Leseprobe
Leseprobe aus Daniel Mylow: Das Mädchen im Moor.
Kriminalroman
1
Sylvie
Einmal, in der Nacht, wachte sie auf. Das Dunkel um sie herum war so klar, die Motorengeräusche flüsterten geisterhaft in das blasse Weiß der Stille über dem Schnee, Baumkronen strebten in das schwarz umrissene Nichts des Horizonts, als wären sie längst davongetrieben in eine andere Welt, in eine andere Zeit. Auch wenn sie noch atmeten und sich ihre Körper noch körperhaft anfühlten, so spürten sie doch tief in ihrem Innern, wie sterblich die Tage von nun an waren.
Jan antwortete nie auf ihre fragenden Blicke. Während sich die weiße Fläche rechts und links der Straße zwischen schmutzigen Lichtschimmern bis an den Horizont dehnte, glaubte Sylvie zu verstehen, was Jan meinte, als er sie gefragt hatte, ob sie heute Nacht dabei wäre, bevor er sich umgedreht hatte und gegangen war.
Sylvie malte Schattenzeilen auf das beschlagene Fensterglas des Autos und sah zu, wie die Umrisse der Buchstaben im Lichtmaß des Himmels über einer Landschaft verschwanden, die ihr sagte, dass es nie möglich war, über die Gegenwart hinauszugelangen.
Das Auto raste in den Winterabend. Über Kais Gesicht, der auf der Rückbank schlief, wanderte das Scheinwerferlicht der entgegenkommenden Autos, ein Gespinst verirrt blinkender Lichtranken, in dem sich ihr Blick verfing. Jan sprach kein einziges Wort, die schmalen Lippen zu einem Strich zusammengepresst, den Blick starr geradeaus gerichtet, wie auf dem Sprung zu fernsten Ländern.
Das Auto hielt. Jan stieß Kai derb in die Seite.
„Wir sind da“, zischte er.
Das fahle Licht der Laternen sog ihre Schatten auf. Endlose Reihenhausfassaden schälten sich aus einem Geflecht verwirrender Geraden. Dort, wo sie sich in der weißgrauen Nachtluft verloren, schlüpften sie durch winterliche Gärten und bald darauf durch ein Gartentor.
Sekunden später durchschnitt ein gedämpftes Bersten die Vorortstille. Licht erhellte die Fenstergitter eines gegenüberliegenden Hauses. Kai presste Sylvie an die Wand.
„Pst!“
Sie spürte seine schwitzende Handinnenfläche auf ihren Lippen. Seine Armbanduhr zeigte zwei Uhr morgens.
Jan war bereits im Flur. Sein regloser Schatten zeichnete sich im Rauchglas der Wohnzimmertür ab. Das Licht verschwand. Die offene Terrassentür bewegte sich in einem plötzlichen Luftzug. Sie warteten. Als sich Jans Schatten langsam aus dem Glas löste, verteilten sie sich im Haus. Ihre Bewegungen glichen denen ferngesteuerter Marionetten. In einem präzisen Mechanismus bewegten sie sich durch die Räume des Hauses, ohne sich zu begegnen. Schranktüren und Schubladen öffneten sich geräuschlos.
Sylvie blieb am Fenster. Wenn etwas ungewöhnlich war, würde sie ein kurzes Signal geben. Sie hatten es in Kais Wohnung oft genug probiert. Es fiel nicht heraus aus den Geräuschen der Nacht. Als würde in der Ferne ein Zug vorüberfahren oder ein Insekt mit seinen Flügeln schwirren. Sylvie hatte entdeckt, dass man mit einem Glasschneider auch noch ganz andere Laute produzieren konnte.
Jan sah immer wieder auf die Uhr. Er gab sich nicht mehr als zwei Minuten für jeden Raum. In der oberen Etage folgte ihm Sylvie wie ein Schatten. Von den Fenstern aus konnte man zwei, drei Straßen gleichzeitig überblicken.
Das Haus war eine gute Wahl. Kai hatte einen ordentlichen Job gemacht. Eine Woche hatte er sich hier herumgetrieben. Hatte Hannover und das ganze Umland ausgeguckt.
Er bückte sich. Der Sekretär vor ihm sah aus, als hätte er ein geheimnisvolles Innenleben. Mit den Fingerknöcheln schlug er leicht gegen das Wurzelholz. Er tastete nach einem verborgenen Mechanismus unter der Bodenplatte, als er das Geräusch hörte. Drei lang gezogene Töne, die in der Luft zu vibrieren schienen. Jan hielt inne. Er biss sich auf die Unterlippe. Seine Augen suchten Sylvie am Fenster. Langsam stand er auf. Sylvies schmales blasses Gesicht löste sich aus der Dunkelheit. Seit letzter Woche trug sie ihr Haar ganz kurz. Er mochte das. Sie sah ihn an. Er hörte ihr leises Atmen.
„Polente?“
Sie nickte.
„Ich geh raus“.
Sie stellte sich ihm in den Weg. So wie vor einem Jahr im Blue Shell, als er mit einem abgebrochenen Flaschenhals vor Hermann, dem unverbesserlichen Altnazi, stand.
„Was willst du denen sagen?“
Sylvie hatte diesen Blick. Diesen Blick aus ihren schmalen, scharf geschnittenen Augen, der das Licht verspielt streifte und es gebrochen ziehen ließ. Es wird immer eine Grenze geben, hatte er in den zwanzig Jahren seines Lebens bisher gelernt. Aber diese Augen sagten etwas anderes.
„Dass ich eine Panne hatte. So was. Irgend so was.“
Er wartete darauf, dass sie etwas sagte. Er wollte hören, dass das ein guter Einfall sei. Wie verdammt gut seine Einfälle immer seien. Eigentlich wusste er, was sie sagen würde. Dass er die Bullen unterschätzte. Dass er sie immer unterschätzte. Aber sie sagte gar nichts.
Kai stand plötzlich im Türrahmen.
„Mach hin“, sagte er nur.
Jan verschwand mit einem Blick auf Sylvie durch den Garten. Kai sah sie ausdruckslos an.
„Es wäre besser, du hättest die Schule nicht geschmissen. Wäre besser, du wärst nicht hier. Du bist doch erst sechzehn. Warum machst du so was?“
„Was weißt du schon. Ich langweil mich.“
Kai kam einen Schritt auf sie zu.
„Es gibt genug Dinge, die man tun kann.“
„Ich hab mich immer gelangweilt. Das war nie anders. Das Leben ist eben so. Das hat mein Bruder auch gesagt. Und überhaupt: Was machst du dann hier?“
„Ich hab nichts anderes gelernt. Find du mal n‘en Job als Schreiner in unserer Gegend, bei der Arbeitslosigkeit.“
Er stand plötzlich neben ihr.
„Hast du Angst?“
„Warum sollte ich Angst haben? Jan wird das schon regeln.“
Den letzten Satz presste sie fast unhörbar zwischen ihren Zähnen hervor.
Kai sah sie mit einem eigentümlichen Ausdruck seiner hellen Augen an.
„Das mein ich nicht“, sagte er, während er in die Nacht starrte.
Jan folgte den schmalen Verbindungswegen zwischen den Häusern und lief in einem großen Bogen um das Viertel. Muster aus verwehtem Laub bedeckten den Asphalt. Er bahnte sich einen Weg durch eine dichte Reihe von Büschen. Der aufziehende Nebel gefror zu winzigen Eiskristallen. Weiße Flechten standen in der Luft, als er das Ende der Straße erreichte. Er stellte den Kragen seiner Lederjacke hoch und zündete sich eine Zigarette an. Mit raschen Schritten näherte er sich dem Ford Taunus.
Zwei Polizisten standen um den Wagen. Ein Streifenwagen parkte wenige Meter weiter auf der anderen Straßenseite.
Die Polizisten blickten auf. Es schien, als warteten sie auf ihn. Er gab seinem Gesicht einen überraschten Ausdruck, als er vor ihnen stehen blieb.
„Gehört Ihnen der Wagen?“
Der Kleinere von beiden, ein untersetzter Stiernacken von vielleicht vierzig Jahren, baute sich vor ihm auf. Der andere, ein schlaksiger, noch sehr junger Polizist, sah ihn aufmerksam an.
„Ja. Das ist meiner“, antwortete Jan langsam.
„Zulassung, Ausweis und Führerschein bitte“, sagte der Stiernacken in knappem Befehlston.
Jan gab ihm seine Brieftasche. Der Polizist reichte sie weiter an seinen Kollegen.
„Überprüf das mal.“
Während der Jüngere um den Wagen herumging und sich zu dem Nummernschild beugte, fragte der Ältere ihn:
„Und was machen Sie um diese Zeit hier?“
„Die Karre springt nicht mehr an. Ich bin bestimmt ‘ne Stunde oder mehr durch die Gegend gelaufen. Aber keine Tankstelle oder so was weit und breit.“
„Was hat er denn?“, fragte der Schlaks, während er mit einer Taschenlampe in das Wageninnere leuchtete.
Jan zuckte mit den Achseln.
„Wenn ich das wüsste. Sie könnten mich nicht vielleicht mit in die Stadt nehmen?“
Der Stiernacken grinste.
„Sehen wir vielleicht aus wie ein Taxi?“
Er wandte sich zu seinem Kollegen.
„Und?“
„Alles in Ordnung“, sagte der gedehnt, während seine braunen Augen Jan fixierten.
Sie sahen ihn beide an. Jan wusste, dass das der entscheidende Moment war. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Er rieb die Handinnenflächen gegeneinander.
„Verdammt kalt heut Nacht, was?“
„Nicht kälter als gestern Nacht und die Nacht davor auch“, erwiderte der Stiernacken ungerührt.
Der junge Polizist öffnete die Fahrertür. Seine hagere Gestalt verschwand im Wageninneren. Jan sog an seiner Zigarette, ohne zu merken, dass sie erloschen war. Der Stiernacken beäugte ihn misstrauisch.
„Was macht einer wie Sie um diese Zeit in dieser Gegend, so weit weg von zu Hause?“, fragte er.
Was geht dich das an, Arschloch, dachte Jan. Er lächelte dem Polizisten ins Gesicht.
„Ich bin Fotograf. War auf einer Kunstausstellung in Kassel. Morgen hätte ich eigentlich ein Shooting in Osnabrück. Na ja, und vorher hätte die Neue Presse noch was für mich gehabt. Ein Hotel kann ich mir nicht leisten., deshalb dachte ich, ich leg mich vor dem Pressehaus in meinem Auto noch ein wenig aufs Ohr. Aber so weit bin ich ja nicht mehr gekommen ...“
Verdammt, jetzt reicht es aber, dachte Jan. Er ballte die Faust in seiner Jackentasche. Die Polizisten starrten ihn noch immer an.
„Ja, ist nicht einfach heutzutage“, sagte der Jüngere, während er Jan die Papiere zurückgab.
„Ist ja bald Morgen“, ergänzte der andere. Er richtete seinen starren Blick in den Fond des Wagens.
„Ja“, sagte Jan, „werd mich wohl noch etwas aufs Ohr hauen. Morgen schau ich dann mal nach einer Werkstatt, denke ich.“
Die Polizisten stiegen grußlos in ihren Wagen. Jan kletterte auf die Rückbank seines Autos. Die Rücklichter des Polizeiautos flammten auf. Dann war der Wagen in der lautlosen Nacht verschwunden.
Das Licht hatte winzige Höfe aus Schatten im Raum ausgesetzt. Sylvie spürte kleine Schweißtropfen auf ihrem Nacken, während sie mit ihren Blicken den wahllos gezogenen Linien der Sonnenstrahlen auf dem Linoleumboden, den Wänden und Möbeln und auf den achtlos im Zimmer verstreuten Kleidungsstücken folgte.
Es musste später Vormittag sein, flüsterte es in ihrem Kopf, während ein Rascheln wie von altem Laub über den Hof fegte und sie sich an einen Morgen im August erinnerte, einen Morgen, an dem sie nach einer durchtanzten Nacht in einem alten Fabrikgebäude erwacht war und plötzlich wusste, dass sie, wenn sie hier blieb, für immer unentdeckt bleiben würde; für einen Augenblick war ihr Leben wie eine endlose, im Sonnenlicht schimmernde Wasserfläche, und sie war bereit zu tauchen und nicht wieder hochzukommen an diesem einzigen Morgen in ihrem Leben, an dem sie sich vor nichts gefürchtet hatte .
Sie hob den Kopf. Neben ihr im Bett lag Kais massiger nackter Körper, von konvulsivischen Schnarchwellen geschüttelt, die das Bettgestell in das Zentrum einer sanften Dünung hoben und den ganzen Raum in Bewegung zu versetzen schienen.
Auf einem Sessel am Fenster schlief Jan, die dunklen, lockigen Haare an die hohe Stirn geklebt, halb angekleidet rann ihm ein Speichelfaden aus dem Mundwinkel, der spöttisch zu lächeln schien, vielleicht über das Chaos aus leeren Flaschen und schmutzigem Geschirr am Boden oder das ungleiche Paar im Bett. Flackernde Blüten aus Licht huschten vorbei. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder, dann kroch sie langsam aus dem Bett, während ihre Hände sich krampfhaft am Boden festzuhalten versuchten und sie sich schließlich auf der Mitte des Weges zum Bad in die dort am Boden stehende offene Reisetasche erbrach. Schweigend betrachtete sie später ihr Gesicht im Spiegel, das sie für einen Moment wiedersah, wie zwei Liebende einander wiedersahen, und dass dann wieder so weiß wurde, dass es der Staub des Tages auszulöschen schien. Dieses Gesicht. Sie tastete mit den Händen über das Glas, tastete über ihre schmalen, dichten Brauen, sah durch ihre Finger auf ihre grünlich schimmernden Onyxaugen unter den langen Wimpern, Augen, die immer so leuchteten, als hätte die Sonne sie aus kleinen Funken geformt, hatte Jan gesagt, weiter über ihre kleine, schmale Nase, alles in diesem Gesicht ist schmal, dachte sie, als ihre Fingerspitzen über das unmerklich aufgeworfene Oval ihrer halb vollen Lippen tasteten und weiter über das kleine Grübchen über ihrem runden Kinn und zurück an den hohen Wangen entlang zu der weichen Haut ihrer Stirn, über der eine kaum sichtbare Falte in den dunklen Strähnen ihres Haaransatzes verschwand.
Unten von der Straße klang das dunkle, grollende Geräusch der vorüberfahrenden Lastwagen, und ohne den Kopf zum Fenster zu wenden konnte sie den niedrigen Horizont über den Backsteinen der Häuser sehen, das ewige Zwielicht in den Straßen zwischen Stadtrand und Zubringerstraße, die Krähen auf dem lehmigen Gürtel des Brachlands, das sich bis zum Moor zog, dort, wo der Himmel plötzlich eine andere Farbe annahm, so eine Farbe, als wäre ein Meer aus Flaumfedern an ihm haften geblieben.
Meine Seele zerspringt. Noch während Sylvie das dachte, stieg der Druck in ihrem Kopf unerträglich an, ihr Gesicht schmerzte und verschwand aus dem erblindenden Spiegel, der ihre zu Boden sinkende Gestalt freigab. Sie spürte die herrliche Kühle der Fliesen, die ihren wie von einer giftigen Flüssigkeit durchtränkten Körper aufnahm, bis sie unter dem unerträglichen Kopfschmerz wieder langsam Atem holen konnte und einschlief.
Als sie erwachte, war es später Nachmittag. Kai und Jan saßen am Tisch. Eine Wäscheleine war quer durch den Raum gespannt. Die darauf aufgespannten Geldscheine flatterten im Luftzug.
„Waschtag“, sagte Kai.
Er starrte sie an.
„Irgendjemand hat in die Tasche gekotzt. Alle Farben. Aber das hier auf dem Tisch hat Clementine schon keimfrei geschrubbt. Willst mal sehen?“
Er wies mit einer ausladenden Handbewegung auf den Haufen Schmuck und Uhren auf dem Küchentisch.
„Was für einen Tag haben wir?“, fragte Sylvie.
„Ist immer noch der 20.Januar 1979, Baby. Und der spanische Außenminister beendet seinen dreitägigen Besuch in der UdSSR, ist das nicht spannend?“
Im Hintergrund lief das Radio.
„Sollte mich das interessieren?“
„Zieh dir was an“, sagte Jan mit schneidender Stimme.
Kai grinste.
Erst jetzt registrierte sie, dass sie nackt war. Wütend schmiss sie die Badezimmertür hinter sich zu.
Ihre Sachen hingen an einem Haken neben der Badewanne. Sie konnte sich an nichts erinnern, was in den letzten Stunden passiert war. Wo war sie überhaupt? Wem gehörte diese Wohnung?
Sie stieg in die Badewanne und ließ den kalten Strahl des Wassers über ihren Körper rinnen. Das Wasser verhärtete sich. Die Tropfenbahnen bildeten gefrierende Spuren über dem blauen Schimmern ihrer Adern. Wie kleine Glocken perlten sie auf ihren Brüsten, ihren Schultern, den Oberschenkeln, nur dass man ihren Klang nicht wahrnahm. Und ihr Gewicht nicht, das sie schmerzte. Das Wasser verschwand in fliehenden Rinnsalen im Ausguss, als wäre nichts geschehen.
Sie setzte sich zu den anderen an den Tisch.
„Kannst dir was aussuchen“, sagte Kai gönnerhaft.
„Niemand sucht sich was aus. Das Zeug verschwindet. Und in einem Jahr, wenn es sicher ist, bringen wir es an den Mann.“
„Wozu fahren wir dann so weit weg von hier, wenn es nicht sicher ist?“
„Es wird so gemacht, wie ich es sage.“
Kais Miene verfinsterte sich. Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche.
„Schick die Kleine raus.“
„Ich geh nicht raus“, sagte Sylvie.
„Ich sagte, schick die Kleine raus“, wiederholte Kai.
„Geh raus“, bat Jan.
„Ich geh nirgendwohin“, erwiderte Sylvie.
Kai erhob sich schwankend.
„Und ob du jetzt rausgehst. Du dürftest überhaupt nicht hier sein.“
Einen Augenblick war es still. Jan konnte Sylvies Atmen hören. Kai gab einen grunzenden Laut von sich. Er schleuderte die Flasche gegen die Wand, wo sie zerplatzte.
„Ihr verdammten Penner verlasst sofort meine Wohnung! Raus! Ich will keinen von euch mehr sehen. Verpisst euch!“
Er packte den Stuhl und baute sich drohend vor Jan und Sylvie auf.
„Worauf wartet ihr? Raus!“
„Beruhig dich“, sagte Jan.
„Ich soll mich beruhigen? Immer geht alles nach deiner beschissenen Fresse. Das reicht mir jetzt!“
Kai holte zum Schlag aus. Der Stuhl zerbarst auf dem Boden.
Diesen Augenblick nutzte Jan. Ein gezielter Fausthieb traf Kai oberhalb der Schläfe. Er röchelte und fiel mit dem Gesicht auf die Bettkante. Stöhnend hielt er sich das Gesicht. Er streckte die Hände empor und sah das Blut das von seinen Fingern rann. Wimmernd begann er, das Laken zu zerfetzen. Sein Körper wand sich auf dem Bett.
„Tut mir leid, tut mir so leid“, wimmerte er.
„Der hat sich gleich beruhigt. Hol ihm ein Pflaster, der blutet ja alles voll“, sagte Jan.
Er beugte sich über Kai.
Es klopfte an der Tür. Jan und Sylvie sahen sich an.
Zum ersten Mal seit heute Morgen nahm sie die Geräusche auf der Straße unter der Wohnung wahr. Dann das Summen der Heizkörper. Das Tropfen eines Wasserhahns. Jan legte den Kopf an die Tür.
„Ja?“
„Heinz. Mach die verdammte Tür auf.“
Jan öffnete die Tür.
„Was ist passiert?“
Ein großer, extrem dünner Mann mit einer roten Wollmütze auf dem Kopf stand am Bett. Eine Zigarette hing ihm im Mundwinkel seiner aufgerissenen Lippen. Die langen grauen Haare des Mitfünfzigers fransten wirr über seine flache Stirn. Er hatte große, abstehende Ohren und schmale blaue Augen, die aus einem narbigen Gesicht leuchteten.
„Was starrst du mich so an?“, wandte er sich zu Sylvie. „Sehe ich aus wie der Weihnachtsmann?“
Ein krächzendes Lachen, unterbrochen von einem Hustenanfall, schallte durch den Raum.
Sylvie lief ins Bad und kehrte gleich zurück. Sie setzte sich zu dem noch immer wimmernden Kai auf das Bett.
„Sieht beschissen aus“, sagte Heinz. Er starrte auf das Loch in Kais Gesicht, wo das Blut wie ein Kessel voll Teer in der rechten Augenhöhle stand.
Sylvie zog Kai ins Bad.
„Was ist passiert?“, wiederholte Heinz.
„Kai hatte einen Ausraster“, entgegnete Jan.
„Das muss aufhören. Sonst ist er raus, klar?“
Jan nickte.
„Ich meld den Wagen um und lass ihn neu lackieren. Sicher ist sicher. Bring das Zeug morgen in meine Werkstatt.“
Er stutzte.
„Was soll die Scheiße?“
Er blickte verdutzt auf die Wäscheleine über seinem Kopf.
„War ein bisschen feucht gestern Abend. Die Kumpel dürften aber inzwischen trocken sein.“
„Hab ich ‘ne verdammte Schürze an, oder was?“, schnauzte ihn Heinz an.
„Bring mir meinen Anteil morgen in die Werkstatt. Ich vertrau dir. Auch wenn wir nicht dieselben Frauen pimpern.“
Heinz lachte dröhnend über seinen Scherz.
„Apropos: Wie war sie?“
„Sie hat ihren Job gemacht. Sie hat unsere Ärsche gerettet.“
„Sie hat … Das ist gut. Das ist wirklich gut.“
Ein Hustenanfall unterbrach sein wieherndes Lachen, mit dem er zur Tür hinaus verschwand.
Sylvie kehrte mit Kai aus dem Bad zurück. Ein großes Pflaster klebte ihm über der rechten Augenbraue.
„Er hat Glück gehabt. Muss nicht genäht werden“, sagte sie.
„Es–“, setzte Kai an.
„Du hältst für den Rest des Abends die Fresse, klar?“, fuhr ihn Jan an.
„Und jetzt ist aufräumen angesagt. Die Wäsche kannste allein abnehmen. Sind genau 1500, dein Anteil. Und verzähl dich nicht, mit einem Auge.“
„Jan?“
„Ja?“
Seine Gesichtszüge wurden weicher, als er sich zu Sylvie wendete.
„Kannst du mich morgen früh nach Hause fahren? Meine Eltern kommen morgen zurück, die sollen nicht merken, dass ich weg war.“
Jan schüttelte den Kopf.
„Geht nicht. Heinz hat den Ford mitgenommen. Aber fünfhundert Meter die Straße runter zum Klärwerk ist ‘ne Haltestelle.“
Sie sprachen nicht mehr viel an diesem Abend. Nicht mehr als sonst auch. Meist trafen sie sich hier in Kais Wohnung, weil die anderen alle noch zu Hause wohnten. Heinz gehörte nicht zu ihrer Clique, aber er hatte einen Bungalow mit Schwimmhalle und zwei Sportwagen, mit denen er den jungen Mädchen imponierte. Nur wenn ein Ding anstand, dann waren sie eine kurze Zeit zu viert, um sich danach genau so rasch wieder unter die anderen zu mischen. Die anderen, das waren ein paar ehemalige Klassenkameraden, die genau wie sie versuchten, die Zeit totzuschlagen. Das tat man am besten im Blue Shell, der einzigen Musikkneipe im Ort oder auf dem Hinterhof der Tankstelle an der Ausfallstraße, da wo die Welt größer zu werden versprach, oder aufhörte, je nachdem, wie man das sah.
Sie saßen vor dem Fernseher. Jan im Sessel ausgestreckt. Sylvie auf dem Boden liegend und Kai hockte auf der Bettkante. Von Zeit zu Zeit zog er die Schultern hoch und ließ sie seufzend wieder sinken. Der Raum füllte sich mit Zigarettenrauch und Bieratem.
Sylvie nahm ihren Schlafsack und legte sich unter das Fenster zur Straße. Von hier aus konnte man die Sterne sehen. Aber nicht das Geheimnis, das sie verknüpfte. Dazu braucht es andere Augen, dachte Sylvie. Augen, die ich nicht habe.
Hans hatte solche Augen gehabt. Alles, was sie über die Sterne wusste, hatte sie von ihrem Bruder erfahren. Wenn sie an ihren Bruder dachte, war ihr nur noch dieses eine Bild geblieben, wie sie an einem Oktobernachmittag nach Hause gekommen war und ihn in seinem kleinen Appartement, das er sich im Keller eingerichtet hatte, in seinem Bett liegend gefunden hatte. Er sah aus, als würde er schlafen. Sie wunderte sich. Dann sah sie das Kabel, das unter der Bettdecke heraushing. An beiden Schläfen, unterhalb beider Brustwarzen und in der linken Achselhöhle waren mit Klebestreifen dünne Kabeldrähte befestigt, an denen die Isolierung entfernt war. Sie lief zur Nachbarin, schlug mit ihren Fäusten gegen die Tür, läutete und rief. Im Nachbarhaus verständigte man sofort den Notarzt. Der Arzt, der kurz darauf eintraf, konnte nur noch den Tod ihres Bruders feststellen. Die hinzugerufene Polizei entdeckte unter dem Bett eine elektrische Weckuhr, in der die Kabelstränge endeten. Der Wecker war an einer Steckdose angeschlossen. Die zum Körper ihres Bruders führenden Drähte waren so in den Wecker eingebaut, dass der auf 5 Uhr eingestellte Weckalarm den bis dahin unterbrochenen Stromkreis schloss. Auf dem Boden fand man eine leere Packung Schlaftabletten und mehrere Flaschen Bier. Als der Weckalarm um 5 Uhr morgens die Stromzufuhr auslöste, lag Hans im tiefen Schlaf. In den ersten Tagen konnte sie nur daran denken, dass sie nie mehr mit ihrem Bruder am Fenster stehen würde und auf die Sterne sehen konnte. Über seinem Bett hing noch ein Jahr lang die riesige, einem märchenhaft entrückten Kontinent ähnelnde Sternenkarte, die sie so oft gemeinsam auf dem Boden liegend betrachtet hatten.
Unter dem Fenster oben im Dachgeschoss stand das große Teleskop, in das sie allein nie zu schauen gewagt hatte, das er sich von seinem ersten Gehalt als Elektrotechniker gekauft hatte, bis ihre Mutter, die nach dem Tod ihres Bruders zu trinken begonnen hatte, eines Tages, nachdem sie aus der Schule nach Hause gekommen war, alles entfernt hatte, so als wäre niemals etwas geschehen.
„Warum?”, hatte sie ihre Mutter gefragt, „warum?“
Ihre Mutter hatte ihre Brille hochgeschoben, unter deren Rändern große runde Tränen über ihre Wangen liefen. Sie hatte nicht verstanden, was sie meinte.
„Der Kommissar. Der Kommissar ist schuld“, sagte sie nur.
Sylvie schloss die Augen.
Goodbye stranger it´s been nice
Hope you find your paradise
Tried to see your point of view
Hope your dreams will all come true
Goodbye Mary, Goodbye JaneWill we ever meet againFeel no sorrow, feel no shame
Come tomorrow, feel no pain
Die Musik aus dem Walkman trug sie in den Schlaf. Was immer sie dort erwartete, wenn sie auf den Akkorden zu den Sternen ritt, es war besser als das alles hier. Auch wenn sie es niemandem erzählen konnte. Nicht einmal Jan oder Anke. Nur Marcia vielleicht.
Wenn sie ihrer Mutter von ihren Träumen erzählte, schaute sie Sylvie dabei niemals an. Sie konnte es nicht, seitdem ihr Bruder tot war.
Du musst deine Träume ändern, sagte sie jedes Mal nur.
Am Morgen waren die Fenster vereist.
Hart und fremd trat ihr das eigene Spiegelbild aus der leuchtenden Kulisse summenden Lichts über dem Waschbecken entgegen, wie Gelee, das auf dem Körper erstarrte, sodass man es den ganzen Tag nicht mehr los wurde und sie sich immerzu an die eigene dürre Hässlichkeit erinnert fühlte, in der sie sich so fremd wurde, als hätte sie etwas verloren.
Die anderen schliefen noch, als sie ging und vor der Tür auf den Blick eines abgemagerten Katers traf, dessen unauslotbare Augen eine einsame Spur in ihrem Herzen zogen, ein Schattenbild ihrer selbst wich er ihr aus, aber sich selbst konnte er nicht ausweichen und drückte sich gegen die Mülltonnen, die wie schwarze Särge an der Hauswand fast bis zur Straße aufgereiht standen, wo der Regen auf dem Asphalt gefror. Er wartete auf das Licht.
Sie tastete sich mit vorsichtigen Schritten den Bürgersteig entlang, der gefrierende Regen knisterte auf der Straße und spiegelte sich in tiefsilbernen Schlieren, wahllos gezogenen Linien, an deren Peripherie sie sich fortbewegte, bis sie nach einer Ewigkeit, so schien es ihr, an der Haltestelle stand und zu warten begann.
In dem Modegeschäft hinter ihr waren die Reproduktionen von Gemälden zwischen Mänteln und Blazern drapiert, eines zeigte ein Motiv, das ihr bekannt vorkam, sie konnte sich nur nicht erinnern, wo sie das Bild, das zwei geheimnisvolle gesichtslose Figuren in einem irrealen Raum zeigte, dessen Horizont von zwei Farbfeldern in Grün und Gelb gebildet wurde, schon einmal gesehen hatte.
6 Uhr 34 sagten die Zeiger ihrer Armbanduhr.
Die Köpfe in diesem Gemälde wirkten leblos, das Gesicht der rechten Figur war leer und lediglich von einer Naht durchzogen, während das der linken Figur durch die Ausschnitte im Gesicht eine unheimlich wirkende Lebendigkeit vermittelte, die inmitten der hölzernen Gegenstände, die vor und hinter den beiden Masken angeordnet waren, grotesk erschien. Die Figuren wirkten einsam und eingeschlossen, Melancholie und Resignation schienen das Bild zu beherrschen, das ihren Blick anzog, bis sie auf einer kleinen Tafel die Bildunterschrift: Giorgio De Chirico: Die beiden Masken, 1916 las und ein unmerkliches Lächeln ihr Gesicht streifte.
Sie wendete den Blick vom Schaufenster und fragte sich beim Anblick der vereinsamten Straße, ob der Bus bei dieser Eisglätte überhaupt fuhr, denn dann müssten seine Scheinwerfer laut Fahrplan, der in Kais Wohnung über dem Spülbecken auf dem Pinbrett angebracht war, in zwei Minuten die Schatten von den Hauswänden, den Schaufensterfassaden gegenüber und den kahlen Platanen auf den Bürgersteigen ziehen, aber über dem leisen Knistern der Eistropfen, die eine weiße, durchsichtige Schrift auf die Erde häufelten, lag nur ein Mantel aus Schlaf, und alles, was sie in diesem Augenblick dachte, als ein dunkles Auto statt des Busses vor ihr hielt, brachte sie weit fort von hier.
Lächelnd stieg sie in den Wagen.
2
Das Mädchen aus dem Moor
Der 16. Oktober 2006 begann für Adrian Tomic wie fast alle Tage seit über dreißig Jahren.
Ein eisiger Nordwind hatte den schwarzen Boden über Nacht ausgehärtet. Am frühen Himmel stemmten sich die Wolken gegen das Licht.
Tomic hatte den Geschmack von Ingwer auf der Zunge. Seine dunkelbraunen Augen fixierten eine Gruppe von Birken, die wie versteinert am Rand der endlosen Moorfelder standen.
Seit seiner Kindheit war ihm das Moor wie eine Schwelle zwischen ihm und der Aussichtslosigkeit seiner Wünsche erschienen. Aber daran dachte er in diesem Augenblick nicht, als er leichtfüßig über den unbefestigten Sanddamm hinab auf das einige Meter tiefer gelegene Feld stieg. Der Boden saugte seine Füße ein. Er machte sich an den Gräben entlang auf den Weg zu Feld 30, während die Sonne das dunkle Band der Wolken kappte.
Tomic kannte das Uchter Moor besser als sich selbst. Wie kein anderer las er in den Verästelungen der Sträucher, im Relief des Bodens und den Spiegelungen des Himmels. Er spürte die morschen Lichtungen unter dem Moos, die Wurzelstöcke und das Licht vergangener Jahrhunderte unter den Spuren seiner Schritte. Das Moor war wie ein großes Buch. Es vergaß nichts.
Es gab eine Zeit, da wollte er weg, ganz weit fort von hier, und es gab Tage, da dachte er manchmal noch daran.
Tomic sah die Maschine. Sie schälte sich wie ein riesiges, vorsintflutliches Reptil aus den Konturen der kargen Landschaft. Der Motor war noch still, während der kleine gedrungene Mann in die Kabine kletterte. Tomic atmete laut aus, wobei er das Bonbon in seinem Mund ausspie. Seine Fingernägel, die an kleine Stechspaten erinnerten, kratzten über die beschlagenen Armaturen. An seiner Weste wischte er sich die vernarbten Hände ab.
Der Motor der Torfstechmaschine begann zu rattern. Seit im Moor nicht mehr von Hand gestochen wurde, hatte sich Tomic an dieses Geräusch gewöhnt. Die weißen Flecken seines Atems verschwanden in der kühlen Luft. Langsam zog die Maschine ihre Furchen. Der niedrige Horizont schillerte wie eine unerreichbare Wasserlinie über dem Moor. Darauf hielt die Maschine zu. 800 Meter lang zog sie ihre Bahn, wendete und fräste eine neue Spur in das Feld. Die Stahlmesser stachen 80 Zentimeter tief in die Erdkruste. Tomic spürte das Vibrieren des Motors, sah auf die Torfsoden, die die Schaufeln heraufbeförderten, und die auf dem Absetztisch vor seiner Fahrerkabine zerteilt wurden. Ein Greifarm stapelte die Blöcke am Graben auf. Der Boden unter ihm bebte bei jedem Stich. Die Maschine fraß sich mit monotonem Stampfen in die Erde. Die Schlagmesser zogen hoch und senkten sich wieder.
Plötzlich erstarrte Adrian Tomic. Er drosselte den Motor. Ungläubig sah er auf den Absetztisch. Aus den Torfsoden ragte ein hell schimmernder Gegenstand. Er griff nach ihm. So wie man einen Stein prüft, so drehte er den Beinknochen, den er jetzt in seinen Händen hielt, kopfüber in das Licht.
Die Maschine arbeitete weiter, langsam, mit röchelnden Geräuschen, als würde sie in das Narbengewebe eines erwachenden Organismus stoßen. Die Messer spieen Wirbel, Rippen und andere Skelettteile auf den Tisch.
Tomic stoppte die Maschine. Er spürte kalten Schweiß auf seinem Nacken. Die plötzliche Stille kroch seinen Körper hinauf und hatte sich auf seine Haut gelegt, als er neben dem Stechgraben stand. Er kniete sich auf den Boden und fuhr zurück. Genau zwischen Weißtorf und Schwarztorf steckte ein Schädelknochen. Andere Knochenteile ragten aus dem Torf. Tomic stand auf und atmete tief durch. Er konnte den Kopf nicht heben und starrte noch immer in den Graben, als müsse er sich einer Kraft beugen, die gewaltiger war als die Erdanziehung.
Seine Maschine hatte einen Menschen in Hunderte von Stücken zerteilt. Als ihm das klar wurde, drehte er sich um und lief los. Nach wenigen Schritten, in denen sich die Entfernung zwischen ihm und der Maschine nicht zu verringern schien, hielt er inne.
Wo wollte er hin? Es gab doch nichts anderes zu tun, als den Moormeister zu alarmieren. Auf einmal erschien ihm der Boden haltlos. Die Landschaft um ihn herum war zu einer grauen Zone aus ruhigem Licht geschwunden.
Er kletterte auf die Maschine und drückte die Funktaste. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis sich jemand meldete. Dann war es wieder still. Er sah auf die Uhr. Es war 9.30 Uhr.
Sie kamen über den Sanddamm. Er konnte sie schon von Weitem sehen. Bestimmt würden sie schnaufen. Heutzutage vertrugen die ja nichts mehr, dachte Tomic. Der Moormeister lief den beiden Polizeibeamten voraus. Die sind nicht von hier, sagte Tomic sich, als die beiden Polizisten vor seiner Fahrerkabine standen und zu ihm hinaufsahen. Kurz darauf standen sie alle am Graben und starrten hinab. Nur Tomic nicht. Der stand da und wusste nicht, warum er gerade jetzt an den Jungen denken musste, der beim Schwimmen im Freibad in Nienburg ertrunken war. Im Sommer 1979 war das, und er hatte ihn gekannt, aber er konnte sich niemals erinnern, woher. Das Fahrrad des Jungen hatte noch den ganzen Winter vor dem Schwimmbad gestanden.
„Tomic!“
Der Moormeister Sonntau, ein junger Kerl, den das Werk aus Hamburg hatte kommen lassen, rüttelte ihn an der Schulter.
„Ist Ihnen nicht gut, Mann?“
Tomic schüttelte den Kopf.
Während der eine der Polizisten den Fundort und die Knochenteile fotografierte, ging der andere mit ihm und dem Moormeister zum Führerhaus. Tomic beantwortete bereitwillig alle Fragen, und der Moormeister ergänzte beflissen, was Tomic auch hätte beantworten können, wenn man ihn nur gefragt hätte. Der Polizist schrieb die Antworten auf einen Notizblock.
“Der Fundort ist beschlagnahmt“, erklärte er abschließend. Sein Kollege fertigte noch immer Bilder an. Dann legten sie alle Knochenteile auf den Soden zusammen.
„Äh“, begann Sonntau vorsichtig, „können die Herren schon abschätzen, wann wir die Arbeit hier wieder aufnehmen können? Sie verstehen …“
„Kann ich Ihnen nicht genau sagen“, entgegnete einer der beiden Polizeibeamten. „Wir werden jetzt erst einmal das FK 1 benachrichtigen. Ich schätze, die werden hier wohl ‘ne ganze Weile zu tun haben“, sagte er mit einem Blick auf den Graben und die Überreste des menschlichen Körpers auf den Soden. „Für heute können Sie Ihren Mann auf jeden Fall nach Hause schicken. Sollten die Kollegen ihn brauchen, rufen wir Sie an. Mein Kollege hat alle Daten?“
Der Moormeister nickte.
Tomic holte seinen Beutel aus der Maschine. Er sah auf die Soden. Die Knochenstücke sahen aus wie Artefakte aus einem vergessenen Garten. Bruchstücke entwurzelter und verkümmerter Bäume aus einer anderen Zeit. Freigelassen bewahrten sie nur ihr Geheimnis, das ihm in diesem Augenblick als eines erschien, das nichts zu tun hatte mit der menschlicher Zeit. Schweigend erkletterte Tomic mit dem Moormeister den Sanddamm. Er drehte sich nicht um.
Um 11.45 Uhr übergaben die beiden Polizisten den Fundort an die Kollegen vom Fachkommissariat für Kapitalverbrechen. Einer der beiden war zuvor an die Straße zurückgelaufen, um die eintreffenden Kollegen von dort aus zum Fundort zu führen. Das Kommissariat befand sich in der nahen Kreisstadt Nienburg.
Er hatte nicht länger als eine halbe Stunde im Streifenwagen sitzen müssen, bis eine dunkle Limousine am Feldrand hielt. Die Scheinwerfer blendeten kurz auf, dann folgte der Wagen der Funkstreife auf eine geschotterte Piste, die unversehens in einen morastigen Waldweg überging. Der Weg endete an einem breiten Wassergraben, über den ein Holzsteg führte.
Dahinter lag das Moor. Ein dunkler Kontinent mit schüchternen Birkeninseln. Unter der helleren Linie des Horizonts schimmerten sie wie weiße Dörfer. Der Wassergraben, an dem sie jetzt standen, der Polizist mit Spaten und Schaufel in den Händen und der Kommissar Thomas Nicht, war die zerbrochene Küste, hinter der das Licht im Moor verschwand.
Sie warteten. Die Frau auf dem Beifahrersitz in der Limousine telefonierte wild gestikulierend. Sie sah dabei auf das Moor, mit einem Blick, der das alles beschrieb.
„Ist es weit?“, fragte Nicht den Polizisten.
„Vielleicht zehn Minuten. Aber Ihre Schuhe …“
Er deutete auf die hellbraunen Wildlederschuhe des Kommissars.
Nicht ignorierte den Hinweis.
„Nicht viel los hier, was?“
„Na ja, das Übliche. Unfälle, mal ein Ladendiebstahl oder ein Einbruch. Im Sommer hatten wir einen Banküberfall“, entgegnete der Polizist.
„Hab davon gehört.“
Kommissar Nicht fuhr sich mit der Hand durch die schütteren Haare. Der Wind war kalt. Er stellte den Kragen seiner Lederjacke hoch und verbarg die Hände in den Hosentaschen. Seine grauen Augen blinzelten, während er ungeduldig zum Wagen sah.
„Verschwinden viele Leute im Moor …“, sagte der Polizist.
„So?“
Der Polizist gab auf und sah gleichfalls zum Wagen.
Die Kommissarin Anna Lewin öffnete die Tür und stieg aus. Die Kofferraumklappe schnellte hoch. Während sie sich ihrer flachen knallorangefarbenen Boots entledigte und versuchte, in die hohen Gummistiefel und das Regencape zu schlüpfen, sahen die beiden ihren blonden Haarschopf neben dem Kofferraum auftauchen und wieder verschwinden.
„Fertig“, lächelte sie den Polizisten an, als sie mit einem großen Alukoffer in der Hand schließlich den Steg erreichte. Nicht nahm den anderen Koffer und die Spaten.
Das Wasser unter ihnen schimmerte schwarz. Der Polizist erzählte ihr von dem Fundort. Anna hörte schweigend zu.
Auf dem dunklen Grund vor ihnen lag der zerriebene Staub von Blättern. Die Landschaft erschien ihr in diesem Augenblick wie ein künstlicher Schattenriss. Sie liefen über Wege aus schwarzen Vierecken. Es war so still, als gäbe es draußen keine Welt mehr. Der einsetzende Regen zerteilte die Luft in dünne Fäden.
Schon aus der Ferne erblickte sie die Maschine, die wie ein riesiger Panzer zwischen den Gräben stand. An einem der Gräben stand der zurückgebliebene Polizist und pinkelte gegen die Torfsoden.
Als sie den Fundort erreicht hatten, wurde der Regen stärker. Sie ließen sich die Furche zeigen und begannen sofort mit der Arbeit.
Vier Stunden lang lösten sie die Torfsoden mit Hacke und Spaten aus dem Grund der Spur, die die Maschine gezogen hatte. Vorsichtig befreiten sie ihre Fundstücke von dem dunklen Torf. Die Knochen in ihren Händen fühlten sich weich wie Gummi an. Das Moor hatte den Knochen den Kalk entzogen, sodass man sie nur schwer von Holz oder anderen Faserteilen unterscheiden konnte.
In den seltenen Pausen, die sie einlegte, betrachtete Anna die Knochenteile, die sie auf dem Absetztisch der Maschine gesammelt hatten. Ein Kiefernstück mit Zähnen, Beckenschaufeln, ein Fußende. Puzzleteile eines Menschen, dessen letzte Tage und Stunden sie nun bald ebenso zusammenzusetzen versuchen mussten. Unwillkürlich verwendete die Kommissarin in ihren Gedanken das Personalpronomen sie. Es war nur ein unbestimmtes Gefühl, aber eines das sie begleitete, seitdem sie das Moor betreten hatte.
Sie arbeiteten schweigend.
Zwei Mitarbeiter des Fachkommissariats waren eingetroffen. Sie beschrifteten und verpackten die 216 Fundstücke. Vom Regen silhouettiert beugten sich ihre Gestalten über den Tisch.
Anna schnitt immer tiefer in die Wand des Grabens. Ihr erschien es, als ob das stete Kratzen der Schaufel immer nur die oberste Schicht berührte, alles, was darunter lag, war ihr fremd. Während sie auf das winzige Knochenstück in ihrer Hand starrte, vielleicht ein Stück Knorpel oder nur ein Knochensplitter, wusste sie plötzlich, woran sie sich in diesem Augenblick erinnert fühlte.
Sie war noch auf der Polizeischule, als es passierte.
Ein Spaziergang entlang der Kiesteiche, irgendwo südlich von Hannover. Es war ein Sonntag. Die Maschinen wie erstarrte Fossile vor den rostzerfressenen Türmen und Transportbändern, die im Wasser verschwanden. Sie setzte sich mit Marc auf einen Steg am Ufer. Licht schillerte zwischen den Balken. Der Himmel war ein Äquator aus Wolken und Wind. Von der nahen Bahnlinie hörten sie von Zeit zu Zeit ein dumpf anschwellendes und dann verebbendes Grollen. Plötzlich entdeckte sie einen hellen, merkwürdig schimmernden Gegenstand im Relief des Sandes am Grund. Es war März, aber sie sprang einfach ins Wasser und tauchte zum Grund. Sekunden später hielt sie einen länglichen Knochen in der Hand. „Mein erster Fall“ ,hatte sie Marc angegrinst. Das Knochenstück sorgte für Aufruhr, auch nachdem die Analyse ergeben hatte, dass es sich um einen Reptilienknochen handelte, den man bei der Größe nur einem Krokodil zuordnen konnte. Wie das Krokodil in einen niedersächsischen See gelangte, konnte nie geklärt werden. Sie durfte das Fundstück behalten. Und sie erinnerte sich daran, wie es drei Jahre später, in jener Nacht mit Marc, als ihr Kind gezeugt wurde, polternd zu Boden gefallen war. Später in der Nacht hatte sie es aufgehoben und auf den Schreibtisch gelegt. Ein winziges Knochenstück hatte sich gelöst und schimmerte in dem hereinfallenden Mondlicht.
Anna hielt dieses Stück eines menschlichen Körpers in der Hand und spürte den Regen auf ihrer Haut. Sie hielt das Puzzlestück eines Falls auf ihrer schmalen Handinnenfläche und hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich ihr Leben in diesem Augenblick in viele kleine Teile zersplitterte.
Radio 69 spielte Black Is Black. Die Siebziger waren nicht gerade ihre Zeit, aber sie mochte die Musik, die ihre Eltern vielleicht gehört hatten, während sie im Kinderwagen schlief.
Der Regen perlte von den Scheiben. Über den Turbinen der Windkraftanlagen hatte der Himmel zu leuchten aufgehört. Es war dunkel geworden. Zu dunkel und zu nass, dachte sie einen Augenblick lang, während der Citroёn die engen Kurven der Landstraße nahm. Aber es gab Tage, an denen sie nicht darauf verzichten wollte. Und heute war so ein Tag.
Kommissar Nicht und sie hatten die Kisten und Beutel mit den Fundstücken noch ins Dezernat gebracht, Protokolle geschrieben und einen Plan für morgen gemacht. Danach war sie nach Hause gefahren und hatte sich in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung, die nur wenige Fahrminuten vom Kommissariat entfernt lag, in ihre Hängematte an der Glasfront zur Terrasse gelegt.
Wenn etwas begonnen hatte, dann hörte das Denken in ihrem Kopf nicht mehr auf. Dann musste sie angeln gehen.
Sie steuerte den Wagen die Straße hinab in die Ebene, die der Fluss wie ein schwarzes Band durchzog.
Ihre Füße streiften durch das nasse Gras. Es hatte aufgehört zu regnen. Sterne standen reglos zwischen den Wolken, die nach Süden zogen.
Sie hockte sich ans Ufer, präparierte den Köder und setzte die Angel zusammen. Wie ein Schmetterling fiel sie beim Wurf für einen Moment in den Himmel, ihre Schnur kappte das schwarze Band der Nacht, während ihre Füße für einen winzigen Augenblick nach Halt im Uferschlamm suchten. Das Licht der Sterne reflektierte die leere Luft und klirrte auf dem nackten Weiß der schwindenden Bäume, bevor sie die Augen öffnete.
Es war, als hätte sich plötzlich ein Fenster in die Ferne geöffnet, sie brauchte die Augen nur wieder zu schließen, dann waren hundert Jahre oder mehr vorbei und die Angel in ihrer Hand gab ihr das Gefühl, dass sie über ein schwarzes, nur von winzigen Lichtpunkten erhelltes Meer flog, wo sie den Lichtfäden in der Luft folgen konnte, den Strömungen, die sie immer weiter trugen in das Zwielicht der Nacht, das man nur hier am Fluss sehen konnte, als trüge die Welt eine dünne Haut aus Staubbündeln, und darunter war längst alles verbrannt zu einer unwirklichen Anmaßung, die sie nicht mehr interessierte, weil sie bereit war zu tauchen und nicht mehr hochzukommen, während die Angel im Wasser stand, geduldet von einer Strömung, die so viel leichter war als sie. Der Wind hier draußen trug sie an einen längst verlorenen Kindheitsort aus Dunkelheit und Sternen, als sie noch nachts fortgelaufen war, um auf hohen Bäumen zu übernachten oder in leeren Fabrikhallen an mitgebrachten Seilen unter den hohen Dächern zu schweben, bis sie eines Nachts gestürzt war und seitdem keine Höhe mehr aushielt.
„Bist du glücklich?“, hatte sie Ulrike letzte Woche gefragt.
Drei Stunden zuvor hätte sie darauf keine Antwort gewusst, aber jetzt nickte sie leise. Vor ihr auf dem Bistrotisch lag das Programmheft des Theaters. Tennesse Williams Süßer Vogel Jugend mit Regenspuren.
„Lüg nicht“, hatte ihre Freundin entgegnet.
Anna spürte das heiße Wasser auf ihrer Haut. Ein Teil von ihr war noch da draußen am Fluss. Die Luft um sie herum flirrte.
Und dann hatte sie zehn Minuten geschwiegen, während Ulrike sie ansah, und in dieser Zeit versuchte sie sich darüber klar zu werden, warum ihre Freundin recht hatte.
Wenn sie ihr Leben im Zeitraffer betrachtete, und das tat sie in Augenblicken wie diesen, dann schmolzen ihre ganzen vierunddreißig Jahre zu einem Punkt zusammen, in dem die Glücksmomente wie kleine unsichtbare Flecken auftauchten, namenlos und keiner Zeit zuzuordnen.
Sie tastete blind nach dem Handtuch, band es um ihren durchtrainierten Körper und stellte sich auf die Waage. Sie zeigte immer die gleichen achtundfünfzig Kilo, als sei sie auf diese Zahl justiert.
Und wenn sie ihre Seele verlöre oder sich ihre langen blonden Haare abschnitt oder einen ihrer hässlichen Füße, was dann? Sie sah in den Spiegel.
„Nun?“, fragte Ulrike, als sie an ihren Tisch zurückkehrte.
„Vielleicht die Jahre mit Marc. Da war ich glücklich. Als mir meine Eltern das Fliegen verboten haben und die Höhenangst kam, war meine Kindheit vorbei. Das Studium in Bonn konntest du vergessen. Mit Marc war ich an Orten, an denen ich schon immer mal sein wollte. Marc war–“
„Warum ist er dann gegangen?“
„Vielleicht hat er es nicht ausgehalten.“
„Was nicht ausgehalten?“
„Dass sein Kind verschwunden ist. Und seine Frau.“
Anna sah sie durchdringend an. Ulrike begegnete ihrem Blick.
„Ob du glücklich bist, war meine Frage.“„Nein“, sagte sie nach einer Weile.
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