Leseprobe

aus Henry Kiss: Der Mann im Laufstall


Plötzlich Licht!

„… Kramer … Herr Kramer …“
Die fremde Stimme klang drängend. Obwohl die Augen Kramers nun weit aufgerissen waren, dauerte es doch einen Moment, ehe er etwas erkennen konnte; den Kopf eines Arztes, allerdings weitgehend getarnt durch eine Brille, chirurgengrüne Kappe und einen leicht herabgerutschten Mundschutz. Kramers Gesichtsfeld wurde von dem Kopf zur Gänze eingenommen. Der Arzt schien unsicher zu sein. Kramers Mund war trocken und wies eine Reihe innerer Druckstellen auf, vermutlich hatte vorher dort ein Beatmungsschlauch gesteckt. Kramer versuchte sich aufzusetzen, wurde aber heftig nach unten gedrückt.
Er krächzte protestierend.
Der Arzt schien nun beruhigt zu sein und ging davon.
„Er ist in Ordnung“, hörte ihn Kramer halblaut sagen.
Das Licht machte ihm Kopfweh. Verschiedene Leute liefen umher, manche in Weiß, manche in Grün. Kramers Perspektivik wegen hatten sie alle keine Köpfe. Formloses Gemurmel.
Erst jetzt bemerkte Kramer, dass sein Schädel, dessen oberes Drittel vielmehr, fest in etwas eingebunden war. Als Nächstes fiel ihm auf, dass die Wände grüne Kacheln hatten, es glänzende metallische Geräte gab, doch wirkte alles wie verbraucht, unzuverlässig gar, als ob man hier im Grunde gar nicht operieren dürfe.
Ein Türke grinste Kramer an.
„Geht’s gut ?“
Ein zweiter Mann erschien, jung, ein Deutscher, Bürstenschnitt. Der Türke gab ein Zeichen und zugleich hoben die beiden Kramer auf ein Bett.
„Kommst jetzt auf Zimmer, Kollege, wird alles wieder gut“, erklärte der Türke.
Das Bett wurde in Bewegung gesetzt. Kramer blinzelte heftig, um den helligkeitsbedingten Kopfschmerz einzudämmen. Zwischen Brust und Magen fühlte er sich flau – vermutlich Folgen der Betäubung. Oder Hunger? Nein, das ganz gewiss nicht.

Eine Doppeltür wurde passiert. Kramer drehte leicht den Kopf. OP 9 stand auf der Tür. In rascher Fahrt wurde ein Korridor durchmessen, im Anschluss das Bett in einen Aufzug gerollt, dessen Wände wie reines Edelstahl waren. Der Türke, vielleicht vierzigjährig, hielt dem deutschen Pfleger herablassend die Hand entgegen.
„Kannst doch wohin stecken zur Zeit, besteht doch bloß aus Thiele, deine Truppe …“
„Mann, du hast doch keine Ahnung.“
„Achtung !“
Der Aufzug hatte angehalten. Es wurde noch ein Bett hereingerollt, diesmal von zwei Schwestern. Der Junge blickte schamvoll in irgendeine Richtung, während der Türke die Kolleginnen unbefangen ansah. Beide Schwestern trugen Häubchen, die eine war verblüht und blond, die zweite ein lustiges Pummelchen, das seinerseits den Jungen maß. Es herrschte Schweigen. Der Aufzug fuhr weiter. Das andere Bett enthielt einen Alten mit zerzaustem Geierkopf, der dringend eine Haarwäsche gebraucht hätte. Kramer hielt die Luft an, Sekunden später rollten die Pfleger ihn hinaus.
„Die werden noch enden wie Rot–Weiß“, nahm nun der Türke den Faden wieder auf.
„Blödsinn!“, gab der Junge zurück.
Kramer hatte keinerlei Begriff, wovon die beiden sprachen.

Das Zimmer lag hellgrau und halbdunkel um ihn. Vor dem Bett hatte sich eine Krankenschwester aufgebaut, deren Boxerkinn und massiv knochiges breites Gesicht stark an die Art Frau gemahnten, die man beim Deutschen Fernsehen schätzte.
„ … dürfen bis morgen auf keinen Fall aufstehen, und wenn Sie mal müssen, rufen Sie mich“, sagte die Schwester und deutete herrisch in Richtung der Plastikleiste, die über dem Kopfende des Betts angebracht war.
„Ja“, murmelte Kramer.
Der Gedanke, beim Drang nach Erleichterung auf diese Frau angewiesen zu sein, war ihm äußerst unangenehm.
„Sie dürfen sich auch kein TV–Gerät bestellen, das ist vorerst ausgeschlossen.“
„Verstehe. Kein TV–Gerät.“
„Gut.“
Die Schwester machte Anstalten, zu gehen.
„Äh, eine Frage noch.“
„Ja, was ist denn?“
„Um welche Zeit fängt hier die Nachtschicht an?“
Die Schwester zog die Augenbrauen hoch, merkte aber nichts.
„Um zehn.“
Fast lautlos zog sie die Türe hinter sich zu. Kramer war allein im Zimmer. Die übrigen zwei Betten waren nicht belegt. Gierig griff er nach dem winzigen Wegwerfbecher, in welchem die Schwester ihm Wasser brachte. Außerdem gab es noch kalten Hagebuttentee, der viel zu stark gesüßt war. Über der Türe tickte raspelnd eine alte weiße Uhr. Irgendwann schlief Kramer ein. Er träumte von einer Fahrt mit einer Gruppe grimmiger Männer. Der Wagen kam durch eine Gegend futuristischer Industrieanlagen, offenbar selbststeuernde LKWs waren der meiste sonstige Verkehr.
Ehe Kramer im Traum herausfinden konnte, ob er auch zu der Gruppe gehörte, wurden die Bilder unterbrochen. Die Tür des Zimmers knallte, und einen Moment lang hatte Kramer das Gefühl, sich dieses Lärms wegen schwer übergeben zu müssen, doch konnte er sich eben noch zusammenreißen. Ein neuerlicher Stoß von Übelkeit ergab sich über den Gleichgewichtssinn, als der ins Zimmer gekommene Arzt sich wie ein Stein auf Kramers Bettkante sacken ließ und die schwere Matratze wie ein Trampolin zurückboppte. Mit einem Taschenlampenstift strahlte er in Kramers Augen. War es der Arzt aus OP 9? Kramer konnte es nicht sagen. Der Mann war gleichfalls Brillenträger, ja, doch das Gesicht konnte auch leicht ein anderes gewesen sein.
Der Arzt steckte den Stift wieder zurück und schaltete die Leselampe an. Grübelnd schaute er auf Kramer.
„An was von heute Vormittag erinnern Sie sich noch?“
Kramer überlegte. Eine Reihe vager Bildfetzen erschien.
„Ich, äh, bin auf einer Behörde gewesen, es war wohl … war wohl ziemlich unangenehm.“
„Und dann?“
„Ich weiß nicht mehr.“
„Und vorher?“
Kramer sah das Bild eines Tisches.
„Kaffee getrunken. Danach muss ich gleich losgegangen sein.“
„Aha.“
Der Arzt legte tröstend die Linke ziemlich weit oben auf Kramers linken Oberschenkel. Erst jetzt fiel Kramer auf, dass der Mann sehr korpulent war, ein wenig ging von ihm der Eindruck eines depressiven Bernhardiners aus.
„Nun“, sagte der Arzt, „Sie sind auf der Beuthstraße in einen Verkehrsunfall verwickelt worden. Ein Auto und der Lieferwagen einer Glaserei stießen zusammen, Sie müssen da hineingelaufen sein, dann wurden Sie an eine Wand geschleudert, aus Ihrem Kopf hat bei der Einlieferung hier ein fingerlanger Glassplitter gestanden, steckte im Schädelknochen fest …“
„Gehirnverletzung ?“
Kramer war in Panik.
„Nein. Ich sagte schon: Steckte im Schädelknochen fest, allerdings wirklich ziemlich fest. Wir mussten beim Entfernen äußerst vorsichtig hantieren. Das Gehirn ist nicht verletzt.“
„Und wozu dann diese Frage, woran ich mich erinnern kann ?“
„Nur die Gehirnerschütterung. Geht manchmal mit Verwirrung einher.“
Kramer nickte langsam.
„Das legt sich aber wieder“, beruhigte ihn der Arzt.
„Wann werd ich wieder aufstehen können?“
„Morgen oder übermorgen. Wenn Ihnen nicht mehr übel ist.“
Der Arzt erhob sich und ging eilig aus dem Zimmer. Kramer schlief sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen fühlte sich Kramer fast normal. Von der Schwester mit dem Boxerkinn geleitet konnte er ohne große Mühe in ein Behandlungszimmer gehen, wo ein anderer, wesentlich jüngerer Arzt ihm den Verband abnahm und die genähte Wunde überprüfte. Ein Röntgenbild, auf weißes Licht gehängt, zeigte den Schädelabschnitt oberhalb Kramers rechtem Ohr. Wie eine Antenne ragte der Glassplitter heraus.
„Ist Ihnen schlecht?“
Kramer zuckte mit den Achseln.
„Das Licht ist etwas grell.“
„Das ist normal in Ihrem Zustand. Haben Sie etwas zu sich genommen?“
„Ja, ich hab gefrühstückt. Käse, Marmelade, Brot und Wurst.“
„Schön, Herr Kramer, das klingt gut. Übelkeit beim Laufen?“
„Eigentlich keine, nur ziemlich weiche Knie.“
Der junge Arzt, dessen frappante Ähnlichkeit mit Robert Redford Kramer jetzt erst auffiel, trug ein paar Zeilen in die Krankenakte ein.
„Wir möchten“, brummte der Arzt während des Schreibens, „Sie zur Beobachtung noch zwei, drei Tage hier behalten, Sie dürfen aber heute schon ein Viertelstündchen laufen, vorsichtshalber aber nur auf Ihrem Stockwerk.“
„Gut“, gluckste Kramer erleichtert, welcher die unbehaglichen Hantierungen, wie sie während der Nachtschicht mit einer Bettpfanne hatten vorgenommen werden müssen, mit dieser Erlaubnis hinter sich wusste. Er ging allein zurück aufs Zimmer und hatte dabei plötzlich das Gefühl, ihm fehlte etwas Wichtiges, doch was dies war, fiel ihm nicht ein.
Leicht beunruhigt legte er sich wieder hin.

Zum Mittagessen wurden in einer Plastikschale platt gedrückter Reis sowie ein Gulasch angebracht, welches in Ungarn wohl einen Volksaufstand verursacht hätte. Ungeachtet dessen aß Kramer mit dem größten Appetit. Der Deutsche nahm ja alles hin …
Die kleine Uhr über der Türe zeigte zehn nach drei, als zwei Polizisten kamen, die eine Mappe bei sich trugen. Sie zogen Stühle an das Bett und legten ihre Mützen auf die Decke.
„Können Sie sprechen?“, fragte der Ältere und musterte beiläufig Kramers Verband.
„Ja, schon“, sagte Kramer und setzte sich auf.
„Der Fahrer des PKW ist heute verstorben“, erläuterte der jüngere Beamte, ein sommersprossiger ländlicher Typ mit über die Ohren reichendem sehr dünnem braunem Haar.
Er roch, als habe er kurz vor dem Eintreten Karottensaft getrunken. Der ältere Beamte schien kurz vor der Pensionierung zu stehen und wirkte wenig interessiert. Vermutlich erlebte er eine solche Visite mindestens zum tausendsten Mal.
„Tja“, lächelte der Alte traurig, „was können Sie denn zum Hergang dieses Unfalls sagen?“
„Zuerst war ich auf einem Amt … war kompliziert. Im Anschluss lief ich lange rum – ich mach das immer so nach Amtsterminen, damit ich wieder ruhiger werde – und bin auf diese Weise in die Beuthstraße gekommen.“
Der Jüngere hob leicht die Hand.
„Sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir mal Licht anmachen, ist düster hier …“
„Nein, gar nichts.“
Der Jüngere schritt an die Tür und knipste das Deckenlicht an.
Kramer machte es nichts aus. Schon vorher, auf dem Korridor und bei dem Arzt hatte die Helligkeit nichts ausgemacht. Der Beamte nahm wieder Platz.
„Und in der Beuthstraße ?“
„Keine Ahnung. Ich weiß nichts mehr davon.“
Der ältere Beamte öffnete die Mappe und legte Photos auf das Bett. Kramer sah einen Glaser–Lieferwagen, dessen Vorderseite weit in einen Kleinwagen gequetscht war, Splitter aller Größen sprenkelten die Straße.„Ein Werkzeugkasten hat sich beim Aufprall selbständig gemacht, flog von der Pritsche und hat Sie dann an diese Wand geschleudert …“
Kramer wurden Bilder des mit Blut bespritzten Mauerstücks gezeigt, an das der Werkzeugkasten ihn befördert hatte. Auf einem Photo aus anderer Perspektive waren auf dem Bürgersteig umherliegendes Werkzeug und der Werkzeugkasten selbst zu sehen, ein klobiges hölzernes Teil. Kramer fragte sich, ob er noch leben würde, wenn der Kasten aus Metall gewesen wäre.
Ein wenig kehrte die Erinnerung zurück, auf eine Weise allerdings, als hätte Kramer die Ereignisse in einer Aufzeichnung gesehen, ein Hauch des Fiebrigen und Unechten lag über allem.
„Ich glaub, ich weiß jetzt wieder. Es war mir so, als wär ich plötzlich ohne Übergang vor Ort gewesen, und … Dieser Lieferwagen kam aus einer Einfahrt, ziemlich schnell, mit Fenstern unten, die haben laut Musik gehört … und dann war’s schon passiert. Den andern Wagen hab ich gar nicht zu Gesicht bekommen, ich sah das mehr von hinten seitlich, ähm, bezogen auf den Lieferwagen.“
Der ältere Beamte beugte sich vor.
„Die haben laut Musik gehört?“
„Irgendwas Altes, Rock ‘n‘ Roll oder so.“
Der Sommersprossige machte eine Notiz.
„Und dann?“, fragte der Alte.
„Wie ein greller Blitz, die Szene hörte plötzlich auf, und als Nächstes war ich hier.“
Die beiden Besucher erhoben sich.
„Merken Sie sich alles gut. Sie werden bestimmt noch vor Gericht aussagen müssen.“
„Sicher.. .“
Die Mützen wurden vom Bett genommen.
Der Jüngere winkte ironisch.
„Gute Besserung auch noch.“
„Danke, kann ich brauchen. Wiedersehn.“

Die Polizisten waren kaum gegangen, als eine Frau, etwas unter Mittelgröße, mit langem schwarzen Haar und Korkenzieherlocken, aber keine Krankenschwester, ins Zimmer hastete und ohne jede Ansprache sofort die Vorhänge aufriss.
Kramer brauchte mehrere Sekunden, bis er schließlich realisierte, dass diese Frau seine eigene war. Die Frau huschte zum Kleiderschrank, um dessen Inhalt durchzugehen. Im Schrank befanden sich Kramers Uhr, seine Schuhe und eine Tasche mit Papieren, die er beim Unfall mit sich führte. Seine Börse hatten die Schwestern in Verwahrung. Im Anschluss an die Schrankkontrolle trat Sandra näher und lief mit vorwurfsvoller Miene längs des Bettes auf und ab.
„Du fehlst mir vorn und hinten, ich langweil mich und zu Haus bleibt alles liegen.“
Kramer war verwundert. Solch ein Theater nach bloß einem Tag? Und was war damit gemeint, dass zu Hause alles liegen blieb? Der Unfall und Kramers Verletzung schienen im Bewusstsein der Frau bislang noch nicht angekommen zu sein.
„Du hättest ja, statt dich zu langweilen, zu Hause selbst was machen können.“
„Zum Schimpfen geht’s dir gut genug.“
Kramer war in einer Lage wie sonst meist Frauen in Beziehungen. Tagsüber nahm der Beruf ihn in Anspruch, und nebenher hielt er auch noch den Haushalt am Laufen. Weder konnte Sandra einkaufen gehen noch kochen, spülen, Fenster putzen oder putzen allgemein. Ohne Pflichten aufgewachsen war sie als Oberschülerin unerwartet zur Waise geworden und hatte eine bedeutende Summe Geldes sowie verschiedene Wohnungen, meist in der Innenstadt, geerbt, wobei sie, da schon volljährig, gleich über alles frei verfügen durfte.
Augenblicklich war sie vormittags von acht bis elf Uhr dreißig als Helferin bei einem Heilpraktiker namens Walter Connes tätig, den restlichen Tag über wurde geshoppt oder mit Britta telefoniert, die Anfang vierzig war und noch bei ihren Eltern wohnte (zusammen mit den rasch wechselnden Freunden, da es mit Britta keiner lange aushielt).
Während Kramer sich die Gesamtlage vergegenwärtigte, hatte Sandra ständig weitergeredet.
„ … in dem Geschäft mit der Palme hängt ein tolles Küchen–Mobile, das musst du mir besorgen …“
Kramer nickte automatisch. Ihm war wieder eingefallen, dass er in letzter Zeit immer konkreter durchgespielt hatte, Sandra hinter sich zu lassen. Sie waren noch nicht lang genug verheiratet und Sandra reich genug, als dass er durch die Scheidung hätte finanzielle Lasten fürchten müssen.
Sie legte ihm flüchtig die Hand auf die Schulter.
„Ich muss noch zur Reinigung.“
Kramer hob leicht seine Rechte.
„Es wär gut, wenn du mir Wäsche, Socken und so weiter bringen könntest, meinen Rasierapparat und …“
„Ich weiß nicht, ob das geht.“
„Wieso denn nicht ?“
„Connes will morgen Nachmittag nach Essen zu einem Vortrag und hat mich gebeten, mit ihm zu kommen, er hat immer noch Probleme mit dem Bein.“
„Morgen oder übermorgen werde ich vielleicht entlassen, dann muss ich was zum Anziehen haben.“
„Du machst bloß immer Druck.“
Sandra nahm ihre Handtasche an sich und hauchte Kramer einen Kuss auf die Stirn: schließlich war er nicht rasiert.

Am folgenden Morgen erschien ein Taxifahrer und brachte Kramer einen Koffer. Im Koffer waren schwarze Jeans und eine englische Designerlederjacke, Unterwäsche und ein Necessaire mit einer Auswahl von Hygieneartikeln.
Kramer rasierte sich regelrecht genussvoll, wusch den sichtbaren Teil seiner Haare und duschte extrem lange. Später brachte die Schwester ihn wieder zu dem Arzt, der Robert Redford so sehr glich.
„Und, wie fühlen Sie sich heute?“
„Ganz normal.“
„Sie sehen auch so aus. Kommen Sie am Montag wieder, ich ziehe dann die Fäden.“
„Heißt das, ich kann gehen?“
Der Arzt verschränkte amüsiert die Arme.
„In nächster Zeit bloß den Kopf etwas schonen. Nicht wieder gegen Wände, bitte.“
Kramer versprach es.
Er zog sich an und bat im Schwesternzimmer, ihm ein Taxi zu bestellen. Die Schwestern lehnten ab: Taxen stünden unten. Kramer trat an die Auffahrt. Das Wetter war weißgrau, schwül und schmierig wie fast das ganze Jahr schon.
Eine türkische Familie mit einem Ford Transit verlud eben ihren Opa mit noch unbemaltem Gipsfuß. Kramer hatte irgendwo gehört, dass Brüche im hohen Alter sehr gefährlich werden konnten und wünschte dem Opa im Stillen viel Glück.
Das Kramer zufallende Taxi war ein Mercedes. Mercedes war die Marke mit den unbequemsten Sitzen, doch eine Stadtfahrt würde auszuhalten sein.
„Wohin soll’s denn gehen?“, fragte der Fahrer, ein hübscher Bursche mit einem offensichtlich importierten weißgelb quergestreiften ärmellosen T–Shirt und reichlich Gelatine im äußerst kurzen Haar.
„Merowingerstraße 10“, erklärte Kramer.

„Geht klar. Merowinger 10.“
Das Taxameter wurde eingeschaltet, und dann ein seltsamer Schleichweg gefahren, der erstaunlicherweise sogar an der VTG vorüberführte, doch war es nach Kramers Kenntnis des Stadtplans nicht von vornherein ausgeschlossen, dass dies tatsächlich eine Einsparung brachte.
Im Radio sang eine Frau zu schrillem Pop: Totaler Luxus kann mich retten/Luxus ist wie Vitamintabletten …
Kramer kannte dieses Lied, doch nicht mit klassischen Pop–Instrumenten gespielt, sondern rein elektronisch vorgetragen.
„Das kann nicht sein“, meinte der Fahrer, „von so ’ner Version hätt ich gehört.“
„Wie heißt denn diese Gruppe?
Ideal“, sagte der Mann.
Ideal …“, grübelte Kramer, doch eine Mauer in seinem Geist verwehrte ihm den Blick darauf, woher er die andere Fassung kannte.
Der Wagen hielt. Die Merowingerstraße war erreicht.
„Achtzehn sechzig.“
Kramer gab einen Zwanziger.
„Stimmt so.“

Kramer konnte die Haustür nicht öffnen, seine Schlüssel waren nicht da. Er klingelte, doch Sandra schien nicht im Haus zu sein. Erst nach geraumer Zeit fand er den Bund mit den zwei Schlüsseln im Münzfach seiner Börse.

Die Wohnung kam ihm fremd vor. Im Zimmer, das der Wohnungstür am nächsten lag, war mittig ein sachlicher weißer Schreibtisch nebst Drehstuhl postiert. Auf der Schreibtischplatte waren Mappen mit Materialien für Artikel und eine Schreibmaschine angeordnet. Ansonsten gab es im Zimmer zwei Bücherregale und ein großes schwarzes Sofa, welches zwei Lautsprecher flankierten. Auf einem Rollwägelchen befand sich der Rest des Stereosystems.
Kramer trat vor die Bücherregale und erkannte verschiedene Titel wieder. Dies musste sein Arbeitszimmer sein. Während seine Rechte mechanisch nach dem Verband tastete, trat er zurück auf den Gang. Als Nächstes fand er ein riesiges Wohnzimmer vor, das nur oberflächlich aufgeräumt war und erst vor wenigen Stunden eine Party erlebt haben musste. Polster und Vorhänge waren von Tabakaromen gesättigt, ein quadratischer Tisch mit Spiegelplatte wies Abstellspuren von Gläsern, Krümel von Knabberkram und Soßenkrusten auf.
In der Küche wurde klar, dass es wohl Fleischfondue gegeben hatte, überall standen Förmchen mit eingetrockneten Soßen und schmierige Teller mit Spießchen herum, die oft nur teils geleerten Gläser dagegen waren immerhin schon als kompakter Pulk neben dem Spülstein konzentriert.
Kramer öffnete den Kühlschrank, er war leer.
Wo steckte Sandra? In der Praxis? Oder mit Connes noch in Essen?
Kramer hatte keine Ahnung. Eine Nachricht war nicht hinterlassen worden. Während er noch überlegte, klingelte das Telefon. Der klobige Apparat, ein uraltes Bakelitmodell, stand im Gang auf einem Schränkchen.
„Kramer?!“
„Alfons? Ich komme heute erst am Abend. Britta hat sich ein Auto gekauft und mich zum Kuchen am Rhein eingeladen.“
„Muss das denn sein? Mir geht’s nicht so gut …“
„Koch doch was Schönes. Ich bin wohl um sieben wieder zu Haus.“
„Ich weiß nicht. Mir ist alleine hier so komisch.“
„Bis um sieben dann, tschüß.“
Sie hatte aufgelegt.
In Ermangelung sinnvoller Alternativen begann Kramer, das Geschirr abzuspülen. Den Empfang durch seine Frau hatte er sich anders vorgestellt. Ein Mann, der knapp davongekommen war, hatte bei der Heimkehr Anspruch auf Verwöhnung.

Gerade hatte Kramer das letzte Teil abgetrocknet, als die Wohnungstür ging und weibliche Stimmen das Eintreffen Sandras und Brittas anzeigten. Der starken Bewölkung wegen war es draußen schon recht dunkel.
Britta trat forsch in die Küche, wie um Kramers Leistung zu prüfen.
„Na, wie geht’s, wie steht’s?“
„Ich dachte, du kochst was“, schaltete Sandra sich ein.
„Es war nichts da.“
„Du hättest ja einkaufen können.“
„Eigentlich müsste ich liegen.“
„Dann muss ich schon wieder was kommen lassen.“
Auch Britta schüttelte empört den Kopf. Sandra berührte sie am Arm.
„Wir gehn ins Wohnzimmer“, erklärte sie.
Die Frauen nahmen zwei der frisch gespülten Gläser mit. Kramer setzte sich müde an den Küchentisch. Wie schon im Krankenhaus hatte er plötzlich das Gefühl, es fehle ihm etwas, das er unbedingt brauchte, doch er kam nicht darauf, was es war. Irgendwann im Lauf des Nachmittags, so fiel ihm ein, war das Gefühl schon einmal aufgetaucht, doch mochte es Sandras Anruf gewesen sein, der Kramer wieder abgelenkt hatte.
Er kochte sich Kaffee und überlegte, wie er das Leben mit seiner Frau bisher hatte eigentlich aushalten können. Sie hatte ihn nicht mal geküsst, als sie kam, und sich von Kramer auch nicht küssen lassen. Vielleicht, um sich keine Blöße zu geben? Britta war boshaft, das hatte Kramer trotz seines Zustands gleich deutlich erkannt, sie blickte scheinbar auf jeden herab. Es war nur die Frage, ob sie ein Recht dazu hatte, Sandra jedenfalls schien das zu glauben.

Aus dem Wohnzimmer waren ein lebhaftes Gespräch und gelegentliches helles Lachen zu vernehmen.
„Was soll’s“, gähnte Kramer, nahm seine Tasse, lief durch den Gang und öffnete die Wohnzimmertür.
Die Frauen verstummten sofort und sahen pikiert die Tischplatte an: Seine Präsenz war nicht erwünscht.
„Ich denk, ich geh ’ne Runde an die Luft.“
Kein Kommentar.

Kramer hatte sich einen Hut aufgesetzt, um seinen Verband ein wenig zu kaschieren. Der Hut zog blöde Blicke auf sich. Schätzte man Kramer als Beuys–Schüler ein?
Die Luft in den Straßen war stickig. Um die Häuser strich ein lauwarmer Wind, zu schwach jedoch, um erfrischend zu sein; der Himmel zeigte sich durchgehend schwarz, kein einziger Stern war zu sehen.
Kramer entschloss sich, zum Rhein zu laufen. Dort war es angenehmer als in der Stadt.

Unterwegs fiel ihm auf, dass nahezu sämtliche Jugendlichen, und zwar auch die Mädchen, auf einmal kurze Haare hatten, oft mit Gelatine getränkt wie vormittags schon bei dem Taxifahrer. Auch die Kleidung erschien unvertraut. Zum Beispiel waren Hosen mit bunten Längsstreifen oder Würfelmustern häufig, manche trugen auch karierte Jacken zu Frisuren, die an die Elvis–Zeit erinnerten. Woher kam das alles plötzlich? Während er weiterspazierte, wurde ihm allmählich klar, dass er hinter sich ständig die gleichen Schritte hörte. Verfolgte ihn jemand? Er blickte zum Schaufenster eines Geschäfts auf der anderen Straßenseite und sah die Spiegelung einer dunklen Gestalt, etwa zehn Meter hinter ihm gehend. Der Schemen bemerkte seine Entdeckung und verschwand in eine Bar, aus der ein solcher Lärm drang, dass es aussichtslos erschien, den Verfolger in der Menge wiederzuentdecken. Mürrisch stapfte Kramer weiter.

Er bewegte sich am Rheinufer entlang in Richtung Krefeld und hatte schon mehrere Kilometer zurückgelegt; die vor Stunden verlassene Stadt war in sinnlicher Hinsicht nicht mehr präsent und streckenweise herrschte eine solche Dunkelheit, dass Kramer seine Taschenlampe brauchte. Unruhe ergriff ihn: Alles wirkte anders als bei den früheren Gängen durch diese Gegend, ohne dass Kramer dies bislang an konkreten Details hätte festmachen können.

Langsam kam ein Platz in Sicht, um den herum das Ufer wieder erleuchtet war, offenbar stieß dort eine Straße an den Rhein, eine Brücke allerdings gab es hier nicht. Im Näherkommen konnte Kramer schließlich sehen, dass es sich um eine größere Anlegestelle handelte; über mehrere hundert Meter waren verrottende Schleppkähne aus dem neunzehnten Jahrhundert aufgereiht, die wie aus Büchern über den Frühkapitalismus ausgeschnitten schienen. Seit wann waren sie da? Kramer hatte sie noch nie gesehen. Er schaute sich die Poller an, betastete die Trossen. Trossen und Poller waren von Moos und Grünspan überzogen und oft sogar ineinander gerostet. Kramer schlurfte kopfschüttelnd weiter und entdeckte einen Kiosk, zu welchem ein kleiner Gastraum gehörte. Zwischen Straßenende und Kiosk waren Autos aus den 60er Jahren abgestellt, vom Gastraum kamen Fetzen moderner Pop–Musik nach draußen. An der Ausgabeklappe lungerten vier Jugendliche mit karierten Jacken und Elvis–Frisuren herum, wie Kramer sie schon in der Stadt gesehen hatte, und tranken aus winzigen Colaflaschen.
Kramer wurde registriert, doch die Jungen sagten nichts. Da er selber Durst verspürte, trat Kramer in den Kiosk.
Aus der Musik—Box huppelten rhythmische Synthesizerklänge, zu denen ein Bayer oder Österreicher sang, Kramer kannte sich im Süden nicht besonders aus. Es gab ein paar abgestoßene kleine Tische, der einzige Gast war ein schläfriger Arbeitertyp.
Hinter der Kleintheke stand ein ungefähr sechzigjähriger Mann mit einem schmuddeligen Oberhemd, eindrucksvollem Kübelbauch und viel zu schmal wirkenden Hosenträgern.
„Na Meister, wat soll’s denn sein?“, brummte er und hob animierend die Bierflasche.
„Gibt’s hier auch Wein? “
Der Alte lachte und schenkte Cognac in ein Glas. Die Portion war mehr als großzügig bemessen.
„Dat macht nen Zweier.“
Während Kramer seine Börse hervornahm, fiel sein Blick auf die Fläschchen und Päckchen, die hinter dem Budiker aufgebaut waren. Plötzlich wusste er endlich, was er im Krankenhaus und später so vermisste.
„Haben Sie Perkins?“
„Nadörlich …“
Der Alte drehte sich kurz um und schnippte dann Kramer die Packung entgegen.
„Dat sinn dann schon weitere dreie, wat?“
Kramer gab einen Fünfmarkschein.
„Zwickel bringen Glöck“, nickte der Alte und befestigte den Schein mit Klebefilm an seiner Kasse.
Kramer nahm mit fragendem Ausdruck eines der Streichholzbriefchen mit Taxiwerbung an sich, die neben der Kasse auf einem Teller lagen. Die Heftchen waren gratis.
Während sich Kramer an eines der Tischchen setzte, kam ein Nachtwächter mit seinem Schäferhund herein und erhielt vom Budiker mechanisch einen Flachmann „Condor–Fusel“ ausgehändigt, ohne dass Worte dabei fielen. Der Hund dagegen bekam nichts.
Der Nachtwächter setzte sich so, dass er nach draußen schauen konnte, während der Arbeiter träge die Musikbox programmierte, damit nicht das Programm abriss.

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