Leseprobe
aus Jörg Frommann: UNO
Und so begann alles (erzählt aus der Sicht des Autors):
Ich war also derjenige, der eindeutig zu spät kam. Normalerweise hätte mir das nichts ausgemacht, es war ja auch gar nicht meine Schuld, nur ein Missverständnis zwischen mir und der Leiterin der Musikschule. Die erklärte mir fortan jedes organisationstechnische Detail mit der Betonung, mit der Krankenschwestern senile Patienten in ihre Tablettenschieber einweisen. Anscheinend konnte der erste Eindruck auch sehr lange anhalten. Überhaupt hatte die Dame recht ausgeprägte Mutterinstinkte, wie sich in der Zukunft herausstellte. So saß sie zumeist zwischen ihren Begonien und dirigierte das Geschehen mit sorgsamer Stimme, verschob sich ein Termin, gab’s ein Merkzettelchen, und wer es trotzdem nicht hinbekam, kassierte einen wohlgemeinten Rüffel. Bei den meisten kam diese fürsorgliche Art offenbar gut an, um ihren Schreibtisch herum war das Geschnatter immer groß, von Zeit zu Zeit sah ich da auch einige Menschen, die wie Gas–Wasser–Installateure aussahen, wie sich herausstellte, waren das aber vormalige Schüler, die mal ‚auf’n Käffchen‘ vorbeigekommen waren, so kann man sich irren.
Der Grund, warum es mir nicht egal war, dass ich zu spät kam, stand an einem der zahlreichen runden Tische in dem großen, mit langen Fensterflächen durchzogenen Vorraum und kramte in seiner Tasche. Ich wusste sofort, dass dies meine Gesanglehrerin sein würde. Sie hatte sich über die Tasche gebeugt, so dass die langen, vollen Haare in ihr Gesicht fielen. Sie war sehr schlank. Ich werde dieses Bild nie vergessen. Ich trage es wie eingenagelt in mir.
„So mein Lieber, das ist deine Lehrerin!“ Die Leiterin stellte uns vor. „Sie ist Amerikanerin!“
‚Oh, say can you see this‘, dachte ich.
Sie lachte ein Hallo–Lachen und hielt mir ihre Hand hin. Dabei streckte sie ihren Arm ganz durch. Ihre Hand machte sich lang, die Finger spannten sich zu einem leichten Schwung nach außen.
Mir ging ungefähr folgendes durch den Kopf:
Scheißesiehtdiegutausfuckfuckfuck–washastduanvorwievielenstundenhastdudirzumletztenmaldie
Zähnegeputzt–dichrasiertgekämmtbecoolbecoolbecool!
Ich schätzte sie auf ungefähr Mitte Zwanzig, rein äußerlich betrachtet. Natürlich gibt es da noch eine Art ausgestrahltes Alter, ähnlich wie es auch eine gefühlte Temperatur gibt. Das wirkte bei ihr auf Anhieb höher, gleichzeitig aber auch gerade nicht. Wir empfehlen Ihnen, sich auf eine wechselhafte Wetterlage einzustellen.
Es folgte der übliche Erstunterhaltungs–Eiertanz, bei dem man sich schlauerweise gleich mal ins rechte Licht rückt. Das verpasste ich einigermaßen, ich war viel zu aufgeregt und vor allem eingeschüchtert bei dem Gedanken, dass ich jetzt mit dieser Frau in einen Raum gehen sollte, um zu SINGEN. Auf eine ukrainische Exdiva mit resolutem Führungsstil wäre ich ja vorbereitet gewesen. Mit einer schwarzen Mittvierzigerin mit mehreren Kubikmetern Resonanzraum und einer Soulstimme, die mich an die Wand geblasen hätte, wäre ich fertig geworden. Das aber überforderte mich ein wenig. So eine Rücklauftaste, die wäre es jetzt gewesen, zu gerne hätte ich mich ein paar Tage zurückgespult und in einen harmlosen Malkurs eingeschrieben. Das war aber nun mal alles live, on air, also nichts zu machen. Ich fragte mich, ob ich diesen Thrill wirklich einmal pro Woche aushalten würde.
Sie führte mich in einen kleinen, weißen Raum mit einem großen, schwarzen Klavier und knallte in bester Lehrerinnenmanier einen beachtenswerten Unterlagenstapel auf ihr Arbeitsgerät. Die Tür fiel hinter mir zu. Fluchtweg abgeschnitten. Jetzt wurde es ernst. Zunächst diktierte sie mir die Bedingungen ihres Unterrichts. Notenpapier und einen Schnellhefter solle ich doch bitte künftig mitbringen, das sei unerlässlich für einen geordneten Unterrichtsablauf. Sie musterte mich und fragte, ob ich das hinbekäme. Anscheinend ging sie nicht davon aus, denn sie zerrte einen Zettel aus dem Stapel hervor und schrieb mir ‚Notenpapier‘ und ‚Abhefter‘ rechts unten in die Ecke. Wahrscheinlich lag diese Skepsis auch an meiner Verspätung; ‚er war ja noch nicht mal bei der ersten Stunde pünktlich, was für ein Chaot‘, das wird sie sich wohl gedacht haben. Wir hatten für den eigentlichen Unterricht noch gerade mal eine magere Viertelstunde Zeit. In dieser gab sie mir Phrasen auf dem Piano vor, die ich dann verschüchtert nachpiepste. Wichtig dabei war, die Vokale in einer bestimmten Weise zu artikulieren, also schrieb sie mir noch ‚Offen‘ und ‚Italienisch‘ auf den Zettel, schließlich sogar noch ‚a, e, i, o, u‘ und so langsam bekam ich den Eindruck, dass sie mich ganz allgemein für einen kompletten Vollidioten hielt. Ich sah ihr zu, wie sie die Buchstaben langsam auf das Papier malte. Ihre Schrift beeindruckte mich. Zunächst einmal war sie, wie nun einmal viele Frauenschriften, einfach formschön. Die ‚A‘s, ‚B‘s, ‚N‘s und ‚R‘s schrieb sie auch mitten im Wort groß, das hatte natürlich etwas. Insgesamt fand ich ihre Schrift einigermaßen ausgefallen, ich nahm an, dass dies durchaus mit ihr selbst im Zusammenhang stand. Später allerdings krakelte sie auch gerne mal, wenn es schnell gehen musste, aber ihre Notenschrift war immer toll, damit hätte sie mir ganze Tapeten voll schreiben können. Ich freute mich immer, wenn sie mir längere Notenpassagen aufschrieb, sie kamen mir vor wie methodisch aneinander gefügte Figuren von kryptischen Geheimzeichen, hinter denen sich etwas Besonderes verbarg.
Ihr reichte die verbliebene Viertelstunde locker, um Intelligenz und Klasse unter Beweis zu stellen, auch wirkte sie sehr fraulich und reif, immer auf einer Augenhöhe mit ihrer Umgebung, mit der Situation. Das Ganze war schon mal ziemlich beeindruckend. Aber noch nicht alles: Auch schien sie mir zwischenmenschlich aufgeweckt und feinfühlig. Sie besaß jene Art von Aufmerksamkeit gegenüber den Geschehnissen zwischen Menschen, die verfettete Gute–Laune–Tanten auf Verwandtschaftstreffen oft bei heranwachsenden Kindern in Bezug auf deren Umwelt ausmachen. Ich meine diese Schwarzwälderkirsch–Nachmittage, an denen der Plattitüdenreigen früher oder später unweigerlich auf die am Rande spielenden Kleinen verfällt und die ganze Versammlung dann sehr versonnen darauf schaut, wie der Matchbox–Testarossa von einem Plastik–Leo total zerblasen wird. Natürlich haben die Leute Recht, wenn sie an Kindern die wache Wahrnehmung, die sinnliche Frische und die staunende Aufmerksamkeit rühmen, das Lächerliche ist nur die Differenz zu ihrer eigenen Schalheit. Sie aber hatte eben diese frische, ursprüngliche Art von Feinsinnigkeit gegenüber den Geschehnissen zwischen Menschen und ich fragte mich, ob dies vielleicht sogar nur eine Facette einer allgemeinen Sensibilität war. In erster Linie hoffte ich allerdings, dass sie an diesem Nachmittag nicht so sensibel war, um im vollen Umfang zu bemerken, was für eine gesangliche Null ich war. Ich versuchte diese Tatsache durch das Einstreuen von im Grunde völlig belanglosen, aber zeitbringenden Theoriefragen und durch ein ausgeprägtes Pianissimo zu vertuschen. Ich schätzte aber schon, dass ihr das nicht entgangen war, auch wenn sie nichts sagte, was wahrscheinlich an einer übertriebenen, amerikanischen Höflichkeit lag. Na, das war immerhin schon mal ein kleiner Makel.
In den nächsten Wochen bewies sie ihre Leichtigkeit. Diese Leichtigkeit war locker und cool, sie war unsentimental, freudig und witzig. Ich bemerkte auch einen rauen, ordinären Zug in dieser Eigenschaft, den sie aber verbarg, wie man eben so etwas vor Fremden verbirgt.
Ich berichtete ihr von der speziellen Situation beim Singen mit umgehängter Gitarre.
„Das ist schon eine Umstellung zu den Übungen hier“, sagte ich, „die Atem– und Projektionstechniken funktionieren irgendwie anders, wenn ich dieses Ding umgeschnallt habe.“
„Hm. Man müsste die Methodik einfach mal darauf abstimmen. Ganz konkret, mit dem Instrument.“
„Tja – vielleicht bringe ich die Gitarre mal mit?“
„Yeah!“ rief sie und riss die Augen auf. „Dann jammen wir nächste Woche mal! Klavier und Gitarre! How cool is that?!“
Sie lachte, rein und vorbehaltlos, aus einfachem Spaß an dem Ereignis, ein leichtes Lachen eben, das schallte und nach knallender Sonne schmeckte. Es erinnerte mich an das Lachen eines jungen Mädchens. Diese nackte Freude war ihr im Moment wichtiger als der Unterricht, sie strahlte aus ihrem ganzen Gesicht und schien sie vollständig zu durchdringen.
„Rock in the schoolhouse!“ meinte sie und reckte die Faust, ich solle das nächste Mal ja nicht vergessen, die Gitarre mitzubringen, sonst lasse sie sich ein paar üble Übungen einfallen. Ein Verstärker würde noch von Nöten sein. Auch das wurde gleich geregelt:
„Warte, warte, ich frag mal nach, ob die Schule einen stellen kann.“ Und schon war sie aus dem Bild, Staubwolken säumten ihren Weg.
Ich musste grinsen und ließ ihr leichtes Lachen noch mal an mir vorüberziehen. Diese beschwingte Energie darin, ziemlich erquickend war das, ich war sehr angetan. Tja. Ob daneben wohl auch noch Platz für eine spannende Empfindungswelt war?
Als ihre Emotionalität offensichtlich wurde, schien die Sonne draußen. Trotzdem war mein Tag bis dahin faszinierend beschissen, gleich nach dem Aufstehen hatte ich meinen Fernseher vom Podest gefegt, danach spuckte mir der Geldautomat verächtlich meine wertlose Karte entgegen und irgendein blödes Arschloch besudelte in der U–Bahn meine Hose mit seinem probiotischen Dreckszeug. Dann das:
„Was hörst du eigentlich für Musik?“ Sie fragte dies in einem unterrichtstechnischen Zusammenhang, trotzdem war ich im ersten Moment verblüfft. Diese Frage bekommt man ja gewöhnlich in der Teenager–Diskothekenphase gestellt und dann auch andauernd, denn sie dient dazu, um abzuchecken, was für einen Typ Mensch man sich da gerade ins Bett zu holen im Begriff ist. Später wird diese Frage dann ersetzt durch: ‚Was für Autoren liest du?‘ und noch später ist es dann einfach egal.
„Äääh“, sagte ich und dann wahrheitsgemäß: „Na ja – also Radiohead mag ich eigentlich sehr gerne.“
„Oh“, meinte sie, während sie in ihrer Tasche herumwühlte, „die sind natürlich schon außergewöhnlich!“ Dann sah sie zu mir auf. „Ein paar Sachen von denen treiben mir die Tränen in die Augen, ohne dass ich weiß, warum.“ Sie widmete sich wieder ihrer Tasche und für ein paar Augenblicke lag nur das Geräusch ihres Kramens im Raum.
In der folgenden Nacht lag ich lange Zeit wach. Sicher, dieser Satz war keine große Sache, eher eine nette Randnotiz, die nichts heißen mochte. ICH natürlich sah das anders: Ein ausgeprägtes Gespür für das verborgene Ereignis las ich darin, für die heimliche Schönheit in den Dingen, über die die großen Dichter seitenweise schwerfüßige Jamben geschrieben hatten. Ich war hingerissen. Klar, nachts allein mit seinen Gedanken im Bett, da überkommt es einen schon mal und man dreht ein bisschen durch, das sah ich schließlich auch ein und beruhigte mich allmählich. Trotzdem war sie nun von einer attraktiven zu einer interessanten Frau für mich geworden.
Tief unten liegt das weiße Rauschen. Erst an den Grenzen des Gesichtsfeldes verliert sich die stumme Weite in Unschärfe. Es gibt keinen Ort auf dieser weichen, gleichförmigen Fläche. Von Zeit zu Zeit aber hebt sich eine klamme Kuppe aus dem Innern. Dann bricht die Oberschicht für einen Moment auf.
Nach und nach setzte sich aus dem Wechsel der mir vorankommenden bzw. nachfolgenden Schüler ein Bild der kunterbunten Schar ihrer Schösslinge zusammen. Zunächst gab mir ein circa acht– bis achtzehnjähriger Rocker die Klinke in die Hand, der begeistert von einer Guns n‘ Roses–Reunion berichtete und behauptete, dass aus seiner Band ‚schon noch was wird‘, wir würden schon sehen. Dann gab es da eine Blondine, deren Stimme ich aus irgendwelchen Gründen gerne mal gehört hätte, oder es gab sie vielmehr nicht, jedenfalls nicht oft, denn meistens kam sie nicht und deshalb habe ich auch nie erfahren, wie ihre Stimme nun klang. Für ein junges, hochambitioniertes Mädchen, das seine Komplettausbildung in Sachen Schauspielerei, Ballett und Bulimieallüren mit einem Gesangstudium abrunden wollte, erklärte ich mich bereit, meinen Termin verlegen zu lassen, was die Schulleiterin so charmant fand, dass sie sie in meine Stunde schleppte und mir vorstellte. Sie sah mich mit großen und schüchternen Augen an und reichte mir ihre fragile Hand. Aus ihr leuchtete schon das magische Geheimnis dunkelhaariger Frauen, zwar schwach noch, aber das würde noch werden. Wenn ihr Name eines Tages im Abspann einer Nooteboom–Verfilmung auftaucht, werde ich sie ausfindig machen und daran erinnern, dass sie ihre Karriere MIR zu verdanken hat und dann kann sie sich mal überlegen, wie sie ihre Schuld abgilt. Sehr sympathisch war mir ein etwa vierzigjähriger Mann, der Klavierunterricht bei ihr nahm und sein Instrument wohl schon ziemlich gut beherrschte. Mir schien, er war einer ihrer wenigen Schützlinge, die sie gerne unterrichtete. Über so manchen ihrer Schüler fiel schon mal ein latent abfälliger Kommentar, meist bezüglich der Arbeitshaltung. Ich stellte mir vor, wie sie erleichtert durchatmete, wenn sie nach einigen Stunden mit kleinen Bälgern und von sich selbst eingenommenen Halbwüchsigen eine gesittete Stunde mit diesem vernünftigen und halbwegs musikalischen Menschen verbrachte. Das war mit Sicherheit ziemlich erholsam.
Irgendwann inmitten dieser wirren Abfolge kam ich dann an die Reihe mit meinen Kärtchen, auf denen ich minutiös die neuesten Erkenntnisse meiner vor dem Spiegel stattfindenden Taschenlampen–Expeditionen des Rachenraums auflistete. Außer dass sie mich wahrscheinlich für penibel hielt, hatten diese Dinger aber keinen großen Effekt für den Unterricht. Ich konnte Fortschritte nie so richtig in der Stunde umsetzen, gluckste schüchtern herum, es kam mir meistens schrecklich albern vor, aus mir heraus zu gehen und mich fallen zu lassen, in ihrer Gegenwart, in diesem extrem hellhörigen Raum, dessen Tür sich nicht richtig ins Schloss drücken ließ, wahrscheinlich, weil der alte Plattenbau langsam in sich zu verrutschen begann. Sie war all dem gegenüber angemessen verständnisvoll, baute mich auf, würdigte Leistungen, blieb aber immer kritisch und zog die Zügel an der richtigen Stelle an. Psychologische Strategien einer fähigen Lehrerin. Was aber dachte sie über mich? Wo stand ich für sie als Mensch in der langen Folge ihrer Schüler?
Tief unten liegt das weiße Rauschen. Gestaltlos treibt die trübe Masse umher. Sie ist ohne Form, ohne Inhalt, ohne Ziel. Ein einzelner Funke im Innern ist meilenweit zu sehen. Er zersetzt den dünnen Dunst mühelos.
Sie saß an ihrem Piano und blätterte mit flinken Fingern ihren Materialstapel durch. Dabei murmelte sie von Zeit zu Zeit einige Kommentare auf Englisch und fischte nebenbei ein Schoko–Bon aus einer Tüte, die auf dem Klavier lag. Sie sah sehr hübsch aus. Dann hielt sie plötzlich inne und schaute mich an.
„Willst du auch eins?“ fragte sie mich.
Normalerweise zögerte ich nicht lange, wenn man mir etwas anbot. Als ich noch ein Kind war, fehlte dem Schokokuchen meiner Mutter immer die Glasur, weil ich mich an der dafür vorgesehenen Blockschokolade gütlich getan hatte. In diesem Moment hatte ich aber keine Lust, eine halbe Stunde lang atonales Gefiepe von mir zu geben und mir dann auch noch den Bauch mit ihren Schoko–Bons vollzuschlagen.
„Lass mal, später vielleicht.“
Sie lachte. „Okay. Wenn du gut bist, kriegst du am Ende eins!“
Sie suchte weiter und zog schließlich Time After Time von Cyndi Lauper aus ihren Unterlagen hervor.
„Das ist gut, das machen wir heute mal!“
Das machten wir dann auch, und wie. Ich stand da und sang eine große Sekunde statt einer großen Terz, war über die Abfolge verwirrt, da mir die Vorfahrtsregelung zwischen der Dal–segno–Anweisung und dem Wiederholungszeichen nicht geläufig war und lief blau an bei dem Versuch, mit dem Atmen bis zur nächsten Pause zu warten.
Caught up in circles
Confusion is nothing new
Das reichte ihr anscheinend noch nicht. Nach dem zweiten Durchlauf sah sie mich weich an und fragte:
„Kannst du das Ende flüstern, wie Cyndi?“
Jetzt auch noch emotionale Regungen von mir zu verlangen, das war schon unverschämt. Ich sah sie entrüstet an und sagte ihr, dass sie es mir ja mal vorflüstern könne, wenn sie soviel Wert darauf lege. Sie sah einen Moment auf die Klaviatur, hob ein sanftes Ritardando an und hauchte mir ein Time after time hin, dass mir der Atem stockte. In ihrer Ausführung paarte sich professionelle Technik mit einem kalkulierten Pathos. Das war ohne Zweifel hohe Kunstfertigkeit. Ich fragte mich, wie es sich anfühlte, Musik an sich so essentiell erfassen zu können und ob da noch Platz war, ob da noch Lust war, sie nur naiv als Eingang zum Kaninchenbau wahrzunehmen, zum Beispiel um die dahinter liegende Ewigkeit des Time after time zu fühlen. Jedenfalls war ich baff und meinte, ich müsse jetzt aber schleunigst los, ein wichtiger Termin, da dürfe ich mich auf keinen Fall verspäten. Wir beide klaubten daraufhin unsere Sachen zusammen. Ich war bereits an der Tür, als ihr die Schoko–Bons in die Hand fielen.
„Hey!“ rief sie mir zu. „Meinst du, du hast dir deine Belohnung verdient?“
„Auf jeden Fall könnte ich jetzt eine gebrauchen.“
Sie lachte, warf mir eines der rotweiß verpackten Leckerli zu und ich fing es sogar. Na wenigstens etwas.
Tief unten liegt das weiße Rauschen. Das Auge fasst keinen Punkt in dem blinden Meer. Nur wenn sich eine Welle bricht, lässt sich die Bewegung erkennen.
Der Gang, den wir oft zusammen zum Gesangsraum entlang liefen, war eigentlich breit genug, um nebeneinander zu gehen, aber manchmal war es doch aus irgendwelchen Gründen angebrachter, leicht nacheinander versetzt zu gehen, zum Beispiel, weil da Leute herumstanden, der Türrahmen am Gangeingang definitiv zu schmal war, um ihn zugleich zu passieren oder aber im Augenblick nicht die Energie da war, um sich zu unterhalten. (Bekanntlich erfordert im Stadium des Interessiertseins selbst das Reden über Belanglosigkeiten ein beträchtliches Maß an Energie.) Die auf dem Gang herumlungernden Gitarren–, Klavier–, Triangelschüler kamen mir wie Hofschranzen vor, die – mit Sicherheit staunend und tuschelnd – beobachteten, wie ICH mit DIESER Frau in dem königlichen Gemach der Schule, dem Gesangsraum verschwand. Dass es dort dann hochpeinlich für mich wurde, brauchten sie ja nicht zu wissen.
Mit ihr diesen Gang entlang zu laufen war die einzige Gelegenheit, sie gehen zu sehen. Ihr Gang war einfach komisch. In der ersten Zeit begeisterter Verblendung sah ich ihn als einen charmanten Fehler in einem nahezu perfekten System an. Sie sackte bei jedem Schritt leicht mit der Hüfte ein, was so aussah, als hätte sie das Gehen auf einem anderen Planeten gelernt.
Zweimal bot sich mir sogar das Schauspiel, sie LAUFEN zu sehen. Das wiederum fand ich toll, was bei Frauen nicht selbstverständlich ist. Man könnte Bücher über Frauenlaufstile schreiben, die letztlich zu dem Ergebnis kämen, dass ihre Körper ästhetisch gesehen doch eher zum GEHEN als zum Laufen geschaffen sind. Das können sie prinzipiell ziemlich gut. Bei Männern wiederum hapert es gerade da, deshalb fahren sie so gerne Auto. Und bauen Auffahrunfälle, wenn eine Frau vorbeigeht. Es gibt natürlich Ausnahmen, insbesondere unter denjenigen Frauen, die Laufen, Rennen zu ihrem Beruf gemacht haben: Die Geschmeidigkeit mit der Florence Griffith–Joyner ihren anabolen Astralkörper in korrigierten 10,54 Sek. über 100 südkoreanische Meter beförderte, war schon eine Augenweide. Nicht zu toppen ist aber – take my virginity – Merlene Ottey, der höchstprozentige Rum, den Jamaika zu bieten hat. Bereits als Kind drückte ich mir die Nase an der Mattscheibe platt, wenn sie gazellenartig über den Tartan rauschte und grundsätzlich Zweite oder Dritte wurde. Schließlich stellte ich fest, dass ihre ausgesprochen ansprechende Erscheinung gegen die Gehässigkeiten des Alterns immun war. Das machte mich ganz nervös, und als sie sich für ein unbedeutendes Meeting in Karlsruhe meldete, beschloss ich, ihr leibhaftig meine Reverenz zu erweisen. Dann aber geriet sie in Dopingverdacht und wurde für das Rennen nicht zugelassen. Der DLV weiß eben nicht, worauf es wirklich ankommt.
Als ich sie das erste Mal laufen sah, wollte sie nachschauen, ob ein anderer Gesangsraum verfügbar war. „Wenn einer rennt, geht es schneller, als wenn zwei gehen“, sagte sie, und ab ging die Post. Der Raum schwang in der Energie nach, die sie freigesetzt hatte. Das war sehr erfrischend.
Ein paar Wochen später rannte sie zum Papierkorb. Wir wollten ein italienisches Trecento–Madrigal aus dem 14. Jahrhundert zweistimmig singen und dabei störte natürlich ihr Kaugummi. Also hüpfte sie um das Klavier herum und wetzte zu der anderen Seite des Raumes, wo besagter Papierkorb stand. Dort stoppte sie abrupt, ging in einen leichten Ausfallschritt hinunter und platzierte den Gummi mit einem gezielten Wurf ins Abfallbehältnis. Das war schon beinahe ein musikalischer Prozess: Schneller Rennrhythmus, Break, kurzes Crescendo und Pling! Es schrie nach einer Vertonung. Das eigentliche Spektakel war aber der Moment des Hineinwerfens. Ihr Körper nahm beim Heruntergehen eine ganzheitliche Spannung an und sprang in die ästhetische Schablone der absoluten Grazilität. Auch dieser Moment hängt in meiner Galerie der eingenagelten Bilder von ihr.
Tief unten liegt das weiße Rauschen. Ein enormer Schlag reißt die hohle Ruhe auseinander. Grelles Licht blitzt auf, es schmilzt die zerfetzten Schwaden und beginnt sofort zu schwinden, langsam aber stetig, bis es als Dämmern verharrt. Aus dem Halbdunkel hebt sich ein schwebender Klang. Die Wellen des dumpfen Zwielichts lassen ihn schwingen. Seine Spannung hält den Raum in ihrem Griff.
Ich führte die Gesangslinie am Taktende in den Off–Beat.
„Yeah, good! Mach noch mal!“
Sie begann mit der Begleitung, war aber nicht mehr bei ihrem Klavier. Ihr Oberkörper war nach vorne gebeugt, der Kopf schob sich mir entgegen. Sie starrte mich mit weiten Augen an. Ihr Körper verriet, dass sie mich aufsaugte. Der Raum war zur Bühne geworden.
Das war grandios. Ich sah die Scheinwerfer anspringen. Ihr E–Piano wurde zum Steinway–Flügel und ich stand davor, in einem Dunhill–Anzug, und sang. Meine Stimme füllte den gesamten Saal, zog alle Aufmerksamkeit auf sich, sie war der Mittelpunkt das Raumes, der nichts neben sich duldete und alles verschlang. Ich führte die Melodie mit magischer Gebärde und schlug den Raum in meinen Bann, alles hielt den Atem an, um mir zu lauschen. Meine sanfte Pose umgarnte ihren Blick, becircte sie, ein leichter Schwung mit der Hand, ein zartes Mienenspiel und sie schmolz dahin. Alles klar. Jetzt hätte man nur noch singen können müssen.
Das war eben das Problem: Woche für Woche machte ich mich zum Affen, indem ich ihr als blutiger Anfänger auf ihrem absoluten Spezialgebiet gegenübertrat. Da kann man einfach nur verlieren, auch Erfolge erscheinen so ja immer nur relativ.
Als Mensch im vollen Umfange wahrgenommen zu werden ist in einem solchen Verhältnis schwierig, da kann Jürgen Fliege über die Relevanz des Charakters predigen, wie er will, Kompetenzhierarchien funktionieren einfach anders, Schluss, Ende. So ging das nicht weiter. Ich musste hier dringend mal an Identität gewinnen, aber das war eben schwer in dieser Konstellation. Hm. Was konnte man denn da bloß machen?
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