Leseprobe
aus Hedwig Herrath Beckmann: Hilifi. (Auszug aus dem Kapitel „Im Waisenhaus“)
Ich wurde ins Kloster Marienburg gebracht. Es lag mitten im Wald, umgeben von einem Wassergraben und grossen Bäumen. Sie waren stark und alt und rauschten geheimnisvoll, wenn der Wind durch ihre Wipfel streifte.
Auf der linken Seite des Anwesens, das sehr dunkel, ja, ganz finster dalag, war das Haus mit Schlafsälen, den Waschräumen und dem Schuhlager.
Auf der rechten Seite befand sich das Gebäude, in dem die Nonnen wohnten. Dort befanden sich auch eine Kapelle, ein Nähzimmer und eine grosse Küche. Innen war es ein ganz besonders schönes Haus, und aussen mit einem kleinen Brunnen verziert, über dem ein Löwenkopf angebracht war, aus dessen Maul Wasser floss.
Links vom Gebäudetrakt, etwas abseits, gab es ein grösseres Schulgebäude, in dem auch Lehrer wohnten, und daneben rechts lag die kleine Schule, in die die Kinder gingen, die nicht sprechen konnten, und die Taubstummen.
Das einzige, was mir in meinem neuen Heim bekannt vorkam, war der abscheuliche Geruch, wie er in allen Fürsorgeheimen, die ich vorher kennengelernt hatte, zu Hause war. Es roch ganz scheusslich nach Bohnerwachs und Karbol. Und dieser Geruch liess mich nichts Gutes ahnen.
Mein erstes Essen – Schmalzstullen – bekam ich in Einzelhaft, das kannte ich ja schon, wieder Ameisen …
Dann wurde ich durch lange Flure, in denen rote Wandlampen brannten, zu einem grossen Schlafsaal gebracht. Der Parkettboden glänzte so schön, aber meine Begleiterin mochte nicht, dass mir das Schlindern darauf so gut gefiel. Sie keifte mich gleich an: „Hedwig, heb deine Füsse hoch beim Laufen!“
Ich dachte bei mir, du bist ganz schön dumm, du weisst nicht einmal, wie glatt es hier ist, und dass man nur Schlindern kann, wenn man einen glatten Fussboden hat.
Im Schlafsaal angekommen, half sie mir beim Ausziehen. Die Kleider wurden über eine Stange ans Bett gehängt, zuoberst der Schlüpfer, mit den Innenseite nach aussen. Ich bekam ein Nachthemd an und musste mich in ein viel zu kleines Gitterbett legen. Die Schwester erklärte mir, dass die Hände gefaltet über der Bettdecke zu liegen hätten, und ich so schlafen müsste. Hände und Arme unter der Decke war Sünde. Das gelang mir natürlich nicht. Denn erstens wurden meine Arme auf diese Weise schnell kalt, und zweitens schauten mich von allen Seiten viele fremde Augen an. Niemand traute sich zu sprechen, und ich schon gar nicht.
Ich weiss nicht, wie es geschah, doch plötzlich sassen wir alle in unseren Betten und jeder flüsterte mit jedem.
Im Halbdunkel konnte ich erkennen, dass Kinder verschiedenen Alters in diesem Raum waren. Ganz hinten links am Fenster zum Beispiel sah ich eine ganz lange Dünne. Direkt neben mir das Mädchen hiess Cilli, und ihre Hautfarbe war wie Milchkaffee. Später erfuhr ich, dass sie ein Mischling war, wie Heidi, der kleine Hund zu Hause, der war auch ein Mischling.
Cilli war das einzige Kind, an das ich mich gewöhnte. Wir waren bald unzertrennlich. Ich liebte sie sehr, denn bei allem Schlimmen, das wir erlebten, weinten wir gemeinsam, dann war es nur noch halb so schlimm, und ich hätte mein Leben für sie gegeben, wenn es notwendig gewesen wäre. Aber soweit kam es nicht.
Plötzlich schmissen sich alle Kinder wie auf Kommando in die Kissen und falteten die Hände über der Decke. Nur Cilli und ich sassen noch in unseren Betten. Dann stand die Schwester in der Tür. Sogar im Halbdunkel konnte ich sehen, wie Cilli vor Angst blass wurde, sodass die Milch in ihrer Haut den Kaffee überwog, und ich sah, dass ein dunkles Gesicht auch blass werden konnte. Im selben Moment packte auch mich der Schreck, sodass ich beinahe ins Bett gemacht hätte.
Die Schwester kam mit hartem Schritt und böser Miene auf uns zu und zischte uns an: „Legt euch sofort hin und schlaft, morgen werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt!“
Dann rauschte sie wieder ab, und ich dachte, oh Heilige Maria voll der Gnaden, wieder ein Donnerwetter, und mein Magen fing auch schon wieder an, verrückt zu spielen.
Bald musste ich ganz nötig und hatte Angst, ins Bett zu machen. Es drückte mich immer stärker, und weil ich nicht wusste, was ich machen sollte, fing ich wieder an, leise vor mich hin zu weinen. Ich traute mich nicht, mich ganz umzudrehen, so drehte ich nur meinen Kopf in Richtung Cilli. Sie half mir gleich beim Weinen, und auch hinten am Fenster die Lange half uns dabei. Es tat gut, nicht allein weinen zu müssen, und ich war froh und dankbar dafür, dass es endlich Menschen gab, die meinen Kummer teilten und mit mir weinten.
Irgendwann fragte mich Cilli, warum ich eigentlich weinte. Ich erklärte ihr das mit dem Gross, und nun wurde es ganz schwierig. Es gab kein Klo hier oben. Nur fürs Pipi stand ein Eimer hinter einem Paravent aus Leinentüchern.
Cilli sagte zu mir: „Du darfst auch kein Pipi mehr machen, wenn der Eimer voll ist, sonst läuft er über und du bekommst eine schlimme Strafe dafür. Aber wenn ich an der Tür aufpasse, dass uns die Schwester nicht erwischt und du dein Aa ganz schnell machst, verrät uns morgen bestimmt keiner.
Gesagt, getan.
Cilli ging vor die Tür und ich auf den Eimer.
Oh lieber Gott im Himmel, es war eine Erleichterung, Aa machen zu dürfen, wenn man musste. Aber auf so einem Eimer war das gar nicht so einfach, denn das Pipi von den anderen spritzte hoch an meinen Po, als mein Aa herunterfiel.
Plötzlich fing die Lange hinten am Fenster an zu schreien. Cilli flitzte in ihr Bett und zischte: „Schnell, schnell, komm, leg dich ins Bett!“
Beinahe hätte uns die Schwester erwischt.
Sie sauste an uns vorbei bis zur Langen und fauchte sie an: „Wenn du sofort ruhig bist, kriegst du nur einen Eimer Wasser, wenn nicht …“
Die Lange heulte trotzdem weiter, und die Schwester fing an zu zählen: „Eins, zwei, drei.“
Da hörte die Lange auf zu heulen, jedoch schluchzte sie noch bis in die späte Nacht hinein. Die Schwester zischte noch: „Ihr schlaft jetzt, aber sofort, wenn ich bitten darf!“ Und dann rauschte sie aus dem Schlafsaal.
Ich sagte später zu Cilli: „Ganz schön blöd was, als könnte man schlafen, nur weil sie ein Kommando gibt. Und sag mal, warum misst sie denn das Weinen von der Langen mit Zahlen und Wassereimern ab? Das verstehe ich nicht.“
„Du wirst es noch merken“, sagte Cilli bedrückt und drehte ihr schönes Milchkaffeegesicht zur anderen Seite.
Am nächsten Morgen bekamen wir alle eine frische Uniform zum Anziehen. Sie bestand aus einem blauen Kleid mit weissem Kragen und einer blauen Schürze, die sonntags in eine weisse gewechselt wurde.
Egal, was wir auch immer tun sollten, man trieb uns zusammen wie eine Schafherde, und vornweg lief immer ein Leithammel in schwarz– weisser Uniform mit weisser Schleiermütze.
Als wir in den Speisesaal kamen, bettelte mich wieder der schöne Parkettfussboden an, auf ihm zu schlindern. Aber ich war ja auch schon ganz dumm geworden von all den Ermahnungen und tat es nicht, denn ich wollte ja ein artiges Kind sein. Nein, eigentlich wollte ich es gar nicht, denn artig hiess für mich dumm und zugleich auch mutlos sein. Viel mehr musste ich artig, dumm und mutlos sein, um nicht gleich wieder verschleppt zu werden, denn endlich gab es ja einen Menschen, den ich ganz gut leiden konnte, nämlich Cilli, und deshalb wollte ich bleiben. Cilli wurde mein Ein und Alles
Nur das viele Beten ging uns auf die Nerven. Oh Herr vergib uns unsere Schuld und vergib auch unseren Schuldigern … Ich fügte immer in Gedanken bei: und nimm bitte, bitte die Erbschuld von mir, ich hab doch keinen Krieg gemacht, warum hast Du ausgerechnet mir die Erbschuld aufgebürdet – lieber Gott verzeih mir doch. Denn die Nonnen redeten mir und uns stets die Erbschuld ein. Und stets suchte ich nach meiner Schuld, und war unfähig diese zu finden, so dumm wie ich war. Es wurde um alles und jedes gebetet und musste auch wohl sein in diesem schrecklichen Haus, in dem so viele Kinder dahinvegetierten. Wir waren allesamt schlechte Dinger, und das konnte man schon von weitem riechen. Besonders wenn wir eine Weile in einem Raum waren, dann stank der ganze Raum nach schlechten, ungewaschenen Kindern. Und man musste frische Luft reinlassen, damit hier endlich mal ein anderer Wind wehte, der uns so oft angepriesen wurde. Und kaum wehte ein anderer Wind, wurde schon wieder eine Messe gelesen und gebetet, und da konnte man dann genau riechen, dass unter den Röcken der Nonnen zwar auch ein anderer, aber dennoch kein besserer Wind wehte, denn gerade in der Messe liessen sie so manchmal richtig Dampf ab. Als ich Cilli befragte, sagte sie nur, Nonnen furzen nicht, die werden vom Heiligen Flatus gequält.
Mussten wir Kinder pupsen, sagten sie jedoch gleich ganz barsch: „Pfui, sowas macht man doch nicht, Hedwig, schäm dich, hier wird nicht gefurzt.“
Oh heiliger Flatus!
Nach der Messe wurden wir von unserem Leithammel in den Garten getrieben.
Ich hatte einen sehr starken Bewegungsdrang, doch leider konnte ich ihn nicht ausleben, denn das wäre ja schon wieder unartig gewesen. Also verhielt ich mich still und ruhig und trottete mit. Der Garten war wunderschön. Die Rosen blühten in allen Farben und strömten einen herrlichen süssen Duft aus, der schwer über den roten Kieswegen lag. Riesige, alte Kastanienbäume ragten in den Himmel und spendeten angenehmen, kühlen Schatten. Mit Freude im Herzen dachte ich daran, dass uns die Herbststürme bald die braunen glänzenden Kastanien und Eicheln bescheren würden, aus denen man so schöne Dinge basteln konnte, und die so gut schmeckten.
Wir konnten uns kaum satt sehen an dem bunten Blumenmeer, welches sich im Wind sachte hin und her wiegte.
Aber das war noch nicht alles. Es wurde noch schöner. Wir kamen an einen mit Draht umzäunten Stall, in dem Häschen und Meerschweinchen bunt durcheinander sprangen. Ich ging ganz nah an den Zaun und versuchte, mit meinen Fingern ein Meerschweinchen zu berühren. Es war weiss, hatte rote Augen und kam ganz zutraulich heran, so auch ein Kätzchen.
Jedoch die Schwester mit der respektverschaffenden weissen Haube riss mich an der Schulter vom Zaun weg. Sie verbot mir, die Finger durch den Maschendraht zu stecken. Wie bisher in meinem Leben, war alles Schöne verboten. Doch inzwischen hatte ich gelernt, wie ich doch ab und zu zu meinem Recht kommen konnte. Ich beobachtete die Schwester ganz genau, und als ich mich sicher vor ihren Blicken fühlte, steckte ich doch meinen Finger wieder durch den Draht. Das weisse Meerschweinchen kam heran und schnupperte daran, und das machte mich ganz glücklich.
Nur das Kätzchen, das auch wieder ankam, verwechselte meinen Finger diesmal mit etwas Essbarem und biss voll hinein. Aber ich durfte nicht einmal heulen, denn sonst hätte es ja die Schwester gemerkt. So versteckte ich meine Hand auf dem Rücken und tat so, als sei nichts gewesen.
Viel zu kurze Zeit blieben wir bei den Meerschweinchen, Häschen und Kätzchen in dem schönen Garten. Es gab auch eine Schaukel, aber da durften wir nicht hin.
So ging ich brav mit der Herde in Richtung Haus zurück. Als wir auf dem kleinen Steg waren, wollte die Schwester unbedingt meine Hand sehen, die ich immer noch hinter dem Rücken hielt. Ich wollte sie ihr aber nicht zeigen und sagte energisch: „Nein“ Doch sie nahm meinen Arm, verdrehte ihn auf meinem Rücken, und zwang mich, ihr meine andere Hand zu zeigen.
„Zeig mir sofort deine Hand her, sonst setzt's Hiebe!“
Und ich sagte wieder: „Nein!“
Und dann hielt sie mit ihrer Hand meine fest, und öffnete sie mit der anderen. Sie sah, dass mein Finger blutete. Und einer der Buben rief: „Die hat das Meerschweinchen gebissen, das hat sie davon.“
„Nein“, sagte ich, „das war gar nicht das Meerschweinchen, das war doch die Katze.“
Zur Strafe bekam ich eine Spritze. Tetanus hiess dieses blöde Ding und tat noch mehr weh als mein Finger.
Von da an wuchs mein Misstrauen gegenüber den anderen Kindern, weil sie mich bei der Schwester verraten hatten, ausgenommen Cilli natürlich.
Obendrein wurde mir verboten, in den Garten zu gehen. Das machte mich besonders traurig, denn gerade der Garten wäre doch ein Trost für mich gewesen mit seinen schönen Dahlien, die mich an Tante Dollis Garten erinnerten.
Ein anderes Mal musste ich dringend pinkeln, obwohl wir um diese Zeit gar nicht auf die Toilette gehen durften. Ich konnte es kaum noch aushalten, traute mich aber nicht, etwas zu sagen. So verschränkte ich meine Beine und wippte herum.
„Stell dich ordentlich hin“, sagte die Schwester.
„Aber das kann ich doch gar nicht, ich muss doch Pipi“, erwiderte ich.
„Du kannst schon noch aushalten“, sagte sie und geleitete uns, ihre Herde, in den Speisesaal. Statt Herde sagte sie aber immer Horde. Eine Horde dummer Blagen waren wir, sonst nichts.
Gerade sass ich auf meinem Stuhl und war froh, weil das Aushalten im Sitzen nicht mehr ganz so weh tat, da sagte sie zu mir gewandt: „Hedwig steh mal auf!“
Zu den anderen sagte sie: „Hedwig, unsere Neue, wird uns nun das Tischgebet sprechen.“
Da stand ich nun, musste so dringend, dass es weh tat, verschränkte die Beine, zappelte herum und sprach das Tischgebet:
Oh Herr
Du hast uns von den Früchten der Erde gegeben.
Wir wollen sie nicht gedankenlos geniessen.
Wir denken an dich, den Spender alles Guten.
Segne alle, die uns dieses Mahl bereitet haben.
Allmächtiger Gott, wir preisen deine Güte und bitten:
Wecke und mehre in uns und in allen Menschen den Geist
der Liebe und der Dankbarkeit.
Amen.
Und so musste ich noch lange aushalten und konnte auch nichts essen, obwohl ich Hunger hatte, denn das Essen hätte mich ja vom Aushalten abgehalten.
Stumm schaute ich auf die grauen, schlecht geschälten Kartoffeln, und der Verzicht fiel mir gar nicht so schwer, denn sie sahen nicht gerade appetitlich aus. Die Schwester kam auf mich zu, schimpfte und sagte mit drohender Stimme: „Nun, Hedwig, dann sag uns wenigstens das Tischgebet vom Himmlischen Vater auf!“
Ich wusste schon gar nicht mehr, was ich machen sollte, wo mein Pipi doch schon so genug drückte, hatte sie ausgerechnet und mit voller Absicht noch das längste Tischgebet ausgesucht, das mehrere Strophen hatte.. Zunächst stammelte ich, dann leierte ich, während ich mit verschränkten Beinen herumzappelte:
Himmlischer Vater, wir danken dir, dass du uns Unwürdige gespeiset hast und nimmer aufhörest, uns deine Wohltaten gütig mitzuteilen.
Lob und Ehre sei Dir, o Gott, im Himmel; Friede den Menschen auf Erden; Gnade unseren Wohltätern; die ewige Ruhe den abgeschiedenen Seelen. Nach diesem Leben gib uns allen die ewige Seligkeit. Amen.
O Gott, dir sei für Speis und Trank,
für alles Gute Lob und Dank,
Du gabst, Du wirst auch immer geben;
Dich preise unser ganzes Leben. Amen.
Und bei Amen merkte ich, dass ein warmes Rinnsal meine Beine runterlief. So in mein Gebet vertieft und dem Erlöser nahe, vergass ich auszuhalten.
Alle Augen starrten auf mich, dass ich am liebsten in den Erdboden versunken wäre, so schämte ich mich. Erst recht, weil ich die Neue war. Aber ich konnte trotzdem nicht aufhören, denn endlich liess der Schmerz ein wenig nach. Ich stand in einer grossen Pfütze, auf die nun die Schwester mit dem Finger zeigte. Selbst meine Schuhe standen im Wasser.
„Was erlaubst du dir, na sage mal, jetzt schlägt's aber Dreizehn!“ fauchte sie mich an und stützte ihre Hände in die Taille. „Du unverschämtes dreckiges Blag! – Alle Mann herkommen, und nun aber ordentlich, gebt's ihr!“
Ich dachte schon, sie würden mich jetzt alle verhauen, zog mein Genick ein und schloss die Augen, um die Schläge nicht noch sehen zu müssen. Doch sie stellten sich um mich herum, rieben die Fingerspitzen ihrer Zeigefinger aneinander, und unter Anfeuerung der Schwester riefen sie lauthals nacheinander: „Fit, fit, fit, fit, schäme dich, alle Leute sehen dich fit, fit, fit, fit .. .“
Und die Schwester verhöhnte mich am lautesten.
Das tat noch viel mehr weh als Prügel, denn das tat drinnen weh. Ich wäre so gerne tot gewesen, so hab ich mich geschämt und die Wespen fingen wieder an zu stechen.
Die hämischen Gesichter aller Kinder und der Schwester, die sie anfeuerte und sich dabei höllisch freuten, waren damals die schlimmste Pein für mich. Fit, fit, fit, fit. Und dann sangen sie alle noch das Lied vom Maikäfer hinterher, und ich musste an Mutti denken, die in Bommerland zurückgeblieben war, ohne dass ich unartiges Kind ihr Auf Wiedersehen gesagt hatte.
Sie sangen, während mir die Tränen zu Salzklumpen im Hals erstarrten, und auch die Schlangen wühlten wieder in meinem Bauch.
Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Bommerland, Bommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg!
Sie sangen, und ich dachte, wenn ich jetzt ein Maikäfer wär, ich würd einfach wegfliegen. Ach nein, das ist ja auch Blödsinn, wohin denn? Du hast doch im Zug gesehen, dass überall Bommerland ist, und wenn's jetzt auch noch abgebrannt ist, wohin denn dann?
Vater im Krieg störte mich nicht, zu diesem Thema hatte ich sowieso keine Meinung, zumindest keine gute.
Es sind schon schlimme Zeiten, wo es sich nicht einmal lohnt, ein Maikäfer zu sein, dachte ich, und versuchte einfach, alles wegzudenken, auch die Kinder, ausser Cilli.
Als sie fertig waren mit dem Lied, sagte die Schwester: „So, Hedwig, und du bekommt drei Eimer Wasser dafür, damit du lernst, was sich gehört.“
Wo ich mich so schon genug fürchtete, schämte und litt!
Wir wurden in die Waschräume gebracht, und zuerst war die Lange, Dünne, dran. Sie musste sich in die Mitte der Kinderschar stellen und sich vor allen Kinder ausziehen. Und das war schon schlimm genug, denn sonst durfte man nicht einmal seine nackten Arme zeigen, weil das unanständig war. Nein, zudem wurde wieder der Sprechchor angefeuert mit den reibenden Zeigefingern: „Fit, fit, fit, fit, schäme dich, alle Leute sehen dich! Fit, fit, fit, fit …“
Nun erfuhr ich, was drei Eimer Wasser bedeutete: Die Lange musste sich nackt in die Zinkbadewanne stellen und bekam zehn Eimer Wasser nacheinander mit voller Wucht von der Schwester ins Gesicht geschüttet. Sie japste jedes Mal nach Luft, und wenn sie kaum wieder schnaufen konnte, kam der nächste Eimer dran.
Ich starb fast vor Angst und Scham, denn gleich würde ich drankommen, und alle würden sogar noch mein nasses Höschen sehen und meine nackten Arme.
Oh, lieber Gott, lass mich lieber tot sein.
Es war schrecklich. Der höhnische Singsang der Kinder und dazu dieses hässliche, gehässige Gesicht der Schwester, und bei jedem Eimer wieder: fit, fit, fit, fit, schäme dich …‚ und wieder einen Eimer, und wieder und wieder. Und zwischendurch Totenstille, und wieder …
Dann jagte sie die Lange unter Schlägen mit einem abgebrochenen Besenstiel aus der Wanne. Sie stand blaugefroren und zitternd vor der hämischen Meute Kinder – die gleichzeitig das blanke Entsetzen in den Gesichtern hatten –‚ gekrümmt vor Schmerz, Schmach und Demütigung.
Mitten in dieser entsetzlichen Stille wandte sich die Schwester zu mir und zerrte an meinem Kleid.
„Los, los, Hedwig, jetzt bist du dran!“
Ich zog mich unter stummen Tränen aus, und fühlte mich so erbärmlich erniedrigt, während die Schwester schon die Eimer füllte. Panik, Angst und Schrecken fuhren mir durch die Glieder, und das Lachen der Schwester und die Blicke der Kinder trafen mich wie Peitschenhiebe, wie der Rohrstock, der die Seelen zerschnitt.
Und nun ging es los. Sie feuerte an: „Fit, fit, fit, fit, schäme dich .. .“
In meinen Ohren fing es an zu sausen, als ich in die Wanne stieg. Ich hielt meine Hände vors Gesicht, als könnte ich so auch meinen nackten Körper verbergen. Sie zerrte meine Hände weg und gab mir eins mit dem Knüppel in die Rippen. Mir schwanden die Sinne, als ich zu alledem auch noch ausrutschte, und mit lautem Klatsch auf dem Boden der Wanne landete, wo ich mir noch am Rand den Rücken anschlug.
„Umdrehen!“ brüllte sie. „Den Rücken zu mir!“
Während ich versuchte, mich umzudrehen, sah ich zum ersten Mal meinen Schutzengel. Eine Nonne war hereingekommen, und das fit, fit, fit, fit der Kinder verstummte so nach und nach. Aber schon kam mit grosser Wucht das Wasser auf mich zugeschossen. Und weil ich mich erst halb umgedreht hatte, erwischte es mich von der Seite, schoss ins Ohr, in die Nase, die Augen und den Mund. Einen Moment lang blieb mir die Luft weg, ich japste, verschluckte mich, musste husten und Luft holen zugleich. Das Wasser lief mir durch die Nase in den Mund, und ich spürte noch mehr Angst, erbrechen zu müssen.
Da nahm mich jemand bei der Hand, zog mich am Arm aus der Wanne und sagte in sehr strengem Ton: „Mit Hedwig nicht!“
Es war die Nonne, die hereingekommen war. Sie hängte mir was über und brachte mich fort von dem eiskalten Ort des Grauens, in dem Spott und Hohn wohnten.
Am nächsten Tag konnte ich nicht aufstehen. Ich hatte Schmerzen und fühlte mich schlecht.
„Blasen, Nieren“, hiess es, als der Doktor kam. Die Rippen und das Kreuz mussten geröntgt werden. „Da stimmt was nicht“, sagte er. Also hatte ich doch ein Kreuz, dachte ich, und nicht nur einen Haken, wo die Fut dranhängt. Denn immer, wenn ich sagte: „Mir tut mein Kreuz weh“, hatte man mir geantwortet: „Du hast gar kein Kreuz, du hast nur einen Haken, wo die Fut dranhängt.“ Was immer sie damit meinten. Ich hatte ein Kreuz und brauchte nicht länger nach dem Haken zu suchen.
Ich stellte mir vor, dass es nichts Schöneres gäbe, als tot und im Himmel zu sein. Dort hätte alle Pein ein Ende, hiess es, und ich wünschte es mir so sehr. Ich würde ganz, ganz fleissig, freiwillig alle Sterne putzen, wenn es nur nicht mehr so weh täte. Aber es ging leider nicht, man kann nicht einfach tot sein, wenn man will, das wäre gefrevelt, hatte man mir gesagt.
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