Leseprobe
aus Sebastian Keller: Alice on Speed. Roman (Auszug aus den ersten beiden Kapiteln.)
1. Aberration
„Aberration […zion] die; –, –en: 1. bei Linsen, Spiegeln u. den Augen auftretender optischer Abbildungsfehler (Unschärfe). 2. scheinbare Ortsveränderung eines Gestirns in Richtung des Beobachters, verursacht durch Erdbewegung u. Lichtgeschwindigkeit. 3. starke Abweichung eines Individuums von der betreffenden Tier– oder Pflanzenart (Biol.). 4. Lage od. Entwicklungsanomalie (von Organen od. von Gewebe; Med.).“
Er hatte es lange aufgegeben, sich Filme anzusehen oder Bücher zu lesen. Er hatte es auch schon lange aufgegeben, mehr als unbedingt nötig mit Menschen in Beziehung zu treten. Nach dem Tod seiner Eltern war das leichter gefallen, und die Großstadt gab ihm den Schutz, den er brauchte. In den letzten zwei Jahren war er viermal umgezogen und hatte unzählig oft seinen Kleiderschrank geleert und wieder komplett neu gefüllt. Er mochte abstrakte Kunst und wortlose, klassische Musik. Manchmal auch Jazz oder in Ausnahmefällen ein mitreißendes Heavy–Metal–Instrumental. Alles andere verlangte ihm zu viel ab.
Es hatte nach der Pubertät begonnen. Er war der Star der Theaterklasse gewesen und hatte schon seine persönliche Wahl unter den besten Schauspielschulen der Welt getroffen. Er war allgemein ein Begriff, trotz seines jungen Alters. Aber dann – während der dritten oder vierten Aufführung des Faust I – war es passiert: Er hatte angefangen, den Text der anderen Personen mitzusprechen, erst leise, dann hörbar, und kurz bevor sich der Vorhang gnädig senkte und von allen Seiten auf ihn eingeredet wurde, während das Ensemble sich unter Applaus verbeugte, hatte er den Drang in sich gespürt, alle anderen Figuren zu spielen. Nicht, weil er es besser machen wollte, wie ihm immer wieder vorgeworfen werden würde, nein, er WAR plötzlich jede einzelne Person des Stücks.
Psychologen standen ratlos vor dem Phänomen, dass sie als „krankhafte Identifikationsgabe“ bezeichneten, wenn sie verständlich und positiv bleiben wollten. Was selten lange anhielt, da er spätestens nach einer Stunde das Gebaren und den Duktus des ihn behandelnden Arztes so sehr übernommen hatte, als säße dieser seinem eigenen Geist in einem fremden Körper gegenüber.
Es gab nichts, was er oder die Ärzte dagegen hätten tun können. Er versuchte es mit Hypnose – was einmal damit endete, dass eine verwirrte Praxishilfe sowohl Hypnotisierten wie Hypnotiseur in den Normalzustand zurückbringen musste – er versuchte es mit Meditation und mit medikamentöser Behandlung, aber nichts half. Schließlich – er war inzwischen über 20 Jahre alt und hatte die Schule mit Mühe und Not abgeschlossen –, gab er sich selbst die Diagnose: „unheilbar“ und versuchte sein Leben, so gut es eben ging, um die Störung herumzugestalten, die durchaus auch Vorteile bot: Er war ein fast perfekter Imitator. Nur fast perfekt, weil jeder gute Imitator ein wenig übertrieb, ein wenig umgestaltete oder wenigstens auswählte, während er das Original wie ein Echo nachahmte. Manche Persönlichkeiten verschwanden wieder in ihm, wie sie aufgetaucht waren, besonders solche, die er aus den Künsten in sich aufgenommen hatte, aber die meisten blieben gespeichert, und bald ergab sich ein festes Repertoire, auf das er zurückgreifen konnte, wenn er wollte. Das war gar nicht schwer, denn die meisten Menschen waren sich ähnlicher, als sie selbst von sich annahmen und für gut befunden hätten.
Er hielt sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, die er ständig wechselte, und wäre wahrscheinlich zum Sozialfall geworden, wenn ihm nicht der Zufall geholfen hätte. In einem Unternehmen, in dem er aushilfsweise als Bürogehilfe angestellt worden war, hatte ihn der Chef dabei ertappt, wie er der versammelten Belegschaft eine Darbietung seines Könnens bot und eben jenen Chef nachahmte. Er wurde ins Büro bestellt, doch anstatt der erwarteten Schelte plus Rauswurf ergab sich ein Gespräch über ihn und seine Störung. Schließlich ein Angebot:
„Mein ehemaliger Mentor sucht genau so jemanden wie Sie. Wenn Sie nichts dagegen haben, lasse ich ihm Ihre Adressdaten zukommen.“
Zu sehr war er noch in der Rolle seines eigenen Chefs, eines ehrgeizigen Mitdreißigers, als dass er das Angebot hätte ausschlagen können.
Wenig später kam ein Anruf. Die Stimme der Sekretärin, die ihn für nächsten Mittwochnachmittag in den Büroturm der größten Fondsgesellschaft in der Stadt bestellte, klang beinahe völlig neutral, und allein das nahm ihm jeglichen Zweifel, ob er den Termin wahrnehmen wollte oder nicht. Einem so neutralen Menschen war er schon lange nicht mehr begegnet.
Das war der Eintritt in ein neues Leben gewesen. Von nun an konnte er auf ein nicht unerhebliches Gehalt als Berater zurückgreifen, um seine Wohnungs– und Ausstattungswechsel zu finanzieren. Er hatte das auch dringend nötig, denn nicht nur sein Geist wurde mit den Persönlichkeiten anderer Menschen kontaminiert, nein, auch an seiner Kleidung spürte er ihre Gerüche und Gedanken haften, die damit bis in den letzten Winkel seiner Wohnung drangen.
In der Firma begleitete er seinen neuen Arbeitgeber Daniel Davidson zu fast jedem seiner Meetings und wurde von vielen der anderen Manager des Unternehmens ebenso in Anspruch genommen.
Seine einzige Aufgabe war es, still dazusitzen, zu beobachten und nach dem Meeting eine konkrete Frage zu beantworten. Meist lautete diese Frage:
„Ist das die Wahrheit?“
Er war ein menschlicher Lügen– und Emotionsdetektor. Anfangs gab es noch ab und zu Abweichungen, wenn er es mit Menschen zu tun bekam, die innerhalb der kurzen Zeit, die das Meeting dauerte, nicht auszuloten waren, aber mit seiner Erfahrung auf diesem Gebiet wuchs auch die Trefferquote. Zusammen mit dem unternehmerischen Spürsinn Davidsons ergab das eine fast hundertprozentige Garantie für Erfolg.
Glücklich machte ihn das nicht. Das Geld und die steigende Anerkennung in der Firma reichten gerade aus, um die negativen Seiten seiner Störung aufzuwiegen. Er war notorisch einsam, denn niemand, der nicht an ihm verdienen konnte, hielt es lange mit ihm aus. Frauen waren fasziniert gewesen von seinem Einfühlungsvermögen, aber die wenigen, die in ihm mehr sahen als einen Kummerkasten, ergriffen die Flucht, sobald sie das volle Ausmaß seiner Störung erkannten. Spätestens, wenn er begann, ihre Wäsche zu tragen und sich die Beine zu rasieren. Er konnte einfach nichts dagegen tun.
Hinzu kamen die Menschen, die sein Arbeitsmaterial bildeten. Unter den Schalen der erfolgreichen Geschäftsleute taten sich wahre Abgründe auf, die ihn zu verschlingen drohten.
Als es zum ersten Mal passierte, schlug ihn die Erinnerung an den Nietzsche–Satz, derjenige, der in Abgründe starrt, solle sich davor hüten, dass der Abgrund nicht eines Tages zurückstarre, wie eine Keule.
Da war ein pädophiler Banker, der fast ohne Unterlass am klobigen Siegelring seiner linken Hand drehte und dessen ganzes Wesen unter der solariengebräunten Haut schlicht und ergreifend Ekel erregend war. Immer wieder hatte er es auch mit einem renitenten Aufsichtsratsmitglied, Kohn mit Namen, zu tun, von dem hinter der Hand gemunkelt wurde, er würde seine eigene rechtsradikale Wehrsportgruppe finanzieren, und der das erdrückende Gefühl falsch verstandener Vergangenheit zurückließ.
Aber es gab auch andere Arten von Verzerrungen des menschlichen Geistes, die er, üblem Atem gleich, nur mit viel Mühe überdecken oder beseitigen konnte, hatte er sie erst einmal übernommen. So zum Beispiel ein Geschäftsführer eines Elektronikkonzerns, der sich allen Ernstes für einen großen Poeten hielt, seine apostrophenreichen Wortfetzenreihungen im Selbstverlag herausgab und passenderweise auch noch Kempner hieß, wie Friederike Kempner, die Schlesische Nachtigall.
Doch die größte Abscheu verspürte er vor dem undurchsichtigen Gründer von Memphisto Inc., deren Logo eine kunstvolle Verschmelzung der Maske des Tutenchamun mit einem spitzbärtigen Teufelsgesicht war. In gleicher Weise flossen in Henry I. Memphisto, so sein Name, die Charakterzüge selbstbewusster Aristokratie und spitzbübischer Verschlagenheit zusammen. Er ließ außerdem das Gefühl zurück, dass man bei ihm wie bei einem Eisberg nur seine Spitze zu sehen bekam. Aus irgend einem Grund reichte die Zeit nie aus, ihn zu durchschauen.
So hielt er sich in seiner freien Zeit vor allem an Orten auf, wo selten Menschen zu finden waren, etwa in Kirchen, oder an solchen Orten, die nur als Durchgangsstationen benutzt wurden und die im Grunde seelenlose Orte waren: Flughäfen, Bahnhöfe, Straßenbahnstationen.
Er mochte politische Reden; er mochte die Nachrichten; er mochte ab und zu Pantomime. Für Zen–Buddhismus war er zu wenig konsequent und für Drogen zu vorsichtig. Wenn er Lust auf einen Film hatte, dann sah er sich einen schlechten Porno an.
So hätte es weitergehen können. Seine Eigenart hätte sich verfestigt und eingeschliffen bis zu seinem Tod. Dass etwas eine Änderung hätte herbeiführen können, war nicht sehr wahrscheinlich. Niemand liebte ihn und niemand würde ihn je lieben. Was an Überzeugungen sonst noch übrig blieb, die einen Menschen hätten ändern können, hatte wenig Einfluss auf ihn. Er war nicht religiös, hing keiner politischen Richtung an und vertrat auch sonst keine Meinung, die um ihre Umsetzung gebuhlt hätte.
2. Initiation
„In|itiation […zion] die; –, –en: [durch bestimmte Bräuche geregelte] Aufnahme eines Neulings in eine Standes– oder Altersgemeinschaft, einen Geheimbund o. ä., besonders die Einführung der Jugendlichen in den Kreis der Männer oder Frauen bei Naturvölkern.“
So hätte es weitergehen können, wenn die Gesetze der ihn bestimmenden Anomalie es so gewollt hätten. Doch schleichend verschaffte diese sich mehr Raum und bildete Metastasen auf Gebieten, die höchst ungelegen kamen. Seine Vorhersagen wurden nach Jahren des Erfolges plötzlich unzuverlässiger.
„Es liegt am Raum.“, antwortete er Davidson in minutiöser Nachahmung der Geste des übergeschlagenen Beines und des an der Schläfe ausgestreckten Zeigefingers.
Davidson setzte sich auf und legte die Unterarme auf die spiegelnde Tischplatte. Nadelstreifen bildeten ein elegantes V. Krauses, kurz geschnittenes Haar und die Andeutung von Koteletten gaben dem Mann eine dynamische Note.
„Verstehen Sie: Die Wände sind voll von diesen Leuten. Sie geben mir keine Zeit ein klares Bild zu bekommen.“
Davidson nickte und strich über die Tischplatte, die nichts weiter als eine anthrazitfarbene Tastatur und einen Monitor von sowohl beeindruckender Breite als auch Schmalheit trug. Durch sein transparentes Material war der ins Innere eingelassene Schwarm von Elektronik zu sehen, der lediglich wie das technische Modell eines Computers wirkte, aber in Wirklichkeit voll funktionstüchtig war. Es sah aus wie die Explosion eines Computers festgehalten in Kunstharz.
Diese Sonderanfertigung eines IT–Künstlers war eine der beiden Extravaganzen, die sich Davidson in seinem Büro leistete.
„Sie brauchen Urlaub, Schmendrick.“, sagte Davidson nach einer Weile.
Das machte er immer so, führte sich sein Gegenüber ins Gedächtnis. Immer wenn Davidson sich auf ein Problem konzentrierte, verfiel er gern in den Gebrauch von Versatzstücken aus Fantasy und Science–Fiction.
„Urlaub? Wie meinen Sie das?“
„Genau so. Arbeitsurlaub natürlich. Ich kann es mir nicht leisten Ihr Talent ungenutzt zu lassen. Sie fliegen nächste Woche nach Japan, fühlen dort einem unserer Mitarbeiter auf den Zahn und lassen sich dabei ein wenig durch das Licht des Morgenlandes erleuchten. Was halten Sie davon?“
Er lehnte sich im breiten Ledersessel zurück und zog seine Leinenhose am Gürtel nach oben. Geräuschvoll atmete er aus. Entweder Davidson hatte ihn sowieso nach Japan schicken wollen oder er hatte gerade seinen spontanen Tag.
„Klingt verlockend. Wem soll ich denn da auf den Zahn fühlen?“
„Sein Name ist Dominik Takahashi. Er leitet unsere kleine Musik–Division und benimmt sich in letzter Zeit, seit ungefähr einem halben Jahr… sagen wir einmal merkwürdig. Lassen Sie sich von Theresa die Reiseunterlagen geben und informieren Sie sich, bevor Sie packen.“
Das Gespräch war damit beendet, aber bevor er hinausgehen konnte, rief ihn Davidson noch einmal zurück.
Sein Blick wurde auf das monumentale Gemälde gelenkt, das direkt hinter Davidsons Schreibtisch an der Wand prangte. Es handelte sich um die unerbittlich herabblickenden Comic–Augen Dagobert Ducks. Der Künstler: Don Rosa. Das war Davidsons zweite Extravaganz.
„In dieser Sache sind Sie mir persönlich unterstellt. Sie reden mit keinem anderen darüber, ist das klar?“
„Glasklar.“
Neuronenverbände in seinem Gehirn feuerten in verstärktem Maße, als er sich von der Sekretärin (die im übrigen ebenso neutral aussah wie sie klang) die Unterlagen abholte. Dass sein Boss seinen Status in dieser Sache extra betont hatte, gab ihm zu denken.
Der Inhalt des Ordners gab ihm erste Anhaltspunkte: Takahashi hatte seine Ausbildung in Deutschland begonnen und war innerhalb kürzester Zeit bis in die obersten Etagen des Unternehmens aufgestiegen. Das lag vielleicht ebenso sehr an seinem Können wie an einem zweiten Faktor, der unübersehbar in den Unterlagen verschwiegen worden war. Aus irgend einem Grund hatte Davidson einen Narren an dem jungen Halbjapaner gefressen und aus irgend einem anderen Grund (oder vielleicht auch demselben) wollte er das verbergen.
In einem Internet–Cafe in der Stadt begann er Nachforschungen über Takahashi anzustellen, was aber wenig mehr zu Tage förderte als was er eh schon wusste außer einem pixeligen Klassenfoto einer verregneten Italien–Fahrt auf einer Site, die bereits seit mehreren Jahren nicht mehr auf dem neusten Stand gehalten wurde. Keine Adressen, keine weiteren Telefonnummern. Und bei der Schule nachzufragen schien den Aufwand nicht wert zu sein.
Aus Gewohnheit rief er seine Emails ab. Der Spamschutz hatte nur einmal versagt. Neben einem Robert Hudlum, der ihm kanadische, verschreibungsfreie Medikamente via Internet verkaufen wollte, fand sich eine Mitteilung von Davidson:
Felix,
Takahashis aktuelles Foto im Anhang. Er wird morgen von mir unterrichtet, dass Sie am Montag nach Japan kommen werden, um den Tourneeauftakt von „Mustard Mood“ zu beobachten. Informationen dazu folgen.
– D
Er schüttelte ein wenig verwundert den Kopf. Davidson musste in besonderer Stimmung sein, dass er ihm persönlich eine Email schrieb, nur um ihm ein Photo und ein paar unwichtige Informationen zu schicken, die Theresa oder jeder andere ebenso gut hätte weitergeben können. Außerdem kam es nicht oft vor, dass er seinen eigenen Namen las. Mit dem Auftreten der Anomalie hatte er eine Abneigung dagegen entwickelt. Nicht nur weil die Bedeutung des Wortes Felix – im Lateinischen der Glückliche – so gar nicht zu seiner Situation passen wollte, sondern auch, weil die Nennung seines Namens jedes mal wie ein Defibrillator auf ihn gewirkt hatte: Er hatte sein Herz bzw. seinen Verstand auf Nulllinie gebracht. Im Grunde eine notwendige Maßnahme, wenn sich sein Persönlichkeitsapparat an einer Mixtur aus Mann, Frau, Kind, Wüstling, Langweiler, Fanatiker, etc… festfraß. Doch das erneute Hochfahren seiner Persönlichkeit – der Rudimente, die er bis zu den letzten Tagen auf der Schule besessen hatte – bereitete ihm unsäglichen Schmerz, denn die Unsicherheit, ob sich überhaupt noch etwas auf seiner Festplatte finden lassen würde, verbrannte restlos alles, was er noch zu fühlen imstande war.
Felix öffnete das Attachment und sah sich dem sehr formellen Bild eines vage vertraut aussehenden Asiaten gegenüber, der aber auch unverkennbar europäische Merkmale hatte.
Die Augen waren weiter als es seinem ästhetischen Empfinden entsprechen würde und um das sauber rasierte Kinn herum ließen sich Spuren von ausgeprägtem Bartwuchs erkennen.
Das war also der außer Kontrolle geratene Dominik Takahashi. Außer Kontrolle geraten auf einem Feld, das wie eine einsame Insel aus dem Meer der Wirtschaftsinteressen seiner Firma ragte. Davidson hatte die Firma nicht aufgebaut, aber nun war es seine Firma, und Davidsons Firma beschäftigte sich mit Geld. Je reiner desto besser. Mit Waren an sich hätte er sich nie abgegeben, schon gar nicht mit so schwammigen Waren wie Musik.
Dennoch hatte man Dominik in ein gemachtes Nest in Japan gesetzt, abgeschirmt vom Piranhatreiben der Musikbranche um ihn herum.
Seine Aufgaben waren von Anfang an bestenfalls bescheiden zu nennen gewesen: Er hatte für nichts weiter zu sorgen, als dass er nicht zu arg in die negativen Zahlen geriet. Der Rest erledigte sich über Werbung und Steuervorteile.
Von dieser Spur war Dominik auch keineswegs abgewichen, er konnte im letzten Jahr sogar ein kleines Plus ausweisen, mit steigender Tendenz. Die Risikoanschaffung hatte sich längst amortisiert und würde sich aller Voraussicht nach zu einer bescheidenen – und ausbaufähigen – Goldgrube entwickeln, wenn – ja wenn Dominik nicht auf eine Art und Weise straucheln sollte, die höchstens von den Firmenpsychologen und Davidson selbst festgestellt werden konnte. Festgestellt, aber nicht erklärt. Dafür wurde er, Felix, ins Rennen geschickt. Es war nicht schwer die Überlegungen Davidsons zu erraten. Eine fremde Kultur wie die japanische würde mit der Anomalie Felix’ nicht kompatibel sein und sie somit für eine erholsame Weise in den Leerlauf versetzen. Und selbst, wenn das nicht der Fall sein sollte, so müsste doch das äußerst formelle japanische Verhalten wohltuend auf ihn wirken. Gleichzeitig aber würden seine Fähigkeiten immer noch ausreichen, um Dominik auf den Zahn zu fühlen.
Noch stundenlang surfte er ziellos durchs Internet, um sich eine Vorstellung von Japan zu machen, bis ihm seine Augen den Dienst verweigerten und das Kleingeld ausging. Mit einem Kopf, angefüllt mit Datenschrott und ein paar Klumpen bindender Information ließ er sich vom Pendlerstrom aus Frankfurt spülen. In einem Supermarkt kaufte er sich ein paar frische Eier und trank ihr flüssiges Inneres. Er wusste, dass er das nicht tun sollte. Salmonellen und so. Darüber hinaus schmeckten ihm rohe Eier noch nicht einmal. Aber einmal alle Jubeljahre überkam ihn der Drang, rohes Ei zu essen. Jedes Mal hatte er seine Entscheidung bisher bereut. Eier verursachten Alpträume und beim Erwachen einen schweren Kopf.
Er schlief sofort nach seiner Ankunft in seiner Wohnung auf der Couch ein. Er hatte schon seit Tagen nur noch spärlich sein Bett benutzt. Immer öfter war er mit der deutlichen Vorstellung, ein anderer zu sein, aufgewacht und hatte auch die Alpträume eines anderen geträumt. Es musste an den Laken aus Baumwolle liegen. Sie speicherten menschliche Erinnerungen viel besser als Kunstfasern.
Es graute ihm vor dem Flug. Hunderte von Sitzen, die von Tausenden von Menschen benutzt worden waren. Enge Gänge, Millionen Mal auf– und abgeschritten von geschäftigen Stewardessen. Aber es gab noch Schlimmeres. Geradezu Tretminen: Wäschestücke auf der Straße – und seltsamerweise handelte es sich da vor allem um Unterwäsche – waren ihm ein Grauen. Nicht, dass er etwas gegen die meist darin transportierte erotische oder sexuelle Energie hatte, aber die Tatsache, dass er nicht an dieser Energie teilhaben würde, vergällte ihm die Sache.
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