Leseprobe
aus Anika Limbach: Nachtasyl. Roman
(Vollständiger Abdruck des ersten Kapitels.)
1. Kapitel
Ein süßlich schwerer Geruch hing in dem endlos langen, mit einem schreiend pinkfarbenen Teppich ausgelegten Gang der Hochschule. So anonym der Waschbeton der Wände und das nackte Neonlicht erschienen, so intim waren die Ausdünstungen der Wartenden: Der Angstschweiß unter den Achseln, die feuchten Hände, ein feiner, muffiger Luftschwall, wenn sich jemand wieder aus dem Kostüm zwängte. Noch unangenehmer war der Gestank von Alltagsschuhen. In einer Ecke oder unter der Treppe warteten sie auf ihren Besitzer, der währenddessen im Prüfungsraum eine emotionale Achterbahn durchlebte.
Auch ich hatte mich dieser zähen Prozedur unterworfen, zum dritten und – wie ich mir vornahm – zum letzten Mal. Mein Entschluss, Schauspieler zu werden, stand eher auf wackeligen Füßen. Mir fehlte die Inbrunst vieler meiner Mitbewerber. Manche von ihnen hatten bereits zehn oder fünfzehn erfolglose Aufnahmeprüfungen an den verschiedenen staatlichen Schauspielschulen Deutschlands hinter sich. Andere hatten monatelang mit professioneller Hilfe die Vorsprechrollen bis ins Kleinste ausgearbeitet. Hin und wieder tauschte ich mich mit ihnen aus, nicht weil mich ihr Werdegang besonders interessiert hätte, sondern weil mir ein harmloses Gespräch unter Leidensgenossen kurzzeitig das Gefühl gab, nicht isoliert auf einsamem Posten zu kämpfen. Bis auf Ausnahmen schienen wir alle diese Illusion zu brauchen. In seltsamer Gemeinsamkeit tranken wir den dünnen Kaffee aus Plastikbechern, ob schweigend oder wortreich, ob dicht beieinander im verqualmten Aufenthaltsraum oder sporadisch einander Blicke zuwerfend auf dem Gang verteilt, spielte kaum eine Rolle. Wir starrten gleichzeitig auf die Tür des Studios, wenn das Klicken und leise Quietschen der inneren Tür erkennen ließ, dass sich gleich auch die äußere öffnen und ein Dozent die nächste Person aufrufen würde, während die zuvor Geprüfte benommen und mit Kostümtaschen bepackt herausschlüpfen würde.
Dann wieder gab es Phasen, in denen man sich innerlich zurückzog. Manche schlossen die Augen und murmelten, an die Betonwand gelehnt, einen Text vor sich hin. Andere schritten, in sicherer Entfernung von den anderen, ein paar Meter des Flurs auf und ab, halb in Gedanken, halb gestikulierend. Ich konnte weder das eine noch das andere tun. Ich konnte auf diese Weise nicht in die Welt meiner Rollen tauchen. Der bloße Versuch hätte sie mir hohl und leblos erscheinen lassen, und davor hatte ich Angst. Es nutzte nichts, mir einzureden, dass mein Glück nicht davon abhing, ob ich die Prüfung bestand oder nicht. Die fiebrige Atmosphäre war ansteckend und ich war gegen sie nicht immun. Gerne hätte ich das Gebäude verlassen, doch es regnete in Strömen und mir blieb nicht die Zeit, ein Café aufzusuchen. Wenn alles nach Plan verlief, war ich der übernächste Kandidat.
Ich bemühte mich, gegenwärtig zu bleiben, weder in die Zukunft, noch in die Vergangenheit abzudriften. Auf kurze Abwechslung hoffend, nahm ich die Treppe zur höheren Etage. Der obere Gang unterschied sich kaum von dem unteren, mir bekannten. Nur ein anderes Publikum verlieh dem Raum zwischen den schmucklosen Wänden eine andere, kühlere Luft. Zielstrebige Schritte waren es, die der Flucht des pinkfarbenen Teppichs in die eine oder andere Richtung folgten. Hin und wieder führte jemand einen Instrumentenkasten mit sich herum. In einigen Metern Entfernung sah ich eine Tür sich öffnen. Eine große, stark geschminkte Frau, bieder und dennoch weiblich gekleidet, blieb seitlich im Türrahmen stehen, während sich ihr Blick auf einen Punkt im Zimmer unterhalb ihrer Augenhöhe richtete. Offenbar sprach sie mit einer Person, die kleiner war als sie selbst. Dabei blieb ihre Haltung erstaunlich aufrecht. Sie betonte die weiblichen Kurven ihres Oberkörpers.
Es war nicht schwer zu erraten, dass ich mich in der Abteilung für Musiker und Sänger befand. Seltsam, so dachte ich, dass man immer wieder Personen begegnete, die einem bestimmten Klischee tatsächlich entsprachen. Oder lag es nur an der Art, wie man sie betrachtete? Was waren die Merkmale für einen typischen Schauspieler oder Schauspielschüler? Besaß ich sie in den Augen anderer Menschen?
Als ich den Flur zur anderen Seite hinunterblickte, entlang der Flucht unzähliger Türen, fiel mir zum ersten Mal deren Farbe auf. Sie waren alle knallrot gestrichen, die Türrahmen waren marineblau. Es war das gleiche Rot und das gleiche Blau, mit dem auch die kastenförmigen Holzstühle im Aufenthaltsraum versehen waren. Gehörte das etwa zum Konzept des verantwortlichen Innenarchitekten? Was hatte er sich dabei gedacht, für alle Türen ein Rot auszuwählen, das sich mit dem Pink des Teppichs so wenig vertrug wie eine Theaterdiva mit ihrer schlimmsten Konkurrentin? Und was hatte den Architekten geritten, als er für diesen kreativen Ort derart leblose, tunnelartige Gänge schuf?
Monate später fiel mir auf, dass der Grundriss der Hochschule der Form eines Ohres nachempfunden war. Um den Gehörgang befand sich der kahle, nie genutzte Innenhof, im Ohrläppchen die Kantine und im abgerundeten oberen Teil waren der Konzertsaal und die große Eingangshalle, die – verschwenderisch – drei Etagen vereinnahmte. Es mag eine originelle architektonische Idee gewesen sein, die sich in ihrer Umsetzung nicht schlimmer hätte niederschlagen können.
Während ich die Stufen wieder hinunterstieg, sah ich den Prüfling, der als nächstes an der Reihe war, immer noch vor der Studiotür auf und abgehen. Mehr als eine viertel Stunde lang musste ich mir also noch die Zeit vertreiben. Leise schlenderte ich die Stufen zum Erdgeschoss hinunter. Dort, gegenüber der Treppe, befand sich die Tür zum so genannten Studio D, dem offenbar größten Raum der Schauspielabteilung. Zu Beginn jeder der drei Prüfungsrunden waren alle Beteiligten dort zusammengekommen. Der Leiter der Abteilung hatte eine kleine Ansprache gehalten und uns anschließend den vier verschiedenen Prüfungskomitees zugeteilt. Ich kann mich im Nachhinein nicht erinnern, Sophia während dieser Versammlungen gesehen zu haben. Sie muss dabei gewesen sein, ohne Zweifel. Ich hatte sie nicht wahrgenommen, obwohl ihr Gesicht auf bestimmte Weise auffällig war.
Der Moment, als ich, wenige Minuten vor meiner letzten Aufnahmeprüfung, die Stufen langsam hinunterschritt, war also der erste, in dem ich sie sah. Wenige Meter entfernt stand sie mit dem Rücken zu mir gewandt vor einem in der Ecke des Flurs angebrachten Spiegel. Die fahrigen Bewegungen ihrer Arme verrieten, dass sie Puder auf ihr Gesicht tupfte, mit dem Ergebnis aber nicht zufrieden war. Sie trug ein cremig weißes, halb mädchen–, halb damenhaft geschnittenes Satinkleid. Es unterstrich so gut die aparte Zerbrechlichkeit ihres Körpers, dass sie noch Jahre später in diesem Kostüm vor meinem inneren Auge auftauchte, wenn ich sie mir vorzustellen suchte. Ihre feinen, dunkelblonden Haare, welche die nackte Haut ihres Rückens bedeckten, schimmerten ein wenig, als sie einen kleinen Schritt zurückwich, immer noch mit ihrem Spiegelbild hadernd. Dann entdeckte sie, vermutlich als einen Schatten im Spiegel, meine Anwesenheit. Leicht verschämt schloss sie das Puderdöschen und verstaute es schnell in einem kleinen Stoffbeutel in ihren Händen. Ich war nicht gefasst auf das, was ich in ihrem Gesicht erblickte, als sie sich zu mir umdrehte. Auf ihrer rechten Wange wucherte ein seltsam schwammiges, aufgestülptes Gebilde in der Größe einer halben Walnussschale. Nicht ganz so auffällig, aber nicht minder verstörend wirkte eine zweite Zyste am linken Unterkiefer. Der Puder konnte nur deren rötliche Farbe verdecken, nicht aber deren Form. Das seitlich von oben fallende Neonlicht war unbarmherzig. Es enthüllte auch die übrigen Pickel und Unebenheiten ihres Gesichtes.
Ich weiß nicht mehr genau, was sich in diesen Bruchteilen von Sekunden in mir abspielte. Ich hoffe, es war nicht Abscheu, was Sophia in meinen Augen las oder hätte lesen können. Doch ganz ausschließen kann ich es nicht. In jedem Fall war ich im ersten Moment das, was man am treffendsten mit dem Wort „fassungslos“ beschreiben kann. Es ist verblüffend, wie der menschliche Geist funktioniert. Ständig vervollständigt er in Eigenregie ein Bild in unserem Kopf, das unsere Augen noch nicht bestätigt haben. Er ist vergleichbar mit einem Portraitmaler, der im Halbdunkel arbeitet. Das, was die Schatten ihm verbergen, gestaltet er nach Gutdünken, meistens auf seine Erfahrung zurückgreifend. Wenn unser Blick jedoch Licht in das Dunkel bringt und eine Diskrepanz zwischen dem Original und dem vorgefertigten Bild entdeckt, gerät unser Geist für kurze Zeit aus dem Gleichgewicht. Dieser Augenblick ist ohne Wertung. Wir sind noch frei davon, zu beurteilen, ob etwas schön oder hässlich, angenehm, gefährlich, verlockend oder unpassend ist. Erst im zweiten Moment, wenn der Geist mit dem Unerwarteten umzugehen versucht, zeigt sich, wie weit oder eng die Grenzen sind, die unser Denken bestimmen.
Wie gesagt: Was in diesem zweiten entscheidenden Moment mit mir geschah, habe ich wohlweislich verdrängt. Doch an den dritten Moment kann ich mich gut erinnern. Ich wagte es, direkt in Sophias dunkelblaue, ausdrucksvolle Augen zu schauen. Erst später konnte ich mir erklären, was mich daran so faszinierte: Es war die merkwürdige, in ihren Augen sich widerspiegelnde Spannung zwischen Schwermut und brennendem Lebenswillen, die einen auf ähnliche Weise gefangen nimmt wie beim Betrachten eines bewegten Bildes von Van Gogh.
„Bist du die Nächste?“
Ich bemühte mich, möglichst unbefangen mit ihr ins Gespräch zu kommen, um die Irritation der ersten Momente schnell zu überdecken.
„Ja …“
Sie räusperte sich, doch ihre Stimme war immer noch belegt, als sie fortfuhr zu reden:
„Die Tür ist schon seit zwanzig Minuten geschlossen. So lange kann es also nicht mehr dauern.“
„Wenn ich dich störe, musst du es sagen …“
„Nein, nein, im Moment ist es ganz gut, wenn ich abgelenkt bin.“ Sie räusperte sich ein weiteres Mal.
„ …Ich bin furchtbar aufgeregt“, stieß sie hervor, während sich diesmal ihre Stimme klärte.
„Ich auch. Ich glaub, es gibt hier niemanden, der kein Lampenfieber hat.“
„Aber bei mir ist es mehr als Lampenfieber … Ich hab richtig Angst. Die schnürt mir die Kehle zu. Damit kann ich doch nicht spielen.“
Als würde ich ein panisches Kind beruhigen, ging ich auf sie zu und umfasste behutsam ihre Arme. Es ist nicht meine Art, eine fremde Person ohne weiteres zu berühren. Doch in dieser Situation folgte ich einem Impuls, der stärker und behänder war, als meine steuernden Gedanken. Dass sie es wie selbstverständlich geschehen ließ, schuf eine unerwartete Vertrautheit zwischen uns.
„Warst du vor der ersten und zweiten Runde auch so aufgeregt?“
„Ja immer, schrecklich, ich kann nichts dagegen machen.“
„Und trotzdem hast du die beiden Runden bestanden, oder nicht?“
„Ja … das stimmt.“
Überrascht hob sie den Kopf, und obwohl ihr Gesicht dem meinen viel näher war als zuvor erschienen mir die Unebenheiten ihrer Haut nicht mehr so dominant. Sie fügten sich leichter in einen größeren Kontext, in welchem erkennbar war, dass ihre Gesichtszüge auch etwas Anmutiges besaßen. Ich ließ sie wieder los und lächelte ihr aufmunternd zu.
„Na siehst du. Die Angst hat dir doch gar nicht geschadet. Warum solltest du also nicht die dritte Runde bestehen?“
Sie zuckte leicht mit den Schultern. Ein viel sagendes, zuerst zaghaftes, dann verschmitztes Lächeln malte sich auf ihrem Gesicht. Sie machte den Ansatz einer spontanen Bewegung, so als wolle sie mich berühren oder umarmen, nahm aber schnell ihre Hand zurück und nestelte verlegen an der Schnur ihres Schminkbeutels.
„Ja … Ich sollte mit der Grübelei aufhören … Wann ist deine Prüfung?“
„O … ich weiß es nicht …“
Für einige Sekunden hatte ich tatsächlich vergessen, dass es auch bei mir an der Zeit war, mich mit Lampenfieber herumzuschlagen.
„Ich bin der Übernächste …vielleicht auch der Nächste, mal sehen.“
Sophia fing an zu lachen. Sie lachte so unbefangen und herzlich, als würde sie mit einem Schlag alles Belastende von sich abwerfen.
„Du bist unglaublich. Ich wünschte, ich könnte mir ein Stück von deiner Ruhe abschneiden …“
Wir hielten beide die Luft an, als wir das aufeinander folgende Klicken der beiden Türen hörten. Eine Dozentin mit glattem Pagenschnitt und müden Augen lugte über den Rand ihrer Lesebrille. Sie hielt ein Klemmbrett aus Plastik mit Unterarm und Hand umfasst, so als sei es bereits ein Teil von ihr.
„Sophia Windrich?“
„Ja, das bin ich.“
„Sie brauchen sich nicht zu beeilen. Wir machen noch eine Zigarettenpause. Wenn Sie möchten, können Sie schon mal Ihre Szene aufbauen.“
Sophia nickte stumm und griff nach ihrer Kostümtasche.
„Hey, ich wünsch dir toi, toi, toi. Du wirst es sicher gut machen.“
Auf der Schwelle drehte sie sich zu mir um. Ihre Konzentration war auf einmal bemerkenswert gebündelt.
„Ich danke dir. Du hast mir sehr geholfen.“
Sie sprach unverstellt wie zuvor und dennoch hatte sich etwas in ihrem gesamten Ausdruck verändert. Sie wirkte noch unbedarfter, noch ätherischer als während unseres Gesprächs und gleichzeitig erstaunlich ruhig. Offenbar war sie schon auf dem Weg, in ihre Rolle zu schlüpfen. Ich beeilte mich, sie ungestört diesem Prozess zu überlassen.
„Wir sehen uns später.“
Auf der obersten Treppenstufe hörte ich, wie sie mir ein gezieltes „Toi, toi, toi“ nachrief.
Meine dritte Runde verlief nicht viel anders als die ersten zwei. Es irritierte mich nur, dass die Prüfer lange nicht so ausgiebig an meinen vorgetragenen Rollen arbeiteten, wie ich es erwartet hätte. Offenbar hatten sie ihre Meinung recht schnell gebildet. In welche Richtung das Pendel jedoch ausgeschlagen war, konnte ich ihrer Mimik nicht entnehmen.
So war das Warten auf die Ergebnisse für mich noch unangenehmer als zuvor das Warten auf die Prüfung. Hinzu kam, dass ich kein Freund unklarer Situationen bin, und einen halben Tag lang nicht zu wissen, welche Richtung mein Berufsleben in zwei Monaten einschlagen würde, ließ mich wie ein Hamster im Rad auf der Stelle treten.
Unsere Kommission hatte zügig gearbeitet. Wir waren die erste Gruppe, die weggeschickt wurde. Gegen sieben Uhr abends, so hieß es, sollten wir wiederkommen. Wenn wir Glück hätten, würden die Ergebnisse dann vorliegen.
In den Stunden des Leerlaufs versuchte ich mich genug zu beschäftigen, um nicht ständig jeden Augenblick meiner letzten Prüfungseinheit in Gedanken hin und her zu wenden und zu analysieren. Ich ging in die Nachmittagsvorstellung eines zweitklassigen Actionfilms, durchstöberte mehrere Buchläden und las, in einem Café meinen Cappuccino schlürfend, die ausgelegte Hannoversche Allgemeine von vorne bis hinten durch.
Mit einem Döner in der Hand kehrte ich um zehn nach sieben zur Hochschule zurück. Auf dem Eingangsplatz verteilt standen die meisten der Prüflinge in Grüppchen beieinander. Jemand rief mir zu, es könne noch dauern, mindestens eine halbe Stunde lang. Der Zeitplan sei nach hinten verschoben. Die Kommission in Studio D habe noch bis halb sechs geprüft. Ich schaute mich nach Sophia um, konnte sie aber nicht entdecken. Gerne hätte ich gewusst, wie ihre Prüfung verlaufen war, ob man sie direkt danach weggeschickt, oder ob sie hatte ausharren müssen, bis jeder in ihrer Gruppe an der Reihe gewesen war. Hatte man sie womöglich zwei– oder dreimal spielen lassen?
Es hatte aufgehört zu regnen, die Sonne errang einen späten Sieg über die Macht der Wolken. Wäre die Grünfläche vor dem Gebäude nicht so nass gewesen, wir hätten uns bequem auf dem Rasen ausbreiten können. Keiner, so schien es, wollte sich in dem dunklen Bau aufhalten. Lieber traten wir für den Rest der Zeit geduldig von einem Bein auf das andere, als uns der stickigen Luft und dem drückenden Beton nochmals freiwillig auszuliefern.
Unser Grüppchen verfiel in eine herrlich alberne Stimmung. Wir waren alle überdreht, jede noch so blöde Bemerkung griffen wir auf, überboten sie, bis fast jedes Wort oder jede karikierende Geste Anlass zu breitem Gelächter wurde. Ich war nahe einem Lachanfall, als ich Sophia aus dem Gebäude kommen sah. Statt ihres schönen Satinkleides trug sie eine etwas unförmige Sommerhose und ein weites langärmliges T–Shirt. Ich fragte mich, warum sie ihren wohlgeformten Körper versteckte. Ihr verhalten suchender Blick blieb an mir hängen. Sie warf mir ein scheues Lächeln zu, wandte sich im Gehen jedoch in Richtung des angrenzenden Stadtwaldes zu. Ich vermutete, sie würde nach dem Wechselbad der letzten Stunden das Alleinsein brauchen. Erst später begriff ich, dass sie nicht selten Gruppen mied, weil sie in Gegenwart mehrerer Menschen oft sehr befangen wurde.
Dann ging es doch schneller als erwartet. Um halb acht wurden wir aufgefordert, uns im Studio D zu versammeln. Sophia schlüpfte, ein wenig außer Atem, als letzte herein, bevor ein Professor seine ultimative Rede hielt, von der kein Wort bei mir hängen blieb. Ich registrierte nur so viel, dass die Namen der Prüflinge, die nicht bestanden hatten, auch nicht vorgelesen würden, sondern nur die der zukünftigen Absolventen. Zwölf waren es an der Zahl, sechs männliche und sechs weibliche Namen, nicht nach Geschlecht, sondern alphabethisch geordnet. Mein Name wurde als drittes vorgelesen: Gregor Hantel. Aus dem Mund des Professors klang er seltsam nichts sagend. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich die volle Bedeutung dieses Augenblicks nicht sofort empfinden konnte. Ich hatte bestanden, soviel begriff ich, doch mir entwich nicht mal ein Seufzer der Erleichterung.
Ganz anders nahm Sophia das Ergebnis auf. Der Professor sprach in dem gleichen ausdruckslosen Tonfall ihren Namen als letzten aus. Als hätte er damit den Knoten eines prallen Luftballons aufgelöst, sackte sie schluchzend in sich zusammen. Die Heftigkeit ihrer Reaktion berührte mich. Sie ließ mich begreifen, mit welcher Leidenschaft Sophia ihr Ziel verfolgt hatte, trotz des steinigen Weges, den sie dabei sicher zurückgelegt hatte. Ich rechnete es unseren Prüfern und zukünftigen Lehrern hoch an, dass sie ihr die Chance gaben, die sie zweifellos verdiente. Sie hatten sich von dem Dämon in ihrem Gesicht nicht beirren lassen.
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