Leseprobe
aus Peter Mohr: Die Kränkung. Roman (Auszug aus den ersten beiden Kapiteln)
DER TOD WIRD KOMMEN
UND DEINE AUGEN HABEN
Cesare Pavese
EINS
Der Haß verzehrt den Hasser, heißt es. Mich macht das Hassen fett. Ja, hast deutlich zugelegt. Wo du hinschaust, wo du hingreifst, Wülste, nichts als Wülste. Brust, Bauch, Oberschenkel, Wülste. Greif hinein in deine Wülste. Zu Fett geronnene Mutterliebe, hat sich angesammelt, die Mutterliebe, hat sich abgesetzt. Allein. Allein im Bett. Seit Tagen im Bett. Seit drei, vier Wochen, weiß es nicht mal genau, allein im Bett. Manchmal das Radio. Vorhin BERICHTE AUS DER WISSENSCHAFT. Eine halbe Stunde. In drei Milliarden Jahren wird es aus sein. Still wird es sein. Gibt in drei Milliarden Jahren keine Sonne mehr. Ist erkaltet, erstarrt, ein grauer geschrumpfter Stern. Es wird AUS sein. Still wird es sein. Keine Sommerhitze mehr, keine blitzenden Weizenfelder, Schnee im August. Kein goldenes Leuchten am Abend. AUS wird es sein, still wird es sein. Alles was Odem hat … Ein leises Murmeln noch, ein Brabbeln, ein Zirpen vielleicht, dann ist alles vorbei.
Du taumelst durchs Zimmer, du weißt nicht wohin, du stützt dich gegen die Wand, stehst da, stehst lange so da und keuchst.
Wie einsam du dich auf einmal fühlst, wie einsam, denkst du an die verlöschende Sonne. Also gehst du tappend wieder zum Bett, legst dich unter die dicke weiße Decke, was könntest du auch tun?
Du liegst im Bett, jetzt ist das Radio aus. Der liebe Gott tut nichts angesichts der verlöschenden Sonne. Ist nur ein kleines Männchen, sitzt auf dem Klappstuhl, hält die kurze Pfeife in der Hand, tut nichts, der liebe Gott, er friert ja nicht.
Horch, der Vater hustet in der Küche. Keine Post von Linda. Seit Wochen nichts von Linda. Ohne Linda bist du allein. Ohne Linda bist du nichts.
Du wartest, du wartest, bis es nichts mehr zu warten gibt. Im Bett liegen und warten. Horchen, immerfort horchen.
Hörst draußen die Kinder schreien, die spielenden Siedlungskinder. Bergarbeitersiedlung August BEBEL. Der Vater hat es an der Lunge. Die Mutter kocht. Kocht dauernd dicke Klöße. Hefeklöße kocht sie, Kartoffelklöße. Semmelknödel auch. Manchmal Zwetschgenknödel. Es gibt TUNKEN dazu. Schwere braune mehlige Tunken. Die Mutter kocht die schweren Tunken für dich. Dafür haßt du sie, ja, du haßt die eigene Mutter. Weil du es bist, der die schweren Tunken reinfrißt in sich. Um nicht allein zu sein. Aber du bist allein. Auch wenn du draußen die Kinder schreien hörst. Auch wenn du hörst, wie der Vater in der Küche hustet. Horch, er hustet in sein Taschentuch rein, sein Husten klingt gedämpft. Jetzt schaut er nach, ob Blut drin ist im Taschentuch. Mit gerunzelter Stirn, mit trüben Augen sieht er ins Taschentuch rein, ja, du kannst ihn sehen!
Er hat es mit der Lunge, da ist nichts zu machen. Hängen ihm böse Zwerge, graue Knappen drin im Lungengeäst. Dreißig Jahre UNTER TAGE, dann die Rente, jetzt schlurft er müd herum im Siedlungshäuschen. Alle sind allein, denke ich und kichere, sind alle allein, und die Sonne wird verlöschen. Du liegst im Bett, atmest flach unter der Decke, liegst verkrümmt da und wartest, keine Post von Linda.
Gibt auch immer Nachtisch. Nach den Knödeln der Nachtisch. Schokoladenpudding mit Vanillesoße. Und umgekehrt. Die Sonne scheint auf den Tisch, oder sie scheint nicht.
Früher, ist schon länger her, da hast du mit den Eltern in der Küche gegessen, hast den Vater angeschaut. Der Vater stößt den Puddinglöffel in sich rein, schluckt hart, sein Kehlkopf ruckt, er hustet, er spuckt. Spuckt Puddingfetzen in die Küche rein. Ich ducke mich voll Hass und Ekel. Die Mutter sitzt aufrecht da, hebt die Brauen und schüttelt den Kopf. Der Vater löffelt mit bedrücktem Gesicht, er schwitzt. Ruckt grauköpfig wie ein alter Täuberich. Ich stehe auf, mir reicht’s.
Seit Wochen liege ich im Bett, betaste meinen Körper, setze mich nicht mehr zu den Eltern an den Küchentisch. Schau dem Vater nicht mehr beim Rucken, beim Spucken zu. KOMM HERR JESUS … Es gibt keinen Grund mehr aufzustehen. Höchstens, wenn ich pinkeln muß. Meine Notdurft verrichten, so sagt man doch?
Ich liege im Bett und schau herum, horche auf das Radio, DES KNABEN WUNDERHORN … Esse Pudding, rauche. Schlage die Decke zurück, sehe mir meine Haut an. Bald bist du dreißig … Die Haut ist gelblichweiß, sieht aus wie gequirlt. Oder wie Milch kurz vorm Überlaufen. Die Sonne scheint ins Zimmer rein.
Die alte Sonne, ist noch nichts zu sehn vom Verlöschen, hat ja auch noch Zeit. Ich schlage die Decke ganz zurück, sehe mir meinen Körper an. Meinen Leib schaue ich mir an. Kolossal, denke ich. Spreche das Wort KOLOSSAL halblaut ins Zimmer rein.
Es ist viel zu warm. Ende Mai und viel zu warm. Die Zeitung habe ich schon gelesen. Nichts über den Fall LANGEMANN. Jetzt also warte ich. Worauf wartest du denn? Daß sie dich holen kommen? Werden dich nicht holen kommen … habe ja meine Handschuhe angehabt. Habe auch noch alle Knöpfe an der Jacke, an der Hose, habe auch noch mein Feuerzeug. Sie werden nichts am TATORT finden, gibt keinen Hinweis auf mich.
Schau, dein Schwanz da unten … halbsteif, ist schon recht. Laß es sein. Keine Post von Linda. Linda schreibt dir nicht mehr, ruft auch nicht an. Liegt sie auch im Bett? Oder nein, ist schon aufgestanden, sitzt über ihrer Diplomarbeit in Psychologie, lernt irgendwas vom Übergangsobjekt. DAS Übergangsobjekt nach Winnicott. Ist schon länger her, da habe ich sie abgehört. Egal. Denke ich. Bald bist du dreißig. Im August. Da, jetzt wird er steif da unten, ragt ins durchsonnte Zimmer rein. Wenn nur Mutter jetzt nicht reinkommt. Ist bald Kaffeezeit. Zum Kaffee gibt es Krapfen. Die bröselst du dir ins Bett rein, bröselst sie dir auf die weiße gequirlte Brust.
Horch, wie der Vater hustet. Ein Hustenanfall. Er schaut ins Taschentuch rein, zeigt es Mutter, ich kann alles hören, alles sehen. Kenne schon alles, und was Neues gibt es nicht.
Warten bis sie dich holen kommen. Jetzt ist er wieder halbsteif, ist zurückgesackt da unten, schau! Halbsteif ist nichts, denke ich, und meine Hand gleitet runter wie von selbst. Ich fange an zu reiben, ich besorg es mir. Denke an Lindas Brüste, die ich nie gesehen habe. Doch, einmal, am Volkstrauertag, habe ich sie gesehen. Als ich ihr das Hemd zerriß. Als ich’s nicht mehr ausgehalten habe. Meistens aber unterm Pulli, unterm Shirt. Sind groß und rund, hängen ein bißchen, so will’s mir scheinen, ich seh die Knospen, sind kurz vorm Aufspringen. Ich reibe den Schwanz, ich krümme mich zusammen, ich reibe, sehe Lindas Brüste unterm Pulli, unterm Hemd, denke an ihren feuchten Mund, an ihre grünen, tiefen Augen, die du nie vergißt. Jetzt kommt es mir, ich stöhne, schreie, stöhne schreie ihren Namen, mein Bauch ist naß. Draußen ruft ein Kind, ruft lauter, schreit, schreit wie in höchster Angst, schreit hoch und gellend, bricht plötzlich ab. Wie still es plötzlich ist. Draußen spannt sich arrogant der Himmel, die Sonne ist rausgeglitten aus dem Fensterviereck, nur noch der Himmel als harte blaue Wand. Und was ist mit dem schreienden Kind? Was ist geschehen draußen? Aufstehn kannst du nicht. Ich verreib beklommen das Geschmier auf dem Bauch, lege die Decke drüber, gnädig lege ich die Decke über meine SCHAM, so heißt es doch?
Ich höre Schritte auf dem Gang draußen, Mutter kommt heranpantoffelt, hat diese alten, sehr alten schlappenden Latschen an, ja, so klingt nur der Mutterschritt. Sie klopft leise, klopft zaghaft, ich mache die Augen zu. Mutter kommt rein, KOMMT HER, sie beugt sich über mich, ich spüre ihren warmen Atem, ich höre ihr Zischeln. Schläft schon wieder, zischelt sie. Ja, mein Junge, schlaf nur! … horch … ihr Zischeln. Sie geht durchs Zimmer, ich mach die Augen halb auf, sie hat einen Staublappen in der Hand, fährt damit über die Regale, staubt meinen Gummibaum ab. Jetzt bückt sie sich, hebt etwas auf vom Teppich, einen Flusen vielleicht, Mutter ist genau, ist gründlich. Ich sehe sie an, ich sehe HIN durch meine Augenschlitze. Sie bückt sich lang, bückt sich ausgiebig. Ich sehe ihren runden Rücken, ihren breiten Hintern, er drückt sich durch den Kittel durch. Ich fasse fest mein Glied an, ist schon wieder halbsteif. Halbsteif ist nichts, denke ich, fange an zu reiben. NEIN …nein, denke ich … ist doch deine MUTTER, dein eigen Fleisch und Blut ….Andererseits, denke ich, hat sich Mutter gut gehalten, ist noch keine fünfzig Jahre alt, ihre Figur ist straff, von hinten sieht sie wie ein Mädchen aus. Jetzt klingelt im Flur das Telefon, Mutter läuft raus, den Lappen in der Hand, hebt ab, spricht, lacht kurz. Ist es Linda, ist es endlich Linda? Aber Mutter hat schon wieder aufgelegt, ruft mich nicht, geht in die Küche, redet auf den Vater ein, den Vater hörst du nicht. Draußen der Himmel, zwei Vögel zucken auf vorm Fenster, Schwalben? Bald bist du dreißig, und keiner findet dich.
Liegst bei deinen Eltern im Bett, kannst nicht aufstehen, willst es nicht. Drehst dich zur Wand und spürst, du bist rot geworden, rot vor Scham.
Es klopft. Mutter kommt rein mit dem Tablett, Kaffee gibt’s und Krapfen. Leise, zaghaft, fragt die Mutter, nun, mein Junge, wann gehst du denn zum Arbeitsamt? Sie will scheint’s keine Antwort, gleich geht sie wieder raus.
ZWEI
Gestern ist Stöcker gekommen. Hab ihn gleich erkannt, hab ihn an seinem Klingeln an der Haustür erkannt, und vorher an seinem harten Hinkeschritt vorm Fenster. Hat geschellt, kurz und heftig geradeso, wie er selber ist. Und keinen Augenblick lang habe ich gedacht, daß sie mich jetzt holen kommen. Stand von der LANGEMANN nichts mehr in der Zeitung, die letzten drei Wochen nichts.
Ich habe Mutter gehört, wie sie übern Flur pantoffelte, um zu öffnen. Tag, Frau Grünberg, hat der Stöcker gesagt, hat sich schadenfroh geräuspert. Ich heiße Stöcker, ich komme vom AMT. Hab da ein Schreiben für Ihren Sohn Christoph. Und dann ist er der Mutter übern Flur gefolgt, seine genagelten Schuhe haben hart und unregelmäßig geklopft. Hat einen Hinkeschritt, hat keinen Nazischritt, der Stöcker, habe ich im Bett gedacht, obwohl er doch ein Nazi ist. Eindeutig ist der Stöcker ein Nazi, habe ich immer gedacht, ein alter Nazi, ein neuer Nazi, der Stöcker. Mutter hat an meine Tür geklopft, eine Spur lauter als sonst. Hat mich gerufen, hat CHRISTOPH gerufen, zweimal, dreimal, ist dann von der Tür weggegangen, schläft wohl noch, hat sie zum Stöcker gesagt, fern hat der Vater gehustet. Schläft noch? hat der Stöcker gefragt, Entsetzen in der Stimme. Dann unterschreiben Sie bitte für Ihren Sohn, hier auf diesem BEHÄNDIGUNGSSCHEIN. Das AMT hat ja lange Geduld gehabt mit Ihrem Sohn, Frau Grünberg, lange, lange Geduld, hat der Stöcker gesagt, hat sich hart geräuspert, ist dann leise pfeifend gegangen. Ich habe sein leises Pfeifen vom Bett aus deutlich gehört, die CAPRIFISCHER, glaub ich, habe die CAPRIFISCHER immer noch im Ohr, sie drehn sich im Kopf, werfen ihre Netze aus. Nachher hat Mutter das Schreiben auf meine Bettdecke gelegt, ist huschend wieder raus zur Tür.
HERRN CHRISTOPH GRÜNBERG … GEGEN BEHÄNDIGUNGSSCHEIN … FRISTLOSE KÜNDIGUNG … lese ich, auf den Arm gestützt …WEGEN BEHARRLICHER ARBEITSVERWEIGERUNG … Ich habe gelesen, ich bin müde gewesen, ich lag im Bett und las, dünn hat das Papier geknittert. Habe plötzlich lachen müssen, konnte nicht aufhören damit, eine grundlose verstiegene Heiterkeit hatte mich gepackt … BEHARRLICHER ARBEITSVERWEIGERUNG, immer wieder habe ich das Wort BEHARRLICHER ARBEITSVERWEIGERUNG kichernd in das Bettlaken hinein sprechen müssen, konnte einfach nicht aufhören damit. Jetzt ist es geschafft, ich gehe nicht mehr zum AMT, ich bleibe im Bett.
Ich KÖNNTE ja aufstehen, ich WILL aber nicht. Also KANN ich es nicht, ich KANN nicht, weil ich nicht WILL.
Geh nicht mehr zum AMT, sehe den Stöcker nicht mehr, den Schmitz nicht, den Sosnowski nicht, die Wiegand nicht. Den Abteilungsleiter Nöll sehe ich nicht mehr, nie mehr hält er mir seine trockene Hand hin zum Morgengruß. Lasse alles im Stich. Schmitz wird jetzt mit Sosnowski losziehen, nicht mehr mit mir.
Lasse alles im Stich, lasse meine Obdachlosen im Stich. Ich könnte auch sagen, ich lasse alles hinter mir, ich breche alle Brücken ab. Liege im Bett, starre in den harten wolkenlosen Himmel. Denke über GOTT nach. Du ißt Knödel mit dicker Tunke, du onanierst dreimal am Tag, du denkst an die LANGEMANN und an ihre toten Augen, an ihr rausgerutschtes Gebiß, du denkst darüber nach, wann sie dich holen kommen, du denkst an das AMT, an deine Kollegen, an die Obdachlosen, vor allem denkst du an Linda.
Wenn nichts mehr übrigbleibt, woran du denken könntest, dann denkst du an IHN, ja, du denkst an GOTT. Wenn es IHN gäbe, denkst du, dann dürfte es dich nicht geben. Dann würde die LANGEMANN noch leben, würde ihren roten Wein noch trinken. Dann fehlte jetzt kein Sachbearbeiter beim AMT, Abteilung Obdachlosenwesen. Wie sieht ER denn aus? Wie könnte er aussehen?
Ich weiß es längst. Ist nur ein vertrocknetes Männchen, sitzt auf seinem Klappstuhl, pafft seine kurze Pfeife. Pafft die kurze Pfeife und läßt die Sonne verlöschen. Läßt sich Zeit damit, drei Milliarden Jahre läßt ER sich Zeit damit. Verdammt kalt wird es sein. Vor lauter Kälte wird es nichts mehr geben.
Mühsam stehe ich auf. Wird es GOTT denn dann noch geben mit seiner kurzen Pfeife? Ich trete beklommen ans Fenster, hast Du Angst vor den spielenden Kindern draußen? Die Kinder rutschen die Rutschbahn runter, andere klettern in den metallenen Klettergeräten herum, die Kleinsten spielen im Sand. Die Kinder verhalten sich KINDGERECHT, denke ich, verhalten sich vorschriftsmäßig.
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