Leseprobe

aus Susanne Borée: Der Verdacht des Schreibers. Kriminalroman aus dem Mittelalter (Auszug aus dem 1. Kapitel)


I. (August 1202)

„Das düstere Gemüt erhebt sich im Durchgang
durch die Materie zur Wahrheit;
beim Anblick dieses Lichts erwacht es aus seiner Finsternis.“

(Suger von Saint–Denis, Mitte des 12. Jahrhundert,
Inschrift am Westportal der dortigen Kirche)

Fieberhaft duckte sich der Eindringling gegen das massive bronzene Portal. Er hatte den Donner erwartet. Dennoch durchschauerte er ihn bis ins Mark. Schon wieder ein Blitz. Einen Wimpernschlag lang erschienen schwere bronzene Buchstaben hoch oben am Portal. Zu kurz hatte die Helligkeit in die Augen gestochen, als dass sie sich zu Worten hätte verbinden ließen. Hinter ihm die Hufe galoppierender Pferde wie rasender Herzschlag. Jagten sie ihn bis hierher? Er versuchte mit dem Schatten dieses Gotteshauses zu verschmelzen. Sein Atem hatte sich noch nicht wieder beruhigt, als die schweren Wolken bereits von einem nächsten Zucken des Blitzes gepeitscht wurden. Weit oben, an dem Portal, leuchtete erneut die Inschrift auf. Einen Augenblick lang formten sich einige der Lettern zu Worten wie Durchgang, Wahrheit, Anblick.
Wiederum reichte die Zeit nicht aus, den gesamten Satz zu erfassen. Beim Schlag des unvermeidlichen Donners schienen selbst die Steine zu vibrieren. Eine Glocke begann zu dröhnen, als habe sie sich von selbst in Gang gesetzt. Verhielten die Reiter hinter ihm oder hetzten sie weiter? Gegen den ohrenbetäubenden Lärm über ihm ließ sich nichts ausmachen.

Unwillkürlich begannen seine Hände die Bronze abzutasten. Sie fanden schließlich einen Knauf. Sein Herz setzte einen Atemzug lang aus, als das glatte Metall den Händen einen Augenblick lang Widerstand entgegenzusetzen schien. Doch dann ließ er sich drehen. Der Fremde fiel fast in den Vorraum hinein. Doch nirgendwo regte sich eine menschliche Seele, vor der er seine Würde hätte bewahren müssen. Bevor er genug zur Besinnung gekommen war, um das Portal hinter sich zu schließen, setzte das wilde Rauschen des Wolkenbruchs ein, als wollten sich die Schleusen des Himmels nie wieder schließen. Schwerfällig richtete er sich auf und schlug die Tür in einer letzten Anstrengung zu. Dann stolperte er langsam durch den weiten Raum. Seine Füße hallten beim Gehen hoch hinauf. Offenbar waren die Wände noch nicht einmal dort zu Ende, wo sie sich im Dämmerlicht verloren. Vielleicht stießen sie direkt an den Himmel – wer wusste das schon?

Der Einsame erreichte das Herz der Kirche nicht. Schon nach wenigen Schritten auf dem Weg zum Chor ging er in die Knie. Dabei hatte er seinen Kopf weit in den Nacken geworfen, starrte hoch, hinauf zu den Fenstern, die an diesem Abend nur undeutlich erkennbar waren. Hinter ihnen jagten die Wolken. Noch einmal entlud sich das lange aufgestaute Unwetter in einem weiteren, gewaltigen Blitz. Sein Widerschein fuhr durch die hohen Fenster des weiten Innenschiffs, fing sich einen Atemzug lang in dem riesigen, goldenen Kreuz weit vorne. Ein Schauder durchlief den Knienden. Dann stürzte er – war es Ehrfurcht oder Schwäche? – nach vorne und blieb auf seinem Gesicht liegen. Er sah nicht, dass vieles in der Kirche noch auf seine Vollendung wartete. Bisher waren nur die Kirchenvorhalle, in der er hingestreckt lag, und – weit entfernt davon – der Chor in dem neuen, hoch hinaufstrebenden Stil vollendet. Ebenfalls konnte er nicht mehr wahrnehmen, wie später weit vorn im Chor die Mönche zum letzten Gottesdienst dieses Abends einzogen.

Eintönig tropfte es durch eine undichte Stelle auf den Boden. Er war noch nicht bereit, seine Augen zu öffnen. Zerrinnende Zeit. Wie hörbar gewordener Sand, schien es ihm, der durch das Stundenglas hetzt. Sollte das Leben auf diese Weise vergehen, ohne eine Spur zu hinterlassen? Die Wirbel, die ihn erneut nach unten zogen, wurden mächtiger. Als er wieder den Regen hörte, schien viel weiteres Wasser zur Erde geflossen zu sein. Tränen, dachte es in dem Mann.
Er konnte sich indes nicht entscheiden, von welchem Heiligen oder Engel sie kommen sollten. Wenigstens lag er nicht mehr auf Stein, das Gesicht nach unten. Jemand hatte ihn auf etwas Weicherem gebettet, einen Strohsack wahrscheinlich.
Dann durchzuckte ihn jäh eine Erinnerung: Die Botschaft!, hallte es in ihm wieder, und das hieß: Weiter!
Mit einer abrupten Bewegung begann er sich aufzurichten.

Doch die Schwäche war stärker. Während er zurück auf sein Lager sank, blieben zumindest seine Augen geöffnet. Sie begegneten einem Blick aus grauen Pupillen unter mächtigen, noch nicht ausgebleichten Brauen. Eine Falkennase beherrschte das Gesicht des Mönchs. Die vollen, beinahe weichen Lippen standen in seltsamem Kontrast. An seinem Schreibpult häuften sich Pergamente.
„Ich bin Rigord, der Arzt.“
Sie verweigerten hier also keineswegs die klösterliche Herbergspflicht. Merkwürdig war nur, dass man ihn nicht in den allgemeinen Krankensaal gebracht hatte. Außer dem Arzt befand sich anscheinend niemand sonst in dem Raum. Schon aus den wenigen lateinischen Wörtern hörte der Liegende, dass sie in einem härteren Tonfall gesprochen worden waren, als hier üblich sein dürfte.
„Ich bin Guillaume – aus der Bretagne“, stellte er sich selbst vor.
Unwillkürlich hatte der Kranke seinen Namen der Aussprache Francias angepasst. Die letzten Worte fügte er hinzu, als ihm bewusst wurde, dass sein Tonfall ebenfalls hier ungewohnt sein musste.
„Direkt von dort gekommen?“, fragte der Arzt.
„Nein, Nein. Aber – ich muss weiter.“
„Du musst dich erst einmal ausruhen“, entgegnete Rigord.

Guillaumes Herzschlag pochte hart und warnend. Wie lange lag er bereits hier?
„Kamen Reiter“, presste er heraus, „die nach mir fragten?“
Einen Wimpernschlag lang entglitten Rigord die Gesichtzüge. Bevor der Kranke noch ausmachen konnte, welche Empfindung sich darin widerspiegelte, hatte sich der Mönch wieder in Gewalt.
„Hier bist du in Sicherheit.“
„Ich muss – an den Königshof“, es musste heraus trotz aller Wirbel, die ihn nach unten zogen.
Rigord nickte geduldig.
„Da hast du Glück, ein Teil des Heeres wird nächste Woche hier ganz in die Nähe von St. Denis kommen.“
Guillaume schloss die Augen. Nun hatte er wenigstens Gewissheit: Fast war er an sein Ziel gelangt. Es gelang ihm nicht, gegen sein Schwindelgefühl anzukämpfen, auch wenn es nur eine leibliche Schwäche darstellte.

„Was ist, wenn die Nachricht nicht überbracht wird?“
Ein scharfes Flüstern, nicht weit von der Lagerstatt des Bretonen. Er war sich sicher, dass draußen Dunkelheit herrschte – obwohl er es nicht wagte, die Augenlider nur zu bewegen. Die nächste Nacht oder Wochen später? Diesmal war niemand da, den er hätte fragen können.
„Wenn er nicht durchkommt, wird Paris es von anderer Seite erfahren.“
Eine andere Stimme, offenbar älter, obwohl sie ebenso leise wisperte. Guillaume hoffte, dass sich sein Atem sich beim Erwachen nicht allzu stark verändert hatte. Er bemühte sich darum, ihn unter Kontrolle zu bringen. Jetzt raschelte es unmittelbar neben seiner Lagerstatt. Guillaume begann wie im Schlaf zu ächzen.
„Sei still.“
Wieder das scharfe Flüstern.
Dann Ruhe. Offenbar lauschten die beiden. Sie hätten lautlos ihr Vorhaben zu Ende führen können. Ein schneller Stoß mit einem Dolch – und alles wäre zu Ende gewesen.
„Hier ist nichts.“
„Sei doch mal still!“
Irgendwo knarrte eine Tür. Sollte sich das ganze Kloster hier versammeln? Vor den geschlossenen Augenlidern des Bretonen zuckten helle Funken. Sie vermengten sich zu einem unentwirrbaren Knäuel aus Hell und Dunkel. Er hörte die Bohlenbretter knarren. Die Aufregung ging über die Kräfte des Bretonen. Dann versank er ins Bodenlose.

Stille bereitete sich um ihn aus. Bewegungslos lag der Bretone da, als er wieder zu sich kam. Er begann seine Gedanken zu ordnen. Sodann fühlte er verstohlen, als könnte ihn jemand beobachten, nach dem Beutel, den er unter seiner Kleidung um den Hals trug. Er spürte das Leder, tastete weiter. Ja, da waren sie, die zwei Siegelringe neben den wenigen Münzen in dem Beutel. Nicht auszudenken, wenn man sie ihm genommen hätte! Einen der Ringe in seinem Brustbeutel hatte er zusammen mit der Botschaft zu überbringen. Guillaume sah erneut Arthurs bleiches, junges Gesicht vor sich, die Zähne in die Unterlippe gepresst, darum kämpfend, dass man ihm seine Enttäuschung nicht zu sehr ansah, bevor sie ihn wegführten. Ihn selbst hatte niemand beachtet. Was hatte er zu schaffen mit den Spielen und Niederlagen der Mächtigen? Tief in ihm war nur Müdigkeit. Es brauchte eine Weile, bis ihm ein passendes Bild dazu in den Sinn kam. Es war offenbar schon zu weit weg: Misteln, die sich in seiner Heimat in einen sturmgepeitschten Baum gebohrt hatten und ihm langsam, ganz langsam von innen seine Lebenskraft entzogen.
Daneben schoben sich andere Bilder: geduckte graue Häuser. Vielleicht konnte er wenigstens dorthin zurück. Aber um welchen Preis? Halbe Blicke, sorgfältig hinter Wimpern verborgen. Da hätte er nun gleich daheim bleiben können, in diesem windzerzausten Städtchen, nur eine kurze Wegstrecke vor dem endlosen Ozean und damit dem Ende der Welt. Nun gut. Sie würden ihn nicht nur mit scheelen Blicken betrachten, sondern gleichzeitig auch neugierig sein. Und er würde ganz nette Geschichten zu erzählen haben. Einige davon hatte er durchaus erlebt. Er konnte freilich das eine oder andere in einem etwas günstigeren Licht darstellen, es würde niemand merken. Er könnte von einer Begegnung mit dem König Philipp, des Zweiten seines Namens, erzählen und zum Beweis den älteren der beiden Siegelringe hochhalten, der immerhin dessen Wappen trug. In der Tat hatte er Philipp einmal gesehen, allerdings nur von Ferne bei einem feierlichen Einzug in Paris. Selbst der Ring Arthurs, den er bei sich trug, bedeutete nur das Scheitern von Hoffnungen. Glückloser Kaplan eines glücklosen Fürsten! Gut, seine Studien in Paris hatte er abgeschlossen und war Priester geworden. Allerdings, was bedeutete dies? Um dort Karriere zu machen, war er nicht geschickt genug. Freilich klug genug, um dies zu erkennen. Pech für ihn. Wenn es nur hell würde!
Beim nächsten Erwachen hörte Guillaume einen Federkiel über Pergament kratzen. Vorsichtig hob er die Augenlider und beobachtete Rigord. Wenigstens war das Flimmern vor den Augen vergangen, obgleich sich Guillaume immer noch schwach fühlte. Der Mönch war konzentriert bei der Arbeit und setzte gleichmäßig die Buchstaben auf die Unterlage. Er formulierte offenbar ohne Vorlage, wenn auch einige schwere Folianten neben seinem auf dem Schreibpult lagen. Aus den Augenwinkeln erkannte Guillaume, dass es sich um historiografische Werke handeln musste. Dann erst sah der Kranke, dass man Essen neben seinem Lager abgestellt hatte. Brot und Käse und Milch. Mit einem Mal bemerkte der Bretone, wie hungrig er war. Zuerst die Milch, er hatte vornehmlich Durst. Rigord wandte sich ihm zu.
Guillaume lächelte ihn an.
„Mir geht es wieder besser.“
„Tatsächlich?“, zweifelte der Mönch.
„Wie lange bin ich hier?“
„Vier Tage.“
Nach einer kleinen Pause fügte der Mönch hinzu:
„Mir scheint, du hattest in letzter Zeit in deinem Leben ziemlich viel Unruhe. Damit alles wieder ins Gleichgewicht kommt, brauchst du nun viele Gegengewichte dazu.“
Er reichte dem Kranken noch einen Becher. Als Guillaume kostete, zog es ihm fast den Gaumen zusammen. Der Trank war bitter.
„Nimm schon. Die Kräuter bringen deine Kräfte zurück.“
„Ich komme aus Mirebeau“, kündigte Guillaume an.
Rigord wartete ab. Der Bretone schloss die Augen. Dorthin war der junge Herzog Arthur aufgebrochen, um sein Erbe in Empfang zu nehmen. Der Fünfzehnjährige handelte im Auftrag des französischen Königs Philipp II., er sollte das Urteil des königlichen Lehnsgerichtes zu seinen Gunsten vollstrecken. Die entspannte Atmosphäre entsprach eher einem Aufbruch zu einem Turnier als zu einem Kriegszug. Doch Arthur musste gegen seinen Onkel, König Johann antreten – der junge Herzog hatte seine Rolle zu spielen in dem alten Ringen der französischen Könige und der Normannenherrscher um den Westteil Frankreichs.
Rigord fragte nicht nach dem Ergebnis der Ereignisse in Mirebeau. Sieger kehrten anders zurück. Aber der Mönch hatte sich leicht vorgebeugt.
Nachdem er einige Zeit abgewartet hatte, räusperte er sich:
„Wo ist Arthur?“
Guillaume starrte zur Decke. Ein unentwirrbares Geflecht von Licht und Schatten schien dort zu wogen. Ihm war, als drehte sich alles in seinem Kopf. Die Wirbel zogen ihn immer tiefer.
Dann presste Rigord ihm den Becher an seine Lippen und flößte ihm zwei, drei Schlucke von dem bitteren Getränk ein.
„Du kannst auch später erzählen.“
Guillaume schüttelte schwach den Kopf. Er hatte sich zu seinem Bericht entschlossen.

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