Leseprobe

aus Peter Reusse: Bürzel. (Auszug aus dem 1. Kapitel)


Akelei friert und Bürzel hat auf Sand gebaut. Die grosse Reise eines kleinen Mannes. Er setzt alles auf DAS BUCH und auf den Zweitakter.

Tuk–tuk–tuk … nichts.
Tuk–tuk–tuk … nichts.
Es gibt Tage, da kleinste Vorkommnisse, banale Unebenheiten symbolische Bedeutung erlangen können. Wankelmütige Charaktere geraten leicht in Panik. Nicht so Bürzel.
Tuk–tuk–tuk … nichts.
Der heutige Tag schien ein solcher werden zu wollen.
Ein Tag, der Weichen stellen sollte. Auf dem Gleis in eine neue Zukunft.
Volle Kraft voraus.
Mit wehenden Wimpeln und Trommelschlag.
Und jetzt springt der Zweitakter nicht an!
Akelei steht frierend neben der Aschetonne. Sie wollte sich nur rasch von Bürzel verabschieden. Das Geschäft ist verwaist. Wahrscheinlich schleppte die russische Mafia gerade die letzte Stiege Salatgurken vom Hof.
„Lass es Bürschi, ruf im Verlag an, daß du eben ein andermal kommst. Bitte.“
„Nie und nimmer. Das ist mein Tag. Das Schicksal legt mir Steine in den Weg. Gut so. Das ist meine Katharsis. Ich muss es schaffen. Ich muss! Ich muss!“
Bürzel trifft der Schlag nicht unvorbereitet. Mit dem Zweitakter liegt er jahrelang im Clinch. Wie der Überlebenskämpfer im Dschungel.
Motorhaube hoch.
Die Scharniere geben ein knarzendes Geräusch von sich.
Der karamelfarbige Kunststoffstab steckt hinter dem schwarz–fettigen Klopstank. Mit dem Putzlappen, Überrest von Onkel Beowulfs Bademantel, läßt sich der Verschluss endlich aufschrauben.
Meßstab versenken.
Meßstab in die nachmittägliche Wintertrübnis halten.
Prüfblick.
Bei dem Strich mit der Zehn glitzerts. Benzin vorhanden. (Tanken an der Autobahn nicht vergessen!)
Benzinhahn. Das alte Problem. Wird immer vergessen.
Kleiner bleigrauer Winkel unter dem Amaturenbrett.
Stellung auf links. Reservetank. Alles bestens.
„Die Kerzen, Bürschi, es sind doch immer die Kerzen, oder?“
Akelei reibt sich die Oberarme. Sie hat nur den dünnen Verkäuferinnenkittel mit der Aufschrift Akis Frucht–Shop an.
Bürzel hechtet zum Fahrersitz.
Darunter, immer griffbereit, die grauleinene Tasche mit den Instrumenten. Der Kerzenschlüssel obenauf. Bürzel braucht das Band nicht einmal aufzuknoten.
Die Kerzen sind in Ordnung. Die ausgediente Zahnbürste aus der Kartentasche in der Fahrertür gibt letzten Glanz. Fertig.
Tuk–tuk–tuk … nichts.
Der Wassersack!
Der Wassersack wird es sein.
„Aki, der Wassersack! Weißt du noch, wie wir den Biedermeiersekretär aus Bitterfeld geholt haben, da war es auch der Wassersack. Der Wassersack. Huntertprozentig der Wassersack.“
„Der Wassersack? Toll Bürschi, vielleicht ist es wieder der Wassersack!“
Der Wasserrsack, das kleine tückische Plastedings unterm Tank. Wer kennt ihn schon? Nur der Experte. Das Kondenswasser aus dem Benzin sammelt sich dort.
Wenns zuviel wird, Feierabend. Irgendwie so, Bürzel weiß es nicht so genau.
Er schraubt das kleine, runde Plastedings ab und macht heftige Schleuderbewegungen in der Luft. In der Schule melden sich übereifrige Schüler so.
„Furztrocken! Der Wassersack ist jetzt furztrocken. Es müßte gehn.“
„Toll, Bürschi, dann kannst du ja endlich losfahren. Ich muß wieder in den Laden. Mein Gott immer dieser Wassersack!“
Tuk … tuk … tuk … nichts.
„Da hilft alles nichts. Fredi muß her. Jetzt kann nur noch Fredi helfen. Aki, ruf Fredi an.“
„ O Gott Fredi. Das kann dauern.“
„Das war einmal Aki, Liebes. Heutzutage drängen sich alle nach Arbeit. Marktwirtschaft weißt du, ich habe dir das doch erklärt. Jetzt regiert das Geld die Welt, Mehrwert und so. Kapital, die Gesamtheit der erarbeiteten Wirtschaftsmittel. Akkumulation, Marx und so weiter. Denk daran und rufe jetzt den Fredi an. Du wirst sehen, eins drei fix ist er hier.“
„Na gut, Bürschi, ich renne.“
Der Himmel hat sich verdüstert.
Die nassen Äste des Rotdorn hängen wie Akeleis Haare.
An der aschegebräunten Mauer hinter den Mülltonnen schimmert matt die Inschrift Kevin ist ein Natzi.
Der Wind klappt die Hälfte einer Zeitung in die Höhe. Wenn er nachläßt fällt sie zusammen.
Überall Schmuddelschnee mit Asche.
Eine Bierbüchse dreht adrette Pirouetten.

„Will die Karre nisch?“
Fredi hat neue Zähne. (Schon auschem Weschten, trotschdem Scheische!)
Er trägt eine nagelneue Latzhose mit der Aufschrift Fredis Car–Service.
Fredi kennt den Zweitakter vom ersten Tag an. Kinderfrauen kennen manchmal die Kinder besser als ihre Mütter.
„Schprit isch drin?“
Fredi lehnt lässig an seinem knallroten Werkstattwagen mit der Aufschrift Fredis Car–Service. Wie Jimmi Dean in seinem letzten Film Giganten.
„Klar Fredi, schon kontrolliert.“
„Dann könnensch nur die Kertschen schein.“
„Hab ich auch schon kontrolliert, Fredi.“
Zu spät. Fredis rastlose Mechanikerhände schrauben bereits. Das geht ganz automatisch bei ihm. Wie bei den russischen Hunden, denen beim Anblick eines Knochens die Spucke läuft.
Die Bierbüchse rollt die Garageneinfahrt von Zahnarzt Kolke runter. Mit einem überraschten Blipp wird sie von der geschlossenen Tür gestoppt.
„Kertschen schind lecker. Isch denke mal, du brauscht ‘ne Schrominfuschion, Alter.“
„Strominfusion? Was meinst du damit, Fredi?“
„Wirscht schehn.“
Fredi rollt eine rote Kabelrolle aus. Er pfeift dazu Tanze Samba heut nacht.
Das macht er immer, wenn er sich seiner Sache sicher ist. Fredi ist eine Perle. Bürzel atmet erleichtert auf und … schrickt zusammen.
„Schtartääään!“
Fredi schreit wie Blücher in der Schlacht.
Tuk … tuk … tuk … nichts.
Vielleicht ist das Tuk eine Spur kräftiger geworden.
„Musch disch abschleppen Alter, Kurbelwelle oder scho.“
Fredi rollt sein rotes Kabel ein und kramt lautstark im Werkstattwagen.
„Wer hat denn wieder dasch verdammte Abschleppscheil verboschelt?“
„Fredi, hör zu. Das geht nicht. Unmöglich. Ich habe heute den Termin. Streng wichtig. Bringe DAS BUCH zum Verlag. Der liegt unten im Süddeutschen, verstehst du? Ich bin sozusagen terminlich gebunden. Verleger Zampano–Sandmann erwartet mich.“
„Ja, Fredi, DAS BUCH. Es ist so wichtig.“
Akelei ist rührend. Halb erfroren steht sie unter dem nassen Rotdorn. Mit ihrem Kittel und den gestrickten Hausschuhen. Wäre sie nicht allein, könnte man meinen, sie wäre ein griechischer Chor, der dem Tyrannen eindringlich ins Gewissen redet.
Fredi lehnt am Werkstattwagen und wischt sich mit einem Lappen die Hände ab.
„Gibtsch nur einsch: Neuesch Auto. Kann dir sofort Weschtwagen besorgen.“
„Kommt nicht in Frage. Hör mal, ich hänge am Zweitakter. Ausserdem fehlt’s an Kapital im Revier.“
„Hab ‘n heischen Mitschubischi Alter, für disch ohne Anschahlung.“
„Schluss aus. Ich bleibe beim Zweitakter. Du musst ihn flott kriegen hörst du? Du hast ihn doch immer flott gekriegt. Fredi, du bist mein Freund, und heute ist mein Schicksalstag. Alles hängt jetzt von dir ab.“
„Du muscht repräschentieren Alter. So läuft dasch heute. Ich hab da einen Mertschedesch, huntertneunzischtauschend runter. Aber escht repräschentativ. Mit kackbraunen Ledersitzen. Da werden deine Mogule im Verlag Augen machen.“
„Fredi, verdammt noch mal, hör jetzt auf damit. Mach endlich den Zweitakter flott.“
Akelei hält unter dem Verkaufskittel schützend DAS BUCH fest an ihren schönen Busen gepresst. Sie hat es aus dem Auto geholt, als könnte es bei der Reparatur Schaden nehmen. Wieder ganz griechischer Chor im Singular.
„Bürschi bleib hier. Es soll heute nicht sein. Das ist ein Wink des Schicksals. Hör auf mich. Fahr ein andermal. Ausserdem können die Kartoffeln aus Brieselang kommen und ich steh da. Der Fahrer kippt sie draussen auf den Bürgersteig, weg ist er. Und ich kann wieder mit den Eimern rennen. Rein raus, rein raus, na, herrlich.“
„Bitte, Aki Liebes. Der Bürzel muss ins Feld. Und niemand und nichts wird ihn daran hindern. Punkt. Fredi, streng dich an. Wir sind doch auch wer, oder?“
„Wer?“
„Wir.“
„Ach so.“
„Na also.“
Schon schrauben die Mechanikerhände an den Kerzen.
„Fredi, du Heuochse, die Kerzen hast du doch schon kontrolliert! Und ich auch. Wie denkst du zündspulenmäßig. Ist doch auch immer so ein Fall?“
„Nisch schlescht, Herr Schpescht. Auch immer schon Fall. Aber warum nisch den Mertschedesch? Krigscht auch Schpetschialbonusch. Moment mal.“
Fredi geht mit langem, magerem Hals um das Fahrzeug herum. Wie ein Flamingo mit Staksbeinen. Dann wirft er sich plötzlich, ohne sich zu schonen auf den dreckigen Boden und kriecht unter den Zweitakter. Unmotiviert schreit er: „Wir schind wer!“
Bürzel und Akelei blicken sich ratlos an. Was war mit Fredi?
Und wieder: „Wir schind wer!“
Seine Stimme klingt wie aus weiter Ferne. Abgequetscht und erregt. Brauchte er Hilfe? Bürzel hockt sich hin und versucht vorsichtig Kontakt aufzunehmen. Wie seinerzeit Kanzler Ludwig Ehrhard zu den verschütteten Bergleuten in Lengede.
„Fredi, was ist los. Alles in Ordnung?“
Fredi gibt keine Antwort. Kommt puterrot zum Vorschein, schiebt Bürzel achtlos beiseite und eilt zum Kofferraum des Zweitakters. Dort macht er sich krumm und wuchtet ihn einen Meter nach vorn. Dann lehnt er sich an seinen Werkstattwagen, wischt sich sorgfältig die Hände mit dem Lappen ab und sagt:
„Nu kannschte ja mal schpascheschhalber deinen dämlischen Schweitakter schtarten.“
Was war plötzlich in Fredi gefahren? Er wirkte so seltsam abwesend. Als hätte er Drogen genommen.
Bürzel blickt Akelei fragend an. Akelei zuckt mit den Schultern und flüstert gepresst: „Tu was er sagt, Bürschi.“
Als hielte jemand eine Waffe an seine Schläfe gepresst, setzt Bürzel sich in den Zweitakter und dreht den Zündschlüssel herum.
Tuk–Tuk–Tuk..Töööööööö!
„Fredi, du bist genial! Ich wußte es. Wenn einer helfen konnte, dann Fredi. Lass dich umarmen. Woran lags denn?“
„Woran lagsch, woran lagsch......Der Auspuff steckte im Schandhügel, daran lagsch. Hab die Schandkörner im Tschilinder geschehn. Daran lagsch.“
Der Hof Ein einziger Schutthaufen. Das ganze Land ein einziger Schutthaufen. Eine Schande. Höchste Zeit, daß endlich aufgeräumt wird. Auch in den Köpfen. Neue Besen braucht das Land.
„Hau ab schu deine Mogule. Und wenn du schurückommst, reden wir über den Mertschedesch. Gud lak.“
„Danke Fredi. Aki, lass dich küssen. Heute ist mein Tag. Ich spüre es in allen Fibern. Adieu!“
Eingehüllt in eine Wagenladung Auspuffgase schrammt Bürzel haarscharf an der Kante der Toreinfahrt vorbei.
„Halt! Haaaaalt!“
Bürzel hört im Schlachtlärm des Zweitakters nichts.
Akelei rennt hinter ihm her und schwenkt DAS BUCH. Zum Glück würgt er kurz vor der Strasse den kalten Motor ab.
Tuk–Tuk–Tuk … Tööööööö. Der gute Fredi.
Akelei erreicht das geöffnete Fenster:
„Bürschi! DAS BUCH!“
„Mein Gott wie konnte ich das vergessen. Wär ja eine schöne Überraschung geworden. Hätte den Text auswendig vortragen müssen. Bei meinem Gedächtnis! Bin ich blöd? DAS BUCH. Danke Aki. Ohne dich wäre ich nichts. Ich liebe dich.“
Mit quietschenden Reifen stiebt er davon. Im Dämmerlicht leuchtet matt die giftgrüne Schrift an der Tür des Zweitakters. Vox populi vox dei, Gurken nur von Akelei.
Bürzels Werk.
Schwabacher Buchstaben.
Mit der Nagelschere aus Klebefolie geschnitten.
Akelei gefiels nicht so gut.
Respekt vor dem Künstler hiess sie schweigen.

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