Leseprobe

aus Reinhard Rakow: Atempause. Roman (Auszug aus dem ersten Teil)


Der Berg

„Seit meinem dritten Schuljahr maß mein Schulweg anderthalb Fußkilometer. Die Schule, in die ich eingeschult worden war, sie lag einen Katzensprung vom Haus der Eltern entfernt, hatte ein Geschäftsmann der Gemeinde abgekauft, und die Herren im hiesigen hatten sich mit den Herren im benachbarten Rathaus auf eine Vergrößerung der dortigen Schule verständigt; wir Kinder hatten davon nichts mitbekommen, und selbst die Älteren taten erstaunt. Der größte Teil des neuen Weges bestand aus einer schnurgeraden gepflasterten Allee, gesäumt von riesigen Linden, neben der, zur Talseite hin, kleine Einfamilienhäuschen aufgereiht standen, Flüchtlingssiedlung sagten die Eltern, nach dem Kriege erbaut von Zuzüglern aus Schlesien und Pommern, die sich über die Jahre so stark vermehrt hatten, dass sie meinten, den Bau einer katholischen Kirche verlangen zu dürfen, während auf der gegenüberliegenden Seite, jenseits der parallel fluchtenden Landstraße, die die beiden Orte verband, begrünte Hügel sich auftürmten, zwei–, dreihundert Meter hoch über zu kurzer Basis, also steil, Hügel, die sich hier von Matten aus Gräsern und Kräutern bedeckt zeigten, doch wir wußten, jenseits des Blicks säumten Fichten und Kiefern die Höhen und Arbeiter schlugen Bäume oder brachen Sandstein in riesigen Quadern aus dem Grund; manchmal, wenn es im neuen Klassenzimmer still war, konnten wir das Jaulen der Motorsägen hören oder das Grollen der Sprengungen, und ich dachte, der Berg schreit und er stöhnt und dann droht er, ein gemarterter Riese, dem man bei lebendigem Leib Batzen von Fleisch mit grobem Messer heraustrennt. Ich war ein braves Kind und pünktlich zu Hause. Eines Tages, die beiden letzten Stunden waren ausgefallen, ich trottete, am Ranzen schwer leidend, dem Hauptfeld der unbotmäßig leichten hinterher, nahm ich mehrere hundert Meter hinter dem Schulgebäude nicht, wie üblich, den Zebrastreifen, um links auf die Allee zu gelangen, die mich nach Hause, auf den Kartoffelacker, geführt hätte, sondern bog rechts ab auf einen Trampelpfad, der sich fußbreit den Hügel hinaufschlängeln zu wollen den Anschein machte; er hatte meine Aufmerksamkeit schon oft angezogen. Es war Oktober und dichter Nebel lag im Tal, die Novemberfröste anzukündigen. Das Gras, das in langen, kopfschweren Halmen den Pfad von beiden Seiten fast überdeckte, hing voll dicker Tropfen, und durch die Riemen der Sandalen hindurch wurden Strümpfe und Füße klatschnass. Ich wog zu viel und begann bald zu schwitzen, wagte aber nicht, den Ranzen abzulegen. Gerade als ich, in der feuchtfahlen Luft schwer keuchend, zu bemerken begann, dass ich kaum voran kam und deshalb beschloss, bei der nächsten Kurve, von der aus der Gipfel nicht zu erkennen sein würde, wieder umzukehren, brach die Sonne durch … –

Wenn man unterwegs ist, durchschreitet man Raum und verbraucht Zeit. Bei langen Reisen ist das offenkundig. Meist aber nimmt man nichts davon wahr. Man lebt sein Leben, man trottet vor sich hin, den Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Bäcker, zurück, hin, und wieder, und wieder, die Tage vergehen und werden sich ähnlich und nichts, überhaupt nichts geschieht. Ein Bewusstsein für Vergangenes, für Vergänglichkeit, stellt sich oft erst dann ein, wenn Ereignisse besonderer Qualität sich in unsere Erinnerung eingegraben haben, lustvolle vielleicht, leidvolle gewiss. Eine Vergangenheit, die erkämpft, erlitten wurde, prägt sich tiefer ein als eine scheinbar belanglose und wird von uns eher als wertvoll wahrgenommen als eine, die ereignisarm verfloss. Vielleicht ist das ja der Grund für den gegenwärtigen Verlust an geschichtlichem Bewusstsein in unserer Gesellschaft: dass alles so dahin plätschert – dahinplätschert wie Flut in Stereo und in 16 auf 9 im Fernseher eben plätschert. Man will gar nichts mehr Vergangenes wissen, es plätschert doch auch ohne Erinnerung alles so schön. Bei uns Individuen jedenfalls beobachten wir das schon: dass Erinnern besonders leicht und effektiv funktioniert, wenn es mit Ereignissen verbunden ist, die einen hohen emotionalen Stellenwert haben. Der Weg den Hang hinauf, den ich beschrieben habe, und dass oben ein Botanischer Garten angelegt war, in dem eine Bronzeskulptur stand, und dass ich mich ein Jahr später dort mit einem Mädchen traf mit leichtem Sommerkleid und dünnen gebräunten Armen, hatte ich jahrzehntelang vergessen. Bis, vor einigen Jahren, mich mein Auto den Hügel hinauf kutschierte, von einer anderen Seite aus, auf einer breiten neuen Asphaltstraße, und die endete, wo einstmals der Botanische Garten Verliebte angezogen hatte, auf einem Friedhof, frisch gepflügt, auf dem sie einen begraben hatten, der mir nahe stand.

Dabei bedarf die Veränderung an sich weder besonders langer Zeit noch besonders langer Strecke noch besonderer Ereignisse. Etwas passiert immer. Etwas verändert sich in jedem Augenblick, und sei es nur, dass unsere Zellen altern, oder dass draußen das Gras wächst, dass eine Einstellung sich ändert, in uns oder anderen, dass Träume sterben oder Träume entstehen. Meist bemerken wir es nur nicht: etwas geht allmählich zu Ende. Ein anderes, entstanden, gewachsen, ohne von uns bemerkt zu werden, greift Raum. Lebenslinien kreuzen sich. Die alte Schule schließt, die neue ist bereits erbaut. Einer verabschiedet sich, einen anderen lernen wir kennen. Ein Lebensabschnitt endet, eine neue Perspektive tut sich auf. Wir sind immer unterwegs, auch wenn wir es nicht wahrnehmen, selbst, wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Unsere gesamte Existenz ist kontinuierlich: Veränderung. Meist still, meist unspektakulär sind wir auf der Reise vom ersten Atemzug an und wenn wir vielleicht auch nicht das Ziel vor Augen haben, so wissen wir, dass wir gar nicht anders können, als unterwegs zu sein – der Weg ist uns Ziel. Wenn wir das erkennen, und wenn wir beginnen, uns darüber Gedanken zu machen, dann, dafür spricht vieles, haben wir unseren Lebenswendepunkt bereits erreicht oder schon überschritten – für den, der meinen darf, alles vor sich haben, sind Unterwegssein, der Lauf der Zeit und Vergänglichkeit noch kein Thema.“

Nach dem Niederschreiben jener Zeilen hatte eine tiefe Erschöpfung sich seiner bemächtigt. Er starrte aus dem Fenster, den Blick gerichtet auf einen imaginären Fluchtpunkt, dem alles, was war, sich unterordnete. Die Dinge hatten ihre Bedeutung verloren, die Zeit, die ihm sonst knapp und kostbar erschien, spielte keine Rolle mehr; es musste, als er das Zimmer betreten hatte, um, mit einer Geschäftigkeit, die er sich selbst vorspielte, am Schreibtisch Platz zu nehmen, gegen halb acht gewesen sein – jetzt zeigte die Uhr kurz vor elf, ohne dass er sich auch nur geregt hätte … Die Stunden waren nutz– und ereignislos vergangen wie sein bisheriges Leben. Es war an der Zeit, die Augen nicht länger zu verschließen: ein Durchbruch würde ihm nicht mehr gelingen … ihm, der bereits an einer Aufgabe so lächerlich geringen Zuschnitts zu scheitern drohte, nein, scheiterte … ein Scheitern auf niedrigem Niveau … auf niedrigstem … am Verfertigen eines Vorwortes … eines jener Vorworte, die er schon hundertfach verfasst hatte, gleich zu welchem Thema, Gebt mir ein Stichwort und eine halbe Stunde Zeit, zu recherchieren, und ich werde das Thema, wie immer es laute, geistig so tief durchdrungen haben, dass ihr in weniger als einer Stunde einen brillanten Essay vorliegen haben werdet, stilbewusst, in wohlgesetzten Formulierungen, dabei wissenschaftlich fundiert, die einzelnen Positionen trefflich pointierend, sie geistreich hinterfragend, ein Feuerwerk von Apercus, ein Monolith aus Wissen und Wort … – und all seine Erzählungen, jene Schlacken des Selbst, die vom Grund sich ablösten, wenn er sich fallen ließ, aufschwammen, bis sie die Oberfläche eines stillen smaragdgrünen Sees vollständig bedeckten, krustig verhärtet wie Erinnerungspartikel … die aus der Hitze der Nacht ins dampfende Eis des Tages gestürzt sind … Traumsplitter … Steinembryonen, die in ihrer Winzigkeit darauf warteten, der Tiefe des Vergessens entrissen, entbunden, geboren zu werden, auf die Welt zu kommen, ein neues Leben zu beginnen im Licht … im Licht der Sprache, der Zwiesprache – wie oft hatte er sie abgeschöpft, Wort für Wort, Splitter für Splitter sorgsam aufnehmend mit bloßen Fingern, nicht achtend der Schärfe der Kanten, der roten Rinnsale, die sie an den Kuppen von Zeigefinger und Daumen entspringen ließen, behutsam, dass auch keines verloren ginge, jedes einzelne wägend und prüfend auf seine Güte und Wahrhaftigkeit, andere wieder mit großzügig geöffneten Händen erfischend, die Käscher wieder und wieder wahllos im Wasser wedelnd, um endlich mit sicherem Instinkt für den richtigen Augenblick zuzuschlagen … vielleicht waren Seesterne rar, und seltener noch Muscheln, die Perlen bargen … kostbare Worte, Pretiosen aus Sprache und Klang … doch verwertbar war die Beute allemal gewesen … anders als jetzt … jetzt fehlten die Worte … nein, nicht die Worte.. die Hände … fehlten … er war armlos … unfähig, Worte zu fassen, zu greifen, unfähig, des Sees der Gedanken, der sie trug, habhaft zu werden … aus ihm zu schöpfen … die Haut seiner Wässer mit den Kuppen seiner Sinne zu erspüren, sie zu berühren …

Er wußte von Schriftstellern, wirklichen Schriftstellern, die, sobald sie das Herannahen einer Schreibblockade erkannten – und schon die Leistung, diesbezüglich ein untrügliches Sensorium entwickelt zu haben, machte den Unterschied aus, der sie in die Arena, ihn auf die Tribüne zu verweisen rechtfertigte –, ihre jeweilige Gegenstrategie erfolgreich anwandten: manche reisten in fremde Städte oder Länder, manche besuchten Museen, Konzerte, Kinos, manche ertüchtigten sich körperlich, all dies rationalisierend mit beliebig austauschbaren Formeln wie der von der Leere der Akkus, die gefüllt werden müssten, oder dem angeblich aus dem Gleichgewicht geratenen Haushalt der Kräfte, in Wahrheit: um dem Eingeständnis des Versagens zu entgehen; dieses Eingeständnis war die eigentliche Gefahr, das Sich–Aufgeben … und so wichen sie, die lähmende Kraft des Anblicks der eigenen Niederlage antizipierend, aus auf weitläufige, Zeit fressende Umwege, die anderen die Gefahr bereitet hätte, sich zu verrennen, von ihnen jedoch in der aus der Souveränität des wahren Könners genährten Hoffnung gewählt worden waren, dort einen neuen Weg zum Ziel zu finden, jeglichen Blick zurück auf die Irrwege der Vergangenheit angestrengt meidend, um nicht doch noch zur Salzsäure zu erstarren. Manche aber – und dieses Verfahren faszinierte ihn, seitdem er von ihm gehört hatte – horchten, sobald sie bemerkten, dass der Schimmel des Stillstands auf sie überzugreifen begann von den feuchtweißen Wänden ihrer Behausung … (noch bevor das Mycelgespinst sie erreichte, ihre Knochen überzog, erst die der Füße, dann der Schenkel, die grünweiß fielen und mürbe …) in sich hinein, lauschten … nach einem schwachen Echo … von Steinegriesel … von losem Geröll … von Felssplittern, Kieselsteinen … von Steinen … Lawinen … und griffen nach ihnen und hielten sie fest und schrieben sie nieder, erst zögernd, unsicher, bald aber wissend, formend, die Lava, die nach den Eruptionen heiß strömte, aufnehmend, der Glut freudig Bahnen bereitend, sie zum Auskühlen in Formen zu leiten, Hymnen, Oden gestaltend … Gedichte … Er hätte Gedichte schreiben können … nein, schreiben
sollen … schreiben müssen … Als er nicht mehr weiter wusste, hätte er Gedichte schreiben müssen, es hätte ihn gerettet …

Es war zu spät für Gedichte. Er hatte die Chance nicht ergriffen, das Echo der Steine, das einem Ausbruch vorangeht, anschwellen zu lassen, ihm nachzuspüren, ihm nachzugeben. Sein Denken kreiste seit Wochen um nichts anderes als jenes Vorwort. Als der Fluß des Schreibens stockte, hatte er sich zunächst alltäglichen Verrichtungen hingegeben, die ihrer Beordnung harrten wie das Ausfüllen dieser und jener Formulare, das Zusammenstellen von Belegen und ähnlichem mehr, das aufzuschieben das Leben üblicherweise mit Nachsicht zu ahnden pflegt. Sein Plan, anschließend früh zu Bett zu gehen, wurde durch die Idee vereitelt, dass, wenn sein Text angenommen würde, dies zugleich die Hoffnung auf mehr umfasse, einschließlich der Aussicht auf Folgeverträge – der zuständige Mitarbeiter hatte ihm schon vor Monaten in Aussicht gestellt, dann auch über sein Romanmanuskript mit ihm zu verhandeln –, und so hatte er die Stapel bearbeiteter Papiere beiseite gelegt, einen Kaffee aufgebrüht und sich dem Computer zugewandt. Er hatte den Text, so weit der stand, wiederholt gelesen, da und dort eine Formulierung geändert, dieses oder jenes Wort gestrichen oder hinzugefügt: Petitessen, die das Erreichte nicht tangierten und vor allem: nicht darüber hinaus wiesen. Ein Absatz müsste folgen, das schien zwingend, danach ein neuer Gedanke, eine Ausdeutung des letzten wahrscheinlich: „ – für den, der meinen darf, alles vor sich haben, sind Unterwegssein, der Lauf der Zeit und Vergänglichkeit noch kein Thema.“ Einige Male hatte er angesetzt, war aber über wenige Worte, die er nach einer Weile des Sinnierens verwarf und vom Bildschirm löschte, nicht hinausgekommen. Es musste etwas Großes sein, eine überraschende Volte, eine, deren nicht zu übertreffende Kühnheit und Eleganz den Lektor frappierte … Er hegte, wie er mit einer von ihm erstaunt registrierten Mischung aus gelindem Erschrecken und kühler Gelassenheit wahrnahm, nicht den geringsten Zweifel daran, dass das Erreichen des Ziels, den Verlag mit diesem seinen Vorwort zu überzeugen, seiner Existenz zu der Wendung verhülfe, auf die er die letzten Jahre hinarbeitete, von der er besessen war, bedeutete sie doch die einzige Möglichkeit, der Nutzlosigkeit zu entgehen, die seine Tage prägte und seinem Restleben, änderte er nichts, bevorstand, die einzige, es mit neuem Sinn zu erfüllen: zu schreiben … An diesem Vorwort würde es sich entscheiden … Es musste gelingen … Er las noch einmal … und noch einmal … Das Licht der Fenster schälte sich aus der alles umfangenden Schwärze der Nacht und begann, die Konturen der Zeichen auf dem Bildschirm milchig zu verwischen; er vergewisserte sich, ob die Zeilenschaltung, die er nach dem letzten Satz angefügt hatte, noch vorhanden war, speicherte den Text und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

In den folgenden Tagen hatte er vieles versucht, dem Kreisen seiner Gedanken ein Ende zu bereiten. Er blätterte in Zeitungen und schnitt Artikel aus, von denen er annehmen wollte, sie seien wert, in einem eigens für diesen Zweck neu angelegten Ordner gesammelt zu werden. Er spielte CDs ab, die er noch nicht oder lange nicht mehr gehört hatte. Er ordnete seine Bestände an Vinyl–Schallplatten und die im letzten halben Jahr gekauften Bücher. Er düngte Zimmerpflanzen. Er heftete Kontoauszüge ab, brachte die Software auf den neuesten Stand, putzte Fensterbänke und Türklinken, zog Uhren auf, sah Fotoalben durch, sortierte den Inhalt seiner Schreibtischschubladen, kochte zu Mittag, brachte seinen Wagen zur Wäsche, ging zum Friseur, überhaupt: ließ nichts unversucht, um sich der Aufgabe nicht stellen zu müssen; vielleicht, suchte er sich zu beruhigen, sei das Zuviel an bis zum Abgabetermin verbleibender Zeit der eigentliche Grund seines Müßiggangs, hatte er doch schon als Schüler am zuverlässigsten unter Zeitdruck gelernt, auch im Studium hatte sich die Erkenntnis, unter Druck zu guten und sehr guten Leistungen fähig zu sein, bestätigt und in seinem jetzigen Beruf zeigte er sich, wann immer die Zeit knapp wurde, fähig, große Energien aufzubieten – was also sollte sich daran geändert haben? Mit fortschreitender, sich verkürzender Zeit würde der Druck wachsen und der Text sich quasi von selbst schreiben. Es schreibt mich, Rimbaud …, so hoffte er … doch die Zweifel nagten …

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