Leseprobe
aus Peter Reusse: Sprachen als Schweigende. Roman
Das Telefon klingelt. Es wird Mine mit ihrem obligatorischen Abendanruf aus Leipzig sein.
Ich lese Hitlers Tischgespräche von Henry Picking. Der Führer hat Wein getrunken und sagt:
Wenn man die Mentalität der einheimischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten richtig beurteilen will, muss man sich immer vor Augen halten, dass es sich bei ihr um eine Vielheit von Nomaden handelt, dass der Wandertrieb im einzelnen ebenso drin liegt wie beim Vieh, dass auch – wenn es ein Stück Land abgegrast hat – nach besseren Weidegründen überzuwechseln sucht.
Ich nehme den Hörer ab und melde mich. Eine sachliche Frauenstimme sagt:
„Hier ist der Lazarus–Stift. Ihre Frau Mutter ist um 21 Uhr 45 verstorben. Sie müssen jetzt nicht kommen. Die Aussegnung findet morgen um elf statt. Wenn Sie möchten, können Sie teilnehmen.“
„Ich möchte jetzt kommen.“
„Okay. Ich bin nur die Notärztin. Fahre jetzt wieder in mein Krankenhaus. Schwester Güzel erwartet Sie hier. Mein herzliches Beileid.“
Ich gehe zurück zum Schreibtisch und lese:
Anschliessend meinte der Chef etwas scherzhaft, man brauche eigentlich nur deutsche Organisationstalente auf diese Wanderei loszulassen und das wandern werde den Einheimischen schon vergehen. Er könne sich so richtig vorstellen, wie plötzlich Wanderbücher auf der Bildfläche erschienen, die an bestimmten Ortben abgestempelt werden müssten, weiter Verbote, bestimmte Wege zum Wandern zu benutzen beziehungsweise überhaupt andere Wege als amtlich zugelassene Wanderwege zu bewandern und sofort.
Was ist los mit mir?
Ich bin auf ein falsches Gleis geraten.
Jemand hat mich abgeschaltet. Vom Netz genommen …
Ich nehme den Schlafanzug, der auf dem aufgedeckten Bett liegt und trage ihn ins Badezimmer. Hänge ihn dort an seinen angestammten Platz. Putze mir die Zähne. Dann lösche ich überall das Licht und gehe zurück in mein Zimmer, schließe die Tür und setze mich aufs Bett.
Ich sollte weinen.
Statt dessen schüttele ich das Kopfkissen auf.
Die Radiostimme sagt:
In einer Nacht wie dieser sollte man die Mühen des Alltags vergessen und einfach nur träumen …
Ich stehe auf und drücke den Schalter der Anlage. Die Stimme redet weiter. Das falsche Radio. Irgendwo unter Zeitungen liegt das Transistorgerät.
Entspannen Sie sich und lauschen sie den Klängen der Musik. wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spiel weiter …
Ich gehe wieder in den Korridor und wähle Mines Nummer.
„Ja?“
„Unsere Mägi ist um 21 Uhr 45 eingeschlafen.“
„Nein. Bitte nein … “
„Ja. Ich werde jetzt in den Lazarus–Stift fahren.“
„Der Schmetterling ist gestorben.“
In ihr Zimmer hatte sich ein Schmetterling verirrt. Sie hat mir jeden Tag von ihm erzählt. „Heute nachmittag. Er liegt hier bei mir auf dem Nachttisch.“
„Ich fahre jetzt in den Lazarus–Stift“
„Ja, ja, paß auf dich auf.“
Zig mal hatte ich den Adrenalinstoß beim Klingeln des Telefons gespürt. War vorbereitet. Heute war nichts. Ich war nicht vorbereitet.
Hatte es den Anruf wirklich gegeben? Warum kann ich nicht weinen?
Bewege mich wie eine Figur auf einer Weihnachtspyramide. Was heißt bewege, ich werde bewegt.
Im Sommer hatte es einen Anruf von der Pflegeschwester aus ihrer Wohnung gegeben.
„Ihre Mutter liegt im Bett. Sie weigert sich, aufzustehn. Ich glaube, es ist soweit.“
Es war an einem Sonntag. Noch sehr früh. Auf dem Lande, in unserem Sommerhaus. Kamen gerade vom Schwimmen. Wir suchten hastig unsere Sachen zusammen, heulten und jagten nach Berlin.
In ihrer kleinen Wohnung in der Amendestraße herrschte Chaos. Schwester Birgit hatte Tränen in den Augen. Ein Arzt war gerufen worden.
Instinktiv machte ich das Richtige, versuchte es mit Autorität.
„Was ist los, du läßt dich gehen. Ich bin sehr enttäuscht. Wir wollten heute mit dem Rollstuhl zum Schäfersee fahren.“
Das muß sie an ihren Vater Otto erinnert haben. Den düsteren Pastor. Der seine sechs Kinder pauschal am Sonnabend für die Sünden der Woche mit dem „Siebenstriemer“ zu traktieren pflegte.
Brav hatte sie sich aufgerappelt, von Birgit den Sonntagsstaat anlegen lassen und mit uns den Spaziergang absolviert.
Die Radiostimme sagt:
Jetzt haben Sie sich entspannt zurückgelehnt, ihre Gedanken auf die Musik konzentriert, und ich werde Ihnen von einem Mann erzählen, der trotz einer tragischen Armamputation eine berühmter Pianist geworden ist.
Ich hab einen Auftrag zu erfüllen.
Fühle mich aber wie ein schwer Betrunkener, der sein Haus nicht finden kann. Sehe mich aus der Vogelperspektive.
In einem Irrgarten.
Als Vogel kann ich den Ausgang erkennen. Kann mir da unten aber keinen Tip geben.
Das Auto ist noch voll gepackt. Mit den letzten Sachen aus ihrer Wohnung. Heute war die Übergabe. Besenrein. Die Frau von der Wohnungsverwaltung hatte einen Damenbart und redete, als ob sie ständig an etwas anderes dachte.
Rilke und Hesse. Und natürlich Der Herr Kortüm. Und die Mappe mit den KollwitzZeichnungen. Eigentlich wollte ich alles der Entrümplung überlassen. Bei uns ist kein Platz. Ich habe es nicht übers Herz gebracht. Werde ein Regal kaufen müssen.
Die Straßen sind wie ausgestorben.
Die Geschwister–Scholl–Straße ist kurz, mündet hinter der neuen Spreebrücke in die Tucholskystraße. Die Ampel ist grün, ich kann die Oranienburger überqueren und nach ein paar hundert Metern in die Torstraße einbiegen. Links in die Gartenstraße, direkt bis zum Nordbahnhof.
Als ich aussteige, habe ich die Fahrt sofort vergessen.
Das Haus Sonneneck des Lazarus–Stifts sieht nachts aus wie ein Luxus–Liner, der an der Bernauer Straße festgemacht hat. In allen Gängen brennt eine milde Nachtbeleuchtung. Die Tür öffnet sich automatisch. Die Eingangshalle hat die Höhe eines Kirchenschiffs. Man kann weit oben durch das gläserne Dach den nächtlichen Himmel sehen. An den rundumlaufenden verglasten Etagen ranken Grünpflanzen empor. Wie im Brehmhaus im Tierpark Fnedrichsfelde.
Der Fahrstuhl befördert mich lautlos in die dritte Etage.
Was wird mich erwarten? Raum der Stille nennen sie das wohl. Oder liegt sie noch in ihrem Zimmer? Wie wird die bedauernswerte Zimmernachbarin Frau Krüger reagieren, die den ganzen Tag sagt: Alles ist furchtbar, alles ist schrecklich, und dann singt: So ein Tag so wunderschön wie heute …
Ich bin geschockt! Ihr Bett steht auf dem Gang. Es wirkt riesig. Sehr technisch. Die Bettdecke weist im mittleren Teil eine kaum wahrnehmbare Wölbung auf.
Joseph Roth hinter einem Wandschirm abgestellt im Pariser Armenspital. Der Maler Vincent in der Heilanstalt in Arles.
Hölderlin in seinem Turm …
„Ich wollte sie in den Raum Vier bringen. Ich habe nur auf Sie gewartet.“
Schwester Güzel ist eine große füllige Person. Die tintenschwarzen Haare werden über der Stirn mit einem Bügel zurückgehalten. Über der mütterlichen Brust trägt sie ein kleines Kreuz an einer Goldkette. Immer wieder reißt sie grünen Zellstoff von einer Rolle und wischt sich die Hände trocken.
Ich müßte protestieren. Würde, Respekt angesichts des Todes. Aber ich bin zu müde.
Ein sanfter Hügel unter dem Laken.
Beiseite.
Die Ärztin hatte heute Mittag angerufen.
„Das Fieber ist gestiegen. Ich werde keine Antibiotika geben. Das würde dem geschwächten Körper schaden. Keine Sorge, es besteht keine Lebensgefahr. Sollte das Fieber in den nächsten Tagen nicht zurückgehen, bekommen wir ein Problem.“
Ich bin sofort losgefahren. Und war erleichtert.
Sie wirkte erschöpft. Aber nicht verändert. Mein Instinkt signalisierte keine Gefahr. Ich hatte wenig Zeit. Die Wohnungsübergabe war auf drei Uhr festgesetzt. Es gab einiges zu klären. Renovierung, Energieabrecbnung, Restmiete …
„Sie hat nicht gelitten. Das Morphium hat ihr geholfen.“
Schwester Güzel redet in einem sachlichen Tonfall. Der wie ein kühlender Umschlag wirkt.
Sie ist sehr beschäftigt.. Taucht auf und verschwindet. Aus der Ferne höre ich, wie sie Wasser in einen Eimer laufen läßt. Was hat sie gesagt? Da war ja das Morphium? Was für Morphium? Verwechselt sie die Patienten?
Ich setze mich aufs Bett. Da ist viel Platz. Ich berühre vorsichtig die Hand. Sie ist weich. Kühl. Wie meist.
Das Gesicht wirkt angestrengt. Die Augen sind geschlossen. Der Mund geöffnet. Wie bei einem langen Seufzer.
„Kann man den Mund nicht schließen?“
„Ich habe es versucht, es geht nicht.“
Erst jetzt bemerke ich das gerollte Handtuch unter dem Kinn.
Ich lege meinen Kopf zu ihr aufs Kopfkissen. Seit meiner Geburt das erste Mal wieder.
Entschuldige. Ja, ich habe versagt. Mein Instinkt hat versagt. Ich hätte heute nachmittag bei Dir bleiben müssen. Die Ärztin hatte gesagt, Du hättest Fieber. Aber es bestünde keine Gefahr. Aber wo war der Instinkt? Wie sagt man? Die Stimme des Blutes? Warum wirkst Du so angestrengt? Du hast es geschafft. Kannst stolz auf Dich sein.
Die Haut ist weich. Mit einem zarten Hauch von Kölnisch Wasser. Es mußte immer griffbereit stehen. Schon über dem schmalen Waschbecken in unserem alten Haus in Seehof. Ich mühte mich erfolglos die schwungvolle Zahl 4711 abzuzeichnen. Mit dem ovalen Kringel. Man hat dir ein Totenhemd angezogen. Sicher die kleinste Größe. Und trotzdem noch zu geräumig. Mit einer kleinen Fliege unterm Kinn. Wie Charlie Chaplin. War da nicht ein leichter Atem an meiner Wange? Wie an unseren Nachmittagen, wenn ich Dich in der Amendestraße besuchte und wir uns umarmten. Immer etwas ungeschickt, etwas verlegen … .
Ich spreche das Vaterunser.
Wenn es erlaubt wäre Dich mitzunehmen, ich würde es jetzt tun.
Ich spüre keine Scheu vor Dir. In den letzten Monaten Deiner Hilflosigkeit ist Dein Körper für mich selbstverständlich geworden. Wie kaum zuvor.
Da gab es die Hürden des heranwachsenden Jünglings, später die des Mannes, in dessen Koordinatensystem plötzlich eine andere Frau zum Zentrum geworden war …
Und von Deiner Seite Deine verquere Pastoren–Kinderstube. Der schwarze Mann mit der Peitsche: Du darfst nicht sündigen … Hast gehorsam zu sein … Dein Fleisch bedeckt zu halten
Jetzt hast Du alles hinter Dich gebracht. Mit der Dir eigenen Zähigkeit. Der Dir eigenen Würde.
Der trauernde Mensch beklagt einen Verlust. Er wünscht sich den vorherigen Zustand zurück. Würde alles dafür geben.
Wünsche ich mir, daß alles wieder so ist wie vorher? Wie gestern? Natürlich nicht.
Wie vor zwei Jahren? Vor zwanzig Jahren? Wünsche ich nicht vielmehr mich zurück?
Trauer hat mit Selbstbespiegelung zu tun. Trauer? Verlust? Verlieren … Sich selbst verlieren … selbst verlieren …
Du bist jetzt da, wo Du hinwolltest. Also.
Und jetzt?
Wo bist Du jetzt? Spürst Du mich? Nimmst Du mich wahr? Irgendwie …
Benehme ich mich so rollengemäß, weil ich Deinen mütterlich kontrollierenden Blick zu spüren meine? Ja, versuche ich nicht eine Rolle zu spielen? Will ich in Wirklichkeit nicht weg von hier? Wie so oft bei meinen letzten Besuchen bei Dir. Zurück an meinen Schreibtisch, meinem Refugium? Zu den angenehmeren Dingen? Den „Störfall“ lieber meidend?
Was kommt jetzt auf mich zu?
So Vieles muß geregelt werden. Eigentlich möchte ich nicht in meiner Haut stecken. Man hat gelesen, daß erst der Tod der Mutter das Kind erwachsen machen soll.
Mein Gang zu Schwester Güzel ist aufgesetzt, meine Stimme zu laut.
„Welche Formalitäten gilt es zu erledigen?“
Gilt es zu erledigen, was um alles in der Welt ist in mich gefahren?
Schwester Güzel taucht aus einem Schrank auf, in dem sie bis zur Hüfte gesteckt hatte.
„Bitte, Sie müssen unterschreiben“, haucht sie erschrocken.
Sie übergibt mir einen Briefumschlag. Darin befinden sich Dein Schulmädchenring mit dem roten Stein und die Halskette.
Zum ersten Mal heute abend muß ich mit den Tränen kämpfen.
„Ja, ja.“
Warum bin ich so grob zu der Frau? Als wäre sie eine Kontrahentin. Oder in irgendeiner Weise schuld. Was war mit dem Morphium?
„Was ist mit dem Morphium?“
„Frau Doktor hatte es angeordnet.“
Ich hasse die Frau plötzlich. Wegen ihrer Angst vor mir. Sie riecht aus dem Mund und hat unter den Achseln dunkle Flecken.
„Morgen um elf findet die Aussegnung statt.“
„Was bedeutet das, Aussegnung?“
„Die offizielle Verabschiedung des Hauses. Frau Pastorin wird kommen.“
Jetzt sieht sie mich an, daß ich das Bedürfnis verspüre, ihr die Hand auf die Schulter zu legen. Aber ich laß es. Erinnert mich zu sehr an Onkel Toms Hütte oder die russischen Kinderfrauen. Sage lieber: „Sie haben eine schwere Arbeit. Respekt.“
Schwester Güzel lächelt und zuckt mit den Schultern, als müsse sie sich für etwas entschuldigen, und taucht wieder bis zu den Hüften in den Schrank ab.
Was hat die Frau ständig zu tun? Jetzt mitten in der Nacht. Ich habe einen Menschen verloren.
Ich versuche, Dich durch die Glaswände dort hinten zu entdecken. Den Menschen, der die letzten zwei Jahre meines Lebens dominiert hat.
Ich sehe den geöffneten Mund.
Hattest du nach zwei Jahren der Sprachlosigkeit etwas mitteilen wollen?
Die vielleicht wichtigste Situation in unserem langen gemeinsamen Leben?
Und ich glänzte durch Abwesenheit. Hatte nichts Wichtigeres zu tun, als mit einer Frau mit Damenbart herumzufeilschen. Ihre Lippen waren abstoßend geschminkt, der Rock zu kurz, die Beine häßlich. Der rote Mund sagte: „Hier muß alles total renoviert werden.“
Wie der Richter bei der Urteilsverkündung: Schuldig!
Ich verlasse das schweigsame Schiff.
Stehe unter dem Nachthimmel.
Die Luft ist kalt und schmeckt nach Eisen.
Die Gegend rund um den Nordbahnhof ist trist. Am Tage. In der Nacht wirkt sie bedrohlich. Ich fahre ohne ein Ziel.
Nirgendwohin.
Ich fahre weg.
Fast mein gesamtes Leben haben wir Seite an Seite verbracht. Mit nur wenigen Unterbrechungen.
Eine tolerante Mutter warst Du mir, voller Phantasie und Humor. Die sich gelegentlich zur Strenge geradezu zwingen mußte.
Eine kostbare Kindheit verdanke ich Dir.
Von dem Zeitpunkt an, da ich eine Familie hatte, mehr oder weniger gewollt, warst Du ein unersetzlicher Partner. Wir konnten in Ruhe unserer zeitraubenden Arbeit nachgehen und wußten die Zwillinge bei Dir in den besten Händen. Und während Deiner späten Karriere als Solistin, als Du unsere Wohnung verlassen hattest, wurde Dein neues Domizil, die kleine behagliche Wohnung in Reinickendorf eine Art Asyl für uns. Ein Ort, wo die Zeit stehenzubleiben schien. Ein Ort für gute Gespräche, ein Ort der Stille. Einer Stille, die wie eine schützende Decke ist. Unter der der Körper, mit ein wenig Geduld, warm werden kann.
Ich weiß wenig über Dich.
Du teiltest Dich mit. Du nahmst teil. Du teiltest mit allen. Warst aufmerksame Zuhörerin und gabst Auskunft. Über Gott und die Welt. Selten über Dich. Über Dein Leben, bevor ich zur Welt kam, weiß ich wenig.
Nicht daß Du ein Geheimnis daraus gemacht hättest. Aber wer nicht gefragt wird, wird nicht über sich reden. Zumindest Menschen wie Du. Und meine wenigen Förderversuche gerieten zu oberflächlich. Um im Bilde zu bleiben: im Tagebau.
Da walteten Scheu. Lange Zeit auch Eltern–Kind–Rollenverhalten. Für das Kind sind die Eltern Institution. Ohne Eigenleben. Später, im Erwachsenenalter, verhinderten Scheu vor Heiklem, falsche Rücksichtnahme, manchmal auch einfach Gedankenlosigkeit einen tiefer gehenden Dialog. Merkwürdig. Zum ersten Mal habe ich Dich nackt gesehen vor zwei Jahren. Nach Deinem ersten Schlaganfall. Als Du nach monatelanger Rekonvaleszenz, nach quälenden Logopädie–Exerzitien und Krankengymnastik, plötzlich in Deine Wohnung entlassen wurdest. Nur Dein starker Wille und eine außergewöhnliche Disziplin haben das möglich gemacht. Du warst auf Hilfe angewiesen. Und Wunderheilerin Natur hatte Dich das, im zarten Kindesalter eingeprügelte, verschrobene Bild von der Sündhaftigkeit des Fleisches, vergessen lassen, weil es fortan Wichtigeres für Dich zu bewältigen gab. Nichts Geringeres als den Kampf ums Überleben.
Ich weiß nicht wo ich mich befinde. Bin einfach vor mich hingefahren. Weit weg von mir. Man darf sich nicht gehenlassen, höre ich Dich sagen. Du hast recht, ich muß einen Plan machen über alles, was zu erledigen ist. Aussegnung im Lazarus–Stift, Termin mit dem Bestattungsunternehmen, Unterlagen sichten, Deine letzten Verfügungen, Todesanzeige drucken lassen.
Einen schönen Text möchte ich Dir auf den Weg geben. Einen Text, der mit Dir zu tu hat. Irgendwie doch in meiner Straße gelandet, greife ich wahllos in den Bücherstapel hinter mir. Aus Deiner Wohnung in der Amendestraße. In der Hand halte ich einen schmalen, braunleinenen Band.
Rilke. Die Gedichte.
Natürlich Rilke! Hätte auch selber drauf kommen können. Auf den Dichter, der Dich Dein Leben lang begleitet hat.
Ich steige die Treppen zum vierten Stock hinauf, schließe die Wohnungstür auf. Vor drei Monaten, Weihnachten, haben wir Dich im Rollstuhl hier hochgehievt. Du solltest mit uns zusammen unterm Weihnachtsbaum sitzen. Deine Kinder, Enkel, Urenkel um Dich wissen.
Das Computerbild auf der Intensivstation im Jüdischen Krankenhaus war ein Schock.
Ich sah in das Gehirn meiner Mutter.
Gnadenlos aufgeklappt.
Der Vorgang ist mit dem Begriff Indiskretion nur mangelhaft getroffen. Etwa wie Lichtbildung auf schwebenden Tropfen für einen Regenbogen.
Das Zentrum, das ein ganzes Menschenleben beinhaltet. Viele Menschenleben. Auch mein Menschenleben. Das dort existierte, als es mich noch gar nicht gab.
Der Ort, wo alles in Deinem Leben seinen Ursprung hatte: Freude, Leid, Phantasie, Wünsche, Sehnsüchte, Glaube, Liebe, Zorn, Enttäuschung, Trauer. Der Ort der Träume. Der kühnen Lebensentwürfe. Und der Ort banaler Alltagsentscheidungen. Werde ich heute das Gelbe
anziehen oder lieber das gestreifte Kostüm?
Jetzt schwarz ausgelaufene Tintenflecke. Auf Deiner linken Hirnseite. Narben des Schlaganfalls. Das Sprachzentrum. Jetzt verbrannte Erde. Unwiederbringlich verödet. Klecksografien nannten wir das im Zeichenunterricht.
Warum ausgerechnet hier?
Bruchteile von Zentimetern.
Eine Fabulistin plötzlich eine debil Lallende. Ein opulenter Wortschatz per Löschtaste für immer im Orkus.
Per Löschtaste.
Ein Elftel unseres Hirns wird genutzt. Zehn Elftel Ödland. Ein Dörflein inmitten unendlicher Taiga. Und der Komet stürzt auf den Kirchturm.
„Es handelt sich um eine Schädigung des Wernicke–Zentrums, das hat eine sensorische Aphasie zur Folge. Auf gut Deutsch: Unfähigkeit, Sprache zu koordinieren.“
„Wird sie wenigstens lesen können?“
„Auch hier äußert sich die Krankheit in ähnlicher Weise.“
„Das ist ihr Todesurteil.“
„Langsam junger Mann, nicht so dramatisch. Die Wissenschaft bietet inzwischen eine ganze Palette effektiver Behandlungsmethoden.“
„In ihrem Alter?“
„Warum nicht? Zumindest partiell.“
Partiell. Vielleicht wird sie nach der Palette der Behandlungsmethoden AA sagen können. Oder ATA.
ATA.
„Außerdem ist die Beweglichkeit der gesamten rechten Körperhälfte beeinträchtigt.“
„Kann sich ein sechsundachtzigjähriger Körper regenerieren?“
„Ich hoffe für Sie, daß Sie sich wundern werden.“
Sensorische Aphasie, Wernicke–Zentrum. Das einzige, was ich verstanden habe ist, daß meine Mutter von Stund an eine andere sein wird.
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