Leseprobe
aus Ret M. Brede: Buddhas Tochter. (Ausschnitte aus dem 3. Kapitel)
Sie fuhren Richtung Rom. Nur über Landstraßen, von Ancona hinauf nach Jesi, dann eine kleine verschlungene Straße bis Macerata, und weiter durch die grünen Hügel auf der Landstraße 78, in Richtung Süden. Es ging so schleppend, daß sie am Abend in Áscoli ein Hotel nahmen, in einer Seitenstraße, wo überhaupt kein Geräusch zu hören war. Das Hotel war ein winziges quadratisches Gebäude auf einem leeren Grundstück, von der Straße durch eine graue Mauer getrennt; ein langer Sandweg zwischen Palmen führte zum Eingang hinauf. Ihr Zimmer ging nach vorne, im ersten Stock, auf einen großen Balkon mit einer brüchigen Steinbrüstung, vor der sie der Wirt ausdrücklich warnte. Der winzige Raum war vollgestellt mit Kerzenhaltern, Buchregalen, Vitrinen (nicht nur eine Münzsammlung, sondern auch einige Kakteen), und die Wände waren mit viktorianischen Tapeten beklebt. Nadja sprach Italienisch, sie konnte sich einigermaßen mit dem Wirt verständigen. Merkwürdigerweise hieß das Hotel Nora, auf einer Neonwand auf dem Nachbargrundstück wanderte die ganze Nacht hindurch ein Lichtstreifen: ALIBI, LIBIDO, PEEP … Das Zimmer kostete 75.000 Lira, mit fließendem Wasser. Eine zerknüllte Schachtel Camel lag auf dem Boden, und sie zeigte ihm, wie man in dem braunen Kamel eine nackte Frau und einen Tiger finden konnte.
Er hatte alles Gepäck im Bentley gelassen und nur die Sporttasche und zwei der kleineren Reisetaschen von Nadja hinaufgenommen. Als sie auf dem Zimmer jeder einen Teller Pasta rabbiata gegessen hatten, mit einer Flasche Vino tinto, einem Brotkorb und einer Wasserkaraffe, ging sie duschen. Wie immer ließ sie die Tür offen, und er sah die Mauser auf dem rosa Badeteppich liegen.
Er hatte sich eine Bildzeitung gekauft und blätterte darin. Eine Häftlingsrevolte in einem israelischen Militärgefängnis, ein neuer Baghwan („Tyoohar“!), heftige Erdstöße in San Salvador, und in einer Wäscherei in Harlem waren tödliche Bakterien gefunden worden. Ihm fiel etwas ein, ein alter Hit: Siebzehn Jahr, blondes Haar … Als sie herauskam, war sie umhüllt von einer Dampfwolke, und ihr Haar, das sie mit dem Handtuch in einem Turban zusammengebunden hatte, glänzte feucht.
„Das ist zwar keine bedroom suite. Aber immerhin … un letto matrimoniale …“
„Es ist wunderbar.“
Das erste Mal seit langem hatte er das Gefühl, irgendwo zu schlafen, wo er sich zurücklehnen konnte. Kein Luxus, keine Erwartungen. Doch sie hörte ihm gar nicht zu, sondern leerte gedankenversunken ihr Glas Wein aus. Ihr Lippenstift hinterließ eine breite Spur am Glasrand.
„Geht es dir gut, Andy?“
„Es geht.“
„Bist du nervös?“
„Ein bißchen.“
Dann fragte sie ihn zum ersten Mal über sein Leben in Frankfurt aus, und er erzählte ihr von The Queens, von den verkifften Sommerabenden in Neu–Isenburg, der Szene in Offenburg, von den Autopartien nach Amsterdam, von seinem Bong, den er hinter dem Bügelbrett verstaute. Sie saß immer noch in ein Handtuch eingewickelt auf dem Bett. Es war feucht und warm, er wollte das Fenster öffnen, aber hatte keine Kraft mehr. Vielleicht war es das damals gewesen: Siebzehn Jahr, Blondes Haar.
„Andy, geh doch runter und hol eine Flasche Champagner.“
„Meinst du echt?!“
„Ich habe so Durst auf Champagner, nur ein Glas …“
„Du bist wirklich süchtig.“
Er band sich trotzdem die Jogginghose zusammen und ging hinunter. Der Wirt saß über einer Autozeitung, mit einem verschwitzten Lächeln auf wulstigen Lippen, das ihn an einen versteinerten Baum erinnerte, den man in Alkohol eingelegt hatte. Erstaunlicherweise hatte er sogar französischen Champagner, eine alte Flasche B. Deville–Chevallier mit silbernem Etikett, und rechnete sie auf Yves’ Amexkarte ab.
„Haben die hier sogar französischen Champagner“, sagte sie, mit ihren hellen, blauen Augen. Sie stießen an, auf dem Balkon, von wo man auf die Lichter in der Ebene hinuntersah. Recanati lag auf einem Hügel, hundert Meter über dem flachen Land, es war eine unglaubliche Sicht.
„It’s gorgeous, délicieux, es ist einfach geil, Andy“, sagte sie, „Ich kann es gar nicht fassen, daß wir hier sind. Es ist schon etwas anderes als beim letzten Mal …“
Er wußte, was sie meinte.
„Und weißt du, daß ich vor zwölf Jahren das kleine Mädchen aus dem Osten war, das vor Autobahnen Angst hatte und von Oktoberkindern geschwärmt hat?!“
Er sah die Sterne und fühlte sich ihr so nahe, wie noch nie.
„Du bist eine andere Person geworden, Nadja.“
„100%ig.“
Er leerte sein Champagnerglas in einem Schluck und steckte sich eine Nil an. Sie sah ihn in der Dunkelheit an; er wußte, wie naiv er war, wie wenig er von der Welt gesehen hatte, sie brauchte ihm das nicht zu sagen …
„Weißt du, wie es für mich war, als ich das erste Mal in Hollywood stand, mit Yves?!“
„Nein, sag es mir.“
„Es war besser als ein Orgasmus, sogar besser als mein erster Orgasmus. Es war ein Wunder. Weißt du, wenn die Mauer immer noch da wäre, säße ich heute in einem Vorort von Halle und würde Diamat unterrichten.“
„Ich kann es mir kaum vorstellen, es ist schließlich alles so lang her …“
Sie trank ihren Champagner; als er noch etwas sagen wollte, unterbrach sie ihn und legte ihre Hand auf seinen Mund.
„Bei uns hat man gesagt, daß Models Geschlechtskrankheiten haben, weißt du das?! Durch die Bank alle. Auf Russisch hieß das stylaga …“
Sie fletschte ihre Zähne und ergriff sein Handgelenk.
„Was bedeutet das?“
„Abschaum.“
Sie preßte seine Hand noch stärker zusammen.
„Das ist nicht wahr, Nadja.“
„Doch. Und du kannst dir denken, daß ich irgendwann genug hatte von den Frauen mit ihren Sprelacart–Tischen und schlechten Nylonstrümpfen. Ich wollte raus, nur raus aus der DDR.“
Er schenkte ihr Champagner nach, der Bauch der Flasche lag kalt in seiner Hand, und er war vielleicht zum ersten Mal vollkommen glücklich, mit ihr. Er dachte an nichts. Alles war so, wie es war. Sie zündete sich eine Zigarette an; im Licht des kurz aufflammenden Feuerzeuges sah er die feinen Puderkörner des Make–ups auf ihren Wangen, den Schweiß, der langsam aus ihrer Haut herausperlte, und die Körnung ihrer Haut. Ihrer sanften Haut.
Sie ließ die Zigarette auf den Balkon fallen, zog seinen Hals zu sich und gab ihm einen Zungenkuß. Er spürte ihre kleinen Brüste unter ihrem Hemd, die Goldkette mit dem Herz um ihren Hals, ihren heißen Körper. Er schob sie nach drinnen. Aus dem Augenwinkel sah er ihren Jean–Paul–Gaultier–Slip auf dem Stuhl. Es war ihr Schicksal.
*
Von draußen kamen die schrillen Geräusche eines vorbeifahrenden Autos herein, durch die zur Hälfte heruntergelassenen Jalousien. Sein Blut schien still zu stehen. Er angelte sich die Wasserkaraffe herüber und füllte das Glas auf dem Nachttisch. Sie lag schlafend neben ihm, er hörte ihren Atem. Seine Lippen brannten, als hätte jemand mit einer 20er–Einwegspritze Zitronensäure in sie hineingespritzt.
Als sie ihm mit den Zehen die Jogginghose ausgezogen hatte, starrte er immer noch auf das Etikett der Champagnerflasche. I love the smell of napalm in the morning … Wie ein Blutegel hatte sie ihre Zunge in seinen Mund gebohrt. Als er einmal eine Sekunde nachließ, war sie aufgestanden und hatte das Fenster mit einem Schlag ihrer linken Hand geschlossen. Dann: sie war über ihn gekrochen und hatte ihn überall berührt, mit dem geleeweichen Fleisch ihres Körpers. Er preßte ihre Brustwarzen mit den Fingernägeln zusammen, weil sie ihn darum gebeten hatte, er biß sie genauso unter den Achseln, immer an derselben Stelle; sie hatte zweimal geschrien. Doch als er ihre Zunge mit den Fingern massierte, hatte sie ihm plötzlich mit der ganzen Gewalt ihres Kiefers auf den kleinen Finger gebissen. Er hatte sich herumgerollt und aufgestöhnt vor Schmerz. Kalter Schmerz. Sie hatte die Kerze wieder angezündet, als ein Windhauch die Kirche durchstreifte, ein blinder Windhauch, den der Himmel geschickt hatte, um die Zone des Verderbens zu vergrößern. Sie hatte eine lange Zunge, wie eine Zuckerstange, die schon halb in der Hosentasche aufgeweicht ist, dachte er. Es war kalt, und sie hatte ein zerrissenes Exemplar des SONNTAG unter ihren Po geschoben. Es ist das Tantra der Liebe, sagte sie, hundertfach vermehrtes Leiden und hundertfach vermehrte Lust …
In seinem Mund schmeckte es nach Mandelöl. Nachher war sie aufgesprungen und ins Bad gerannt. Dann kam sie heraus, mit einem grelleuchtenden Bindy auf ihrer Stirn.
„Gefalle ich dir so besser oder vorher?!“
Er hatte sie noch nie so schön gesehen. Die wilde Kindsfrau, Aztekin. Sie roch überall nach Ysatis von Givenchy, sogar hinter den Ohrläppchen. Er steckte ihr eine Zigarette an. Neben ihren Hüften sah er mehrere rosige Streifen, die wie Schwangerschaftsnarben aussahen.
„Und du rauchst nicht mehr Luckys, mein Kleiner?!“ sagte sie.
„Nein, nur noch Nil.“
„Ich krieg jetzt nur noch SuperSlims herunter. Yves bringt sie mir stangenweise zollfrei mit.“
Dieser Name. Es tat ihm alles weh, wenn er daran dachte. Schon damals hatte er gedacht, daß er sie nie hätte anfassen dürfen. Damals hatte sie ihm immer von einem Film erzählt, den sie in einem Nachtprogramm des ZDF gesehen hatte; erst nach 02:00 morgens empfing man den Westsender störungsfrei, wenn auch nur ein paar Stunden lang. Der Film spielte einige Tage nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation; nur einige Menschen in Australien hatten überlebt. Eine Woche nach dem globalen Atomschlag hatten sie plötzlich gemorste Nachrichten aus der Gegend empfangen, die früher Kalifornien geheißen hatte. Unverständliche, minutenlange Botschaften. Die Australier schickten einige Menschen in einem U–Boot an die Ostküste der USA; nach einigen Wochen erreichten sie endlich den Ort, von dem aus gemorst wurde, ein Büro über einem Burgerking–Schnellrestaurant. Alles war vernichtet, Leichen lagen herum, der Inhalt der aufgerissenen Tiefkühltruhen war verfault, und die Radios würden nie wieder die Hits der 80er spielen. Die Männer betraten das Büro. Es war dämmerig. Dann sahen sie es: der Griff einer Jalousie hatte sich in einem Morsegerät verfangen, und der Wind stieß gegen das angelehnte Fenster und spielte auf dem Sender …Ihr Atem ging regelmäßig, er war allein. Auf dem Nachttisch lag einer ihrer Tampons,
tamponi. Er steckte sich noch eine Zigarette an und sah an die Decke … In den hundertköpfigen Familien der Pharaonen Ägptens vielleicht. Oder unter Katzen. Aber sie beide? Vielleicht war es ihr Schicksal. Aber er fühlte sich nicht gut dabei.
*
Am 28. Juli fuhren sie in der Früh zum Meer. Am Strand bei Chieti versteckte sie sich vor ihm in einem Strandkorb. Sie waren weit entfernt von den anderen Touristen, im Schatten eines großen Felsmassives. Er jagte sie aus ihrem Versteck hervor, sie schrie, und er bewarf sie mit Sand und kleinen Tangstücken. Es war ein schwefelgelbes Licht über den Wellen. Als er sie geküßt hatte, setzte sie sich zurück in den Strandkorb und verhängte ihn mit einem Handtuch.
Er blieb auf dem Bauch liegen und las in der Herald Tribune die Börsenberichte. Nach einer Weile hatte er keine Lust mehr und ging zu ihr hinüber. Sie saß hinter dem Handtuch und kokste mit Hilfe eines aufgerollten Lirascheins; die Haare hatte sie sich mit einem orangenen Gummiband zurückgebunden. Er sah das Kokain auf dem kleinen Brett auf ihren Beinen und mußte lachen.
„Damit hast du auch noch angefangen, Nadja!?!“
Er zog sich eine Budweiserflasche aus der Tüte und öffnete sie. Die Sonne brannte auf seinem Kopf. Das Geräusch der Wellen schien ihm weit weg. Er sah, daß sie wie in Trance aufstand und einen ihrer Plastikbadeschuhe mit den durchsichtigen Absätzen (Free Lance) in der Luft balancierte.
„Willst du es auch einmal versuchen?!“
„Nein, danke.“
Er fühlte sich zu bürgerlich für sie; im Grunde wußte er das seit gestern Nacht. Er wußte, was er war, und er wußte, was sie war. Er sah zu ihr hinüber; sie sah wunderbar aus in dem einteiligen bourbonfarbenen Badeanzug von Hervé Léger. Aber der andere, den sie vorher gehabt hatte (ein durchsichtiger Body, Slip aus Lycra chair von Jean–Paul Gaultier), hatte mehr Haut gezeigt. Sie bemerkte, daß er sie beobachtete, und warf ihm eine Handvoll Sand ins Gesicht.
„Du strafigo!“
„Danke, Estelle.“
„Bitte, mein Stier.“
Sie setzte sich wieder hin, schob ihre Zehen in den Sand und kokste weiter.
*
Als er den Motor wieder startete, beobachtete er sie aus den Augenwinkeln. Sie lag halb zusammengerollt auf dem Beifahrersitz, weil sie, wie sie sagte, „nicht so leicht gesehen werden“ wollte, aber ihre blauen Augen waren offen und starrten auf das Armaturenbrett. Sie hatte sich in der Tankstelle umgezogen, sie trug jetzt ein einfaches Dress: hohe Fischgratschuhe, Cashmere–Shorts, ein weißes Hemd, einen Bügel–BH aus Satin.
Vor zehn Minuten – als er sich auch schon hätte schwören können, daß sie schlief – hatte sie plötzlich, ohne ihren Kopf zu bewegen, gesagt: „Andy, siehst du nicht den schwarzen Wagen im Rückspiegel, er ist seit einer Stunde hinter uns“. Wirklich war da dieser Wagen, ein Mercedes mit getönten Scheiben, in dem zwei oder vielleicht sogar drei Männer saßen. „Halt sofort an der nächsten Tankstelle“, hatte sie gesagt, und er hatte gehalten und sie schnell hinaus gelassen. Sie war mit dem neuen Dress und zwei Coca–Cola–Flaschen wiedergekommen. „Ja, sie sind es, sie halten dort, unter den Bäumen.“
Beim Beschleunigen stellte er die Klimaanlage höher und beobachtete, wie der Mercedes langsam mit ihrem Bentley aufschloß. Er kam trotzdem nie näher als 100 Meter heran. Durch die mit Pappe abgeklebte Scheibe wehte der Fahrtwind, aber Andy hatte trotzdem Schweißperlen auf der Stirn, als er in den Spiegel sah. Wie hat sie den Wagen überhaupt sehen können, von dem Sitz aus? Er wußte keine Antwort und tastete nach einer neuen Zigarette.
In der Seitentür steckte ein Michelin–Plan (Côte–d’Azur) und ein alter sonnengebleichter Pariscope (die Woche vom 17.2. bis 23.2.1999, 3,– F, die 300 besten Filme der Woche). Das cremefarbene Polster schimmerte noch immer ein wenig dunkler, an der Stelle, wo Yves sein Blut verloren hatte. Sie ist wie ein Medium, sie spürt die Dinge. Sie ist anders als andere Frauen. Vor zwölf Jahren war sie schon begeistert von all diesem esoterischen Zeug. Sie liebte es, mit Münzen zu spielen. Auf dem Dachboden ihres Vaters hatte sie ein altes Exemplar des I Ging (Diederichs Verlag, Jena) gefunden. Er hatte sie oft damit gesehen, wenn er nachdachte, in den Jahre 84, 85 und 86, als sie kaum miteinander gesprochen hatten, weil sie sich nicht verstanden; ihre Eltern hatten Wert darauf gelegt, daß sie in den großen Ferien zusammen spielten. Er war fast jeden Sommer einmal nach Brandenburg zu ihr gefahren, mit einem Visum, das sein Vater immer schon im Januar beantragen mußte. Die blasse Herbstsonne zog graue Fäden in der Luft, es war warm, hinter dem Garten gab es ein verlassenes Grundstück mit einem kleinen Pavillon, in dem früher Tanzabende für die Landbevölkerung veranstaltet worden waren. Er hatte sie dort gefunden, sie hockte auf den alten Planken, mitten in einer Staubpfütze, und warf ihre drei Münzen. Ihre Zähne glänzten, und ihre Lippen waren dunkelrot vom Saft der Holunderbeeren. Sie roch nach Kühen. Manchmal blieben sie dort ein, zwei Nächte, um nicht zurück ins Haus ihrer Eltern gehen zu müssen. Es war ihre schönste Zeit …
Andy drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und sah in den Rückspiegel. Der Wagen war immer noch da …
Als er irgendwann später wieder zum Beifahrersitz blickte, war sie vollständig wach und rieb sich den Nacken. Dann setzte sie sich aufrecht hin und berührte mit ihrer Zunge wieder seinen Hals, wie gestern Nacht.
„Du liebst mich doch, Andy?!“
„Ja“, sagte er. Er konnte nur flüstern. Ihre Haut war so überhitzt, als hätte sie stundenlang in der Sonne gelegen.
„Du kommst doch mit mir nach Rom?“
Er nickte und spürte, wie ihre Zunge auf seiner Haut bis zum Schlüsselbein herunterwanderte. Sein Hirn war leer, wie eine ausgewischte Turnhalle. Die aufgekringelte Asche im Aschenbecher, karamelisierte Fingernägel. Er sah, daß sie noch immer ihre Mossberg unter dem rechten Schenkel hielt, wie eine zerdrückte Rose sah der Lauf unter dem Stoff hervor. Sie waren auf der Flucht.
(…)
In der Frühe des 11. August beschloß er endgültig, fortzugehen und den Kordon seiner Verfolger zu durchbrechen. Er wollte nicht sterben; er würde aussteigen, zum zweiten Mal, irgendwohin, wo er seine Ruhe hätte. Das Geld in der Banco Santander interessierte ihn nicht. Geld hatte ihn nie interessiert. Schließlich hatte er sein Studium abgebrochen, weil er allergisch auf Leute reagierte, die sich noch um 05:00 morgens bei ihrem neusten Tecquila über PanAmSat, Unilever & General Motors unterhielten, sich dann das Salz von der Hand leckten und ihr Frühstück und das Börsenblatt mit dem himmelblauen Nokia bestellten. No more …
Er packte seine Sachen in die Sporttasche und warf Yves' Paul–Smith–Anzüge, die Rolex, die Versacekrawatten und alles andere in die Badewanne. Es war noch nicht hell. Er schöpfte Mut und leerte zehn Flaschen Gin aus der Hotelbar in der Wanne aus. Dann setzte er sich davor: lange Arme aus Stoff, die wie schwarze Algen hin und her trieben. Das war ihr Grab. Er versuchte, den Gin anzuzünden, vergeblich. Jetzt hatte er nur noch den Bentley Eight. Aus der Tiefe seiner Sporttasche holte er wieder das Bob–Marley–T–Shirt und zog es sich über. Plötzlich schoß ihm der Text des Songs durch den Kopf, den sie in jener Nacht in dem Motel gesungen hatte, auf der Toilette, als er seine Hand auf ihren tätowierten Bauch gelegt hatte:
„The Moon is low tonight
The fear of getting caught,
She cannot see me naked
Remembering that night.“
Als er den Bentley schon auf der Autobahn Richtung Florenz hatte, wurde es allmählich hell. Niemand würde je wissen, wer Yves' Mörder waren und ob Serge entführt worden war. Aber das interessierte ihn auch nicht. Nachmittags blieb er in einem Hotel am Ortsrand von Orvieto, in der Mitte eines Feldes mit Sonnenblumen. Bevor es dunkel war, ging er noch einmal hinaus und warf die Amexkarte in einen Bach, der von einer Hühnerfarm herüberkam. Nur das letzte Bargeld, das sie ihm gegeben hatte, behielt er, insgesamt 2.500 $, die Hälfte in Dollar, die Hälfte in Lire. Als er wieder im Hotel war, fühlte er sich besser und beschloß, den nächsten Morgen abzuwarten, um zur österreichischen Grenze zu fahren. Vielleicht würde er schon morgen abend in Frankfurt sein. Und sonst hatte er bei Starnberg noch einen Schulfreund, den er anrufen könnte.
Das Hotel hatte den unglaublichen Namen Dallas. Im Papierkorb fand er eine alte Zeitung; auf der letzten Seite waren die Fotos einiger Frauen zu sehen, Telefonsex, aber er hatte keine Lust dazu. Eine Nummer war auf Englisch, in einer anderen Sparte, er rief an und handelte mit den wenigen Worten Italienisch, die er beherrschte, den Preis aus, unter der Bedingung, daß man ihm das Callgirl ins Hotel schickte.
Eine halbe Stunde später stand sie vor der Tür, vielleicht einundzwanzig, eine Afrikanerin, die ihn zuerst auf den Arm küßte und sein T–Shirt mit Bob Marley bewunderte. Er gab ihr zwei Hundert–$–Noten, und sie nahm sie an, mit einem Lächeln der Waffenbrüderschaft. Ihr Körper fühlte sich fest an im Bett, sie hatte große Brüste, die etwas dunkler waren als ihre übrige Haut; auf ihrem Rücken, unterhalb des stark behaarten Nackens, hatte sie einen Leberfleck. Ihr weißes gerüschtes Kleid erinnerte ihn an die 50er Jahre, an etwas Vergangenes, das noch schmerzhaft in ihm stand.
„Hast du Geschwister?“ fragte er sie.
„Ja, einen Bruder.“
„Du liebst ihn?“
„Ja.“
Er war sentimental, er hätte sich verfluchen können. Deshalb war er keiner der Traders in Frankfurt geworden, die mit ihren WAP–Handys und Rollerblades zu den Büros im Messeturm fuhren. Wenn er kurz nach der Asienkrise sagen wir 10.000 DM investiert hätte, rechneten ihm seine Freunde damals vor, wäre er spätestens in einem Jahr reich geworden … Er nahm sich einen Joint und ließ sie auch einige Male daran ziehen. Sie nannte sich Chiara (wie Chiara Mastroiani); in Wirklichkeit hieß sie Aischa.
Als er gerade eingedöst war, hörte er Glas splittern. Er sprang auf und tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter; doch ehe er sich besonnen hatte, wurde er von dem Eindringling an die Wand gepreßt und geknebelt, die Hände mit einer Plastikhandschelle an einen Stuhl gekettet. Dann ging das Licht an.
Als erstes sah er den leeren Fensterrahmen, in dem die Scherben wie die Zähne giftiger Pflanzen herausragten. Es war plötzlich kalt, er drehte sich langsam herum und sah den Mann über der Frau auf dem Bett hocken; sein Kopf war mit einem Strumpf bedeckt, doch er sah diesen fleischigen Hals, ein Geflecht von weißen, schorfigen Flecken, die bis zu den nackten Unterarmen herunterliefen. Während er sich auf dem Rücken des Callgirls hin– und herbewegte, um sie zu bändigen, sah Andy seinen eleganten Mantel aus Tigerfell (mit hochgekrempelten Ärmeln) und den Armanianzug im gleichen Rhythmus hin und her rutschen. Er wollte schreien, doch konnte er seinen Kiefer wegen des Klebebands nicht einen Millimeter öffnen. Für eine Minute, schien es Andy später, war nur das erstickte Würgen des Callgirls und das Auseinanderreißen der Bettlaken zu hören.
Dann zog der Mann einen Revolver unter dem Arm hervor und schoß ihr in den Kopf. Erst als er den Schalldämpfer mit einem rotweiß–karierten Taschentuch herunterschraubte, hatte Andy mit seinem vernebelten Hirn mitgekriegt, was geschehen war. Er mußte würgen und fiel vornüber, mit dem Stuhl auf seinem Rücken, auf das Bett.
(Du wirst eines Tages sterben, wenn ich auch sterben werde, aber dann werden in das Baumhaus über der Elbe die Maikäfer kommen und sich auf den Holzlatten paaren, wo wir einmal gelegen haben …)
Das Blut des Callgirls klebte ihm feucht am Gesicht und am Hals, als der Killer ihn zu sich hochzog und ihn wieder aufrecht auf seinen Stuhl setzte.
„Hey, guy, take care!“
Dann zog der Killer ein silbernes Etui aus seinem Mantel, fingerte ein Heft Streichhölzer heraus und ließ eine Romeo–y–Julieta aufflammen. Er hatte nur das Badezimmerlicht gedämpft angelassen, so daß man von draußen nicht hereinsehen konnte.
„Du bist Yves oder nicht?“ fuhr er auf Englisch fort.
Während der Killer einen nervösen Beat auf den Tisch trommelte, mit seinen behaarten Fingern, nickte Andy, weil es ihm instinktiv die einzig sinnvolle Bewegung schien. Er sah diese langen Finger an der Zigarre, mit ihren Venen und den angeschwollenen Muskeln, und er mußte wieder würgen.
„Wohin wolltest du gehen, Yves?“
Mit einem Ruck hatte er Andy das Klebeband vom Mund gezogen.
„Ich … bin …“
(Aber wer solltest du sein außer Yves?! Doch nicht der Papst?!)
„I’m not pleased, my honey.“
Der Mann zog an seiner Cohiba und grinste. Der spanische Akzent hing ihm wie starker Mundgeruch von der Zunge. Andy dachte, wenn er der Papst wäre, würde ihm dieser Mann die Hoden mit dem Nußknacker wegoperieren.
„Was wollen Sie von mir?!“
„Weißt du, wer ich bin, my dear Yves?“
„Nein.“
Der Killer sah ihn mit entfesselter Wut an.
„Que coño! Y testa di Buddha! Du kommst mit mir.“
Unter diesem Esperanto–Gemengele gingen sie durch das Foyer der Herberge hinaus, und Andy sah durch die offene Tür der Rezeption, wo er vor fünf Stunden mit der Amex bezahlt hatte. In den Fängen einer umgestürzten Plastikpalme hing dort das zerfledderte blaue Rechnungsbuch, mit dem blutigen Abdruck einer Hand. Als er im Bentley auf der Rückbank saß, kamen ihm die Tränen hoch und er schnitt sich die Handgelenke wund, so sehr zerrte er an seinen Fesseln. Die ganze Fahrt fiel kein Wort, aber der Killer drehte sich zwei– oder dreimal zu ihm herum, mit diesen tiefsitzenden Augen. Es war ein so leerer Blick, Andy mußte an einen Film–Cop denken, dem auf dem Rasen eines amerikanischen Vorgartens die Augen aus dem Schädel gefallen waren.
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