Leseprobe

aus Sascha Lautersack: Nebel in der Mitte. Roman


I.

Ich wurde am Ende einer ungewöhnlich heißen Juniwoche, Mitte der 70er, des letzten Jahrhunderts im vergangenen Jahrtausend, geboren. Kurz bevor ich das Licht der Welt erblickte, hatte Deutschland sein erstes Fahrverbot. Im November 73 reagierten einige europäische Länder, die Niederlanden voran, mit einem Sonntagsfahrverbot auf die Ölknappheit nach dem Nahostkonflikt (Detroit allen voran, entwickelte sich 75 zum Jahr der Krise für den Automarkt.). Ein gutes halbes Jahr später hatten wir dann den zweiten Weltmeisterschaftstitel in der Tasche. Gerd Müller schoss uns noch in der ersten Halbzeit mit seinem 2:1–Treffer zum Sieg. Im Sommer stürzte Nixon über die Watergate–Affäre, Charles Lindberg starb, Sato gewann den Nobelpreis, und ausgerechnet in der liberalen Hauptstadt von Massachusetts gab es die ersten Rassenunruhen. Ingmar Bergmann errang in meinem Geburtsjahr einen der größten internationalen Erfolge mit Szenen einer Ehe. Der Baader–Meinhof–Prozeß begann, der Suezkanal war wieder frei, und die Briten stimmten für die EG. Im Juli gewann erstmals ein Farbiger in Wimbledon. Brennende Wälder in Niedersachsen, Kämpfe im Libanon, zwei Attentate auf US–Präsident Ford. Im Oktober war Schmidt bei Mao, im November wurde Juan Carlos König. Im darauf folgenden Jahr feierten die Vereinigten Staaten von Amerika 200 Jahre Unabhängigkeit, Montreal erhielt seine ersten Olympischen Spiele, und Jimmy Carter wurde Präsident.
Ich wuchs zunächst (bis zum Ende der dritten Klasse) in einer typischen Mittelklasse–Wohngegend auf. Viele Einfamilienhäuser, allerdings eher Reihen– als freistehende Häuser, mit weißen Fassaden, weißen Roll– und Klappläden und weißen Eingangstüren. Sonntags wusch man die Daimler und flanierte im Anschluss in feinster Garderobe durch die schmale Einkaufsgasse der Vorstadt. Ich hatte einen kleinen Kreis von Freunden, mit denen ich die Nachmittage damit verbrachte, Lego–Burgen aufzubauen und wieder zu zerstören, mit dem Fahrrad wie wild durch die Gegend zu fahren (hin und wieder zu stürzen und meine Hose mit einem weiteren Flicken zu verzieren) und natürlich Mädchen zu ärgern (was zu den ganz großen Freuden im Leben eines heranwachsenden jungen Mannes zählt). Einem der beiden Mitstreiter schien das Sticheln und Ärgern jedoch ungenügend, vielmehr war ihm ein zunehmender Grad an Aggressivität wesenseigen: Ursache (Elternhaus) und Wirkung (Verhaltensaufsässigkeit des Kindes) waren nicht zu entwirren. Ich hingegen kann rückblickend versichern, als Kind aber auch später, wenig renitent gewesen zu sein. Den anderen Jungen verließ ich schließlich ein halbes Jahr darauf, da mein Vater einen besseren Job in einer anderen Stadt angenommen hatte. Mein Vater verlor nie viele Worte über seine Arbeit. Einzig die Tatsache, dass unsere Wohnung in etwa die doppelte Quadratmeteranzahl der vorigen Wohnung besaß, ließ mich zur Erkenntnis kommen, dass er nun ein paar Scheine mehr verdienen müsste. In etwa aufeinander traf der erste Zungenkuss und der zweite Wechsel der Wohnstätte. Sie hieß Verena, hatte lange blonde Haare und hatte mit dreizehn Jahren bereits beschlossen, mit dem Rauchen zu beginnen. Sie hinterließ den Eindruck, als würde sie dem Speichelaustausch nicht zum ersten Mal frönen. Ich war ungleich nervös und klebte wie die Kletten an einem streunenden Hund an der Stelle fest, an der der Probandin später einmal Brüste wachsen sollten. Als ich sie ein paar Wochen später mit einem anderen Jungen rumknutschen sah, war die Sache auch schon wieder gegessen.
Als ich konfirmiert wurde, fiel die Mauer, und die Welt blickte auf ein wiedervereintes Deutschland. Auch wenn mich das damals wenig juckte, so muss es doch einer der wenigen schönen Momente in der deutschen Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sein (was die wirtschaftliche Komponente anrichten sollte, stand damals ja noch in den Sternen).
Für eine Zeit lang in meinem Leben war ich der festen Überzeugung, ich würde in naher Zukunft groß in das Musikgeschäft einsteigen können. Ich besaß ein kleines Keyboard mit einer Hand voll Funktionen und klimperte unentwegt darauf herum. Außerdem schrieb ich dazu schwülstige Liebestexte, die oft nicht mehr als I miss you so much oder You’re always on my mind hergaben. Jedenfalls war ich zumindest so ehrlich einzusehen, dass es mit meiner Stimme nicht weit her war. Ich fand einen Parallelklassenkameraden und ein Mädchen aus der Stufe über mir, die ich von meiner Vision überzeugen konnte. Er brachte eine Gitarre mit, und sie hatte durchaus eine nett anzuhörende Stimme. Schließlich konnten wir sogar ein, zwei Gigs auf dem Fest eines Bekannten meines Vaters und auf einer Oberstufenparty feiern. Jeder Erfolg darüber hinaus blieb uns jedoch verwehrt (vermutlich verdientermaßen). Irgendwann kam die Stimme unserer Band nicht mehr zur Probe (ein Student mit dem Vater–finanzierten Porsche Cabrio hatte sie davon überzeugt, dass es Wichtigeres im Leben gab und sie aller Wahrscheinlichkeit nach noch hundert Jahre so weiter hätte singen können, ohne signifikant Erfolg zu haben oder über unsere Ortschaft hinaus bekannt zu werden), und der Gitarrist verkaufte sein Instrument. Mich packte irgend etwas anderes (weiß Gott, ob es kiffen, skaten oder Fußball und Tennis oder aber Alkohol und Partys waren), was das Sterben meines Traumes vollends besiegelte (Einer mehr oder weniger, es würden ohnehin noch einige dazu kommen, dachte ich mir). Hin und wieder schrieb ich ein kurzes Liebesgedicht, doch mit der Musik und dem, was ich mit ihr verfolgte, war es aus.
In all der Zeit trug ich meine Haare lang, kurz, gefärbt und getönt. Nach vorne gekämmt, zurück gegelt und mit einem Mittelscheitel. Ich ließ mir Pfeile und Linien, die ich aus Musikvideos von Rappsängern kopierte, an Schläfe und Hinterkopf ins Haar rasieren Ich war auf der Suche nach mir selbst und veränderte mich so lange, bis ich schließlich glaubte, ich hätte alles ausprobiert.
Wenn ich zurückdenke, muss ich gestehen, dass diese Jahre meiner Jugend schlichtweg eine Aneinanderreihung unüberlegter, unsinniger Aktionen waren. Und vielleicht war gerade das der Grund dafür, dass ich ihnen unsterblich nachhänge. Wie dem auch sei, jetzt erscheint es mir, als sprächen mein Ich von damals und die Person, die ich heute bin, zwei unterschiedliche Sprachen, deren Erlernen der jeweils anderen nichts weiter als eine Unmöglichkeit ist.
Während ich in der zwölften Klasse Französisch, Chemie und Kunst abwählte, verliebte ich mich das erste Mal ernsthaft in ein Mädchen. Fußball, einem Sport dem ich bislang leidenschaftlich nachging, spielte nun lediglich die zweite Geige. Wir verbrachten lange Nächte im, von der Größe her, parkähnlichen Garten ihrer Eltern, eingezäumt von Teichen, Blumenmeeren und einem riesigen Pool, damit, Sternenbilder zu analysieren, unsere Lippen wund zu küssen und uns zu vereinigen. Der Sommer präsentierte sich mir unbeschwert, wunderschön und plätscherte mit einer unbeschreiblichen Gemütlichkeit und Ruhe gemächlich dahin (gerade eben wie ein stolzer Bergbach, in dessen klarem Wasser sich am Morgen die ersten Sonnenstrahlen reflektieren). Ich war versucht, mir einzubilden, sie und ich wären Teile eines limbischen Systems, das undurchdringbar und unzerbrechlich sei. All die ungeklärten Dinge wie das Auseinanderleben meiner Eltern, die Tatsache, dass man mir die Spielführerbinde beim Fußball entzog sowie die Ungereimtheiten und Rätsel, die mir mein bester Freund Frank aufgab (verwahrloste Kleidung gepaart mit nachlassenden Schulleistungen und einem permanent gegenwärtigen, süßlichen Grasduft) waren für den Augenblick wie ausradiert. Für einen Moment lang glaubte ich, all das könnte ewig so weitergehen, nichts müsste sich wirklich ändern. Ich war davon überzeugt, jeden Morgen mit einem Lächeln aufzustehen und in den Tag hineinleben zu können – ohne Klausuren, Probleme und Unbehagen. Partys feiern, spät aufstehen, den Tag vertrödeln und einen geblasen zu bekommen, erschienen mir dem gewöhnlichen Alltag zugehörig. Die Welt stand still und war ein Polygon voll Zauber und Magie. Doch letztlich holte mich das Leben ein und klärte die Frage nach dessen eigentlichem Charakter (auch wenn ich zum Teil selbst für das Ende der Nonchalance verantwortlich zeichnete).
Meine ehrlichen Absichten relativierte eine pralle Rothaarige, nachdem ich mich bereit erklärt hatte, ihr Nachhilfeunterricht in einem Fach zu erteilen, das ich vor mehr als sechs Monaten abgewählt hatte. Nicht dass ich mich unsterblich in die Provokateurin verschossen hätte oder von einem Anflug von Erotomanie überrascht worden wäre, es hing wohl einfach nur damit zusammen, dass sie bis dato die mächtigsten Brüste hatte, bei denen es mir möglich war, diese zu drücken und zu kneten. Der Nachhilfeunterricht war das Ende meiner ersten längeren Beziehung, als die Rothaarige wahllos im Schulgebäude mit Erlebtem hofieren ging. Mein Nimbus war dahin, und meine erste größere Liebe würdigte mich nach einem heftigen cholerischen Anfall keines Blickes mehr. Fast keines (wenn ich mir diese kurze Parenthese erlauben darf). Vielleicht war da ein genugtuendes Lächeln gewesen, als ich ein paar Monate später an ihrem Haus vorbeikam und der Gartenzaun zu einem vertikalen Schnitt durch die nackten Körper, von ihr und einem verpickelten Arsch in Aktion, ansetzte. Ich kann nicht erklären wie, doch die Szenerie erinnerte mich an einen der besseren Ostfriesenwitze.
Meine Eltern trennten sich nach einem gescheiterten zweiten Versuch, ihre Ehe zu retten, im zweiundzwanzigsten Jahr nach der Hochzeit (immerhin zweiundzwanzig). Mit Sicherheit entspricht das nicht der Idealvorstellung einer Familienchronologie, doch wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, dann ist jeder Versuch zu kommunizieren eine einzige Quälerei. Betrachtet man also das Thema, das sich ohnehin früher oder später auf die erste Stelle schiebt, Miteinander sprechen, dann haben meine Eltern wohl nie wirklich zueinander gepasst. Es war die Regel, nicht die Ausnahme, dass er nach der Arbeit nach Hause kam, meine Mutter ihm das Mittagessen aufwärmte, er es vielleicht in sechs Monaten einmal mit einem Lob verzierte und sich dann kommentarlos vor dem Fernseher verkroch. Wahrscheinlich ist es eher bemerkenswert, dass ihre Ehe unter diesen Voraussetzungen zweiundzwanzig Jahre hielt, nicht aber dass sie sich nach mehr als zwei Jahrzehnten schließlich trennten. Mein Vater wollte seine Ruhe, saß tumb vor der Glotze und ließ sich mit schwachsinnigen Verfolgungsjagden und einfältigen Schießerein berieseln. Nicht weil ein Film mit Handlung seinen Horizont sprengte, sondern weil er nach zehn Stunden Bürokram keinen Nerv mehr hatte, sich in kommerzialisierte Psychologieschinken hineinzudenken. Meine Mutter wollte reden, Dinge in Erfahrung bringen, Meinungen austauschen und von sich selbst erzählen. Sie unterdrückte vermeintliche Monologe, bis sich ein Berg von Unausgesprochenem angesammelt hatte. Er und meine Mutter waren einfach zu verschieden und bemühten sich wohl nie herzhaft genug, daran etwas zu ändern, oder aber sich damit zu arrangieren. Mein Vater mietete sich eine Maisonettewohnung in einem Außenbezirk der Stadt. Während seine Affäre das Siegertreppchen stürmte und zu seiner offiziellen Freundin ernannt wurde (im übrigen eine eineiige Kopie meiner Mutter, deren Existenz er durch bigotte Ausreden und hanebüchene Geschichten bemüht war zu verschweigen), zogen meine Mutter und ich in eine kleinere Wohnung in die Altstadt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir allein die Wohnung nicht behagte (überstrichene Wände, mit billiger Tapete überkleistert, zeigten Risse, Falten und Blasen), oder der Drang, meinen Unabhängigkeitstag zu erklären, sich nicht mehr aufschieben ließ. In jedem Fall brachte ich meinen Exodus bei einer allabendlichen Runde Spaghetti Carbonara auf den Weg und berichtete resolut und feierlich, hungrig nach Freiheit, in Kürze auf eigenen Beinen stehen zu wollen (dem begegnete meine Mutter außerordentlich gefasst, obgleich sie für gewöhnlich eher den emotionaleren Zeitgenossen zusprach). Ehrlich gesagt, war meine Meinung von einem Pseudohelden aus einem mehr oder weniger bekannten Taschenbuch, das ich zum großen Teil überflogen hatte, geborgt. Mein Abitur und dessen Verlauf fiel eher unter die Kategorie unspektakulär und wenig bemerkenswert (Notenschnitt: 2,5). Das Jahr Zivildienst, das mich dermaßen wenig forderte und ausfüllte, dass ich beinahe jeden Tag in die Bibliothek rannte und mir ein Buch auslieh, verflog im Nu und bildete schließlich die Vorhut meines Auszugs in eine 1,5–Zimmerwohnung im Studentenviertel (dessen Größe mich letztlich dazu zwang, einiges an Auslauf zu entbehren).
Ich schrieb mich, ohne jedwede Begeisterung zu verspüren, an der Fachhochschule für Betriebswirtschaftslehre ein. Nachdem ich gewisse Anlaufschwierigkeiten, die sich in sinnlosen Besäufnissen und chronischem Schwänzen der meisten Vorlesungen manifestierten und in Wiederholungsklausuren niederschlugen, behoben hatte, meisterte ich das Vordiplom ohne weitere Vorkommnisse. Vermutlich waren es weniger Geistesblitze, Selbsterkenntnisse oder eine Form von Kampfgeist, die mich zum Büffeln anhielt, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich die Bekanntschaft von Leonie machte.
Leonie studierte Journalismus und Literaturwissenschaften an der benachbarten Fakultät für Geisteswissenschaften. Das erste Mal begegneten wir uns in der Mensa. Ich hatte ein undefinierbares Etwas aus braunem und gelben Brei mit einer verkümmerten Wurst und einem vertrockneten Salatblatt auf einem Teller, der den unbestätigten Eindruck hinterließ, nicht gespült worden zu sein (wieso auch bei solch einem Fraß?). Als ich sie nach einem attraktiven Platz Ausschau haltend, erblickte, verschüttete ich beim Ausweichen eines entgegenkommenden Dozenten fast mein Glas Mineralwasser. Sie musste mein Manöver und das Abwenden der Blamage mitbekommen haben und lächelte amüsiert und nett zugleich zu mir herüber. Zufälligerweise stand jemand an ihrem Tisch auf, und ich fragte gekünstelt höflich, ob der Platz ihr gegenüber frei sei. Sie hatte nur noch einen mutierten Pudding auf dem Tablett, in den sie mit einem Löffeln lustlos hineinstach. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Randnotizen, die ihr jedes Mal ein Lächeln abrangen, oder der Zeitpunkt meines Auftritts und dessen Chronologie der Grund dafür waren, dass sie mir ihre Telefonnummer verriet. In jedem Fall hatte das Blau in ihren Augen eine Tiefe und einen Glanz, auf den ich niemals zuvor und nie mehr danach traf. Ein Blau, das mir aufgrund der Kräftigkeit fast schon überzeichnet, zu dick aufgetragen erschien.
Ich hielt mich an die „goldene Regel“ und rief sie erst drei Tage danach an. Es war ein Freitagabend, an dem wir uns verabredeten, etwas trinken zu gehen. Ich traf, wie meist, einige Minuten zu spät an unserem Treffpunkt ein. Sie wartete bereits, seelenruhig, als ob sie wüsste, dass ich zu spät käme, mit überschlagenen Beinen und angelegten Armen auf einer Bank am Stadtbrunnen. Vergeblich hatte ich versucht, einen Parkplatz im Zentrum zu finden, und war schließlich auf das Angebot einer Tiefgarage zurückgekommen. Der Wind blies sachte durch die Gassen und sorgte mit einer kühlen Brise dafür, dass die Hitze des Tages sich allmählich zurückzog. Leger in abgewaschener Jeans, einem schwarzen Top und einer, dem Anschein nach, ein wenig aufwendiger gestalteter Hochsteckfrisur, kam sie mir entgegen. Trotz eines perfekten Make–up (silberner Glimmer, abgestufter Lidschatten um die Augen und ein Hauch Rouge auf den Wangen), einer Feragamo–Handtasche und Guccitretern erschien sie mir den ganzen Abend über wenig kokett. Was bei einer Spinne ihr Netz ist, beim Rattenfänger die Flöte, war bei Leonie ihr Duftschleier. Aldyhdig–blumiger Strom mischte sich mit einem erfrischenden chypre–fruchtigen Duft, ergänzt mit einem Hauch Vanille. Kern der extravaganten Mixture war aber eine Brise Cassis und Ananas, als hätte sie versucht, Issey Miyake mit Rush und Acqua di Gio zu kombinieren und nebenbei die Formel für einen Weltduft entdeckt. Ich bezahlte, sie bestellte: Margarita Sour.
Nachdem ich sie zu ihrer Wohnung gefahren hatte, die im pittoresken Musikerviertel der Stadt lag, erwiderte sie meinen Versuch, sie zu küssen. Unisono konstatierten wir, dass uns das Küssen allein noch nicht genug war. In Ermangelung einer größeren Auswahl an fleischgewordenen Träumen nahm sie mich mit in ihre Wohngemeinschaft, deren weitere Mitglieder ich nicht bemerkte und skurrilerweise auch nie zu Gesicht bekam. Auch Lavalampen, psychedelische Bilder und eine Plattensammlung, deren Zentrum The Doors, Janis Joplin und Jimi Hendrix bildeten, erwiesen sich nicht als Hinweis für deren Verbleib (ganz im Gegenteil, sie irritierten mich nur mehr). Sie fischte eine Flasche Prosecco aus dem amerikanisch–getrimmten, überdimensionierten Kühlschrank, an dem kreisförmig angeordnet gelbe Pin–Zettel mit langen Telefonnummern angebracht waren. Es schien fast, als wären die Nummern miteinander verbunden wie die einzelnen Perlen einer Kette. Wählte man die eine Nummer, wurde man automatisch mit der nächsten verbunden, und so weiter. Im Zentrum der Kühlschrankoberfläche war ein Photo, das einen jungen Mann mit abstehenden Ohren und etwas zu lang geratenen Vorderzähnen porträtierte. Es waren weniger die kleinen Schönheitsfehler, die mir ins Auge stachen, als die Bearbeitung des Photos an sich. Jemand (vermutlich Leonie) hatte ihm die Augen überschwärzt. Ich verkniff mir, trotz meiner ausgeprägten Neugier, zu fragen, was es mit den Nummern auf sich hatte oder wer der Mann auf dem Photo sei. Statt dessen zogen wir uns zunächst langsam und dann in einem Anflug purer Lust schneller aus. Etwa zwei Gläser des Schaumweins landeten zunächst auf unseren Körpern und später auf ihrem Laken. Wir liebten uns heftig, leidenschaftlich und doch auch sehr zärtlich. (Und doch war es das einzige Mal, dass sie sich mir in der bloßesten Form offenbarte, in der man dies tun kann.) Ich übernachtete bei ihr. Nachdem sie auf ein paar intimere Fragen nicht einging, vom Thema abschweifte oder mich wieder zu küssen begann, hielt ich es für angemessen, mein Verhör für beendet zu erklären. Der trübe Lichtschimmer einer sterbenden Glühbirne schloss die Nacht.
Am nächsten Morgen machte sie Kaffee, und ich kaufte Brötchen beim Bäcker nebenan, geradeso, als würden wir uns seit ewigen Zeiten kennen. Ich ertappte mich pfeifend auf dem kurzen Weg in die Bäckerei. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich gewesen war. Geradezu euphorisch stieg ich die Treppen ins zweite Obergeschoss des Altbaus hinauf und gab ihr einen langen bedeutungsvollen Kuss, den sie mit einem Ausdruck erwiderte, der mich glauben ließ, sie fühle genauso. Es war der erste Morgen eines unbeschwerten Tages, der noch sanfter dahinplätscherte wie der allererste Tag nach meiner Entdeckung des Geheimnisses des Verliebtseins. Ich fragte mich, ob unser Treffen damals in der Mensa einfach nur Zufall gewesen war. Ich hatte nach der Vormittagsvorlesung bereits frei gehabt und wollte nach Hause gehen, als mich ein Kommilitone anrief und mich um ein Treffen bat. Im Prinzip hatte ich keinen großen Hunger gehabt und war auch nicht sonderlich erpicht auf das Essen, das das Studentenwerk anbot. Und doch ging ich in die Mensa, schnappte mir ein Tablett und traf auf Leonie. Es ist mühselig und mit ziemlicher Sicherheit erfolglos, darüber zu rätseln, ob es reiner Zufall war oder eben Schicksal. Tatsächlich hätte ich sie zumindest nicht zu jener Zeit kennen gelernt, wäre ich damals nicht in der Mensa herumgeirrt. Doch ich war in diesem Moment in meinem Leben, mit einem Tablett ausgerüstet, auf der Suche nach einem Platz zum Sitzen und der Hoffnung, ich könnte dem Tagesmenü doch noch irgend etwas Positives abgewinnen.
All die traurigen und unzufriedenstellenden Dinge in meinem Leben schienen sich von den wenigen schönen Momenten zu sedimentieren. Und in der Folge lösten sich die Verspannungen vollständig auf und ließen den fragilen Frühling zu einem vollkommenen Sommer reifen.
Ich tat mich zunächst schwer zu essen (mein Magen war bereits angereichert mit einer fliegenden Portion Glück), verbrachte Stunden auf meinem Bett, in denen ich nicht einschlafen konnte vor Freude. Ich hatte Millionen von Endorphinen gefressen, die mich über Tausende von Dingen sinnieren ließen. Sie nahm mein ganzes Denken gefangen. Das ist es, was ich von meiner Gefühlswelt berichten kann. Was auch immer sie in jener Zeit verspürt hatte, welche Sehnsüchte (die, was mich betrifft, in ihrer Form geradezu körperlich waren) und Begierden sie überkamen, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es war bei ihr ein wenig wie mit dem weinenden und dem lachenden Auge – keine Konstante in Sicht. Tatsächlich war ich ihr körperlich nie mehr so nahe wie an unserem ersten Abend, auch wenn mein Empfinden für sie unbegrenzt schien. Auf geradezu unheimliche Weise verdeckte sie von dem Zeitpunkt an ihre Brust mit einem Büstenhalter oder einem T–Shirt. Es war, als könnte selbst die sanfteste Berührung ihrer Brüste Schmerzen hervorrufen und die Pforte zu einer dunklen Kammer im äußersten Abschnitt ihrer verdrängten Erinnerungen öffnen.

Man kann behaupten, dass sie einen paralysierenden, wenn nicht gar hypnotisierenden Blick besaß. Sie übte eine Kraft aus, die mich lähmte und daran hinderte, etwas anderes zu tun, als ihr zu lauschen. Ein Lauschen, wie es Kleinkinder beim Geschichtenerzählen ihrer Mütter zu tun pflegen. Ihre Worte schienen gesungen, durchkomponiert bis zum letzten Takt der Coda. Jedes Mal wenn ich zu Wort kam und irgend etwas erzählte, schien sie davon zu wissen, gerade so, als hätte sie Einblick in meine Gedanken. Sie sprach über Dinge, die sie unmöglich wissen konnte, und berührte mich auf eine Weise, die ich nicht kannte. Es war nicht von Bedeutung, was ich ansprach, sie schien zu allem eine Erklärung zu haben, sozusagen eine Standleitung, eine magische Verbindung zu einem verborgenen Wissenszentrum.
Doch irgendwann gesellten sich zu den glücklichen, magischen Momenten, merkwürdige Funde, nachdenkliche Augenblicke und unbefriedigende Auskünfte (wie eben das Verhüllen ihrer Weiblichkeit); als hätte ihre Zauberkraft auch eine dunkle Seite.

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