Leseprobe

aus Dieter Brumm: Rosenfinger. Ein Hamburg–Krimi
(Abdruck der ersten drei Kapitel.)


(1)

Das kleine Gefährt, rot und blau lackiert, rollt aufs Wasser zu. Keiner von denen, die das flache Schiff verlassen, achtet auf den vielleicht Dreijährigen, und der hat nur Augen für das Boot. Er versucht, dies leise Schwanken auf dem Dreirad nachzuahmen – ich bin auch ein Schiff, ich bin selber das Schiff! – gerät dabei aber aus dem Gleichgewicht und kippt über die Kaimauer. Und während er schreckgelähmt in dem undurchsichtigen Wasser versinkt, bleibt das Dreirad zwischen zwei Trossen hängen, mit denen die Alsterfähre am Ufer des Hamburger Jungfernstiegs vertäut ist.

Alles geht sehr schnell und erst der Aufschrei einer Frau lässt die Passagiere wie auf gestellten Fotos erstarren. Im Schatten einer honiggelben Wolke, die sich gerade vor die Sonne schiebt, verbleicht das Gestänge des Spielzeugs, dessen Rad sich immer noch dreht. Die Frau von vielleicht Vierzig mit schwarzen, an den Wurzeln schon wieder helleren Haaren und einem rostroten Hosenanzug verliert keine Sekunde und springt dem Kind hinterher. Im Fallen greift sie nach einer der dünnen Trossen, um den Sturz abzufangen; die Schwingungen aber befreien das Dreirad und es versinkt ebenfalls.

Immer mehr Zuschauer drängen zum Uferrand und beobachten die Hilfsaktion – vorn dran ein smarter, wenn auch nicht mehr ganz junger Mann mit einer selbst für diesen Sonntagnachmittag reichlich aufgeputzten Frau. Während sie aber bloß gellend „Hilfe!“ schreit, kniet er sich wortlos auf die Kaimauer und streckt die Hand zum schmalen Bug des Schiffes aus.

Denn die gerade aus dem Wasser auftauchende Retterin – das schwach gurgelnde und dann aufkreischende Kind im rechten Arm – sucht nach Halt; der Bootsführer kommt gerade erst mit einem schmutzig grauen Rettungsring gelaufen. Sie greift nach der Hand, versucht, sich daran hochzuziehen und kann mit angestrengter Drehung immerhin das Kind anderen Armen überlassen. Selbst klatscht sie wieder zurück, weil die Männerhand nicht gehalten hat. So bleibt ihr schließlich nur der Rettungsring, der neben ihr aufschlägt und die Stange, mit der der Bootsführer sie beinahe wieder ins Alsterwasser gedrückt hätte.

Als er sie schließlich auf die Kaimauer hochgezogen hat, legt er ihr trotz der warmen Frühlingsluft eine löchrige Wolldecke um, die nach Dieselöl stinkt – doch sie scheint das gar nicht zu bemerken. Sie sieht die Szene der auf sie Einredenden vor der Kulisse von Banken und Kaufhäusern wie durch Milchglasscheiben und hört nur das schluchzende Geschrei der Kinderstimme.

Der enge Kreis von Neugierigen – im Sonntagsstaat oder mit Picknick–Rucksäcken von Ausflügen zurückkehrend – löst sich langsam wieder auf. Doch die schrillen Töne der Frau, die in ihrem eng geschlitzten Rock, Plateausohlen und weit ausgeschnittenem Pullover unterm Blazer wie eine Teewurst auf Stelzen aussieht, dringen mühelos durch das Stimmengewirr:
„Musste das soweit kommen? Konntest du nicht besser aufpassen? Jetzt haben wir den Ärger – und das schöne Dreirad ist auch weg. Konnte die sich nicht an was anderem festhalten!“
Und als der Mann vorschlägt, die Retterin im Auto mitzunehmen:
„Auf keinen Fall! Mir reicht schon, dass der Junge alles nass macht! Gib ihr Geld für ein Taxi – und auch noch was für die Rettung: du warst dir ja zu fein dafür. Und zieh deine Jacke aus.“
Angeekelt vom Geruch des Schmutzwassers wickelt sie das brüllende Kind ins Leinen–Sakko und macht sich zum Parkplatz auf; Vorwürfe von Umstehenden ignoriert sie ebenso wie die triefende Frau.

Ihrem Mann bleibt nur übrig, sich allein zu bedanken. Er tut das mit einer Visitenkarte, der Bitte, sich bei ihm zu melden und einem dezent gefalteten Geldschein. Dann geht auch er und die letzten Zuschauer wenden sich ab. Auf der Karte steht: Joop de Vries – Managing Director, Hanseatische Handelsbank, Große Bleichen.



(2)

Der Brief kam nicht mit der Post, denn es stand nur Familie Eisenman auf dem Kuvert. Als Jakob ihn sah, hat er gleich ein dumpfes Gefühl im Magen gehabt, wie nach einer schal gewordenen Suppe. Der Magen war immer schon sein Barometer gewesen und hatte den Siebzigjährigen gezwungen, Schlechtwetter– Signale ernst zu nehmen. Lisa hörte er noch im Bad; so humpelte er – der Schmerz in seinem linken Knie hatte noch nicht aufgehört, obwohl der Sturz auf der Treppe nun schon drei Wochen zurücklag – in sein geräumiges Arbeitszimmer und nahm die Schere. Das Schreiben kam von der Hausverwaltung und bestand aus der lapidaren Mitteilung einer Mieterhöhung zum nächsten Monatsende; der Eigentümerwechsel habe eine Neubewertung erzwungen. Statt wie bisher 750,-- seien nun monatlich 1.260,-- Euro zu zahlen; dazu kämen dann noch Heizung, Warmwasser und manches andere.

Jakob setzte sich an den Schreibtisch, starrte auf die Bücherwand vor ihm und überlegte einen Moment lang, ob er Lisa mit diesem Brief verschonen und ohne ihr Wissen Einspruch einlegen sollte. Vielleicht gab es ja Chancen für Altmieter wie ihn, diesen Raubüberfall öffentlich zu machen und so zu verhindern. Oder wenigstens auf erträgliche Schritte zu reduzieren und damit Zeit zu gewinnen. Zugleich wusste er aber auch, dass sie ihm so einen Alleingang verübeln würde – um so mehr, als sie das Haushaltsgeld verwaltete. Und er hatte diesen ständigen Zoff mit ihr Leid: wie eine Mischung aus frustrierter Pädagogin und überheblicher Emanze drehte sie ihm jedes Wort im Mund herum. Solange, bis sie auf irgendein Manko stieß, und sei es auch nur ein eingebildetes. Egal, was er auch sagte, jede ihrer Entgegnungen fing mit dem Wort aber an. Das war früher anders gewesen, grübelte er. Früher …

Lisas Zorn über die rücksichtslose Geldgier der Hausbesitzer mündete sofort in eine unbedachte Attacke. Sie werde einen Offenen Brief an den Präsidenten des Senats – wie der Hamburger Bürgermeister hochtrabend heißt – schreiben und um Hilfe der Stadt gegen diese Wegelagerer bitten, verkündete sie; dabei wolle sie darauf hinweisen, dass sie beide Verfolgte des Naziregimes seien und nicht noch einmal vertrieben werden wollten.

„Was versprichst du dir von der großen Glocke, an die du das hängen willst?“
Jakob kleidete seinen Einwand in eine vorsichtige Frage.
„Das wird vielleicht irgendwo als Leserbrief gedruckt; die Stadt kann sowieso nichts machen. Wir müssen vor allem Widerspruch einlegen und weiter die alte Miete zahlen. Wenn sie uns dann verklagen, können wir vielleicht das Gericht überzeugen.“
„Hast du Angst vor der Öffentlichkeit, oder was?“
Ihr Unmut wandte sich sofort gegen ihn und ihre Stimme wurde schriller:
„Aber du weißt doch, dass die Gerichte immer den Hausbesitzern Recht geben – schon weil die sich bessere Anwälte leisten können. Und dann müssen wir das auch noch alles bezahlen.“
„Lass uns vorher noch mal mit Jennifer darüber reden“, lenkte er müde ein, „die hat oft gute Ideen.“

Jennifer kam zufällig an diesem Abend. Sie wirkte zerstreut und irgendwie unzufrieden; äußeres Zeichen dafür waren die schlaff herabhängenden, achtlos gebündelten Haare und die Gleichgültigkeit, mit der sie zu ihrem Allerweltskleid abgetragene Schnürstiefel angezogen hatte. Sie las den Brief, hörte dem Redeschwall ihrer Mutter zu, ohne sie zu unterbrechen, und machte schließlich nur den versöhnlichen Vorschlag, sich beim Mieterverein und der öffentlichen Rechtsberatung über die Aussichten eines Widerspruchs zu informieren. Bis dahin sollten die Eltern auf eigene Aktionen verzichten.

Das klang zwar etwas von oben herab – wie der Ratschlag berufsmäßig gelangweilter Schlichter –, aber vor einem Hintergrund, den sie nicht kannten. Jennifer hatte nämlich die letzten zwei Tage – auch mit Hilfe ihres Bruders – recherchiert, um mehr über den dubiosen Immobilienfonds herauszufinden, zu dem die Eltern sich von ihrer Bank hatten überreden lassen. Und dabei hatten sie herausgefunden, dass der über den Villen thronende Jugendstil–Altbau in der Harvestehuder Innocentiastrasse – und damit auch ihre Wohnung – seit kurzem angeblich diesem Immobilienfonds gehörte.

In der folgenden Nacht schreckt Jakob durch knallendes Stakkato wie von Gewehr– oder MG–Salven aus dem ohnehin zunehmend schlechteren Schlaf. Orientierungslos braucht er lange, bis sein Ohr die Geräusche erkennt: auf dem brückenähnlichen Stahlgerüst der U–Bahn durch die benachbarte Isestrasse (manche Hamburger reden deshalb von Hochbahn) werden Schienen abgeschliffen. Doch die traumatischen Ängste aus den Bombennächten im glühend heißen Juli 1943 kann er damit nicht abschütteln. Denn immer häufiger sieht er sich wieder in dem stinkenden Keller voll Unrat, in dem sie sich versteckt hielten, glaubt die fernen und nahen Bomben zu hören: bis zu dem alles zerreißenden Knall, der das Haus über ihnen zusammenstürzen ließ – und die tödliche, staubgesättigte Stille danach. Das fieberhafte Abräumen von Schutt, über den sie zu Nachbarkellern und den kreischenden Frauen und Kindern dort durchkriechen konnten. Flucht zwischen brennenden Häusern, die ihre Kleidung versengten und die in der Hitze aufgedunsenen Leichen, über die sie auf dem Weg durch die Flammenhölle gestolpert waren – der halb abgerissene Kopf eines Kindes taucht immer wieder vor seinen Augen auf. Schließlich der Sprung in den flachen Kanal, dessen Schlickwasser Rettung verhieß … oder einen anderen Untergang.

Und doch: für Lisa und ihn war diese Bombennacht zugleich die Befreiung aus dem Kellergefängnis, denn im Chaos der zerstörten Stadt fragte keiner mehr nach Ausweisen. Den Judenstern hatte er schon im Versteck von der Jacke abgetrennt. Was dann folgte, war immer neue Flucht. Jakob zittert. Soll diese Flucht jetzt weitergehen? Haben Menschen in ihrer Gier nach Profit das Recht, ihnen ihre Zuflucht der letzten zwanzig Jahre zu nehmen? Er grübelt: Adam und Eva wurden nur einmal aus dem Paradies vertrieben; wir Juden immer wieder. Und sieht sich mit seinem alten Pappkoffer durch die Straßen ziehen – grauhaarig inzwischen und mit schmerzenden Gliedern. Allein.

(3)

Der Morgen hat ganz erträglich begonnen. Vielleicht hält das schlechte Wetter Kunden davon ab, ins Reisebüro zu kommen – jedenfalls findet Jennifer Zeit, den Computer mit liegen gebliebenen Vorgängen und Bestellungen zu füttern. Obwohl sie gelernt hat, mit zehn Fingern zu schreiben, nimmt sie lieber nur die Zeigefinger – auch wenn das länger dauert. Aber mit dem Zehn–Finger–System macht sie mehr Fehler.

Sie ist zufrieden, sich mal nicht mit den zügellosen und doch immer gleichen Wünschen von Leuten beschäftigen zu müssen, in deren Hirn (wie auf der Glotze) Werbespots dafür gut sind, die triste Realität zu unterbrechen: MALLORCA – DIE WOCHE FÜR NUR 400,-- EURO zum Beispiel. Und frau muss sie erst drauf stoßen, dass es im Kleingedruckten heißt: Flug und Übernachtung ohne Pension und Einzelzimmer–Zuschlag. Dann ziehen sie die Mundwinkel runter und maulen: „Das sagt einem ja keiner.“ Lesen müssten sie halt können. Aber du hast immer freundlich zu sein, auch wenn eine Achtzigjährige allein in den Sudan jetten will, ohne sich impfen zu lassen.

Immerhin bewahren sie solche Kabarettszenen davor, den ganzen Tag bloß auf den Bildschirm zu starren, bis sogar die Kaffeetasse flimmert. Früher – sie erinnert sich noch daran – war das hier ein Gemüseladen gewesen. Die beiden alten und allein stehenden Frauen aus der Vorkriegsgeneration blieben so sparsam, dass die Leute es schließlich Leid waren, welken Kohl und schlaffe Salatgurken zu kaufen. Außerdem stiegen die Mieten ins Astronomische, weil immer mehr junge Leute oder Singles die kleinen Geschäfte und Altbauten hier in Ottensen den gesichtslosen Neubauvierteln vorzogen. Und drei Häuser weiter in Richtung Elbe hatte ein Supermarkt aufgemacht. Eines Tages blieb der Laden ohne Ankündigung zu; Polizisten fanden die Frauen tot in ihrer Wohnung. Sie hatten Gift genommen.

Jennifer betrachtet ihre Hände zwischen all dem Papier und stellt das Radio ab, bevor neue Werbesprüche kommen. Schmale Finger mit etwas zu dicken Knöcheln, die Nägel ungleich lang, nur flüchtig und mit durchsichtigem Lack konserviert. Ein einziger zierlicher Ring – und ein Pflaster: Zeugnis ihres ungeschickten Umgangs mit dem altersschwachen Kopiergerät. Nicht zum ersten Mal überlegt sie, ob sie diesen Job (denn mehr ist es nicht) an den Nagel hängen und was Sinnvolleres anfangen soll; fragt sich nur, was. Denn einerseits kann sie die Eltern nicht im Stich lassen – schon gar nicht jetzt, bei den Problemen mit der Bank. Im Gegenteil: Die Ausweitung des Konflikts zwingt sie zu immer höherem Einsatz, und das empfindet sie sogar durchaus als spannend. Zum anderen muss sie sich ihr Geld nicht nur selbst verdienen, sondern zuweilen der ziemlich dürftigen Rente des Vaters aufhelfen. Ausbrechen ist also nicht drin.
Außerdem ist sie mit ihren 41 eine GOA (Geisteswissenschaftlerin Ohne Abschluss), wie manche heute spotten; das schränkt ihre Chancen ebenso ein wie die weit verbreitete Arbeitslosigkeit. Wäre alles glatt gegangen damals beim Studium, könnte sie heute vielleicht im Museum oder einem Verlag für Kunstbücher tätig sein – sie seufzt. Immerhin kann sie froh sein, allein hier zu arbeiten, weil die Kollegin nicht mehr aus dem langen Schwangerschaftsurlaub zurückgekommen ist und die Zentrale die Stelle einfach eingespart hat. Keine Blicke mehr im Nacken, kein Streit mehr darum, wer den Leuten die meisten Ladenhüter angedreht hätte. Dafür gibt’s nämlich Provisionen. Ein Anruf. Jemand will wissen, was die Reise nach Mallorca per Bahn kostet.

Ob der HaBa – Direktor bei ihr angebissen hat? Er hat erst einmal angerufen, entschuldigte sich mit Auslandsreisen und viel Arbeit, wollte sie aber wieder treffen. Jennifer findet ihn nicht unsympathisch; die anfängliche Skepsis mischt sich inzwischen mit Vorgriffen auf Lustgefühle. Doch selbst wenn sie das auskostet: mit einem Mann ständig zusammenleben kommt nicht in Frage. Dazu ist sie nicht nur viel zu wählerisch, sondern möchte auch nicht immer auf jemanden Rücksicht nehmen müssen. Und sie findet es nicht schwierig, mit Männern Kontakt aufzunehmen. Noch nicht.

Im Spiegel über dem Waschbecken sieht sie, dass ihr Haar nachgefärbt werden muss und ihre kaum hervortretenden Backenknochen besser schattiert werden sollten. Außerdem ist ihr Gesicht zu dick geworden. Auf so was achten ja vor allem die, die sonst nichts achten. Und sie braucht ihn als ihre Tür zur Bank – um so mehr, als er damit geprahlt hat, jeden elektronischen Code herauszufinden und nur aus Rücksicht auf die Bank (natürlich auch auf seinen kostbaren Job, ergänzt sie für sich) und deren sensible Kundschaft nicht die Datensau rauszulassen. Ein Glücksgriff also?

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