Leseprobe

aus Friedhelm Hahn: Eine kurze Zeit lang
(ersten 12 Seiten)


Erster Teil

1

Es gibt im Leben eine Zeit, in der es sich verlangsamt, so als zögerte es voranzugehen. Es mag sein, dass einem in dieser Zeit leichter ein Unglück zustößt. Für mich war diese Zeit eine Zeit der Ruhe, eine Zeit, die ich mit meinem Vater verbrachte, der jetzt tot ist. Es war eine Zeit, an die man sich rückblickend eigentlich kaum erinnert. So zäh und gleichförmig waren die Tage, ohne dass sie in ihrer Schwere und Sattheit etwas Verstörendes hatten.
Meistens angelte ich, da ich sonst nichts zu tun hatte. Die Fische im See standen still wie die Zeit, und es schien, als ruhten sie ihr Leben lang im Wasser, eins mit dem mattglänzenden Kies. Ich erinnere mich an das Schwirren der Mücken, an das kurze Gefühl des Glücks, wenn ich mit meiner Angel einen der weißlichen Döbel aus der regenbraunen Brühe zog, schwächliche, dümmliche Döbel, deren schuppiges Fleisch kaum schmeckte, oder Rotaugen, die man mit Mehlwürmern fing, die ich in der Altstadt von Heidelberg kaufte. Ich erinnere mich an die wenigen gemeinsamen Abende auf der Terrasse, wenn mein Vater in seiner schweren Art dort saß, billigen Rotwein oder Whisky trank, und auf das Wasser starrte, das in der Dunkelheit nur als vage Silhouette zu sehen war. Er hörte dann Musik auf einem alten Dual–Plattenspieler, etwas, was man heute nicht mehr kennt, Jazz aus den fünfziger oder sechziger Jahren, Bob Brookmeyer oder Willi Nelson, und trank. Ich hatte mit dieser Musik nie etwas anfangen können.
Mein Leben war ein Stillstand, aber ich war eine ganze Zeit lang damit zufrieden. Ich war zufrieden, hier draußen zu sitzen und auf diese Fische zu starren, obwohl ich wusste, dass das nicht unbedingt normal war. Es war nicht normal, dass ich mein Leben in einer Einöde verbrachte und angelte, während meine Freunde sich irgendwo in der Welt umsahen oder Jura oder Wirtschaftswissenschaften studierten.
Der Winter veränderte einiges.
Es hatte Anfang November zu schneien begonnen. Ungewöhnlich früh für dieses Jahr. Und mit diesem Schnee veränderte sich unser Leben. Manchmal lag ich in meinem Zimmer und dachte an Frauen. An Mädchen, die in meinem Alter waren. Ich dachte an Mädchen, die ich flüchtig gesehen hatte, im Vorübergehen, und ich versuchte mich an ihr Aussehen zu erinnern. An ihren Gang, an ihre Brüste. Ich mochte das. Schlanke, endlos lange Beine. Das konnte mich verrückt machen.
Oder ich dachte an meine Mutter, die jetzt in Frankreich mit einem Musiker zusammenlebte. Mein Vater hatte mir einmal ein Bild von ihm gezeigt. Er sah jung aus und irgendwie intelligent. Jedenfalls war er zu jung für meine Mutter.
Irgendwann an einem dieser Sommerabende, die wir zusammen verbrachten, erhob mein Vater sich aus seinem alten Korbstuhl und legte eine Schallplatte auf. Das mochte ich an ihm. Die Art, wie er aufstand. Er hatte dann plötzlich etwas Entschlossenes in seinem Wesen. So als hätte er jetzt einen Gedanken gefasst und dies nach einer ganzen Ewigkeit hier draußen. Es war schon seltsam.
Und dann hörten wir zusammen diese Musik. Einen ruhigen Jazz mit gekonnten Saxophonsoli, die, so sagte mein Vater, an Guy Laffite erinnerten oder an Dexter Gordon. Alles Namen, die mir nichts sagten.
Wir lauschten schweigend der Musik, und es war klar, dass meine Mutter diesem Mann, diesem dunkelhäutigen Musiker, hatte folgen müssen.
Einmal, an einer sehr intensiven Stelle, sagte er: Das muss er sein!
Und ich wusste, was er meinte.
Weißt du, sagte er, das Leben ist seltsam. Einmal, das ist lange her, haben deine Mutter und ich gedacht, dass man das Leben planen kann. Auf die Ewigkeit hin. Auf den Erfolg und auf das Glück hin. Aber die Dinge kommen oft anders, als man denkt!
Er war kein großer Redner. Ich wunderte mich manchmal, wie er das schaffte, das Papier mit Worten zu füllen. Aber das Papier war geduldig. Geduldiger jedenfalls als die Menschen. Manchmal schrieb er ein paar Essays, ein paar philosophische Fingerübungen, Betrachtungen über die gesellschaftliche Situation Anfang der Neunziger, die dann in der Frankfurter Rundschau oder sonstwo gedruckt worden, ohne große Aufmerksamkeit zu erzielen.
Von heute aus betrachtet, konnten sie das auch nicht. Es war eine merkwürdig naive, unpolitische Zeit, geprägt vom Glauben, dass mit dem Fall der Mauer die Dinge geklärt seien, eine Zeit, die noch nichts von den Schrecken wusste, die noch folgen sollten.
Manchmal saß er den ganzen Tag über am Schreibtisch und tat nichts. Er saß nur da. Und vielleicht war es das, was meine Mutter ermüdet hatte. Dieses Warten auf eine Eingebung, auf einen Sinn.
Diese Musik jedenfalls war da. Und selbst das Knistern auf dieser Schallplatte störte nicht.
Er hatte die Platte 1976 gekauft. In Berlin. Damals hatte die Mauer noch gestanden. Ich stellte mir vor, wie das gewesen war. Damals. 1976. Damals war ich noch nicht da gewesen. Es hatte für mich noch keine Zeit gegeben. Zeit war nur in Bewegung messbar, dachte ich manchmal. Obwohl mir das verdammt einfach vorkam. So ein Satz. So ein Satz sagte alles und nichts.
Es war ein Tag Anfang Dezember, der mein Leben veränderte. Es war der Tag, an dem diese Frau mit den roten Haaren auftauchte.
Mein Vater und ich saßen in der kleinen Küche und lasen wieder einmal in diesen alten Wochenzeitungen. Irgendwann vor ein paar Tagen hatte er damit begonnen, die alten Zeitungspakete, die in einem der unbenutzten, feuchten Nebenräume lagen, auszupacken, um sie zu verbrennen. Sie waren mit einer alten Kordel zusammengebunden, und an manchen Stellen waren sie modrig und fleckig. Ein–, zweimal am Tag schleppten wir Holz in die Küche und fütterten den alten Ofen.
Draußen schneite es an diesem Dezembertag. Das Ganze hatte etwas von einem Abschied, fand ich. Von einem schleichenden, schmerzhaften Abschied.
Was sie jetzt wohl macht? fragte ich.
Vergiss sie, sagte er.
Ich kann sie nicht vergessen.
Sie wird in Amerika sein. Oder in Frankreich, in Paris. Ich weiß es nicht.
Er lächelte und zündete sich eine Zigarette an.
Ob es in Paris jetzt auch schneit?
Er nickte. Er schien sich das vorzustellen. Wie das jetzt war in Paris. Und wahrscheinlich beschloss er, dass es jetzt dort schneien sollte.
Ihr habt euch doch früher immer gut verstanden, sagte ich. Ich meine, ganz am Anfang.
Am Anfang versteht man sich immer, sagte er. Man redet dummes, aufgeregtes Zeug. Man plappert vor sich hin, und das alles nur, weil man verliebt ist. Ich hatte immer die dumme Idee, einmal einen Liebesroman zu schreiben, was immer das heißt, und ihn dann deiner Mutter zu schenken. Einfach so, verstehst du. Ich wollte ihn ihr bringen und sagen: Hier hast du ihn, den Roman!
Und? fragte ich. Was ist daraus geworden?
Nichts ist daraus geworden!
Er lächelte.
Wahrscheinlich kann ich keine Liebesromane schreiben!
Es hatte für einen Moment lang aufgehört zu schneien. Der See schälte sich aus dem grauen, milchigen Licht. Eine Gestalt mit einer Baseballkappe auf dem Kopf tauchte am unteren Ende des Grundstücks auf.
Das ist Fred, sagte ich.
Jetzt trägt man auch bei uns schon diese Kappen, sagte er. Irgendwie schien er mit den Gedanken weit weg zu sein.
Vielleicht in Paris, dachte ich. Vielleicht ist er in Paris und versucht sie zurück zu holen. Ich wusste nicht, ob das von irgendeiner Bedeutung für mein Leben war.
Fred war vorne am See stehen geblieben. Er tauchte manchmal hier auf. Er wohnte ein paar Häuser weiter. Ich mochte ihn nicht sonderlich. Aber auch das bedeutete nichts.
Ich hätte damals nicht mit dem Schreiben anfangen sollen. Vielleicht war das der Fehler, sagte mein Vater.
Ich antwortete nicht. Ich schwieg. Ich beobachtete mit zusammen–gekniffenen Augen, wie Fred sich langsam dem Haus näherte.
Fred war 15 oder 16 oder so, wirkte aber älter. Auf jeden Fall war er größer als ich.
Ist das dieser schreckliche Junge mit der Ratte?
Wir tun einfach so, als wären wir nicht zu Hause.
Ich wusste, dass mein Vater keine Ratten mochte. Wir hatten welche im alten Stall neben dem Wohnhaus. Das genügte!
Was hältst du vom Studium?
Dass er das jetzt fragte, in diesem Moment, überraschte mich. Wir hatten das Thema in den letzten Monaten sorgsam gemieden.
Soziologie, Politikwissenschaft oder was noch immer? Studiert man heute noch Politik?
Er hing irgendwelchen alten Vorstellungen nach.
Was soll ich davon halten? fragte ich. Nicht viel. Jedenfalls im Moment nicht.
Es klopfte an der Tür. Wahrscheinlich hatte Fred Langeweile oder sonst etwas. Hier draußen passierte so gut wie nichts. Und mit dem Bus brauchte man eine halbe Stunde in die Stadt. Vielleicht war ihm auch nur zu kalt. Oder seine Ratte hatte Hunger.
In meinen Händen hielt ich die verdammte Zeitung. Es war eine alte Ausgabe des Spiegel aus dem Jahr 1971. Ich fühlte, wie feucht und modrig das Papier war. Selbst zum Verbrennen konnte man diese Zeitungen nicht benutzen.
Ein Gesicht unter einer Baseballkappe tauchte an der Fenster–scheibe auf. Es war ein fremdes Gesicht, das bemerkte ich sofort.
Es war keine gute Idee, sagte mein Vater, dieses Haus auf dem Land zu kaufen. Seitdem ich hier bin, habe ich keinen vernünftigen Satz geschrieben.
Du solltest einen Liebesroman schreiben, sagte ich.
Er lächelte.
Wann wirst du gehen? fragte er dann, plötzlich ernst werdend, und ich sagte: Ich weiß es nicht! Bald!
Und indem ich das sagte, wurde mir klar, dass das so war. Dass es einen Abschied geben musste. Von all dem hier. Von meinem Vater. Von diesen Zeitungen. Und von meiner Jugend, an die ich mich kaum mehr erinnern konnte.
Es klopfte nochmals an der Tür. Diesmal war das Geräusch stärker, fordernder.
Sieh nach, was der Junge schon wieder will!
Das ist nicht Fred, sagte ich.
Ich erhob mich und legte die alte, modrige Zeitung auf den Küchentisch. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund.
Vielleicht hätten wir uns auch einen Hund anschaffen sollen, dachte ich. Dann wären wir nicht so allein gewesen, die ganze Zeit über.
Dann öffnete ich die Tür!

2

Es war seltsam. Obwohl mir klar war, dass das nicht Fred war, der dort stand, war ich doch überrascht, ihn nicht zu sehen. Es war kalt draußen. Der Schnee hatte sich bis zur Haustür vorgeschoben, und eine ganze Portion Kälte und Nässe drang in das Haus.Kommen Sie herein, sagte ich und schloss schnell die Tür hinter mir und der fremden Person.
Ich bin mit dem Wagen weiter vorne hängen geblieben!
Die Stimme war die einer Frau. Sehr warm und sehr nett war diese Stimme. Ich bemühte mich ruhig zu bleiben. Das war eine Frau. Das war überhaupt die erste Frau, die dieses alte, baufällige Haus betrat. Zumindest seit dem Augenblick, seitdem wir hier wohnten.
Sie lächelte, freundlich irgendwie und wohl auch ein wenig irritiert, aber sie sagte nichts. Wahrscheinlich wollte sie keine langen Erklärungen abgeben. Sie stand nur da und wartete auf das, was ich machte. Ich starrte sie nur an. Ich benahm mich wie ein Idiot. Wie ein kleiner, verrückter Idiot. Wie einer, der noch nie eine Frau gesehen hatte und der versuchte, sich vorzustellen, wie das mit ihrem Haar unter dieser verdammten Baseballmütze war. Meine Mutter hatte die Haare immer lang getragen. Aber die Haare meiner Mutter waren nicht rot gewesen.
Eigentlich wollte ich auch nur kurz telefonieren, wenn ich darf, sagte sie.
Es schien sie zu irritieren, dass ich sie so anstarrte.
Wir haben kein Telefon, sagte ich. Aber kommen Sie herein.
Ich öffnete die Tür zur Küche.
Mein Vater saß dort, wie er eben dort gesessen hatte. In seinen Händen hielt er noch immer die Zeitschrift und las. Es war eine alte Nummer des Stern. Aus dem Jahr 1981.
In diesem Augenblick sah er sehr alt aus, fand ich. Ich wusste nicht, ob dieser Eindruck mit der Frau zusammenhing, aber es bedeutete auch nichts. Jedenfalls dachte ich: Irgendwann wird er sterben und nichts wird von ihm übrig bleiben. Abgesehen von ein paar Büchern und Aufsätzen, die niemanden interessierten.
Und in diesem Augenblick wurde mir ebenfalls klar, dass es ein Fehler gewesen war, hierher zu ziehen. Man konnte nicht flüchten. Und vor den Menschen schon gar nicht. Es gab immer nur einen Abschied auf Raten. Selbst diese Zeitungen, die irgendjemand vor über zehn Jahren zurückgelassen hatte, zeigten das.
Mein Vater erhob sich ein wenig schwerfällig und legte die Zeitung auf den Küchentisch. Auf dem Titelblatt war irgendein Wirtschaftsheini abgebildet, den ich nicht kannte.
Er schien nicht sonderlich überrascht zu sein, dass plötzlich eine fremde Frau in seiner Küche stand. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Er lächelte.
Kommen Sie herein! Was halten Sie von einem Tee? Hank, stell das Wasser auf!
Ich bin auf dem Weg in die Stadt, sagte die Frau. Mein Wagen hängt fest. Vorne am See.
Hank macht einen guten Tee. Sie glauben nicht, wie oft wir so zusammensitzen und Tee trinken.
Er lächelte noch immer. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr so aufgeräumt gesehen. Es schien ihm zu gefallen, dass jemand da war. Und dass dieser Jemand eine Frau war.
Wie alt mochte sie sein? überlegte ich.
Ich ging zum Ofen und versuchte den alten Gasbrenner anzumachen. Ich hatte ja keine Ahnung. Verdammt, ich hatte ja überhaupt keine Ahnung. Ich hatte noch nie ein Mädchen geküsst, und irgendwie war es so, dass ich der Einzige in dieser blöden Klasse gewesen war, der keine Ahnung hatte.
Ich war derjenige, der es noch nie gemacht hatte. Jedenfalls sagten das die anderen. Und das Schlimmste war, dass sie Recht hatten.
Ich konzentrierte mich auf das Teekochen. Draußen schneite es schon wieder. Es war klar, dass das so weiter gehen würde die nächsten Monate lang.
Diese Frau da mit der Baseballkappe würde wohl nicht weiterfahren können. Das war auch klar. Und das nächste Telefon gab es ein paar Kilometer weiter. Das war ebenfalls klar.
Ich dachte, dass das schon seltsam war. Dass mein Vater Schrift–steller war, dass er Philosophie studiert hatte und ein Kenner der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts war. Und dass er jetzt zusammen mit seinem Sohn in diesem alten, abbruchreifen Haus auf dem Land hockte, Jazz hörte, alte, modrige Zeitungen las oder Tee trank. Und manchmal auch Whisky oder andere härtere Sachen.
Nehmen sie Zucker zum Tee? fragte ich.
Sie nickte. Ich wusste nicht, wer sie war und was sie wollte. Unter ihren Füßen hatte sich eine kleine Wasserlache gebildet. Sie hatte ihren blauen Mantel ausgezogen und achtlos über einen der Küchen–stühle geworfen.
Was machen sie hier draußen in dieser verlassenen Gegend?
fragte sie.
Nichts, antwortete mein Vater.
Ich stellte drei große weiße Tassen auf den Tisch. In diesem Moment fiel mir zum ersten Mal auf, dass diese Tassen recht schäbig aussahen. Ich sah, dass die Frau rot–lackierte Fingernägel hatte. Irgendein dunkles Rot, das irgendwie sexy aussah.
Ich meine, das stimmt nicht ganz, sagte mein Vater. Hank wird wohl irgendwann studieren.
Er erhob sich und suchte etwas am Küchenschrank. Dann kramte er eine Flasche Rum hervor. Die stammte aus Österreich. Meine Mutter hatte früher immer Rum im Tee getrunken.
Ich sah, wie er die Flasche auf den Tisch stellte.
Und sie, was machen sie?
Ich bin auf dem Weg in die Stadt.
Sie lächelte dabei.
Ich mochte dieses Lächeln. Es zeigte nicht eigentlich etwas an. Es war einfach nur da, so wie eine Geste manchmal da war und sich wiederholte.
Ich stellte die heiße Kanne mit dem Tee auf den Tisch.
Vorsicht, sagte ich. Dann setzte ich mich auf einen der Küchen–stühle. Der Tee dampfte und die kleinen Fensterscheiben der Küche liefen noch stärker an.
Wissen sie, sagte mein Vater, wir hier draußen sind froh, wenn wir Besuch bekommen. Und an solchen Tagen noch mehr.
Ich wollte eigentlich nur telefonieren. Eine Werkstatt anrufen. Oder sonst was. Ich habe keine Ahnung von Autos, sagte die Frau.
Die nächste Werkstatt ist in der Stadt. Möchten sie?
Er hielt die Flasche in der Hand. Die Frau nickte achtlos. Sie schien irgendetwas zu überlegen.
Er gab etwas Rum in die Tassen, dann nahm er die Teekanne und goss Tee in die Tassen. Er schien sehr ruhig zu sein.
Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen, sagte er. Wenn sie nichts dagegen haben. Die Geschichte erklärt vielleicht, warum ich hier draußen lebe. Vielleicht. Ich weiß es nicht.
Die Frau nahm einen Schluck Tee. Sie blickte meinen Vater ein wenig ratlos an. Ich fand, dass sie wirklich schön war. Oder zumindest attraktiv. Oder sexy – oder was noch immer. Sie war so in etwa die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte. Obwohl ich ihren Körper ja nicht sehen konnte. Ich fand, dass das Gesicht überhaupt das Wichtigste war. Und die Hände. Die Frau hatte schmale Hände. Das gefiel mir.
Einmal, vor Jahren, sagte mein Vater, damals habe ich noch nicht in diesem Haus gelebt und wahrscheinlich war auch Hank noch nicht da, habe ich einmal an einem Abend eine Frau im Wagen mitgenommen. Ich erinnere mich. Es war ein regnerischer Sommerabend. Sehr warm, manchmal sah man Fledermäuse. Sie glauben nicht, wie schön das sein kann an einem solchen Sommerabend. Selbst wenn es regnet.
Also, die Frau, die ich da mitnahm, ich weiß noch nicht einmal mehr, wohin sie wollte, fragte plötzlich: Was machen sie ? Ich meine, beruflich?
Und ich sagte, mehr aus Laune und einfach so: Ich bin Schriftsteller. Natürlich war ich nicht Schriftsteller. Jedenfalls in diesem Augenblick nicht. Ich hatte Philosophie studiert, eine ganze Ewigkeit lang, und keinen Gedanken an das Schreiben verschwendet. Jedenfalls, so kam ich zum Schreiben. Sie sagte: Ich möchte gerne etwas von ihnen lesen, und ich sagte: Gut, ich bringe es ihnen vorbei. Wann passt es ihnen? Morgen?
Mein Vater schwieg. Für einen Augenblick entstand eine seltsame Stille. Ich überlegte, was ihn wohl dazu gebracht hatte, diese Geschichte zu erzählen. Und ich überlegte, ob diese Geschichte so stimmte. Bei ihm wusste man nie.
Die Frau am Küchentisch lächelte.
Und? fragte sie. Haben sie etwas geschrieben?
Natürlich habe ich etwas geschrieben. Ich stand ja im Wort. Ich habe diese Geschichte, ihre eigene Geschichte mit mir nieder–geschrieben. Das war so in etwa der Anfang vom Ende. Im übrigen war ich damals mehr mit politischer Arbeit beschäftigt. Das war so Ende der Siebziger.
Ich nahm einen Schluck Tee. Der Rum brannte ein wenig im Mund. Es war ein ungewohnter Geschmack, aber die Wärme des Tees tat gut.
Ist ihnen kalt? Wir können ihnen eine Decke besorgen. Hank!
Es ist in Ordnung so, sagte die Frau.
Es fiel mir auf, dass sie sich noch nicht vorgestellt hatte. Und auch wir hatten uns noch nicht vorgestellt. Die Frau wusste nur, dass ich Hank hieß. Und ich dachte daran, wie das war, wenn irgendwelche Fremden meinen Namen hörten.
Hank ist doch ein amerikanischer Name, nicht wahr? Na und? Aber du bist doch kein Amerikaner, oder?
Mal drüber nachdenken, sagte ich dann meist. Mal drüber nach–denken!
Vielleicht war ich ja auch Amerikaner. Oder Franzose. Vielleicht lebte ich ja auch in Paris. Auch in Paris schneite es. Oder ich lebte in Amerika und nicht in diesem verdammt kalten Deutschland. In Neu–England zum Beispiel. Auch in Neu–England bissen die Forellen. Und Forellen ließen sich gut verkaufen.
Mal drüber nachdenken, dachte ich.
Ich blickte durch die merkwürdig beschlagenen Fenster auf den See hinab, der kaum mehr zu sehen war. Dann auf den Himmel mit seinen großen, dicken Schneewolken.
Die Forellen sind in Ordnung, dachte ich. Jedenfalls schmecken sie besser als diese schwächlichen, dämlichen Döbel. Ich spürte, dass ich noch immer Hunger hatte.
Mein Vater hatte sich inzwischen eine Zigarette angezündet. Es schien ihm Spaß zu machen, mit dieser fremden Frau am Küchentisch zu sitzen, Tee mit Rum zu trinken und seltsame Geschichten zu erzählen.
Überhaupt war er sehr gesprächig, fand ich. Jedenfalls gesprächiger als diesen ganzen verflixten Sommer lang.
Eigentlich dachten wir, dass sie dieser Junge sind, sagte er gerade. Wie heißt der noch, Hank?
Fred, sagte ich.
Dieser Junge treibt sich tagelang hier herum. Er hat eine Ratte bei sich.
Ich finde, jeder hat das bei sich, was er bei sich haben will, entgegnete die Frau.
Ihr Gesicht war ein wenig gerötet. Sie schien sich ebenfalls wohl zu fühlen. Sie saß nur da und sprach mit meinem Vater.
Wie ging diese Geschichte weiter? fragte sie dann.
Welche Geschichte meinen sie?
Also hören sie! Diese Geschichte mit der Frau und ihnen. Sie haben ihr doch nicht nur diese Blätter gebracht.
Nein, hab ich nicht. Sie war Musikerin. Glaub ich jedenfalls. In irgendeinem dieser Staatsorchester. Ich glaub kaum, dass wir so etwas in unserer Gegend überhaupt haben.
Na, sehen sie.
Keine Ahnung. Jedenfalls – sie war verdammt hübsch. Und noch jung, sehr jung. Jünger jedenfalls als sie heute. Ich hab ihr also diese Blätter gebracht. Eine Kurzgeschichte. Na ja, ich fand sie gut, diese Kurzgeschichte. Das Eigenartige war, dass ich diese Frau nicht unbedingt spannend fand, erregend. Das Eigenartige war diese Geschichte. Dass sie in diesem Moment, als wir uns kennen lernten, irgendetwas in Bewegung gebracht hatte. Eine Geschichte. Eine Liebesgeschichte, wenn sie so wollen. Das Eigenartige unserer Beziehung bestand darin, dass ich durch sie, ohne dass sie das wusste oder wollte, mit dem Schreiben angefangen hatte.
Er schwieg.
Ich kann manchmal die ganze Nacht wach bleiben und über diese Geschichte nachdenken, sagte er dann.
Klingt ziemlich interessant, sagte die Frau. Sie blickte mich an.
Ist dieser andere Junge ein Freund von dir?
Fred?
Ja, Fred!
Ich weiß nicht, ich glaub nicht, sagte ich.
Ich fand das albern. Dass ich das sagte. Wen um Gottes Willen interessierte das?
Ich kenn ihn nicht genauer, sagte ich dann. Manchmal denke ich, ein ganz übler Bursche ist das. Aber das denke ich nur manchmal!
Die Jungen sind so in diesem Alter, sagte mein Vater.
Und dass er das sagte, ärgerte mich.
Hank, was hältst du davon, wenn wir etwas zu essen machen? fragte er dann. Ich muss noch eine Flasche Wein unten im Keller haben.
Er erhob sich ein wenig schwerfällig. Sein Gesicht war vom Tee gerötet. Oder vom Rum. Oder von beiden.
Ich erhob mich ebenfalls. Er begann damit, den Tisch abzuräumen.
Waren sie glücklich, ich meine – damals? fragte die Frau. Sie blickte meinen Vater nicht an, als sie das fragte. Ich fragte mich, was das sollte. Dieses Frage–Antwortspiel.
Ich glaub, schon.
Ich ging vom Tisch weg und aus der Küche.
Es musste inzwischen später Nachmittag sein. Ich wusste es nicht genau. Ich hatte Probleme mit der Uhr, mit der Zeit. Es dunkelte bereits. Ich dachte darüber nach, was mein Vater eben gesagt hatte. Das mit dem Glück. Es war seltsam. Ich hatte mit ihm noch nie über das Glück gesprochen. Manchmal war mir, als gäbe es für uns dieses Wort nicht. Jedenfalls heute nicht mehr. Früher, als Kind, hatte ich meine Mutter manchmal gefragt: Bist du glücklich? Und sie hatte gelächelt und gesagt: Natürlich bin ich glücklich, denn ich habe ja dich.
Ich hatte auf einmal Lust hinauszugehen. Ich erinnerte mich an meine Lehrerin, die ich die letzten Jahre vor dem Abitur gehabt hatte. Es war eine nette Frau. Dünn war sie und in einer netten Art hässlich, sodass ich eigentlich nie das Gefühl gehabt hatte, dass sie glücklich sein konnte.
Tag Frau Schmidt, sagte ich meist.
Tag Hank, sagte sie.
Und dann fragte sie: Was macht das Angeln, Hank?
Und ich sagte: Hier in der Stadt macht das keinen Spaß. Vielleicht später, wenn wir aufs Land ziehen.
Ich sagte das so, als sei das etwas Wunderbares. Auf dem Land zu leben. Dabei war es wunderbar in Paris zu leben, in London oder Amsterdam.
Ich ging in den Flur. Ich warf meine alte, gefütterte Militärjacke über und ging hinaus. Es schneite noch immer. Der Hof war voller Schnee, und man konnte die Konturen des Weges nicht erkennen.
Verdammt gute Zeit für einen Ausflug mit dem Wagen, dachte ich.
Ich blickte auf das Haus. In der Küche brannte Licht. Dort saß mein Vater mit der fremden Frau. Ich ging weiter, quer über den Hof am alten Stall vorbei in Richtung des Sees. Irgendwann – früher – mussten das auch andere Leute gemacht haben. Burschen wie ich. Burschen, die ebenfalls raus wollten, die jung waren. Der Gegenwind machte mir zu schaffen. Er trieb mir die Schneeflocken ins Gesicht und in den Nacken.
Im Winter sterben die meisten Leute, dachte ich, als ich dem See zustrebte.
Ich wollte nach dem Auto dieser Frau sehen.
Die Straße in die Stadt verlief von ihrem Hof aus geradewegs den Hügel hinab. Es war eine seltsame Straße, merkwürdig geschwungen und eng an manchen Stellen. Der eine oder andere wird sich dort tot gefahren haben, sagte mein Vater manchmal. Ein verlorener Winterhimmel ist das, dachte ich. Und über das Glück dachte ich nach. Ich fand es seltsam, dass er nie mit mir darüber sprach. Da hatte er Philosophie studiert, viele Jahre in Paris und Berlin gelebt und sprach nicht darüber.
Vielleicht war es ja wirklich so, dass er nicht an das Glück glaubte. Ich wusste nicht genau, was das war: Glück.

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