Leseprobe

aus Jens Köster: Wir Kinder der Zuckerrübe. Roman


Prolog

1968: Adenauer und Konsorten hatten dem deutschen Volke noch jeglichen Verzicht auf Experimente versprochen, vorausgesetzt der Deutsche verzichte selbst aufs Experimentieren. Aber jetzt gab es Experimente aller Orten. Und eins davon war ich!
Mit mir lernte die deutsche Geschichte laufen, sehr spät, wie auch ich. Mit meiner Geburt bekam die deutsche Geschichte Sinn und nahm ihren Lauf, den ich nun, dem Auftrag dieser Geschichte durchaus demütig Folge leistend, niederschreiben möchte.
Ich sehe ohnehin keine andere Möglichkeit mehr, denn die deutsche Geschichte droht Schlagseite zu bekommen. Klaus Uhltzscht hat versucht mit seiner Autobiographie Helden wie wir die Geschichte des Mauerfalls zu klären. Er behauptet, mit seinem Dödel, mit seinem überdimensionalen Schwengel die Mauer höchstselbst geöffnet zu haben. Was so nicht ganz stimmt.
Verstehen Sie mich nicht falsch, Uhltzscht lügt nicht, er hat sogar recht, ihm fehlt ganz einfach nur ein Teil der Wahrheit. Der westdeutsche, um genau zu sein. Tatsächlich kann ich es bezeugen: Uhltzschts Gehänge hatte schlagbaumzerschmetternde Wirkung! Schließlich stand ich wenige Meter von ihm entfernt. Es stimmt: Die deutsche Geschichte ist schwanzgesteuert.
Ich möchte mal so sagen: Uhltzscht war bloß der Büchsenöffner der Dosen–Demokratischen–Republik. Er ließ den Dampf ab. Doch könnten Sie auf Anhieb die Frage beantworten, wer die Büchse letzten Endes so unter Druck gesetzt hat? Wie Sie wohl schon ahnen, war ich das.
Ich habe es für meine Eltern getan, aber vor allem für Mandy.

Teil eins – Das Abenteuer erwachsen zu werden
Im Rhythmus der Rübe

Am zweiten November des Jahres 1989 gegen dreiundzwanzig Uhr war ich endgültig unten durch. Mit Hilfe meines besten Freundes Fascho–Tom hatte ich den antifaschistischen Schutzwall überwunden oder besser gesagt unterkrochen. Im anderen Teil der Welt angekommen, klopfte ich mir die feuchte lehmige Erde von meiner Lieblingsjeansjacke, schaute leopardenäugig links und rechts in die ostzonale Dunkelheit, prüfte die Batterien meiner Taschenlampe und machte mich an die Arbeit.
Die Grenzanlagen waren kein Problem. Die Ossis konnten nicht nur keine ordentlichen Autos bauen, auch ihre Zäune ließen an Resistenz zu wünschen übrig – zumindest in östliche Richtung. Wir benutzten einfach den alten Möhren–Trick. Mit dem hatten wir immer den Jägerzaun von Bauer Kulle überwunden, um seine besonders orangen Mohrrüben zu klauen und sie inklusive einer magenreinigenden Portion Erde in uns rein zu stopfen. Der Trick war simpel: wir legten einfach eine falsche Fährte. Meistens verteilten wir Kaninchenköttel, hin und wieder mitgebrachte Mohrrüben, die wir einfach von unseren Käfig–Kaninchen anknabbern ließen. Dank unserer Taktik vermutete Kulle Kaninchen hinter dem üblen Machwerk und dank unserer Taktik bestieg Bauer Kulle den Thron des ungekrönten Königs der Kaninchenjäger. Seine Vorkehrungen gegen Kaninchen waren weit sicherer als der Eiserne Vorhang in östliche Richtung.
Kulles Mohrrüben und die Grenzanlagen schienen das einzige, was der Boden in unserer Gegend, der Gegend rund um Trimmenbach, neben der alles beherrschenden Zuckerrübe hervorbrachte. Getreide ließ auf halber Höhe einfach mutlos den Kopf hängen, Dörrobst statt Zwetschgen und Aprikosen, Rosinen anstelle von Weintrauben. Es schien, als sei der Boden für alles außer für Zuckerrüben von unten versiegelt, als gebe es nicht nur die Grenze zur DDR, sondern ein Pendant unter der Erde, für die allein die Zuckerrübe ein Visum bekam.
Weil nur Zuckerrüben wachsen wollten, bauten alle Bauern Zuckerrüben an. Mancher behauptet, daran sei nicht der Boden, sondern die hohen staatlichen Subventionen schuld. Wer das sagt, kennt unsere Gegend nicht. Unsere Gegend war zu Mauerzeiten das geteilte Herz des deutschen Zuckerrübenanbaus. Auch wir Petersens machten in Zuckerrüben. Wir waren sogar die führende Zuckerrübenfamilie in Trimmenbach und wären es wohl noch heute, hätte Deutschland 1974 nicht die Fußballweltmeisterschaft gewonnen.

Wenn Menschen, vom Land versuchen, die Stimmung, den Rhythmus oder den Geruch ihrer Kindheit zu beschreiben, ist dabei oft von Bäumen und Wäldern die Rede, von goldenem Laub und Harzgeruch, von tosender Brandung, von Ebbe und Flut, den Gesetzen der Fischerei, manchmal auch von mächtigen Bergen, Lawinen, Föhn, Almen und ewigen Gletschern. Bei mir ist das anders. Die Stimmung, der Rhythmus, der Geruch meiner Kindheit, ist die Stimmung, der Rhythmus und der Geruch der Zuckerrübe. Egal woran ich denke – meinen ersten Schultag, meinen ersten Kuss, den Tod meiner Eltern –, immer rieche ich gleichzeitig Zuckerrüben. Es stank schließlich tagein und tagaus nach nichts anderem bei uns. Auch im Frühjahr und Winter hing der Geruch überall, weil Suppen gekocht und Vorgärten mit dem verfaulten Kraut gedüngt wurden.
Trimmenbach liegt direkt an der wegradierten Zonengrenze und war bis zur Wende eine Halbinsel im Osten. Völlig eingezont sozusagen. Nur eine schmale Straße führte durch den Jägerberg – mehr ein Wald, denn ein Berg – in den eigentlichen Westen. Den Blindarm Südniedersachsens nannten manche unser Dorf. Aber wer genau hinsah, erkannte, dass Trimmenbach wie eine Nase in den Osten hineinragte. Irgendjemand hatte in der Schule heimlich die Wandkarte für den Heimatkundeunterricht bemalt. Dabei verwandelte er unseren Zuckerrübenlandkreis in die Gesichtszüge von Willy Brandt, und Trimmenbach in seine Nase. Genau so stellte ich mir immer Brandts berühmte Ostpolitik vor – ein neugieriges Rumschnuppern im Osten. Und Trimmenbach war die Nase dieser Ostpolitik.
Mitten durch Willy Brandts Nase schlängelt sich die Trimme, der Bach, der unserem Dorf den Namen gegeben hat. Von Westen kommend, fließt die Trimme durch die Nase und dann in die Zone. Dort erreicht sie nach ein paar Kilometern unser Nachbardorf Trimmenhausen, das allerdings von der Trimme umrundet wird. Bestimmt mag der Bach das Dorf auch nicht. Niemand in Trimmenbach mag Trimmenhausen. Trimmenhausen ist unser Ostfriesland. Für manch einen im Ort war der Grenzverlauf zwischen den beiden Trimmedörfern kein Zufall, sondern ein Akt höherer Gerechtigkeit. Bei uns jedenfalls fließt die Trimme mitten durchs Dorf, vorbei am Sportplatz und der alten ausgedienten Zuckerfabrik, bis sie auf ihren letzen Metern vor dem ehemaligen Zaun nicht nur von den allgegenwärtigen Zuckerrübenfeldern, sondern auch von unzähligen Trauerweiden gesäumt wird. Mag sein, es waren einmal ganz normale Weiden. Aber seit sie den Zaun hochgezogen haben, sind es Trauerweiden. Sie stehen Spalier an der Trimme, als letztes Geleit für einen Bach, der nicht anders konnte, als seinem Bachbett folgend in die DDR zu fließen.
Unsere Grundschullehrerin Frau Venus inspirierte die Trimme und die Zeichnung auf der Karte zu der wohl lustigsten Bemerkung ihres ganzen Lebens: „Willy Brandt läuft ja die Nase.“ Sie hatte recht, und aller Rotz und Schnotten ergoss sich in die DDR. Nicht nur wegen des chronischen Schnupfens glaube ich übrigens, Brandt hätte notfalls auf seine Nase verzichtet, wenn der Ostblock ins Zuckerrübenfeld gezogen wäre, um Trimmenbach während des Kalten Krieges zu erobern. Ein dritter Weltkrieg wäre jedenfalls bestimmt nicht ausgebrochen. Trimmenbach ist nicht Berlin. Das Dorf hatte bei aller Ostnäsigkeit nur sehr bedingt den Charme einer Speerspitze der freien Welt. Kein Kaufhaus des Westens oder Springerhochhaus, keine repräsentative Mauer zum Beschmieren, kein Reichstag auf dem man öffentlichkeitswirksam eine Fahne hätte hissen können.
Neben dem prägenden, mal matt, mal wächsern glänzenden dunklen Grün der Rübenblätter auf den umliegenden Feldern und dem Geruch der modernden Strünke im Herbst, verdankt Trimmenbach der Zuckerrübe vor allem zwei Pi mal Daumen fünfzig Meter hohe Betontürme, die mit einem Radius von runden zehn Metern auf der dorfabgewandten Seite in Richtung Osten starren, wie zwei herrenlose Taucherflaschen. Die Silos der alten Zuckerfabrik.
Diese Fabrik war der Anlass für den Streit zwischen Trimmenbach und Trimmenhausen. Nachdem ein gewisser Franz Karl Archard – der im Heimatkundeunterricht von Direktor Raschke göttliche Züge annahm – 1801 ein Verfahren entwickelte, Zucker aus Runkelrüben zu gewinnen, schlug die Stunde der Gegend rund um Trimmenbach. Für nichts schien der Boden so gut geeignet, wie für den Anbau von Runkelrüben, auf nichts anderes schien dieser Boden von jeher gewartet zu haben. Und als die Leute endlich zwei statt einem Stückchen Zucker in ihren Kaffee haben wollten, baute man gegen den erbitterten Widerstand der Trimmenhausener die Fabrik bei uns im Dorf. Unsere Hochzuckerphase endete mit der deutschen Teilung. Seitdem wurden die Rüben neben der Fabrik nur noch auf Züge verladen und durch das Nadelöhr des Jägerbergs wieder in den Westen zurück transportiert. Zonenrandförderung nannte man das.
Nur zu Propagandazwecken hätten die Silos danach noch getaugt. Als Litfasssäulen. Man hätte sie in Richtung Osten mit irgendwelchen Parolen beschmieren können. Zum Beispiel Süß lockt der Westen oder Meinungsfreiheit ist Zucker für die Seele. Aber wahrscheinlich war unsere Gegend einfach zu abgelegen.

Wir Petersens sind schon seit Generationen in Trimmenbach. Am Anfang war die Trimme, die rauschte, dann klapperte die Mühle und später kam mein Ur–Urgroßvater, nahm sich meine Ur–Urgroßmutter zur Frau und begann mit ihr Zuckerrüben an–, sowie den Hof aufzubauen. Das selbe taten meine Urgroßeltern und Großeltern. Die Übergabe von einer Generation zur nächsten war noch eine Selbstverständlichkeit, dieser Lauf der Dinge wurde nie hinterfragt. Eines Tages gehörte der Hof meinem Großvater. Am neunten Januar 1900 geboren, verpasste mein Großvater den Titel des ersten Neunzehnhunderters nur relativ knapp. Mit zwölf Jahren, rief ihn sein Vater, mein Urgroßvater, in den Kuhstall. Es war Herbst, es war kalt, es war dunkel, die Rübenernte eingefahren, und die Natur verlor in kürzester Zeit all ihr hart erarbeitetes Grün.
Eine der Kühe hatte gerade gekalbt. Sie lag erschöpft in der Ecke, etwas unheimlich beschienen von einer einsamen Petroleumlampe, schwitzte und dampfte, als habe man sie gerade aus einem Kochtopf geholt. Neben ihr das nackte, glänzende Kalb, die Augen noch verklebt, dünnhäutig, die Adern in den Erzählungen meines Großvaters gut zu erkennen, wie eine Straßenkarte. Das Kalb ließ nichts unversucht, wie alle Kälber nach der Geburt aufzustehen und mit dem Leben zu beginnen. Aber es ging nicht. Es war in allen Belangen ein ganz normales Kalb, dem allerdings das linke vordere Bein fehlte. Manchmal gelang es ihm die hinteren Beine aufzustellen, dann kam es vorne nicht hoch. Hin und wieder konnte es sich vorne einen kurzen Moment aufrecht halten.
„Gott hat einen Fehler gemacht“, soll mein Urgroßvater zu meinem Großvater gesagt haben, was meine Großmutter bezweifelt, weil ein Protestant ihrer Meinung nach Gottes Werk niemals in Zweifel ziehen würde. Dennoch wurde der Fehler kurze Zeit später in einer tiefen Grube hinter dem Haus verbuddelt. Mein Urgroßvater reichte meinem Großvater die Eisenstange, mit der gewöhnlich schwere Findlinge in den Feldern angehebelt wurden, um sie dann mit Hilfe eines Ochsen oder eines Gaules aus dem Boden zu ziehen. Mein Großvater zögerte nicht eine Sekunde und kümmerte sich, wie er sich fortan viele Jahre kümmern sollte.
Dann kam der erste Weltkrieg und mein Urgroßvater geht auf den alten vergilbten Fotos nicht nur in seinen Kameraden unter, er ging auch mit seinen Kameraden unter. Schon nach einer Woche kam die Mitteilung, sein Sarg sollte nie folgen.
Was es mit dem Begriff der Dolchstoßlegende auf sich hatte, wusste niemand in Trimmenbach wirklich, aber der Satz von der im Felde unbesiegten Wehrmacht leuchtete jedem auch ohne diese Legende ein. Denn vom tagtäglichen Kampf auf Feldern verstand man etwas in Trimmenbach, und ein gestandener Kerl wie mein Urgroßvater konnte auf dem Felde einfach nicht besiegt worden sein. Das war unmöglich.
Mein Großvater übernahm den Hof, schuftete und wünschte sich, wenn er Zeit dazu hatte, die Monarchie zurück. Die Demokratie brachte für ihn die natürliche Ordnung durcheinander. Nicht mehr Stammbaum und Vorsehung, sondern Marktgeschrei, Reklame und Versprechungen sollten plötzlich verantwortlich dafür sein, wer Chef im Land war? So funktionierte kein Hof, so funktionierte kein Land! Als die Nazis an die Macht kamen, hatte mein Großvater nicht viel gegen sie. Aber er hatte etwas gegen Adolf Hitler. Ohne Hitler wäre er wohl ein guter Nazi geworden. Aber es gab Hitler und Hitler war ein Österreicher, und mein Großvater hasste die Österreicher noch mehr als die Kommunisten, woran der Fußball nicht ganz unschuldig war.
Kaum hatte sich nämlich Österreich dem Deutschen Reich angeschlossen, ereilte die Nationalmannschaft das gleiche Schicksal. Mochte jeder politisch–völkisch denken, was er wollte, fußballerisch war der Anschluss eine Katastrophe. Die Mischung wollte einfach nicht gelingen, und bei der WM 1938 scheiterte man kläglich an der Schweiz. Das verzieh mein Großvater Adolf Hitler nie. „Wie kann der Kerl glauben, die Österreicher seien auch nur annähernd in der Lage, etwas Sinnvolles mit einem Ball zu fabrizieren?“ verkannte er den österreichischen Fußball schon damals.
So schmerzte meinen Großvater zwar der Sieg der Bolschewisten, die Loslösung von Österreich feierte er ausgiebig.
Meine Großmutter ist die Tochter eines Molkerei–Prokuristen. Trotzdem wurde sie die Geflügel–Großmutter genannt. Alle nannten sie so, denn sie kannte nicht nur alle Bauernregeln, sondern auch alle geflügelten Worte. Sie griff auf bestehendes Sprachgut zurück, das sie gerne noch ein wenig veränderte. Bei der Geburt meiner Mutter soll sie etwa gesagt haben: Ein Glück kommt selten allein. Und etwas mehr als neun Monate später kam dann ja auch Tante Klara. Sie war aber auch zu keckeren Sprüchen in der Lage. Überliefert ist zum Beispiel Handwerker haben goldene Hoden. Zu den Nazis fiel ihr folgendes ein: Was die Meute kann besorgen, das verschiebt sie nicht auf morgen. Der Faschismus, so pflegte meine Großmutter zu sagen, habe sie viele Jahre zeugungsunfähig gemacht. Das Bild von Adolf Hitler – dieser kleine verklemmte Schlappschwanz wie sie ihn einmal nicht ganz nüchtern nannte – habe jede Lust und Fruchtbarkeit in ihr getötet. 1918 geboren, gab sie die Hoffnung auf Kinder mit dem Russlandfeldzug auf, nachdem auch mein Großvater auf den Weg nach Osten geschickt worden war. Sowohl mein Großvater als auch die Fruchtbarkeit kehrten zurück und nach dem Krieg 1946 und 1947 wurden meine Mutter und Tante Klara geboren. Beide wie ich auf dem Hof.
Mochten Töchter und Zuckerrüben nach dem Krieg schnell wachsen, das Erbe der Generationen begann ranzig zu werden. Meine Mutter half nur auf dem Hof aus, wenn es wirklich nötig war. Dann halfen ohnehin alle mit. Tante Klara im ewigen Suff und auch Onkel Max, dessen Hilfe zwar lieb gemeint, aber eher symbolisch zu betrachten war. Hatte er überhaupt einmal Zeit, schnappte er sich den alten blauen Ford mit dem Vorderlader und fuhr im Dorf spazieren, um alle Leute zu begrüßen. Denen schwärmte er dann vom Landleben vor, wenngleich es eigentlich seine Gesprächspartner führten und nicht er. Die meiste Zeit verbrachte er im Krankenhaus.
Nur mein Vater nahm die Tradition noch ernst und baute Zuckerrüben an. Dafür opferte er sogar seinen Nachnamen. Trotz Trauschein vertrocknete der Name Kreuzmacher wie die Zuckerrübenblätter im heißen Sommer 69. Mein Vater zog auf den Petersenhof, und der Petersenhof würde nie und nimmer ein Kreuzmacherhof werden.

Meine Eltern haben sich auf unserem Außenklo kennen gelernt. Wegen der beiden Türen.
An jenem Abend wurde auf unserem Dachboden ein riesiges Fest gefeiert. Es diente dem Ziel, meine Mutter und ihre beste Freundin, eine ebenfalls erbende Bauerntochter namens Annegret Harrihausen, zu verheiraten.
Mein Vater hatte wie alle Männer in den Garten gepinkelt, wollte aber durch das Außenklo zurück in den Stall, um einen Umweg zu vermeiden. Meine Mutter zerrte am Schlüpfer unter ihrem guten Rock, den sie nur der Großmutter zuliebe trug und ließ sich dabei nicht stören. Mein Vater zog im Hereingehen gerade den Hosenlatz seines guten Anzugs hoch und machte auf dem Absatz kehrt.
Aber meine Mutter hielt ihn zurück „Geh doch hier durch, ist doch viel kürzer, wirst mir schon nichts weggucken“.
Es gibt viel Natur in unserer Gegend. Es ist die Natur unserer Gegend, aus Natur zu bestehen. Einer Laune dieser Natur folgend, ist aus meiner Mutter keine ganz normale Bäuerin geworden. Seht her, sagte die Natur, in dieser Gegend wachsen eigentlich nur Zuckerrüben, Grenzanlagen und kleine Bauernkinder. Aber dieses Geschöpf, diese Elisabeth Petersen, die wird keine Bäuerin, die wird politisch. Und darum stand mein Vater nach zwei hastigen Schritten nicht nur vor der Tür zum Stall, sondern auch direkt vor Mahatma Gandhi. Meine Mutter hatte ihn als Poster direkt neben die Tür gehängt und meine Großmutter wollte ihn wegen seines verhungerten Aussehens ständig füttern. Meine Mutter verehrte ihn und hoffte inständig darauf, einer wie er könnte eines Tages Bundeskanzler werden.

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