Leseprobe

aus Waltraud Danner: Die Liebhaber der Diva. (Auszug aus dem 1. Kapitel)


Clarissa aalte sich mit geschlossenen Augen in ihrer Badewanne und lauschte dem Regen. Die Tropfen prasselten auf das Dachfenster, welches an schönen Tagen den Raum mit hellen Sonnenstrahlen kitzelte und nachts den Sternenhimmel freigab. Das naßkalte Aprilwetter vermochte keinen Hund aus dem Haus zu locken. Da blieb man lieber in den eigenen vier trockenen und warmen Wänden, wo man Wasser in seiner angenehmen Form auf der Haut spüren konnte.
Sie fühlte sich wohl im dampfenden, duftenden Schaumberg. Ihre Glieder entspannten sich, bis sie in einen Dämmerzustand hineinschwebte, dem unmittelbar der Schlaf folgt. Clarissa durfte diesem verlockenden Gefühl nicht nachgeben und konzentrierte sich auf das Pochen der großen Regentropfen, die dem Klopfen ihres Herzens gleichkamen. Sie hörte den Wind heulen und spürte einen leichten Luftzug durch das nicht dicht schließende Fenster.
Muß ich bei Gelegenheit reparieren lassen, sonst regnet es bald rein.
Unzählige Tropfen verdichteten sich zu einem infernalischen Rhythmus, dem ihr Herzschlag nacheiferte. Ausgelöst durch das zu heiße Wasser, fing Clarissas Puls an zu schlagen, als würde sie zum Trommelfeuer dieser wilden Musik ihren Körper im Tanz austoben. Die Kraft des Gewitters ließ nach und machte einem sanften Plätschern Platz, wie auch die Temperatur des Badewassers allmählich sank. Clarissa atmete tief durch und beruhigte ihr gut durchblutetes Herz. Es war langsam Zeit, aus der Wanne zu steigen. Sie schlüpfte in ihren Frotteemantel, den sie auf die Heizung gelegt hatte. Mit dem Ärmel wischte sie über den angelaufenen Spiegel des Badezimmers, welcher auch danach nur ein verschwommenes Bild von ihr wiedergab, das einer grünäugigen Nixe glich, die knapp unter der Oberfläche des Wassers in den Himmel schaut. Ihr ungeschminktes, gerötetes Gesicht wirkte weich und entspannt. Sie schlang das Handtuch wie einen Turban um den Kopf, was ihr ein fremdländisches Aussehen verlieh.
Es war ein besonderer Tag. Seit jener Begegnung vor sechs Wochen hatte sich ihr Leben verändert. Nein – nicht ihr Leben – SIE hatte sich verändert. An ihr neues Ich hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Clarissas geschulter Verstand, der gelernt hatte, zu analysieren, Gefühle, Fantasie, Tagträume und Pragmatik zu unterscheiden und je nach Bedarf einzusetzen, wehrte sich gegen diesen ungewohnten Zustand, der so schwer in den Griff zu bekommen war.
Disziplin, in körperlicher wie geistiger Hinsicht, waren die Voraussetzung für ihren künstlerischen Beruf, gerade weil es ihre Aufgabe war, Emotionen auszudrücken. Dieser schmale Pfad, Medium zu sein für erdachte Kunstfiguren, erforderte jede erdenkliche Kontrolle. Opernsänger müssen auf die Sekunde funktionieren, Geist und Körper synchron in der Gewalt haben. Natürlich ist Begabung die wichtigste Voraussetzung, um auf einer Bühne Opernpartien singen und spielen zu können. Trotzdem bedarf es einer langen und mühsamen Ausbildung, die nur zu oft die eigenen Grenzen weist, bis die STIMME zu einem zuverlässig funktionierenden Instrument geformt ist. Auch ein gewisses exhibitionistisches Verlangen, sich vor unbekannten Menschen zur Schau zu stellen, seine Seele zu enthüllen und Gefühle damit auszulösen, gehören zum Alltag einer Sängerin.
Heute Abend wurde im Staatstheater Tosca von Puccini gegeben. Clarissa hatte die Titelpartie schon etwa dreißigmal gesungen, in verschiedenen Inszenierungen. Auch diese lief schon seit zwei Jahren. Bei der Premiere sang damals eine Kollegin. Nach etwa zehn Vorstellungen verschwand die Oper dann einige Zeit vom Spielplan und wurde nun, zu den diesjährigen Festspielen, wieder hervorgeholt und aufpoliert. Um die Galavorstellung besonders attraktiv zu präsentieren und die erhöhten Eintrittspreise zu rechtfertigen, wurden die Hauptpartien mit Opernstars besetzt.
Um 18 Uhr war noch eine kurze Verständigungsprobe mit ihrem amerikanischen Kollegen Clark Phillips vorgesehen. Er konnte erst heute von Chicago hierher fliegen, da er am Vorabend noch eine Vorstellung dort zu singen hatte. Vor wenigen Wochen waren sie am gleichen Opernhaus zusammen als Wälsungenpaar in der Wagnerschen Walküre aufgetreten. Clark und sie bildeten das ideale Bühnenpaar. Optisch wie stimmlich ergänzten sie sich zu einem unschlagbaren Team. Die Amerikaner sind große Wagnerfans. Nach dem ersten Akt gab es STANDING OVATIONS und nach der Vorstellung warteten ganze Menschentrauben am Bühnenausgang, um ein Autogramm zu ergattern. Im Lande Hollywoods sind die Grenzen zwischen Film– und Bühnenstars fließend, was bei dem seriösen Opernpublikum in Europa undenkbar wäre. Da Clarissa und Clark auch optisch ins Filmschauspielerschema paßten, konnten sie sich ihrer Fans kaum erwehren.
Clarissa freute sich sehr auf ihren Tenor. Clark sah toll aus. Er glich einem männlichen Fotomodell. Seine strahlend blauen Augen erinnerten an klare Gebirgsseen. Dichte, dunkle Augenbrauen und schwarzes, kurz geschnittenes Haar betonten seine schönen Gesichtszüge. Die edle, gebogene Nase ragte markant über den vollen Lippen, die meist sein hervorragendes Gebiß mit den weißen Zähnen freigaben. Auch sein Körper stand diesem SUPERMAN–Kopf kaum nach. Er hatte vor dem Musikstudium an Schwimmeisterschaften teilgenommen und konkurrierte seinerzeit mit Mark Spitz, dem sensationellen Weltmeister. Inzwischen bekam Clark zwar einen kleinen Bauchansatz, doch in einem vorteilhaften Bühnenkostüm machte er immer noch eine hervorragende Figur.
Clark war einer der besten Zuhörer, die Clarissa kannte, besonders bei Frauen. Seine weibliche Seele konnte sich aufrichtig mit den komplexen Gefühlen seiner Gesprächspartnerinnen beschäftigen. Ging es allerdings um Männer, wurde er nervös und bekam rote Flecken im Gesicht. Sein Bedürfnis, Männern zu gefallen, machte ihn total unsicher. Clarissa neckte ihn manchmal und rivalisierte mit ihm, wenn es sich um ein besonders gut aussehendes Exemplar Mann handelte.
„Wer bekommt ihn, du oder ich?“ Er schaute sie dann immer flehend an, bis sie nachgab. „Okay, heute überlasse ich dir das Feld.“
Ein dankbares Lächeln überzog sofort sein Antlitz. Jeder Sonnenstrahl hätte Mühe gehabt, mit dem Glanz in seinen Augen zu konkurrieren. Frauen mußten sich mit seinem Charme begnügen, wovon er allerdings eine Menge hatte. Seinen Luxuskörper gönnte er dafür nur dem eigenen Geschlecht.
Um so mehr überlegte sich Clarissa, ob sie ihn in ihr Geheimnis einweihen sollte. Seine Meinung wäre sicher interessant.
Es war fast halb fünf. Sie schminkte sich nur ganz dezent und schlüpfte in ihr dunkelrotes Baumwollkleid.
In der Küche hatte sie einen Salat mit Avocados vorbereitet. Sie blätterte während des Essens im Klavierauszug der Tosca und überprüfte die eingetragenen Regieanweisungen. Nach so langer Zeit vergaß man leicht etwas.
Nachdem sie ihre Zähne geputzt hatte, wollte sie sich gerade ans Klavier setzen, als das Telefon läutete.
„Hier Michels. Guten Tag Frau von Calis. Ich möchte Ihnen eine Änderung mitteilen. Wir müssen die Probe um eine halbe Stunde verschieben, das Flugzeug von Herrn Phillips hatte Verspätung. Sie beide sind doch erfahrene Profis, daß es sicher genügt, wenn wir nur den dritten Akt kurz durchprobieren.“
„In Ordnung, Herr Michels, dann habe ich hier noch etwas Zeit. Bis nachher, Tschüs.“
Mit dem Auto brauchte sie etwa zwanzig Minuten bis zum Theater. Es blieb ihr also noch fast eine Stunde. Sie begann gewissenhaft mit ihren Einsingübungen. Die Partie der Tosca gehörte zwar zu ihren Lieblingsrollen, doch sie war sich bewußt, daß sie als Deutsche für das italienische Fach nicht unbedingt prädestiniert war. Allein die vokalreiche Weichheit der italienischen Sprache erforderte eine andere Klanggebung.
Sie spürte schon bei den ersten Skalen, daß sie außergewöhnlich gut disponiert war. Die schweren Stellen, bei denen sie sich im Ernstfall sehr konzentrieren mußte, liefen heute wie von selbst. Sie konnte sogar Nuancen einbauen, die ihr selten gelangen.
Wie Frühlingserwachen spannte sich ihr Körper und ein Glücksgefühl überkam sie. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn, jenen schönen Mann, welcher ihr seit einigen Wochen den Schlaf raubte und das vielzitierte Schmetterlingsgefühl im Bauch auslöste. Besonders seine magischen Augen verfolgten sie. Schwarz, glutvoll, leidenschaftlich und wehmütig zugleich, machten diese sie schwach und willenlos.
Das Klingeln ihrer Haustürglocke riß sie unbarmherzig aus ihren Gedanken. Kurt, der Sohn von Frau Kistner, ihrer Garderobiere, stand vor der Tür. Sein sommersprossiges Gesicht glühte. Auf der Stirn standen ein paar Schweißperlen. Nervös nestelte er an dem Blumensträußchen in seinen Händen herum, dessen Papier er zu entfernen versuchte.
„Darf ich, – äh – ich möchte, Frau Kammersängerin, ein herzliches toi, toi, toi, für heute Abend.“
„Ganz lieben Dank, Kurt. Das ist wirklich reizend von Ihnen. Leider kann ich Sie nicht hereinbitten. Ich muß gleich gehen.“
Sein Gesicht rötete sich noch mehr. Er versuchte mühsam noch etwas zu sagen, doch außer undefinierbaren Lauten brachte er nichts mehr hervor. Er drückte Clarissa die Blumen in die Hand und stolperte davon.

Gerade als Clarissa mit ihrem schwarzen Alfa Romeo in die Tiefgarage fuhr, gingen die Straßenlaternen an und unterstützten die festliche Beleuchtung des Opernhauses. Sie registrierte vor der Abendkasse eine anwachsende Menschenschlange. Nachdem sie ihren Wagen geparkt hatte, konnte Clarissa bequem mit dem Lift zum Bühneneingang gelangen.
Dort saß seit 29 Jahren Alfons Kreitmayr, der Pförtner. In seinem Glashäuschen sah er aus wie ein großer Seehund. Sein Schnurrbart bedeckte den Mund vollständig und ließ nur, wenn er sich über etwas aufregte, seine vom vielen Pfeiferauchen gelblichen Zähne sehen. Mit seinen blaßblauen Augen glotzte er kurzsichtig auf die Eingangstür, um nur keinen unbefugten Eindringling zu übersehen.
Seine Pförtnermütze saß wie ein falsches Requisit auf dem zerrauften, grauen Haar. Er hätte eine Idealbesetzung für den Frosch in der
Fledermaus sein können.
Als Clarissa hereinkam, fuchtelte er sofort ganz wild mit den Armen. „Guten Abend Fonsä, wie geht es Ihnen?“
„Danke gut, Frau Kammersängerin. Herr Dr. Bronner hat schon dreimal angerufen und nach Ihnen gefragt. Es sind Blumen von ihm gekommen. Ein Brief ist auch dabei.“
Umständlich erhob er sich von seinem Pförtnerstuhl und öffnete seine Logentür.
„Danke Fonsä, das ist sehr nett von Ihnen.“
Er übergab ihr ein wundervolles Rosenbouquet und den Brief.
„Übrigens, gnädige Frau, der Herr Doktor bittet Sie, wenn möglich nach der Vorstellung bei ihm in der Praxis anzurufen. Er muß heute noch lange arbeiten.“
„Ist recht Fonsä, nochmals vielen Dank.“
„Keine Ursache. Noch toi, toi, toi, für heute Abend,“ murmelte er in seinen Schnauzer.

Dr. Christian Bronner war seit sieben Jahren der Hausarzt von Clarissa; aber nicht nur das. Sie mußte seinerzeit wegen einer Schilddrüsenüberfunktion einige Tage stationär ins Krankenhaus. Damals arbeitete Christian noch als Assistenzarzt. Er war völlig aus dem Häuschen, daß ausgerechnet die Opernsängerin Clarissa von Calis seine Patientin wurde. Seine Liebe gehörte der Musik und um einen Ausgleich zu seinem anstrengenden Beruf zu schaffen, ging er an den freien Abenden oft in die Oper oder ins Konzert. Er kannte Clarissa seit Jahren von der Bühne und nutzte als ihr aufrichtiger Fan jede Gelegenheit, sie bei ihr zu verbringen, da er somit über sein Lieblingsthema fachsimpeln konnte. Auch medizinisch versorgte er Clarissa über die Maßen verantwortungsvoll. Es entstand eine Vertrauensbasis zwischen ihnen, die bis zum heutigen Tag anhielt. Vor drei Jahren machte er sich mit einem Partner selbständig und eröffnete eine kleine Privatklinik.
Da Christian verheiratet war und zwei süße Kinder hatte, verstand es sich für Clarissa von selbst, daß ihre Beziehung eine rein freundschaftliche bleiben mußte. Das fiel ihr von Anfang an schwer, denn er hatte genau das, was ihr bei Männern gefiel.
Er war sehr groß, kein Schönling, aber ein richtiges Mannsbild mit einer enorm erotischen Ausstrahlung. Wenn er sie untersuchte, konnte sie ihre Erregung kaum verbergen. Daß es ihm genauso ging, erkannte sie an seinen zitternden Händen und daß er dabei mehrfach trocken schlucken mußte, bevor er etwas sagen konnte.
Seine große Nase zierte eine randlose Brille, die er regelmäßig mit dem linken Mittelfinger zurechtschob. Er konnte sehr komisch sein und mit seinen originellen Einfällen faszinierend unterhalten. Wie ein Verschwörer steckte er die Patienten mit seiner guten Laune an, was auf den Heilungsprozeß eine positive Wirkung ausübte.
Manchmal glaubte man, seine Gedanken erraten zu können, wurde dann aber eines Besseren belehrt. Er verblüffte seine Patienten immer wieder, indem er deren Psyche erfaßte, um dort dann mit seiner Therapie zu beginnen. Seine Doktorarbeit war ein unorthodoxes Meisterwerk, welches an der Universität später oft zitiert wurde, da es auch große schriftstellerische Qualitäten enthielt. Doch Christian nahm dieses Talent nicht ernst. Seine Muse blieb die Musik.
Wenn er in seine geliebten Opernvorstellungen ging, nahm er auch oft seine Frau mit, ein zierliches, schwarzhaariges Elfchen. Das absolute Gegenteil von Clarissa. Sie beneidete dieses Paar um sein Glück. Was konnte es Schöneres geben, als eine harmonische Ehe mit zwei wohlgeratenen Kindern. Sie selbst hatte bisher mit Männern nicht viel Glück. Weil sie ständig unterwegs war und an ihrer Karriere basteln mußte, kam sie nicht dazu, eine dauerhafte Beziehung aufzubauen. Es blieb immer nur bei kurzen Episoden.
Vor vier Jahren war es dann passiert. Als er an einem Kongreß in Berlin teilnahm, sang sie dort gerade die Salome. Natürlich ging er in die Vorstellung. Anschließend besuchten sie zusammen ein edles Restaurant, um den Abend gebührend zu feiern. Auch in München waren sie schon gelegentlich essen gegangen. Das hatte meist aber einen offiziellen Grund, bei dem er sie in der Funktion als Arzt und Freund ausführte. Er mußte diesen Eindruck erwecken, da er fast genauso wie Clarissa zur Münchner Prominenz gehörte und alles, was nach Fremdgehen ausgesehen hätte, sofort als Klatschskandal bewertet worden und zu seiner Frau durchgedrungen wäre. In der Großstadt Berlin konnten sie überall hingehen, ohne aufzufallen. So allein unter Vielen zu sein, machte dieses Diner zu etwas Besonderem.
Aufgewühlt von der morbiden Oper, der gebrachten Leistung, dem enthusiastischen Applaus des Publikums, klopfte Clarissas Herz immer noch sehr heftig. Während des Schleiertanzes hatte sie Christians Blicke auf sich gefühlt und sie wußte, was er dabei empfand. Sie tanzte für ihn und legte ihre ganze Sinnlichkeit hinein.
Im Restaurant mußte sie für ihn bestellen. Er nahm seine Umgebung kaum wahr und aß mechanisch, was man ihm vorsetzte. Clarissa versuchte ein unbefangenes Gespräch zu führen, konnte aber nicht fortfahren, wenn sein Oberschenkel wie zufällig ihr Knie berührte und es sie wie ein Stromschlag durchfuhr. Er nahm ihre Hand und küßte sie behutsam, jeden Finger einzeln. Dann führte er die Innenfläche an seinen Mund und ließ die Zungenspitze darauf kreisen. Ein Schauer nach dem anderen überrieselt sie. Ihr Atem wurde immer heftiger.
„Komm, laß uns hier abhauen! Das halte ich nicht länger aus.“ Er bezahlte rasch und bestellte ein Taxi.

Christian wußte, in welchem Hotel Clarissa normalerweise wohnte, wenn sie in Berlin gastierte. Darum hatte er sich ebenfalls dort ein Zimmer genommen, obwohl die Ärztetagung in einem anderen Hotel stattfand. Es kam Clarissa gar nicht in den Sinn, sich darüber zu wundern. Schweigend und händchenhaltend verbrachten sie die Fahrt im Taxi.
Kommentarlos verlangte er beide Zimmerschlüssel an der Rezeption und führte Clarissa zum Aufzug. An ihrer Tür angekommen, schloß er auf und blieb stehen.
„Bitte geh vor“, sagte er leise.
Sie betrat das Hotelzimmer und sah sich verwundert um. Überall im Raum befanden sich Blumen. Auf dem Tisch stand eine Flasche Champagner im Kühler. Auf dem Boden lagen weiße Zettel, die einen Weg zum Bett bildeten. Clarissa hob instinktiv den ersten auf und las: “Ich möchte Dir die Sterne schenken.“ Das zweite Papier war beschriftet mit: „Ich möchte jeden Zentimeter Deiner Haut küssen.“ Der Dritte lautete: „ Ich bin verrückt nach Dir.“ „Laß mich Dich glücklich machen .“ „Ich bin Dein Sklave.“ „Ich liebe Dich, bitte sei mein.“ An die fünfzig Liebeserklärungen lagen so wegweisend vor ihren Füßen.
„Christian, was ist los mit dir? Bisher hast du doch den treuen Ehemann so gut durchgezogen. Was ist mit deinen Vorsätzen?“
„Du weißt nicht, was ich in den letzten drei Jahren durchgemacht habe. Das Martyrium muß ein Ende haben, sonst werde ich krank oder wahnsinnig. Heute habe ich alles auf eine Karte gesetzt.“
Auch ihr war klar gewesen, daß es heute Nacht passieren würde, denn einer Gelegenheit wie dieser konnten beide nicht länger widerstehen. Daß er die Gelegenheit im Vorhinein so einschätzen konnte, hätte sie ihm nicht zugetraut.
„Nimm meinen Kopf, Salome, und mache mit ihm, was du willst.“
„Der Kopf allein genügt mir nicht. Ich möchte den ganzen Mann.“
Er umarmte sie und küßte ihre Halsbeuge. Sie spürte seine hart gewordene Männlichkeit an sich gepreßt, was sie gleichermaßen erregte.
„Warte, wir haben es drei Jahre ausgehalten. Es soll eine unvergeßliche Nacht werden. Laß uns Zeit, diese Situation zu genießen.“
„Gut, ich werde es versuchen.“
Er nahm die Flasche und ließ den Korken knallen. Der Champagner schäumte heraus.
„Siehst du, er darf schon.“
„Geduld mein Liebling. Es geht mir nicht anders als dir.“
Sie stellte das Radio an, in dem nach Mitternacht leise Tanzmusik erklang.
„Auf diese Nacht.“ Sie stießen an und tranken. Als er sie in die Arme nahm, suchte Clarissa seine Lippen und ließ den Champagner in seinen Mund fließen. Er wurde sofort leidenschaftlicher, doch sie stoppte ihn.
„Bitte setz dich.“
Langsam begann sie sich in den Hüften zu wiegen, griff in ihr hochgestecktes, langes Haar und nahm die Spange heraus.
„Salome tanzt heute wirklich nur für dich. Sie streifte die Träger ihres Abendkleides herunter und ließ es auf den Boden fallen. Bis auf einen Tangaslip und die Pumps hatte sie nichts mehr am Körper.
Christian zerrte an seiner Krawatte und warf sie in die Ecke. Sein Hemd folgte unmittelbar. Als sie sich ihm näherte, griff er nach ihr und grub seinen Kopf in ihren Schoß.
„Endlich!“
Er stand auf und trug sie zum Bett. Die restlichen Kleidungsstücke blieben unterwegs auf der Strecke. Daß Christian ein guter Liebhaber war, konnte sie bisher nur ahnen. Was aber nun mit ihr passierte, war nur mit der übereinstimmenden Chemie und der aufgestauten Sehnsucht zu erklären. Sie konnte nicht mehr unterscheiden, wann der eine Orgasmus aufhörte und der nächste einsetzte. Seine Kondition war unglaublich. Jeder andere Mann wäre längst zum Schluß gekommen. Er beherrschte sich aber immer im letzten Moment, blieb einen Moment ruhig, bis er sich wieder im Griff hatte. Dann begann er, nach einem Stellungswechsel von neuem. Er erfand Variationen, die sie sich bis dahin nicht einmal hätte vorstellen können. Ihr eigener Körper war ihr völlig fremd. Sie wußte nicht, daß solche Empfindungen möglich waren. Als es ihm dann kam, bebte er am ganzen Leib. Tränen standen in seinen Augen. Sie nahm seinen Kopf in die Hände und küßte seine Augen.
So verharrten sie eine Weile, bis sie spürte, wie sein Glied wieder hart wurde. Diesmal waren ihre Sinne etwas klarer und beide erforschten den Körper des anderen auf seine Reaktionen. Mit Streicheln und Küssen, mal sanft und zärtlich, dann wieder fordernd und wild, brachte er sie erneut zum Höhepunkt. Er ejakulierte auf ihren Bauch und sie verteilte seine Flüssigkeit wie eine Körpermilch auf ihrer Haut. Erschöpft, aber total glücklich und befriedigt schliefen sie eng umschlungen ein.
Von dieser Nacht an hatten sie eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Über seine Familie sprachen sie fast nie. Einmal fragte er Clarissa, ob er sich scheiden lassen solle. Das wollte sie aber auf keinen Fall. Es war zwar nun doch so gekommen, trotz guter Vorsätze, daß er seine Frau mit ihr betrog. Seine Ehe wollte sie aber nicht durch ihre Willensschwäche zerstören, allein schon wegen der Kinder.
„Du bist nicht frei in deiner Entscheidung. Immerhin hast du eine große Verantwortung gegenüber deiner Familie. Vielleicht, wenn deine Kinder selbständig und erwachsen geworden sind, können wir noch einmal darüber reden.“
Seitdem sprachen sie nicht mehr darüber, sondern genossen ihre Liebe, die in den vier Jahren immer größer und sicherer wurde. Andere Männer interessierten Clarissa nur am Rande. Sexuell blieb für sie bei Christian kein Wunsch offen. So hatte sie genügend Zeit, sich um ihren Beruf zu kümmern, neue Partien zu studieren und in den verschiedenen Opernhäusern der Welt zu gastieren, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu versäumen. Sie wollte an diesem Zustand nichts ändern.
Nur manchmal, wenn sie sich zwangsläufig längere Zeit nicht treffen konnten, und Carissa unterwegs allein in einem Hotelzimmer übernachten mußte, vermißte sie ihn sehr. Nicht einmal telefonieren war möglich, da immer die Gefahr bestand, daß seine Frau abnehmen könnte und mißtrauisch würde. Das wollte sie nicht riskieren. Eine Entscheidung auf diesem Weg auszulösen, hätte ihr nicht gepaßt. Seit Christian seine eigene Klinik hatte und er meist bis spät in die Nacht dort arbeitete, konnte sie ihn inzwischen gelegentlich dort erreichen.
Auf dem Weg zu ihrer Theatergarderobe öffnete sie den Brief und las im Gehen.

Liebste,
leider ist es mir nicht möglich, diesem großen Theaterabend beizuwohnen. Ich muß mit Peter die Operationen für morgen früh vorbereiten. Meine Gedanken, mein Herz und meine Seele sind auf jeden Fall bei Dir. Ich drücke Dir die Daumen und wünsche Dir einen großen Erfolg.
Toi, toi, toi, sei innigst umarmt und geküßt,
Dein Dir verfallener Christian.
P.S.: Bitte melde Dich, wenn Du kannst. Ich bin sicher bis Mitternacht in der Klinik.

Obwohl sich Clarissa sehr über diesen Brief freute, versetzte er ihr auch einen kleinen Stich. Eifersucht war zwischen ihnen bisher kein Thema gewesen, da sie sich ihrer gegenseitigen Treue sicher sein konnten Nun hatte sie so etwas wie ein schlechtes Gewissen, als würde sie ihn betrügen. Natürlich konnte Christian keine Besitzansprüche anmelden, aber Clarissas Liebe, die ihm seit jener Nacht in Berlin uneingeschränkt gehörte, war in den letzten Wochen ins Wanken geraten. Allein ihre hypothetische Bereitschaft, mit einem anderen Mann schlafen zu wollen, empfand sie als Untreue.
Ohne sich dessen bewußt zu sein, war vielleicht langsam der Zeitpunkt gekommen, an dem ihr Verzicht auf Christian als offizieller Lebenspartner sie mürbe gemacht hatte, versuchte sie ihren Wunsch zu rechtfertigen. Im Unterbewußtsein wollte sie eine Veränderung ihrer Beziehung provozieren, ohne aber Christians Ehe letztendlich doch noch zu zerstören. Ihr blieb nur der andere Weg. Sie gab nach außen Signale, frei zu sein, frei für eine neue Liebe.

          Zum Autorenprofil