Leseprobe
aus Ady Henry Kiss: Auf Anfrage Erinnerungen. Roman
(Auszüge aus den ersten beiden Kapiteln)
Einreise BRD
Wir waren aus den Bergen gekommen.
Ich hatte die Fahrt über geschlafen und wachte in einer Geschäftsstraße auf. Von Arno keine Spur. Er hatte den Wagen in zweiter Reihe geparkt und war vermutlich unterwegs, um Tabak und Proviant zu kaufen.
Die Straße badete im Frühlingslicht. An den Bürgern fiel die elegante Kleidung auf, und statt der sonst üblichen Plastiktüten wurden beige oder weiße Papiertaschen verwendet, von denen kaum eine beschriftet war.
Um mir die Zeit zu vertreiben, nahm ich den Atlas zur Hand und studierte das Städteregister.
Plötzlich stand ein Mann an meiner Tür. Er zeigte ungehalten auf sein Auto.
„Wenn Sie so stehen, komme ich nicht raus. Fahren Sie doch etwas vor.“
„Tut mir leid, das kann ich nicht.“ Der Mann ging davon.
Fünf Minuten später kam er mit einem Polizisten wieder. Ich schaute weiter in den Atlas.
„So geht das nicht. Sie müssen weg.“
„Ich habe keinen Führerschein.“
Der Beamte machte sich eine Notiz und tuschelte mit dem Halter des zugeparkten Autos.
„Nein, nein“, meinte der, „ich fahre nicht. Am Ende gibt es einen Unfall.“
Der Polizist griff an sein Funkgerät und rief einen Abschleppwagen.
Inzwischen war es sechzehn Uhr. Auf Arno war nicht mehr zu hoffen. Damit man nicht am Ende mich an seiner Statt bestrafte, stieg ich aus dem Wagen und ließ die beiden einfach stehen.
Ich tappte an Kaufhäusern und Läden entlang, erreichte schließlich einen Park und prüfte meine Barschaft. Es waren knappe hundert Euro. Um nach Hause zu kommen, reichte das nicht.
Nach einer Weile erinnerte ich mich, dass meine Mutter ab und zu von einer Jugendliebe namens Hermann Witt berichtet hatte, irgendwann hierher gezogen war. Womöglich konnte ich Witt überreden, mir eine Anleihe zu gewähren. Ich ging in einen Laden. Witts Adresse stand im Telefonbuch.
Die Barawitzkagasse lag im 19. Bezirk, was einen längeren Transit erfordert hatte. Es war schon Abend, als ich ein fünfstöckiges Wohnhaus betrat, in dem es nach Farbe und Zementstaub roch. Das Licht im Treppenhaus war schwach und flackerte gefährlich.
Witt war der einzige Bewohner mit einem Namensschildchen an der Türe. Er öffnete in einem Hausanzug.
„Ich bin der Sohn von Hildegard Weber. Inzwischen ist sie eine geschiedene Graf.“
Er sah in meine Augen und lächelte verblüfft. „Das ist ja lustig. Kommen Sie …“
Im Wohnzimmer gab es zwei Stühle, daneben ein Podest aus weiß lackiertem Holz, vor dem eine teure Kamera stand. Auf einem Tischchen lagen DVDs.
„Und der Grund Ihres Besuchs?“
„Der Mann, mit dem ich hergekommen bin, ist am Nachmittag verschwunden, und was ich in der Tasche habe, genügt leider nicht, um nach Hause zu kommen.“
„Möchten Sie was trinken?“
„Ja, ein Glas Wasser wäre schön.“
Mein Gastgeber ging in die Küche. Witt hatte so vor dem Fenster gestanden, daß ich erst jetzt die Kinderkleidung recht bemerkte, die auf dem marmornen Sims lagerte. Es waren Hosen und Pullover in vielen verschiedenen Größen. Doch nichts in der Wohnung wies darauf hin, dass Witt eigenen Nachwuchs hatte.
Hingen diese Kleidungsstücke auf irgendeine Weise mit der Kamera zusammen?
Drehte er hier Kinderpornos?
„Es ist nicht, was Sie denken“, sagte Witt, als er mir das Wasser brachte, „ich arbeite für die Lottogesellschaft. Dies ist nur eines von zahlreichen Häusern, in denen wir uns offiziell um Kinder kümmern. Sie sind Gäste, weiter nichts. Es soll die Eltern dazu bringen, uns kleinere Gewinne zurückzuerstatten. Niemand wird getötet.“
Nachdem ich mich mit dem erhofften Darlehen in der Tasche verabschiedet hatte, funktionierte das Licht im Treppenhaus gar nicht mehr.
Ich streckte die Hände ins Dunkel, trieb an schwarze Grenzen, sah im Jenseits Sterne.
Einer der Sterne rückte mir näher.
Mit ihm kam die Geburt.
*Sonntag.
Vater stand in meinem Zimmer.
„Zieh dich schön an. Wir fahrn nach Günzenich.“
Weder Hilde noch ich hatten das Dorf je gesehen. Wir wußten nur, daß Willy dort Verwandte hatte.
Die Fahrt mit dem Auto dauerte zwei Stunden.
Das Dorf war ein Gewirr aus Bruchsteinhäusern, Fachwerk–
häusern und einer Handvoll neuerer Gebäude an engen gepflasterten Straßen.
Schließlich hielten wir vor einem weiß verputzten Haus. Eine ältliche Frau in einem ärmellosen Kittel kam aus dem Törchen am rechten Abschluss der Fassade und riss meinen Vater an sich.
„Willy!“
Er stellte uns die Frau als Tante Inge vor.
Das Wohnzimmer lag im Obergeschoss. Die Einrichtung bestand aus Polstermöbeln mit dunkelgrauem Stoffbezug, einem kniehohen schwarzen Tisch, dessen Platte mit feinen Goldlinien verziert war, einem Bord unter der Dachschräge und einem Fernsehapparat. In der Mitte des Zimmers saß ein offenbar schwerkranker Mann mit ockerner Haut, der einen dunkelblauen Bademantel trug und sich einen Stummfilm ansah.
„Dat is Onkel Friedel.“
„Guten Tag“, sagte ich, doch der Kranke blieb stumm. Wir nahmen Platz. Hilde schob sich neben mich aufs Sofa, während mein Vater einen der Sessel wählte. Die Tante war vor Freude rot geworden und geschäftig aus dem Raum geschlüpft.
„Woher kennst du die denn?“, zischte Hilde. „Aus einer Scheune?“
Die Tante brachte zuerst Bier und Limonade, später Brot und Kartoffelsalat. Der Kranke brauchte davon nichts, sein Kopf war nach hinten gesackt und lag schnarchend auf der Rückenlehne.
„Und, was haste all die Zeit jemacht?“
„Ich lebe praktisch bloß noch im Geschäft“, erklärte Willy.
Das Bier wurde direkt aus der Flasche getrunken.
Zu meinem Erstaunen behauptete Willy, dass wir drei Angestellte hätten. Hilde, die sich schämte, ordnete nervös an meinen Kleidern.
„Ich muss mit Alfons reden“, kaute Willy.
Inge legte ihr Brot auf den Teller.
„Ich halt dat für keine jute Idee.“
„Ach was, der wird schon wollen.“
Zwanzig, dreißig Sekunden vergingen.
„Ich jeh ihn fragen“, kam es langsam, „er is im Jrünen Baum. Am besten wird sein, der Junge kommt mit.“
*Im Grünen Baum saß nur ein einziger Gast, der mindestens achtzig Jahre alt war und zu grauen Anzughosen einen groben schwarzen Pulli trug.
„Willy is hier.“
„Nee“, winkte der Alte ab.
Er musterte mich, dann schnaufte er schwer.
„Jeh zu Willy zurück“, instruierte er Inge, „sag ihm, er wüsste ja, wo ich wohne.“
Alfons gehörte ein Fachwerkhaus am östlichen Ende des Dorfes. Die zwanzig Meter zwischen Straße und Gebäude waren mit Kräutern und Gemüse, sowie einem Holunder und zwei Kirschbäumen bepflanzt. Über der Haustür stach ein Stück roten Sandsteins hervor, auf dem in schwarzen Ziffern 1748 stand.
Kein Fernsehen und kein Radio.
Auf einem Regal das Bild eines Jungen, der aussah wie ich.
Es klopfte.
Meine Eltern waren eingetroffen. Wir hatten sie schon durchs Fenster gesehen.
Willy betrat das Zimmer wie lauernd.
„Das is Hilde“, gab er bekannt.
Alfons blieb sitzen. Er schickte Mutter und mich in den Garten.
Obwohl die Stubenfenster geschlossen worden waren, ließ sich nicht verkennen, dass Onkel Alfons und mein Vater eine schwere Auseinandersetzung hatten.
Nach einer knappen halben Stunde kamen sie heraus. Willy schob Hilde zum Auto, während Alfons mich hieß, noch zu warten.
„Jetzt pass mal gut auf“, raunte er, „wenn irgendwas passieren sollte, irgendetwas Schlimmes, dann gräbst du dort, wo die Tomaten sind, dort drüben, beim Holunder.“
Mein Kopf wurde heftig in die bezeichnete Richtung gedreht.
„Hast du dat verstanden?“
„Hab ich.“
Während der Rückfahrt hielt Willy uns seine Brieftasche hin. Wo beim morgendlichen Tanken nur ein Zwanzigmarkschein steckte, war jetzt ein fingerdicker Block aus Hundertern zu sehen.
Willy schaffte einen Farbfernseher an.
*Meinen Eltern gehörte ein kleiner Betrieb, bei dem es sich ausweislich der Schrift auf dem Fenster um eine „Formschneiderei“ handelte. Was das bedeuten sollte, wusste kein Mensch mehr. Willy hatte das Geschäft von seinem Lehrherrn übernommen und alles so gelassen, wie er es angetroffen hatte. Lediglich Glühbirnen wurden manchmal gewechselt. Ferner galt das Dogma, dass gute Handwerksarbeit keine Werbung brauchte, sondern sich von selbst herumsprach, weshalb Annoncen oder eine zeitgemäße Schaufenstergestaltung gar nicht erst erwogen wurden. 1915, als er zur Welt gekommen war, stimmte das vielleicht noch. Meine Mutter, ein Vierteljahrhundert später geboren, bekam von seinen Ansichten oft Magenkrämpfe.
Als ich das Alter von fünfzehn Jahren erreichte, war der Ertrag des Geschäftes so weit gesunken, dass Willy auf die Frage, ob ich neue Hosen haben könne, einfach zu dem Ständer mit den nicht abgeholten Änderungen nickte. Anfangs war ich wütend, entdeckte aber bald, dass schwarze Anzüge mir sehr gut standen. Sie wurden zu meiner bevorzugten Kleidung.
*„Der Oberinnungsmeister ist gestorben“, sagte Vater und schob mir einen Brief hin.
„Aber die Adresse … Wie konnte er hier Innungsmeister sein, wenn er in Wuppertal gewohnt hat?“
„Er war da zu einer Tochter gezogen, die ihn versorgt hat, als es gesundheitlich nicht mehr so ging.“
Hilde merkte auf.
„Du wirst doch nicht zur Trauerfeier von diesem alten Zausel wollen?“
„Ich hab gedacht, dass Georg geht, im Namen der Firma.“
Die Teilnahme an der Beerdigung kostete mich einen ganzen Tag.
Auf dem Heimweg stieg an einem Vorortbahnhof ein Mädchen in den Zug, das ziemlich dick war und sich unmittelbar neben mich setzte, obwohl im Waggon sonst alles frei war. Ihr Körper presste sich fest gegen meinen.
„Du bist mir schon in der Stadt aufgefallen, wegen dem Schwarz, das du anhast, also eigentlich hat dich zuerst meine Freundin gesehen.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Der Anzug stammt von einem Kunden“, brachte ich schließlich hervor.
„Ich heiß Roxanne.“
„Wie kommst du zu dem Namen?“
Sie zuckte die Achseln.
„Besatzungskind.“
„Ich heiße Georg.“
„Claudia meint, du wärst mindestens zwanzig.“
Später tranken wir am Bahnhof noch Tee. Nach Hause kam ich erst um zweiundzwanzig Uhr. Mein Vater sah fern, und zwar alleine, was äußerst ungewöhnlich war.
„Wo ist denn Hilde?“
„Im Café Kreis. Sie hilft da aus. Wir haben zurzeit einen ziemlichen Engpass.“
Er schenkte sich nach.
„Ich brauche das Geld.“
*Im Januar 1979 fand ich im Keller, den ich zuvor noch nie betreten hatte, weil Hilde meinte, es gäbe dort Ratten, einen verdreckten alten Karton, der eine fünfzig Zentimeter hohe Hutschenreuther Porzellanfigur enthielt, die einen werbenden Kavalier darstellte. Nach der Verrottung des Kartons zu schließen, lag sie schon seit Jahrzehnten im Keller.
Ein Antiquitätenhändler gab mir für das Stück zweitausend Mark. Ich hatte vorher unseren Kunstlehrer befragt und konnte nicht betrogen werden. Fünfhundert Mark schenkte ich Hilde. Der Rest des Erlöses floss in eine Stereoanlage. Als Erstes stellte ich eine Kassette für Roxanne zusammen.
Sie wohnte in der Nähe des Theaters. Ihr Vater, ein Kanadier, saß in der Küche und las Zeitung. Er blickte auf.
„Sind Sie von der Kirche? Von irgendeiner Sekte?“
Das Zimmer von Roxanne war kaum möbliert. Es gab ein improvisiertes Bücherregal, einen Korbstuhl und zwei schwarz bezogene Matratzen mit vielen bunten Kissen. Die Wände waren bis zum letzten Winkel mit Bildern vollgehängt, die von kleinen Kindern stammten, Reproduktionen in Schwarz–Weiß, vermutlich einem Kalender entnommen.
Der Raum war überheizt, ich legte meine Jacke ab und setzte mich auf eine der Matratzen.
Roxanne ließ sich im Korbstuhl nieder und schaute auf mich herab.
„Du schwitzt.“
„Kann ich die Heizung kleiner stellen?“
„Auf keinen Fall, dann friere ich. Mach dir‘s doch leichter.“
Ich zog Schuhe und Hosen aus.
„Jetzt leg dich hin.“
Sie steckte eine Kerze an und zog den Korbstuhl zur Matratze.
„Mach die Augen zu.“
Ich hörte ihre Hausschuhe auf den Boden fallen.
„Die Unterhose.“
Es knarzte, als Roxanne sich in den Korbstuhl lehnte. Sie packte mich mit ihren Füßen an und spielte.
*Während ich X von Klaus Schulze hörte, kam plötzlich Willy in mein Zimmer.
„Du hilfst doch samstags an der Imbissbude...“
„Alle vierzehn Tage. Und?“
„Was du da kriegst, lieferst du künftig bei mir ab.“
„Kommt nicht in Frage.“
Der Geschäftsmann kehrte mürrisch zu seinem Farbfernseher zurück.
*Es war irgendwann im Laufe des Aprils, als ich bei Roxanne zum ersten Mal Claudia traf. Sie hatte langes schwarzes Haar und glusend schwarze Augen, die unruhig meine Hände taxierten.
Roxanne ließ uns allein.
Claudia horchte an der Tür, ob ihre Freundin sich tatsächlich entfernte, und bat mich, auf die Straße zu schauen.
Für ein, bis zwei Minuten war textiles Geraschel zu hören.
„Jetzt kannst du wieder gucken.“
Ihre Kleider waren im Zimmer verstreut, sie lag auf einer der Matratzen, das Deckbett bis ans Kinn gezogen.
,Ich …“
„Roxanne hat es erlaubt.“
*Seit ich es von mir gewiesen hatte, ihm meinen Lohn vom Imbiss abzutreten, wurde ich von Willy geschnitten.
„Mach dir nichts draus“, meinte Hilde, „er wird ja bald verrentnert. Zwei Jahre noch, und dann ist Schluss.“
Ich nahm die Tüten mit den Änderungen, die an Kunden auszuliefern waren.
„Was auch passieren sollte“, sagte meine Mutter, „eines musst du wissen, Georg: ich hab dich immer lieb.“
*Die letzten Prüfungen zum Schulabschluss waren Ende Mai bewältigt. Plötzlich hatte ich viel Zeit. Da meine Eltern am Tag in der Werkstatt waren, brauchten meine Freundinnen und ich uns nicht vor Störungen zu fürchten.
Eines Tages erschienen die Mädchen mit einem gebeugt gehenden Jungen bei mir.
„Helmut“, berichtete Claudia, „ist aus seiner Band geflogen. Am Freitag hat er noch im Klangtunnel gespielt.“
Er wirkte krank, das Gesicht war fahl und glasig, dazu roch er nach Bindemitteln.
„Bist du Maler?“, fragte ich.
„Maler– und Lackiererlehrling.“
Vermutlich ging sein schlechtes Aussehen auf die Farbdämpfe zurück. Er hatte sich am Vormittag zwei Schallplatten gekauft, ohne sie sich vorher anzuhören. Beides waren Neuerscheinungen bekannter Gruppen, von denen ich auch Verschiedenes besaß.
„Da drüben steht der Plattenspieler.“
*Die beiden Alben gefielen uns nicht, sie boten nichts Neues.
Ich hatte genug, sprang aus dem Sessel und schlug rhythmisch gegen die Stahlblechverkleidung des Ofens. Auf einmal waren alle in Bewegung, machten Geräusche mit den Möbeln, Löffeln, Tassen. Ich holte zuerst eine alte Gitarre aus dem Schrank, die bloß noch über zwei Saiten verfügte, dann die verbliebenen Röhren meines Kinderxylofons und aus der Küche Willys Werkzeug.
Den Kassettenrekorder versah ich mit zwei Mikrofonen und erzeugte bei der Aufnahme durch gezielte Übersteuerungen schwere Sinustöne, während die Mädchen mit den unterschiedlichsten Dingen einen Rhythmus erzeugten und Helmut entweder mit einem Kleiderbügel die Saiten der Gitarre strich oder auf der Pfeife unseres Teekessels spielte.
Am Ende waren drei Lieder entstanden, die eine Länge von insgesamt vierzig Minuten hatten.
Die Lieder nannten wir Horror, Terror und Mirror. Helmut und ich erstellten Kopien auf Tonbandkassetten, die wir an Rundfunksender und Plattenfirmen schickten.
Nach einigen Wochen schrieb mir ein Herr Kopp, der zwar selber nicht bemustert worden war, aber auf einem niederländischen Sender Kostproben gehört hatte.
Kopp war Besitzer eines kleinen Kölner Labels namens DTS–Records.
Ende November besuchten wir ihn.
„Also, dieses Mirror … das ist ein Sound, der durch die Wände geht. Kurzum: Ich würde das gern bringen.“
„Was denken Sie sich denn als Vorschuss?“, fragte Claudia.
Kopp machte ein wägendes Gesicht. Er war um die dreißig und hatte kurze, weißgefärbte Haare, die ihn wie eine künstliche Erscheinung wirken ließen und einen komischen Kontrast zu seinem biederen karierten Jackett bildeten, das er bestimmt vom Flohmarkt hatte.
„Bevor wir hier über Vorschüsse sprechen, müssen wir erst mal was anderes klären. Die Frage ist nämlich: kriegt ihr das auch vor Publikum hin? Unter Druck in einem Studio?“
„Wir haben klare Notationen“, behauptete Roxanne.
*Man muss es beim Tod in die Tagesschau schaffen.
*Willy saß in der Werkstatt am Schreibtisch und starrte an die leere Wand.
„Deine Mutter ist weg“, murmelte er und zeigte auf das Telefon.
Der Anrufbeantworter blinkte.
„Willy, hier spricht Hilde. Georg ist erwachsen, ich habe keine Pflichten mehr. Herr Kreis hat das Café verkauft. Ich liebe ihn. Wir gehen nach Amerika. Adieu.“
Ich löschte die Nachricht.
„Meine Mutter ist nicht weg, nur deine Frau.“
*Der erste Brief, den ich 1980 erhielt, kam von einem Anwalt.
Onkel Alfons war am Tag vor Weihnachten in Günzenich gestorben. Er hinterließ mir seinen ganzen Besitz: das Fachwerkhaus, die Äcker und ein Festgeldkonto auf der Stadtsparkasse Aachen, von dem ich notfalls jahrelang hätte leben können.
Der Anwalt lehnte sich zurück.
„Nehmen Sie das Erbe an?“
„Natürlich … Aber mich wundert ein bisschen, wieso gerade ich bedacht worden bin. Hatte er keine eigenen Kinder?“
„Doch, einen Sohn. Karl Graf, Ihr Cousin, hat sich aufgehängt, das ist aber schon lange her. Man sagt, er wäre in den Tod getrieben worden, weil er die Absicht hatte, dem angestammten Günzenicher Schreiner Konkurrenz zu machen. Das stimmt aber nicht ganz.“
„Was war denn tatsächlich der Grund?“
„Ich musste Ihrem Großonkel versprechen, das als Geheimnis zu behandeln.“
2005
Berlin–Neukölln.
Am vierten Februar 2005 war Harald Kopp gegen acht Uhr mit einem Kleinbus auf dem Hof vor unserem Hinterhaus in der Silbersteinstraße eingetroffen. Wir hatten während des Winters unser elftes Album eingespielt, das am Abend in München präsentiert werden sollte. Unser Flug ging ab Tegel.
Helmut war erst zehn Minuten vor dem Erscheinen Kopps aufgetaucht. Er kam von einer Party in Kreuzberg und klagte über Katersymptome.
„Mir reicht‘s, wenn du heut Abend wieder frisch bist“, maulte Kopp und drängte zur Eile.
Das Wetter war seltsam, es sprang in kurzen Intervallen zwischen einem Stöbern abgemähter Sonnenflammen und verrußtem Regen hin und her, der nach Berliner Kohleöfen roch.
Das Gepäck wurde verladen. Kopp überprüfte die Vollständigkeit. Er war inzwischen nicht mehr Label–Chef, sondern unser Manager. Seine DTS–Records und deren Rechte an uns hatte er an einen Mischkonzern verkauft, der am Marlene–Dietrich–Platz seine deutsche Repräsentanz unterhielt.
Helmut und ich saßen hinten im Wagen, Claudia mit dem Gepäck in der Mitte und Roxanne vorn neben Kopp. Helmut roch nach Party. Er hatte sich eine Dose Bier mitgenommen, um seinen Kater zu bekämpfen, riss sie aber so ungeschickt auf, dass der lauwarme Inhalt weiträumig umherspritzte und die Kabine mit seinem schalen Aroma durchtränkte.
Mir wurde flau.
„Könnt ihr mal kurz Durchzug machen?“
„Da vorn kommt ein Bäcker“, meldete Kopp, „du musst ein bisschen Weißbrot essen, das fährt den Kreislauf sofort wieder hoch.“
Die Verkäuferin machte mir Brötchen. Ich war alleine in die Bäckerei gegangen. Die anderen warteten im Kleinbus vor dem Nachbargrundstück. Der Flugplatz war noch nicht zu sehen, ansonsten rollte mittlerer Verkehr. Gegenüber erhoben sich Wohnblocks der Wiederaufbauperiode. Ich überlegte, ob ich eine Flasche süßen Sprudel kaufen sollte.
Plötzlich brach ein Zementtransporter ohne ersichtlichen Grund aus der Spur, knallte auf unseren Kleinbus und drückte ihn in das Nachbarhaus. Als ich aus dem Laden trat, war von dem Gebäude bloß noch eine Trümmerdüne übrig.
*Von den Hausbewohnern kam niemand zu Schaden, sie waren alle unterwegs gewesen. Von den anderen überlebte nur Helmut. Die zahlreichen Gepäckstücke waren beim Aufprall nach hinten geflogen und hatten ihn geschützt. Er wurde in die Charité eingeliefert. Man sagte mir, dass er die rechte Hand verloren hätte und seine Funktionsfähigkeit eingeschränkt sei. Als ich nach Tagen endlich die Erlaubnis zu einem Besuch bekommen hatte, fing mich der behandelnde Neurologe direkt vor Helmuts Türe ab.
„Ich würde Sie gern kurz in meinem Zimmer sprechen.“
„Ja.“
In diesen Tagen sagte ich nicht viel.
Als wir an seinem Schreibtisch saßen, kratzte er sich verzweifelt die Stirn.
„Ich habe noch nie ein solches Krankheitsbild gesehen. Das Langzeitgedächtnis hat sich in einen Archipel aufgelöst. Er weiß den Namen seiner Mutter, weiß aber nichts von Helmut Schmidt. Er glaubt, dass Reagan US–Präsident ist, hat aber auf Fotos Bill Clinton erkannt. Auch das Space Shuttle kennt er, allerdings nicht CD und Mikrowelle. Berlin ist Deutschlands Hauptstadt, doch als ich ihn fragte, wo sich der Sitz des Bundestags befindet, hat er gesagt, der würde sich im Bonner Wasserwerk versammeln.“
„Hat das was mit dem Koma zu tun?“
„Ich habe keine Ahnung. Irgendetwas fehlt. Die Korrelation der Daten ist blockiert.“
„Wurde er am Kopf verletzt?“
„Ja, aber eigentlich nicht weiter schlimm. Der Schädel ist am Stirnbein punktförmig eingedellt worden, um zwei bis drei Millimeter. Das kann auf keinen Fall die Ursache sein.“
„Wie lang wird das so bleiben?“
„Ich wüsste nicht, wie das behandelt werden sollte. Alles spricht dafür, dass diese Ausfälle dauerhaft sind. Sein Zustand wird sich nicht mehr bessern. Realistisch gesehen ist es so, dass er unmöglich in Berlin bleiben kann, außer in Verwahrung. Sonst wäre es lebensgefährlich. Er kennt die Hälfte unserer technischen Einrichtungen nicht. Am besten wäre, er käme aufs Land.“
„Ich hab im Westen ein Häuschen geerbt. Mein Vater wohnt dort.“
„Und wie stehts mit der Betreuung?“
„Es gibt eine Schwester.“
„Schön, dann ist es machbar. Ich kann ihm bloß noch die Sache mit der Hand erleichtern. Ich schicke Enkes für vier Wochen in die Reha.“
Der Neurologe kratzte sich wieder.
„Dieses Gespräch ist deshalb nötig … es könnte sein, dass Sie Herr Enkes nicht erkennt.“
„Ach so.“
Ich ging auf Helmuts Zimmer.
Er lag im Bett und hörte Radio. Die Hälfte des rechten Unterarms fehlte. Einen Moment lang betrachtete er mich, als bräuchte ich bloß mit den Fingern zu schnippen, um ihn wiederherzustellen. Dann merkte ich, dass sein seltsamer Blick wohl die Folge von Beruhigungsmitteln war. Er setzte seine Brille auf.
„Georg … schön, dass du da bist.“
*Als ich vom Krankenhaus zurückkam, fand ich eine E–Mail der Musikfirma vor: Ich möge mich beim Hausjuristen melden.
„Gut, dass Sie gleich anrufen, Herr Graf. Ich habe leider schlechte Nachrichten. Die Hinterbliebenen von Frau Zeschke und Frau Wells haben eine Einstweilige Anordnung erwirkt, nach der das gemeinsame Honorarkonto der Gruppe bei uns bis auf weiteres gesperrt worden ist.“
„Was denn für Hinterbliebene? Ich bin ja wohl am schlimmsten betroffen, wir waren fast unser ganzes Leben zusammen.“
„Für das Gericht ist das nicht relevant. Sie sind ja mit den beiden nicht verheiratet gewesen. Wissen Sie, ob Testamente existieren?'
„Keine Ahnung. Und was passiert jetzt weiter?“
„Ein Wirtschaftsprüfer soll ermitteln, was von dem Konto Ihnen und Herrn Enkes zusteht und was den Angehörigen.“
„Wie lange dauert so was denn?“
„Verbindlich lässt sich das nicht sagen.“
*Um auf andere Gedanken zu kommen, schaltete ich den Rechner ein und setzte die Arbeit an einem PC–Spiel fort, dem ich den Titel Attentat gegeben hatte.
Der Spieler musste Lücken in den Sicherheitsmaßnahmen historisch belegter Tyrannen finden und sie ins Jenseits befördern. Je schneller er das schaffte, desto größer war die Punktzahl. Stellte der Spieler sich aber ungeschickt an, so zählte dies für den Gegner als Warnung und erhöhte dessen Sicherheitsniveau.
*Ich war mechanisch durch Neukölln gewandert, wobei die minimal glimmenden Straßenlampen meine Trauer noch vergrößert hatten. Gar kein Licht wäre besser gewesen, und ich war schon entschlossen, den Heimweg anzutreten, als ich Revuemusik aus den 40–er Jahren hörte. Ich folgte ihr zum Ursprung.
In der Kneipe gab es eine U–förmige Theke, die senkrecht zur straßenseitigen Wand installiert war. Ich setzte mich an das vom Eingang entferntere Ende, wo ein klobiges französisches Münztelefon für zusätzliche Deckung sorgte.
Die beiden Wirtinnen hatten den Service unterbrochen und tanzten miteinander. Die eine hatte ein hartes Gesicht, das mir irgendwie missgünstig vorkam, und trug Mode aus den 80–ern auf. Ihre schwarzhaarige Tanzpartnerin dagegen präsentierte sich in einem schwarzen Kleid, das perfekt zu der Revuemusik passte, und war im Übrigen so zart und blass, wie ich es bis dahin nur in dem Stummfilm Kassandra bei Louise Brooks gesehen hatte.
Ich ließ mir einen Rotwein geben.
Neben dem Telefon hing der gerahmte Druck eines Dali–Gemäldes. Ich kannte das Gemälde nicht, obwohl ich mehrere Bücher über sein Werk zu Hause hatte. Links Gala als sitzender Akt, rechts Gala als liegender Akt, beide in einer saugenden Landschaft schwebend, über der Apollon wachte, aus dessen Haar zwei Tiger zum Sprung auf die arglosen Frauen ansetzten.
*Ich nutzte die Zeit, in der sich Helmut im medizinischen Mahlstrom befand, um Attentat voranzutreiben. Am Tag der Fertigstellung ging ich wieder in die Emser Straße.
Der schwarzhaarigen Wirtin war ich ein Rätsel.
„Was willst du hier? Wartest du auf jemanden?“
„Ich höre gerne menschliche Stimmen.“
„Wieso gerade hier?“
„Wegen der Musik, die aus dem Fenster kam. Gewöhnlich sitze ich in einer Zelle im 36. Jahrhundert. Da gibt es so was nicht. Man hört dort nur Sachen wie Radio Fritz.“
„Das musst du mir erklären … Ich komm mal zu dir rum.“
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