Leseprobe

aus Roland Metzger: Die Muggenburger Story. Wirtschaftsroman (viertes und fünftes Kapitel)


Chicago

Besucher, die den Konferenzraum der Investmentbank McMitch Investment Inc. betraten, waren immer wieder beeindruckt von der luftigen Eleganz des mächtigen, von einem Kabelkanal durchzogenen rechteckigen Glastisches, den zwölf blaue Freischwinger umstanden. Hier war das Heiligste, das Entscheidungszentrum, hier wurden von den zwölf „Jüngern“ des Bosses, wie die 12 wichtigsten Top–Manager der Insider–Investmentbank genannt wurden, die zentralen Entscheidungen getroffen.
Bob McMitch war ein Verfechter der kurzen Wege und vor allem ein Anhänger der Face–to–face–Philosophie: Er musste seine Verhandlungspartner leibhaftig vor sich haben; er las alles in ihrem Gesicht, selbst in einem versteinerten Pokerface sah er das vulkanische Zucken der verhüllten Hand, die das gewetzte Messer hielt. Vielleicht hätten sie ihm den Spitznamen der Pferdeflüsterer gegeben, wenn er nicht wie niemand in der Branche sonst so gnadenlos schnell zupackte, wenn es um seine Interessen und den Profit der Firma ging, deshalb nannten sie ihn barracuda, „den Pfeilhecht.“ Niemand anderer als er hätte innerhalb von 12 Jahren die fab five Goldmann Sachs, Lazard, Lehman Brothers, Merrill Lynch und Morgan Stanley zwingen können, den magischen Kreis der weltbeherrschenden Investmentbanken auf die aktuelle fab–six–Größe zu erhöhen, und er würde dafür sorgen, dass das so blieb, schon deswegen, weil er den brutalen Stil der Private Equity–Firmen nicht nur kopierte, sondern geradezu perfektionierte.
Bob McMitch saß mit drei seiner wichtigsten Mitarbeiter in dem Heiligsten, eben jenem Konferenzraum der Firmenzentrale von McMitch Investment Inc., die gegenüber 35 East Wacker, dem früheren Jeweler’s Building, lag, wo früher in dem in der Kuppel gelegenen Speakeasy Al Capone ein und aus ging. Überhaupt schien Al Capone sein unsichtbarer und vielleicht auch unbewusster Leitstern zu sein, denn Bob McMitch war erst gestern Abend im Green Mill’s, Al Capones berüchtigter Stammkneipe, gewesen, wo er mit dem Bürgermeister von Chicago, Richard Michael Daley, einen Drink zu den Klängen von Jazzsaxophonist Bruce Menefield genommen hatte. Wie Capone, dessen Spitzname Scarface (Narbengesicht) war, hatte auch Bob McMitch Probleme mit seiner Gesichtshaut, und dazu noch an markanter Stelle, auf seiner Nase, die im Übrigen genauso knubbelig war, wie sein Kinn, was ihm trotz seiner schwarzen, streng mit Pomade nach hinten gekämmten Haare und seinem Hauch von Brille mit Goldrand einen gemütlichen Anstrich verlieh. Seine Nase war von einer chronischen Hautallergie befallen, und selbst die renommiertesten Spezialisten hatten nicht verhindern können, dass seine Nase ständig entzündet und mit Pusteln übersät war, was er mit einem hautfarbenen Puder nur mühsam verdecken konnte.
Im Kerngeschäft kaufte die McMitch Investment Inc. Firmen oder Firmenanteile in aller Welt auf, um daraus einen möglichst hohen Profit zu schlagen. Bob McMitch oder besser Bob R. McMitch jr., wie er sich eigentlich nannte, und worauf er großen Wert legte, war Mitte vierzig. Er entstammte einer vornehmen Bostoner Familie, deren männliche Mitglieder hauptsächlich als Anwälte arbeiteten. Das Familienvermögen hatte der Großvater in erster Linie mit Geschäften im Ostasienhandel zusammengetragen. Von der vornehmen Zurückhaltung alteingesessener Familien des Bostoner Establishments hatte McMitch indes nicht viel mit bekommen, er war laut und für Europäer fast unerträglich direkt. Seine Sprache war hart, sein Auftreten gebieterisch und von einer fast permanent latenten Aggressivität geprägt, dabei war er nicht mehr als mittelgroß und fast schon ein wenig schmächtig.
McMitch schnellte mit dem Oberkörper nach vorn.
„Okay, was ist nun mit dieser Firma Muggenberger, oder wie heißen die noch gleich?“
„Muggenburger“, kam ihm Chefanalyst Alexander Freyn zu Hilfe, „wenn in den nächsten Tagen alles glatt geht, sogar Muggenburger AG.“
„Wie auch immer“, antwortete McMitch mit seiner Pressspanstimme, „klingt irgendwie ziemlich provinziell, typisch Deutsch.“
„Na ja, Bob“, meinte Freyn, „mag sein, aber die sind gar nicht so schlecht. In ihrem Segment sind sie sogar so etwas wie Weltmarktführer.“
Bei Weltmarktführer horchte McMitch schlagartig auf.
„Nein, Bob, nichts, was unserem Portefeuille einen ins Auge stechenden Glanz verleihen könnte“, sagte Freyn trocken; er warf einen mechanischen Blick auf die Scherenschnittcollage von Henri Matisse aus dem Zyklus Jazz und zupfte am Knoten seiner metallic blauweiß gestreiften Krawatte, die seinem Einreiher im Fischgrätenmuster einen fast fluoreszierenden Blickpunkt verlieh. „Die sind nur in ihren Produktionsmethoden sehr fortschrittlich.“
„Verstehen sie denn auch was von Wirtschaft?“, fragte McMitch sarkastisch.
Freyn zupfte immer noch an seinem Knoten, was ihm einen mitleidigen Blick seines farbigen Assistenten Oscar Wilde eintrug, den sie wegen seines berühmten Namensvetters, den Dandy nannten.
„Die haben gerade ihre IPO–Veranstaltung mit ziemlichem Buhei aufgezogen, mit Presse, Analysten und mit allem, was dazugehört.“
„Haben wir einen Mann bei dieser Veranstaltung?“, trompetete McMitch.
„Natürlich, Boss, haben wir jemand dabei“, meldete sich Oscar Wilde.
„Ich hoffe doch sehr, dass er unauffällig bleibt und keine Fragen stellt“, versetzte McMitch immer noch gereizt.
„Keine Sorge, der Mann hat seine genauen Instruktionen. Er ist als junger Analyst unterwegs, davon springen bei so einer Veranstaltung schließlich genug rum.“
„Und was erzählt er so?“, fragte McMitch jetzt etwas ruhiger.
„Die scheinen ziemlich gut unterwegs zu sein, diese Muggenburgers“, antwortete Oscar Wilde und kaute blasiert auf seinen Lippen rum. „Die haben ein großes Restrukturierungsprogramm aufgezogen und behaupten, sie hätten die Produktivität verdreifacht. Die Veranstaltung kommt sehr gut an, wie man hört, der Referent soll ein richtiger Profi sein.“
„Was heißt hier wie man hört“, äffte McMitch nach. „Ich will wissen, wie unser Mann den Laden sieht, das Geschwätz der andern interessiert mich nicht.“
„Er meint, ’n bisschen viel Sozialromantikgeraune, von wegen identifizierte Mitarbeiter, Eigenverantwortung, Motivation und so, eben der ganze deutsche Sozialdusel.“
Er verdrehte angewidert die Augen.
„Gegen Motivation haben wir ja nichts, wenn sie nur wissen, was ein Quartalsabschluss ist“, meinte McMitch. „Also gut, sagt unserer Analyseabteilung, sie sollen den Laden mal genau unter die Lupe nehmen, aber vertraulich, penibel vertraulich und gründlich: Ich will kein Kuckucksei. Und sie sollen sich den Markt genau anschauen, Wachstumschancen, Sättigung und Marktzutrittsbarrieren für neue Wettbewerber. Was stellen die noch gleich her? Ach, ist mir auch egal. Beim nächsten Mal will ich Zahlen, Daten, Fakten. Ich will entscheiden. Das nächste Mal ist übermorgen.“
Mit diesen Worten verließ McMitch den Konferenzraum. Er wollte nicht nur kein Kuckucksei, er wollte einen Überraschungscoup landen.
Die Firma Muggenburger war noch nicht an der Börse, schon brachten sich die Haie in Stellung.


Ungefähr zu selben Zeit in Kiew, Ukraine

Igor Iwanowitsch redete schnell, laut und geradezu beschwörend auf seine Zuhörer ein. Der Raum war brechend voll. Besprechungen des Führungsgremiums der Pumpenfabrik in Kiew waren immer brechend voll. Die Luft war stickig, über den Köpfen schwebte unbewegt bläulicher Zigarettenqualm, und die Stimmung war gereizt. Igor Iwanowitsch setzte seine Ausführungen in unverminderter Lautstärke fort:
„Wir haben 4.000 Mitarbeiter und machen vielleicht gerade mal die Hälfte des Umsatzes einer vergleichbaren Fabrik in Deutschland. Das kann so nicht weitergehen. Das halten wir unmöglich länger durch, noch nicht mal ein Jahr.“
Die Pumpenfabrik in Kiew war aus einem riesigen Industriekombinat hervorgegangen und vor zwei Jahren privatisiert worden. Seitdem dümpelte die Firma mehr oder weniger dahin. Zwar hatten sie noch immer Aufträge, hauptsächlich aus den früheren Ostblockstaaten, aber es geschah immer öfter, dass sie Aufträge an die Konkurrenz verloren. Auf den globalen Wettbewerb war die Firma praktisch so gut wie gar nicht vorbereitet.
„Die Muggenburgers haben gegenüber uns eine total überlegene Technologie, das holen wir auch in Jahren nicht auf“, tönte einer der Führungskräfte aufgeregt.
„Ja, ja“, erwiderte Igor Iwanowitsch, „das Argument kenn ich zur Genüge. Dafür haben wir eine immer noch überlegene Kostenstruktur. Nur: Wir bringen das nicht in den Markt, dafür sind wir zu starr, zu unflexibel. Ich will vielmehr auf etwas anderes hinaus.
Wie ich gehört habe, läuft bei Muggenburger seit knapp zwei Jahren ein Programm, durch das die verschiedenen Bereiche miteinander verknüpft werden und das dazu geführt hat, dass die Mitarbeiter vertrauensvoll miteinander reden und umgehen.“
Iwanowitsch drehte aufmerksamkeitsheischend seinen hocherregten Quadratschädel in alle Richtungen.
„Ja genau, hört nur alle her! Die sind in der Lage, sich auf Zuruf abzustimmen, konstruktiv und zielgerichtet ein Problem zu lösen, es umzusetzen und flexibel am Markt zu agieren. Davon sind wir Lichtjahre entfernt: Bei uns redet alles durcheinander und beschuldigt jeder jeden, dabei operieren einzelne Bereiche völlig chaotisch; jeder glaubt, die Firma allein retten zu können. So funktioniert Marktwirtschaft aber nicht, Kollegen, und niedrige Löhne allein garantieren noch lange keinen Markterfolg.“
Igor Iwanowitsch, der Geschäftsführer, war akzeptiert, bisweilen sogar beliebt. Diesmal löste er allerdings mit seiner Ansprache einen Sturm aus. Einige schlugen krachend mit der Faust auf den Tisch, innerhalb von Sekunden entstand das blanke Chaos.
Obwohl Igor Iwanowitsch, ein bulliger Typ mit blondem Bürstenhaarschnitt und fleischigem Gesicht, gewohnt war, sich nicht zu verdrücken, wenn es mal brenzlig wurde, wurde es ihm jetzt aber langsam mulmig.
Vertriebsleiter Pjotr Tscherkanski kletterte auf einen Stuhl und begann gestenreich zu deklamieren.
Das Geschrei ebbte langsam ab.
„Machen wir uns nichts vor: Wir liegen technologisch hoffnungslos zurück. Was nützt uns da die beste Zusammenarbeit?“
Beifälliges Gemurmel, der Orkan hatte sich gelegt, so schnell wie er entstanden war.
Igor Iwanowitsch traute sich nicht zu widersprechen. Sein Plan war, Schnelligkeit und Flexibilität im Markt stark zu verbessern, um so den unbestreitbaren Kostenvorteil weidlich auszunützen und mit aggressiven Preisen das Massengeschäft abzugreifen und auf diese Weise die Deutschen noch weiter in die Nische zu drängen.
Ein junger, stoisch Kaugummi malmender Mann im Blaumann, offensichtlich aus der Produktion, trat nach vorn.
„Ich wüsste mal gern, wie wir eigentlich den technologischen Rückstand aufholen wollen. Wenn wir das mit eigenen Mitteln versuchen, kann das Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, falls wir überhaupt das Geld dafür haben. Jedenfalls: So lang ich nicht pünktlich mein Geld bekomme, seh ich nicht ein, dass ich noch länger in die Röhre gucken soll, nur weil sich die Firma übernimmt.“
Betroffenes Schweigen.
Ein schmächtiger Mann mittleren Alters mit pechschwarzem Haar und unglaublich hellblauen Augen meldete sich leise zu Wort.
„Dann müssen wir uns eben die Technologie von Muggenburger holen.“
Igor Iwanowitsch kannte den Mann und wusste, dass er früher Verbindungen zum KGB hatte und heute Beziehungen zur Mafia pflegte.
„Sie fragen sich, was ich meine. Nun, ich will es Ihnen sagen. Der Technologiefortschritt bei Muggenburger hat einen Namen. Es ist Peer Johannson. Stellen wir uns also vor, Peer Johannson würde für uns arbeiten.“
„Wie wollen wir den denn jemals nach hier bekommen?“, fragte der Kaugummi malmende Blaumann–Youngster.
„Es gibt immer Mittel und Wege“, antwortete der geheimnisvolle schwarze Mann vielsagend. „Sollten wir das nicht einmal eruieren, Igor Iwanowitsch?“
Igor Iwanowitsch schwieg sehr lange. Er wusste, was gemeint war, schließlich war er über die Vorgänge in Deutschland informiert. Wenn Muggenburger die Firma in eine AG umgewandelt hätte, hätten sie jedenfalls endgültig keine Chance mehr.
„Ja“, sagte Igor Iwanowitsch schließlich, „eruieren Sie.“
Der geheimnisvolle schwarze Mann lächelte leise. Aber es war ein spöttisches Lächeln.

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