Leseprobe
aus Ernst Weers: Der Tag der Schmetterlinge. Thriller
1. Kapitel
Geoffrey Snater rieb sich wohlig den von den ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages beschienenen Nacken. Er liebte diesen Platz, suchte und fand ihn schon am gleichen Tag, als er das erste Mal Nellys Farm einen Besuch abstattete, vor gut zehn Jahren.
Ihr fünfundzwanzigster Geburtstag lag gerade einmal eine Woche zurück, als ihr Brief ihn damals erreichte. Er, der Vater, könne sich auf den Kopf stellen, hieß es da, sie würde die Farm kaufen, die ihr ein gewisser Lonsdary an der Theke von Dury’s Pub in Dublin, mit, wenn auch süffisanten Worten, schmackhaft geredet hatte.
Sie fuhr mit diesem Makler die 75 Meilen nach Westen und bei Portlaoise bogen sie in Richtung Süden ab. So man diesen Lonsdary auch als windig bezeichnen konnte, stimmte zumindest der Preis und die damit verbundene Herausforderung, denn das Land war steinig und das Gebäude arg in Mitleidenschaft gezogen.
Noch am gleichen Abend unterschrieb Nelly den Kaufvertrag auf den Stufen des eingefallenen Vorbaus, langte in die Geheimtasche ihres Unterrocks und bezahlte bar.
Lonsdary warf ihr dann im Rückwärtslauf den Schlüssel noch zu, stürzte sich überhastet in seinen Wagen und verschwand in einer Staubwolke. Sie lachte noch heute darüber.
Snater lehnte seinen Rücken an den Findling und genoss die Wärme des Steins.
Sie beginnt, dachte er, die letzte Phase beginnt. Drei Monate, sechs Monate, vielleicht acht, und er wäre vollkommen blind.
Er schloss die Augen und spürte, wie die Dunkelheit der Netzhaut gut tat.
Sechs Jahre war es jetzt her, dass er am Belfaster Bahnhof den an der Telefonzelle wartenden Kurier schon an seinen hektisch, nervösen Kopfbewegungen erkannte. Dieser Kurier besaß die Information über den Aufenthalt des britischen Abgeordneten Harold Bainsworth, der seit zwei Wochen in irgendeinem ihrer Keller von der IRA festgehalten wurde.
Wir werden die Gesinnungsgenossen dieser Terroristen nicht freilassen, hatte Premier John Major damals gesagt. Unter meiner Führung ist eine britische Regierung nicht erpressbar. Major hatte ihm noch die Hand geschüttelt und zu verstehen gegeben, dass er in spätestens drei Tagen von ihm eine Erfolgsmeldung erwarte.
Die Autobombe detonierte im gleichen Moment, als der Kurier ihm die Information übermitteln wollte. Der Anschlag galt nicht ihnen. Schicksal. Zufall. Er sollte Menschen treffen, Schlagzeilen bringen.
Warum es ausgerechnet ihn traf, müßig darüber nachzudenken.
Ein halbes Jahr brauchten sie, um seinen Körper wieder zurechtzuflicken. Snater hatte immer noch die Stimme von Dr. Walley, dem Oberarzt im Militärhospital in Brighton, im Ohr:
„Alles kriegen wir wieder hin, aber Ihre Augen, Snater, Ihre Augen haben nur noch eine begrenzte Frist.“
Diese Frist schien nun vorbei. Sechs Jahre hatte sie immerhin gedauert.
Geoffrey Snater streichelte sanft über seine wimpernlosen Lider, wischte vorsichtig die ewigen Tränen fort und öffnete die Augen.
Der Schleier blieb, seit drei Tagen schon. Er hob den Arm, da er in den Spuren der Mulde das Ochsengespann erahnte und den winkenden Ben Mullingar zu erkennen glaubte.
Ob sie mit ihm schlief? Natürlich schlief sie mit ihm. Seit acht Jahren war dieser Ben jetzt bei ihr. Auf dem Schafsmarkt in Tullarmore lief er ihr das erste Mal über den Weg. Es musste wohl an ihren grünen und an seinen blauen Augen gelegen haben, dass sie sich beide instinktiv einander zudrehten.
Nelly hatte es ihm in einer besinnlichen Stunde am Kaminfeuer erzählt, obwohl sie es eigentlich nicht liebte, über Gefühle zu reden, die sie selbst betrafen.
Jedenfalls hatten sie in Sullivans Tavern auf dem obligaten Schäferball den ganzen Abend wie wild miteinander getanzt, bis sie urplötzlich verschwand. Mullingar suchte sie vergeblich und verbrachte eine unruhige Nacht zwischen den Pferden in Saunders Stallungen. Am anderen Morgen sah man ihn zwischen den Marktständen herumirren, um den Leuten mit seinen ewigen Fragen nach grünen Augen und langen rotblonden Haaren auf die Nerven zu gehen.
Den Heimweg nach Athlone überließ Ben Mullingar dann den Pferden. Eine Woche später baute er sich vor Grislanes Schreibtisch auf, drehte die Schlägermütze in seinen Händen und verzichtete auf den ausstehenden Lohn eines halben Jahres. Er verlangte den Planwagen und die Stute, gab Grislane die Hand, packte seine wenigen Sachen und machte sich auf den Weg, zunächst nach Tullarmore.
Vierzehn Tage trank er sich durch alle Schenken, nervte mit seinen
ewigen Fragen und wollte schon aufgeben, als am fünfzehnten Tag ein gewisser McBurdock sein Thekennachbar wurde. Der fing nach dem vierten Glas Whisky an, von grünen Augen und langen rotblonden Haaren zu schwärmen. Ihre Schafe wären von einer Güte, dass er in Dublin den doppelten Preis dafür bekam, den doppelten, junger Mann!
Auf Bens Frage, ob er die Frau kenne und vielleicht wisse, wo sie wohne, zeigte dieser McBurdock zunächst auf sein Glas, wartete, bis der Wirt auf Bens Geheiß bis zum Rand einschenkte, trank in einem Zug das Glas aus, wedelte mit dem Zeigefinger und sagte:
„Ein Teufelsweib, diese Nelly Snater! Bringt mir doch tatsächlich nur zwei Jahre später die besten Schafe, junger Mann!“
Nelly Snater hieß sie also. Es kostete Ben Mullingar noch einen weiteren Whisky, um aus dem Schafhändler die Lage der alten Pelford–Farm rauszukitzeln. Richtung Kilkenny lag sie, bis Carlow, und dann fünfzehn Meilen schnurstracks nach Westen.
Noch zur gleichen Stunde verließ Mullingar Saunders Stallungen. Drei Tage später bog er in Carlow ab. Nach vier Stunden tauchte die Farm auf. Sie kniete auf dem Dach des Haupthauses und tauschte Schindeln aus. Er fuhr vorbei, drehte, kam zurück und richtete sich am Wegesrand ein.
Snater kniff die Augen zusammen und blinzelte lächelnd in die Wolken. Diese Seite der Geschichte kannte er von Ben.
Gut eine Woche musste verstreichen. Ben Mullingar hatte jeden Morgen den Schaukelstuhl seines Großvaters aus dem Planwagen gezogen, im Feuerchen die Glut geschürt, Spiegeleier gebraten, um dann, still vor sich hinschaukelnd, das Haus zu beobachten. Jeden Morgen trat sie zur Tür hinaus, schaute nach dem Wetter, schenkte auch einen kurzen Moment dem aufdringlichen Planwagen ihre Aufmerksamkeit und ging dann stur ihrer Arbeit nach.
Am achten Tag schien es dann genug zu sein. Nelly kam ihm zuvor,
überraschte ihn kniend unter der Plane, wie er sich, in der linken Hand eine Spiegelscherbe, gerade rasierte.
Ohne Umstände nahm sie ihn, so wie er vor ihr stand, im Unterhemd und herunterhängenden Hosenträgern, an die Hand, führte ihn ins Haus und setzte ihn vor Speck und Rührei. Sein Zimmer bekam er unter dem Dach.
So ging das mit den beiden nun schon acht Jahre. Als Nelly Snater vor drei Jahren wieder einmal nach Brighton kam, um ihren Vater, der mittlerweile den Rollstuhl verlassen hatte, im Krankenhaus zu besuchen, packte sie ohne große Worte seinen Koffer.
„Deinen Lebensabend verbringst du auf der Farm“, sagte sie als einzigen Satz, drückte dem Oberarzt die Hand und fuhr mit ihrem halbblinden Vater Richtung Westen zur Fähre nach Rosslare.
Beim Frühstück hatte er dann Nelly und Ben des Öfteren beobachtet. Sie sprachen kaum miteinander, berührten sich nur mit den Augen, aber so, dass ihm schon nach kurzer Zeit klar wurde, dass zwischen ihnen Liebe herrschte. Eine Liebe, der das Ausgelassene fehlte, die ihm aber tief und respektvoll schien.
Er spürte plötzlich ihre Hände auf seinen Schultern und wäre zusammengezuckt, wären es nicht ihre Hände gewesen.
Sie blickten eine Weile schweigend die Moränensenke hinunter, wo er nur ahnte, dass irgendwo dahinten ein Ochsengespann penibel gerade Furchen zog. Er spürte ihre Daumen, die über die vernarbten Schultern strichen.
„Es ist soweit, nicht wahr, Vater?“
Sie hatte es also bemerkt. Er hätte es wissen müssen. Einer Nelly Snater konnte man so etwas nicht lange verheimlichen. Natürlich sah sie es schon beim Frühstück, wie ungeschickt er die Butter strich, gegen den Stuhl lief und neben den Wasserhahn griff. Einer Nelly Snater konnte man so etwas wirklich nicht lange verheimlichen. Er legte seine Hände auf ihre und nickte kaum erkennbar.
„Ja, mein Kind, es ist soweit.“
„Willst du noch bleiben, Vater? Ich muss hinunter zu den Männern, ihnen das Essen bringen.“
„Geh nur, Nelly. Die Sonne wärmt so schön. Es ist die erste Wärme des Jahres.“
Als sie den Feldrand hinunterging, drehte sie sich ihm noch einmal zu und winkte. Er winkte zurück und dachte, wie gut sie ihm tat.
Snater lehnte sich zurück, schloss wieder die Augen und dachte an ihre Mutter. Achtundzwanzig Jahre war er damals, und sie so schön wie Nelly heute.
Er lächelte in sich hinein, mit einem Mal hörte er die Fiedel wieder, die in Erniés Inn zum Tanz lud. Sylvesternacht 1963. Er lebte in Londonderry im Untergrund und engagierte sich für den Aufbau einer neuen IRA. Er wollte diesen Neuaufbau von feigen Terrorangriffen befreien und wäre auch wohl Patriot genug gewesen, dieses durchzusetzen.
Das Jahr lag in seiner letzten Stunde; ausgelassen hatte er noch einmal Jerry und Bill an den Schultern gepackt, sich mit ihnen gedreht und gesungen, war in die Hocke gegangen, war aufgesprungen und hatte die Hände zum Himmel gestreckt, weil der Schlussakkord der Fiedel und des Tamborins es einfach befahlen. Da stand sie dann vor ihm, dass er vor Bewunderung einfach die Arme oben ließ. Er musste sie mit offenem Mund angestarrt haben, bis sie zu lachen begann, ihn am Kinn stupste und dem Fiedelmann ein Zeichen gab. Die ganze Nacht drehten sie sich zu fordernder Musik. In der zehnten Morgenstunde des neuen Jahres wachte er an ihrer Seite auf.
Helen Gayns ertrug stur den Konflikt mit ihren Eltern, die konservativ dem vergangenen britischen Empire anhingen. Sie zog zu ihm in seine kleine Kellerwohnung. Nächtelang diskutierte sie mit ihm und seinen Gesinnungsgenossen und hing an seinen Lippen, las er ihr seine enthusiastischen Reden zu friedlichen Lösungen und einer eventuellen Rückkehr Nordirlands in eine gesamtirische Republik vor. Reden, die er nie halten sollte. Enttäuscht trat er 1969 die Flucht nach hinten an, da man nicht auf ihn hörte und der Terror sich weiter ausbreitete. Noch heute empfand er es als die größte Niederlage seines Lebens. Da waren er und Helen schon fünf Jahre verheiratet und Nelly gerade mal vier Jahre alt.
Sie zogen sich auf die kleinste der Aran–Inseln in der Galwaybucht an Irlands Westküste zurück. Er ging dem Fischfang nach und konnte damals nicht ahnen, dass genau das seinen weiteren Lebensweg bestimmen würde.
„Sam Travers“, murmelte Snater und wischte sich wieder die Tränen ab.
Eines Abends, im Sommer 1970, stiefelte Terry McSains, der Besitzer der fünf Fischerboote auf Gardenshoop, im ewigen Regen zu seiner Kate hinauf. Wortkarg war er, wie so viele hier, und als Helen ihm den Tee servierte, schlug er noch mal seinen Südwester gegen den Herd, stopfte sich sein Pfeifchen, um schließlich auf den Grund seiner Abendtour zu kommen.
„Du nimmst morgen die Four, Snater, denn du bist neu. Einen anderen kann ich auf Hering morgen nicht entbehren. Du hast einen Angelgast. Travers ist sein Name. Logiert in Carters Inn. Morgen früh um sechs holst du ihn.“
Terry leerte in einem Zug die Tasse, strich Nelly übers Haar verließ die Kate und machte sich wieder auf den Rückweg.
Bereits vier Wochen später packte Helen die Koffer. Jede Nacht hatte sie ihr Kinn auf seine Brust gelegt und ihm von London vorgeschwärmt, das sie von einem einjährigen Aufenthalt bei Tante Cyprilla kannte, die sie immer nur Cypry nannte.
Der Schwertfisch musste sich wohl vom Kap Loop Heap zurückgezogen haben. Da blieb nur Reden, was sonst, und er erzählte diesem Travers aus seinem Leben, von seinen Träumen, seiner Vergangenheit in der IRA und seiner Enttäuschung und ballte die Faust. Es gab doch noch soviel zu tun in dieser Welt voll Ungerechtigkeit und Hass.
Nach einer Weile hatte ihn Travers gefragt, ob er einen Salto vorwärts machen könne und anschließend sofort einen Salto rückwärts. So einfach aus dem Stand, hier auf dem kleinen Deck zwischen Angelstuhl und Ruderhaus. Es war ihm damals unsinnig vorgekommen und doch tat er, was der Mann von ihm wollte. Darauf hatte Travers still vor sich hingenickt und ihn gefragt, ob er Lust hätte, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten.
So packten sie ihre Sachen und zogen nach London. Man schulte und trimmte ihn im ersten Jahr, dass er sich oft in die kleine Kate auf Gardenshoop zurücksehnte.
Schon 1971 bekam er erste Einsätze. Er wurde sogar von den Amerikanern zu Befreiungsaktionen gefangener Soldaten in Vietnam angefordert. In den Jahren darauf hielt er sich hauptsächlich im Ausland auf. Er recherchierte in Russland und Argentinien, befreite auf spektakuläre Weise einen englischen Journalisten aus dem Gefängnis Bautzen in der DDR, befehligte das Befreiungskommando der im Libanon entführten Maschine der British Airways und konnte Travers im November 1974 ins Hauptquartier melden, dass alle Passagiere wohlauf und sich auf dem Weg in die Heimat befänden.
Er merkte es einfach nicht oder wollte es nicht merken, dass Helen sich immer weiter von ihm entfernte. Als er 1975 aus Argentinien zurückkehrte, weil erste Unruhen um Falkland Island aufkamen, fand er das Haus am Goryslane leer.
Da war Nelly gerade mal zehn und seine Ehe im elften Jahr. Einen halben Tag saß er stumpf im Sessel und hatte Helens Brief in seinen Händen gedreht.
Sie war nach Irland zurück. Nelly hatte sie mitgenommen.
Selbst ein klärendes Gespräch, das er von ihr forderte und zu dem sie schließlich einwilligte, konnte er nicht einhalten, denn da befand er sich schon wieder auf dem Weg nach Russland.
Die Scheidungspapiere unterzeichnete er in Israel. Sein Büro in London schickte sie ihm hinterher.
Erst zehn Jahre später sollte er Nelly wiedersehen. Im Jahre 1985.
Nelly, inzwischen zwanzig, besuchte die landwirtschaftliche Schule in Belfast. Er staunte nicht schlecht, dass sie ihm gleich um den Hals fiel, als er vor ihrer Schule stand. In den drei Tagen erfuhr er, dass Helen einen Lehrer aus Londonderry geheiratet hatte. Ab da schrieben sich Nelly und er jeden Monat.
In einem ihrer Briefe, im Sommer 1990, schwärmte sie von einer Farm, die sie kaufen wollte und er hatte er es ihr ausreden wollen. Er kannte sie, diese irische karge Gegend westlich von Carlow. Alles, was er schrieb, schrieb er vergeblich. Den Kredit, den sie aufnehmen musste, klarierte er später hinter ihrem Rücken. Sie schimpfte damals mit ihm und gab erst Ruhe, als er ihre Raten akzeptierte. Sie gab sich stur, keine Frage. Wahrscheinlich hatte sie es von ihrer Mutter. Oder doch mehr von ihm?
Snater fuhr mit gespreizten Fingern über sein Gesicht und erhob sich. Er blieb noch einen Moment am Findling, stützte sich ab und führte die linke Hand vor die Augen. Er konnte sogar noch die tief eingegrabene Lebenslinie erkennen. Aber kaum dass er die Hand wegzog, wollte der Schleier nicht weichen. Noch konnte er die Konturen der Landschaft erahnen, die Furchen der Ackerränder ausmachen, und drehte er den Kopf nach Süden, sogar die Umrisse der beiden Scheunen und des Hauptgebäudes.
Snater sah noch einmal die Mulde hinunter. Er wollte nicht auf Nelly warten. Sie war wohl inzwischen auf der Schafskoppel angekommen. Da ließ man sie so schnell nicht fort, denn das Frühjahr verlangte die Schafschur. Snater wusste, dass sie Winnie und Scott herausfordern würde, weshalb sie oft die Zeit vergaß.
Er stieß sich vom Stein ab, sah noch einmal zurück und suchte dann die Mitte der Ackerfurchen. Langsam ging er den sich zur Farm schlängelnden Weg hinunter. Sie würden das Dach der Scheune ohne ihn machen müssen, dachte er. Das jedenfalls schien nun vorbei.
Warum hatte ihn damals keiner nach der Zeit gefragt? Weshalb hatte er sich im Bahnhofskiosk nicht eine Zeitung gekauft oder einfach nur die Toilette aufgesucht?
Er ballte die Fäuste zusammen und schrie es hinaus.
„Du wirst keinen Klotz am Bein haben, Nelly, du nicht!“
Am Abend, als sie alle um den Tisch saßen, achtete er darauf, ob sie ihn vielleicht schon irgendwie anders behandelten. Ihm die Tasse zuschoben oder die Kartoffeln reichten, höflich fragend selbstverständlich.
Doch es war wie immer.
Nelly hatte ihnen also nichts gesagt. Er war froh darüber.
Winnie und Scott machten die üblichen Scherze und brüsteten sich damit, dass sie Nelly in einem Jahr in der Schafschur übertreffen würden.
Die beiden jungen Männer arbeiteten erst seit einem Jahr auf der Farm. Zuerst stand Scott vor der Tür, um nach Arbeit zu fragen. Nelly schickte ihn fort, da die Farm einen weiteren Esser noch nicht abwarf.
Snater hatte dann die Kutsche eingespannt. Zwei Meilen später zog er Scott Breaver auf den Bock und handelte mit ihm einen anständigen Lohn aus, den seine Pension vertragen konnte. Nelly aber wollte seine Almosen, wie sie es nannte, nicht.
„Wir schaffen das schon! Ben und ich schaffen das schon! Mit unserer Hände Arbeit, Vater!“
Erst als er sagte, dass sie sich nichts einbilden müsse, schließlich ginge das Ganze ja von ihrer Erbschaft ab, nickte sie nach kurzem Zögern und verließ die Küche.
Zwei Monate später stieß Winnie zu ihnen, der klugerweise die Zeit aussuchte, in der die Farm die meiste Arbeit hergab.
Im Dachgeschoss der Scheune bauten Scott und Winnie ihre Kammern mit soviel Geschick, dass selbst Nelly mit ihrer Anerkennung nicht zurückhielt.
Der Teufel musste ihn geritten haben, oder wollte er nur ablenken, weil er befürchtete, dass Nelly von seinen Augen anfing? Jedenfalls fragte er, kaum dass Winnie und Scott die Küche verlassen hatten:
„Wann wollt ihr eigentlich heiraten?“
Verdammt noch mal! Drei Jahre hatte er sich zurückgehalten. Drei Jahre hatte er sich gesagt, das ist ihre Sache, da hältst du dich raus, Snater.
Und nun haute er es so plump raus. Es entstand eine lange Pause, er wollte schon abwinken mit der Bemerkung: Schon gut, es ginge ihn ja nichts an, als Nelly langsam aufstand, um den Tisch herumging, sich hinter Ben stellte, ihre Hände auf seine Schultern legte und eine Zärtlichkeit ausströmte, die er bis in seinen Schultern zu spüren glaubte.
„Es ist gut so, wie es ist, Vater.“
Er erhob sich und wusste nicht, ob er sich schämen sollte.
„Ja natürlich, mein Kind. Es ist gut so, wie es ist. Gute Nacht.“
Er konnte nicht gleich einschlafen und starrte in die Dunkelheit. Eine besondere Wärme glaubte er zu verspüren, und er war froh, dass er an etwas teilhaben durfte, dass er so nie kennenlernte. Erst Stunden später fiel er in einen tiefen Schlaf. Helen glitt durch seine Träume, und er wunderte sich, dass sie sich immer weiter von ihm entfernte. Winkte sie ihm? Sie schien ihm zu winken.
Die nächsten drei Tage übte er schon einmal. Er befand sich allein im Haus. Mit geschlossenen Augen nahm er die Treppe, zählte die Schritte zur Küchentür, eckte an und fluchte. Das wiederholte er so lange, bis er das erste Mal seinen Stuhl am Küchentisch erreichte, ohne dass er die Hände voraus hielt und den Türpfosten berührte.
Er schloss die Augen und lehnte sich zurück. Es wird gehen, dachte er. Du wirst blind sein und wirst trotzdem alles sehen. Die ihm verbleibende Zeit müsste reichen. Alles einprägen wirst du dir, das ganze Haus, jeden Gegenstand.
Am dritten Tag beobachtete ihn Nelly. Sie kam vom Feld noch einmal zurück, um neue Scherköpfe zu holen und verfolgte erstaunt, wie ihr Vater mit geschlossenen Augen zwischen Haupthaus und Scheune hin und her lief und dabei die Yards zählte.
Noch am gleichen Abend telefonierte sie mit Dr. Walley in Brighton. Während des Gesprächs beobachtete sie ihren Vater durch das Küchenfenster, der mit Scott die Schafe in die Koppel drückte.
Am nächsten Morgen holte sie Winnie schon eine Stunde früher aus den Federn und trug ihm auf, den Ford zu überholen. Beim Frühstück sagte sie ganz nebenbei:
„Vater, wir fahren gegen Mittag nach Rosslare. Die letzte Fähre geht gegen sechs. Bitte pack ein paar Sachen ein.“
Snater schwieg. Erst als Ben mit Scott schon auf dem Weg zum Feld und Winnies Kopf sich wieder unter der Motorhaube befand, fragte er:
„Was wollen wir in England, Nelly?“
Sie stand wie üblich am Spülstein, wischte die Teller und drehte sich nicht um, als sie ihm antwortete.
„Wir fahren zu Dr. Walley nach Brighton, Vater.“
„Es ist sinnlos, Nelly, das weißt du.“
„Sinnlos? Vielleicht ist es sinnlos. Trotzdem fahren wir.“
Nelly Snater erhob sich von der Holzbank vor dem Arztzimmer und wanderte auf dem Krankenhausflur unruhig auf und ab, bis sie schließlich an der Fensterfront stehen blieb und hinunter zum Strand sah.
Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen über Gischtwellen, die der Golfstrom über die Sandbänke rollen ließ. Sie beobachtete einen Mann, der, begleitet von einem jubelnden Kind, am Strand einen Drachen steigen ließ. Ein Mädchen, wie sie es damals war.
Wie Blitze schossen die Erinnerungen durch ihren Kopf. Sie sah die Klippen von Gardenshoop und den Vater, der mit Mutter durch den Sand kugelte und wie sie selber ausgelassen um beide herumtanzte.
Die Tür hatte sie nicht gehört. Auch nicht den Arzt in ihrem Rücken:
„Mrs. Snater?“
Sie fuhr herum. Noch hielt sie sich am Strand von Gardenshoop auf, brauchte die Sekunde und entschuldigte sich fahrig.
„Verzeihen Sie, Dr. Walley, ich war in Gedanken. Was ist mit meinem Vater? Können Sie noch etwas tun?“
„Kommen Sie, setzen wir uns einen Moment!“
Er nahm ihren Arm und führte sie zurück zur Bank. Er war dick und schwitzte leicht. Gute Augen schauten sie an.
„Ihr Vater lebt bei Ihnen auf Ihrer Farm, mitten in Irland, wie er mir erzählte.“
„Ja, er lebt bei mir. Bitte, Dr. Walley, können Sie meinem Vater helfen?“
„Drei Jahre war ihr Vater hier in der Klinik, drei Jahre lebt er jetzt bei Ihnen. Vom medizinischen Standpunkt ist es erstaunlich, dass es sechs Jahre noch gut gegangen ist. Doch nun ist es soweit. Vier Monate, sechs Monate, vielleicht auch acht, wobei die letzte Phase schon fast völlige Dunkelheit bedeutet. Bevor Sie etwas sagen … Eine vage Möglichkeit gibt es noch. Ich stehe gerade in Verbindung mit Professor Jidsvilää, einer Kapazität aus Finnland. Ich habe ihm bereits vor zwei Stunden gefaxt und erwarte jeden Moment seine Antwort. Dazu bedarf es natürlich auch der Einwilligung ihres Vaters …“
„Was ist das für eine Möglichkeit, Doktor?“
„Langsam, Mrs. Snater! Wir spritzen eine Flüssigkeit zwischen Netzhaut und Lederhaut, und zwar so, dass sie vollkommen die vordere Augenkammer füllt. Jidsvilää hat diese Flüssigkeit entwickelt. Das Krankheitsbild ihres Vaters zeigt positive Ansätze, wie ich meine. Eventuell könnte die Kammer die Flüssigkeit annehmen. Wie gesagt, ich habe alles nach Finnland rübergefaxt. Von der Antwort von Jidsvilää hängt alles ab. Eins noch: Wie alles im Leben hat dieser Eingriff natürlich auch sein Risiko. Es könnte sein, dass Ihr Vater sofort erblindet, und sollte der Eingriff gelingen, dann wäre es auch nur auf Zeit. Ein, zwei Jahre vielleicht. Wir haben da noch keine Erfahrung. Reden Sie bitte mit Ihrem Vater, aber erst morgen früh. Wir haben ihm ein Beruhigungsmittel gegeben. Er schläft jetzt. Haben Sie schon ein Hotel?“
„Ja, die alte Pension, die ich immer hatte.“
„Ich bringe Sie zur Tür!“
„Nicht nötig, Dr. Walley. Sie haben sicher zu tun!“
Sie gab ihm die Hand. Nach wenigen Schritten drehte sie sich noch einmal um.
„Dr. Walley! Sie werden operieren!“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, ging sie den Flur hinunter. Dr. Walley sah ihr hinterher. Eine eigenwillige Frau, dachte er, eigenwillig und von besonderer Schönheit.
Sie sprachen nur wenig auf der Fahrt, und Nelly fragte sich, ob die Entscheidung richtig gewesen war, ihn gegen den Willen von Dr. Walley schon zwei Tage nach der Operation wieder mit nach Hause zu nehmen. Sobald der Verband entfernt wird, möchte ich dabei sein, hatte er gesagt, und es partout nicht verstanden, dass Snater darauf bestand, schnellstmöglich wieder auf Nelly’s Ground zu kommen. Er vermisste seinen Findling, wie er sagte, und überhaupt, Walley habe ja selbst gesagt, dass er im eigentlichen Sinn nicht krank sei, und einen Verband abnehmen, das würde er Nelly schon zutrauen.
„Sie rufen mich aber sofort an!“, hatte Dr. Walley angeordnet. „Und vor dem 5. April werden die Mullbinden nicht angerührt. Versprochen?“
Natürlich hatten sie es versprochen.
Sie sah noch einmal rüber zu ihrem Vater, der alle Augenblicke den Verband in Höhe der Schläfen rieb.
„Ist etwas mit dem Verband, Vater?“
„Nein, es ist nur so ungewohnt. Es pocht etwas. – Du bist gerade in Carlow abgebogen, habe ich Recht, Mädchen?“
Sie lächelte.
„Ja, Vater, du hast Recht. Wir sind gerade in Carlow abgebogen.“
„Es ist doch noch hell. Würdest du mir einen Gefallen tun und mich noch zum Stein bringen, Nelly?“
„Natürlich, Vater, ich bring dich noch zum Stein.“
Der 5. April 2002 verlief etwas anders auf Nelly’s Ground als gewöhnlich. Gleich nach dem Frühstück führte Nelly ihren Vater auf sein Zimmer zurück und legte ihn aufs Bett.
Ben, Winnie und Scott räumten unruhig in der Küche herum und versammelten sich wie zufällig am Fuß der Treppe. Sie warteten stumm auf den ausbleibenden Schrei.
Plötzlich erschien Nelly am oberen Podest, in der linken Hand hielt sie den Verband, in der rechten die Schere. Dann riss sie die Arme auseinander und schrie.
„Er sieht! Ben, Winnie, Scott! Er sieht!“
Irgendwie schien sie verwundert, dass die Männer mit halboffenen Mündern zu ihr nach oben starrten, bis Ben anfing zu klatschen und dann Winnie und Scott.
Sie lief die Treppe runter, küsste Ben und umarmte die beiden Jungs.
„Er braucht jetzt Ruhe. Vierundzwanzig Stunden muss er noch überstehen, hat Dr. Walley gesagt. Bleibt dann alles so, dann können Sie feiern, hat er gesagt. Und wir werden feiern, morgen Abend, Ben, Winnie, Scott, werden wir feiern!“
Sie sah den Männern hinterher, wie sie ausgelassen den Leiterwagen bestiegen, zum Haus hoch winkten, wo er wohl am Fenster stand und ihnen wahrscheinlich zurückwinkte. Und doch konnte sie es nicht verhindern, dass die Stimme von Dr. Walley, der beim Abschied in Brighton sie noch einmal zur Seite genommen hatte, in ihrem Gedächtnis nachklang.
„Sollte es gut gehen, ein Risiko bleibt. Wie ein Blitz kann es ihn treffen, und er ist für immer blind. Ich hoffe, Sie sind dann in seiner Nähe.“
Mit einer Handbewegung wischte sie die trüben Gedanken beiseite, drehte sich lachend um und rannte ausgelassen die Treppenstufen hinauf. Sie fand ihn, wie sie vermutete, am Fenster.
Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn.
„Stell dir vor, Nelly, kein Schleier vor den Augen! Ich sehe keinen einzigen grauen Schleier mehr!“
Die nächsten Tage musste sie ihn förmlich bremsen. Ben erzählte ihr, dass ihr Vater ihm das Ochsengespann geradezu aus der Hand gerissen und ihn lachend zu den Schafen geschickt habe. Heute Morgen musste sie ihn sogar vom Dach der Scheune holen und ihn auf der Veranda in den Schaukelstuhl drücken, in dem er nur unter Protest blieb.
„Ich werde Bäume ausreißen, Nelly Snater!“, rief er zu ihr in die Küche.
Geoffrey Snater schaukelte still vor sich hin und sah lächelnd der Staubwolke entgegen, die Ferguson, den Postboten, ankündigte.
Wie immer nahm Ferguson in einem Bogen den Hof, bremste scharf vor der Veranda, sprang aus dem Wagen und rief:
„Guten Morgen Mr. Snater!“
Er lehnte sich kurz über die Brüstung, langte die Post rüber und tippte sich an die Schirmmütze.
„Dieses Mal ist auch ein Brief für Sie dabei, Sir! Denken Sie an die Briefmarken! Ich sammel Ausland!“
Die Staubwolke musste sich erst verziehen, bevor Snater die Briefe durchblätterte. Der Umschlag war unscheinbar weiß, besaß Übergröße und kam aus Finnland.
„Du hast Post?“
Nelly stand neben ihm und trocknete sich die Hände in ihrer Schürze. Er reichte ihr die Rechnungen, ohne den Blick vom weißen Kuvert zu lassen.
„Ja“, sagte er, „aus Finnland.“
„Von diesem Professor … Walleys Professor … Wie hieß er gleich noch?“
„Er hat keinen Absender, Nelly.“
Er drehte und wendete den Brief, riss ihn auf, entnahm ihm ein Flugticket, legte es auf den Tisch, las die Doppelkarte und las sie noch einmal.
„Vater, was ist?“
Seine Augen suchten irgendeinen Punkt in der Ferne, dann reichte er ihr die Karte und sagte leise:
„Es ist eine Einladung, Nelly.“
Nelly nahm den Brief und las.
Mr. Geoffrey Snater. Dies ist eine Einladung an den Oulujärvi–See in Finnland. Ich würde mich freuen, Sie in meinem Camp begrüßen zu dürfen. Sollten Sie sich für mich positiv entscheiden, nehmen Sie die Maschine laut Flugticket nach Helsinki. Man wird Sie dort abholen.
Juri Basenkow
„Wer ist Juri Basenkow?“
Snater antwortete nicht. Basenkow, dachte er, was will dieser Basenkow? Nach all den Jahren. Nie waren sie sich begegnet. Gleichwohl hatten sie sich respektiert.
„Die Viper“, murmelte er vor sich hin. „Was will die Viper von mir?“
„Was soll das heißen: die Viper, Vater?“
„Wie? … Ach nichts, Nelly, nichts!“
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