Lesprobe
aus Annette Vogelsang: Das Tor zur Wüste. (Auszug aus dem ersten Kapitel)
Stoisch klopfte der Regen an die Fensterscheiben. Nur das Quietschen der Straßenbahn durchbrach das rhythmische Tropfen. Pünktlich, etwa alle fünf Minuten, legte sich die Bahn in die langgestreckte Kurve vor dem Haus. Lea starrte auf die Scheibe, tief in Gedanken versunken. Unmerklich veränderte sich der sommerliche Nieselregen zum Wolkenbruch. Plötzlich prasselte es gegen das Glas, das Zimmer verdunkelte sich. Ein Windstoß drückte das angelehnte Fenster auf. Lea schreckte auf, sprang hoch und wollte zum Fenster. Dabei rutschte ihr der schlafende Kater vom Schoß, fing sich aber noch im Fall und kam instinktiv mit den Pfoten auf. Der Rücken des Katers krümmte sich zu einem Buckel. Noch halb benommen blickte er sie beleidigt aus seinen unergründlichen, grünschillernden Augen an. Dann huschte er lautlos aus dem Zimmer. Lea schloss das Fenster, lächelte und sinnierte über Bibos stressfreies Katzenleben. Er kannte keinen Druck. Wenn sie tatsächlich wieder einmal auf die Welt kommen sollte, dann würde sie am liebsten eine Katze sein wollen. Fast den ganzen Tag schlafen, dann seinen Gelüsten nachgehen und immer wieder schnurrend die obligatorischen Streicheleinheiten einfordern. Statt dessen saß sie nun an ihrem Schreibtisch und starrte auf das leere Blatt. Die Uhr zeigte halb drei. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit, den Text zu schreiben und per ISDN in die Redaktion des Wirtschaftsmagazins nach Frankfurt zu mailen. Sie stellte sich Roland Meyers Gesicht vor. Der Chef vom Dienst des Magazins saß sicherlich schon auf heißen Kohlen. Sie wartete jeden Moment auf seinen Anruf. Und sie hatte noch keine Zeile geschrieben. Warum war sie nur Journalistin geworden? Immer diese Qualen am Anfang eines Textes. Das Recherchieren machte Spaß, die Telefonate, das Herumfahren, der Kontakt mit völlig unterschiedlichen, interessanten Menschen. Und alle paar Tage ein neues Thema. Es wurde nie langweilig. Nur der erste Satz konnte zur Qual werden. Meist versuchte sie sich abzulenken, lief durch die Wohnung, goss die Blumen nach oder zupfte die braunen Blätter heraus. Gerade dann, wenn sie nicht an ihren Text dachte, kam der erste Satz. Sie eilte sofort an den Computer, hämmerte den Satz ein und der weitere Text floss aus den Fingern.
Das Telefon schellte. Fahrig griff sie zum Hörer, fast dankbar für diese Ablenkung.
„Lea Fröhlich, hallo!“
„Ach Gott sei Dank, du bist da. Hier ist Hanna.“
Lea erkannte die flattrige Stimme sofort. Die Mutter ihrer Freundin Sonja wirkte immer besorgt, wenn sie anrief. Es sei denn, sie wollte zum Geburtstag gratulieren oder frohe Weihnachten wünschen. Aber beides traf im Juli nicht zu.
„Hallo Hanna. Du klingst so beunruhigt. Ist etwas passiert?“
„Ich werde bald verrückt vor Angst. Sonja meldet sich nicht. Sie hat sonst immer einmal pro Woche angerufen.“
„Hanna, das ist doch kein Grund, um in Panik zu geraten. Lös dich doch mal von deinen Vorurteilen. Du kannst doch nicht ständig in Angst leben, nur weil Sonja einen Tunesier geheiratet hat und nun in Mahdia lebt. Und du kennst Sonja, wenn es ihr nicht gut gehen würde, hätte sie uns bestimmt etwas erzählt.“
„Dir vielleicht. Aber mir erzählt sie ja immer nur das Nötigste.“
„Ja, so ist das mit den Müttern. Manche Sachen kann man eben besser mit einer Freundin bereden.“
„Trotzdem könnte sie mich öfter anrufen“, raunzte sie zurück. „Glaubst du, es ist einfach, wenn die eigene Tochter ohne Vorankündigung einen Araber heiratet, ein Kind bekommt und dann noch in dieser fremden Welt lebt? Ihr macht es euch immer verdammt einfach.“.
„Hanna, nun reg dich nicht auf. Gut, Sonja hat sich seit über einer Woche nicht mehr gemeldet. Aber du weißt doch selber, wie das mit einem Baby ist. Außerdem wird sie viel durch ihre neue Lebenssituation um die Ohren haben. Ich rufe meine Mutter auch nicht ständig an, sondern nur wenn ich Lust dazu habe.“
„Das ist doch eine ganz andere Situation. Ich sterbe fast vor Angst. Hat sie dir wirklich nicht geschrieben oder vielleicht angerufen? Du kannst es mir ruhig sagen. Ich bin wirklich nicht beleidigt. Ich möchte nur wissen, ob alles in Ordnung ist.“
„Hanna, glaub mir. Ich habe auch schon länger nichts von hier gehört. Bei den Aufträgen, die ich abzuarbeiten habe, bin ich zu nichts gekommen, noch nicht einmal dazu, mit Sonja zu telefonieren. Warum rufst du sie nicht einfach an und fragst was los ist?“
„Ehrlich gesagt, traue ich mich nicht“, stellte Hanna nun beleidigt fest. „Ich mag diesen Rashid nicht. Jedes Mal, wenn der dran ist, könnte ich gleich wieder auflegen. Der ist immer so kurz angebunden.“
„Rashid redet auch mit mir nicht soviel. Er ist nicht der Typ, der sich stundenlang unterhält. Außerdem ist Deutsch nicht seine Muttersprache, so dass er auch nicht so geübt ist“, versuchte Lea zu schlichten. „Denk daran! Er spricht im Moment mehr Französisch und Arabisch als Deutsch“
„Es ist nicht nur Rashid“, gab Hanna verlegen zu. „Sonja fühlt sich immer kontrolliert, wenn ich mit meiner angeblich so besorgten Stimme anrufe und frage, warum sie sich so selten meldet.“
„Hanna, sag ihr doch einfach, dass du sie vermisst.“
Allmählich wurde Lea unruhig. Jetzt telefonierte sie schon eine halbe Stunde und die Zeit huschte davon. Wie sollte sie diesen Artikel bloß noch rechtzeitig fertig bekommen? Sie musste das Gespräch beenden.
„Pass auf! Ich rufe Sonja heute abend an, und anschließend bimmle ich bei dir durch. Ist das in Ordnung?“ wimmelte sie Hanna ab, die natürlich merkte, dass Lea sich nicht länger über dieses Thema unterhalten wollte und inzwischen leicht sauer war.
„Ja, aber bitte vergiss das nicht wieder!“
„Okay. Dann bis später.“
Nun war sie endgültig aus dem Thema. Wütend über sich selbst, drehte sie sich zu ihrem Computer um und erblickte den Kater auf der Tastatur. „Du altes Stinktier. Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst dich da nicht drauf legen“, schimpfte sie. Allein die Tonlage signalisierte Bibo, dass er sich jetzt besser verziehen sollte. Mit zwei Sprüngen landete er auf der Fensterbank. Aus sicherer Entfernung beobachtete er nun sein Frauchen, das immer nervöser wurde. Lea war hin und her gerissen. Ihre Gedanken kreisten. Vielleicht hatte Hanna doch recht? Sonja rief mindestens einmal die Woche an. Schon lange war die Glückseligkeit der ersten Monate mit dem Baby und Rashid vorüber. Und um so länger sie darüber nachdachte, kamen ihr nun doch einige Dinge merkwürdig vor, die Sonja in ihrem Brief geschrieben hatte. Außerdem hatte sie in den letzten Telefonaten über die Ehe und die arabische Welt philosophiert, so dass Lea den Eindruck gewonnen hatte, dass ihre Freundin inzwischen einiges in Frage stellte. Aber richtig matthiashaft schien es Sonja auch nicht gewesen zu sein. Lea glaubte den üblichen Frust von Müttern mit Babys heraus gehört zu haben, aber nichts wirklich Grundsätzliches. Oder doch? In dem letzten Brief hatte Sonja geschrieben, dass ein Neuanfang immer möglich sei, wenn man nur wollte und die Kraft dazu hätte. Hatte da Sonja um Hilfe gebeten? Lea hatte ihr schon mehrfach angeboten, dass sie jederzeit bei ihr wohnen könnte, auch mit Kind. Darauf war Sonja aber zu keiner Zeit eingegangen, sondern sie hatte jedes Mal betont, dass sie Rashid lieben würde. Aber was sollte dann dieser Satz „Die ersten Jahre einer Ehe sind wohl immer die schlimmsten“? So einen Quatsch hatte Sonja doch sonst nicht erzählt. Lea starrte auf ihre Fensterbank. Als ihr Bibo versöhnlich zublinzelte, stand sie auf und ging zu ihm. Zärtlich streichelte sie über seinen Rücken. Ein leises Schnurren drang nun in ihr Ohr, das sie wieder beruhigte. Beim Bewundern der neuen Hibiskusblüten fiel ihr der Artikel ein, den sie immer noch nicht angefangen hatte. Sie blickte auf die Uhr und merkte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Noch vierzig Minuten. Das war nie und nimmer zu schaffen. Sie musste noch eine Stunde herauszuschinden. Sie griff widerwillig zum Telefon.
„Hallo Roland, hier ist Lea.“
„Na bist du soweit?“ schallte es in diesem stressigen Ressortleiterton aus dem Hörer.
„Fast. Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit. Mir ist heute der Computer mehrfach abgestürzt.“
„Wie lange noch?“
„Noch eine Stunde. Dann bekommst du einen Spitzentext.“
„Ich habe es so langsam satt. Immer muss ich diesen Scheiß ausbaden. Jeder Freie denkt, er kann machen, was er will. Und dann stehen alle bei mir auf einmal auf dem Schlauch und stopfen mich voll mit Skripten. Wenn du den Text nicht bis siebzehn Uhr rüberschickst, kannst du ihn gleich für den Papierkorb schreiben. Ist das klar?“
„Ja klar. Also bis dann.“
Nach einem kurzen Klicken hörte Lea schon wieder das übliche Tuten in der Leitung.
Mit pochendem Kopf zwang sich Lea zur Disziplin. Jetzt half nur noch Handwerk. Alle Fakten systematisch und chronologisch runterschreiben und anschließend schleifen. Nach den ersten zwei Sätzen flogen ihre Finger über die Tastatur. Mit jedem Satz wurde sie gelöster. Bald hatte sie ihre 4 000 Zeichen zusammen. Nach mehrfachem Redigieren konnte sie den Text zehn vor fünf in die Redaktion mailen. Mit hochrotem Kopf und einem leichten Ziehen im Nacken schloss sie ihr Tagwerk ab und freute sich, dass sie es mal wieder geschafft hatte. Der Regen hatte aufgehört, eine Fahrradtour zu den Anna-Teichen wäre jetzt genau das Richtige. Vielleicht würde sie noch ein paar Blumen auf der naturbelassenen Wiese pflücken können. Schnell zog sie ihre Turnschuhe an und fuhr dann in den nahe gelegenen Park. Kaum bog sie auf den Waldweg ab, watschelten ihr schon einige Grauganspaare entgegen, die in diesem Sommer die Anlage übervölkerten. Die Wiesen und Bänke waren alle noch nass. Durch die Wolken lugte schelmisch die Abendsonne, als wollte sie beweisen, dass sie noch da sei. Mit einem Taschentuch wischte Lea eine Ecke auf der Bank am Ufer des großen Teiches trocken. Ihr Blick konnte nun wieder schweifen. Langsam schlichen sich die Zeilen von Sonjas Brief wieder in ihre Gedanken.
Es wäre einfach toll, wenn du deinen Urlaub dieses Jahr bei uns in Mahdia verbringen könntest.
Irgend etwas war da im Busch. Das fühlte sie. Hanna machte zwar oft Wind um nichts und für wider nichts. Aber selbst Matthias wirkte unruhig, nachdem sie mit ihm am Sonntag telefoniert hatte. Seit Sonjas Bruder in Bangkok arbeitete, telefonierten sie nur selten mit ihm. Früher waren sie oft zu dritt auf dem Steinhuder Meer segeln. Heute verband sie die jahrelange Freundschaft zwischen Sonja und Lea. Vor allem war Lea meist die Vermittlerin, wenn es Verständigungsprobleme auf familiärer Ebene gab. Lea hatte in den zwanzig Jahren dieser Freundschaft einfach den besseren Draht zu Sonja als Hanna und Matthias entwickelt. Fast zwei Wochen nun schon keine Nachricht von Sonja, das war auch Matthias etwas suspekt. Aber wie immer beschäftigte er sich lieber mit seinen Computeranlagen, als sich um zwischenmenschliche Beziehungen zu kümmern. Außerdem war ein Anruf bei Lea immer einfacher. Hanna und Matthias hofften, dass Lea Sonja schon vermitteln würde, dass inzwischen alle auf eine Nachricht warteten. Es war schon eine verrückte Familie. Sie gehörten aber genauso zu ihrem Leben wie ihre zurückgezogen lebenden Eltern und ihr arbeitsamer Mann Hans, der den ganzen Tag vor seinem Computer hockte und in einer Festanstellung als Korrespondent wie eine Ameise Text um Text produzierte.
Bei dem Gedanken an Hans musste Lea grinsen. Es war bestimmt schon nach sechs Uhr. Hans wird sich wie jeden Tag in die dritte Etage ihrer Altbauwohnung geschleppt und laut stöhnend seine Aktentasche im Flur stehen gelassen haben. Mit letzter Kraft wird er sich in sein Arbeitszimmer gequält haben, um den Anrufbeantworter abzuhören. Vielleicht ist er noch in der Küche gewesen und hat sich ein paar Schnittchen gemacht. Aber mit aller größter Wahrscheinlichkeit wird er inzwischen auf dem Sofa vor dem Fernseher liegen. Sein angewinkelter linker Arm wird seinen Kopf stützen, und er wird sich von irgendeinem Reporter berieseln lassen. Dieses Ritual hatte er sich in den letzten Jahren seiner Festanstellung angewöhnt. Als Freiberufler mit eigenem Tagesrhythmus hatte er diese Form der Entspannung nicht gebraucht, um seinen Kopf wieder frei zu bekommen. Sobald er freie Tage oder Urlaub hatte, sprudelte er auch heute noch über von Ideen und war wie ausgewechselt. Eigentlich wünschte sich Lea nichts sehnlicher, als mit Hans gemeinsam zu Hause arbeiten zu können. In diesem Jahr hatten sie noch nicht einmal eine gemeinsame Reisereportage gemacht. In Marokko waren sie zusammen das letzte Mal vor zwei Jahren. Jetzt lebte Sonja bereits seit einem Jahr in Tunesien, und sie hatte sie immer noch nicht besucht.
Die Sonne war plötzlich hinter den Bäumen des Stadtwaldes versunken. Lea fing an zu frösteln. Ein bisschen steif schwang sie sich auf ihr gelbes Fahrrad und radelte durch die Abenddämmerung. Zum Blumen pflücken hatte sie sich nicht mehr überreden können. Auf ihrem Weg nach Hause kam sie durch eine Gartenkolonie, die direkt an einem Bahndamm lag. Die Strecke war am Tag stark befahren. Alle zehn Minuten rauschte ein Nahverkehrszug vorbei. Doch die Gartenbesitzer schien es nicht zu stören. Auch der feuchte Sommer schreckte sie nicht ab. Kaum hatte der Regen aufgehört, trieb es sie in ihr Reich. Gemütlich hockten sie vor ihren Gartenhäuschen. Einige hatten schon den Grill angezündet, und der Duft von Rauch und gegrilltem Fleisch hing in der Luft. Gegen das Frieren halfen Sitzpolster und ein paar Bierchen. In einer kleinen Parzelle war noch eine ältere Frau dabei, ihre Blumen zu stützen. Vor allem der Rittersporn war vom nachmittäglichen Wolkenbruch geknickt worden. Auch die blauen Akeleien und die weißen Margeriten ließen die Köpfe hängen. Nur die Gänseblümchen leuchteten frisch und munter auf dem Rasen. Die wundervolle Farbenpracht und das leichte Durcheinander der verschiedenen Blumenbeete dieses kleinen Bauerngartens hob sich erfrischend von den ordentlich gepflasterten Wegen, den quadratisch abgesteckten Rabatten und den in Reih und Glied stehenden Gartenzwergen der Nachbargrundstücke ab. Nur noch einige Meter, dann kam das Tor. Beschwerlich und quietschend ließ es sich öffnen. Kaum war Lea wieder auf dem Hauptweg zur Straße, wurde es schon merklich angenehmer. Sie spürte die Wärme der Stadt. Die Kühle des Waldes war schnell vergessen, als sie sich ins Zeug legte und zügig in die Pedale trat. In den letzten Jahren war sie oft mit Sonja mit den Fahrrad unterwegs gewesen. Beide fuhren dann immer um die Wette. Selbst Einbahnstraßen wurden missachtet, so dass sie des öfteren von der Polizei angehalten worden waren. Eigentlich schade, dass diese gemeinsamen Ausflüge nicht mehr möglich waren. Nach zehn Minuten öffnete Lea atemlos die große braune Haustür, trug ihr Rad in den Keller und lief nach oben. Gleich würde sie mit Sonja telefonieren.
Die Treppe machte ihr zu schaffen. Als sie ächzend in den Flur trat, winkte ihre Hans auf dem Sofa liegend mit seinem typischen Grinsen zu. „Na, wo hast du dich wieder rumgetrieben?“
„Wo schon. Ich war mit dem Fahrrad im Park und in der Gartenkolonie. Wir müssen dort morgen unbedingt hin. Auf der Wiese stehen tolle Blumen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand Lea in ihrem Arbeitszimmer. Nachdem sie ihren Telefonbeantworter abgehört hatte, suchte sie die Nummer von Sonja heraus. Nach dem Wählen wartete sie leicht aufgeregt auf das vertraute Tuten. Den Hörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt, zupfte sie in der Zwischenzeit eine eingeschlafenen rote Blüte von dem Hibiskus auf ihrem Schreibtisch ab. Als ihr eine kratzende arabische Frauenstimme entgegenschlug, wurde sie konzentriert. „Parlez-vous francais, Madame?“
„Non …“ Den arabischen Satz konnte sie nicht deuten. Sie versuchte es noch einmal.
„Je voudrait parler Sonja. Elle est lá?“
„Rashid … Sousse“ Wenn sie das richtig interpretierte, war Rashid mal wieder in Sousse unterwegs und Sonja auch.
„Merci Madame. J’essaye encore une fois. Au revoir.“
Vielleicht sollte sie es lieber morgen früh in seinem Büro versuchen. Jetzt musste sie nur noch Hanna benachrichtigen. Hanna hatte schon versucht anzurufen. Sie war im Laufe des Tages noch nervöser geworden. Lea konnte sie nur schwer auf morgen vertrösten. Anschließend suchte sie sich auch ein Plätzchen auf dem Sofa und schmiegte sich an Hans.
Im Fernsehen lief einer dieser typisch amerikanischen Actionfilme. Ein Gangsterpaar war auf der Flucht vor der Vorstadtmafia. Kim Basinger spielte die gutaussehende Gangstergattin, die sich als perfekte Schützin mit sicherem Instinkt für Gefahren auszeichnete. Jeder Schuss saß. Selbst als zwei Angreifer sie in die Zange nahmen. Doch so richtig war Lea nicht bei der Sache. Sie grübelte darüber, ob sie nicht doch nach Tunesien fahren sollte. Gerade jetzt wäre die passende Gelegenheit. Sie hatte ihre Aufträge abgearbeitet und bis zum nächsten Produktionstermin waren es noch drei Wochen. Also hätte sie zwei Wochen fahren können und hätte dann noch gut eine Woche gehabt, um ihre Artikel rechtzeitig abliefern zu können. Noch in der Überlegung wandte sie sich an Hans.
„Hanna hat heute angerufen. Sie macht sich Sorgen, weil Sonja seit über einer Woche nicht angerufen hat. Bei mir übrigens auch nicht.“
„Warum hast du sie nicht angerufen? Das ist doch wirklich untypisch für euch.“
„Stimmt. Es war ganz schön viel zu tun.“
„Was soll ich dazu sagen. Freundschaften sind wichtig. Außerdem waren in Sonjas letztem Brief einige Andeutungen, wenn ich mich recht erinnere, die dich hätten stutzig machen müssen. Ruf Sie doch an und frag sie, ob sie nicht mal wieder nach Deutschland kommen möchte.“
„Das Angebot habe ich ihr schon öfter gemacht. Sie ist nie darauf eingegangen, sondern sie hat mich vor zwei Wochen gefragt, ob wir nicht unseren Urlaub in Tunesien verbringen wollen.“
„Du, ich habe mir noch gar keine Gedanken gemacht, wo ich hinfahren möchte. Ich habe im Moment so viel zu tun, dass ich dafür keine Zeit habe. Wir sollten in nächster Zeit mal wieder eine Urlaubsplanung machen.“
„Das können wir gerne machen. Aber ich glaube, ich sollte zu Sonja fliegen. Seit ich mit Hanna telefoniert habe, bin ich ganz unruhig.“
„Ruf doch erst mal an.“
„Ja, du hast recht.“
„Jetzt lass uns den Film weitergucken, der ist gerade spannend.“ Als sich Lea erneut an Hans kuschelte, schlief sie nach fünf Minuten ein, wie jedes Mal bei dieser Art von Filmen.
Am anderen Morgen schien seit langem mal wieder die Sonne. Leas Stimmung hellte sich gleich auf. Sie bereitete wie jeden Morgen ihren Assam-Tee, saß in der kleinen Küche und nahm sich Zeit, die Tageszeitung zu lesen. Der Kater lag in der Fensterbank und putzte sein eisgrau getigertes Fell. Sehen konnte der arme Kerl nichts, weil die Scheiben aus Milchglas waren. So blieb ihm nichts anderes übrig, als Lea zu fixieren, die langsam ihren Tee schlürfte und die Zeitung durchblätterte. Im Sommerloch wurden doch immer wieder die alten Geschichten rausgekramt. Maschseefotos. Dieses Jahr überwogen die Regenschirmbilder. In der Politik gab es auch nicht viel Neues. Sogar um den Kanzler war ein wenig Ruhe eingekehrt. Seiner Popularität schien es auch keinen Abbruch zu tun, dass er inzwischen wie sein Vorgänger Probleme aussaß. Der Tee zeigte schnell seine Wirkung, auch die letzte Müdigkeit war verschwunden.
Mit Elan griff sie in ihrem Arbeitszimmer zum Telefonhörer und tippte Rashids Büronummer. Sie erkannte seine Stimme sofort.
„Rashid, hier ist Lea. Wir geht es euch?“
„Hallo Lea. Was treibt dich dazu, schon so früh anzurufen?“
„Ich habe gestern mit Hanna telefoniert, die macht sich Sorgen, weil Sonja sich nicht gemeldet hat. Ich konnte euch gestern nicht erreichen …
Am anderen Ende der Leitung war es für einen Moment still. Rashid antwortete zögerlich: „Ihr scheint einen siebten Sinn zu haben.“
„Was soll das heißen?“ Lea wurde misstrauisch.
„ Mir und der Kleinen geht es gut. Was Sonja macht, weiß ich nicht“, druckste Rashid herum.
„Wieso weißt du das nicht?“ fragte Lea energischer nach. Ihr ging diese Art auf die Nerven. Es reichte schon, dass sie in ihrem Job, den Leuten alles aus der Nase ziehen musste.
„Mir scheint, dass sie sich bei dir auch länger nicht gemeldet hat“, redete Rashid weiter um den heißen Brei herum.
„Jetzt reicht es mir aber. Was ist los?“
„Ich habe seit vier Tagen nichts von ihr gehört“, antwortete Rashid etwas unsicher.
| Zum Autorenprofil |
