Leseprobe
aus Bernd H. Reutler: Das verwirrte Chamäleon. (Anfang aus dem 3. Kapitel)
Im Garten der schönen Nachbarin stand ein Kirschbaum. Kein Kirschgarten, nur dieser eine üppige Baum, von Laub, dann Blüten, dann Früchten übervoll, eine so wunderbare Last, daß kein Ast sich jemals gefährlich bog oder gar zu brechen drohte. Lustvolle Natur, ohne jedes Memento mori, so stark und lebendig, daß selbst Herbststürme und rauher Winter das prachtvolle Bild nicht vergessen machen konnte. Die Nachbarin war keineswegs – wie man wegen der Kirschgarten–Reminiszenz vielleicht erwarten könnte – eine von Launen und Lüsten getriebene Ranjewskaja, sondern ganz und gar das menschliche Pendant zu den Früchten ihres Baumes, eine veritable Knackkirsche, so reines Fruchtfleisch durch und durch, daß kein Mensch – weder Ehemann noch Sohn, weder Freunde noch Freundinnen – sich jemals fragte, welchen Kern dieses so fruchtige Fleisch wohl einschließen mochte. Da war kein Geheimnis, das es zu knacken galt. Alles war eindeutig und lag offen für jedermann zu Tage, war mit allen Sinnen wahrnehmbar, diese Inkarnation süßer Sinnlichkeit, ohne den bitteren Beigeschmack von Femme fatale, kein Körper, der mit seiner allzu großen Vollkommenheit den sicheren Verrat wittern ließe: Heute du, morgen irgendein anderer.
Sie lief mit ihren Stöckelschuhen, die ihre Beine noch schlanker und endloser erscheinen ließen, nackt durch ihren Garten, trat unter den Kirschbaum, dessen fleckiger Schatten ihre Gestalt in ein Clair–obscur tauchte, reckte einen Arm den Früchten entgegen, der dabei selbst zu einem dunklen Ast zu werden schien, bog einen der Zweige etwas zu sich hinunter, wodurch ihr Gesicht ganz mit Laub verdeckt und ihre Haare mit Früchten bekrönt wurden: eine Daphne, die gänzlich zu verschwinden drohte, indem sie selbst zum Kirschbaum wurde. Andreas empfand diese Verwandlung gegen sich, den mit Blicken Jagenden, gerichtet, und fürchtete schon, die Metamorphose könne endgültig sein. Aber dann kehrten der Arm die Hand, das Gesicht und schließlich die ganze Gestalt wieder ins Menschliche zurück, und eine dunkelrote Frucht formte die vollen Lippen zu einem üppigen Kirschenmund. Sie näherte sich der spärlichen, unregelmäßigen Hecke, die die Grundstücksgrenze nur ungefähr andeutete, und reichte Andreas eine Handvoll Kirschen hinüber, während sie selbst mit geräuschvollem Saugen eine der Früchte genoß. Andreas interpretierte die Sauggeräusche als ein „Nimm hin, dies ist mein Fleisch, dies ist mein Blut“, und das Verzehren der Früchte war ihm so wunderbare Kommunion mit dieser Frau, daß er die Kerne mit all dem köstlichen Fleisch und Saft gleich mit hinunterschluckte.
Nein, er hatte entschieden unfrommere Gedanken. Das Signalrot, ihr Saugen, der Saft und das Schlucken – ihm war wirklich viel weniger nach christlicher Caritas als nach heidnischer Amor zumute. Er klemmte eine Kirsche zwischen die Vorderzähne, näherte sich ihrem Mund und schob mit der Zunge die Kirsche zwischen ihre Lippen. So kam es zu einem flüchtigen Kuß. Sie lachte, ging zur Dusche, reckte ihr Gesicht in den Wasserstrahl, zog den Liegestuhl aus dem vorgerückten Schatten, legte sich flach auf den Rücken und nahm den Kopf so weit zurück, daß die Sonnenstrahlen mit ihrer ganzen Kraft senkrecht auf ihr Gesicht trafen.
Andreas zog sich hinter den hohen Sommerflieder zurück, um den wie aus heller Bronze auf den Liegestuhl hingegossenen Akt heimlich betrachten zu können.Nein, ich werde das unschuldige Bild nicht fies mißbrauchen. Sie ist eine schutzlose Witwe, und sie könnte fast meine, wenn auch noch sehr jugendliche Mutter sein. Aber sie hat sich die Kirsche in den Mund schieben lassen, von dir, mit deiner Zunge. Sie wartet darauf, daß du deine Zunge ihr noch woanders hineinschiebst. Das stimmt nicht, sie ist eine unschuldige Knackkirsche und keine laszive Kirschgartenbesitzerin.Aber sie braucht jemanden, der ihr den Paradiesgarten netzt. So jung ist sie nicht mehr, laß ihr das Gärtlein nicht vertrocknen. Wenn du deinen Samen hier vergeudest, nützt es ihr nichts. Warum läuft sie denn nackt herum? Warum dreht sie dir den Rücken zu, wenn sie sich bückt, um hier und da, ganz wahllos, ein bißchen Unkraut zu rupfen? Damit die Pobacken noch strammer werden und zu dir hinüberleuchten wie das Hinterteil eines Häschens, Blume, dir etwas unverblümt zu sagen. List der Natur. Sie liegt und wartet. Geh hin und besitz! Eklige Männerphantasien. Ich mach mich nicht zum viehischen, hündischen Fleisch. Dann zerfleisch dich selbst mit deiner blöden Arroganz, nicht Fleisch, nicht Leben sein zu wollen! Glaubst du, gerade du könntest die List der Natur überlisten? Nie einen Sohn gezeugt, wie? Nie ein „Hosianna“ mit deinem Stab zu einem Fortissimo gesteigert? Der verlassene, gekränkte Narziß verweigert sich fortan allen Frauen. Und was war die wilde Bumserei, wahllos und kurzatmig auf den diversen Ensemblematratzen? Natürlich nur lustlose Rache. Nun spiel nicht den großen heroischen Verweigerer! Tu nicht so, als sei Eros für dich von Thanatos gemordet, erledigt! Eingegangen in seines Bruders Reich, ins Reich des Nyx, die ewige Nacht, wo nix mehr los ist. Ja, flüchte dich nur ins Kalauern, das paßt gut zum „kalten Bauern“.
Was die Knackkirsche betrifft, hast du doch nur Angst, dir statt einer Triebabfuhr eine richtige Abfuhr zu holen. Zum richtigen Bumsen zu feige! Figa, imago vulvae. Kein Feigenblatt bedeckt ihren Schoß. Auf denn, geh der Knackkirsche an die Feige! Hirnrissige Gedanken wegen einer runzeligen Spalte!Aber wenn nicht in diese Spalte, wo stürzt du dich dann hinein? In einen kleinen, billigen und sehr einsamen Tod! Und noch lange nicht in die ewige Ruhe. Erst dann ist aller Bewegung Ruhe. Bis dahin aber gibt’s noch manches Rein und Raus.
Kleine Maus, zieh mich aus, mach dich nackig. Steck ihn rein, zieh ihn raus, das ist zackig! Kinderreimgedudel schon in frühester Jugend, auch von Mutters Tod nicht aus dem Hirn zu verscheuchen. Auch nicht auf dem langen Weg zum Friedhof, vorbei an den hohen, gelb leuchtenden Ginsterbüschen. Die Augen immer auf der Suche nach den milchig schimmernden Beilagerwimpeln aus Gummi, die als obszöne Siegeszeichen an die Ginsterzweige geknotet waren. Der Vater mit seinen ewig feuchten Augen konnte sie nicht bemerken. Zudem schaute er nie zu Andreas hinüber, sondern blickte immerzu geradeaus, die Augen in die Ferne gerichtet, auf den frischen Grabhügel als imaginären Fixpunkt, der mit dem Näherkommen sich zum niemals zu überwindenden Gebirge all seines Leids vor ihm auftürmte.
Andreas stand neben seinem Vater vor diesem überdimensionalen Maulwurfshügel, mit dem die Spielwiese seiner Kindheit mit einem Schlag irreparabel verwüstet worden war. Er legte seine Hände vor dem Hosenschlitz übereinander und tat so, als ob er betete. Dabei hielt er Zwiesprache mit der Toten:Vater spinnt. Er verlangt von mir, daß ich diesen Trauerflor am Ärmel trage, nur weil er meint, meine Windjacke sei zu hell für unser Unglück. Sag ihm daß das blöd ist! Ich habe die Bilder von den Judenkindern gesehen. Soll ich so rumlaufen wie die, daß mich alle anglotzen? Ich schäme mich, von allen angequatscht und bedauert zu werden. Sie wollen mich doch nur heulen sehen. Und wenn ich nicht weinen kann, weil ich nicht weinen will? Daß ich so traurig bin, geht doch nur dich und mich etwas an. Nicht einmal Vater. Sag ihm, er soll aufhören zu heulen! Die Leute befragen und bemitleiden ihn, aber sie wollen doch nicht sehen, wie er sich dauernd schneuzt. Sag ihm, das, bitte! Ich will nicht mehr weinen, und ich kann auch nicht mehr weinen. Weißt du, daß ich die letzten zwei Jahre jeden Abend vorm Einschlafen gerechnet habe, wie lange du noch leben wirst, und wie alt ich dann erst sein werde? Ich hab mich in dieser Zeit ins Kissen ausgeheult. Du weißt, wie verzweifelt traurig ich schon war, noch bevor du gestorben bist. Als ich neben dir auf deinem Sterbebett lag, bellte draußen auf unserer Gartenmauer so ein kleiner, fieser Mischling. Ich kam gerade aus der Schule, und der Briefträger, der mir die Post in die Hand drückte, sagte: Da drin stirbt jemand, Hunde spüren so etwas. Ich tat so, als ob mich dies nichts angehe, als ob ich von nichts wüßte. Ich habe mich geschämt, weil ich dich in diesem Augenblick verleugnet, ja, irgendwie verraten habe. Als ob du nicht zu mir gehörtest. Ein fremdes Leid, das mich nichts anging. Ein Sterben, von dem ein Briefträger phantasierte, ein Sterben, das ein dummer Hund auskläffte, aber doch kein Sterben, das Wirklichkeit war und mich betraf. Ich war ein Feigling, verzeih mir. Neben dir im Bett wußte ich, wie wirklich dein Sterben war und wie sehr es mich betraf. Dabei konnte ich dir eigentlich kaum etwas ansehen. Nur deine Augen waren so komisch schmutzig gelb. Aber deine trüben Augen sagten mir noch nichts von der nahen Trübsal. Deine Worte machten mich betrübt; sie kündeten mir die hoffnungslose, unabwendbare, endgültige Betrübnis an. Ich sah dich plötzlich neben mir auf dem Rücksitz des Autos sitzen, mit dem du aus dem Nichts zu mir gekommen warst, um mich für irgendwohin abzuholen. Ich heulte und schrie, und du gabst mir aus einer großen braunen Tüte irgendein sandiges, zerbröckelndes Gebäck, um mich zu beruhigen. Aber für mich war das alles eine große Strafaktion, weil ich in der Nacht zuvor wieder ins Bett gemacht hatte. Im dunklen Zimmer meiner Kindheit war ein Rattenloch, direkt unter der Fußleiste. Dort sah ich die Zähne, die mich strafen sollten, wenn ich als Waisenkind zur Strafe ganz verlassen war. Habe ich dir das je erzählt? Nein, du solltest nichts wissen von den Bildern, die ich erinnerte aus einer Zeit, die vor dem ganz neuen Anfang lag, den du mir schenktest. Es sollte so sein, daß es vorher nichts gegeben hatte, daß du für mich da warst von Anfang an. Ich brüllte in meinem Bettchen, diesem Straflager neben dem Rattenloch. Aber all mein Brüllen half nichts. So wenig wie mein Brüllen im Auto, neben dir. Die Straße durch den Wald war dunkel. Weißt du noch, wie mir später bei unseren Ausflügen kein Wald dunkel genug war? Wie schön gruselig das war, wenn du nur dabei warst! Aber auf dieser ersten Fahrt mit dir dachte ich, wir führen geradewegs hinein in das Rattenloch. Und plötzlich waren das Dunkel und die Enge dieses Tunnels aus Stämmen, Ästen und Laub mit einem Schlag zu Ende. Wir sausten ins Licht einer unbekannten Welt, und ich hörte auf zu weinen. Und dann, im Bett neben dir, lief alles rückwärts, zurück durch den schwarzen Tunnel, an dessen Ende ich wieder allein sein würde, weil es dich dort nicht mehr gibt, so, als ob es dich nie gegeben hätte. Und wenn du ins Nichts gehst, ist es mir, als ob du für mich nie aus dem Nichts gekommen wärst. Ich habe mich ganz fest an dich geschmiegt, und du hast leise gestöhnt:
Nicht so fest, es tut mir weh. Und wenn du mich noch so fest hieltest, ich muß weg von dir. –
Für den Rückweg genehmigte der Vater sich und Andreas die kurze Bahnfahrt von der Friedhofsstation zur nächsten. Er setzte sich auf die Holzbank der überdachten Haltestelle, zermürbt und ausgelaugt vom Anblick der über seiner Frau aufgehäuften Erde, diesem viel zu schweren, lehmigen, klammen Plumeau über einer ewig Schlafenden, die aufgehört hatte, mit drei Tassen Nescafé den Tag zu beginnen, um Motor für zwei Leben zu sein. Kein zärtliches Bettgeflüster mehr, das Andreas belauschen konnte:
„Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal nackt sahen?“
In die Holzbänke waren allerhand Sprüche eingeritzt, deren Inhalt mit dem des Gekritzels an den Wänden völlig übereinstimmte. Es gab ja auch nur ein Thema. Thema eins. Mädel sei gescheit, mach die Beine breit, leg dich auf den Rücken, denn ich will dich ficken. Das hatte Rhythmus, das ließ Andreas mit den Beinen im Takt wippen, ein stummes Skandieren, während das Verslein als eine Art Perpetuum mobile in seinem Kopf sein Unwesen trieb. Variatio delectat, soviel Latein hatte er schon gelernt. Mädel sei gescheit, mach die Beine breit, mach nicht lange Flausen, denn ich will dich mausen. Andreas‘ Beine wippten vergnügt mit neuem Schwung, der auch den Oberkörper mit einbezog. Der Vater weinte.
„Bist du denn gar kein bißchen traurig?“
Andreas fühlte sich ertappt, aber sein Wippen hielt den Rhythmus bei, auch wenn das textliche Perpetuum mobile für den Augenblick zum Stillstand gekommen war.
„An was denkst du? Gar kein bißchen an das tote Mütterchen?“
„Doch.“
„Ist das alles?“
„Ich fürchte mich vor dem Dunkel.“ Während er das sagte, las er: Licht aus, Licht aus, Papa holt den Dicken raus – einmal rein und einmal raus…
„Mein armes Kind, du brauchst keine Angst zu haben. Das Mütterchen ist nicht im Dunkeln, nein, es trägt jetzt sein grünes Samtkleid und die goldenen Sandalen, ganz so, wie es uns immer zu Weihnachen erschienen ist, und es ist ganz von Licht umgeben und leuchtet dir auf deinem Weg. So lieb hat es dich noch immer.“
Was redet der Vater? Von Bengalischem Licht und von Liebe? Hatte er etwa auch gelesen: Am Golf von Bengalen ein Mägdelein stand, die Hosen herunter, das Hemd in der Hand, die Brüste geschwollen, den Nabel verdickt, das sagen die Leute, die Sau hat gefickt? Der Landser lyrische Ergüsse, irgendwie aus den Kriegsjahren herübergeschwappt in die frühen Jahre des Friedens, der Kindheit von Andreas und seiner Altersgenossen. Andreas wurde es mulmig. Zeit, daß die Straßenbahn mit ihrem Triebwagen endlich kam. Aber selbst dazu fiel ihm ein billiger Pennälerwitz ein: Vehiculum sexuale…
Angesichts des liegenden Aktes philosophierte Andreas weiter über den Akt, von dem er so sehr wünschte, daß er endlich aktuell würde gerade mit dieser Frau.Wenn die Existenz denn wirklich der Essenz vorausgeht, so ist dies einmal ein höchst praktischer philosophischer Glaubenssatz. Man stelle sich vor, die Menschen dächten erst nach über ihre Essenz, bevor sie sich ans Zeugen von Existenzen machten – unsere Gattung wäre vermutlich schon längst ausgestorben. Die Funktion der List der Natur scheint also zu sein, das Nachdenken über die Essenz so lange zu narkotisieren, bis die reinen, von jeder Essenz noch unbeleckten Existenzen die Operation zwecks Keimen einer neuen Existenz durchgeführt haben. Wir haben also die wunderliche Situation, daß die Operateure narkotisiert werden, damit die Operation gelinge, und Leben nicht nur erhalten, sondern gar neu geschaffen werde. Wenn sie wieder bei Bewußtsein sind, dürfen die Operateure dann getrost über ihre Essenz philosophieren. Das ist mir einmal passiert, nie wieder! Wer verlangt denn von dir, eine kleine Knackkirsche zu zeugen? Das gibt ihr Kern nicht mehr her.Und was sollen dann meine Zutaten?Schau, du bist in der glücklichen Lage, ein narkotisierter Operateur sein zu dürfen, der mit seinem Instrument ganz folgenlos agieren kann. Keine List mehr, nur noch Lust! –Diese Losung war Erlösung. Und schon hockte Andreas neben dem Liegestuhl. Die Knackkirsche blinselte und sah ihn nur als bläulichen Schemen.
„Ich habe dich gar nicht kommen hören.“
„Habe ich dich erschreckt?“
„Nur ein bißchen.“
„Jetzt hockst du neben mir wie schon als Kind. Ich bin ganz nackt, und du behältst die Badehose an.“
„Stört es dich?“
„Mich hat das nie gestört. Weißt du noch, wie du dich geziert hast, wenn wir mit dem Gartenschlauch herumspritzten, und nur du allein unbedingt dein Höschen anbehalten wolltest?“
„Ja, ich weiß.“
„Weißt du auch noch, was du geantwortet hast, wenn ich dir sagte, du solltest das Höschen doch ausziehen?“
„Ich habe Angst, daß ich mich erkälte und nachts ins Bett mache.“
„Und ich habe dich deswegen ausgelacht. Ich weiß, das war nicht nett. Aber natürlich hast du dich nur geschämt, dein steifes Kränchen zu zeigen, stimmt’s?“
„Ich fand schon damals deine Pobacken ziemlich aufregend. Wie nanntest du sie? Deine Boller?“
„Meine Boller, ja. Und die fandest du schon mit fünf oder sechs Jahren aufregend?“
„Hast du eine Ahnung, wie früh das bei uns Männern da unten losgeht!“
„Und wie findest du meine Boller heute? Immer noch so, daß du die Badehose lieber anbehältst?"
„Du machst mich ganz schön verlegen.“
„Wahrscheinlich würde ich dich noch verlegener machen, wenn ich dir erzählte… Nein, oder doch… Weißt du, was der widerliche Kerl, der immer hinter seinen Vorhängen nach mir Ausschau hält, ob ich wieder nackt herumlaufe, gesagt hat? Nein ich sag’s dir lieber doch nicht.“
„Du kannst doch in deinem Garten machen, was du willst.“
„Darum geht es nicht.“
„Sondern?“
„Er sieht ja auch dich, wenn du hier mit mir zusammen bist.“
„Na und? Das war ich schließlich schon als Kind.“
„Eben. Deshalb ist ja auch nichts dabei. Aber gestern sagte der widerliche Kerl doch glatt zu mir, wir – du und dich – würden zusammen schlafen.“
Andreas schmerzten vom Hocken die Oberschenkel. Aber noch mehr schmerzte ihn die Formulierung „der widerliche Kerl“. Also war widerlich, was er sagte. Und dieses „glatt“ hieß so viel wie „unverschämt“. Als hätte er das gesagt: Die Mami läßt sich von dem Söhnchen ficken. Und er selbst, war er nicht auch ein solch widerlicher Kerl, der versteckt Ausschau hielt mit dem Gedanken, das Söhnchen möchte die Mami ficken?
„Das war sicher sehr peinlich für dich.“
„Ich fand es unverschämt, aber nicht eigentlich peinlich.“
„Was hast du ihm denn geantwortet?“
„Daß ich es für ein sehr großes Kompliment hielte, wenn es so wäre. Da war er so etwas von verdutzt, du hättest sehen sollen, wie schnell er sich umdrehte und verschwand.“
Sie mußte ihm das also mit einem Ton und einer Mimik gesagt haben, die bedeuteten: Wie kann man nur etwas so Blödes behaupten!
„Ist es dir unangenehm, daß ich dir das jetzt doch erzählt habe? Aber ich meinte, du solltest es wissen.“
„Nein, ich finde, du hast ganz toll reagiert. Danke.“
„Dann gib mir ein Küßchen.“
Das tat er denn auch mit einer Unschuld, die kindlicher war als die des Fünf– oder Sechsjährigen. Sie ist wirkliche eine reine Knackkirsche und keine kokette Kirschgartenbesitzerin. Sie hat kein Interesse an meiner fleischlichen Existenz. Was ist in ihren Augen meine Essenz? Meine vermutete Unschuld seit Kindertagen und meine geistigen Interessen. Kein Vögeln mit der Knackkirsche also, es blieb allein bei dem harmlosen Vogelgezwitscher in den Kirschbaumzweigen…
Als einige Jahre zuvor der Nachbar, der es weniger mit Kirschen und seiner Knackkirsche hielt und statt dessen Eau de Kirsch und andere scharfe Sachen bevorzugte, um seinem verkorksten Leben ein bißchen Mut einzuflößen, seiner Leberzirrhose erlegen war (immerhin war er so mutig, sich alle lebensverlängernden Schläuche so oft aus diversen Körperöffnungen zu reißen, bis er damit Erfolg hatte), ergriff seine Witwe zwei Vorsichtsmaßnahmen: Drei Schäufelchen Erde am Vormittag auf den Sarg. Am Nachmittag ließ sie eine Alarmsirene direkt neben ihrem Schlafzimmerfenster montieren.
Als am Morgen nach der delikaten Eröffnung, die sie Andreas gemacht hatte, die Rolläden ihrer Fenster auch um elf Uhr noch nicht geöffnet waren, klingelte bei Andreas das Telefon, und jener widerliche Kerl teilte ihm mit, daß da doch etwas nicht stimmen könne. Er, Andreas, der ja so gute Beziehungen zu der schönen Witwe habe, solle doch besser einmal nachsehen. Andreas besaß einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, um in ihrer Abwesenheit Blumen zu gießen. Er bediente die Klingel in dem Rhythmus, der gewissermaßen ihr Morsecode war. Nichts rührte sich. Er versuchte es noch einmal. Vergeblich. Er stellte sich unter das Fenster ihres Schlafzimmers und pfiff das Dreiklangmotiv, ihre gemeinsame Erkennungsmelodie seit seinen Kindertagen.
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