Leseprobe
aus Eberhard Knippel: Der Gesang der Gewürze. Ein historisches Melodram
Erzählt wird die Geschichte des Conte Cesare Rossi, eines der genialsten und gleichzeitig kaltblütigsten Verbrecher, die je auf dieser Erde gelebt haben. Von Geburt an verunstaltet, wird er zum Gespött seiner Mitmenschen und zieht sich verbittert in seine eigene Welt zurück. Schon bald reift in ihm ein ebenso kühner wie teuflischer Plan, sich an den Menschen zu rächen. Er wird ihre sinnliche Lust ins Unermessliche und Groteske steigern und sie sich so gefügig machen. Und das Mittel dazu hat er auch schon: die magische Kraft der Gewürze. Ein Roman über die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele und die geheime Macht der Liebe.
1
Wir haben Sehnsucht nach den Toten. Ist es darum, weil sie von einem Geheimnis umgeben sind, das zu enthüllen wir uns berufen fühlen, oder hat diese Sehnsucht ihren tiefen Grund in unserem gegenwärtigen Leben? Das Leben ist zu vielfältig, um es überblicken zu können, und wir wissen nicht, wie es ausgeht. Das schafft Verunsicherung. Es ist die große Nähe zu den lebenden Menschen, die uns so verunsichert, denn wir stehen mitten im Geschehen, sind ein Teil von ihm, und das macht uns blind für alles Wesentliche. Doch wir brauchen einen Halt, wir brauchen einen roten Faden in dieser verwirrenden Welt, der Sicherheit und Orientierung garantiert. Vielleicht suchen wir deshalb im Vergangenen und Überschaubaren den Schlüssel zum Verständnis unseres Lebens.
Die Geheimnisse der Toten sind Lichter am Horizont, Leuchttürme, die uns den Weg weisen. Manchmal sind es auch Irrlichter, aber immer erhellen sie einen dunklen Bezirk der menschlichen Seele; sie bringen uns ein Stück voran auf dem Wege zu uns selbst, diesem verschlungenen Pfad, den jeder, einem inneren Drange folgend, gehen muss und der doch niemals endet.
Die folgende Geschichte handelt von einem solchen Geheimnis. Es hat lange Zeit gebraucht, ehe ich mich gegen alle Bedenken entschlossen habe, sie aufzuschreiben und somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich hege keinen Zweifel, dass sie auf die Leser eine ähnliche Wirkung haben wird wie auf mich, als ich zum ersten Mal die Originaldokumente studierte: ungläubiges Staunen und Entsetzen. Ungläubiges Staunen, weil die durchschnittliche menschliche Phantasie sich die geschilderten Vorgänge nicht vorzustellen, geschweige denn nachzuvollziehen vermag, und Entsetzen, weil sie dennoch gezwungen ist, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele hinabzusteigen, denen sie sich gewöhnlich nur allzu gern entzieht.
Diese Geschichte ist so absurd und ungeheuerlich, dass sie von den Menschen, die sie erlebt haben, gleichsam als nicht geschehen aus ihrem Gedächtnis gestrichen wurde. Dieser Prozess, den die Psychologen Verdrängung nennen, geschieht unbewusst. Er ist eine Gnade der Natur, die uns auf diese Weise vor den Schmerzen schützt, die traumatische Erfahrungen in Körper und Seele auslösen. Die unmittelbar betroffenen Überlebenden des Geschehens haben sich nie zu den Vorgängen geäußert, sie hätten es wahrscheinlich auch nicht gekonnt. Zu stark war der Drang, dieses Erlebnis aus ihrem Leben zu streichen.
Und doch hat sich die Geschichte so zugetragen, wie sie hier geschildert wird, daran besteht für mich nicht der geringste Zweifel. Ich habe die amtlichen Schriftstücke und fragmentarischen Tagebuchaufzeichnungen des Delinquenten sorgfältig studiert und zu einer geschlossenen Handlung geformt, habe aber nichts ausgelassen oder hinzugefügt und mich streng an die Tatsachen gehalten. So wird einer der genialsten und gleichzeitig kaltblütigsten Verbrecher, der jemals auf dieser Erde gelebt hat, zu neuem Leben erweckt.
Der Leser möge seinem Lebensweg folgen. Vielleicht wird es diesem oder jenem gelingen, etwas von seinen Beweggründen zu verstehen, denn in jedem von uns lauern in dunklen Tiefen abartige Triebe und Verirrungen, die ans Licht drängen und oft nur schwer zu zügeln sind. Diejenigen aber, denen dies nicht gelingt, mögen sich der Tatsache bewusst sein, dass auch er ein menschliches Wesen war, das nicht nur unsere Verachtung, sondern vielleicht auch unser Mitgefühl verdient.
2
Oh Herr, der Du den Menschen schufest nach Deinem Bilde, auf dass er wandle auf Erden in Liebe und Gerechtigkeit gegen jedermann, siehe, er hat das Blut seines Bruders Abel vergossen und aus dieser Erde einen übelriechenden Morast gemacht. Und doch hast du in Deiner unendlichen Güte und Weisheit die Menschen das verlorene Paradies schon auf Erden schauen lassen. Denn was, wenn nicht das Paradies sind die drei lieblichen Schwestern Toskana, Umbrien und Marche, die sich von der ligurisch–tyrrhenischen Küste bis zur Adria erstrecken. Paradiesisch die sanften Hügel und dunklen Pinienwälder, bizarr der Gegensatz der hellen Lehmberge bei Siena zum dunklen Vulkanberg Monte Amiata, noch weicher und harmonischer die einsamen umbrischen Wälder, das grüne Herz dieser Landschaft, und schließlich fruchtbares, farbiges Hügelland aus Weizenäckern und Sonnenblumenfeldern, sanft unterbrochen von Weinbergen und behutsam abfallend zum Adriastrand.
Und haben nicht die Bürger von Florenz, als Wirtschaft und Kultur im 17. Jahrhundert ihre Blüte überschritten hatten, die toskanische Landschaft zu einem einzigen großen Kunstwerk gemacht? Überall sah man Villen und Bauernhäuser in sanfter Hügellandschaft, harmonisch eingefügt in Weinberge und Olivenhaine, je und je unterbrochen vom Dunkel der Zypressen. In dieser lieblichen Gegend, im Chianti, beginnt unsere Geschichte.
Man schrieb den 4. September 1866. Es war ein warmer, sonniger Spätsommertagtag, wie er zu dieser Jahreszeit typisch für jene Gegend ist. Leicht und flüchtig und den Hauch des Vergänglichen schon in sich tragend eilen solche Tage dahin. Des Abends sitzen die Menschen beim Wein zusammen und vergessen, wenn auch nur für Stunden, die Mühen des Tages; berauscht vom Wein und der Schwermut dieser Stunde lassen sie sich hinabsinken in einen Zustand ohne Zeit und Verantwortung und genießen den Augenblick, bevor der nächste Tag dem ewigen Kreislauf wieder zum Siege verhilft.
Nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag der Auftakt zu einer Serie schrecklicher Verbrechen war, die die Bevölkerung drei Jahre lang in Angst und Schrecken versetzen sollte.
Am Morgen dieses Tages war Giulietta, die Tochter des Gastwirts Frontali, der eine Gastwirtschaft in M. betrieb, mit ihrem Pferdegespann auf dem Weg zum Markt. Sie war ein dunkler, südländischer Typ von schlanker Gestalt und erfrischendem, offenem Wesen und stand mit ihren einundzwanzig Jahren in der vollen Blüte ihrer Jugend. Die blauschwarzen Haare fielen ihr in weichen Locken über die Schulter. Am auffälligsten aber waren ihre Augen, sie hatte große, dunkelbraune Augen. Alles war darin zu finden, was eines Mannes Herz begehrt: der Mond und die Sterne, laue Sommernächte und die alles verzehrende Glut der Sonne. Und der Mund! Wie eine frisch gepflückte Kirsche schimmerte er rot und verheißungsvoll im fahlen Licht des Morgens. Kurz: Sie erinnerte an eine klassische römische Statue.
Die Natur hat es so eingerichtet, dass Frauen einen spezifischen Reiz auf die Männer ausüben, und es ist ihnen in die Wiege gelegt, diesen Reiz nach Kräften zur Geltung zu bringen. Aber nur wenige verfügen über eine natürliche Schönheit, die von innen strahlt und keiner künstlichen Nachhilfe bedarf. Dieser Typ von Frau zieht die Männer an wie der alles verschlingende Sog einer zurückflutenden Meereswelle und hält sie gefangen wie der süße, klebrige Sirup die Fliegen. Eine Bewegung nur, ein verzehrender Blick aus feuchten Augen, ein flüchtiges Lächeln, und schon sind die Männer um ihren Verstand gebracht. Von solch betörender Schönheit war Giulietta Frontali.
Sie fuhr diesen Weg gewöhnlich zweimal in der Woche, um auf dem Markt in G. frisches Gemüse und Geflügel zu kaufen. Das Mädchen kannte den Weg genau, kannte jeden Baum und Strauch am Wegesrand, und so ließ sie die Zügel locker und vertraute ihren beiden Rappen, die sie sicher ans Ziel bringen würden.
Sie überließ sich ganz ihrer Phantasie und malte sich all die Dinge in den schillerndsten Farben aus, die im rauen Alltag keinen Platz hatten. Sie dachte an den letzten Sonntag, als sie in ihrem besten Kleid zum Tanz gegangen war, dachte an die begehrlichen Blicke der jungen Burschen, die ihr zugeflogen waren, und sehnte sich nach heißen Küssen und starken Männerarmen. Aber der Richtige musste es schon sein, für eine flüchtige Bekanntschaft war sie sich zu schade. Noch war sie ihm nicht begegnet, diesem Richtigen, und eigentlich war sie stolz darauf, dass sie sich noch aufgehoben hatte. Ja, sie konnte warten, hatte alle Zeit der Welt, das Leben lag vor ihr, dieses quirlige, bunte Leben, das so viele Überraschungen bereithielt. Sie hatte Hunger auf dieses Leben, sie wollte sich ein großes Stück von dem Kuchen abschneiden, denn sie war überzeugt: Auch für sie hatte Gott, der Herr, ein Stück reserviert.
Doch plötzlich, wie so oft in den letzten Monaten, stand das Bild der Mutter vor ihren Augen, ganz klar und deutlich sah sie sie neben sich sitzen, die Zügel der Pferde straff in der Hand, mit ihr redend, mit ihr lachend. So manches Mal war sie mit ihr diesen Weg gefahren. In das fröhliche Bild drängte sich jedoch bald ein anderes, das schmale, magere Gesicht der Mutter mit den tiefliegenden Augen, matt und stumpf der Blick und schon gezeichnet vom Schmerz der Krankheit, aber immer noch voller Liebe und Güte. Sie sah den ausgezehrten Körper der Mutter im Bette liegend, schwach und matt und geschüttelt von dem schrecklichen Husten, und sie sah sie hastig die roten Flecken auf dem Bettzeug mit ihren Händen bedecken, so als schäme sie sich dafür.
Ein Jahr war es nun schon her, dass die Mutter für immer ihre Augen geschlossen hatte, dahingerafft von der schrecklichen Krankheit, die die Ärzte Schwindsucht nennen. Ein Jahr hatte Giulietta versucht, zu einem normalen Leben zurückzufinden. Doch immer wieder holte sie der Schmerz über den Verlust ein, ihre Mutter fehlte ihr sehr. Und dem Vater ebenso, das spürte sie, wenn der es sich auch nicht anmerken ließ. Fast schämte sie sich dafür, dass sie eben an die Burschen und ihre Zukunft gedacht hatte, aber sie war schließlich jung, und das Leben lockte. Die Mutter würde es ihr gewiss nicht übelnehmen, wenn sie auch einmal an sich dachte.
Beruhigt gab sie sich wieder ihren Gedanken hin, als die Pferde plötzlich scheuten. Sie straffte augenblicklich die Zügel, lenkte das Gefährt an den Wegesrand und brachte es zum Stehen. Mit einem Satz sprang sie vom Wagen und lief nach vorn, um nach der Ursache für das seltsame Verhalten der Pferde zu schauen. Da erblickte sie einen Fuchs, der verletzt und aus einer Wunde blutend auf dem Wege lag. Schnell lief sie hinzu und kniete neben ihm nieder. Es war ein hübsches, kräftiges Jungtier, aber nun winselte es kläglich und schaute Giulietta aus trüben, rot unterlaufenen Augen an. Es waren soviel Entsetzen und Todesangst im Blick des Tieres, dass das Mädchen unwillkürlich schauderte. Ich muss den Fuchs retten, war ihr erster Gedanke, ich werde ihn mitnehmen und gesundpflegen.
Doch wie sie sich noch zu dem Tier hinabbeugte, um die Schwere seiner Verletzung zu erkunden, wurde sie durch den lauten Galopp eines Pferdes aufgeschreckt. Aus der Gegenrichtung preschte ein Einspänner in großer Eile heran. Giulietta erkannte die Gefahr sofort. Das Tier, schoss es ihr durch den Kopf, er darf das Tier nicht überfahren. Sie sprang zur Seite und gab mit ihrem Arm ein Zeichen, um das Gefährt zum Stehen zu bringen. Doch der Wagenlenker achtete nicht auf ihre Warnung, im Gegenteil, er schien seine Fahrt noch zu beschleunigen, indem er mit seiner Peitsche wie wild auf das arme Pferd einschlug.
Es war ein junger Mann in feinem, dunkelblauem Tuch, der da im Wagen saß, etwas verwachsen, wie ihr schien, mit einem Gesicht, das sie sofort in seinen Bann zog. Sie hätte nicht sagen können, was es war. War es die Faszination des Hässlichen? Denn hässlich war dieses Gesicht wahrlich, es war unproportioniert, nichts passte zusammen, aber es wirkte stark, stark und männlich, und es wurde überstrahlt von seinen Augen, dunklen, fast schwarzen Augen, die sich in ihre versenkt hatten. Ihr schauderte. Diese Augen zwangen zum tiefen Eintauchen, bis auf den Grund, und dort sah sie etwas Wildes, Unzähmbares und Dämonisches, eine ungeheure Willenskraft, aber auch dieses Starke und Männliche, das sich schon im Gesicht widerspiegelte.
Es waren nur wenige Sekunden, die dieser Blick dauerte, aber die genügten, dass diese Augen sich in ihr Gedächtnis brannten. Und schon war der Wagen vorüber, der seltsame Fremde gab dem Pferd die Peitsche und stob davon. Wie erstarrt stand Giulietta am Wegesrand und blickte dem davoneilenden Gefährt nach. Diese Erscheinung, diese Augen! Es war eine ungeheure Kraft, die von ihr Besitz ergriffen hatte und sie vollständig ausfüllte, ein geradezu übermächtiger Sog zu diesem unwirklichen Wesen hin. Erst als der Wagen mit dem Fremden, nachdem er kleiner und kleiner geworden war, hinter einer Wegbiegung verschwand, erwachte sie aus ihrer Starre.
Erst jetzt fiel ihr das verwundete Tier wieder ein, dessentwegen sie den Wagen hatte anhalten wollen. Ihr Blick wanderte zu der Stelle, wo der verletzte Fuchs gelegen hatte. Aber was sie dort nun sah, war nicht mehr das Tier, das sie noch vor wenigen Minuten mit angsterfüllten Augen angeschaut hatte, es waren blutige Klumpen Fleisches, die verstreut umherlagen. Noch nie zuvor hatte Giulietta einen solchen entsetzlichen Anblick ertragen müssen. Fassungslos starrte sie auf die tote Kreatur, sah das Blut, das rohe Fleisch, und erst langsam begriff sie, was geschehen war. Der Fremde im Einspänner war keine Erscheinung gewesen, kein Trugbild, ihre Sinne hatten sie nicht getäuscht. Er war sehr wirklich und hatte das arme Tier mit seinem Wagen überrollt.
Langsam erst kamen ihre Gedanken in Fluss. Er hatte nicht auf ihr Zeichen geachtet, wiewohl es nicht zu übersehen gewesen war. Warum hatte er das getan? Sie grübelte, aber immer wieder kam sie nur auf eine Antwort: Es konnte kein Versehen sein, er musste es mit Absicht getan haben. Wut und Fassungslosigkeit stiegen in ihr hoch. Wie konnte ein Mensch so etwas tun? Nein, ein Mensch konnte das nicht, er war ein Unmensch, ohne Herz, ohne Erbarmen. Und plötzlich tauchten seine Augen wieder vor ihr auf, sie sah in die Abgründe, und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Was sie da eben gesehen hatte, war kein Mensch. Es musste der Teufel selbst gewesen sein.
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