Leseprobe
aus Stefanie Golisch: Madame Finette Pisano. Roman
Go, go, go, said the bird: human kind
Cannot bear very much reality.T.S. Eliot : Four Quartets
– Madame Finette Pisano im Licht des späten Nachmittags auf ihrer Kinderschaukel, die Beine schlenkernd, Zigarillos rauchend. Niemand hätte gewagt, sie zu stören. Es gehörte dazu, das seltsam vertraute Bild im verwilderten Garten der Villa Beau Séjour: die Frau in ihren altmodischen Kleidern, ein wenig unscharf gegen die Abendsonne. Rätselhaft und undurchdringlich wie die Frauengestalten mancher Impressionisten, von denen man niemals wirklich weiß –
Kapitel 1
Solange sie denken konnte hatte Madame Pisano die Sommermonate in Apricale verbracht; es war ihr Vater gewesen, der die Villa Beau Séjour im Jahre neunzehnhundertzehn erworben und nach seiner eigenen Phantasie mit allerlei Zierrat, Giebeln, Erkern, einer großzügigen Freitreppe und zwei anmutigen Türmchen zu beiden Seiten hatte versehen lassen. Die Zeit des Umbaus sei, so würde er später immer wieder gesagt haben, die schönste seines Lebens gewesen, denn in dem knappen Jahr, das die Arbeiten an Haus und Garten in Anspruch genommen hatten, gestattete sich Hervé Pisano, ein kleiner, zur Korpulenz neigender Mann mit einem schmalen, früh ergrauten Backenbart, zum ersten und letzten Male in seinem Leben das Träumen.
Er vernachlässigte seine Geschäfte – das konnte er sich erlauben, denn er wusste, dass er pflichtschuldig zu ihnen zurückkehren würde, sobald er das Haus mit Hilfe unzähliger Maurer, Zimmerleute und Stukkateure verwandelt haben würde.
Es war ein Kindertraum, ein unabgegoltenes Versprechen, eine Verheißung und ein Abenteuer zugleich.
Ungewohnte, einander widerstrebende Empfindungen durchfluteten ihn, den Immobilienmakler und erfolgreichen Börsenspekulanten, während er unermüdlich hin und her sprang, weil er überall zugleich sein wollte, weil er keinem der Handwerker wirklich über den Weg traute, weil er alles besser wissen wollte und niemals wirklich zufrieden war mit dem Geleisteten. Die Arbeiter fürchteten ihn und spuckten ihm im Fortgehen hinterher, denn mit diesem Bauherren war nicht zu spaßen, er gab nicht nach, niemals. Man begann ihn für seine Rücksichtslosigkeit zu hassen und ihn heimlich zu verfluchen; es war ihm egal. Unerbittlich ließ er Mauern niederreißen, Nischen schließen und wieder öffnen, wenn er es sich plötzlich, aus unerfindlichen Gründen, anders überlegt hatte. Er jagte Arbeiter davon, wenn er ihre angebliche Faulheit nicht länger ertragen konnte, ihre Unlust, Ungeschicklichkeit oder ihre Widerspenstigkeit und stellte unverzüglich neue ein, jüngere, kräftige, willfährigere, die er wiederum von einem Tag auf den anderen entließ, wenn er sie nicht mehr brauchen konnte oder ihrer aus unerfindlichen Gründen überdrüssig geworden war.
Hervé Pisano fragte nicht nach den Hintergründen, wenn er durch sein unberechenbares Verhalten ganze Familien von einem Tag auf den anderen ins Unglück stürzte und rechtfertigte sich damit, dass auch nach den seinen niemand je gefragt hatte. Damit war die Sache für ihn erledigt. Dass andere für seinen Traum vor die Hunde gingen, erschien ihm, dem erfolgreichen Geschäftsmann, ein durchaus angemessener Preis, ja ein natürliches Opfer, gab es doch in jenen Monaten für ihn keinen höheren Zweck auf Erden als die Verwirklichung seines Traumes von der Schönheit. Einer besseren Welt in der Welt, eines Ortes, an dem das gewöhnliche Leben, allzu ungeduldig geworden, bereits in eine ideale Endzeit übergegangen war und Verwirrung und Bedrängnis, Hunger und Schuld endgültig der Vergangenheit angehörten. Hinter den Mauern von Beau Séjour würde eine neue Zeit anbrechen. Oder die Zeit würde, noch besser, gleich ganz zum Stillstand kommen.
Nachts träumte er von diesem sagenhaften Zustand, der allerdings sein begrenztes Fassungsvermögen und seine geringe Imaginationskraft bei weitem überstieg und seine hochfahrenden Träume gefährlich verwirrte, so dass er nicht selten am Morgen in Schweiß gebadet erwachte. Je weiter die Arbeiten fortschritten, desto unverständlicher und fremder wurde ihm manchmal sein eigener Traum, allzu gerne nur hätte er sich von ihm befreit, doch war es ihm längst unmöglich geworden, hinter ihn zurückzutreten. Es gab kein Zurück mehr, das Haus musste fertig werden, und unter den unflätigen Verwünschungen der Arbeiter, fortwährenden kleineren und größeren Unfällen und regelmäßigen Handgemengen wurde es schließlich fertig, und als Hervé Pisano im Frühsommer neunzehnhundertelf zum ersten Male mit Frau und Tochter für den Sommer nach Apricale übersiedelte, ja als er, die kleine Finette in ihrem dunkelblauen Matrosenkleid an der Hand, die Schwelle der Villa Beau Séjour überschritt, fiel die Unruhe, die ihn monatelang getrieben hatte, als Bärenhaut von ihm ab; inzwischen hatte er gezaubert. Oder aber es war der Zauber selbst gewesen, der sich durch ihn hindurch Gewicht verschafft hatte in einer zutiefst verächtlichen Welt, die Wucht eines geballten Willens, die Grenzsteine der Wirklichkeit zu verrücken und ihre Möglichkeiten auf das Äußerste hin zu erweitern.
Und wenn er selbst auch schwerlich zu sagen gewusst hätte, was es eigentlich war, das ihn getrieben hatte, erkannte er doch, dass keines der beiden Türmchen, nicht die zierlichen Erker noch ein einziger Stuck–Engel überflüssig gewesen waren; noch die kleinste Regung seines Herzens, der winzigste, kaum merkliche Stich – sie hatten in der neuen Ordnung ihren Platz gefunden und waren dort zur Ruhe gekommen. Eine verschüttete Sehnsucht war unter der Regie seines Unterbewusstseins zu Stein und Gips geronnen und hatte die Bedrängnis nach und nach in die äußersten Winkel seines Bewusstseins verbannt, dorthin, wo es nicht mehr wehtat, wo nichts mehr wehtat, und wo man endgültig sagen konnte: Es ist gut.
Und in dem Augenblick, in dem er seine kleine Tochter umständlich in die Höhe hob, um sie aus nächster Nähe ein besonderes Detail an der Decke des Salons betrachten zu lassen, wusste er, dass er sich nicht würde abmühen müssen mit Erklärungen. Finette würde verstehen, wie es gemeint gewesen war, das genügte. Oder vielmehr: Es musste genügen, nachdem er, ihr Vater, begriffen hatte, dass man der Zeit nicht befehlen konnte, dass sie keineswegs aufhören würde und dass es die größeren Hoffnungen waren, die in dem Augenblick starben, in dem man glaubte, sein Letztes gegeben, das Werk seines Lebens vollendet zu haben.
Es war aber nicht genug gewesen, immer noch nicht genug; die Vollkommenheit seines Plans stand in einem schreienden Missverhältnis zur Unvollkommenheit seiner Ausführung. Triumph und Niederlage fielen böse und unverständlich zusammen. Vielleicht lag dies in der Natur der Sache, vielleicht war es aber auch sein persönliches Verschulden, eine Unfähigkeit, die mit seiner jämmerlichen Herkunft zusammenhing, eine Überheblichkeit, für die er bestraft werden musste. Hervé Pisano gab sich geschlagen. Er ließ sich, nachdem er Beau Séjour vollendet hatte, widerstandslos in die Wirklichkeit zurückbeordern, ergab sich in sein Geschick und versah seine Geschäfte so erfolgreich wie eh und je. Das Haus, seinen zerbrochenen und verwirklichten Traum, machte er seiner Tochter zum Geschenk. Sollte sie weiterträumen, wo er vor höheren Mächten hatte kapitulieren müssen.
In der Villa Beau Séjour war Finette aufgewachsen, hier hatte sie die langen Sommermonate verbracht und von ihr hatte sie im Winter geträumt, wenn sie abends am Fenster stand und auf den Vater wartete. Du wirst sehen, Finette, wenn wir erst wieder dort sind, warte nur ab, Du wirst sehen.
Mit den immergleichen Worten tröstete Monsieur Pisano seine Tochter leise durch das lange graue Jahr. Wann immer etwas danebenging, wann immer sich die Dinge plötzlich in ihren schiefsten Proportionen verzerrten und die kleine Finette womöglich zum Weinen brachten, stets lag auf den Lippen ihres Vaters die Beschwörungsformel schon für sie bereit Du wirst sehen, Finette, Du wirst sehen –
Und noch als erwachsene Frau konnte sich Finette seine Stimme jederzeit ins Gedächtnis zurückrufen und sich augenblicklich getröstet fühlen. Alles würde gut werden, nichts konnte einem wirklich etwas anhaben, solange man sich noch nach Beau Séjour flüchten konnte. Alles, was im Leben an Glück möglich sein würde, fand hier sein gültiges Sinnbild: in den altrosafarbenen Seidentapeten ebenso wie in den Stuck–Ranken und –Putten und dem von Nachbildungen antiker Statuen gesäumten Gartenweg. Der Rest, so ließ der Vater seine Tochter fühlen, war nicht der Rede wert, oder schlimmer noch, er tat weh, er verletzte, und beleidigte den Menschen in einem fort und zwang ihn, wollte er überleben, zu Schläue, Hinterlist und Bösartigkeit. All dies wollte Monsieur Pisano, tieftraurig und zugleich höchst erfolgreich verstrickt in den allgemeinen Überlebenskampf, seiner Tochter ersparen. Deshalb die Türmchen, die vergoldeten Wasserhähne, der Goldfischteich und seit ungefähr neunzehnhundertneunzehn am Abend leise Musik aus dem nagelneuen Grammophon.
Finette kannte es nicht anders.
Das war ihre Welt: der Traum ihres Vaters vom Austritt aus der Welt, den sie leben musste. Hohe Mauern, innerhalb derer sie Prinzessin war und ihr Vater König eines sagenhaften Reiches, das keine Landkarte verzeichnete. Was konnte ein kleines Mädchen schon anderes von ihrer Verstrickung in einen erwachsenen Wahn begreifen als die Privilegien, die ihr daraus erwuchsen? Welches Kind hätte sich nicht in pastellfarbenen Seidenkleidern am Nachmittag stundenlang im Garten hin und her schaukeln lassen mögen? Wer hätte sich nicht als uneingeschränkte Herrscherin über eine Schar von Dienstboten fühlen mögen, die allesamt dazu angehalten waren, ihre Wünsche auf der Stelle zu erfüllen?
Finette wurde nicht erzogen, sie wurde verwöhnt. Es war selbstverständlich, dass man ihren Launen unverzüglich nachgab, dass ihre Tränen sofort getrocknet wurden, ja dass sie an einem ganz gewöhnlichen Tag aus heiterem Himmel kostspielige Geschenke erhielt und dass ihre Lieblingsspeisen bereits auf dem Tisch standen, noch ehe sie die Lust auf sie überhaupt nur ausgesprochen hatte. Finette war der Mittelpunkt einer Welt, die nur zu existieren schien, um sie glücklich zu machen. All das war selbstverständlich, es war, aus welchem Grunde auch immer, ihr natürliches Vorrecht und doch hatte sie immer auch gespürt, dass es selbstverständlich eigentlich nicht war, auf
Beau Séjour glücklich zu spielen. So kam es vor, dass sie aus einer Laune heraus grundlos ein Spielzeug zerbrach, dass sie einer Puppe ein Bein vom Körper trennte oder dass sie sich einen Spaß daraus machte, Insekten in Schachteln zu fangen und ihnen beim Verhungern zuzusehen. Sie führte Buch darüber, wie lange es jeweils dauerte, bis ein Käfer sich nicht mehr rührte, dann warf sie ihn angeekelt auf den Müll. Manchmal brachte sie ihr Zimmer absichtlich in furchtbare Unordnung, riss ihre Kleider aus Schränken und ihre weiße Wäsche aus Schubfächern, warf Puppen und Stofftiere darüber, alles auf einen Haufen, und einmal versuchte sie sogar, einen solchen Haufen anzuzünden, nur stellte sie sich zu ungeschickt an mit den Streichhölzern, man fand sie, eine kindliche Furie, ehe das Feuer ausbrechen konnte, und sie wurde immer noch nicht bestraft. Vielmehr wurde sogleich ein Arzt gerufen und das Personal dazu angehalten, in Zukunft besonders rücksichtsvoll mit ihr umzugehen. Ein paar Tage lang musste oder durfte oder wollte sie im Bett bleiben, bekam Tassen voller dicker cremiger Schokolade, dazu weiche süße Milchbrötchen, Mandelhörnchen, eine blonde Echthaarpuppe, ein neues Puppenhaus mit rosa Voilegardinen und vergoldeten Wasserhähnen, dazu Buntstifte, Malbücher, ein aufwendig bestücktes Kaleidoskop. Während sie gleichgültig aß und trank und ihrer neuen Puppe gelangweilt das seidige Haar kämmte, kam es ihr in den Sinn, eine junge Katze zu fangen, sie in das elegante Puppenhaus zu sperren und ihr beim Sterben zuzusehen. Auch würde sie unbedingt lernen müssen, mit Streichhölzern besser umzugehen, damit sie eine solche Niederlage nicht noch einmal würde einstecken müssen; das nächste Mal wollte sie es brennen sehen, lichterloh!
Wenn es ihr langweilig wurde, wenn ihre Phantasie versagte, oder wenn sie schlicht Lust hatte, einen anderen Menschen auf die Probe zu stellen, klingelte sie nach dem Dienstmädchen, einem jungen, unerfahrenen Ding namens Laura, hieß es, sich ans Fußende ihres Bettes zu setzen und begann, ihm Schauergeschichten zu erzählen, grässliche Dinge, die abscheulichsten, die man sich überhaupt nur vorstellen konnte. Sie weidetet sich dann am Entsetzen des einfältigen Mädchens, an seiner Furcht vor den Schilderungen langsamen qualvollen Zugrundegehens von Mensch und Tier. Überhaupt sprach sie, nachdem sie begriffen hatte, dass es der Tod war, vor dem sich die Dienstboten am allermeisten fürchteten, beständig von Geistern und Gespenstern und abgeschnittenen Gliedmaßen, die in der Luft umherwirbelten, um sich dort zu neuen, bizarren Konfigurationen zu vereinigen. Wenn man sich dann bekreuzigte oder automatisch Kusshände zum Himmel sandte und voller Inbrunst die heilige Jungfrau anrief oder einen anderen Heiligen, den ersten besten, lachte Finette hell und gnadenlos und war sich selbst ein wenig unheimlich dabei.
Das Glück, zu dem man sie zwang, machte sie bösartig und ungerecht. Zugleich hatte sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie an ihren Vater dachte, den sie liebte und verehrte wie keinen anderen Menschen auf der Welt. Die einander widerstrebenden Gefühlslagen, die ihr Leben beherrschten, die glatte, strahlende Oberfläche von Beau Séjour und die monströsen Abgründe ihres Inneren wollten sich einfach zu keinem schlüssigen Bild fügen, und so versuchte sie, die Unruhe, die sie bisweilen aus heiterem Himmel erfasste, bald mit frommen Gebeten, bald mit Tierquälerei zu ersticken. Dabei fühlte sie sich schuldig und befreit zugleich. Heimlich hoffte sie auf Strafe, doch die Strafe blieb aus. Statt dessen: heiße Schokolade und weiche, süße Milchbrötchen. Tagaus, tagein die grauen, wässrig trüben Augen des Vaters, die in seiner Tochter naivem Kinderglück die Antwort auf alle seine Fragen erblickte. Sie konnte ihm nicht wehtun. Es war unmöglich; andere mussten für ihn büßen. Unschuldige Dienstmädchen, der alte Hausdiener, Käfer, junge niedliche Katzen. Sie liebte den Vater doch. Und hatte er gelogen, so hatte er es schließlich nur für sie getan. Er hatte, auch wenn sie sich beim allerbesten Willen nicht vorstellen konnte, welche, seine Gründe.
Todtraurig der alte Mann mit dem steinernen Herzen und nur deshalb böse. Verschlagen die Engelspuppen mit ihren sanften Gesichtern, sie taten ja nur so, als sei immerzu Weihnachten. Eine Prinzessin weint grundsätzlich nicht – welchen Grund hätte sie wohl? –, und der König ist ein strenger, aber gerechter Herrscher, und wenn sie nicht gestorben sind, erstickt an heißer Schokolade, Milchbrötchen und Echthaarpuppen, dann leben sie noch heute, dann leben sie nämlich in alle fürchterliche Ewigkeit – was immer das auch sein mochte außer einer dummen Redensart.
Genaue Vorstellungen hatte Finette nicht vom Unterschied zwischen Glück und Unglück und im Allgemeinen davon, was das Leben war oder sein könnte. Nur wenn sie bisweilen Ausflüge ans Meer unternahmen, beobachtete sie gern stundenlang den Flug der Möwen. Statt sie aber mit Brotstückchen zu füttern wie die anderen Kinder, warf sie ihnen, wenn niemand schaute, Steine hinterher, die größten, die sie finden konnte, denn sie konnte einfach nicht begreifen, warum die dummen Möwen statt endlich aufs offene Meer hinaus zu fliegen immer wieder ans Ufer zurückkehrten. Sie fragte ihren Lehrer, sie fragte den Pfarrer, aber niemand konnte ihr helfen.
Den Vater wollte sie nicht fragen, denn sie wusste instinktiv, dass ihre Frage ihn verletzen würde. So gewöhnte sie sich an, vieles für sich zu behalten, beschloss die Möwen zu verachten, und ergab sich, wenn sie unter den Widersprüchen, die durch sie hindurch fuhren als Nacht der langen Messer, zu verzweifeln drohte, ihren unberechenbaren Launen. Sie schwänzte die Schule und machte dem jungen, unerfahrenen Lehrer schöne gefährliche Augen, wenn er ihr damit drohte, es dem Vater zu verraten.
Wenn sie dann, allein und in dem erregenden Bewusstsein, etwas Verbotenes zu tun, durch Menton streifte, tat sie vor sich selbst, als sei sie ein Waisenkind namens Marie, von niemandem geliebt und niemandem verpflichtet, und mit einem Male schien noch das Unwahrscheinlichste möglich, ja ihr war plötzlich, als bedürfe es nur eines winzig kleinen Schrittes, um von einem Leben in anderes, aufregenderes zu treten. Sie verachtete die Möwen und, am Abend sich selbst dafür, dass sie niemals den Mut aufbrachte, einen Zug tatsächlich zu besteigen als blinder Passagier. Stets kehrte sie von ihren Streifzügen am Ende nach Hause zurück, des Vaters kleine Finette, bereit, sich von der kühlen Hand der Mutter vor dem Schlafengehen ein gleichgültiges Kreuzzeichen auf die Stirn schlagen zu lassen.
Ein Weltkrieg fegte als Orkan über Europa hinweg, da war sie fünfzehn, sechzehn, siebzehn Jahre alt, der Vater verlor viel Geld, aber durch Instinkt, Umsicht und Bauernschläue konnte er manchen Verlust wieder gutmachen; zwar blätterte der hellgelbe Putz von Beau Séjour bereits an manchen Stellen, zwar hasste Monsieur Pisano sich insgeheim für sein Talent, noch dem fürchterlichsten Geschehen reichlichen Gewinn abzutrotzen, doch wenn er abends mit seiner Tochter auf der Veranda saß und mit ihr plauderte, stand die Zeit still, dann war es ihm gerade so, als seien nur wenige Minuten vergangen, seit er, die sechsjährige Finette an der Hand, die Schwelle seines Traums zum ersten Mal überschritten hatte.
Finette liebte den Vater; nur für ihn trug sie das lange dunkle Haar zu kindlichen Frisuren gefasst, und wusste stets nur soviel von der Welt, dass der Zauber kein Loch bekam. Das war sie ihm schuldig, dem kleinen runden Mann, in dessen glattem Allerweltsgesicht nur die Augen ungünstig hervorstachen: gerötet, aufgequollen, als hielten sie Tränen gefangen. Ma princesse nannte er seine Tochter; Freundinnen hatte sie keine, und die Mutter lebte ihr eigenes Leben; sie beobachtete Tochter und Mann wie Vögel durch ein Fernglas, und es war unmöglich zu erraten, was sie sich dabei denken mochte. Bisweilen murmelte sie in Finettes Richtung einen Segensspruch, dabei verwechselte sie regelmäßig die Reihenfolge der Worte und übrig blieb eine wohlklingende Sinnlosigkeit.
Finette ließ es sich gefallen. Für sie war die Mutter eine Fremde. Ein sonderbarer Gast in ihres Vaters Haus, an den man sich mit der Zeit gewöhnt und über dessen Gegenwart man nicht länger nachdachte. Wäre sie fortgegangen, wäre sie eines Tages einfach nicht mehr da gewesen, sie hätte keine Träne vergossen, so gleichgültig war ihr jene unnahbare Person, die tagaus tagein handarbeitend in ihrem kleinen Erkerzimmer saß und die niemals lachte. Ihre Mutter, angeblich ihre Mutter. Aber genau konnte man das freilich nicht wissen.
Das war Finette, das Kind, das junge Mädchen: ein kostbarer Edelstein in einem Seidenfutteral. Der rote Samt schmeichelte ihr; sie war verflucht. Als sie diesen Gedanken zum ersten Mal zu Ende dachte, war sie gerade achtzehn Jahre alt geworden.
Kapitel 2
Es war ein Abend im Spätsommer gewesen, der Herbst kündigte sich schon an mit Wind und strengem Brandgeruch; sehr bald würde man Apricale verlassen, um für den Winter nach Menton zurückkehren.
Finette hatte den Nachmittag im Garten verbracht, sie hatte gelesen, vielmehr, sie war schaukelnd, umherwandernd, Nüsse knabbernd, ein paar Stunden lang in ihrer Lektüre verschwunden; seit sie ein Kind war, hatte sie sich die Welt auf diese Weise in den Garten geholt. Buchstaben zu Bildern und Bilder zu ausgedachten Taten und Abenteuern. Diesmal hatte der Vater ihr von einer Reise ein Buch mit dem Titel Erwachende Herzen mitgebracht.
Von der Liebe las sie nicht zum ersten Mal. Blut, Rache, Kindbett, Glück im stillen Winkel verzehrende Leidenschaften waren ihr als abstrakte Möglichkeiten wohl vertraut, und im Augenblick hatte sie stets, wenn auch oberflächlichen Anteil genommen an den verworrenen Lebenslinien falscher Barone, eleganter russischer Gräfinnen und geschändeter Dienstmädchen vom Lande. Es hatte aber nichts mit ihr zu tun gehabt, mit ihrem Leben, ihrer Wirklichkeit, es waren nur Romanabenteuer gewesen, erfundene, höchst unwahrscheinliche Geschichten, die sie selbst, feige und unentschlossen, wie sie nun einmal war, niemals selbst erleben würde.
Erst an diesem Nachmittag, an dem ein junger Mann und ein Mädchen, die im letzten Sommer noch Kinder gewesen waren, aus heiterem Himmel begannen, sich nacheinander zu verzehren, erkannte sie mit einem Schlage einen Zusammenhang. Ihr Haut brannte wie Feuer, das Blut schoss ihr ins Gesicht und Schweißperlen sammelten sich auf ihrer Stirn. Ins Gras hätte sie sich werfen mögen ohne Rücksicht auf ihr weißes Kleider, ohne Rücksicht auf den Vater. Die Schaukel stand mit einem Male still, derweil ein Wölkchen gleichgültig am Sonnenrand vorbeizog. In ihrem Muschelkerker lag Finette als Perle, ein Vogel sang, und blinder Hass stieg in ihr auf als dunkler, übel riechender Schlamm, der Echthaarpuppen unter sich begrub, aufgespießte Schmetterlinge, elend verhungerte Käfer, Seidenbänder, selbstlose Vaterliebe. Sie schloss die Augen. Hörte ein Lachen, hell und böse. Drehte sich furchtsam um nach allen Seiten, doch es war niemand im Garten als nur sie allein.
Zum Abendessen hatte man sie rufen müssen, zwei, drei Mal, erst dann hatte sie sich rasch im Badezimmer Gesicht und Hände erfrischt und war zu Tisch erschienen, wo Vater und Mutter sie schweigend erwarteten.
Auch Finette schwieg – und hätte in Wirklichkeit schreien mögen. Es war ein Hohn, dass sie hier mit den Eltern saß, während man andernorts lebte. Liebte. Und sich verzehrte nach einem fernen Geliebten und sich am Ende lieber umbrachte, als womöglich klein beizugeben, ja den Tod nicht scheute als Preis dafür, gelebt zu haben, gelebt. Das kostbare Porzellan hätte sie vom Tisch stürzen und ihrem Vater ihre Verachtung ins Gesicht schleudern mögen dafür, dass er alles tat, damit seine Tochter nur ja nicht erwachsen wurde und ihr statt dessen Bücher mitbrachte, die ihre Phantasie anstachelten und teure nutzlose Geschenke, statt sie endlich mit aller Kraft von sich zu stoßen. Sein Haustier war sie! Sein Schoßhündchen! Sein Eigentum! Die Sklavin des unverhältnismäßigen Traums eines lächerlichen, unbedeutenden Mannes! Sie wollte fort, fort aus der stummen traurigen Gemeinschaft, die ihre Familie war, fort, auch wenn sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wohin.
Finette war außer sich, doch ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. Aß und trank, machte ein paar Bemerkungen über die Mahlzeit, das Wetter. Alles war wie immer, der Vater schien nichts von ihrem inneren Aufruhr zu bemerken, nur die Mutter schaute einmal fragend zu ihr herüber, was Finette beiläufig verwundert registrierte.
Es war zu spät. Die Mutter, die vielleicht gar nicht ihre Mutter war, hatte ihr niemals beigestanden, und nun war es zu spät. Sie musste allein den Mut aufbringen, dem Vater die Enttäuschung seines Lebens zu bereiten.
Sie verabschiedete sich rasch an jenem Abend, schützte Unpässlichkeit vor und verschwand in ihrem Zimmer, wo sie sich die Kleider vom Leib riss und aufs Bett warf. Jeden Wunsch hätte der Vater ihr erfüllt, nur diesen einen nicht, niemals. Sie lag in Ketten, doch statt sich mutlos zu fühlen, erfüllte sie plötzlich eine wilde Kampfeslust, und ihr ganzes Denken konzentrierte sich mit einem Mal auf ein einziges Ziel.
Menschenhaut. Hunger. Gier. Wenn sie neben sich tastet, spürt sie Menschenhaut, warm und lebendig, aber wenn sie die Augen öffnet, ist es nur ihre eigene Haut, die eisig fiebernd auf Hände wartet, die nicht ihre eigenen sind, auf Arme, die sie umfangen und ihr keine andere Wahl lassen.
Es war Finette in den darauf folgenden Wochen, als sei sie aus schweren Träumen erwacht oder von einer langen Krankheit genesen. Zurückgekehrt nach Menton fiel es ihr ein, am Nachmittag lange Spaziergänge zu unternehmen, bei denen sie sich jede Begleitung strikt verbot. Wie in ihrer Kindheit genoss sie die Vorstellung, dass niemand wusste, wo sie war und dass sie jederzeit hätte verschwinden können, wohin auch immer. Und wie damals verachtete sie sich insgeheim dafür, dass sie es niemals über sich brachte, ihre Phantasien in die Tat umzusetzen.
Stets kehrte sie pünktlich zum Abendessen nach Hause zurück und entschuldigte ihre Feigheit, die sie vor sich selbst beschönigend Mutlosigkeit oder Zaghaftigkeit nannte mit der stereotypen Begründung, dass die Zeit noch nicht reif sei. Dass es, um auszubrechen, eines regelrechten Anlasses bedurfte, einer Hand, die sich ihr entgegenstrecken und mit sich fortziehen würde.
Inzwischen machte sie sich auf ihre Weise für jenes Ereignis, dessen Eintreten gewiss war und das sie Tag für Tag erwartete, bereit. Nahm abends, beim Kämmen vor dem Spiegel ekstatische Liebeschwüre entgegen, empfing eine Todesnachricht, unter der sie mit exaltierter Gebärde zusammenbrach. Es war Eiszeit, oder sie war in den Tropen, wo sie mit wilden Tieren um ihr Leben rang, und auf ihr Gesicht traten Hingabe, Schmerz, Verzückung, Triumph. Sie warf sich einem Mann zu Füßen, einem Unwürdigen, und dabei schaute sie sich zu und betrachtete gebannt ihr unter aufgelöstem Haar verzerrtes Gesicht. Schauspielerin war sie und zugleich ihr eigenes Publikum. Die Vorstellungen, die sie sich selber lieferte, unterhielten sie und stillten für eine kleine Weile ihren Hunger nach Herausforderungen. Es machte ihr Spaß, so zu tun, als würde sie auf die Probe gestellt, um zu sehen, wie weit man gehen durfte. Dabei imaginierte sie Unerhörtes und lernte sich recht gut kennen, doch schon bald versagte ihre Phantasie, ihr fielen keine neuen Situationen und Schauplätze mehr ein, und so wiederholten sich die kleinen Stücke ihres Repertoires in immer kürzerer Folge. Sie begann, sich zu langweilen, und am Ende gab sie ihre theatralischen Versuche auf, aber dann fehlte sie ihr, diese seltsame Erfahrung, sich selbst zuzuschauen als einer Anderen.
Eine einzige Haut war ihr zu wenig und ein kohärentes Leben unterschritt die infiniten Möglichkeiten des Menschen, einer Frau allemal: so ungefähr hatte sie es sich nachdenkend zurechtgelegt, denn immerhin wollte sie begreifen, was mit ihr geschah.
Ruhelos brach sie am Nachmittag auf zu langen Spaziergängen in ihr unbekannte Gegenden der Stadt, trank einen Kaffee in Lokalen, die man nicht betrat, und kaufte in voll gestopften kleinen Läden Gegenstände, die sie niemals gebrauchen würde. In einem schmuddeligen Friseurgeschäft in der Altstadt schloss sie an einem Donnerstagnachmittag im Januar vor einem halbblinden Spiegel sehr fest die Augen und ließ es zu, dass unbekannte, raue und nach scharfen Lotionen riechende Hände ihr das Haar abschnitten; das würde der Vater ihr nicht verzeihen –
Doch Hervé Pisano schaute seine Tochter nur verständnislos an und sagte kein Wort.
Zwar ängstigte ihn das veränderte Wesen seiner Tochter, doch nahm er es gerne in Kauf, wenn er nur in ihrer Nähe bleiben durfte, und nach Tisch sprach er Finette, gerade so, als sei nichts geschehen, vom kommenden Sommer, von Beau Séjour, dem Duft des Rosmarin und dem des Oleanders. Sie sahen einander dabei nicht an, denn Finettes Blick heftete, während ihr Vater leise zu ihr sprach an fernen Landschaften und fremden Augen, und Hervé Pisano hielt die Augen fest geschlossen, um ungestört in die Vergangenheit zu blicken oder vielmehr in jene ideale Zeit, deren unvorstellbare Vorstellung er umso mehr liebte, je weniger er sie begriff.
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