Leseprobe

aus Claudia Glanzmann: Ausgediente Räume. Roman (Auszug aus dem ersten Kapitel)


1.

Was ist es, wenn nicht das eine Wort, das sich so aufdrängt? – Obschon sie dem Schlechtwetter nicht zugestehen will, dass es ihr aufs Gemüt schlägt, ist der Ausblick aus ihrem Büro ärgerlich, ohnehin nicht eben ein unterhaltsamer, auf Zweckbauten und Parkplätze, öd im dumpfen Tageslicht, das sich bis zum Abend nicht ändern wird. Discounter und verglaste Neubauten flankieren die Strassen.Sie schaut dem Regen zu, den Tropfen, die über die Fensterfront perlen. Die Arbeitsplätze neben ihr sind nicht besetzt, sie hat das Büro für sich. Seit Wochen Regen. Mehr und mehr nimmt sich die Stadt aus wie ein Feuchtgebiet. Die Strassen und Mauern sind nassdunkel, die Reihen der Fenster geschlossen, wie Schirmherren die Häuser, mitten im Sommer.Sie ist sich bewusst, dass sie zu erzwingen versucht, was nicht möglich ist: Die vergangene Morgenstunde kann sie nicht zurückholen.Mitunter kommt es ihr vor, als sei das Geschehene gar nicht gewesen, ein Phantasieszenario, und am wenigsten passt ihr, mit dem Eindruck konfrontiert zu sein, dass sie sich überhastet und dumm aufgeführt hat. Sie hätte nicht genügend Zeit gehabt, um zu überlegen, wie sie weiter vorgehen soll, sich dessen zu versichern, was sie da womöglich gefunden hat. Im Nachhinein ist es einfach, es sich zurechtzulegen, sie tröstet sich damit, und gleichzeitig erhebt sich wieder der Vorwurf, jeder andere Mensch hätte vernünftiger gehandelt; damit kommt sie nicht weiter. Aber der Gedankengang, dieses Hin und Her zwischen Ärger und Trost, bietet einen gewissen Widerstand, daran kann sie sich abreagieren. Es besänftigt etwas. Auch wenn der Vorwurf bleibt, dies und das hätte sie tun sollen.Stattdessen hat sie sich, wie man so sagt, von den Geschehnissen überrollen lassen, und dabei ist im Grunde genommen gar nicht viel geschehen.Sie hat nichts anderes getan als reagiert; ein kleiner Ausfallschritt im Alltag, etwas Unvorhergesehenes und schon steht sie neben sich. Allerdings kann sie sich zugute halten, den Brief überhaupt gefunden zu haben.Es fällt ihr schwer, es dabei bewenden zu lassen. Ihr Denken ist wie zerrissen. Sie versucht, einiges zusammenzubringen, und dann überkommt sie, aufgeregt und verärgert, ein Gemütsumschwung, baut sich gegen die Vorwürfe eine neuerliche Hochstimmung auf. Immerhin hat sich etwas getan. Auf alle Fälle ist ihr Inneres gehörig durcheinander geraten. Ein schönes, älteres Haus mit viel Holz, anheimelnd gelegen womöglich, vielleicht in der Nähe eines Sees, ländliche Ruhe, ein gediegenes Fachwerkhaus oder eine ummauerte Villa, der Brief, den sie gefunden hat, das Wort mit der verdächtigen Endsilbe löst etliches in der Güteklasse aus.Dann versinkt sie abermals in den Vorhaltungen, dass sie erst im Nachhinein richtig zu überlegen begonnen hat. Sie macht sich ja selbst was vor, von wegen idyllisch gelegen.Sie betrachtet die Nässe an der Scheibe. Der Regen nimmt das Industrieareal mit seinem feinen andauernden Gespinst ein. Auf einer von Unkraut überwachsenen Parzelle informiert eine Bautafel über die nächstens hochgezogenen Etagen mit Verkaufsräumen und Arbeitsplätzen eines HiFi– und Computer–Discounters.An das verwilderte Grundstück schließt ein sich weit dahinziehender Parkplatz an. Reihen geparkter Wagen, die sich wie missmutige Geschöpfe ausnehmen, ihrer Mobilität beraubt, Überbleibsel einer einstigen Aufbruchsstimmung. Träge Kurzstreckler, die dem Abend harren. Dabei böten sie die Möglichkeit, Hunderte von Kilometer wegzufahren, dem verregneten Sommer zu entkommen – willkommene Veränderung, südliche Hitze, die das Körpergefühl auf Touren bringt. Aber sie bleiben, narren mit ihrer vorübergehenden Unbeweglichkeit. Lediglich die eine und andere Parklücke deutet an, dass sich wer Muße gönnt.Einzelne Personen kommen vom Parkplatz her. Eine kleine Gruppe ist unterwegs von der Busstation. Gegenüber, an der Einfahrt eines Autoimporteurs, stellen zwei Männer in Regenjacken ein Werbeschild auf. Margit schaut, während sie einen Maßstab auf den Fingerspitzen balanciert, auf das Flachdach der Servicewerkstatt. Auf den Wasserlachen, die die gekieste Fläche überdecken, breiten sich unablässig Ringe aus. Minuten später wird das Wasser von einem nächsten heftigen Regen regelrecht aufgewühlt. Margit schaltet die zweite Tischlampe ein. Vor ihr ist die Fensterfront bloß mehr strömende Trübnis.e, dann zweimal t und e – was anderes als …?Was, wenn nicht das eine?Sie findet kein gleichwertiges Wort, keines, das zur Genüge erklären würde. … weißt schon, die … Von dem einen Wort kommt sie nicht mehr los, dieses eine Wort, von dem die Feuchtigkeit lediglich die Endsilbe belassen hat. … ette …… weißt schon, die … hat davor gestanden.Sie hadert bereits wieder mit sich, wie jemand anderer reagiert hätte, gleichzeitig bleibt in ihrer Verstimmung der Kitzel, überhaupt etwas Derartiges in Händen gehalten zu haben – ja, wenn es auch nur ein Verdacht ist.Auf alle Fälle ist jetzt nichts mehr lesbar, davon kann sie ausgehen, dafür hat sie schon selbst gesorgt. Das Abwägen, Für und Wider, ob jemand solche Zeilen verfasst, in der Absicht, sie um den halben Erdball zu schicken, dass sie damit nicht weiterkommt, stimmt sie finsterer, als das Wetter es tut.Warum schriftlich?Andererseits, was ist abwegig genug, dass es nicht wahr sein könnte?Sie hätte den Brief nicht durchbiegen dürfen, das ist das Problem. Ihr Hintersinnen bringt keine Resultate, das ist ihr bewusst, allerdings ist es zu verlockend, damit sie davon loskäme, das Schaudern, das es auslöst, in die mögliche Nähe eines Verbrechens geraten zu sein.Die Schnelligkeit, mit der ihr verdächtige Szenarien und Varianten durch den Sinn gehen, hat durchaus einen angenehmen Unterhaltungswert.Es ist unwahrscheinlich, so was gefunden zu haben, seit annähernd einer Stunde sagt sie es sich vor. Bruchstücke sind es, ein paar Worte, und doch scheint der Regen am Fensterglas sie ihr regelrecht entgegenzuhalten.Margit fühlt auf ihren Handflächen die nassen, schlappen Briefe, die sie eingesammelt hat – den einen, den sie beinahe zerrissen hätte – und dessen Tintengefleck und Geschmiere wofür steht? Für einen alltäglichen Gegenstand, etwas ganz Nebensächliches ist notiert worden, sicherlich, muss. Für irgendeine Nichtigkeit, die zwar eine enttäuschende, so doch abschließende Erklärung brächte. Der Maßstab kippt ihr von den Fingerspitzen. Margit beginnt ihn auf dem Handrücken zu balancieren und kehrt in Gedanken zurück, wie sie diesen Morgen das Haus verlassen hat.In diesem Sommer, der einzig dem Monat nach einer ist, die letzte Juliwoche. Gegenüber ihrer Haustür ein Werbeplakat mit sonnenhellem Meeresstrand. Türkisblau und palmengrün ist die Lagune in die Hecke gefügt, die um die Wohnhäuser dem Bürgersteig folgt. Margit passiert das tropische Ambiente in einer durchsichtigen knielangen Regenhaut und mit ins Gesicht gezogenem Sylvester. Das Paradies mit dem ersten Schritt aus der Haustür bringt sie gedanklich zu weiten Stränden, kaum begangener Natur, herrlichen Buchten, die der einen sonnendurchfluteten folgen. Zurzeit ist sie überall in der Stadt ausplakatiert. Verführung und Leichtigkeit. Bezahlbar, wenn auch nicht in der Pracht, der Tummelplatz der Illusionen, für den auch Margit tätig ist.Sie mag ihre Arbeit, und das Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, muss schließlich verdient werden. Dafür sein Leben, sein bestes Alter einzusetzen, einen Grossteil davon in einem Büro oder an einem sonstigen Arbeitsplatz zu verbringen, scheint ihr allerdings zuweilen reichlich lächerlich.Es ist kurz vor halb sieben.Gegen ihre Gewohnheit ist sie spät unterwegs. Sie macht sich lieber vor der Hauptverkehrszeit auf den Weg zur Arbeit. Bei dem Schlechtwetter treibt es einen allerdings nicht nach draußen. Es ist ruhig auf den Strassen, jetzt, nach dem Unwetter während der letzten Nacht. Als ob der Regen nicht genügt hätte, trieben ihn Sturmböen gegen die Mauern und Fenster. Während Margit die Strasse hinuntergeht, überlegt sie, welche Feriendestination sie wählte, könnte sie ein, zwei Wochen freimachen. In südliche Gefilde, das wäre erst einmal das Muss, aber ob ans Meer und träge am Strand liegen oder auf eigene Faust durch ein sonnenreiches Land reisen, vielleicht Wandern in milder Höhe, sie ist sich uneins, die Anregung einer fremden Stadt, Kulturferien wären ebenso reizvoll.Im lokalen Radiosender ist hingegen von Stromausfällen die Rede gewesen, von überschwemmten Strassen und Plätzen ist berichtet worden. Feuerwehr und Polizei haben Empfehlungen herausgegeben, welche Stadtbezirke möglichst weiträumig zu umfahren sind.Unrat aus einem zerrissenen Müllsack liegt auf dem Bürgersteig. Margit geht mit langen Schritten darüber hinweg. Küchenabfälle und Verpackungsmaterial von Fertiggerichten überlagern klumpige Papiertaschentücher. Die Gratisanzeiger, die gestern Abend vor den Haustüren gelegen haben, kleben als Riesenkonfetti auf dem Asphalt, es ist empfindlich kühl, im Lichtschein der Straßenleuchten Strähnen nieselnden Regens.Sie zieht den Sylvester zurecht, drückt die breite Krempe etwas hoch, zufrieden mit der Kleidung. Sie ist es leid, mit dem Schirm unterwegs zu sein.Kleine Bäche gleiten die Rinnsteine entlang.Bei der Nässe, die die Stadt abbekommt, stellt sich allmählich die Frage, wohin all das Wasser überhaupt abfließt, ob die Stadt nicht auf einem unterirdischen See ruht und die Fundamente nächstens angehoben werden, instabil, wie es bereits Strassen an Hanglagen geworden sind, Eisenbahntrassen haben sich verschoben. Und die Wetterprognosen stellen kaum Besserung in Aussicht. Es ist, als sei die Zeit stehen geblieben, als rührten sich die Sekunden, Minuten, die Tage gar nicht mehr. Im Gegensatz zum Erdreich.Im immer selben Augenblick scheint es zu regnen. In Strömen, prasselnd, und dann in Schwaden, geräuschlos nahezu, gegenwärtig trotz allem, ertränkend und das Gemüt angreifend. Man vertut sich in den Wochentagen. Ist es nicht erst Gestern oder Wochenbeginn? Man glaubt, man eile voraus in der Hoffnung auf etwas Wärme, auf Sonnenschein.Als kämen einem die Orientierungspunkte abhanden. Man rührt sich noch, weil man muss, dem Alltag folgend, weil man nicht anders darf.Sich im Freien aufzuhalten, sich gemütlich wo hinzusetzen, ist zum Unding geworden. Man weilt hinter Mauern und Glas, wo man sich während der kalten Monate ohnehin schon genügend aufhält.Gemäß den Wetterleuten wird mittags wieder ein stärkerer Wind einsetzen.In einer Sondersendung nach den Hauptnachrichten zur vollen Stunde hat man die Sturmschäden zusammengefasst. Unter Wasser stehende Keller, unpassierbare Autobahneinfahrten, umgestürzte Bäume, den Stadtwald soll es schwer erwischt haben. In Margits Quartier scheint es nicht so arg zu sein. Der Sturm hat ein paar Fahrräder umgeworfen, von den Simsen gefallene Blumentöpfe. Auf dem Weg zur Busstation sind die Schäden kaum der Rede wert. Das Quartier mit seiner biederen Ernsthaftigkeit sieht lediglich etwas angezaust aus. In den Rabattenstreifen vor den Häusern geknickte Blumen. Wäre nicht die Nässe, nähme sich das Quartier gegen seine Ordentlichkeit eher aufgewertet aus: Man hat die Umgebung ein wenig anders hergerichtet, sich der Distanziertheit angenommen, den Trennwänden auf den Balkonen, Schilfrohr und Holz, die zum Nachbarn oder zur Strasse abtrennen, das eine und andere ist in Schieflage geraten, steht nicht mehr für die gehütete Privatsphäre, den kleinen Raum, den man sich geschaffen hat, akribisch und in aller Zurückhaltung.Erde und Wurzelfasern aus dem einen und andern zerschellten Blumentopf orientieren sich in Rinnsalen zu den Kanalisationsabdeckungen.Margit stellt sich darauf ein, dass die Straßenbahnen vom Stadtwald her Verspätung haben werden. Erst einmal wird der Bus wohl pünktlich eintrefen. Als sie zur Station abbiegt, scheucht ihr eine Böe den Regen ins Gesicht. Sie zieht den Sylvester wieder an die Brauen. Tiefer kann sie den Hut nicht ziehen, oder ihrem Blickfeld bleibt nicht viel mehr als die Nasenspitze.Der Anblick des umgestürzten Baums bei der Busstation verzögert Margits Schritte. Die Akazie auf dem Wiesenstreifen zwischen Strasse und Supermarkt ist ein einziges Wirrwarr gesplitterter Äste. Die trüb–morgendliche Tristesse verstärkt die Erbärmlichkeit des Blätterwalls noch. Bis zum Mittelstreifen der Strasse sperrt der Baum die Fahrbahn, über das Laub hinweg ist das Dach des Stationshäuschens auszumachen. Ein lehmheller, Wurzeldurchsetzter Erdbuckel ragt aus der aufgerissenen Wiese.Sie geht wehmütig auf den Baum zu. Die Akazie ist ihr ein angenehmer Blickpunkt gewesen. Im Frühling mit den kugeligen Blütentrauben, einen gelben Puder hat der Baum um sich verbreitet, und bei heißem Wetter ist es eine Erleichterung gewesen, sich in seinen Schatten zu stellen. Vor dem Supermarkt wirkt es trotz des noch vorhandenen Laubgewirrs jetzt schon kahl, die mit Sonderaktionsaushängen und Sparaufrufen verklebte Fensterfront ist zu einem durchgehenden, rotweißen Band geworden.Auch wenn sie nach Hause gekommen ist, von der Arbeit oder dass sie abends unterwegs gewesen ist, der Baum hat ihr die Station angezeigt. Statt seiner, wenn überhaupt, wird in ein paar Wochen ein mageres Bäumchen auf der Wiese angepflockt stehen.Helle Flecken sprenkeln den Laubwall. Als sie näher herankommt, sieht Margit, dass eine Astgabel den Postkasten eingedellt hat. Im Gegensatz zum Stationshäuschen, das keinen Meter entfernt von der zerschmetterten Baumkrone heil geblieben ist, hat es den Postkasten voll erwischt. Ein wenig mutet es an, als wäre ihm durch den derben Kracher aufs Blech äußerst übel geworden und er hätte sich durch den aufgeplatzten Deckel seines Inhalts entledigt. Margit hat sich zwar vorgenommen, sich von dem verregneten Sommer nicht nachhaltig beeinflussen zu lassen, der vor ihr liegende Laubwall ist aber doch ein arger Dämpfer. Sie betrachtet verstimmt die Briefe, als trügen sie die Schuld, dass der Baum das Zeitliche gesegnet hat. Der vor Stunden noch kräftige Stamm ist bloß noch ein Strunk. Ein paar der Briefe, die sich im Geäst verfangen haben, richten sich in einem Windstoss auf und sinken zurück.Unansehnliche Umschläge.Ohne sich Gedanken zu machen, wohin sie mit der ungewöhnlichen Ernte danach soll, beginnt sie, die Brief von den Zweigen abzusammeln. Ein Zeitvertreib, sie geht in die Wiese hinein, der Bus hat offenbar doch auch Verspätung. Es ist ihr Sinn für Ordnung.Hin und wieder zirkelt ein Wagen am sperrenden Geäst vorbei. Ein Lkw weicht auf den gegenüberliegenden Bürgersteig aus. Auf der Seite des Stationshäuschens ist ein älterer, in Regenmantel und Anzug gekleideter Mann ebenfalls mit Einsammeln der Briefe beschäftigt. Umsichtiger und zielstrebiger als Margit.In der einen Hand hält er eine Plastiktragtasche, in die er drei, vier Briefe aufs Mal hineingibt. Als Margit den feinen blauen Umschlag aus den Ästen zieht, hätte sie ihn beinahe zerrissen.Käme bloß dieser Moment zurück. Sie kann es drehen und wenden wie sie will, aber sie kann ihn einzig durch ihre Phantasie noch erreichbar halten – in gewissem Masse kann sie ihn zwar herstellen, dem Beeinflussbaren aber wird er nie mehr zugänglich sein. Diesen Morgen geschehen – hat er sich für Margit zu einem hämischen Vorbei–und–Verloren distanziert.Jetzt scheint es ihr, sie habe mit einmal aufgemerkt, mit Blick auf den Brief ist ihr gewesen, als würde sie gleich bei einer Ungehörigkeit ertappt.Die Befürchtung, den Brief angerissen zu haben, ist aber wohl eher der Grund für ihre Aufmerksamkeit gewesen. Fremdes Eigentum, das man nicht beschädigen will. Ihre Reaktion ist ein Reflex der guten Erziehung gewesen. Sie ist sich dessen bewusst, aber die Möglichkeit, das Spiel, dass es vielleicht doch eine Art sechster Sinn gewesen ist, warum soll sie ihn sich nicht gewähren? Die Außerordentlichkeit gespürt zu haben, dass ihr da etwas Besonderes in die Hände geraten ist. – Dabei sind Vorsicht und Neugier eigentlich unbegründet gewesen, ein schlappes Flugpostcouvert, den Wisch hätte sie ebenso gut wegschmeißen können. Die Anschrift kaum mehr lesbar. Sie wäre gänzlich verunstaltet gewesen, hätte der Umschlag nicht zwischen einem Packen stärkerer Briefe gelegen. Rechnungen, Geschäftsbriefe, Werbung mit maschinell aufgedruckten Adressen – und dann hat sie nach dem blauen Umschlag gegriffen. Zerfasernde Tinte. Dass es eine Handschrift gewesen ist, hat die Frage angerührt, wer den Brief geschrieben hat und an wen?Wer geschrieben hat, vergebens geschrieben, Geschehnisse und Gedanken formulierend.Wer bemerkt zuerst, dass der Brief nicht angekommen ist? So das Ausbleiben überhaupt bemerkt wird.Margit nimmt zumindest an, es ist nicht mehr möglich, die Zeilen an ihren Bestimmungsort zu senden. Irgendjemand bekommt bald den eigenen Brief zurück.Oder wer ärgert sich und beklagt im nächsten Brief, keine Antwort erhalten zu haben?Sie schaut sich auch jetzt mit einmal um, im Büro sitzend, als stünde jemand hinter ihr, als schaute ihr jemand aufmerksam zu.Dabei ist sie mutterseelenallein im Büro.Der Arbeitsplatz direkt neben ihr ist seit Wochen unbenutzt. Eine neue Mitarbeiterin wird erst im nächsten Monat beginnen. Auf dem breiten Pult dahinter, wie das ihrige, mit Großformatbildschirm ausgestattet, liegen ordentlich ausgerichtete Häufchen aus Inserat– und Prospektentwürfen. Neben der Tastatur Designer– und Werbejuxartikel, eine pseudo–altmodische Standuhr aus pink Kunststoff.Zum Korridor hin stehen drei Schränke mit Rolljalousien, von denen eine halb aufgezogen ist. Margit hat vor sich auf dem Pult zwei Ordner mit verjährten Messeflyern liegen, bis Mitte nächster Woche sollte sie die Gestaltung des neuen Flyers für eine Präsentation beendet haben, was voraussichtlich kein Problem sein wird. Sie hat die Ordner absichtlich aufgeschlagen belassen. Falls jemand eintritt, kann sie sich in aller Selbstverständlichkeit den Ordnern und ihren Entwürfen zuwenden. Zu ihrer Linken ragen in den Durchgang zum Chefbüro zwei Planschränke, auf denen Werbegeschenke liegen. Kleine Teddybären, Sonnenbrillen, Feuerzeuge, ein schiefes Türmchen aus Schirmmützen. Die Verbindungstür zum Büro des Werbeleiters steht sperrangelweit offen und gibt den Blick frei auf einen Besprechungstisch und eine Vitrine, in der die Sponsoringaktivitäten des Unternehmens ausgestellt sind. Hauseigene Broschüren und Presseberichte über Kulturveranstaltungen und Sportanlässe.Margit hat die beiden Räume der Werbeabteilung für sich. Sie kann sich Zeit lassen. Ihr Arbeitskollege ist in den Ferien, der Chef krank gemeldet.In den letzten Wochen hat sie einiges an Überstunden geleistet und das Dringlichste abgearbeitet. So à jour ist sie kaum je, auch wenn sie zurzeit allein die Stellung halten muss. Es zieht einen wahrlich nicht nach draußen, ins Grau–in–Grau.Gespürt?Nein, sie ist bloß vorsichtiger geworden, hat den Brief behutsamer behandelt, schließlich hätte sie ihn schier zweigeteilt. Ihr Blick gleitet über die Anschrift: Eine Miss K. Hafemann soll der Brief erreichen, New Zealand.Dazwischen hat sich die Schrift in Tintenwolken verflüchtigt, abgesandt von H. Hafemann, Anker–Adern, Striemen.Das hauchdünne Papier droht der Belastung nicht standzuhalten, bloß schon, weil es sich um ihre Finger legt. Die Umschläge sind verschmutzt und aufgeweicht, auch die stärkeren. Auf der Wiese und ein Stück die Strasse hinab präsentiert sich ein Sprenkelmuster aus nicht mehr zustellbarer Post. Die foliengeschweißten Prospekte eines Fitnesscenters sehen noch einigermaßen brauchbar aus. Sie legt das Flugpostcouvert auf die Briefe, die sie in der Hand hält.
… altes Sommerhaus … zeichnet sich vom innen liegenden Briefbogen ab. Direkt neben H. Hafemann.Wiewohl es nicht eben die feine Art ist, sich über fremder Leute Briefe herzumachen, … altes Sommerhaus klingt verlockend genug, dass der Brief zu interessieren beginnt. Bei den anderen Umschlägen hat es zwar ebenso verwischte, verwölkte Schriftzüge, allerdings ist es Druckertinte. Auch der Alte auf dem Bürgersteig schaut beim einen und andern Brief etwas genauer hin, sammelt darauf aber weiter ein.Unterhalb des Absenders, in der Ecke … weißt schon, die … Margit wendet den Brief, eine einzelne Silbe … ette … Sie biegt den Umschlag durch, in der Meinung, das feine Papier gäbe durch den Kontakt mehr von den Zeilen preis, und für einen Moment drücken Spuren des Schriftzugs durch – … haben sie endlich – …geschafft …dann zerläuft die Tinte und wächst sich in der Papierstruktur zu haarigen Striemen aus. … ette …gemäß dem verschwommenen Blau davor und dahinter muss es eine Endsilbe sein. Respektiv gewesen sein.Bei der Busstation haben sich weitere Passagiere eingefunden. Margit schaut flüchtig übers Geäst. Sie wird nicht beachtet. Weshalb auch? Die Akazie und das Unwetter, wie schade es um den schönen Baum sei, sind Thema genug. Sie hört zwar nicht, was geredet wird, aber was sonst sollen die betroffenen Mienen bedeuten? Sie hat es ja selbst nicht anders gehalten. Es ist lediglich ihr schlechtes Gewissen, weshalb sie sich Gedanken macht, ob sie beobachtet werde. Was für eine brave Bürgerin sie doch ist. Ein jüngeres Paar, das sie vom Sehen kennt, steht auf ihrer Höhe auf der andern Seite. Sie nickt einen Gruß. … haben sie endlich … … weißt schon, die … – hat auf der Vorderseite gestanden. … haben sie endlich … – fortgeschafft, haben sie endlich beiseite geschafft … Fort– oder beiseite geschafft müsste gemäß der Länge des unlesbaren Wortes vor geschafft zutreffen. … weißt schon, die …ette …Es hat sie heiß überlaufen.Und vor lauter Aufregung hat sie überreagiert und es nicht wahrhaben wollen, was sie da womöglich vom Baum gepflückt hat. Da hat doch jemand …! Aber das ist unmöglich. An der Station hat sie an sich halten müssen, um nicht aufzulachen. Beiseite geschafft!, es muss beiseite geschafft heißen.Fortgeschafft ist zu kurz. … altes Sommerhaus … schwirrt es ihr durch den Kopf.Ja, beiseite geschafft! Nicht irgendetwas weggeräumt oder dergleichen.Sie sieht deutlich vor sich, wofür die Silbe neben dem Absender gestanden hat, diese vier Buchstaben, dieses Gekleckse … e, dann zweimal t und e.Die Schrift hat sich gänzlich verloren.Der Maßstab rutscht Margit wiederholt von der Hand, bockt auf die Schreibunterlage und dreht sich gerade noch über den Becher Automatenkaffee, den sie zwischen den Entwürfen auf dem Tisch stehen hat.Sie tippt die Computer–Maus an und anstelle des Feuerwerk speienden Bildschirmschoners hat sie auf dem Grafikbildschirm wieder den Messeflyer. Neben den Werbegeschenken auf dem Montagetisch liegen Bildmaterial und Blindsatz, gleichfalls des Anscheins wegen, sie sei konzentriert an der Arbeit.Enttäuscht von sich, lehnt sich Margit in den gepolsterten, hochlehnigen Stuhl zurück und starrt in die neblige Regenmasse über dem Parkplatz. Minuten später richtet sie sich mit einem Unmutslaut auf, stützt sich auf die Ellbogen und schaut den sich bildenden Ringen in den Wasserlachen auf dem Garagendach zu.Sie hat es bereits vermasselt, als sie den Brief durchgebogen hat – andererseits, wer ist schon auf etwas Derartiges vorbereitet? Es hilft nichts, wenn sie sich dieses und jenes vorwirft und gar nicht mehr damit aufhören mag, als könnte ein Trotzkopf etwas ändern. Ihr Fehlentscheid, das Papier zu biegen, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Selbst wenn sie sich jetzt die Zeit nehmen und zurückfahren würde, und selbst wenn der Brief noch zu finden wäre und sie das einzig Vernünftige täte, nämlich den Umschlag aufzureißen, er gäbe nichts Lesbares mehr her.

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