Leseprobe

aus Anna Böse: Das Blankeneser Quintett. Ein Champagnerkrimi (Auszug aus der Anfangspassage)


Ich nippe an meinem kalten Kaffee, zerbrösele mit der linken Hand mein trockenes Mohnhörnchen, blicke durch das regenbeklatschte Küchenfenster in den herbstlichen Garten. Alles Grau in Grau und schmutzigbraun. Oktoberwetter. Aufgeweichte Gartenbeete mit gestorbenen Pflanzen, glitschige verrottete Blätter auf dem geschundenen Rasen. Noch sind Spuren zu sehen, dort, wo sie miteinander gekämpft haben. Tiefe Narben in den Grassoden. Das Blut ist vom Regen in den Boden gewaschen worden. Die riesigen Birken sind in Trauer. Ich auch. Er hat mich verlassen. Sie haben ihn mitgenommen. Sie haben beide mitgenommen. Den einen lebendig, den anderen tot.

Die umgestürzten Gartenmöbel vermodern auf der Terrasse. Alles ist Zerfall. Auch ich zerfalle. Der ewig grüne Rhododendron strotzt noch vor Kraft und nervt. Er passt nicht in diesen Garten und auch nicht zu meiner Stimmung. Es ist Sonntag, und ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Ich weiß es wirklich nicht. Seit einer Woche ist meine Welt keine Welt mehr, sondern eine Erinnerungshölle.

Wie festgenagelt sitze ich auf meinem harten Küchenstuhl, versuche mir die schönen Stunden mit Siggo zurückzuholen, schließe die Augen. Gewaltsam schalte ich in meinem Gehirn herum, aber immer zappt jemand dazwischen und ich muß wieder dieses traurige Programm sehen. Diese beschissene Realität.

„Siggo”, flüstere ich beschwörend, und tatsächlich sehe ich sein Gesicht vor mir, die dunklen Haare, die ihm immer wieder störrisch in die Stirn fielen, die felsgrauen Augen, der schöne Mund mit dem sarkastischem Lächeln. Er hatte, wie alle Männer, die ich jemals liebte, schneeweiße gesunde Zähne und ein Grübchen im Kinn. Und er sagte das gleiche, wie sein Vater, als ich das erste Mal mit ihm schlief: Du fühlst dich gut an.
Hat das irgendetwas zu bedeuten? Wahrscheinlich nicht! Es gibt nichts mehr von Bedeutung für mich. Alles ist verloren, nichts ist zu retten. Ich kann nur noch darauf warten, was mit mir geschieht.
Wie hießen noch die hübschen, ach so ähnlichen Verflossenen? Ach, es ist unwichtig jetzt! Ich habe es vergessen.
Nur wie der Letzte hieß, das weiß ich natürlich noch, und der Vorletzte …
Was ich mir im Moment am meisten wünsche, das ist ein kompletter Gedächtnisschwund. Das wäre das beste für mich. Für mich und für Siggo.

Was kann man ihm noch anhaben? Er ist ja gut aufgehoben, sie kümmern sich um ihn. Entzug ist grausam. Aber er hat seine Ruhe. Vor der Welt und vor mir. Sicher will er das gar nicht. Ich fehle ihm. Er fehlt mir auch. Er war wie ein Sohn für mich. Am Anfang. Ganz am Anfang.
Wahrscheinlich werden sie mir die Schuld an allem geben. Sie werden sagen, ich hätte ihn angestiftet. Sollen sie doch endlich kommen, um mich zu holen. Ich habe Schuld auf mich geladen. Was werden sie mir anhaben können? Dieses Warten ist gräßlich.

Aus der Psycho–Depri–und Schizo–Ecke unserer Buchhandlung kenne ich wirklich genügend Titel, ich weiß wie das losgeht, wenn man durchdreht … Sigmund, mein lieber Freud, meine heimliche Liebe zu dir soll nicht länger verschwiegen werden.

Es war vernünftig, dass ich um eine Kündigung gebeten habe. Obwohl meine Chefin meinte, ich würde das Geld sicher brauchen und ich könne doch im Keller den Wareneingang machen oder die anfallende Büroarbeit erledigen, wenn ich schon keine Kunden mehr bedienen möchte. Sie ist wirklich in Ordnung. Dabei weiß sie natürlich auch nicht genau, was geschehen ist. Niemand weiß das. Nur Siggo und ich. Aber er ist fein raus. Er kann sagen, was er will, so stoned wie er ist. So einfach ist das.

Ich wünschte, ich käme auch in die Klapsmühle. Nach diesem ganzen Presserummel in unserem noblen Stadtviertel kann ich mich sowieso nicht mehr auf die Straße wagen:

Familiendrama in der Elbchaussee!
Dänischer Sohn ersticht hamburgischen Vater!
Welche Rolle spielte die junge Stiefmutter?

Die Reporter belagerten das Haus wie eine Meute Bluthunde, klingelten Sturm, klopften an die Scheiben, latschten über die Rabatten, das Telefon lief heiß. Als ich verhört wurde, hat der Polizist gesagt, ich solle mir einen guten Anwalt nehmen.

Wozu? Damit er mir das Geld aus der Tasche zieht? Das Beste wäre, ich würde heimlich auswandern. Aber wohin? Und von was? Ein Buchhändlerinnengehalt reicht doch gerade für die Miete einer bescheidenen Wohnung und das Nötigste zum Essen. Schnelle Autos, tolle Klamotten, teure Reisen, das kann man doch alles vergessen. Scheißidealismus! Warum bloß mußte ich diesen Beruf erlernen? Was hat das ganze noch mit Literatur zu tun? Was man sich täglich anhören muß:

Hamse auch die Bildzeitung?
Gibt‘s auch Servietten bei Ihnen?
Wie heißt noch das neue Buch aus der Fernsehserie …? Äh, welche Fernsehserie weiß ich auch nich. Is aber auf SAT 1 – oder war es doch auf RTL 2? Oder doch nich?

Ich könnte ausrasten! Ganz schlimm wird es, wenn die Kunden Reich–Ranicki und seine neue Sendung verunglimpfen. Da heißt es Contenance bewahren. Auf Marcel lasse ich nicht das kleinste Bißchen kommen. Er ist mir heilig, seit der Leipziger Buchmesse 1993. Ich saß auf einem umgedrehten Papierkorb in der gnadenlos überfüllten Deutschen Bibliothek zu Leipzig und lauschte seinem Vortrag über Alfred Döblin. Sehen konnte ich ihn nicht, nur hören. Es wird mir unvergessen bleiben und gehört zu meinen kostbarsten Erinnerungen.
Für unsere bevorstehenden Ohnmachtsanfälle bei Kundenausfällen hatte die Chefin immer kleine Trösterchen in der Teeküche gestapelt. Tee und Kaffee, aber auch etliche Dosen mit köstlichem Gebäck und für ganz schwere Fälle eine heilige Schachtel mit Cognac–Parfait–Trüffeln oder Champagner–Trüffelherzen. Diese Schachtel durfte nur geöffnet werden, wenn wir nach Luft schnappten, die Augen verdrehten und kurz davor waren, die Bücher aus den Regalen zu reißen, nachdem der Kunde den Laden verlassen hatte.
Jede Woche brauchten wir Nachschub. Unsere Anfälle wurden in der letzten Zeit immer häufiger.
„Merkt euch eines”, sagte die Chefin immer, „bleibt ruhig und freundlich und hilfsbereit bis zum Erbrechen. Nehmt den aufsässigen Kunden den Wind aus den Segeln durch eure Kompetenz und Zuvorkommenheit. Kotzen könnt ihr hinterher auf dem Klo. Aber laßt euch niemals erniedrigen und beschimpfen. Das haben wir nicht nötig. Gut, der Kunde ist König. Das soll er sein. So viel rote Teppiche, wie wir ausrollen sollen, gibt‘s gar nicht. Die müssen noch geknüpft werden. Wir sind auch Könige. Wir wollen Gleichbehandlung. Wir kriechen nicht auf allen Vieren vor Halbgebildeten oder Neurotikern!”
Ja, so heftig war sie, nein, so ist sie. Sie lebt ja noch. Sie hat uns immer wieder aufgebaut.
Die Kunden verehren die Chefin wie eine Heilige. Das finde ich nun auch wieder übertrieben. Wenn sie nicht da ist, gehen viele wieder hinaus: „Wir kommen wieder, wenn die Chefin da ist.”
Da stehen wir dann mit unserer Weisheit. Na ja, ich stehe ja nun nicht mehr im Laden. Begaffen lassen will ich mich nicht. Und erklären will ich auch nichts … ich habe keine Kraft mehr. Ich glaube mein Magen knurrt. Ans Hungern werde ich mich gewöhnen müssen.
Ach, und die Kunden hätten natürlich gerne, dass man alle 700.000 lieferbaren Bücher in Deutschland höchstpersönlich gelesen hat. Ein Knopfdruck, und die Buchhändlerin spuckt sofort aus, wie der Inhalt ist oder die Tendenz. Unser schlechtes Gewissen, unsere Demutshaltung, wenn wir sagen müssen: „Nein, diesen Titel kenne ich leider nicht!”
Der augengeweitete Schreckensruf des Kunden: „WAAAS? Aber das Buch ist doch ganz neu!!!”
Soll ich dem Kunden jedes Mal sagen, ich müßte pro Tag 246Komma575 Bücher lesen, wenn ich die jährlichen Neuerscheinungen schaffen wollte, weil circa 90.000 neue Titel im hochliterarischen Deutschland erscheinen? Und dann dieser Anspruch bei Bestellungen!
„Was, das Buch ist erst morgen da? Kann‘s nicht schon heute nachmittag kommen?
Und immer nur Krimis, Thriller, Horror– und Reißerromane, und dann dieser ganze Frauenbefindlichkeitsmist! Ein Fernsehjournalist, der Literatursendungen machte, hat einmal dieses ganze Genre einen kuhwarmen larmoyanten Betroffenheitskitsch genannt. Dafür werde ich ihn immer verehren! Hallo Zilligen, wie gehts dir denn so im Ruhestand? Warum hast du mich so schnöde verlassen?
Die Chefin sagt immer, wir könnten froh sein, dass überhaupt noch gelesen wird. Sie ist in Ordnung, ich hab sie gemocht, sie war immer fair, ja, das war sie. Auch zum Schluß, als alles über mir zusammenbrach, als ich zusammenbrach. Sie war eigentlich die einzige Person, die zu mir hielt, hat keine allzu neugierigen Fragen gestellt, sondern hat versucht, mir mütterlich beizustehen, obwohl sie zu jung ist, um meine Mutter zu sein.
Meine Kolleginnen sind natürlich zurückhaltend, haben ihr Mitleid gezeigt, aber mit einem Fragezeichen auf der Stirn. Wie konnte so etwas passieren?
Edle Buchhändlerseelen. Verzeihung! Buchhändlerinnenseelen. Sie haben viel Verständnis, kennen einfach zu viel Schund aus den Büchern. Aber dieser ganze Schund kann Wirklichkeit werden. Verdammt, das kann er. Ich weiß das, ich kann das beurteilen.

Ich glaube, ich brauche doch einen Anwalt. Man wird feststellen, welchen Part ich in diesem Familienstück gespielt habe. Ich habe den Kleinen verführt. Ist doch klar!
Vielleicht sollte ich diesen dicken, netten Gourmet engagieren. Er sieht wie Pavarotti aus, er sang aber zum Glück nie, wenn er den Laden betrat. Laut flüsternd erzählte er uns die dreckigsten Witze. Jeder Kunde konnte mithören, und wir hatten Schwierigkeiten nicht zu erröten. Wie ging noch der letzte Witz? Schade, ich kann mir keinen merken:

Treffen sich zwei Männer bei der Arbeit. Sagt der eine: Du, ich glaube, meine Frau ist tot! Wieso glaubst du das? Na ja, im Bett war sie wie immer, aber die Küche war heute morgen so unaufgeräumt.

Ging der so? Egal! Blöd waren sie alle. Mir scheint, er hat eine Sexhemmung, der Arme.
Und montags, wenn er seine Neue Juristische Wochenschrift abholte, servierte er uns mündlich noch mal die ganze Menüfolge vom Wochendende:
Also, die Kaninchenteile erst mal ganz scharf anbraten, dann mit Rotwein ablöschen, einen guten selbstverständlich, Rosmarinzweig hinein … Warum lud er uns eigentlich nie ein? Aß er immer solo? Schiller liebte er auch. Nach den dreckigen Witzen gab es dann literarischen Schlagabtausch. Wenn ich ausrief: „Heilige Ordnung, segensreiche Himmelstochter”, weil wieder mal die Bücher im Abholfach nicht richtig im Alphabet standen, antwortete er: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden …”
Oder so ähnlich … es war sehr amüsant. Ja. Es war amüsant.

Ich friere, obwohl ich direkt neben der Küchenheizung sitze. Vielleicht sollte ich mir einen Pullover holen? Es ist mir jedoch nicht möglich, mich von meinem Ikeaholz zu erheben. Wahrscheinlich bin ich versteinert. Dabei wiege ich als Mensch noch nicht mal 50 Kilo. Trotzdem hat mich noch nie jemand auf Händen getragen. Allen Männern war ich zu schwer. Schwer zu ertragen. Schwer erträglich. Wer wird nun an diesem Findling mit dem tonnenschweren Gewissen hämmern und meißeln? Blöde Vorstellung. Ist ja nun auch völlig, wirklich völlig unwichtig. Ob ich friere oder hungere und dürste, was soll‘s noch? Mein bißchen Leben kann ich getrost in die Tonne treten.

Ich habe der Polizei gesagt, was ich weiß. Na ja, fast alles. Sie haben mich stundenlang und ausführlich verhört, nachdem Siggo abgeführt wurde. Müssen sie alles wissen? Es ist nicht gut, wenn man alles weiß. Es kann tödlich sein. Siggos Vater hat es erfahren. Aber seine Erfahrung nützt ihm nichts mehr.
Erfahrung! Das ist sowieso ein Reizwort für mich. Mein Vater sprach es immer mit einem langen A aus: „Hab du erst mal meine Erfaaahrung.”
Und was nützt mir meine ganze Erfahrung? Es gibt Dinge, die hätte ich lieber nicht erfahren. Ja, verdammt, ich hätte wirklich darauf verzichten können!
Das Leben wirbelt einen doch immer nur herum und knallt einem neue Barrieren vor die Nase. Und dann? Wie soll man drüberkommen? Hoch das Bein oder mit Anlauf springen oder unten durch krabbeln? Oder was?

In unserem Buchladen stehen unzählige Bücher in den Regalen, wie man schwierige Lebenssituationen meistert und wieder positiv zu denken lernt. Da geht´s um aggressive Kinder, lahme Ehemänner, zickige Schwiegermütter, verlorene Jobs, nachlassende Frauenpower, na und so weiter. Der ganze Schrott eben, mit dem man sich täglich herumschlagen muß. Aber, wenn ich es bedenke, ich wüßte nicht, welches Buch ich für meine jetzige Situation aus dem Bereich Lebenshilfe auswählen würde. Außer vielleicht: Nur ein toter Mann ist ein guter Mann! Aber der Titel steht ja im Frauenpowerregal. Frauenpower macht Männer sauer. Oder tot. Sigmund, wo steht deine Couch? Ich würde mich so gerne auf deine Couch legen und deine beruhigende Stimme hören. DIR würde ich ALLES erzählen.

Eine Couch gehört auch zum Teekücheninventar in unserer Buchhandlung. Und im Hängeschrank über der Spüle stand oder steht natürlich auch eine Flasche Weinbrand für Kundinnen mit Heulkrampf. Wenn die Chefin und wir mal wieder Lebensberatung in der hinteren Sitzecke der Buchhandlung gemacht hatten und die Flasche, die Papiertaschentücher oder das Wasserglas und die Aspirins wegräumten, überlegten wir oft einen Berufswechsel. Entweder Lebensberaterin (so nennt man das jetzt), Krisenmanagerin (klingt doch kompetent) oder Heiratsvermittlerin? Oder vielleicht doch lieber ein Detektivbüro? Eine Auskunftei? Aber kann man einen Obolus verlangen für Fragen wie:

Können Sie mir mal eben eine Telefonnummer heraussuchen? Das Telefonbuch in der Zelle ist verschwunden.
Wo gibt es hier den nächsten Schlachter mit Ökofleisch?
Können Sie mir den kürzesten Weg zur Post nennen, oder verkaufen Sie mir mal schnell ‘ne Marke!
Darf ich mal eben in den Stadtplan gucken? Ich suche die Elbterassen, oder besser, beschreiben Sie mir das mal eben?
Wissen Sie zufällig ob ihr Buchhändlerkollege das Buch vorrätig hat? Rufen Sie dort doch mal eben an!

Für fast alles hätte ich eine Lösung oder Antwort gewußt, aber bei Mathematik und Mordverdacht hört es bei mir auf.
Noch nie habe ich von so einem extremen Fall wie meinem gelesen. Ich weiß nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich stehe es durch oder ich bringe mich um.

Schade, daß man ins Paradies mit einem Leichenwagen fährt! Das hat Stanislaw Jerzy Lec gesagt. Den liebt die Chefin, ohne die Unfrisierten Gedanken von ihm kann sie nicht einschlafen, sagt sie. Das versteh ich. Und dieser Aphorismus von ihm paßt genau zu meiner jetzigen Situation: Es genügt, sich einer Illusion hinzugeben, um reale Konsequenzen zu verspüren.

Auf die Straße kann ich mich doch gar nicht mehr wagen! Jeder kennt mich, ich bin hier geboren, habe meine Kindheit hier verbracht, habe hier gelernt, geliebt, gelitten. Meine Familie hat immer zu den Minderbemittelten gezählt. In Blankenese gibt es auch Schrotthäuser, vor allem im Treppenviertel. Egal, ich bin bekannt, habe schließlich lange genug immer in derselben Buchhandlung gearbeitet.
Diese mitleidigen Gesichter! Oder haßerfüllt? Oder abschätzend? Ich höre sie direkt: „Sie wird den jungen Mann dazu getrieben haben. Es steckt bestimmt eine Liebesgeschichte dahinter. Ihre Beziehung zu Jonas war ja auch nicht so glücklich. Na, und als Kind war sie doch auch immer schon ein bißchen wild und verrückt.” Ja, ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich alle das Maul zerreißen. „Das ist doch die aus der Buchhandlung. Wie heißt sie noch mal? Die empfiehlt doch immer die fetzigen Krimis. Ja, die arme Blanka! Nun hat sie selbst einen Krimi erlebt.”
Muß ich mich jetzt für den Rest meines Lebens verstecken?
Vielleicht sollte ich mir einen Cognac genehmigen. Kalter Kaffee ist eben nur kalter Kaffee. Essen kann ich auch nicht, obwohl es wirklich grausam in mir rumort. Am besten wäre es, ich würde mir Siggos restliche Psychopillen reinwerfen. Eine nach der anderen. Und immer einen Schluck Cognac dazu. Ja, das wäre das Beste. Wirklich. Vielleicht trägt mich ja mein Engel mitleidig davon. Jeder Mensch hat einen Engel. Das habe ich von den Esoterik–Kundinnen gelernt. Aber wo ist meiner? Hallo Engel!! Nimm Kontakt zu mir auf und hol mich ab in eine bessere Welt! Ich brauche auch nicht viel Platz auf der schneeweißen Entspannungswolke. Nur ein Buch brauche ich! Welches darf ich mitnehmen? Gedichte von Heinrich Heine?

Schöne Wiege meiner Leiden
Schönes Grabmal meiner Ruh,
Schöne Stadt, wir müssen scheiden –
Lebe wohl! ruf ich dir zu.

Niemand würde mich vermissen. In der Firma wissen ja alle, ich will zur Ruhe kommen. Meine drei einzigen Freundinnen sind natürlich verreist. Schließlich sind Herbstferien. Und die Familien gehen vor. Ist ja klar!
Tut uns leid, Blanka, aber du machst das schon. Du hast ja immer alles geschafft. Wenn wir wiederkommen, hast du alles überstanden.
Ja, das hättet ihr wohl gerne! Wenn ihr wiederkommt aus eurem überlaufenen Mallorca, eurem windigen Dänemark, eurem bierseligen Bayern, dann hat Blanka schon alle Probleme gelöst!
Blanka wird jetzt alle Probleme lösen. Jetzt sofort. Sie wird den Cognac suchen und die Pillen. Und die Zigaretten. Verdammt, wo sind meine Gauloises?
Ich werde in Siggos Bett gehen. Ja das ist eine gute Idee. Dort werde ich nicht frieren. Es riecht sicher noch nach ihm. Boss hat er immer benutzt. Einfach gräßlich. Jeden Morgen nebelte er sich damit ein.
„Nicht so viel!” rief ich immer in gespielter Verzweiflung aus, wenn er aus dem Bad kam. „Du weißt doch, ich muss davon niesen!”
„Ist er weg?” fragte er dann.
Er meinte seinen Vater. Wenn ich nickte, gab er mir einen feuchten Kuß auf den Mund. So fing alles an. Nein, gar nicht wahr. Das ist die Mitte der Geschichte.

Schlurfend wie ein buckliges Kräuterweiblein, schaffe ich es doch in Siggos Zimmer zu gehen. Eigentlich das Gästezimmer, in das ich immer flüchtete, wenn Jonas zu schnarchen begann. Ein Wunder, dass ich ihn nicht schon früher getötet habe. Denn schnarchen ist tödlich! Entweder krepiert man als Schnarcher am Herzklappenfehler, oder die Ehefrau schwingt die Axt aus lauter Verzweiflung..

Ich schlage Siggos Bettdecke zurück. Flasche und Zigaretten platziere ich auf dem kleinen Nachtschrank meiner Großmutter, der immer ein bißchen nussig muffig riecht. Wahrscheinlich stand zu Zeiten meiner Omama immer ein gefülltes Nachtgeschirr hinter der Tür.
Eigentlich habe ich die Psychopillen in der oberen Schublade des Schränkchens vermutet. Aber ich kann die Schachtel nicht entdecken, nur ein Feuerzeug, Zigarettenpapier, einige Krümel Tabak, einen kleinen Taschenspiegel, eine Rasierklinge und einen gekürzten Trinkhalm. Was soll das ganze Zeug?
Wahrscheinlich hat Siggo seine „Glücksbringer“, wie er seine Pillen nannte, doch noch mitgeschmuggelt. In solchen Dingen war er Meister. War er Meister? Mein Gott, ich denke an ihn, als wenn er tot wäre! Aber dort, wo er ist, dort gibt es ja auch kein richtiges Leben. Mir ist, alles wäre die ganze Welt draußen gestorben. Auch für mich.
Ich kuschele mich in Siggos Bettdecke. „Jetzt sind wir ganz allein”, sage ich und erschrecke mich vor meiner eigenen Stimme. Seit Tagen habe ich nicht gesprochen. Seit wieviel Tagen eigentlich? Wie lange bin ich schon Witwe? Ist es wirklich erst eine Woche her? Oder doch schon zwei?
Vielleicht werde ich nie mehr sprechen.
Ruckartig setze ich mich auf. Hat etwa das Telefon geklingelt? Wer sollte mich anrufen? Mein Herz rast, aber ich stehe nicht auf. Es läutet und läutet. Zum Verrücktwerden. Ich bleibe im Bett. Wenn es Siggo wäre, dann würde ich den Hörer aufnehmen. Seine schöne tiefe Stimme zu hören, wäre tröstlich, so tröstlich. Er kann es nicht sein. Sie lassen ihn bestimmt nicht ans Telefon in seinem jetzigen Zustand. Eine irrsinnige Sekunde denke ich, es ist vielleicht Jonas. Das ist noch unmöglicher. Tote telefonieren nicht. Ich kichere bei dem Gedanken, und gleichzeitig wird mir klar, ich werde jetzt auch langsam überschnappen. Wenn schon! Wer etwas von mir will, kann ja an der Haustür klingeln. Vielleicht öffne ich. Vielleicht …
Sollen sie mich doch finden, irgendwann, wenn die Verwesung eingesetzt hat. Es ist ja alles völlig egal, so egal. Dabei habe ich ganz gerne gelebt. Wirklich. Hab gerne gelesen, gefeiert und gelacht. Hab auch gerne geraucht, getanzt und getrunken. Hab gerne geliebt. Ja, das habe ich. Verdammt gerne. Weiß Gott! Nein, Gott weiß es nicht. Was weiß der schon.
Die alten bösen Lieder,
Die Träume schlimm und arg,
Die laßt uns jetzt begraben,
Holt einen großen Sarg.
Wißt ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich legt auch meine Liebe
Und meinen Schmerz hinein.

Mein liebster Heinrich Heine, ich weine. Ja, heulen muß ich. Einen Gedichtband von Heinrich am Bett zu haben, das wäre tröstlich. Warum habe ich nicht zu Zeiten Heines gelebt? Wir hätten uns bestimmt gefunden und geliebt. Außerdem wäre er von ganz alleine krepiert, da hätte ich nicht noch nachhelfen müssen. Abramakabra.
„Willst du wirklich in dieses Haus zurück, dort, wo alles passiert ist?” fragte meine Chefin beim Abschied vor ein paar Tagen. „Du kannst doch nicht allein bleiben. Hast du denn niemanden? Du wirst ja verrückt dort!”
Ja, sie hat recht, ich werde verrückt! Zum Glück! Siggo, ich komme!
Was ist bloß aus mir geworden? Eine Ehebrecherin, eine Verbrecherin … es ist zum Erbrechen …
Der ganze Mist begann hier, in dieser Uraltvilla am Ende der Elbchaussee, gegenüber der Von und Zus.
Ach, Tränen, wo sind meine Papiertaschentücher?

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