Leseprobe
aus Ulrike Gies: Amortissimo
Gott macht Licht. Und all die Wesen und Dinge, ach, die weiten Räume, wir sollen sie mit Wörtern füllen. Ich du er sie es.
Ein Hund ein Haus ein Regenschirm.
Heute ist der sechzehnte März, Menschenrechnung, ich nehme mir unsere Aufzeichnungen vor, Luises / meine.
Der Anfang trägt schwer, Leser, aber Geduld, das Ende wird schweben. ‘Komm, komm ohne Säumen, / Du Zeit, von der wir träumen!
Ich glaube, daß ich nicht weiß. Ich hoffe es. Spekulationen über den Tod: Das einzige Erwachen ist das letzte Erwachen.
Noch schlafe / lebe ich also. Bin nie ganz wach, nie ganz in der Vergangenwartkunft eingeschlossen / ihr aufgeschlossen, so nie der ganzen Wahrheit ausgeliefert, denn das hieße: ohne Hoffnung ohne Illusion. Und das Dach der Fontanelle abgedeckt, klaffendes Haus des Bewußtseins, so ist es, tot zu sein, ich ahne es. Diese Ahnung ist die gedachte Summe von Erfahrungen, die sich tatsächlich noch nicht summiert / zum Tod verdichtet haben, wegen der Ungleichzeitigkeit nämlich, wegen des Wechselspiels / –kurses des Lebens, die Endsumme, die Wahrheit, steht also aus. Insofern, Ingeborg Bachmann, irren Sie: Die Wahrheit ist den Lebenden eben nicht zumutbar, denn die Wahrheit trifft im Augenblick des Todes, und noch leben wir ja, unbewußt, atmend, essend.
Am Anfang war das Bild. Erst sehen wir den Berg, dann nennen wir ihn Berg, dann glauben wir, ihn versetzen zu können.
Das gleiche gilt für Trümmerhaufen. Glaube Hände Schaufelbagger Schreibmaschine.
Aber der Regen kommt auch ohne Regengott, das Wild wechselt von allein, die Steine sind da.
Die schwarzen Oliven. Meine chinesische Hose. Adelia, die alles ahnte, der wir dann flohen, ich nahm nur Wein. Ügó mußte essen. Luises Finger stahlen Oliven von seinem Teller, dein Ärmel im Dressing, du hängst in der Soße. Nicht ich, sagte Ugö, nur mein Hemd. Nicht dein Hemd, sondern der Ärmel, die Manschette des Ärmels des Hemdes. So waren es die Wörter schon anfangs. Obwohl du ja glaubtest, die Dichtung sei schuldlos. Aber die Dichter.
Essig und Öl sind mir lieber. Neunhundert Anfänge, neunhundert Tage versteckt von der Sonne, dann heute, nein, gestern, gestern vergeht, der Abstand zum Gestern wächst mit dem Text, plötzlich ein blauer Tag im Oktober, die Hitze unglaublich, sie wird mir nicht den Herbst vergällen, ich kleide mich schwarz und vertreibe das Wetter so.
Die schwarzen Oliven, die gelbe Hose, wo sollen wir wohnen, wo bleibe ich heute, wo höhlen die neunhundert Tage, Luise.
Dach der Fontanelle, Dach der Illusion.
Die Trümmer der Liebe sieht niemand, und die Liebe nicht. Unfaßbarkeiten. Was ist ein Schriftsteller, fragte Ügó. Ein Töpferer von Textgefäßen vielleicht, darin er die flüchtige Essenz einer möglichen Wahrheit bewahren kann. Wort–Räume / Kriegs–Träume. Es ist der Krieg im Haus des Bewusstseins, da sind Schutt und Asche. Ich will aufräumen, umgestalten mit den Sprachwerkzeugen, einen Neuwortbau errichten, der standhält bis zum nächsten Sturm, bis zum nächsten Widerspruch.
Der Tod wohnt mir ein, vertraut wie ein Herzschlag, zur Sprache drängend, Wächter der Tage, Verstörer der Nächte, Traumsegen manchmal.
Und da geht Luise, in ständiger Begleitschaft, alle Wege führen, ja, wohin führen sie denn. Vorerst in den blauen Oktober, der paßt uns nicht. Hier sitzt der bosnische Bettler, in der linken Hand den Beinstumpf, in der rechten die Pappschachtel, dort, im Krankenhaus, lag Michael, Schaufler des Elends, da ist sein Grab.
Wie geht es deinem Freund, fragte Ügó.
Schlecht, sagte Luise.
Er ist tot, Ügó, seit drei Jahren, daß du es nur weißt.
Micha in the sky, summt Luise, aber es gibt nicht einmal eine Wolke da oben, verkehrte Unterwasserwelt, auf den Kopf gestellte. Sich winden, sich wiegen, sich eingliedern. Einwohner Tod, vertraut wie die Zunge im Mund, fremd wie die Wörter von damals, Ügó, obwohl sie noch immer die gleichen sind und ich noch immer die gleiche.
Guten Morgen, sagt der Zeitungshändler, so sagt er täglich, täglich bin ich gemeint, und es ist mein Morgen, den er mir gut wünscht.
Der beste Text ist der, der nicht geschrieben wird, den besten Text gibt es nicht, dieser Tatsache verdanken wir den ständig wachsenden Wortteppich über der Welt. Du sollst nicht schweigen. Du sollst nicht töten. Ich glaube an die Wörter, sie organisieren das Nichtwissen. Die Wörter sind der einzige Trost. Die Wahrheit kommt von allein, der Tod. Lebend nähern wir uns an, webend, trennend, wiederwebend / –belebend.
Ich lebe noch, das sagte ich schon. Sonst schriebe ich nicht. Der Text beweist mich. Ügó beweist er nicht, und auch nicht die Liebe, Ügó und die Liebe sind Zitate aus der Vergangenheit. Das, was fehlt, glänzt immerhin durch Abwesenheit. Und glänzt es nicht mehr, so schimmert es noch. Es schimmert zwischen mir und der Erde. Denn ich laufe auf Luftstelzen. Seltsam, daß ich mich kleiner finde als die Menschen neben mir.
Wer seine Rolle im Film sehen will, und natürlich ist es die Hauptrolle, selbst wenn einer nur einmal als Kellner durchs Bild läuft und sagt, es sei angerichtet, ohne zu wissen, was da angerichtet ist, – wer sich selbst sehen will, muß den Film verlassen und zum Zuschauer werden. Hinter den Fenstern der S–Bahn zieht die Stadt vorbei, Neubausiedlung, Spielplatz, Kunstteich, Großbaustelle, Haltestelle. Menschen drängen heran, bunte Jacken, Einkaufstüten, Hundeleinen, Kindermützen. Brückenpfeiler mit Fluß, Autoplatz, Bahnübergang, Altbaufassaden, zersprungene Scheiben, Leerstand.
Ein schönes Haus, sagte Ügó, wir werden es besetzen, wir machen kein Licht, damit niemand uns sieht, wir gehen mit den Hühnern schlafen, welche Hühner, und ausgerechnet du, Ügó, der du gegen die Wörter kämpfst bis morgens um sechs, na und, das ist kein Hinderungsgrund, auch Borges war blind, blind kann jeder, das hab ich von dir, ich hab‘s von Canetti, die toten Augen der Häuser, woher hast du das, ach, irgendwoher, aus einem Schmöker wahrscheinlich.
Es bleibt eine Lücke im Film, sie hat, naturgemäß, die Form des ihn verlassen Habenden.
Die toten Augen der Häuser. Ist das nun schlecht oder expressionistisch. Sowohl als auch, sagte Ügó. Oh, wie du mir fehlst, Genius an meiner damals gelben Seite.
Da ist diese Lücke, aber das macht nichts, die im Film verbliebenen Figuren bemerken sie nicht, wie ja auch du, Leser, dir nicht ständig bewußt bist, daß der Luftraum neben dir durch eine andere Person verdrängt werden könnte.
Die Zuschauer um mich herum, denn ich bin wohl nicht die einzige, die den Film verlassen hat, bemerken die Lücke ebenfalls nicht, da sie jeweils auf ihre eigene Lücke fixiert sind, die nämlich, die entstanden ist, als sie, die Hauptdarsteller, und wenn sie nur Kellner mimten, gleichviel, nichts mehr anzurichten, gar nichts, und nur noch zu schauen beschlossen hatten. Und wenn alle Figuren, ausnahmslos, den Film verließen. Was wäre dann. Dann wäre der Film beendet, es gäbe einen neuen Film im Zuschauerraum, aber Zuschauer gäbe es nicht mehr. Wie auch die Lebenden wohl den Toten nicht zuschauen können. Aber die Toten, was sehen sie?
Bewegung, sagte Ügó, Austausch, Wechselwirkung. Mach kein Wachsfigurenkabinett aus deinen Gedanken. Dieses ewige Sitzen am Schreibtisch schadet dir. Geh öfter hinaus, geh unter Menschen. Genieße das Leben.
Darauf verstand Luise sich schlecht.
Auf der Jagd nach des Lebens Sinn, und was war die Beute. Männer. Ich wollte sie ausweiden, tranchieren und portionsweise einfrieren, so daß da immer ein Vorrat an Liebe war. Was ist die Liebe, fragte Ügó. Immerhin fragte er. Warum reichen dir die Wörter nicht, fragt Katharina. Ich gerate in Verlegenheit. Die Wörter brauchen mich nicht. Ich wollte gebraucht werden, wollte die kalten Portionen tauen. Die Wörter sind polygam, sie hocken in vielen Köpfen und springen aus vieler Maschinen Tasten. Wenn sie zu mir kommen, wenn sie bei mir wohnen, ist es ein Gnadenakt. Die Wörter lieben mich nicht, aber sie lassen sich lieben von mir, und wenn ich es ihnen gut mache, danken sie es mir mit melodiöser Schmiegsamkeit, sie machen mich süchtig, Entzug ist unmöglich. Der Vorrat Ügó, das beste Filetstück, ist aufgebraucht, jetzt vegetiere ich vegetarisch, auf Schnitzel und Bratwurst kann ich mich nicht zurückstufen, da ich die Fähigkeit zur Illusion, Ügó sei Dank, verloren habe, mein Fleischfach bleibt leer, mein Herzfach ein Vakuum, doch das Wortfach füllt sich selbsttätig nach, die Wörter dringen ein durch die Ritzen meines Zimmers, die Poren meiner Haut, die Nachtträume. Die Wörter brauchen mich nicht und lieben mich nicht, und sie belagern mich doch. Die Wörter, mein Schweiß und mein Rausch.
Wie ist es, tot zu sein.
Diese Frage stellte sich Frederico Fellini Mitte der sechziger Jahre, und er schrieb das Drehbuch zu dem Film Die Reise des G. Mastorna.
Der Film ist nie realisiert worden. Denn während der Vorbereitungen befiel Fellini eine rätselhafte Krankheit, das Werk wurde zum Alptraum, zum Vampir, es wollte sich vom Blut seines Schöpfers nähren, der um sein Leben fürchtete und die Arbeit aufgab. Aber er war und blieb der Überzeugung, daß dieser Film sein bester Film geworden wäre.
Der beste Film ist der, der nicht gedreht wird.
Der beste Text ist der, der nicht geschrieben wird.
Ügó sitzt am Tisch und scharrt mit den Füßen die Wolle vom Teppich, Ügó schreibt und rennt weg zugleich, Ügó fühlt sich allein mit den Wörtern, er fürchtet sich, ihm gegenüber sitzt Luise und schreibt und ist ganz ruhig, Ügó fragt sich wohl, wer das größere Monster ist, die Literatur oder Luise, die die Wörter beherrscht, so scheint es Ügó, aber er vergißt, daß auch Luise ein Mittel braucht, um sich anzupflocken im Wörtersee, dieser Pflock ist Ügó, denkt Luise, er soll die große Liebe sein, er soll das ganze Leben sein, er soll die besten Sätze sein. Dach der Fontanelle, Dach der Illusion.
Der beste Text ist der, der nicht geschrieben wird. Ich hüte eure Fragmente, Luise, Ügó, mehr kann ich nicht tun und nicht weniger.
Die Wörter sind Eizellen, sie wachsen, werden ausgestoßen und wachsen wieder neu. Wird es Wechseljahre geben. Ich denke an die wortsüchtigen / –tüchtigen alten Frauen. Marguerite Duras brauchte Alkohol, um das Toben der Wörter in sich zu ertragen. Friederieke Mayröcker sagt, sie drogiere sich mit Aspirin und Kaffee. Aber sie hat auch den Jandl. Ich wollte Wein und Ügó. Wein kann ich noch immer haben. Auch der Wein braucht mich nicht. Ich wollte gebraucht werden, ich wollte eine Droge sein, ich wollte jemandes Herzschrittmacher sein zum Ausgleich für die Selbstgenügsamkeit der Wörter. Ügó brauchte mich als Kontraindikation gegen sie. Ich war ihm das falsche Medikament. Gertrude Stein hatte Alice B. Toklas, die ihr zur Hausfrau diente, das Ambiente pflegte, das Essen servierte. Wer exzentrische Kunst betreibe, sagte Gertrude, der brauche einen gutbürgerlichen Alltag. Eine Frau für die Reproduktion. Ein Haus, um darin mit den Wörtern zu leben. Ügó taugte zur Hausfrau nicht. Hätte er getaugt dazu, er hätte mich bald gelangweilt. Ich wollte einen Entertainer neben den Wörtern. Die Wörter dulden keinen Entertainer neben sich. Die Wörter sind polygam besitzergreifend.
Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Die Wörter lassen sich kichernd zusammenstellen zu diesem Satz, aber der Sinn langt sie nicht an. Die Wörter und ich, wir Kaspar–Hauser– / wir Königs–Kommunarden.
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