der weite Raum bis zum nördlichen und westlichen Horizont nur von Wind, Wasser und dem Himmel beherrscht.
Es war stürmisch. Mächtige, dunkelgraue Regenwolken schoben sich vor die Abendsonne und trieben vom offenen Meer auf das Land zu. Nicola sah sie wie einen riesigen, alles verschlingenden Schatten auf sich zukommen, als sie frierend und mit der großen Einkaufstüte in der Hand oberhalb des Ufers stand – am Rande eines Steilhangs. Es war genau der Augenblick, in dem ihre Sehnsucht nach dem Grenzenlosen in pure Angst umschlug. Sie eilte zurück zum Bahnhof und kauerte sich auf eine der drahtigen Sitzschalen in der am Bahngleis angebrachten, halbwegs windgeschützten Wartevorrichtung aus Plexiglas, solange, bis der stündlich verkehrende Zug wieder auf dem Gleis einfuhr. Während sie einstieg, zuckte sie unwillkürlich zusammen, denn plötzlich hörte sie dicht hinter ihr eine brüchige Männerstimme.
„Hallo, junge Dame, vergessen Sie Ihre Sachen nicht.“
Oberhalb des Treppenabsatzes drehte sie sich um und schaute in ein grinsendes, von tiefen Falten zerfurchtes Gesicht, während ihr ein knochiger Arm in mühsamer Aufrichtung die Einkaufstüte entgegenstreckte. Sie bedankte sich scheu und flüchtete in eine Ecke des nächsten, noch leeren Abteils.
Diese Nacht träumte Nicola so lebhaft und bildgewaltig wie selten zuvor. Mehrmals näherte sich ihr der nach oben gestreckte, hagere Arm des Alten, wobei die krallenartige, übergroß wirkende Hand nicht eine Tüte hielt, sondern ein langes, blank geputztes Messer. Zunächst wich sie davor zurück, und als sie es schließlich doch entgegennahm, bildete sich entlang der Schneide ein Rinnsal frischen Blutes. Sie schrie auf und ließ das Messer fallen, worauf es in die Tiefe hinabstürzte, dorthin, wo das Meer wütend gegen die steilen Felsen aufbegehrte. Sobald das Messer im Fallen die Wellen durchschnitt, färbten sich diese tiefrot. Innerhalb weniger Augenblicke strömte das blutige Wasser ins offene Meer hinaus, bis es sich mit dem rötlichen Schimmer des Abendlichts vermischte.
In den folgenden Tagen versuchte Nicola, ihrem ganz normalen Arbeitsalltag nachzugehen, so als wäre nichts geschehen. Den Patienten und Kollegen schien nichts Besonderes an ihr aufzufallen, außer, dass sie ein wenig übermüdet wirkte. Thelma erwähnte den zurückliegenden Einkaufsnachmittag mit keinem Wort, und nachdem sie ihrer deutschen Kollegin im Laufe der gemeinsamen Schichten ein paar Mal unauffällig über die Schulter geschaut hatte, stellte sie beruhigt fest, dass sich in ihrem Verhalten nichts gravierend verändert hatte. Tatsächlich ließen die vielen routinierten Handgriffe und der geschäftige Arbeitsrhythmus im Krankenhaus Nicola ihre nächtlichen Träume für Stunden vergessen. Sobald sie jedoch in der Kantine von Gerald, dem jungen Arzt aus der psychiatrischen Abteilung, angesprochen wurde, rückten sie wieder in bedrohliche Nähe.
„Thelma sagte mir, es ginge dir nicht so gut.“
„So, wie kommt sie darauf?“
„Na ja … Sie erzählte mir von Eurem Ausflug, und …“
„Was ist so schlimm daran, wenn ich mir ein teures Kostüm kaufe?“
„Nichts, nichts ist schlimm daran. Du hast mich falsch verstanden, ich will nichts kritisieren … Aber es könnte ja sein, dass dieses Medikament eine komische Wirkung auf dich hat.“
„Das ist doch lächerlich. Lass mal, ich komm schon zurecht.“
Ihr schnippischer Tonfall entsprach nicht dem, wie sie Gerald eigentlich begegnen wollte. Sie mochte ihn vom ersten Tag an, als man sie einander vorstellte und er bald darauf anmerkte, es sei doch schade, dass sie nur ein Jahr lang bliebe, vielleicht könne sie ja ihren Vertrag verlängern. Da sie meistens nicht auf der gleichen Station arbeiteten, waren sie jedoch nur sporadisch miteinander in Kontakt gekommen. Dies änderte sich mit dem Beginn des Experimentes. Hätte Nicola im Vorfeld gewusst, dass Gerald zu den Ärzten gehörte, die den acht Wochen andauernden Versuch an der Seite von Dr. Connell begleiteten, sie hätte vermutlich nicht so lange gezögert, sich als freiwillige Versuchsperson zu melden.
„Wie es Ihnen beliebt, Madame. Wir sehen uns, ich behalt dich im Auge.“
Mit einem schiefen Lächeln und hochgezogenen Augenbrauen wandte sich Gerald wieder von ihr ab. Seltsamerweise verspürte sie kein Bedauern, auch keinen Impuls, ihn zurückzuhalten. Das einzige, was sie in sich wahrnahm, war ein fremdartig stumpfes Gefühl – so etwas wie Gleichgültigkeit.

Dann kam die Nacht vor ihrem nächsten arbeitsfreien Tag. Schon in den vorangegangenen Nächten hatte sich ihr Traum von dem blutenden Messer wiederholt. Dieses Mal jedoch nahm er einen anderen Verlauf. Das Messer lag in ihrer Hand, aber es zeigte sich kein Blut auf der Klinge. Wie von einer unsichtbaren Macht dazu verleitet, führte Nicola die Schneide an ihre Kehle und fügte sich mit einer schnellen, präzisen Bewegung einen tödlichen Schnitt zu.
Im nächsten Moment fand sie sich aufrecht sitzend und schreiend im Bett wieder. Sie fasste nach ihrem Hals und erstarrte vor Grauen, als sie etwas Feuchtes spürte. Es dauerte eine Weile, bevor sie begriff, dass ihre Hand kein Blut berührte, sondern Schweiß.
Ihr Radiowecker zeigte 4:51 Uhr an. Sie würde nicht wagen, vor sechs Uhr morgens jemanden anzurufen. Bis dahin musste sie also durchhalten. Nie zuvor hatte sie eine Stunde des Wartens als so quälend empfunden. Im Bett konnte sie nicht bleiben. Abgesehen davon, dass sie fürchtete, wieder einzuschlafen und damit den bedrohlichen Träumen erneut ausgeliefert zu sein, misstraute sie plötzlich dem friedlichen Anblick ihres Bettes. Warum erweckten Matratze und Decke – die eine in stillem Gleichmut, die andere mit geblümtem Überzug – den Anschein, als wären sie völlig harmlos, während sie in Wirklichkeit Übles im Schilde führten? Nicola flüchtete vom Wohnraum ins Badezimmer, von dort in die Küche und wieder zurück, wobei ihr immer mehr Gegenstände auffielen, die sich ihrem Gefühl nach gegen sie verschworen hatten. Hinter ihrem Rücken, so glaubte sie, trieben sie bösen Unfug und erstarrten erst unter ihrem Blick wieder zu reglosen Dingen.
Das Telefon war zum Glück nicht Teil dieser beängstigenden Vorgänge.
Geralds Stimme klang nur im ersten Moment verschlafen. Denn sobald er neben den mühsam hervorgebrachten Worten ihre unregelmäßigen und scharfen Atemzüge vernahm, wurde er augenblicklich aus dem wohligen Nebel des Halbschlafs gerissen.
„Hey, was ist passiert?“
„Ich weiß nicht genau … Irgendetwas … will mir an die Kehle.“
„Nicola, du hast schlecht geträumt … Ich komm gleich zu dir. Versprochen.“
„Ich halt es nicht mehr aus …“
„Ja, ich weiß. Ich beeil mich, aber es wird eine Weile dauern. Trotzdem, es kann dir nichts geschehen, das musst du mir glauben. Bleib einfach still sitzen und warte auf mich.“
Diese Worte wie ein Mantra vor sich hersagend versuchte Nicola in Gedanken auf einer zeitlichen Zielgeraden zu bleiben, immer auf das Klingeln ausgerichtet und unbeeindruckt von den Spielchen der zu Gegenständen verwandelten Kobolde. Und tatsächlich, sie verblassten immer mehr, büßten ihre Macht ein, und als Gerald schließlich nach zwanzig Minuten kam, wurden sie endgültig in die Flucht getrieben. Die Dinge in ihrem Zimmer fanden wieder zu dem zurück, was sie ursprünglich waren.
Gerald gelang es im Laufe des Morgens, mit Dr. Connell zu sprechen und durch zwei weitere Anrufe seinen Dienst zu tauschen. Auch wenn Nicola nun deutlich ruhiger wirkte, mochte er sie für diesen Tag nur ungern aus den Augen lassen. Er legte den Hörer auf und atmete tief durch, bevor er an den Frühstückstisch zurückkehrte. Auf der Schwelle zur Küche sah er gerade noch, wie Nicola mit dem zur Hälfte geleerten Glas in der Hand das Wasser in ihrem Mund mitsamt der Pille hinunterschluckte. Wäre er nur einen Augenblick früher vom Wohnzimmersessel aufgestanden, er hätte es verhindern können.
„Halt, was hast du da genommen?!“
„Na was wohl? Wir sollen doch jeden Morgen eine von diesen Pillen nehmen.“
„Ja, aber du nicht. Jetzt nicht mehr! … Entschuldige, ich hätte es dir früher sagen müssen. Ganz offensichtlich bekommt dir dieses Medikament nicht. Also brechen wir es ab. Du solltest es nicht weiternehmen.“
„Das Experiment einfach abbrechen?“
„Vergiss das Experiment und versprich mir, dass du keine von diesen Pillen mehr nimmst.“
„Ja gut, wenn du es unbedingt willst.“
Ein seltsam verklärtes Lächeln spielte auf ihren Lippen. Hätte Gerald gewusst, was sich dahinter verbarg, er hätte sicher nicht versäumt, ihr die Pillendose abzunehmen. Ob er einfach nicht daran dachte, oder ob er es für überflüssig hielt – in jedem Fall wäre er niemals auf den Gedanken gekommen, dass sich Nicola nicht an die Absprache halten würde. Sie mochte sehr wohl verstanden haben, worum er sie so eindringlich bat. Doch viel mehr als der Inhalt seiner Worte beeindruckte sie, wie hingebungsvoll er sich um ihretwillen für etwas einsetzte, auch wenn er damit so etwas Wichtiges wie ein wissenschaftliches Experiment gefährdete. O ja, sie mochte ihn, und es kam ihr in den Sinn, dass sie immer schon Männer attraktiv gefunden hatte, die engagiert für etwas eintraten, das ihnen am Herzen lag. Indem sie Gerald auf diese Weise neu entdeckte, stülpte sich das dichte Gewebe ihrer Gefühle in Sekundenschnelle von innen nach außen. Dabei wurde völlig gegenstandslos, dass er verheiratet war und sie ihn niemals zuvor als Mann begehrt hatte. Sie verspürte keine Scham, als sie sich entblößte, ganz unvermittelt und wie von einer plötzlichen Hitzewelle gepackt. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sie Bluse, Rock und BH abgestreift, und noch ehe Gerald begriff, was vor sich ging, drängte sie auf seinen Schoß, während sie mit halb geöffnetem Mund nach einem Zungenkuss gierte. Sprachlos vor Unglauben wehrte Gerald sie ab, indem er sich, seitlich drehend, vom Stuhl erhob und dann ins Wohnzimmer auswich. Er bemerkte nicht sofort, dass er damit auf ihr Bett zuging, ein Umstand, der Nicola ausreichte, um sein Verhalten gänzlich zu missdeuten. Sie folgte ihm und presste ihren Körper an den seinen, wobei sie mit ungeduldigen Fingern an seinem Hemd zerrte und die nackte Haut darunter in Besitz nahm. Seine Hände und Arme waren ihr im Weg, was sie zwar störte, doch nicht aufhielt. Sie begriff nicht, dass Gerald mit maßvollem Nachdruck versuchte, sie von sich wegzuschieben. Erst als er mit eisernem Griff ihre Handgelenke packte und ihr direkt ins Gesicht schrie, kam sie langsam zur Besinnung.

Irgendwie brachte sie diesen Tag hinter sich, eine Tatsache, die an sich schon etwas zählte. Nicola empfand nicht mehr das Verrinnen von Zeit, obwohl sie alle äußeren Anzeichen dafür wahrnahm – wie das Fortschreiten des Sekundenzeigers oder den Verlauf der Sonne. Aber sie spürte keinen Bezug mehr zu diesen Vorgängen. Über Stunden hinweg hatte sie außerdem Mühe, länger als für einen Augenblick auf einem Fleck zu verharren. Dass Gerald bei ihr blieb, mochte ein wenig helfen. Hätte er Nicola alleine zurückgelassen, wäre sie vermutlich in den Zustand geraten, der sie am folgenden Tag einholen sollte. Doch auch zu ihm, den sie so hemmungslos begehrt hatte, spürte sie keine Verbindung mehr. Und so war es ihr gleichgültig, dass er nicht begriff, was in ihr vorging. Sie hätte es ihm auch nicht beschreiben können.
Erst spät abends, nachdem sich Gerald davon überzeugt hatte, dass sie fest schlief, wagte er, sie allein zu lassen. Acht Stunden später rief er sie an. Ihre Stimme klang verschlafen und dabei so normal, als seien die Albträume der vergangenen Nächte zu einer Bagatelle geworden.
„Du hast mich geweckt, aber ansonsten geht es mir gut, danke.“
Es entsprach tatsächlich ihrem Empfinden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch nicht ihre tägliche Pille eingenommen. Das geschah ein wenig später, aus purer Gewohnheit und weil die Dose griffbereit auf ihrem Küchentisch lag. Geralds Anweisung hatte sie schlichtweg vergessen.

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