Leseprobe

aus Bernd Reutler: Glückliche Jahre. (Ausdruck der Kapitel 26, 35 und 39)


26

Meine Natur erwies sich einmal mehr als viel robuster, als der unheilbare Pessimist Michael glaubte. Mein gebrochenes Schlüsselbein, Opfer einer denkwürdigen Schlüsselszene, bei der einiges wohl für immer ungeklärt bleiben würde (es wurde diesbezüglich auch nicht mehr weiter nachgeforscht), war sehr schnell wieder verheilt und erwies sich als völlig stabil und belastbar. Und als ebenso stabil und belastbar erwies sich mehr und mehr mein Denkvermögen. Mein Hirnleistungstrainer war sehr zufrieden mit mir.
Meine zunehmende Selbständigkeit irritierte Michael. Ich hatte auf Anregung meines Therapeuten, dem Hirnleistungstrainer, eine große kalendarische Jahresübersicht an meine Zimmertür geheftet. Täglich trug ich ein Stichwort ein, womit ich ein besonderes Vorkommnis festhielt. Michael warf verstohlene Blicke auf dieses Plakat, das ihm wie eine unwiderrufliche, amtliche Bekanntmachung erscheinen mußte: Diana hat den Überblick zurückgewonnen.
Jeden Tag mußte er dies zur Kenntnis nehmen. Und wenn er eine Schnute zog, sich hochmütig abwandte und ohne eine Bemerkung aus dem Zimmer ging, dann war mir sein Benehmen Kommentar genug: Der Kritiker mußte sich damit abfinden, daß ich im Begriff war, die Bühne neu zu beherrschen. Fortan war ich wieder Akteur. Ich öffnete selbständig meine Post, ich erteilte meiner Bank telefonisch Aufträge, ich vereinbarte mit Freunden Besuchstermine, ich beglückwünschte Geburtstagskinder am richtigen Tag, ich brachte nichts mehr durcheinander, ich behielt die Übersicht. Tja, mein Lieber, nichts ist‘s mit dem Verblöden! Pech gehabt! Jetzt werden die Dinge wieder erledigt, wie ich es möchte, jetzt treffe ich meine Entscheidungen wieder selbständig. Schluß mit dem Interregnum, die rechtmäßige Hausherrin übernimmt wieder das Regiment. Wer zahlt, hat das Sagen, tut mir leid, aber das ist nun mal so. Andererseits war ich nicht kleinlich. Großzügig lud ich Michael ein, mit mir zu verreisen, wohin er wolle, er sei der Reiseleiter, ganz so wie früher, ich aber sei die Zahlmeisterin. Der arme Kritiker protestierte zunächst gegen diese Rollenverteilung, er empfand sie als Drama, fügte sich dann aber meiner Dramaturgie, da ihm klar war, daß dies für seinen Geldbeutel weniger dramatisch war. Michael wünschte ein Zurück zu unseren Quellen, zurück zur Quelle der Arethusa, zurück nach Syrakus, zurück nach Sizilien. „Dorthin, wo du wahrscheinlich geboren wurdest, dorthin, wo zumindest die Wiege unserer Liebe steht!“ beschloß er emphatisch, und ich stimmte wehmütig zu. Wir bestiegen das Flugzeug nach Catania, das heißt, zwei Flughafenangestellte verfrachteten mich auf eine schmale Trage und trugen mich die Gangway hinauf, ein Weg, den ich selbständig keineswegs hätte gehen können. Die Stewardessen begrüßten mich mit dem Lächeln von Krankenschwestern und dirigierten die Sperrmüllpacker zu Reihe Sieben, wo sich die äußere, sonst absolut sperrige Lehne hochkippen ließ, so daß ich mit weniger Mühe auf meinem Sitz deponiert werden konnte. Ja, ich empfand mich durchaus als Sondergepäck, das nun einmal nicht wie ein Golfback verstaut werden konnte oder wie ein Hund im Spezialkäfig. Ich war für alle eine Last, gegenüber der man so tat, als bereite der Samariterdienst geradezu Lust im sonst so eintönigen Alltag. Michael hatte mich in Anbetracht der drei Stunden Flugzeit präpariert wie ein Baby, das noch nicht „sauber“ ist. Der Reisebeginn war eine einzige Demütigung, die mich mutlos machte gegenüber allem, was da noch kommen mochte. Plötzlich empfand ich die ganze Unternehmung als mutwillig; es fehlte nicht viel, daß mich aller Mut verlassen, und ich geschrien hätte: Ich will hier raus!
In Catania überwachten Carabinieri Michaels Verstauen unseres Gepäcks im Mietwagen. Ich hätte nichts dagegen gehabt, auf der Stelle entführt zu werden, dann wäre Michael mich endlich los gewesen, und ich hätte nicht einen Pfennig aus unserer Reisekasse als Lösegeld geopfert.
Wir fuhren nach Taormina und logierten in dem Hotel am Eingang zum Teatro Graeco, von dessen Terrasse aus der Ätna sich keineswegs darstellt, als könne er den Caledonischen Eber ausspeien, das Land zu verwüsten, sondern als das harmonischste Zirkuszelt, in dem sich die wundersamsten, bezauberndsten Dinge ereigneten. Ich blickte sehnsüchtig hinüber wie ein verträumtes Kind, das einzutauchen wünschte in ein Zauberreich. Ach, dieses elende irdische Dasein! Jetzt, sofort, ohne auch nur einen Moment zu zögern, würde ich mit meinen brennenden Füßen in den Krater springen wie Empedokles, um meine göttliche Herkunft zu beweisen. Und Michael, der mich vor zwanzig Jahren mit der Göttin Diana verglich, müßte meine Aktion enthusiastisch rezensieren: Eine wahrhaftige Göttin – uns nicht durch eine Himmelfahrt, sondern durch eine Fahrt zur Hölle entrückt! Er hat mich angesteckt mit seinen ewigen mythologischen Überhöhungen. Dabei ist in Wahrheit alles so entsetzlich banal. Und geistige Höhenflüge, die Sucht, alles hochzustilisieren, sind die schlimmste, die verlogenste, die lächerlichste Ausflucht.
Seit langer, langer Zeit übernachteten wir wieder zusammen in einem Zimmer, benutzten ein Bad, eine Toilette. Kein Pfleger war zur Stelle, mich zu waschen in Regionen, die Michael nichts mehr angingen. Wir standen auf viel zu engem Raum, eingezwängt zwischen dem überflüssigen Bidet und der ebenso überflüssigen Badewanne, umständlich aneinander gedrückt vor dem Spiegel, der die ganze Wand über dem Waschbecken ausfüllte, an das für mich kein rechtes Herankommen war, weil der Rollstuhl nicht darunter paßte. Ich spürte Michaels Ingrimm, es grummelte in ihm, gleich würde sein Donnerwetter aus ihm herausplatzen und sich über mich ergießen. Ich kam ihm zuvor:
„Mußtest du aus purer Sentimentalität unbedingt in diesem Hotel noch einmal ein Zimmer buchen, wo du jetzt nur noch mit mühsamem Herumsteigen über Bidet und Kloschüssel an mich herankommst und mit einem Bein in der Badewanne stehen mußt, damit vor dem Waschbecken Platz für uns beide ist?! Hier sind wir einfach fehl am Platz.“
„Wärst du kein solcher Fettkloß geworden, wir hätten ausreichend Platz, dir Po und Hüften zu waschen! Ich habe keine Lust, den Akrobat abzugeben, der um die Riesendame herumturnt!“
„Du und ein Akrobat! Wann hättest du dich je in vollendeter Form bewegt! Nicht einmal die simpelsten Tanzschritte habe ich dir je beizubringen vermocht!“
„Und mir ist es all die Jahre nicht gelungen, eine Intellektuelle aus dir zu machen!“
„Wie interessant! Nur zu, ich höre!“
„Du warst doch immer nur eine gute Zuhörerin, die sich für die originellen Beiträge anderer interessierte, deshalb warst du selbst noch lange kein origineller Kopf. Nur in einem Punkt hast du wirklich gewonnen: Deine Fleischlichkeit ist unübersehbar geworden.“
„Der Kritiker versucht sich als anachronistischer Strindberg–Imitator.“
„Keineswegs. Es ist höchste Zeit, daß wir einmal Tacheles miteinander reden.“
„Zwischen Klo und Dusche, wie sinnig! Der rechte Ort fürs Großreinemachen, nicht wahr?“
Er wischte mir mit dem rauhen Waschlappen den After so heftig, daß ich aufschrie.
„Sei nicht so zimperlich!“
„Du warst und bist natürlich kein bißchen zimperlich – zumindest was dein rabiates Verhalten andern gegenüber betrifft. Du warst immer schon ein Grobian, unsensibel, verletzend. Was wolltest du damit erreichen, du kleiner Provinzkritiker? Hattest du gehofft, damit ins wirklich große Feuilleton aufzusteigen? Du bist so niveaulos, wie das von dir geschmähte Provinztheater.“
Er klatschte mir den triefend nassen Waschlappen auf den Rücken und seifte mich gründlich ein. Und dann verpaßte er mir mit dem Frotteetuch eine wahre Abreibung.
„Wenn ich dich in dieser engen Grotte hier sehe, dann kommen mir nicht mehr die Verse in den Sinn, die im hohen Ton von den ‚magdlichen Gliedern‘ einer nackten Göttin schwärmen. Das war doch einmal dein ganzes Kapital; es ist aufgezehrt. Sprich du mir also nicht von Niveau!“
„Was für eine schamlose, billige Retourkutsche!“
Ich versuchte, nach ihm zu treten, stieß mich dabei aber nur am Siphon unter dem Waschbecken. Michael lachte ein dreckiges Lachen, daß ich ihm am liebsten den Waschlappen zwischen die Zähne geklatscht hätte. Wie er da im Spiegel höhnisch auf mich hinunter schaute, war er mir plötzlich ganz fremd. Ich versuchte, so viel wie möglich selbst zu tun, irgendwie die Träger des Büstenhalters über meine Schultern zu streifen, in die Ärmel der Bluse hineinzukommen, die Hose wenigstens bis über meine Knie hochzuziehen, um so an mir hantierend die fremden Blicke zu vergessen und wieder zu mir selbst zu kommen. Wir machten den geplanten Tagesausflug nach Syrakus. Den Kritiker zog es natürlich als erstes zum großen griechischen Theater. Die gelben Margeriten reichten in dichten Büscheln wie sanfte Ausläufer eines lebensfreundlichen Lavastroms bis zu den obersten Sitzreihen. Es sah aus, als sei das steinerne Halbrund soeben aus diesem blühenden Garten ausgegraben worden. Ich hatte an diesem botanischen, fröhlich wuchernden Schauspiel weit mehr Vergnügen als an der verwitterten Stätte antiker Tragödien. Michael führt mich über den mittleren durchgehenden Wandelgang („Diazoma“ protzte er laut) bis zur Mitte, dem tiefergelegenen Zentrum („Orchestra“ tönte er abermals) genau gegenüber und arretierte dann die Bremsen meines Rollstuhls. Er erzählte mir (und wahrscheinlich wiederholte er damit seine Lehrstunde von vor zwanzig Jahren), daß ein gewisser Rinton vor circa zweitausendfünfhundert Jahren den phlyax als neue Schauspielfigur eingeführt habe, den Flachsmacher, der sich mit seiner vulgären Sprache und seinen derben Scherzen als höchst volkstümlich erwies. Sprach‘s und hüpfte in einer Art Hampelmannschritt einige Treppen tiefer, drehte sich zu mir um, formte mit seinen Händen einen Trichter, in den er, die Melodie irgendeines Marktschreiers imitierend, hineinrief: Chance für fixen Jungen, hüpfte dann mit einem Flügelschlagen der Arme weiter nach unten, hielt abermals inne und intonierte mit einer anderen Melodie:
Heller Knabe gesucht, landete schließlich im Rund der Orchestra und rief in alle Himmelsrichtungen: Chance für fixen Jungen. Heller Knabe gesucht. Die wenigen Touristen verfolgten amüsiert dieses mir unverständliche Schauspiel. Ich hielt Michael für völlig durchgeknallt, die ganze Szene war mir peinlich.
„Was sollte der Quatsch?“ fragte ich ihn, nachdem er wieder die Stufen zu mir erklettert hatte und keuchend vor mir stand, „du mokierst dich über outrierende Schauspieler und bist selbst der schlimmste Knattermime.“
„Hast du unser Stück vergessen? Ich habe nur zitiert.“
„Ich kann mich nicht erinnern. Aber warum gerade …?“
„Es fiel mir gerade so ein. Aber lassen wir das.“
Er löste die Bremsen und schob mich hinunter zu den „paradiesischen Latomien“, jenen uralten Höhlen zu Füßen des antiken Theaters, aus denen schon die Griechen jenen grauweißen Kalkstein gewonnen hatten, der dem ganzen Stadtbild seine eigentümliche Färbung verleiht, Wärme und Feuchtigkeit hatten hier eine üppige, überquellende Vegetation gedeihen lassen, Zitronen– und Orangenbäume, Zedern und Palmen, Feigenkaktus und Kapernstrauch, Mispel und Oleander. Und all die ungebändigte Natur umschloß alle möglichen bizarr anmutenden Gesteinsbildungen, die an Pfeiler und Gewölbebögen erinnerten. Am merkwürdigsten aber war jener Höhleneingang, der, wenn auch nur sehr vage, einer Ohrmuschel glich und deswegen den Namen „Ohr des Dionysios“ trug. Die akustische Eigenschaft dieses berühmten Spaltes ist wahrhaft erstaunlich: Jedes Geräusch erfährt durch ihn eine enorme Verstärkung. Der Tyrann Dionysios soll sich dieses akustische Phänomen zunutze gemacht haben, um die in der Höhle vegetierenden Staatsgefangenen zu belauschen, Michael leistete sich hier wiederum ein fragwürdiges Intermezzo, dessen Sinn für mich unklar blieb:
Hu–huu! Hu–huu! –Ich flehe dich an, nur ja oder nein, kannst du mich hören, nur ja oder nichts. So flüsterte er.
„Was soll das nun wieder?“ fragte ich ihn gereizt.
„Nichts, gar nichts, ich habe nur die Akustik ausprobiert. Lieber ein unmenschlicher Tyrann, der selbst die Worte erlauscht, die gar nicht für ihn bestimmt sind, als ein zwar menschliches Wesen, das aber kein Ohr hat.“
Ich ging auf diese kryptische Bemerkung Michaels bewußt nicht ein. Da brüllte er los: „Wenn ich es nur ertragen könnte, allein zu sein, ich meine, vor mich hin zu quasseln, ohne daß mich eine Menschenseele hört. Hast du es jetzt kapiert?!“
„Ich glaube, es ist besser, wir brechen diese Reise vorzeitig ab. Wir sind keine Gefährten mehr, keine Reisegefährten und keine Lebensgefährten. Geh‘ deiner Wege! flau ab!“ Über dem Ätna schwebte ein zartes weißes Wölkchen, nichts und niemand nahm von unserem Erdbeben Notiz. Der Boden unter uns schwankte, wir waren haltlos geworden, aber um uns herum grünte und blühte es. Wir sind der Welt herzlich gleichgültig. Sie hat uns satt. Sie breitet ihr sattes Hoffnungsgrün über unsere Trostlosigkeit.

35
Es scheint, als sei ich getroffen. Ein Schuß aus dem Hinterhalt – wenn ich denn von dieser heimtückischen Krankheit betroffen sein sollte …
Ich fühlte mich deplaziert: Zwar umstanden mich Urologen, aber man hatte für die Untersuchung meine Lage so arrangiert wie die einer Frau, der ein gynäkologischer Eingriff bevorsteht. Es ging schon auf drei Uhr zu, als ich nach stundenlangem Warten endlich an die Reihe kam, das Team hatte schon einen anstrengenden Vormittag hinter sich, und das freie Wochenende stand kurz bevor, der Anästhesist war recht eigenwillig bereits ins Weekend vorausgegangen, und so durfte ich mich entscheiden, ob ich die nächste Woche noch einmal antreten oder jetzt die Stecherei in meine Prostata mit einer örtlichen Betäubung über mich ergehen lassen wolle. Ich war ganz klar im Kopf, denn die Verabreichung der Beruhigungspille lag bereits etliche Stunden zurück. Wie viele Stiche es denn seien? Und wie lange würde die Prozedur dauern? Nein, jetzt habe ich so lange warten müssen mit übergestreiften weißen Stützstrümpfen, umgebundenem Hemdchen und papierenem Höschen, das alles jetzt ausziehen und mich davonstehlen, um mich zu einer zweiten Vorstellung noch einmal in diese Kostümiemng stecken lassen zu müssen – nein, ich würde die Vorstellung trotz meines leichten Lampenfiebers jetzt doch nicht absagen, ich wollte den Herren ein disziplinierter Komparse sein, stumme und reglose Nebenperson der Handlung. Und ich spielte meine Rolle so diszipliniert und bravourös, daß die OP–Schwester zum Schluß ausrief: “Sie sind ein wahrer Held“ ‚ und alle anderen, die mich umstanden, applaudierten doch tatsächlich, wahrscheinlich aus Erleichterung, daß ich nicht gepatzt hatte. Es war das einzige Mal, daß ich in meinem Leben als Kritiker der Adressat einer standing ovation war.
Nach einer Woche – die Reizungen, Irritationen, Schmerzen waren gänzlich verschwunden –überkam mich eine zaghafte Neugier: Was hatte man meiner Vorsteherdrüse angetan, war sie am Ende degradiert zu etwas bedeutungslos Nachgeordnetem und hatte sich saft– und kraftlos unter der Blase verkrochen? Das wollte, mußte ich wissen. Und allein dieser Gedanke bewirkte, daß sich mein Glied erstmals nach jenem unappetitlichen Intermezzo wieder versteifte. Meine solistische Einlage aber endete noch unappetitlicher: Ich fühlte mich als ein Tintenfisch, der sein Drüsensekret ausspritzt, ja, mein Sperma glich alter schwarzer Galläpfeltinte. Meine Prostata: ein Tintenfaß, das so schnell wie möglich aus meinem Körper hinausgeschmissen gehörte! Die Biopsie ergab denn auch, daß es nicht auf mein ästhetisches oder sonstiges Empfinden ankam, was zu geschehen hätte, sondern daß es allerhöchste Zeit war, das vom Krebs befallene Organ per Ektomie unschädlich zu machen. Das Aufklärungsgespräch war äußerst knapp und außerordentlich rücksichtsvoll, wie es nur junge Stationsärzte mit ihrer bewunderungswürdigen sozialen Kompetenz zu führen vermögen:
„Folge der Operation wird sein, daß Sie inkontinent und impotent werden und etwa noch zehn Jahre zu leben haben.“
Wenn das nicht kurz und prägnant war; hier war für meine künftigen Rezensionen (zehn Jahre sollten mir ja immerhin noch bleiben) in der Tat etwas zu lernen. Bei allem Respekt vor dem antipathetischen Redestil des geborenen Naturwissenschaftlers begnügte ich mich dennoch nicht mit dessen lakonischer Information, sondern nahm die Broschüre zur Hand, die auf anschauliche Weise darstellte, was mir bevorstand. Besonders hübsch fand ich die Beschreibung, nach der zwei Nervenstränge, die etwas mit dem Vorgang der Erektion zu tun haben, sich wie Hosenträger über die Prostata spannen. Ich mußte lachen. Wenn diese Hosenträger also gekappt würden, würde ich die Hose wohl nicht mehr herunter lassen müssen, denn da würde kaum mehr etwas vorstehen. Galgenhumor, Altherrenwitz – aber so etwas überkommt einen schon, wenn Worte plötzlich buchstäblich blutiger Ernst werden sollen. Und es wurde blutiger Ernst. Eine urologische Station ist ein einziger blutiger Witz. Da laufen die Herren mit Hemden herum, die hinten mit einer Schleife zu schließen sind und vorn aussehen wie Metzgerschürzen. Und unter diesen Schürzen lugen die künstlichen Verlängerungen ihrer Schwänze hervor, die in Plastikbeutel münden, die ekle Mischung aus Urin und Blut und wäßrigen Sekreten aufzufangen. So schlurfen sie aus ihren Zimmern, nur ja keine heftige Bewegung, die sich auf ihr malträtiertes Organ übertragen und das sonst so geile Nervenbündel empfindlich treffen könnte. Die linke Hand hält den Beutel wie ein Handtäschchen, die rechte schiebt das Stativ, an dem die Infusionsflasche hängt, so begegnen und begrüßen sie einander oder stellen sich einem neuen Leidensgenossen artig vor. Und dann stürzen sich die unfreiwilligen Fachmänner in ein erlösendes oder auch beklemmendes Fachsimpeln: Wie zufriedenstellend doch die wiedergewonnene Festigkeit des Urinstrahls sei! Endlich ein Erfolg beim Stuhlgang! Man tauscht die Ergebnisse der histologischen Untersuchungen aus, gratuliert zum beruhigenden Befund, gibt Mut, wenn eine Unklarheit immer noch fortbesteht, tröstet, wenn therapeutische Weiterungen drohen, und versucht, den völlig Verzweifelten, der sich in seinem Keller schon eine Schußanlage gebaut hat für den Fall, daß eine Heilung aussichtslos sein sollte, von seinem fürchterlichen Plan abzubringen – dies alles, wie gesagt, quasi en passant im Flur, mit vorgebundenen Metzgerschürzen und makabren Klarsichttäschchen in der Hand. Wo und wann sonst noch sind wir Männer so erbarmungslos lächerlich? Hier ist der Ort für tiefste Ängste und törichste Witze, die ideale Bühne für ein dramma giocoso, wo die Don Juans allesamt auf das „Pentiti!“ mit einem winselnden “Si“ antworten würden. Ob ich nun irgend etwas bereute oder nicht, das Urteil wurde so oder so an mir vollstreckt, da gab es keine Gnade, wenn ich überleben wollte. Die walnußgroße Drüse war entfernt, Leitungen waren durchtrennt, beseitigt, verlegt worden. Das komplizierte Netzwerk war zwar mit großem Geschick neu geordnet, letztlich aber doch ein Flickwerk. Das Schadhafte und Schädliche war beseitigt, aber zugleich bedeutete das herausgerissene Stück, dieser bösartige Fetzen Fleisch, der doch einmal ein Teil von mir war, den ungezählte Male liebkosende Fingerspitzen sanft gedrückt hatten, um meine Lust noch zu steigern, und der jetzt schäbig entsorgt worden war, einen unwiederbringlichen Verlust für meine Fleischeslust. Nach etlichen Wochen der Rekonvaleszenz wagte ich, die Stimmigkeit der ärztlichen Prognose, ich könne durchaus weiterhin Lust empfinden, schließlich sei ich nicht entmannt, zu überprüfen. Wiederum war es ein solistischer Akt, und nicht nur deswegen in mancherlei Hinsicht schmerzhaft. Was ich da in der Hand hielt, war nur noch ein schlaffer Schlauch, ein infantiles Kränchen, dem selbst das Pipimachen ungewohnt und beschwerlich war, unkontrollierbar tröpfelndes amorphes Etwas, dessen Anblick jeden Bildhauer nur zu einem traurigen Kopfschütteln veranlaßt hätte, nein, mein Herr, verstecken sie das Ding, es taugt nicht als Modell, eine Blamage für sie und unser ganzes Geschlecht. Was hätte ich jetzt darum gegeben, an Priapismus zu leiden, lieber eine kraftvolle und meinetwegen schmerzhafte Dauererektion als diese müden Hautfalten, die unendlich trist über das Skrotum herabhingen, Sinnbild meiner fundamentalen Beschädigung (…)
Ich empfand keine wohlige Ermattung, ich fühlte mich krankhaft erschöpft. Ich war als Mann nur noch ein halbes Geschöpf, aus dem sich nichts mehr schöpfen ließ, ausgetrocknet, verdorrt wie jener Alte, der in der Wüste sich vor seiner Frau hinter dem Sandhaufen versteckt, wo er sich als impotenter Lustgreis an pornographischem Zeug delektiert. Oh les beaux jours! Meine glücklichen Tage waren endgültig dahin. So also endeten die glücklichen Jahre mit Diana – sie in ihrem Sandhaufen, dem Rollstuhl, und ich, saft– und kraftlos, gewissermaßen auf allen Vieren neben ihr.

39
Der fixe Junge hat sich verdrückt. Keine Nachricht von ihm, er bleibt einfach verschwunden, spurlos, unauffindbar, keiner weiß uns eine Auskunft über ihn zu geben. Hat der helle Knabe gespürt, daß Diana möglicherweise von ihm mehr erwartete, als er zu geben bereit war? Sie hatte ihn zu meiner Verblüffung plötzlich zu duzen begonnen. Hat er sich ihrer zunehmenden Vereinnahmung entzogen? Ich weiß es nicht, ich habe auch nicht mit Diana darüber gesprochen. Sie schmollte wie ein verstocktes Kind, das den zurückgebliebenen Elternteil straft, weil der andere es verlassen hat. Das ging so eine Woche lang, in der ich die Dienste des Abtrünnigen übernahm. Diana ertrug mein täppisches Hantieren schweigend, lehnte aber meine Aufforderung zum Tänzchen ab, da ich dafür nun einmal nicht der geeignete Partner sei.
Zu Beginn der zweiten Woche nach des Knaben offenkundig endgültigem Abgang, ging ich, wie jeden Morgen, hinunter in Dianas Zimmer. Ihr Bett war leer. Ich war noch ziemlich verschlafen und rieb mir buchstäblich die Augen. Ich sah ohne Kontaktlinsen einfach nicht recht, auch dies ganz wörtlich zu verstehen. Der Rollstuhl stand nicht neben dem Bett. Die Tür zum Bad war geschlossen. Hätte ich einfach nach Diana rufen sollen? Das kam mir lächerlich vor. Sie mußte im Bett liegen, den Bauch zur Wand gedreht, das Kissen hinter den Kopf geknüllt. Wenn ich jetzt den Rollo hochziehe, dann greift sie nach der Schlaufe, zieht sich ein bißchen hoch zum Kopfende des Bettes hin und blinzelt in die Morgensonne. Ich nehme die Schelle von ihrem Nachttisch und klingele. Sie rührt sich nicht. Ich klingele heftiger. Und von der dem Fenster gegenüberliegenden Seite höre ich ihre Stimme: Heil, heilig Licht!
Sie sitzt dort, fertig angezogen, auf ihrem Rollstuhl, mit dem sie offenbar rückwärts bis dicht an die Wand herangefahren ist. Sie hat den Kopf gehoben, starrt gerade aus, rührt sich nicht. Lange Pause. Sie wirft den Kopf zurück und starrt der Morgensonne entgegen. Ich begreife das alles nicht. Ich bin sprachlos. Sie legt die Hände auf die Lehnen, umklammert sie fest und drückt sich hoch in den Stand.
Ich hatte am Vortag eine öffentliche Probe der Neuinszenierung unseres Stücks besucht. In der Mitte der Probebühne stand das rohe Gestell, das, entsprechend kaschiert, einmal der Hügel sein würde. Die Darstellerin sprach die letzten Worte des ersten Aktes: Bete dein altes Gebet, Winnie. Damit war die Probe beendet, und Winnie kletterte ohne jede Hilfe aus ihrer absurden Behausung. Also träumte ich jetzt dieses Bild. Zumindest war es Tagträumerei. Auch Diana erzählte mir immer wieder von solchen Träumen. Kein Wunder. Oder jetzt doch ein wirkliches, wahrhaftiges Wunder und keinesfalls ein bloßer Traum? Das Leben ein Traum. Ein Alptraum für mich? Die festsitzende Diana war zum festen Bestandteil meiner Existenz geworden. Wenn Diana wirklich frei, ohne sich irgendwie abzustützen, mir gegenüber stand, dann war dies ihr gelungener Aufstand gegen mich, der meine Existenz ins Wanken brachte, Wozu war ich, der so vieles aufgegeben hatte, dann noch gut? Sie kann doch nicht so einfach aufstehen, kein Plan hatte je mit einer solchen Entwicklung gerechnet, kein Umbauplan, kein Therapieplan und schon gar nicht mein Lebensplan; sie war im Begriff, alles zu vermasseln. Ich schämte mich meiner egozentrischen Betrachtungen. Ich hätte vor dem Bild, das Diana bot, in die Knie gehen müssen, ich hätte es anbeten müssen: Oh ja, große Gnaden. Mehr kann ich nicht sagen. Im Moment …Hier ist alles seltsam. Kein Arzt konnte mir je erklären, was wirklich mit Diana geschehen war, was diesen ominösen intraoperativen Zwischenfall wirklich ausgelöst hatte, und wie es dann zu jener verheerenden Kettenreaktion gekommen war, die Diana letztlich in unsichtbare Ketten legte, die bislang kein Mittel zu sprengen vermocht hatte. Worüber jetzt für mich kein Zweifel mehr bestand, das war: Diana war selbständig aus dem Bett gestiegen, hatte selbständig ihre Morgentoilette gemacht, hatte sich selbständig angezogen und war soeben vor meinen Augen selbständig aus dem Rollstuhl aufgestanden. So wenig mir die Ärzte Dianas Fall erklären konnten, so wenig würden sie diesen unbegreiflichen Aufstieg erklären können. Ich dachte an Lourdes und ähnlich frommen Betrug und Selbstbetrug und memorierte das Bibelwort: „Stehe auf und wandele!“ Diana stand schon, sie zeigte sich buchstäblich selbständig, schon dies war ein ungeheurer, unglaublicher, unfaßbarer Fortschritt. Jetzt fehlte nur noch der nächste Schritt. Und sie tat ihn! Nicht nur einen Schritt, nein, Schritt für Schritt ging sie Richtung Zimmertür. In mir tönte dazu als Begleitmusik eine Art schräger Marschmusik: Schritt–Schnitt–Schritt–Schnitt. Denn ich wußte: Diese Schritte bedeuteten für uns beide eine einschneidende Veränderung. Wer, wie jetzt Diana, in der Lage war, seine Position so einschneidend zu verändern, der war mit einem Schlag imstande, einen harten Schnitt zu machen. Diana, so fürchtete ich, könnte sich als erbarmungslose Cutterin erweisen, die unsere gemeinsamen Szenen aus ihrem Leben herausschneidet, weil sie in den Abfalleimer ihrer Geschichte gehörten; sie würde ihr Lebensdrehbuch, so weit es die Zukunft betraf, womöglich drastisch ändern oder gar völlig neu schreiben, und ich käme darin nicht mehr vor. In diesem Augenblick fühlte ich mich als hilfloser Zuschauer ihrer Schritte, die den bisherigen Gang der Dinge, an den ich mich nur mühsam gewöhnt hatte, so unerwartet durchkreuzten. Diese Schritte, diese Fortschritte jetzt zur Tür hinaus in den Flur, sie könnten dereinst ihre Schritte fort von mir bedeuten. Endlich gelang es mir, mich aus meiner Ichbezogenheit zu lösen und mich wieder ganz Diana zuzuwenden. Ich machte ein paar schnelle Schritte hinter ihr her, breitete die Arme aus und wich ihr nicht mehr von den Fersen, jede Sekunde bereit, sie, wenn nötig, aufzufangen. Sie wankte wie ihre früheren Patienten, die eine beidseitige Hüftoperation hinter sich hatten, aber sie hielt durch. Immer wieder ergriff sie die Flucht nach vorn, um gerade noch einen Türgriff, eine Stuhllehne oder eine Tischplatte als Zwischenhalt zu erreichen. Auf meinen Fingerkuppen bildeten sich Schweißperlen, aber ich zwang mich trotz aller zunehmenden Anspannung und Nervosität, die Finger von ihr zu lassen; ich fürchtete, Diana sonst ihre abenteuerliche Nummer zu verderben. Wir waren ein merkwürdiges Duo, das eine stumme Slapsticknummer zum Besten gab. Diana blieb leicht schwankend, ihren Stand immer wieder ausbalancierend, vor den Regalen stehen, zog Bücher heraus, an die sie zwei Jahre lang nicht mehr heranreichen konnte, öffnete die oberen Hängeschränke in der Küche, sie durchschwankte die ganze Wohnung, verweilte, zog heraus, öffnete, inspizierte, schloß. Und schließlich beschloß sie, die Treppe hinaufzusteigen, um sich ihr altes Reich als gestandene Person neu anzueignen; sie begann, sich am Geländer nach oben zu hangeln. Ich hatte wahrlich nichts zu verbergen oder zu verheimlichen, aber dennoch empfand ich diese Aktion Dianas als penetrant, sie drang da in Bereiche, die ihr so nicht mehr zustanden, mit ihrem aufrechten Gang schien sie etwas rückgängig machen zu wollen, aber die Zeit war nun einmal während ihres erzwungenen Stillsitzens nicht stehengeblieben, es hatte Veränderungen gegeben, gegen die sie jetzt keinen Aufstand machen konnte. Die Primatin, wieder auf zwei Beinen, benahm sich eine Spur zu herrisch und bedeutete mit all ihren Aktionen, daß sie künftig den Primat zu beanspruchen gedenke, mit ihrem Rundgang setzte sie mich zurück, jedenfalls empfand ich es so. Sie durchwühlte die Schränke, reklamierte, daß etwas nicht mehr an seinem Platz sei oder fehle, daß ich offenbar aufgeräumt und weggeräumt habe, ohne sie zu fragen. Schließlich gelangte sie an den alten Sekretär ihres Vaters, und während sie die Klappe öffnete, forderte sie mich in ziemlich barschen Ton dazu auf, doch bitte aus dem Zimmer zu gehen. Außergewöhnliches, Wunderbares hatte sich ereignet, das mit einem Schlag alles zwischen uns hatte verändern müssen. Aber geblieben waren die alten Nörgeleien, der alte aggressive Ton. Ich setzte mich vor der Tür auf einen Stuhl und grübelte über meine Verlustängste.
Diana kam heraus und hielt einen Revolver in der Hand.
„Ich wußte, daß er irgendwo im Sekretär meines Vaters herumliegen mußte. Gut zu wissen, daß es ihn gibt.‘
„Diana!“
„Diana, Diana!“ äffte sie mich nach. „Ich werde mich schon nicht damit erschießen. Aber ich werde mir trotzdem Patronen besorgen.“
„Diana, bitte, leg das Ding zurück in das Fach, aus dem du es genommen hast. Besser noch, gib es mir, bitte!“
„Ich denke nicht daran. Jetzt besitze ich zwei Waffen: Ich kann wieder laufen, woran du nie geglaubt hattest, und ich könnte mich notfalls erschießen, wenn dies nur eine Art Anfall ist, der vorübergeht, und ich zurückfalle in den alten Zustand, der mit Stand bekanntermaßen wenig zu tun hat.“
„Diana, warum dieser Zynismus? Wir können es beide kaum glauben, kaum fassen, und doch ist es wirklich. Weiß Gott, wer oder was dies bewirkt hat, seien wir doch einfach glücklich! Leg das Ding dorthin zurück, woher du es genommen hast. Vertraue jetzt ein bißchen auf unser unfaßbares Glück! Wir gehen jetzt zusammen hinunter, ich öffne eine Flasche Champagner, wir trinken auf deine Wiederauferstehung, und dann rufen wir alle Freunde an und feiern ein großes Fest.“
„Was für Schwierigkeiten hier, für den Verstand. Immer gewesen zu sein, was ich bin
und nun so anders als das, was ich war.“
Diana kannte ihren Text. Ich hatte das Büchlein wieder hervorgeholt, um mich auf die bevorstehende Premiere vorzubereiten. Diana hatte offenbar darin geblättert.
„Du bist wieder ganz die, die du warst. Du bist niemand anderes. Du bist meine Diana.“ „Glaubst du das wirklich? Nur weil ich wieder ein bißchen herumlaufe?“
Diese denkwürdige Stunde hatte mich total verwirrt. Ich war erschöpft. Ich vergaß den Revolver.
„Ich lege mich noch einmal ein bißchen hin. Wem du mich brauchst, rufst du mich, ja?“
„Ich brauche dich nicht, ich komme gut allein zurecht.“
Dann bleibt mir nur noch, mich zu verkriechen, dachte ich. Ich wünschte mir geradezu den Rollentausch, ich spürte die Regressionsgelüste: Mich in meiner Höhle verkriechen und mich versorgen lassen bis ans Ende meiner unglücklichen Tage.

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