Leseprobe

aus Adolf Heinzlmeier: Böses Mädchen (Krimi) Die ersten beiden Kapitel.

1

Der Cappuccino im Café Ypsilon war korrekt. Ich hatte mein Croissant eingetunkt und die erste Gauloise geraucht. Zum Café gehört eine kleine Buchhandlung, stets ausgerüstet mit den Neuheiten der literarischen Welt.
Gegen neun Uhr saß ich allein im Büro und schaute aus dem Fenster in den Vorgarten auf die verblüten Forsythien. Eine weiße Katze lief über die Straße. Ihr Fell blutete. War sie von einem Auto angefahren oder von einem Tier verletzt worden?
Meine Assistentin war nicht da. Am Abend zuvor hatte Sabine über Zahnnschmerzen geklagt und verkündet, dass sie am Morgen den – wie sie sich ausdrückte – Zahnklempner aufsuchen müsste. Die Schmerzen seien schlimmer geworden als die Angst vorm Bohrer.
Von der Straße drang Verkehrslärm herauf. Gehupe, Großstadtgestank, Flüche in einer fremden Sprache, Serbisch oder ein anderer Balkanslang.
Ich hörte, wie jemand auf die Außentür zuging, stehenblieb und wartete.
„Es ist offen“, rief ich.
Ein Mann im hellen Trenchcoat kam durch die Tür. Unter dem offenen Mantel trug er abgerissene Klamotten wie von www.haeftling.de erworben. Ein Gesicht wie vom Hagelschlag zerfurcht. Ich schätzte ihn auf ungefähr vierzig. Er setzte sich auf den Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch.
„Sind Sie Merton, der Privatdetektiv?“
Ich nickte.
„Patrick Ruffini. Ich bin Schriftsteller.“
Seine Nase ragte verquollen aus dem Gesicht wie eine Gurke, und um den Hals hatte er einen roten Schal gewickelt.
„Ich habe einen Mord beobachtet“, sagte er mit gehetzter Stimme.
Dann lächelte er müde und sah dabei aus, als hätte ihm das Leben einen üblen Streich gespielt.
Ich zündete mir die zweite Gauloise an, blies den Rauch in die Luft und wartete. Ruffini schien die Sprache verloren zu haben, wirkte erschöpft.
Er berichtete, dass er allein zu Hause gesessen, in den Hinterhof geschaut und das Fenster geöffnet hatte, um ein wenig frische Luft hereinzulassen.
„Ich wohne hier ganz in der Nähe“, erzählte er, „im Nordend in der Rotlintstraße. Es war mir, als befände ich mich mitten unter den Figuren eines mörderischen Krimis.“
Mit einem Feldstecher beobachtete er, was im Mietshaus vor sich ging. Bei einem Menschen wie du und ich würde man sagen, ein Spanner, aber ein Schriftsteller muss Menschen beobachten, um dem wirklichen Leben auf die Spur zu kommen. Es entspann sich ein heftiger Streit zwischen einem älteren Ehepaar und einer Blondine, die sich im zweiten Stock oben ohne auf dem Balkon rekelte.
„Die hatte ganz schön was zu bieten“, sagte Ruffini mit einem müden Grinsen. „Ein glatzköpfiger Bewohner spielte den Walzer aus Maskerade von Aram Katschaturian und dirigierte dazu, ein Stück, das wirkte wie die Untermalung der folgenden Szene.“
Ruffini bemerkte hinter einem anderen Fenster in einem erleuchteten Raum eine Frau.
„Sie hatte ein Vogelgesicht“, erklärte er.
Im Halbdunkel schräg gegenüber stand ein Mann, der erst heftig gestikulierte, dann wie erstarrt dastand.
„Ich spürte eine merkwürdige Stille in dem Zimmer, als wären die Farben des Lebens ins Diffuse gewichen. Der Mann schien zu weinen. Die Lippen der Frau bewegten sich, als kämen Schlangen aus ihrem Mund. Auf einmal hatte sie eine Pistole in der Hand und richtete sie auf den Kopf ihres Gegenübers. Im nächsten Augenblick schien der Mann zu fallen und verschwand aus meinem Blickfeld.“
Staubkörner tanzten in einem hellen Sonnenstrahl, der auf den schäbigen Teppich in meinem Büro fiel. Ruffini sah mir aufmerksam ins Gesicht, als wollte er meine Reaktion testen.
„Sie hat den Mann erschossen?“
Mein Gegenüber zuckte die Achseln.
„Es sah so aus. In diesem Augenblick erkannte die Dame, dass ich sie beobachtet hatte und ließ die Jalousien herunter.“
Ruffini war aschfahl geworden. War er der einzige Zeuge eines Mordes geworden?
„Aber vielleicht war alles nur eine Fata Morgana?“, murmelte er unvermittelt. Er schien jetzt völlig von der Rolle zu sein. „Ich bin Schriftsteller“, wiederholte er sich.
Ein Dichter mit zu viel Fantasie? Obwohl Ruffini eine komische Type war, klang seine Geschichte plausibel. Oder wenigstens gut erfunden.
„Könnte Vogelgesicht auch ein Mann gewesen sein? Sind Sie ganz sicher, dass Sie eine Frau gesehen haben?“, fragte ich vorsichtig.
„Absolut. Sie trug eine rote Bluse und hatte was zu bieten, wenn Sie …“
„Verstehe. Haben Sie dann die Polizei verständigt?“
„Nein.“
„Weshalb nicht?“
„Ich weiß nicht.“
Zusätzliche Falten erschienen in seinem zerknitterten Gesicht. Hatte der Dichter Probleme mit der Staatsmacht?
„Ich fürchtete, dass sie mich nicht ernst nehmen und für einen Spinner halten würden.“
„Sind Sie sicher, dass Sie gestern Abend nicht doch einen Krimi in der Glotze gesehen haben?“
„Nein!“
Ruffini stöhnte.
„Mann, ich weiß doch, was ich sehe. Die Mörderin erkannte, dass ich sie beobachtet habe. Ich bin sicher, sie wird mich verfolgen, und wenn sie mich findet, eiskalt erschießen. Wieso glauben Sie mir nicht?“
„Beruhigen Sie sich! Einen Calvados?“
Ruffini nickte.
Ich holte aus der Kochnische eine Flasche mit dem Apfelschnaps und goss ihm ein Glas voll. Mir ebenfalls eins. Mein Besucher nippte vorsichtig daran und verzog das Gesicht.
„Wie sah die Frau denn aus?“, fragte ich.


2

„Schwer zu sagen“, überlegte Ruffini bedächtig, „wie Frauen halt so aussehen.“
„Geht‘s etwas genauer?“
„Ich hab sie nur ein paar Sekunden gesehen.“
„Was ist Ihnen aufgefallen? Haarfarbe, Größe, Typ, Kleidung?“
„Hm, Haarfarbe schwarz. Eine dünne Person, ziemlich groß, mindestens einen Meter siebzig. Sie trug eine dunkle Hose, nein, nicht dunkel, sie war schwarz. Die Frau hatte scharf geschnittene Züge, ein Vogelgesicht eben, wie ich schon sagte.“
Nach einem kurzen Augenblick fügte er hinzu:
„Und sie lachte!“
Eine lachende Mörderin? Mich überkam der Gedanke, dass ich es hier mit einem Spinner zu tun hatte.
„Sind Sie sicher?“
„Wie?“
„Dass sie gelacht hat?“
Ruffini nickte wie ein Schüler, der vom Lehrer geprüft wird.
„Ja, sie lachte plötzlich. Ich verfüge über eine hervorragende Beobachtungsgabe.“
„Sonst ist Ihnen nichts aufgefallen?“
„Hm. Der Mann trug eine schwarze Anzugjacke, eine gebeugte Gestalt, schon leicht ergraut …“
Ruffini sank ächzend in sich zusammen, das Feuer in seinen Augen war ganz erloschen.
Mir war nicht klar, ob ich mich auf den Fall einlassen sollte oder nicht. Etwas störte mich an der Geschichte, aber ich wusste nicht, was es war.
„Haben Sie einen Schuss gehört?“
„Nein.“
„Könnte sie einen Schalldämpfer benutzt haben?“
„Möglich … Helfen Sie mir?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Was ist Ihnen die Sache denn wert? Ich nehme hundertfünfzig am Tag plus Spesen.“
Ich sah, wie Ruffini schluckte.
„Gut“, murmelte er.
„Sind Sie verheiratet?“
„Ja.“
„Hat Ihre Frau nichts bemerkt?“
„Nein. Ich hab ihr auch nichts gesagt, um sie nicht zu beunruhigen.“
„Kennen Sie den Mann, der erschossen wurde?“
„Ja … Nein.“
„Was heißt das?“
„Ich hab an den Klingeln im Hinterhaus die Namen der Bewohner studiert. Es handelt sich um einen Kurt Höllger–Marius. Er lebte allein in seiner Wohnung.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich hab die Nachbarin gefragt, Frau Marthaler. Sie erzählte mir, dass sie gestern rätselhafte Geräusche gehört hatte zu der Zeit, als ich den Mord beobachtet habe.“
Ich schob ihm ein Auftragsformular über den Tisch.
„Ich übernehme den Fall“, sagte ich. „Mein Vorschuss beträgt zweitausend. Wenn ich innerhalb von zwei Wochen nicht erfolgreich war, erhalten Sie die Hälfte des Geldes zurück.“
Er unterschrieb, ohne zu zögern.
„Soviel Kohle hab ich nicht dabei“, sagte er verlegen.
Patrick Ruffini fürchtete sich vor einer unbekannten Frau mit einem Vogelgesicht, einer raffinierten Killerin, die ihm, wie er fürchtet, als Mordzeugen das Lebenslicht ausblasen würde. Wenn die Geschichte stimmte, die er mir erzählt hatte.
Als er zur Tür ging, bemerkte ich, dass er zwei verschiedene Socken trug, einen schwarzen und einen hellblauen.
„Kein Problem“, sagte ich. „Sie können das Geld nachmittags vorbeibringen. Wenn ich nicht da sein sollte, geben Sie es meiner Sekretärin.“
Bis dahin würde Sabine wohl wieder auf der Bildfläche erscheinen.
Oder Vogelgesicht?
Jede Frau hat ihr dunkles Geheimnis.