Leseprobe

aus Rainer Kretzschmar: Helsis Geheimnis. Roman
(Auszug aus den ersten fünf Kapiteln)


1.

Man wurde spät stutzig.
Sehr spät sogar. Die Zahl betrug mindestens neun.
Die Dunkelziffer lag sicher höher.
Es handelte sich um Männerleichen.
Präziser, um nackte Männerleichen.
Alle aufgefunden in einer Position: Die Arme v–förmig aufwärts gestreckt. Die Beine v–förmig gespreizt. In Rückenlage auf dem Bett.
Alle in einer Position: Das war eine ungenaue Vereinfachung. Natürlich gab es Varianten.
Position linksseitig oder rechtsseitig.
Dies betraf den Penis.
Man fand Sperma– und Lippenstiftspuren.
Zunächst ganz ohne Hinweise. In den Zimmern nobler Hotels.
Eine Sonderkommission wurde eiligst gegründet.
Ihr Vorsitz gleichberechtigt ausgewählt. Aus gutem Grund.
Drei Damen und drei Herren.
Ein absolutes Novum die Damen!
Der gegebene Anlaß: mutmaßlicher Serienkiller weiblich.
Und so entstand der Name: Soko WEISEKI.
Als Abkürzung für weiblicher Sexualserienkiller.
War ein solcher überhaupt vorstellbar?
Oder besser eine solche? Eine Sexualserienkillerin?
Hier brauchte man den Sachverständigen.
Dringend und äußerst schnell.
Die Wahl fiel auf Lusini.


2.

Giacomo Lusini sitzt im ICE.
Im Speisewagen.
Lila. Beige. Rosé.
Die violett–zimtigen Farbtöne herrschen vor.
Ein kaum kofferbreiter Gang.
Dann Weite mit großfenstrigem Lichteinfall.
Links stehen die schmalen Zweiplatztische.
Rechts Arrangements für vier Gedecke.
Lila. Beige. Rosé.
Dezent gedämpft erklingt der Schienentakt.
Nur visuell bedingt die Hochgeschwindigkeitsempfindung.
In den Fensterfronten fliehen Nahbereichsobjekte.
Rhythmisch tauchen die Leitungsmaste auf.
Fast zu jeder Sekunde.
Wohltuend verzögert fließt der Landschaftsreigen. Als Panorama und als Hintergrund.
Lila. Beige. Rosé.
Unangenehm wirkt höchstens die Zentrifugalkraft. In den Kurven.
Man bangt um die Gedecke. Diese Angst besteht zu Recht. Ein fallendes Glas zersplittert klirrend.
Giacomo Lusini stört das wenig.
Er sieht die Leute essen. Er hört sie reden. Er kennt ihre Gesten. Er errät ihre Charaktereigenschaften. Das gehört zu seinem Beruf. Er übt gewissermaßen auf Spesen: hier im Speisewagen.
Lusini erstellt hauptberuflich Persönlichkeitsprofile. Er arbeitet als Kriminalanalytiker. Sein Spezialgebiet gilt als heikel: Er verfaßt Profile von Sexualstraftätern. Die Grenzbereiche sind fließend. Wo beginnt schon das Delikt? Wo beginnt der Straftatbestand? Wo die Verfolgungsnotwendigkeit?
Zum Beispiel: Vergewaltigung in der Ehe. Hier lächelt der Experte. Da bedarf es seiner nicht. Solche Profile sind Landpolizistenstandard. Interessanter wäre der weibliche Vergewaltigungsaspekt. Wenn er denn angezeigt würde.
Giacomo schmunzelt.
Er denkt an seinen Vortrag. Sexualstraftäter weiblich.
Da tanzt wohl der Kongreß. Glaubt er zumindest. Er ist gerade unterwegs dorthin.
In seinem Jackett drückt etwas. Er nimmt einen Briefumschlag heraus. Dabei betrachtet er die Eilfrankierung. Er öffnet das längliche Kuvert.
Giacomo entfaltet, liest und staunt.


3.

Sie fielen zunächst nicht auf.
Die ersten acht nackten Männerleichen.
Man wollte kein Aufsehen. Nicht in diesen Hotels. Der gute Ruf verlangte es.
Die übliche Diagnose bot sich: Plötzlicher Mannstod. Plötzlicher Herztod.
Keine Polizei, kein Obduktionsbefund. Nur der Hotelarzt wurde zugezogen. Der machte es sich einfach. Na klar, alte geile Männer. Alle über fünfzig. Wahrscheinlich Viagra, das neue Zeitphänomen.
Nochmals bloß kein Aufsehen erregen! Die Männer waren verheiratet. Aber sie starben ohne Ehefrau. Obwohl mit dieser eingetragen. In der Hotelanmeldung. Noble Männer und zumeist bekannt. Ihre Begleiterin wurde totgeschwiegen. Natürlich war sie gesehen worden. Eine attraktive Brünette mit Langhaar. Nie eine Blonde. Aber immer war sie verschwunden. Spurlos ohne verräterische Hinterlassenschaften. Bis auf Sperma und Lippenstift.
Erst bei der neunten klingelte es. Bei der neunten nackten Leiche.

Kriminalhauptkommissar Jericho erschien am Tatort. Aus reinem Zufall. Die Leitstelle hatte ihn benachrichtigt. Er frühstückte in der Nähe. Augenblicklich erkannte er die Lage.
„Das ist doch …“ sagte er.
„Was meinen Sie?“ fragte der gerufene Hoteldirektor. Manager einer weltweit renommierten Kette.
„Ein klassischer Ritualmord! Bloß nichts verändern!“
Er zückte seine Miniaturkamera. Sofort fotografierte er den Leichnam. Noch vor der Spurensicherung. Das erschien äußerst ungewöhnlich.
„Wir wünschen kein Aufsehen“, sagte der Manager. „Der Ruf unseres Imperiums könnte …“
„Junger Mann!“ unterbrach Jericho.
„Gab es etwa bereits Ähnliches? In Ihrem Imperium?“
Der Angesprochene erbleichte. Natürlich kannte er die HITEM. Die Hotel–Internet–Topsecret–E–Mail. Diese sprach von acht Ähnlichkeiten. Und bestand auf absoluter Geheimhaltung. Das wußte der Direktor. Dennoch versuchte er zu täuschen. Aber zu spät. Jericho hatte sein Zögern bemerkt. Der alte Fuchs. Augenblicklich faßte er knallhart nach:
„Halten Sie keine Informationen zurück! Das könnte Sie teuer …“
„Ich bitte Sie!“
Schnell hatte die Obrigkeitsangst gesiegt. Im Einklang mit der Angestelltenmentalität.
„Wie viele?“
„Acht.“
„Alle männlich?“
„Alle.“
„Alle in dieser Position?“
„Ich fürchte alle.“
„Was fürchten Sie? Wissen Sie es oder nicht?“
„Die HITEM spricht von obszöner.“
„Obszöner was?“
„Obszöner Position!“
„Wurden keine Fotos gemacht?“
„Ich glaube nicht.“
„Sie fürchten, Sie glauben, unerhört! Junger Mann, wissen Sie überhaupt? Wir stehen vor einer Serienkillerin! Und Sie stammeln unqualifiziert herum. Begreifen Sie denn nicht? Gottverdammte Klein–Karo–Inkompetenz! Also gut: Name und Telefonnummer des E–Mail–Redakteurs!“
„Unmöglich!“
Jericho zog die Brauen hoch. Sollte bedeuten: Wird’s bald, Freundchen! Dabei zückte er sein Notizzeug.
Der Direktor kapitulierte spontan. Er griff nach seinem Handy. Drückte die gespeicherte Nummer. Und sagte sie untertänig auf.
„Hören Sie: das muß direkt ans LKA. Ich habe dort alte Freunde.“
Dann entließ er den Direktor.
Jericho nahm seine Lupe. Er untersuchte des Toten Handgelenke. Äußerst vorsichtig, ohne Berührung. Er fand minimale Hautreizungen. Dann untersuchte er das Doppelbett. Dies war aus edlem Holz. Er wurde fündig: Winzige Lackkratzer am Kopfteil.
Jericho nickte wissend. Schmunzelte tiefgründig vor sich hin.
Er ließ das Zimmer versiegeln.
Seine Umsicht sollte sich auszahlen.


4.

„Haben Sie schon gewählt?“
Die ICE–Speisewagenbedienung ist dunkelblau gekleidet. Eine junge Frau mit Weste.
Giacomos Aufwärtsblick trifft ihr Gesicht. Seine Macho–Schnellbeurteilung erfolgt ohne Zögern.
Faszinierende Lippenstruktur. Nasenflügelzittern auslösbar durch Blickmanöver. Kontaktfreudigkeitskoeffizient überaus hoch. Wahrscheinliche Vorlieben: Schneller Sex an ungewöhnlichen Orten.
Giacomo Lusini sieht zur Symbolanzeige. Fast wie zufällig. Dann senkt er den Blick. Wiederholt das Ganze. Und beobachtet ihre Reaktion.
Sie versteht den Wink. Natürlich hat sie es gesehen. Das rote Leuchtquadrat. Mit den zwei Buchstaben.
Schade. – Rot. – Das bedeutet besetzt. Macht nichts. War nur ein Test. Kleine Fingerübung als Zeitvertreib. Aber jetzt sollte er bestellen.
„Vous avez choisi Monsieur?“ Sie versucht es auf Französisch. Sehr aufmerksam.
Giacomo Lusini triumphiert. Er reist nach Frankreich. Man muß es wohl bemerken. Zumindest seinen Franzosen–Charme.
Aber hier irrt der große Analytiker. Auf der Reise nach Aix–en–Provence.
Er bemerkt es noch rechtzeitig. Der Briefumschlag verschwindet wieder. Denn diesen zieren französische Marken.
Giacomo reißt sich zusammen. Nimmt Abschied vom schmeichelhaften Europäerklischee. Und sagt auf Deutsch:
„Das Sauerfleisch mit Bratkartoffeln, bitte!“
Zögert noch bei der Getränkebestellung. Lila. Beige. – Rosé wäre ideal. Aber nicht auf der Karte.
„Dazu den weißen Ruppertsberger Reiterpfad.“
„Schon notiert“, strahlt sie zurück.
Sie hebt ihrerseits den Blick. Mit kleiner Kopfgeste zur Leuchtanzeige. Das tut sie sehr herausfordernd.
Da muß Lusini ihrem Blicke folgen. Er schaut hoch zum Klein–Quadrat. Es leuchtet grün.
Jetzt strahlt auch er.


5.

Giacomo stammte aus gutem Hause.
Ursprünglich in Italien angesiedelt. Musikalisch, literarisch, intellektuell. Großmutter spielte Violoncello bei Casals.
Musikalisch natürlich der Vorname. Passend zum Opernkomponisten. Fast passend der Nachname: Lusini.
Diese Ähnlichkeit reizte zu Versprechern. Puccini lag auf der Zunge.
Literarisch geschult durch den Schriftstellervater. Daher die fein geschliffenen Gutachten. Sie wirkten wie reinste Prosa.
Intellektueller Scharfsinn von Mamas Seite. Sie war Mathematikprofessorin in Magdeburg. Das prägte seine Kriminal– Profile. Diese genossen weltweit Ansehen.
Giacomo sah gut aus. Schwarzhaarig mit grauen Schläfen. Man schätzte ihn auf fünfundvierzig. Er war zwei Jahre jünger.
Der Kongreß begann Mittwoch.
Gegen siebzehn Uhr. In Aix–en–Provence, Südfrankreich.
Lusini hielt das einführende Referat.
Er war spät angekommen. Hatte noch mit keinem gesprochen. Nicht einmal mit Helsi Luntfort. Aber jetzt sah er sie. Und grüßte sie mit Blicken.
Die übliche Kongreßatmosphäre im Tagungshotel. Hufeisenförmig arrangierte Tische. In einem exklusiven kleinen Raum. Nicht paritätisch vertreten die Teilnehmer. Salopp gekleidete Herren in Überzahl. Wenige Damen in schlichter Garderobe.
Lusini formulierte sein Thema: Sexualstraftäter weiblich.
Ohne Vorrede, ohne weitere Erklärung. Es wurde still. Sehr still. Die Damen blickten überrascht auf. Bis auf eine.
Die Herren schmunzelten alle. Ein verdammt interessantes Thema. Lange totgeschwiegen. Tabu–Zone selbst für Wissenschaftler.
„Die typische Sexualstraftäterin ist bekannt. Besonders aus Literatur und Medien. Als Vamp, der Männer mordende. Vamp von Vampir, dem Aussauger.
Ich zitiere P.C. Kuiper:
Dieser Charakter äußert sich in einem immer wieder wiederholten Manöver: Ein Mann wird verführt, Versuche werden unternommen, um ihn abhängig zu machen, und dann wird mit ihm gespielt. Die Frau stellt stets höhere Forderungen, sie will nicht nur versorgt, sondern auch verwöhnt werden von ihrem Partner. Sobald sie ihn ganz ausgenommen hat, wendet sie sich triumphierend ab, oder macht ihn eifersüchtig durch andere Verehrer. Nicht selten wird ein Mann durch eine solche Frau in den Tod getrieben, indem er aus Verzweiflung Selbstmord begeht. Gerade dadurch, daß diese Frauen den Mann fortwährend sexuell erregen, ihm auch eine Zeitlang sexuelle Befriedigung geben, ihn dann aber plötzlich abweisen, kommen ihre Opfer in derart gefährliche Situationen. Durch das Wort Vampir wird das sich Festsaugende und Beißende im Verhalten dieser Patientinnen gut gekennzeichnet. Das weibliche Genital wird verwendet wie ein beißender Mund; in diesem Zusammenhang sei an den Begriff der Vagina dentata erinnert. Die oral sadistische Haltung ist mit bestimmend für diese Form des Kastrationskomplexes. Die Phantasie einer zu diesem Typ gehörenden Patientin ist beispielhaft: Sie stellte sich vor, daß sie den Männern, mit denen sie Geschlechtsverkehr hatte oder haben könnte, ihren Penis wegnimmt und diese dann wie eine Trophäe in ihrem Zimmer auf eine Schnur aufgereiht aufbewahren kann.
Zitatende.“
Giacomo Lusini blickte auf. Dann sprach er frei weiter. Mit Blickkontakt zu seinen Zuhörern.
„Soweit die Psychopathologie von gestern. Und heute? Wir erstellen detaillierte Täterprofile. Wir halten uns an Strafrelevantes. Wir belächeln den alten Tatbestand: Frau treibt Mann in Selbstmord. Natürlich kein strafbares Delikt. Wenn auch eine häufige Mordpraktik.
Aber mich interessiert Anderes. Gibt es den weiblichen Lustmörder? Also die Sexuallustmörderin? Oder bleibt Lustmord männliches Privileg?
Wir kennen die typische Giftmörderin. Wir kennen die Eifersuchtstöterin. Wir kennen Penisabschneiderinnen. Penisabbeißerinnen. Aber aus Lust? Nehmen wir den Film Im Reich der Sinne. Eine Frau handelt zitatgetreu. Sie bewahrt das Abgeschnittene tagelang. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Aber ist das ein Sexualmord?
Ich glaube, mehr eine Liebesexaltie.
Ich formuliere meine Frage um. Spitze sie noch einmal zu: Ist eine Sexual–Serienkillerin vorstellbar?“
Links vom Rednerpult scheppert es. An einem Damentisch. Geräusche von umgestoßenen Flaschen. Die obligatorischen Kongreß–Saft–und–Wasser–Flaschen.
Alle Teilnehmer blicken entrüstet hin. Giacomo eher verständnisvoll. Die Damen versuchen dezente Schadensbegrenzung. Die Flaschen werden wieder aufgerichtet. Wer denkt zuerst an Phallussymbole?
Natürlich Giacomo. Aber er nutzt die Zeit. Erklärt sich die Fehlleistung folgendermaßen: Die Damen gehören zur Sonderkommission. Sie sind empört. Sie hören ihr Top–Geheimnis. Als öffentlichen Vortrag für Unbefugte. Sie wittern eine undichte Stelle. Was sie nicht wissen können: Lusinis Thema ist längst ausgearbeitet. Längst vor dem Brief. Den er im ICE öffnete. Der die Sachverständigen–Beauftragung enthielt. Als Sachverständiger für eine mutmaßliche Sexualserienkillerin. Mit der Bitte um Profilerstellung.
Das Schreiben trägt die Unterschrift der Vorsitzenden der Sonderkommission Helsi Luntfort.
Als Postscriptum ein handschriftlicher Gruß. Denn Giacomo kennt Helsi. Und sie ihn. Schon seit vielen langen Jahren. Noch aus ihrer gemeinsamen Studienzeit.
Er wird sie bald sprechen.
Helsi sitzt heute allein. Nicht bei den beiden weiblichen Störenfrieden.
Die Stille ist zurückgekehrt.
Giacomo Lusini muß fortfahren. Mit seinem brisanten Thema. Er meistert das souverän. Denn er verwendet einprägsame Fallbeispiele.

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