Leseprobe

aus Herbert Kollenz: Der Gedankensolist. Roman (Ausschnitt aus dem ersten Kapitel Reisevorbereitungen)


(…)

Es klingelte an der Wohnungstür. Er stellt das Glas auf das Tischchen und geht den langen Weg durch die Zimmer. Er schaut nicht, wer draußen steht. Es muß jemand aus dem Haus sein. Oder stand die Haustür offen? Unverzeihlich. Sie steht einfach nur so vor ihm da und sagt, Hello, hier bin ich.
Er hat ihr Gesicht gar nicht wiedererkannt. Ihre helle Stimme, sie ja. Aber nicht diese zigeunerinnenhafte, langhaarige Frau jenseits der Vierzig, die Augen mit dünnen schwarzen Strichen überhöht. Das schwarze Haar, wie eine Löwenmähne, (gibt es schwarze Löwen?) … irgendwo gehen Löwen und wissen von keiner Ohnmacht, solange sie herrlich sind …(kein Mensch weiß, wie sich ein alternder Löwe fühlt). Er hat sie zwanzig, mehr als zwanzig Jahre in Erinnerung gehalten. Mit braunen Haaren, Kurzschnitt wie Joan Baez. An einen gelben Hosenanzug mit Schlag erinnert er sich. Jetzt stand eine Zigeunerin vor ihm.
Born in a waggon of a travelling show
Willst du mich nicht reinlassen?
Seither schämt er sich.
Er war recht zufrieden gewesen mit seiner Abhärtung. Nun fängt er an, sich wieder zu schämen. Und zweifelt, ob es richtig war, wie er gelebt hat. Etwas Ruhiges machen. Das Wichtigste, was ein Mensch braucht, ist nicht Geld und Ansehen. Es ist die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird.
Willst du mich nicht reinlassen?
Es gibt Charaktere, die wissen sofort, was man von ihnen erwartet. Sie können nicht anders, als Erwartungen erfüllen. An sich selbst scheinen sie überhaupt nicht zu denken. Für sich fordern sie nichts. Sie können nicht anders. Sie denken immer nur an die Forderungen des andern. Im Nachhinein stellt es sich oft als purer Egoismus heraus. Er begrüßt sie mit einem etwas zu überschwenglichen herzlichen Willkommen, das nach Angst klingt und: geh weg! Ein Gesicht strahlt. Seine Zähne leuchten. Ein stattliches Gaulsgebiß. Ein gesunder Gaul.
Der Abschied ist dreißig Jahre her. Gehorsam fühlt er sich zur Freude verpflichtet. Es ist zu viel gespielte Herzlichkeit im Spiel. Sie ist nicht echt. Mehr Aufgeregtheit. Ein bißchen Verlegenheit. Etwas hölzern. Aber er will ihr die Freude nicht verderben. Na und, denkt er sich, na und, da ist doch weiter nichts dabei. Und keinerlei Begeisterung. Rührt sich nicht vom Fleck.
Natürlich paßt ihm so ein Überfall überhaupt nicht. Das wissen sie beide. Er so gut wie sie. So gut kennt jeder sich selbst.
Ihm ist, als wäre sie gar nicht weg gewesen. Als hätte es nie diesen dramatischen Abschied gegeben, dieses Hin und Her. Diese Katastrophe. Vor dreißig Jahren. Nein, keine dreißig, fünfundzwanzig, nein, acht. Sie nennt es seinen Verrat. Singe, wem Gesang gegeben. Er nennt es Abschied. Er hält fürs erste besser seinen Mund.
Ein Geballere von Erinnerungen. Sie schießen sich jetzt in seinen Kopf. Während ihr der Boden unter den Füßen schwindet, wie sie ihm die nächsten Tage bekennen wird. So hin und her – ach, blüht erst, wenn ich komme. Vielleicht hat das Holz auf ihn abgefärbt. Er steht reglos in der Tür und versperrt ihr den Weg. Stocksteif.
Du lebst unterm Dach, sagt sie. Sie blickt an ihm vorbei, durch den Flur, das schmale, lange Arbeitszimmer, bis in den hintersten Winkel, den es mit dem großen Zimmer bildet. Ihr Blick trifft auf diesen zwei Meter breiten Vorhang aus schwerem, dunkelrotem Material, mit goldenen Ornamenten. Er verdeckt hier nur die nackte Wand. Sonst ist nichts weiter dahinter. Damit verdunkelt er nie das Fenster. Wozu ein Fenster verdunkeln. Du wohnst in einem Turm. Sie sieht ihn an. Du hast dich gut gehalten.
Ein drahtig kleiner Kerl Stolz. Handlich wie eine Schachtel Streichhölzer.
Nein, Zündhölzer heißt das.
Da muß er beinah lachen. Wie ihre Haarpracht prangt. Trotz, lächelt er. Trotz! Nicht Stolz.
Da müssen sie beide lachen. Lachen steckt an. Lachen befreit. Nicht voneinander. Von Verlegenheit. Sie lachen so herzlich und haltlos, daß sie sich anfassen. An den Armen. Einer hält den andern fest. Oh mein Gott, lacht sie außer Atem. Sie kippen über vor lauter Lachen. Sie biegen ihre schlanken Körper. Was machen sie so viel Wind. Warum sollten nicht die Bäume den Sturm machen können. Warum eigentlich nicht. Sie halten einander fest. Er sagt, sie solle doch hereinkommen. Weicht aber keinen Schritt zur Seite. Langsam beruhigen sich ihre Körper. Die Erschütterungen verebben. Als hätte der Wille das Lachen zusammengestaucht. Aber sie haben einander ja nur angefaßt. Lachen rechtfertigt einen völlig grundlosen Körperkontakt. All das geschieht zwischen Tür und Angel unter einem flachen Dach. Er steht stumm im Weg. Wortlos wie die Vergangenheit in der Gegenwart. Wer lacht, kann nicht pfeifen.
Er ist irritiert von ihrer Mähne und der falschen Farbe. Sie war nicht schwarz, sie war braun. Er könnte jeden Eid drauf schwören. Sie macht sich noch immer interessant. Schon früher wollte sie immer auffallen. Das war der Grund, weshalb er. Und kein anderer. Der gelbe Hosenanzug. Der schwarze, enge Mantel. Bis auf den Boden. Wenn sie ihn dann ablegte, drunter ein Rock, nicht länger als ein breiter Gürtel. Drunter: Nichts. Wo war das alles? Jetzt. Hier und heute. Es paßt ihm überhaupt nicht in den Kram. Aber er vergleicht pausenlos. Ihr Besuch. Sie wirkt so bestimmt. Sie wirkte immer unverletzbar. Mit heller, dünner Stimme kann sie zart die unverschämtesten Forderungen stellen. Wie sich davor retten?
Er verfügt noch immer über eine kräftige, männlich helle Stimme, wie geschaffen zum Lautlesen. Aber Ergriffenheit legt sich auf sie und macht sie, seine hellkräftige Stimme, unerträglich. Sie taugt zu keinem Widerspruch. Do no Van ist kein Auto, sondern eine zu schmale Basis für ein ganzes Leben.
Jeder kommt unweigerlich auf etwas Bekanntes zurück. Auch wenn alles vergeht. Es ist sonderbar, wie dieser Gesang weich macht. Der Einsame singt. Daß ihn einer hören mag. Es ist so über aus undeutsch. Wo man singt, da laß dich nieder. Sagt man hier nicht so. (…) Die dem Fleisch zu gekehrte Seite der Haut sieht sie nicht. Nur wie sein Kopf rot wird. Er war so stolz auf ihre Brust und seine Intelligenz.
Einer mußte doch bleiben und Wache halten, harren, sich bewähren (sic!), dunkeln, altern. In dieser kleinen überproportionierten Stadt. Berg und Fluß sind zuviel für das wenige Stückchen Stadt.
Nicht jeder kann andauernd unterwegs sein. Viele Reisende haben nur das unersättliche Bedürfnis nach Willkommen. Deshalb der Abschied. Muß eine Person zuerst sich verabschieden, um anderswo anzukommen, oder muß sie erst mal da sein, um von hier wegzugehen? Sie will wohl immer und überall nur das Herzlich Willkommen hören. Sie braucht das. Ihr Willkommen–und–Abschied–Spiel. Sie kann nicht an einem Tisch sitzen und ihre Füße stillhalten, während draußen der Verkehr braust und der Fluß fließt. In Wahrheit taugt diese Stadt am Fluß überhaupt nicht zum Lernen. Still sitzen, während draußen das Wasser in einem fort weiterströmt.
Warum nur fließt der Fluß andauernd und hört nicht für eine Weile auf? Es täte ihm gut, eine Pause einzulegen. Warum schiebt das Wasser in einer Bahn und versickert nicht gleichmäßig gerecht? Das wäre doch Sozialismus, sagt sie, als sie an seinem Ufer auf einer öffentlichen Parkbank sitzen unter blühenden Kastanien, weiß und rosa. Das war früher. Es blühten gerade die Magnolien. Das wäre nur gerecht. Frühe Tage im Februar. Sie sind klar, hell, sonnig. Es wird noch bei Zeiten dunkel. Doch alles ist, als ob dies schon der Frühling wäre. Ihm paßt seine Heftigkeit ganz und gar nicht.
Er hat das Skifahren ganz aufgegeben. Weil es lächerlich ist, den Berg hinunterzusausen, wenn er nicht vorher mit den eigenen Beinen hinaufgestapft ist. Nicht, daß er ein Angsthase gewesen wäre. Aber warum sollte ein aufstrebender Junge Ski fahren?
Heute nennt sie ihn Gott. Wie könnte Seele gesteigert werden? Nach seinem Verrat springt sie von der Brücke. Später versucht sie sich die Adern aufzuschneiden. Quer über die Handgelenke. Nicht sehr professionell. Es hat stark geblutet. Nichts weiter. Danach hat sie Medizin studiert. Nein, das ist zu geschmacklos. Das kann so nicht stehenbleiben.
Wer sich nichts anmerken lassen kann, ist sie. Nur nicht verraten, wie es drin aussieht. Das kann sie. Sie tut es mit einer unverschämten Freundlichkeit. Auf die fällt er bereits herein. Er hat den Willen, aber nicht die Fähigkeit dazu. Nichts ist Verkrampfender als Ganz–Locker. Unangenehm ist es ihm. Linkisch. Mulmig ist ihm. Gut sieht sie aus. Blendend. Ein Italiener würde pfeifen. Und sie anlachen.
Er wird unverändert die Dummheit begehen, wie er sie früher begangen hat, indem er sich dafür schämte und heute wieder schämen wird, diese Dummheit zu begehen. Mit seinem hellen Verstand und seinem aufrichtigen Herz war er alle Augenblicke in einem schiefen Licht gestanden. Die hohen Gedanken und schönen Sätzen würden nicht zu ihm passen.
Wie auch immer er es anzustellen suchte, die Welt von sich zu überzeugen. Sie lachten ihn aus und bestaunten ihn als ein Tier, dessen Regungen und Handlungen ihnen unverständlich blieben. Wer hat schon die Fintensicherheit eines Tanzbären.
Durch scheinbare Nebensächlichkeiten verrät er sich. Er spricht von zu Hause aus die akkurate Schriftsprache. Nur wenn ihm unbehaglich wird, verfällt er unwillkürlich in den Dialekt, den er mitgebracht hat, und den er durch den hiesigen noch mehr verdirbt, indem er beide mischt. Warum soll er nicht stottern, wenn ihm danach ist. Er muß in ruhigeres Fahrwasser kommen und selber ruhiger werden. Sonst wird das nichts mit dem Erzählen.
Er geht ihr auf den Leim. Sie spricht mit einem gehauchten Akzent, ihre Idiomatik stimmt noch. Dieser feine Hauch Akzent, der sich bei einem Menschen entwickelt, der in einer fremden Sprache lebt. Wie sich die Menschen doch ganz unterschiedlich entwickeln. Wer zum Beruf taugt, geht ins Musical, der andere wächst über sich hinaus und taugt zu nichts. Sie kann schon immer ihre Meinung direkt sagen. Vielleicht denkst du einmal darüber nach, was du da sagst. Vorher darüber nachdenken, da lacht doch ein Italiener. Ein Gespräch ist wie jedes Sprechen. Vögeln ist wie jede Kommunikation. Wenn du es nicht kapierst, bleibst du halt ein Dummkopf und ein ebensolcher Ficker.
Sie aber habe sich ihm ganz hingegeben.
Daß du darüber lachen kannst!
Nun halt aber mal die Luft an.
Sie ist schon immer rachsüchtig. Daran hat sich nichts geändert. Das zeigt sich schon daran, daß sie besser lebt.
Wie einfach er gestrickt ist, fühlt er, als er den Widerspruch zwischen Leib und Verstand als nicht existent bei sich bemerkt. Seine Cousine hat es jedem mit der Hand gemacht. Sie vögelt mit keinem, nur mit der Hand. Nicht anders. Wie konntest du am Vögeln Spaß haben, wenn du so gerne nachdenkst. Das ist noch aus der Zeit, als er sich intelligent und ihre Brust fühlte. Er erinnert sich, wie zervögelt sie sind. Um am Morgen in die Gänge zu kommen, muß geschissen sein. Die Befreiung von Angst, die aus den Genitalien stammt. Diese Grundformen der Erleichterung, die so enorm auf Geist und Seele wirken.
Es ist das Tierische, das einen Menschen, kurze Zeit bevor seine tödliche Krankheit ihn befällt, bereits verändert. Er wird gleichgültig gegen das Leben und in seiner Lässigkeit in einem Maße genußfähig, dessen Höhe er lange Jahre nicht erreicht hat. Er kann sich nur wundern, daß nach Jahren des eigenen Stillstands wieder Bewegung hineingekommen ist. Nicht nur, daß die Kinder größer werden. Er will sich also wieder damit beschäftigen, was kein Mensch zu wissen verlangt. Er hat sein Gefühl für Gedanken wiedergefunden. Vorsichtig tastend erste poetische Versuche, schwankend zwischen den kalten Früchten des Verstandes und den charakteristischen Ergüssen einer erregten Seele. Poesie, erinnert er sich, ist vollkommen, wenn Gedanke und Gefühl miteinander verschmelzen. Seine Egomanie ist wieder da, die jeder verliert, der Kinder liebt.
Als er die Wohnungstür schließt, bemerkt sie, daß der Schlüssel innen steckt. Hat er Angst, ist er nur mißtrauisch oder hat er wirklich Angst?
Eine Wohnung verrät so viel. Wohin führt diese Tür? Das Schlafzimmer. Pardon. Er drängt sie ab in den Wohnraum. Zweigeteilt, Sitzecke, Ein–, Zwei– und der Dreisitzer, auf dem sie sich lang macht, ein runder, etwas zu hoher Tisch, schweres Marmorgrün, eine Wandlänge Bücherregal. Es scheinen noch die alten Bücher zu sein, nicht allzu viele, scheint nichts Neues dazugekommen, ordentlich und in derselben Ordnung wie damals, der Erinnerungsblitz erhellt alles, in einer Ecke ein Tisch mit PC, Drucker, Scanner, alles da, doch, das ist neu, büromäßig. Da ich nun einmal hier bin, mußte ich mich einfach melden. Er fühlt sich so lächerlich. So bloßgestellt, in seinen eigenen vier Wänden. Eine Wohnung verrät eben alles.
Du hättest anrufen sollen.
Wer die Welt erobern und ihr zu Füßen liegen will, sitzt jetzt mit ihr in Dreizimmerküchebadbalkon. Kommt einfach so daher in seine Wohnung. Er geht ans Fenster und schaut hinaus. Er wohnt gern so hoch, daß er über die Dächer der Nachbarhäuser blickt. Nicht allzufern stoßen drei Tannen aus der Dachlandschaft. Eine gewisse Sympathie bringt er auf für die mit der schiefen Spitze. Die beiden andern wären nicht so gerade ohne sie. Sie gehen hinaus auf die Veranda. Den nassen Finger in die Luft gesteckt und prüfen, woher der Wind weht. In der Erinnerung ist sie völlig anders. Bis an das Geländer, hinter dem es steil abfällt über vier Stockwerke und weiter den steilen Hang hinunter bis zur Straße am Flußufer. Ein Anruf wäre schon gut gewesen. Ich bin für zwei Monate in der Stadt. Bildungsurlaub, heißt das nicht so auf Deutsch? Hospitieren in der Thorax Klinik. Ein Aschenbecher? Warum nicht? Die strenge, strenge Reni, die sich selbst an Steinen rächt. Sie hockt sich drauf und pißt sie an. Wenn er die Augen schließt, bleibt die Zeit stehen.
Ich kann schlecht sagen, du hättest dich nicht verändert.
Warum sollte ich nicht?
Du siehst gut aus.
So hektisch, so schnell, so früher.
Sie stellt sich vor ihn hin.
Wir sind noch immer gleich groß.
Bin ich nun eine große Frau, oder du ein kleiner Mann?
So und nicht anders sind die Gewichte (sic!) verteilt.
Es gibt Männer, die sehen eine Frau als Gebrauchsgegenstand.
Es sind die Ehemänner.
Nicht nur.
Aber er liebt mich doch.
Selbstverständlich.
Jeder auf seine Weise.
Lungenärztin und raucht eine nach der andern. Das ist ein Widerspruch, einfach ein Widerspruch, der nirgends aufgehoben wird. Weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde. Wieso sollte sie nicht blühende Magnolien faulen sehen wollen. Es ist die Zeit, in der man Schnee– und Blütenflocken verwechseln kann.
Ich habe dann Morten kennengelernt, mit ihm studiert. Nach drei Jahren haben wir geheiratet. Ein Jahr später kam Mette. Sie studiert jetzt in Brasilien. Etwas Erdkundliches, Geologie, was sonst, sie ist Norwegerin. Wenn auch in Deutschland geboren. Nach dem Examen bin ich mit ihr allein ins fremde Norwegen, das dortige Staatsexamen abzulegen.
Barnet habe ich in Norwegen geboren.
Wir haben keine Liebesbeziehung, aber sind einander zuverlässig. Sein Geschlecht ist nur Zeugungsorgan. Schlafen schon immer getrennt. Zuletzt habe ich ihn Weihnachten gelassen, mit Gummi selbstverständlich. Davor vier Jahre lang nicht.
Ich bin eine nervöse Mutter, zuständig für die Aufzucht. Ich habe mir eine deutsche Putzfrau mitgebracht nach Norwegen. Sie lacht. Er versteht nicht. Mich.
Morten ist ein guter Chirurg. Sonst geht er auf die Jagd und Fischen. Ihm macht das Aufschneiden nichts aus. Er ist sehr ruhig und in sich gekehrt. Er ruht derart in sich, daß Sex ihm egal ist.
Das sagst du jetzt nur so.
Du schreibst so viel, sagt die Tochter, du lebst gar nicht mehr.
Ich weiß, sagt er, du hast es mir geschrieben.
Aber ich weiß nicht, was du gelesen hast von meinen Briefen. Es ist schwer, etwas aus dir herauszubekommen.
Willst du nicht reden?
Wie soll ich antworten, wenn ich nicht reden will?
Willst du nicht antworten?
Du trinkst viel.
Nicht mehr als gewöhnlich. Eher wenig. Nicht zu viel. Keine harten Sachen mehr wie früher. Morten hat es mir abgewöhnt. Er hat allen Vorrat vor meinen Augen in die Badewanne gekippt und mit der Brause runtergespült. Ihm muß das Herz geblutet haben. Schade um das viele Geld. Ich habe ihm darauf all seine Socken zerschnitten.
Eine Reihe von kleinen, still erwiesenen Aufmerksamkeiten. Eine Tasse Kaffee ans Bett. Eine kleine Süßigkeit, ein Marienkäferchen aus Schokolade in der Brötchentüte, nicht vergessen, was sie liebt, das Töpfchen mit Kresse, von selbst zur Gitarre greifen und die alten Lieder spielen. Ein langes Frühstück. Das neue Lied fängt an zu passen. Wie kommt man aus dem Schneider, wenn der Mut zu eng. Dann Liebe machen. Sie in die Klinik fahren, wenigstens zum Nachmittag. Eine Reihe von kleinen, still erwiesenen Aufmerksamkeiten, nicht so deutlich, daß sie beunruhigten, aber auch nicht so unbestimmt, daß man sie übersehen oder mißverstehen könnte, dann und wann ein freundlicher Blick, dabei nur wenig oder gar nichts gesprochen, das ist das beste Mittel, etwas, was wie die Liebe sein mag, Ausdruck zu geben. Es läßt bei aller scheinbaren Beherrschung gerade noch genug die Natur über den Verstand herrschen, und sie lenkt das Spiel dann von selbst. Wie sagte man eigentlich vor der Erfindung des Automobils? Dies ist der Motor für all mein Handeln.
Seine Scham zeigte sich in der Verachtung dessen, der er war, gegen den, den er sich zugetraut und der er sein und werden wollte.
Norwegen hatte diesen Sommer Dauerregen. Alle Regenwürmer waren längst ersoffen. Die neugierigen ebenso wie die in den Löchern. Nun mußte er sich also auch mit den Wetterbedingungen im Norden des Alten Kontinents befassen.
An deinen Bürsten stößt man sich das Zahnfleisch wund. Sein gerüttelt Quentchen Konfusion kann er nicht recht verleugnen.
Wann hast du das letzte Mal gekocht?
Dies ist das erste Mal.
Du hast noch immer deine schöne Nase, nicht zu spitz und nicht zu stumpf, gerade richtig. Auch wenn dir die Haare grauen.
Seine Zähne lachen.
Du hast’s schöner wie ne Katz.
Gitarre spielst du nicht mehr.
Mit diesen Händen.
Du hast noch alle deine Finger.
Warum sollte ich nicht?
Es gibt keine Neugier auf Dinge, die man kennt.
Sie ist dann eine Woche über die Zeit, die sonst ganz pünktlich ist.
Inzwischen waren sie schon vier Wochen beisammen. Die ersten acht Tage sind wunderbar, dann gibt es eine Krise, die letzten beiden Wochen sind noch wunderbarer als die erste. Ich bin katholisch und werde es auch bleiben. Ich könnte nie einen Priester umbringen. Aller Unterschied liegt im Wort. Den Priester gegen den Pfarrer ausgespielt. Er kennt sich aus in der Kirche. Wer die schwarze kennt, braucht keine rote.
Nun steht der zweite Monat bevor, daß sie ihn liebt. Und so was nennt sie Weiterbildung. Er fühlt sich als Dummkopf des Gefühls. Es muß sich um eine dieser absoluten Lieben handeln. Ist es dann nicht Literatur?
Sie und die Sonne scheinen heiß, daß man wieder einmal an Gott glaubt. Es fällt so leicht in Italien.
Das Denken und das Bedachte
machte,
daß der Dachdeckersohn lachte.
Sie sitzen im Ritter Sankt Georg. Eine Idee ist kein junges Ding, das sich so leicht ausführen läßt. Du verwandelst dich, und so verwandelt verwandelst du mich. Bin ich wirklich schon so alt? Aber wir sitzen hier. Du hast mich ausgeführt.
Unter jedem Dach,
ist ein kleines Ach!
Mein Gott, wie ich das hasse.
Er habe die ganzen Jahre einfach gelebt. Ein einfaches Leben. Und nun komme sie hereingeschneit und mache ihn kompliziert.
Männer altern vielleicht später, dann aber rapidamente. Er schaut auf den Bildschirm. Der ist leer. Nur sein Schoner schickt diesen verrückten Inselbewohner um seine Palme.
Er weiß, daß seine Liebe lausig war.
gestern ist vorüber
morgen ist noch nicht da
und heute hilft der Herr
Wann sehen wir uns wieder?
Bald.
Und wo?
Wo immer du willst.
Aber du warst schon überall.
Nein.
Nein? Eine neutrale Stadt, in der keiner eine Erinnerung einer Liebe hat.
Mal sehen, was wir zu hören bekommen, war einer deiner blöden Sprüche.
Mailand kennst du nicht, du mußt es kennenlernen.
Wer will schon an den Polarkreis. Wo für dich Fremde ist, bin ich zu Haus. Du lebst nun einmal in einer Stadt, in die wir alle kommen.
Mailand kennst du nicht, du wirst es kennenlernen.
Wie kann man nur auf die Idee kommen, seine Liebe durch Gefühle ausdrücken zu wollen.
In der Stadt kann man seinen Mitmenschen noch etwas vormachen. Im Dorf weiß jeder vom andern, was Sache ist.
Das Gegenteil von Begeisterung wäre Zuverlässigkeit.
So fängt es an.
Er muß sich beeilen. Der Zug geht kurz nach zehn. Er greift sich seine Sachen, reisefertig oder nicht, und nimmt ein Taxi zum Bahnhof. Das Fax–Gerät schreibt eine Nachricht. Das Papier kommt langsam aus dem Gerät, gerade so, wie einer zaghaft einen Brief unter einer Tür durchschiebt. Sitze fest. Kopenhagen. Maschine defekt. Was ist mit deinem Handy! Melde Dich! Renate.

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